Nimmt die Häufigkeit von AD(H)S zu ?

Bei der Frage, ob AD(H)S zunimmt, muss unterschieden werden zwischen der Häufigkeit von AD(H)S als Störung und der Häufigkeit der Diagnose von AD(H)S. Eine Störung kann auch existieren, wenn sie nicht (oder zu wenig) diagnostiziert wird, eine Diagnose kann auch diagnostizieren, was nicht existiert.

Die Diagnosehäufigkeit von AD(H)S (und der Verbrauch von Methylphenidat („Ritalin“)) hat in den letzen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Diese Zunahme ist indes keine Besonderheit von AD(H)S. Vielmehr hat die Aufmerksamkeit und Akzeptanz von psychischen Störungen insgesamt zugenommen, was sich in einer ganz allgemein erhöhten Medikamentierung in Bezug auf psychische Störungen niederschlägt. Die Häufigkeit der Verschreibung von Stimulantien wächst sogar deutlich geringer als die Häufigkeit der Verschreibung von Antidepressiva, Antipsychotika oder Angstmedikamenten.(1)

1. AD(H)S ist bekannter geworden, nicht häufiger

Die Störung AD(H)S gibt es schon sehr lange – wahrscheinlich gab es sie schon immer. Mehr hierzu unter Historische Beschreibungen von AD(H)S im Beitrag AD(H)S – verschiedene Erklärungsmodelle früher und heute im Kapitel Entstehung.
In den 70er Jahren war diese Störung indes wenig bekannt. Was nicht bekannt ist, kann nicht diagnostiziert werden.
Dass AD(H)S auch Erwachsene betrifft ist erst seit dem Jahrtausendwechsel deutlich geworden.

Durch die steigende Bekanntheit und die intensive Erforschung wurde das Wissen um und über AD(H)S immer verbreiteter. Die Erfahrung, dass Betroffene durch geeignete Medikamente und Therapien ein sehr viel besseres Leben erhalten können, hat sich verbreitet.

2. AD(H)S gibt es nicht häufiger, AD(H)S wird nur besser erkannt

Mit wachsendem Wissen um AD(H)S, das anfangs nur in extremen Fällen erkannt wurde, wurden immer weitere Störungsauswirkungen verstanden. Dieses gewachsene Wissen spiegelt sich in den Änderungen der statistischen Erfassungskataloge DSM und ICD wieder.

Zu glauben, dass durch eine Änderung der Kriterien der statistischen Manuals eine Krankheit oder Störung zunimmt, ist jedoch irreal. Ob in einem Glas Erdbeermarmelade ist, entscheidet sich nicht anhand des Aufklebers. Selbst die Entscheidung, auch Mischungen aus 90%-Erdbeer- und 10%-Himbeermarmelade als Erdbeermarmelade zu bezeichnen, ändert allenfalls die Wahrnehmung von außen, nicht aber den Inhalt. Das Leiden Betroffener ändert sich durch die neue Bezeichnung nicht. Behandlungen, die keine Verbesserung der Lebensumstände der jeweils Betroffenen bewirken, disqualifizieren sich von selbst, unabhängig davon, welcher Aufkleber verwendet wurde.

Die Diagnose AD(H)S wird auch zukünftig noch erheblich häufiger werden, weil es etliche Erscheinungsformen von AD(H)S gibt, die noch nicht im Bewusstsein der Ärzte, Therapeuten, Lehrer, Eltern und Betroffenen angekommen sind.

Es ist kein Geheimnis, dass der Subtyp ADS (ohne Hyperaktivität) aufgrund seiner internalisierten Symptomausprägung seltener diagnostiziert wird. Zum einen haben Eltern bei Kindern mit ADS weniger Leidensdruck, einen extrem störenden Familienzustand zu beseitigen, als bei Kindern mit ADHS. Zum anderen sind viele Ärzte und leider auch AD(H)S-Spezialisten noch erschreckend schlecht über die spezifische Symptomatik des ADS-Subtyps informiert. Die Quote der falsch-negativen Diagnosen ist hoch.

Bis vor einigen Jahren war nahezu unbekannt, dass auch Erwachsene AD(H)S haben können.
Selbst heute noch ist vielen Ärzten nicht bekannt, dass sich die Symptome von AD(H)S verändern, wenn Betroffene älter werden. Die Kriterien des Statistikmanuals DSM IV zu AD(H)S bezogen sich ausschließlich auf Kinder, wie der an der Erstellung dieser Kriterien beteiligte AD(H)S-Spezialist Russel Barkley bestätigt. Barkley selbst hat Diagnosekriterien für Erwachsene entwickelt, die die Symptomatik bei Erwachsenen deutlich besser abbilden.

2.1. Die Diagnosetechniken für AD(H)S werden besser

Während lange nur mit der Erfahrung des Arztes, dann mit Fragebögen und schließlich immerhin mit Tests diagnostiziert wurde, stehen neue, objektivere Diagnosemethoden vor der Tür.

Die Diagnose mittels evozierter Potenziale, die bei standardisiertes Computertestaufgaben gemessen, mit statistischen mathematischen Mitteln aufbereitet und mit QEEG-Datenbanken abgeglichen werden, hat bereits heute eine Genauigkeit von 89 % erreicht (was der Diagnosegenauigkeit von geschulten Diagnostikern und klinischen AD(H)S-Experten entspricht). Genaueres hierzu unter ADHS-Diagnose und unter Neurofeedback. Da die Diagnosegenauigkeit der QEEG-Datenbanken mit der Menge der diagnostizierten Betroffenen weiter wächst, ist zu hoffen, dass sich hier in den kommenden Jahren ein objektives Diagnoseinstrument entwickelt.

Ein objektives Diagnoseinstrument würde den Verdacht einer Einflussnahme Dritter („die Pharmaindustrie“) entkräften. Damit werden etliche Eltern mit betroffenen Kindern, die bisher derartige Vorbehalte pflegen, sich dem Gedanken AD(H)S öffnen.

2.2. Die Behandlungsmöglichkeiten für AD(H)S werden besser

Wachsende Erfolge in der Behandlung von AD(H)S (bessere Medikamente, wachsendes Wissen zur Dosierung, Therapieinstrumente) machen es sinnvoller, die Störung als solche zu diagnostizieren.

3. Wachsender Medienkonsum AD(H)S sichtbarer, verursacht AD(H)S aber nicht

Um Missverständnisse zu vermeiden:
Wachsender Medienkonsum verursacht kein AD(H)S.

Wachsender Medienkonsum bewirkt allerdings, dass der zu weit offene Reizfilter einer bereits bestehenden AD(H)S (noch schneller) überlastet wird und der Betroffene dadurch in Stress gerät.

Im Einzelnen:

ADHS/ADS beinhaltet einen zu weit offenen Reizfilter.
Die Betroffenen können überflüssige Reize schlecht aussortieren, weshalb ihr Gehirn leichter überlastet wird.

In den letzten 100 Jahren hat sich die Menge der Reize, die ein Mensch täglich aufnimmt, vervielfacht.

Während man vor 100 Jahren noch die meisten Wege zu Fuß zurücklegte, beschleunigte die Motorisierung den Verkehr (und damit das Lebenstempo). Was danach kam:

  • 1895: erste Kinovorführungen
  • 1900: Kinos in Schaubuden
  • 1920er Jahre: Kinopaläste entstehen in vielen Städten
  • 1930er Jahre: Radio
  • 1940er Jahre: Langspielplatte und Single
  • 1950er Jahre: Fernsehen
  • 1960er Jahre: Stereoschallplatte, 2 Fernsehprogramme in D, Farbfernsehen, Tonbandgerät
  • 1970er Jahre: Fernsehen als Massenkonsumgut, erste Videospiele (Pong)
  • 1980er: Musikabspielgeräte (Cassettenrecorder, Walkman, CD-Spieler), Homecomputer, Mikrowelle, Gameboy, Tageslichtprojektoren, Kopierer, Teletext, Privatfernsehen (1984), MTV (1981 in USA, 1987 in D)
  • 1990er: Bezahlfernsehen (Premiere), eMail, Internet (Modem/ISDN), digitale Anrufbeantworter, Faxgeräte, Mobiltelefone (GSM-Standard), SMS, Farbkopierer
  • 1996: 5,5 Mio Mobilfunkanschlüsse in D, 0,1 Milliarden SMS in D (1,25 SMS/Bürger/Jahr; 18 SMS/Handyvertrag/Jahr)
  • 2000: Breitband-Internet, MP3 Player, Handys für jeden, hunderte TV-Kanäle, Beamer, DVD, Digitalkameras, Videospiele, GPS und Navigationsgeräte; 48 Mio Mobilfunkanschlüsse in D, 10 Milliarden SMS in D (125 SMS/Bürger/Jahr; 208 SMS/Handyvertrag/Jahr)
  • 2007: Mobiles Internet, Smartphones.
  • 2010: Tablets, LTE, 3-D-Fernsehen, E-Bikes, 108 Milliarden Mobilfunkanschlüsse in D (40 Milliarden SMS in D, (500 SMS/Bürger/Jahr; 370 SMS/Handyvertrag/Jahr)
  • 2012: 60 Milliarden SMS in D (danach Rückgang zu Gunsten Mails u.a.) (750 SMS/Bürger/Jahr)
  • 2016 waren es nur noch 12,7 Milliarden SMS – was jedoch nur am Ersatz durch Internetnachrichten (Whatsapp etc.) gelegen haben dürfte.

Diese Entwicklung lässt sich nicht umkehren.

Insgesamt hat sich der Medienkonsum zwischen 1970 und 2014 in etwa verdreifacht.
Selbst der an sich erstaunlich anpassungsfähige homo sapiens ist bei diesem Tempo zuweilen überfordert.

AD(H)S ist temporär zu beheben, wenn Betroffene in einer sehr reizarmen Umgebung leben. Die Symptome kehren indes sofort und unverändert stark wieder, wenn sie in eine normale Umgebung zurückkehren.
Alle AD(H)Sler auf einsame Berghütten zu verfrachten ist sicherlich keine praktikable Lösung. Ebenso wenig macht es Sinn, Kinder von Medien fernzuhalten oder ihnen „nur“ den Medienkonsum zu gestatten, wie er in der Elterngeneration üblich war: Dies würde zwar den momentanen Stress reduzieren, jedoch zugleich die Anpassungsleistung des Gehirns unterbinden, die erforderlich ist, um das Kind auf die Medienintensität vorzubereiten, die es in seinem Leben zu erwarten hat. Der in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsende Medienkonsum würde derart „künstlich“ reizarm aufgewachsene Betroffene noch weiter überfordern. Zudem träte eine Ausgrenzung durch mangelnde Medienkompetenz hinzu, die ebenfalls massiven Stress verursachen würde – dann das nicht dazu gehören ist der stärkste Stressor, den es überhaupt gibt.

Zuletzt aktualisiert am 25.10.2019 um 01:47 Uhr


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