Neurophysiologische Korrelate von Aggression bei AD(H)S

Es ist zwischen heisser (impulsiver) und kalter (überlegter) Aggression zu unterscheiden.

Aggression wird im Gehirn durch ein System zusammenarbeitender Gehirnregionen gesteuert.

Die bestimmenden Neurotransmitter sind Testosteron, Cortisol und Serotonin. Ein hoher Testosteronwert bei einem zugleich niedrigen Cortisolwert fördert Aggression. Ein niedriger Serotoninwert fördert Impulsivität, die ebenfalls Aggression fördert. Auch ein niedriger Dopaminpegel fördert Aggression, wobei zu hinterfragen ist, in welchen Gehirnregionen ein verringerter Dopaminspiegel dies veranlasst, da der Dopaminspiegel nicht im gesamten Gehirn gleich ist.

1. Die 2 Arten von Aggressionen

Bei Aggressionen sind zwei Arten zu unterscheiden:

1.1. Heisse (reaktive) Aggression

  • Verteidigungsreaktion bei Angriff auf sich oder anderes Mitglied der Gruppe
  • reaktive, impulsive affektgesteuerte Aggression(1)
  • Anzeichen von Wut, aktiviert Sympathikus
  • involvierte Gehirnregion: Dorsaler Teil des zentralen Höhlengraus (periaquäduktales Grau)
  • verringerter Serotoninspiegel(2)
  • überhöhte Reaktivität der Amygdala(3)

1.2. Kalte (proaktive) Aggression

  • Reaktion auf Angriffe anderer Art
  • auch zielgerichtete, proaktive oder instrumentale Aggression genannt(1)
  • Beuteverhalten
  • Keine Ärger/Wutanzeichen, effiziente Attacke, keine sympathische Aktivierung
  • Involvierte Gehirnregion: Ventraler Teil des zentralen Höhlengraus
  • ist mit verringerter Emotionalität (callous unemotional Traits, verringerte Empathie) assoziiert(3)
  • kein verringerter Serotoninspiegel(2)
  • verringerte Reaktivität der Amygdala(3)

Aggression ist grundsätzlich von Dominanzverhalten abzugrenzen.

Aggression bei AD(H)S ist ganz typischerweise heisse Aggression. Aggression korreliert mit dem ADHS- und Mischtyp, weniger mit dem ADS-Subtyp.
Kalte Aggression ist kein typisches AD(H)S-Symptom.

Dass Aggression und Impulsivität unterschiedliche Konstrukte sind zeigt sich auch an Mäusen mit einem Adgrl3-Gendefekt, die eine erhöhte Impulsivität und eine verringerte Aggressivität zeigen.(4)

2. Gehirnsystem der Aggression

Aggression wird im Gehirn massgeblich durch ein Zusammenspiel mehrerer Gehirnregionen reguliert:(5)

  • Hypothalamus
  • Amygdala
  • orbitofrontaler Cortex (Teil des PFC)
  • zentrales Höhlengrau (periaquäduktales Grau, PAG)

Beide Arten von Aggression werden durch unterschiedliche Stimulation des periaquäduktalen Grau (zentralen Höhlengrau) im Mittelhirn aktiviert. Die Ansteuerung erfolgt durch Hypothalamus und Amygdala, während die Kontrolle durch den präfrontalen Cortex erfolgt.(6)

Androgenrezeptoren, die die androgenen Steroidhormone Testosteron und Dihydrotestosteron binden, sind häufig anzutreffen in(7)

  • Amygdala
  • Hippocampus
  • cerebraler Kortex

Testosteron (insbesondere in Verbindung mit niedrigen Cortisolspiegeln) erhöht die Reaktionen im Aggressionssystem des Gehirns (insbesondere in der Amygdala) auf gezeigte wütende Gesichter.(8)(9) Die Amygdalareaktivität kann durch den Speicheltestosteronwert und einen bestimmte Adrenorezeptor-Gen-Polymorhismus vorhergesagt werden.(10)

Eine hohe Cortisolreaktion dagegen dämpft die Amygdala, da Cortisol als hemmendes Hormon nicht nur die HPA-Achse bremst, an deren Ende Cortisol ausgeschüttet wird, sondern hemmt auch die HPG-Achse, an deren Ende Testosteron ausgeschüttet wird. Ein akuter hoher exogener Cortisolpegel ist damit im Ergebnis aggressions- und angstmindernd.(1)

Impulsiv-aggressiv Betroffene weisen eine verringerte Konnektivität zwischen Amygdala und PFC auf.(11)(12)

Neurofeedback könnte geeignet sein, derartige Konnektivitäten zu verbessern.

3. Aggressionshemmung durch Serotonin

Serotonin kann die Blut-Hirnschranke nicht überwinden. Die folgende Darstellung betrifft ausschließlich Serotonin im Gehirn.

Aggressionshemmung wird durch den PFC mittels Serotonin an den Serotoninrezeptoren vom Typ 5-HT1A und 5-HT1B vermittelt.
Ein hoher Serotoninspiegel im PFC bewirkt geringe Aggression. Hohe Serotoninspiegel verringern Aggression und Impulsivität.(13)(14)(15)(16)(17)
Die These von Zuckermann, wonach Impulsivität zugleich mit einem erhöhten Dopaminspiegel einhergehe, scheint sich dagegen nicht zu bestätigen. Eher scheint sich Cloningers Theorie zu bestätigen, wonach Impulsivität durch niedrige Serotonin und niedrige Dopaminspiegel gefördert wird.(18)

Ein niedriger Serotoninspiegel korreliert zugleich mit geringeren sozialen Kompetenzen.

Eine Zerstörung der Raphekerne, in denen im Gehirn das Serotonin entsteht, bewirkt eine indirekte Auslösung von Aggression über den Serotoninmangel im PFC, der nun mangels Serotonin Aggression und Impulsivität nicht mehr hemmen kann.

Die euphorisierende und halluzinogene Wirkung von Serotoninagonisten wie z.B. LSD wird durch eine Aktivierung von 5-HT2A-Rezeptoren vermittelt.(19)

Bei impulsiv-aggressiven Männern wie Frauen wurde eine verringerte Anzahl von (2A-)Serotonintransportern festgestellt.(20)(21)(22) Mehr hierzu bei Monotya et. al.(1)

4. Aggression als Folge von hohem Testosteron/Cortisol-Verhältnis

Ein hohes Verhältnis von Testosteron zu Cortisol soll die Entstehung von heisser Aggression (reaktive, impulsive, affektgesteuerte Aggression) fördern, während Serotonin zwischen heisser und kalter Aggression (kalt: zielgerichtete Aggression) moduliert.(1)(23)

Testosteron ist das Hormon der letzten Stufe der Hypothalamus-Hypophysen-Gonodal-Achse (HPG-Achse), während Cortisol das Hormon der letzten Stufe der Hypothalamus-Hypohysen-Nebenrnierenrundenachse (HPA-Achse) ist. Diese beiden Stressachsen beeinflussen sich gegenseitig, indem sie sich gegenseitig hemmen.(24)

Cortisol wirkt auf allen Stufen der HPG-Achsen hemmend auf diese. Testosteron hemmt die HPA-Achse nur auf der Stufe des Hypothalamus.(25)(26)(24)

Diese gegenseitige Wechselwirkung der HPG- und HPA-Achse schaukelt sich leicht in Richtung einer Dominanz eines der beiden Hormone auf. Eine solche Dominanz ist jedoch bei Männern wesentlich häufiger, da die Produktion von Geschlechtshormonen (wie Testosteron) nur bei Männern alleine von der HPG-Achse gesteuert wird, während sie bei Frauen etwa hälftig von der HPG-Achse und der Nebennierenrinde (HPA-Achse) produziert werden(27), so das die Intensität dieser Problematik bei Frauen erheblich geringer ist.

Ein langanhaltendes hohes-Testosteron zu niedrigem-Cortisol Verhältnis bewirkt weiter eine Expression von Genen, die soziale Aggression fördert und beeinträchtig zugleich die kortikale Kontrolle.(2)

Da bei ADHS (mit Hyperaktivität) der basale Cortisolspiegel noch mehr erniedrigt ist als bei ADS, während die Cortisolreaktion auf akuten Stress bei ADHS abgeflacht ist und bei ADS erhöht, könnte der durch einen besonderes niedrigen Cortisolspiegel erhöhte Testosteronspiegel möglicherweise eine Erklärung für eine bei ADHS-Betroffenen entstehende Sexsucht darstellen. Nach dieser Hypothese würde Sexsucht bei ADS seltener auftreten.

Ein hoher Cortisolspiegel bewirkt eine CRH-Genexpression in der Amygdala, die Angst / Angstzustände und Sozialphobie fördert.(28)(29) Hierzu passt, dass hohe Cortisolantworten mit internalisierender Stressphänotypik (z.B. ADS) und niedrige Cortisolantworten mit ADHS und externalisierender Stressphänotypik (z.B. ADHS) verbunden sind.

D-Amphetaminmedikamente wie Lisdexamphetaminmedikamente (Elvanse) erhöhen den Cortisolspiegel, nicht jedoch den Testosteronspiegel.(30)

Erhöht wurden

  • Glucocorticoide (wie durch Methylphenidat; noch stärker war die Erhöhung durch die Drogen MDMA oder LSD)
    • Cortisol
    • Cortison
    • Corticosterone
    • 11-Dehydrocorticosteron,
    • 11-Deoxycortisol
  • die Androgene
    • Dehydroepiandrosteron
    • Dehydroepiandrosteronsulfat,
    • Δ4-androstene-3,17-dione (Androstenedione)
  • Progesterone (dies nur bei Männern)

Unverändert blieben

  • Mineralocorticoide
    • Aldosteron
    • 11-Deoxycorticosteron
  • das Androgen
    • Testosteron

Eine Erhöhung des Glucokortikoid-Plasmaspiegels durch Guanfacin ist wahrscheinlich.(31) Untersuchungen über die Auswirkung von Guanfacin auf den Testosteronspiegel sind diesseits nicht bekannt.

Stimulanzien (Methylphenidat und Amphetaminmedikamente) verringern die Konzentration von Androgenen.
Es besteht eine Korrelation zwischen ADHS und dem Polymorphismus des Androgenrezeptorgens, der zu dessen höherer Expression führt.(32)

Eine Erhöhung des Testosteronspiegels lindert Depressionen. Das betrifft auch bei Patienten mit einem normalen Testosteronspiegel.(33)

5. Verhaltenskorrelationen von Aggression

Aggression korreliert mit

  • hohem Drang nach Belohnung(34)
  • geringer Empfindlichkeit gegen Bestrafung (prototypisch für Psychopathie).(34)(35)
  • novelty seeking(36)
  • Eine große Untersuchung verglich die Korrelation verschiedener Symptome mit Aggressivität(37)
    Externalisierende Symptome zeigten hier eine deutlich höhere Korrelation als internalisierende Symptome, die aber durchaus neben Aggression vorhanden sind.
    Korrelation zu Aggressivität (absteigend):
    • emotionale Reaktivität: 65 %
    • Regelbrüche: 63 %
    • soziale Probleme: 60 %
    • emotionale Labilität: 51 %
    • Hyperaktivität mit Impulsivität: 51 %
    • AD(H)S: 45 %
      Hier scheinen ADHS und ADS nicht getrennt betrachtet worden zu sein. Bei einer getrennten Betrachtung erwarten wir eine deutliche erhöhte Korrelation mit ADHS und eine deutlich verringerte Korrelation mit ADS.
    • Hyperaktivität: 43 %
    • ODD: 43 %
    • ängstlich-depressiv: 43 %
    • Zurückgezogenheit: 42 %
    • kognitive Probleme / Denkstörungen: 42 %
    • Unaufmerksamkeit 39 % bis 54 %
      Unaufmerksamkeit scheint unabhängig von externalisierenden oder internalisierenden Tendenzen zu sein. So besteht sie auch bei ADHS wie ADS gleich stark.
    • Autismusspektrumsstörung: 38 %
    • Schlafprobleme: 38 %
    • zurückgezogen-depressiv: 38 %
    • Angst: 37 %(38)
    • somatische Beschwerden: 30 %
    • körperliche Koordinationsprobleme (Grob-/Feinmotorik): 30 %
    • Depression 27,5 %
    • emotional-ängstlich: 26 %
    • peer problems (soziale Probleme in der Gruppe): 24 %
    • Sozialphobie 14 %
    • OCD / Zwang: 11 %
    • Soziale Isolation: 11 %
    • Dependenz: 4 %
    • prosoziales Verhalten: -25 % (minus = negative Korrelation)
  • Eine weitere Untersuchung bestätigte die Korrelation von Wut zu externalisierenden Problemen.(39)
  • Keine Korrelation wurde gefunden zwischen(40)
    • Aggression und Depression
      Inwieweit bei dieser Untersuchung die internalisierenden und externalisierenden Subtypen der Depression getrennt betrachtet wurden ist diesseits unbekannt.
    • Aggression und schulischer Leistung.
  • Suizidalizät ist stärker mit heisser (reaktive) Aggression verbunden als mit kalter (proaktiver) Aggression. Die Verbindung zwischen heisser Aggression und Suizidalität setzte eine hohe Hyperaktivität/Impulsivität voraus.(41)

6. Weitere Korrelationen

Niedrige Cortisolspiegel und niedrige Angst korrelieren mit

  • hoher Risikobereitschaft / riskanten Entscheidungen(35),
  • während eine Gabe von Cortisol die Risikobereitschaft erhöht.(42)

Hoher Testosteronspiegel korreliert mit

  • hohem Drang nach Belohnungen(43)
  • niedriger Empfindlichkeit gegen Strafen(43)
  • höherer Zurückweisung von Angeboten beim Ultimatum Game (Erläuterung siehe unten) durch Männer(44) wie durch Frauen(45).

Ein niedriger Testosteronspiegel korreliert mit

  • niedrigem Drang nach Belohnungen(43)
  • hoher Empfindlichkeit gegen Strafen(43)

Die Wirkung des Testosteronspiegels scheint indes geschlechtsabhängig zu sein.
Beim Ultimatum Game wird einem Spielpartner ein Teil einer Spielsumme angeboten. Nimmt dieser an, behalten beide die geteilte Summe, lehnt dieser ab, erhalten beide nichts. Während eine Testosterongabe bei Männern unfairere Angebote bewirkte(46), erhöhte eine Testosterongabe bei Frauen die Quote fairere (grosszügigerer) Angebote (nicht aber die Zurückweisung unfairere Angebote).(47) Die Studienautoren der Studie an Frauen nehmen an, dass Testosteron bei Frauen das Streben nach einem höheren sozialen Status fördert, was mit Vermeidung von Konflikten einhergeht. Dies könnte nach diesseitiger unverifizierter Hypothese mit einem „tend and befriend“ Verhalten als Stresssymptom zu tun haben.

Angst korreliert mit

  • hoher Empfindlichkeit gegen Strafe(34)
  • niedrigem Drang nach Belohnung(34)

Ein geringes Arousal des vegetativen Nervensystems wird mit geringer Verhaltenshemmung (mangelnder Inhibition) in Verbindung gebracht.(36)

All diese Fakten deuten darauf hin, dass bestimmte AD(H)S-Symptome den einzelnen Subtypen zugeordnet werden können, die sich anhand des Verhältnisses von Testosteron- und Cortisolspiegel unterscheiden lassen. Zusätzlich könnte der Serotoninspiegel das Mass von Impulsivität erklären.

Testosteron scheint unmittelbar die Aktivität dopaminerger Neuronen zu beeinflussen(48), ebenso wie Cortisol.(49)

Emotionale Dysreglation, Reizbarkeit, Wut und Unruhe bei AD(H)S korrelieren mit AD(H)S-spezifischen Genen und nicht mit Genen, die spezifisch mit affektiven Störungen (Depression) verbunden sind.(50)

Zuletzt aktualisiert am 17.10.2019 um 01:24 Uhr


6.)
Siegel et al (1999), zitiert nach Studentenskript zur Vorlesung NEUROPSYCHOLOGIE Zimmer WS 2011/12 Uni Köln - (Position im Text: 1)

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