Pharmakologische endokrine Funktionstests

Durch Gabe bestimmter Pharmaka kann die Reaktivität und Feedbacksensitivität von Hormonachsen überprüft werden.(1)

Die nachfolgende Darstellung basiert auf vornehmlich auf Kudielka-Wüst, Wüst, Bertram(2) sowie den Angaben verschiedener Labore.

1. Tests bei AD(H)S und/oder Depression

Die hier zusammengestellten Test könnten zur Diagnostik von AD(H)S-Subtypen und zur Ermittlung geeigneter Behandlungsmethoden geeignet sein. In der Praxis erfolgt bislang keine Nutzung dieser Tests in Bezug auf AD(H)S.

Da nicht nur bei Depression und AD(H)S, sondern auch bei anderen psychischen Störungen die HPA-Achse hyperaktiviert oder hypoaktiviert ist, sind die genannten Tests nur begrenzt dazu nutzbar, um festzustellen, welche psychische Störung vorliegt. Innerhalb einer festgestellten psychischen Störung sind sie jedoch sehr hilfreich zur Abgrenzung von anderen Störungsbildern und zur Findung einer geeigneten Medikation.

1.1. Dexamethasontest

  • Messung Cortisolspiegel (ggf. auch ACTH) 8 bis 9 Uhr oder 15 bis 16 Uhr zur Bestimmung des basalen Werts
  • Gabe: Dexamethason 23 Uhr abends
  • Wirkung: selektiv auf Glucocorticoidrezeptoren
    Dieser fahren (anders als Mineralocorticoidrezeptoren) die HPA-Achse herunter
    Dexamethason überwindet Bluthirnschranke kaum; daher kaum Wirkung auf Hypothalamus, starke Wirkung auf Hypophyse
  • Messung Cortisolspiegel zur selben Tageszeit (8 bis 9 Uhr oder 15 bis 16 Uhr) am Folgetag, ggf Mitternacht nach Dexamethasongabe
  • Gesunde Reaktion:
    • Abfall von ACTH (= ACTH-Suppression)
    • Abfall von Cortisol (= Cortisol-Suppression)
    • Abfall von IL-1β (= IL-1β-Suppression)(3)
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • fehlende Cortisol-Suppression 15/16 Uhr
      • Verdacht: die durch Glucocorticoidrezeptoren vermittelte Abschaltung der HPA-Achse ist gestört
      • Verdacht: Depression, ADHS
    • erhöhter Cortisolwert um Mitternacht
      • Verdacht auf Hypercortisolismus(4)
    • keine IL-1β-Suppression
      • Verdacht auf Depression(3)(5)
  • Risiken, Nebenwirkungen
      • keine

Ablauf des DST:(6)

  • 23:00 Abends: orale Einnahme von 1 mg Dexamethason
  • 08:00, 16:00, 23:00 Folgetag: Messung des Cortisols im Blutplasma
  • Aufgrund der gestörten negativen Rückkopplung der HPA-Achse bzw. der Desensitivierung der Glucocorticoidrezeptoren an der Hypophyse (hier: bei melancholischer Depression)(7) nimmt der Cortisolspiegel nach Dexamethasongabe nur ungenügend ab (Nonsuppression) und bleibt über 5 µg/dl(8)

Der reine Dexamethason-Supressions-Test (DST) ist der Vorläufer des heute vornehmlich genutzten DEX/CRH-Test. Der DST kann ebenfalls einen Hypercortisolismus der HPA-Achse feststellen.(9). Der DST erwies sich als zu wenig sensitiv und zu wenig spezifisch für eine Diagnistik der Depression und wurde daher vom Dexamethason/CRH-Test abgelöst.(10)

Die Wahrscheinlichkeit, einen depressiven Probanden durch eine Messung eines überhöhten Cortisolwerts auf Dexamethasongabe von > 5 µg/dl Cortisol von gesunden Kontrollprobanden zu unterscheiden, liegt zwischen 25 und 64 %.(11)(12)(13)
Bei Betroffenen mit psychotischer Depression wurden sogar 95 % Nonsupressoren festgestellt.(14) Da psychotische Depression als eine „besonders schwerer melancholische Depression“ verstanden werden kann und ebenfalls mit einer überhöhten Cortisolstressantwort korreliert, was eigentlich eine Suppression der HPA-Achse bewirken müsste, verdeutlicht dies, dass bei melancholischer / psychotischer Depression eine Downregulation oder andersweitig fehlende Reaktion der Glucocorticoidrezeptoren vorliegen dürfte.

Frauen zeigen häufiger eine positive Testantwort als Männer.(15)(16) Dies könnte die diesseitigen Auffassung stützen, dass eine erhöhten Cortisolreaktion der HPA-Achse auf akute Stressoren eine internalisierende Stressphänotypik abbildet, da Frauen häufiger eine internalisierende Stressantwort haben als Männer.
Die Feststellung, dass bei Männern nach Genesung eine Normalisierung der HPA-Achse eintreten soll, bei Frauen jedoch nicht,(17) spricht indes dafür, das die Zusammenhänge komplexer sind.

Dass Stimulantien wie Koffein oder Nikotin die ACTH- und Cortisol-Werte tendenziell erhöhen(18)(16) (vor allem, wenn sie nicht als Medikament sondern, wie Nikotin im Tabak, als Rauschmittel benutzt werden) ist aus der Sicht von AD(H)S, das vornehmlich mit Stimulanzien behandelt wird, ebenfalls nicht überraschend.

Dass nicht bei allen depressiven Patienten erhöhte bzw. nicht-verringerte ACTH- und Cortisolwerte zu finden sind(19)(16)(20) wird von der Depressionsmedizin begründet mit

  • der Anzahl der depressiven Episoden (je weniger Episoden, desto weniger Erhöhung)
  • dem Schweregrad der Depression
  • der Stärke der vegetativen Symptome.(21)

Schwerer könnte jedoch die Tatsache wiegen, dass bei einer atypischen Depression sowie bei bipolarer Depression (bipolarer Störung) eine Hypoaktivität der HPA-Achse vorliegt.

1.2. CRH-Test

  • Gabe: CRH
    • humanes CRH (D)
    • ovines CRH (USA, in D verboten): längere Wirksamkeit
  • Wirkung: Aktivierung der Hypophyse
  • Messung: ACTH und Cortisol nach 15, 30, 60, 90 Minuten
  • Testgüte
    • ACTH-Reaktion auf CRH-Test schwankt sehr, schlechte Re-Test-Reliabilität. Ergebnisse unbefriedigend.
    • Cortisol-Reaktion auf CRH-Test stabil, r = .63
  • Gesunde Reaktion:
    • ACTH-Anstieg auf das 2-fache des Ausgangswerts und höher nach 15 min
    • Cortisolanstieg auf das 1,5-fache des Ausgangswerts und höher nach 30 min
  • Nicht gesunde Reaktion:(22)
    • hohe basale ACTH-Werte, kein ACTH-Anstieg
      • Schlussfolgerung:
        • Verdacht auf ACTH-Produktion ausserhalb der Hypophyse (Tumor)
    • basale ACTH-Werte null, kein ACTH-Anstieg, kein Cortisolanstieg
      • Schlussfolgerung:
        • Verdacht auf Adrenales Cushing-Syndrom
    • niedrige basale ACTH-Werte, kein ACTH-Anstieg, kein Cortisolanstieg
      • Schlussfolgerung:
        • Verdacht auf hypophysäre (sekundäre) Nebennierenrinden-Insuffizienz
        • CRH-Rezeptoren könnten downreguliert sein(10)
        • Störung der ACTH-Produktion der Hypophyse
    • niedrige basale ACTH-Werte, verzögerter und/oder verlängerter ACTH-Anstieg
      • Schlussfolgerung:
        • Verdacht auf hypothalamische (tertiäre) Nebennierenrinden-Insuffizienz
        • CRH-Rezeptoren könnten downreguliert sein
        • Störung der ACTH-Produktion der Hypophyse
    • ACTH-Anstieg abgeschwächt, Cortisolanstieg normal
      • Verdacht auf Depression
  • Risiken und Nebenwirkungen
    • Kältegefühl
    • Engegefühl
    • Tachykardie
    • Kurzatmigkeit
    • metallische Geschmacksempfindungen
    • Atem- und Pulsfrequenzanstieg
    • leichter Blutdruckabfall

1.3. CRH-/Vasopressin-Test

  • Gabe: CRH in Kombination mit Vasopression
  • Zweck: Überprüfung unklarer Ergebnisse des CRH-Tests durch Optimierung der ACTH-und Cortisol-Produktion(22)
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg von ACTH
    • Anstieg von Cortisol
  • Nebenwirkungen:
    • Wärmegefühl
    • Engegefühl
    • Tachykardie
    • Kurzatmigkeit
    • metallische Geschmackssensationen
    • kurzfristiges Kältegefühl
    • Anstieg von Atem- und Pulsfrequenz
    • leichter Blutdruckabfall

1.4. Dexamethason-/CRH-Test

Der DEX/CRH-Test stellt eine Kombination des CRH-Tests und des einfachen DST dar.(23)(24) Er hat den reinen Dexamethasontest (DST) abgelöst und dient zur Vorhersage von Theapieerfolgen, zur Erkennung von rückfallgefährdeten remittierten Depressionspatienten und von noch nicht erkrankten, erkrankungsgefährdeten Familienangehörigen.(10)

  • Gabe: 1. Stufe: Dexamethason 23 Uhr Abends, 2. Stufe: CRH nach Cortisolmessung um 15 bis 16 Uhr
  • Wirkung: siehe Dexamethasontest
  • 1. Stufe: Messung: Cortisol um 15:00 bis 16:00 am Folgetag
  • Gesunde Reaktion:
    • Abnahme des Cortisolblutspiegels auf unter 5 µg/dl
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • Cortisolblutspiegels bleibt über 5 µg/dl (Nonsupression)
      • gestörte negative Rückkopplung der HPA-Achse
      • Verdacht auf melancholische (internalisierender) Depression(8)
      • Desensitivierung der Glucocorticoidrezeptoren an der Hypophyse (hier: bei melancholischer Depression)(7)
      • Achtung: anders bei ADS (reine Unaufmerksamkeit) trotz wie bei melancholischer Depression erhöhter Cortisolstressantwort; bei ADS normale Supression;(25) Daher vermutlich keine Desensitivierung der GR an der Hypophyse bei ADS
  • 2. Stufe: Injektion 100 µg humanes CRH
  • 2. Stufe: Messung CRH und ACTH im Blutplasma alle 15 Minuten
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • deutlich erhöhte ACTH-Antwort auf CRH-Gabe gegenüber gesunden Probanden und hoher Cortisolblutwert(26).
      Eine mögliche Erklärung erläutert Sarubin(27):
    • GR haben eine sehr hohe Bindungsaffinität für künstliche Glucocorticoide wie Dexamethason und bewirken das negative Feedback an der Hypophyse bei gesunden Probanden. Die zitierte Studie bezieht sich allerdings auf den Hippocampus.(28)
    • Dexamethason führt bei depressiven Patienten nur kurzfristig zu einer verringerten ACTH-Ausschüttung, da das Gehirn dies durch vermehrte Ausschüttung von CRH-synergistischen Hormonen wie Vasopressin(29)(30) zu kompensieren versucht.
    • Die CRH-Injektion führt zu einem Zusammenwirken von erhöhter Vasopressin-Konzentration mit dem injizierten CRH. Dies hebt die teilweise vorhandene ACTH-Suppression an der Hypophyse nicht nur auf, sondern führt im Gegenteil zu einer erhöhten ACTH-Ausschüttung bei depressiven Probanden.(31)(32)
    • Die durch Dexamethason verringerten Cortisol- und ACTH-Spiegel wurden in einer anderen Untersuchung weder durch nachfolgende einzelne Gabe von CRH oder Vasopressin angehoben. Erst eine nachfolgende gemeinsame Gabe von CRH und Vasopressin erhöhte die durch Dexamethason verringerten Cortisol- und ACTH-Spiegel wieder.(31)
Details zum DEX/CRH-Test

Der kombinierte DEX/CRH-Test kann mit einer Sicherheit von 80 bis 90 %(33) (melancholisch) depressive von gesunden Probanden unterscheiden(34)(35) und ist weltweit die neuroendokrinologische Standarduntersuchung bei depressiven Patienten(36)(37)

Der kombinierte DEX/CRH-Test kann jedoch nur dann diagnostisch eingesetzt werden, wenn die zu erwartende Cortisolreaktion der zu testenden Störung bekannt ist. Die Cortisolreaktionen von schwerer melancholischer (oder psychotischer) Depression einerseits und (atypischer Depression oder) bipolarer Störung andererseits unterscheiden sich im remittierten ebenso wie im nichtremittierten Zustand.(38)
Dies deckt sich mit unserer weiteren Darstellungen in diesem Beitrag, die darauf hindeuten, dass die Cortisolreaktionen von psychischen Störungen lediglich ein Abbild einer Störung der HPA-Achse sind, in ihrer Ausformung aber nicht direkt mit einer bestimmten Störung verbunden sind.

Der DEX/CRH-Test dürfte Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen Mineralocorticoidrezeptoren (MR) und Glucocorticoiden (GR) erlauben. Eine Gabe des MR-Antagonisten Spironolacton erhöht den basalen und mittleren Cortisolspiegel(39)(40)(41)(42) sowie die Cortisolantwort auf den DEX/CRH-Test(43).

Die Wirkung von MR-Antagonisten auf die HPA-Achse ist zwar klar messbar, aber klein, was darauf hindeutet, dass Mineralocortoidrezeptoren die Aktivität der HPA-Achse zwar modulieren, aber nicht regulieren.(39)

Eine hohe Cortisolantwort (Cortisol-Nonsupression) auf den DEX/CRH-Test – wie sie bei melancholischer Depression häufig und dann rund 10 mal so hoch ist wie bei Gesunden(44) – dürfte auf eine geringe Anzahl von MR im Verhältnis zu GR deuten, eine geringe Cortisolantwort (Supression) auf eine hohe Anzahl MR im Verhältnis zu GR.

1.5. ACTH(1-24)-Test

  • Gabe: ACTH(1-24) (Synacthen, ein künstliches ACTH aus 24 Aminosäuren anstelle der 35 beim natürlichen ACTH)
  • Wirkung: Stimulation der Nebennierenrinde
  • Messung: Cortisol, ggf. Aldosteron, 1 Stunde nach ACTH-Injektion (ACTH-Kurztest)
  • Gesunde Reaktion:
    • Cortisolanstieg um mehr als 15 ng/ml(45) bzw. von ≥ 180–200 μg/l (500–550 nmol/l) nach ACTH-Stimulation bzw. Verdoppelung oder mehr nach ACTH-Stimulation(46)
      • Testgüte: stabile Reliabilität (± 12%)
    • Aldosteronanstieg
    • Progesteronanstieg kleiner als 2,5 ng/ml
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • kein / geringerer Cortisolanstieg
      • Verdacht auf Nebennierenrinden-Insuffizienz (= Schwäche) (NNRI),
        • primäre NNRI, Nebenniere selbst ist in Hormonproduktion beeinträchtigt
        • sekundäre NNRI, verursacht durch Hypophyse
        • tertiäre NNRI, verursacht durch Hypothalamus
        • um herauszufinden, welches dieser Probleme besteht: ACTH-Langtests machen. Hintergrund ist, das die Nebennierenrinde nach einem langanhaltenden ACTH-Defizit nach der ersten ACTH-Gabe nicht sofort wieder Cortisol produziert, sondern die Cortisolproduktion erst langsam wieder herauffahren muss.
          • wieder eintretender Cortisolanstieg nach mehrtägiger ACTH(1-24)-Gabe (ACTH-Langtest)
            • Verdacht auf sekundäre NNRI
          • ausbleibender Cortisolanstieg nach mehrtägiger ACTH/1-24)-Gabe (ACTH-Langtest)
            • Verdacht auf primäre NNRI
    • gesteigerter Cortisolanstieg
      • Verdacht auf Depression
    • mangelnder Aldosteronanstieg
      • Verdacht auf mangelhafte Adressierung der Mineralocorticoidrezeptoren
    • Progesteron-Anstieg um mehr als 2,5 ng/ml bis max. 15 ng/m und Cortisolanstieg geringer als 15 ng/ml
      • Verdacht auf heterozygoten 21-Hydroxylase-Mangel(45)
    • 17-alpha-Hydroxyprogesteron steigt auf über 15 ng/ml bis 100ng//ml
      • Verdacht auf nicht klassischen oder late-onset AGS/21-Hydroxylase-Mangel durch CYP21A2-Gendefekt
    • weitere Messwerte indizieren seltene Defekte(45)
  • Risiken, Nebenwirkungen
    • keine

1.6. Insulintest (ITT)

  • Muss stationär durchgeführt werden
  • Testet die gesamte Stressreaktion, da Unterzucker einen starken Stressor darstellt, der die HPA-Achse aktiviert
  • Gabe: Insulin
  • Wirkung: massive Stressreaktion durch Blutzuckerabfall (Hypoglykämie)
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg von ACTH um mindestens das 1,5- bis 2,5-fache(47) ausgehend von 10 – 48 pg/ml
    • Anstieg von Cortisol um mindestens 3 µg/l(47)
      • Testgüte: stabile Reliabilität ± 10%
    • Anstieg von Prolaktin
    • Anstieg von Wachstumshormon um mindestens 3 µg/l / 20 mU/L, auf mindestens 10 ng/ml
      • Testgüte: mässige Reliabilität bei Männern (± 41%), sehr schlechte Reliabilität bei Frauen (± 104%)
    • Abfall des Blutzuckers (Hypoglykämie) um 50 % bzw. auf unter 2,2 mmol/l(47) = 40 mg/dl
    • Patient schwitzt
  • Ungesunde Reaktion
    • Wachstumshormonanstieg
      • um weniger als 3 µg/l / 20 mU/L auf weniger als 10 ng/ml
        • Verdacht auf partiellen Wachstumshormonmangel
      • auf weniger als 5 ng/ml
        • Verdacht auf starken Wachstumshormonmangel
    • Cortisolspiegel
      • erreicht nicht das 1,5 bis 2-fache des Ursprungswerts, mindestens 550 nmol/L
        • Verdacht auf Hypocortisolismus
      • erreicht zwischen 400 und 550 nmol/L
        • Leichter Hypocortisolismus; ggf könnte (nur) bei schweren Krankheiten oder Stress eine Cortisolgabe erforderlich sein
      • steigt um weniger als 170 nmol/L
        • Verdacht auf Cushingsyndrom
    • ACTH-Spiegel erreicht nicht das 1,5 bis 2-fache des Ursprungswerts
      • Verdacht auf adrenokortikotrope Insuffizienz
  • Kontraindikationen
    • Krampfanfälle
    • Epilepsie
    • Kardiovaskuläre Probleme
    • Ischämische Herzerkrankungen
    • Schwerer Panhypopituitarismus
    • Hypoadrenalismus
    • Hypothyreose
  • Risiken und Nebenwirkungen
    • hypoglykämischer Schock
    • Test wird heute daher nur noch sehr selten durchgeführt

1.7. Naloxontest

  • Gabe: Naloxon
  • Wirkungsweise: selektiver Opioid-Rezeptor-Antagonist
    z.B. Notfallmedikament bei Opioid-Überdosierung
  • Gesunde Reaktion
    • Anstieg von ACTH
    • Anstieg von Cortisol
  • Risiken und Nebenwirkungen
    • keine

1.8. Fenfluramintest

Dient zur Testung der serotoninergen Reaktion in Bezug auf die HPA-Achse.

  • Gabe: Fenfluramin
  • Gesunde Reaktion: Prolaktinausschüttung
  • Nicht gesunde Reaktion: Unterdrückte Prolaktinausschüttung
    • Verdacht auf: Depression(10)

1.9. Metyrapon-Test

  • Gabe: Metyrapon (Metopiron) nach Messung der basalen Cortisolwerte
  • Wirkung: Metyrapon hemmt die adrenale 11-beta-Hydroxylase, die für die Umwandlung von 11-Desoxycortisol (Substanz S) zu Cortisol in der Nebennierenrinde erforderlich ist und die dadurch blockiert wird.(48)
  • Gesunde Reaktion:(48)
    • Abfall von Cortisol auf 8 µg/100 ml / Null
    • Anstieg von 11-Desoxycortisol im Blut auf 5 – 15 µg/100ml
    • Anstieg von ACTH im Blut auf > 200 pg/ml
    • Anstieg von Tetrahydro-11-Desoxycortisol im Urin
    • Abfall von Aldosteron
  • Nicht gesunde Reaktion:(48)
    • Abfall von Cortisol auf maximal 60 % des Basalwertes oder höher und
      Anstieg von 11-Desoxycortisol im Blut auf 1100 – 3300 µg/100ml
      • Verdacht auf Cushingsyndrom
    • Anstieg von 11-Desoxycortisol im Blut geringer
      • Verdacht auf sekundäre oder tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienz
    • Keine Wertveränderungen
      • Verdacht auf androgenproduzierenden Tumoren der Nebenniere
    • Abfall von Cortisol auf maximal 8 µg/100 ml
      • Verdacht auf beschleunigten Metyraponabbau
  • Nebenwirkungen:(48)
    • Magen-Darm-Beschwerden
      • Erbrechen
      • Bauchschmerzen
      • Übelkeit
      • Gegenmassnahme: gleichzeitige Nahrungsaufnahme verringert Risiko für gastrointestinale Beschwerden erheblich
    • Schwindel
    • Kopfschmerzen
    • Benommenheit
    • Blutdruckabfall
    • allergische Hautreaktionen
    • Kontraindikationen:
      • bei Neugeborenen bis Kleinkindern
      • bei manifester primärer Nebennierenrinden-Insuffizienz /Risiko einer Addison-Krise)
      • Medikamente, die Enzyminduktion in der Leber bewirken, sind abzusetzen,
        z. B:
        • Phenobarbital
        • Phenytoin
        • Carbamazepin
        • Rifampicin

1.10. Vasopressin-Insulin-Test (SAIT)

Dieser dürfte aufgrund geringen Nutzens und hohen Nebenwirkungen kritisch zu betrachten sein.(49)

1.11. Dexamethason-/Vasopressin-Test

1.12. Dexamethason-/Insulin-Test

1.13. Metyrapon-/CRH-Test

2. Tests ohne Bezug zu AD(H)S

2.1. Glukosetest

  • Gesunder nüchterner Wert:
    • Plasmaglucose < 100 mg/dl (< 5,6 mmol/l)
    • bei Schwangeren < 90 mg/dl (< 5 mmol/l)
  • Nicht gesunder nüchterner Wert:
    • Plasmaglucose 100 – 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l)
      • Verdacht auf Prädiabetes (nicht bei Schwangeren)
    • Plasmaglucose ≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l)
      • Verdacht auf manifeste Diabetes (auch bei Schwangeren)
  • Gabe: Glucose
  • Gesunde Reaktion:
    • von Somatostatin (Wachstumshormon-Inhibitions-Hormon)
    • Anstieg des Blutzuckerspiegels
      • 2-h-Wert < 140 mg/dl (< 7,8 mmol/l)(nicht bei Schwangeren)(50)
    • Abfall von Wachstumshormon
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • Anstieg des Blutzuckerspiegels
    • bei Schwangeren:
      • 1-h-Wert ≥ 180 mg/dl (≥ 10,0 mmol/l) oder
      • 2-h-Wert ≥ 155 mg/dl (≥ 8,6 mmol/l)
        • verdacht auf Schwangerschaftsdiabetes(50)
    • 2-h-Wert 140–199 mg/dl (7,8–11,0 mmol/l)
      • Verdacht auf Prädiabetes mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko(50)
  • Nebenwirkungen:
    • keine

2.2. Clonidintest

  • Gabe: Clonidin
  • Wirkung: Clonidin ist ein Alpha-2-Adrenozeptor-Agonist und hemmt darüber die Katecholaminproduktion
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg von Wachtumshormon-Releasing-Hormon (GHRH)(1)
    • Anstieg von Wachstumshormon (GH)(1)
    • Abfall von Somatostatin (?)(1)
    • Abfall von Katecholaminen um 50%
      • Dopamin
      • Noradrenalin
      • Adrenalin
  • Nicht gesunde Reaktion:(51)
    • Geringerer Abfall der Katecholaminspiegel und des Metanephrinspiegels
      • Verdacht auf primäre Hypertonie
    • Unveränderte oder erhöhte Katecholaminspiegel und Metanephrinspiegel
      • Verdacht auf Phäochromozytoms = Erkrankung der chromaffinen Zellen des Nebennierenmarks (Auftreten: 1/100.000 Personen/Jahr).
      • Verdacht auf genetische Ursachen, z.B. Multiple Endokrine Neoplasie Typ 2
    • verringerter Anstieg von Wachstumshormon
      • Verdacht auf Depression(10)
      • Verdacht auf verringerte Alpha-2-Adrenozeptoren
        • dadurch verringerte inhibitorische Hemmung des Noradrenalinsystems

2.3. L-Dopa-Test

  • Gabe: L-Dopa
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg von Wachtumshormon-Releasing-Hormon (GHRH)
    • Anstieg von Wachstumshormon (GH)

2.4. GHRH-Test

  • Gabe: Wachtumshormon-Releasing-Hormon (GHRH)
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg von Wachstumshormon (GH)
  • Nebenwirkung:
    • Wärmegefühle
    • Geschmacks- und Geruchsempfindungen verändert
    • Kopfschmerzen
    • Blässe

2.5. Ghrelin-Mimetika-Test

  • Gabe: Ghrelin-Mimetika (z.B. Macimorelin)
  • Wirkung: Ghrelin-Rezeptor-Agonist
  • Gesunde Reaktion:
    • Anstieg des Wachstumshormons (Somatotropin)

2.6. Vasopressintest (Arginintest)

  • Gabe: Vasopressin
  • Wirkung: Stimulation der Wachtumshormonbildung durch
    • alpha-adrenerge Stimulation
    • serotonerge Stimulation
    • Somatostatinsuppression.
  • Testgüte
    • pathologische Ergebnisse sollten durch zweiten Test abgesichert werden(52)
  • Gesunde Reaktion
    • Wachtumshormon-Anstieg auf über 8 ng/ml binnen 30 – 60 Minuten
    • IGF-I
    • IGFBP-3
  • Nicht gesunde Reaktion:
    • Wachstumshormon-Anstieg verzögert
      • Verdacht auf Mangel von Wachstumshormon im Hypothalamus

2.7. Metoclopramidtest

  • Gabe: Metoclopramid
  • Wirkung: Metoclopramid ist ein Dopaminantagonist
  • Gesunde Reaktion:
    • Abfall von Dopamin
    • Anstieg von Prolaktin
  • Nebenwirkungen:
    • Durchfall
    • Müdigkeit
    • Benommenheit
    • extrapyramidale Störungen
    • kardiovaskuläre Störungen

2.8. TRH-Test

Dient zur Prüfung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse.
Hat in Anbetracht der modernen Blutwertmessmethoden kaum noch Bedeutung.

2.9. GnRH-Test

Dient zur Prüfung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse.

3. Diagnostische Anwendung

Bei verschiedenen Störungen werden endokrine Funktionstests als diagnostische Instrumente verwendet. Bei AD(H)S ist dies bislang leider noch nicht der Fall.

3.1. AD(H)S

Untersuchungen zur Nonsuppression der HPA-Achse bei ADHS

Eine große Studie (n = 2307) fand bei Hyperaktivität/Impulsivität (ADHS) eine verringerte Cortisolsuppression auf Dexamethason, während Unaufmerksamkeit (ADS) keine Korrelation zur Nonsuppression zeigte.(25) Dies deckt sich mit den Ergebnissen einer kleineren Studie, die eine Nonsuppression nur bei einem Teil der AD(H)S-Betroffenen fand und feststellte, dass Nonsuppression mit einem höheren Maß von Hyperaktivität korreliert.(53) Eine andere kleine Studie, bei der allerdings nur 9 AD(H)S-betroffene Kinder eingebunden waren, fand dagegen eine Suppression bei AD(H)S.(54) Eine weitere kleinere Studie fand bei 22,7 % der ADHS-Betroffenen (mit Hyperaktivität) eine Nonsuppression, was gegenüber den 5,7 % an gesunden Menschen 4-fach erhöht ist.(55)
Gegen eine generelle Nonsuppression spricht, dass bei Ratten, die als Tiermodell für ADHS (mit Hyperaktivität) dienen (Spontaneous hypertensive rat, SHR), Dexamethason eine Verringerung der ADHS-Symptome bewirkt.(56)(57) SHR haben genetisch bedingt eine überhöhte Expression der Mineralocorticoidrezeptoren (MR) und eine normale Expression der Glukocorticoidrezeptoren (GR).(58)

Dexamethason wirkt selektiv als GR-Agonist, d.h. die MR werden nicht adressiert.(59). Ob Prednison ebenfalls ein selektiver GR-Agonist ist, ist streitig. Es gibt Stimmen dafür(59) wie dagegen(60)

Im Ergebnis dürfte bei ADHS eine Nonsuppression der HPA-Achse häufiger auftreten, aber nicht immer gegeben sein.

Eine Darstellung einer möglichen Behandlung für ADHS-Betroffene, bei denen der Dexamethason-Suppressions-Test (DST) eine Suppression zeigt, bei denen also auf Dexamethason eine Verringerung des Cortisolspiegels eintritt, findet sich unter Dexamethason bei AD(H)S.

3.2. Depression

3.2.1. Melancholische / Psychotische Depression

Modifizierte Darstellung, basierend auf Kudielka-Wüst, Wüst, Bertram(2)

Ursachen:

  • überhöhte endokrine Stressreaktion HPA-Achse
  • erhöhte CRH-Freisetzung (Hypersekretion)
  • verringerte CRH-Rezeptoren im PFC
  • Abschaltung der HPA-Achse gestört

Tests:

  • ACTH-(1-24)-Test:
    • Cortisolausschüttung erhöht
  • CRH-Test
    • ACTH-Reaktion abgeflacht(10)
    • Cortisolreaktion normal
  • Metyrapon/CRH-Test:
    • Normalisierung der verminderten ACTH-Reaktion
  • DST
    • fehlende Suppression der Cortisolfreisetzung
    • DST allerdings zu unspezifisch und zu unsensibel, daher heute von Dexamethason/CRH-Test abgelöst(10)
  • DST/CRH-Test
    • Dexamethason bewirkt Cortisolsuppression
    • CRH, danach gegeben, bewirkt bei Depressiven Cortisolanstieg (unterbindet die Cortisolsuppression)(10)
  • TRH-Test:
    • uneinheitliche Befunde der PRL-Reaktion
  • Clonidin-Test:
    • verringerter Anstieg von Wachstumshormon
      • Verdacht auf Depression(10)
      • Verdacht auf verringerte Alpha-2-Adrenozeptoren
        • dadurch verringerte inhibitorische Hemmung des Noradrenalinsystems

3.3. Angststörungen

Panikstörung, Phobie, Zwangsstörung, PTBS

Modifizierte Darstellung, basierend auf Kudielka-Wüst, Wüst, Bertram(2)

Ursachen:

  • zentrale Dysregulation und Anpassung der CRH-Rezeptoren in der Hypophyse

Tests:

  • CRH-Test
    • ACTH-Reaktion abgeflacht oder überhöht
    • Cortisolausgangswerte unverändert
  • DST/CRH-Test
    • CRH bewirkt eine verringerte Cortisolsuppression
  • TRH-Test
    • normale TSH-Reaktion
  • GHRH-Test
    • unterdrückte Wachstumshormon-Reaktion
  • Clonidin-Test
    • normale Wachstumshormon-Reaktion

3.4. Schizophrenie

Darstellung basierend auf Kudielka-Wüst, Wüst, Bertram(2)

Ursachen:

  • Hypersensibilität zentraler Dopamin-Rezeptoren
  • Veränderung der HPA-Achsen-Funktion

Tests:

Uneinheitliche Befunde aufgrund heterogenem Störungsbild

  • ITT-Test
    • unauffällige und normale basale ACTH- und Cortisolreaktionen
  • CRH-Test
    • unauffällige und normale basale ACTH- und Cortisolreaktionen
  • DST
    • häufig Cortisolsuppression
  • DST/CRH-Test
    • CRH unterbindet Cortisolsuppression
  • TRH-Test
    • TSH-Reaktion normal oder unterdrückt
    • PRL-Reaktion normal
  • GHRH-Test
    • normale Wachstumshormon-Reaktionen

3.5. Essstörungen

Bulimie, Anorexia

Ursachen:

  • basaler Hypercortisolismus durch gestörte Abschaltung der HPA-Achse

Tests:

  • CRH-Test
    • unterdrückte ACTH-Reaktion
    • normale Cortisolreaktion
  • Naloxon-Test
    • verminderte Hormonreaktion
  • DST
    • ausgeprägte Nonsuppression der Cortisolfreisetzung
  • TRH-Test
    • normgerechter TSH-Anstieg
  • GnRH-Test
    • reduzierte Gonadotropin-Reaktion

Zuletzt aktualisiert am 21.09.2019 um 07:47 Uhr


1.)
Ehlert: Das endokrine System, in: Ehlert, von Känel (2011): Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie, Seiten 4-36 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4)
4.)
10.)
Heim, Miller: Depression, in: Ehlert, von Känel (2011): Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie, Seiten 365-382 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9)
22.)
45.)
Biosientia: ACTH-Test - (Position im Text: 1, 2, 3)
47.)
Labor Oderland: Insulintest - (Position im Text: 1, 2, 3)
48.)
Bioscientia: Metopiron-Test - (Position im Text: 1, 2, 3, 4)
52.)
Bioscientia: Arginin-Test - (Position im Text: 1)
59.)