Neurophysiologische Korrelate von Verzögerungsaversion, Genussunfähigkeit und Erholungsunfähigkeit bei AD(H)S

1. Dopaminmangel im Striatum

1.1. Zusammenhang mit Delay Aversion

Neurologisch dürfte das nicht geniessen können durch eine Störung des Belohnungs-/Verstärkungszentrums des Gehirns (Nucleus Accumbens, Teil des Striatum, dieser Teil der Basalgangien) verursacht werden.
Bei AD(H)S stehen im Striatum weniger D2 und D3 Dopaminrezeptoren zur Verfügung(1).
Möglicherweise sind zu viele Dopamintransporter vorhanden, die das in den synaptischen Spalt ausgeschüttete Dopamin bereits wieder einsaugen, bevor es postsynaptisch wirken konnte.
Zudem sind – je nach Genkonstellation – die COMT-Enzyme und die Monoaminoxidase (MAO) zu aktiv, die beide Dopamin abbauen.
Daneben können weitere Ursachen bestehen, die gemeinsam dazu führen, dass der Dopaminspiegel im Striatum verringert ist. Medikamente können den Dopaminspiegel im Striatum erhöhen.

Das hier involvierte tonische Dopamin (tonisch = langsame Pegelveränderungen) ist nicht für das Hochgefühl erfüllter Wünsche verantwortlich (ein solcher eher rauschartiger Zustand würde durch einen phasischen schnellen hohen Dopaminanstieg verursacht), sondern regelt vielmehr die Belohnungserwartung. Das mesocortikolimbische System wird bei erwarteter Belohnung aktiv (nicht bei erfüllter), es reguliert also die Vorfreude auf einen Genuss, nicht die Freude am Genuss selbst.(2)

Durch einen Dopaminmangel im Striatum ist bei AD(H)S nicht die eigentliche Fähigkeit zu Geniessen an sich reduziert, jedoch das „Wanting“ im Sinne einer Wertschätzung eines zeitlich später zu erwartenden Genusses. Dies führt zu einer deutlichen Herabsetzung des Antriebs, Energie zur Erlangung einer späteren angenehmen Erfahrung aufzuwenden. Dies ist die so genannte Verzögerungsaversion / Delay Aversion: Belohnung ist nur dann interessant (und da genau so interessant wie für Nichtbetroffene), wenn sie sofort zur Verfügung steht. Je weiter eine zu erwartende Belohnung in der Zukunft liegt, desto geringer ist das Interesse von AD(H)S-Betroffenen hieran im Vergleich zu Nichtbetroffenen.

Ein solches Verhalten ist ein Stressnutzen von überlebensbedrohlichem Stress.

Ein Lebewesen, das gerade akuten cortisolergen (= selbstwert-/existenzbedrohenden) Stress hat, muss zuallererst sein Überleben in dieser Belastungssituation sichern. Ein akut ernsthaft bedrohtes Lebewesen sollte sich nicht um Vorräte für den Winter kümmern, sondern dafür Sorge tragen, die jetzt bestehende Bedrohung zu überleben. Unser Körper reagiert in solchen Situationen zugleich mit einer künstlichen Stärkung des Immunsystems – jetzt bloss nicht krank werden, jetzt erst einmal überleben. Die Stresshormone Adrenalin und CRH feuern die Entzündungsbekämpfung im Immunsystem künstlich an. Wenn die akute Gefahr gebannt ist, geht auch der Immunsystemschub zurück und der Körper holt seine Krankheiten, das echte Aufräumen mit Bakterien und Viren, nach. Daher werden gestresste Menschen häufig in der ersten Urlaubswoche krank.
Der Kern von Delay Aversion / Verzögerungsaversion ist also, dass in Notsituationen langfristige Planung weniger interessant ist als kurzfristige Überlebensinteressen: die Bekämpfung des Stressors (jetzt und sofort) ist wichtig, alles andere kann warten.

Wenn etwas bedrohlich ist, ist es die richtige Antwort von Stress,

  • kurzfristig zu lösende Dinge gegenüber später anstehenden interessanter zu machen (Bevorzugung kurzfristiger Belohnungen vor späteren) und
  • zu wollen, dass die wichtigen Sachen jetzt sofort passieren und nicht später (Delay Aversion, Ungeduld) und
  • angenehme entspannende Dinge weniger interessant erscheinen zu lassen (Genussunfähigkeit)
  • Alarmbereitschaft zu erhöhen und Erholung zurückzustellen

Überleben ist jetzt. Alles andere kann und muss warten. Dies erklärt zugleich

  • warum Geniessen schwer fällt
  • warum Dinge (die nicht subjektiv = intrinsisch gewollt werden) erst auf den letzten Drücker getan werden können
  • warum Zeit von AD(H)S-Betroffenen anders wahrgenommen wird (jetzt ist wichtiger zum überleben).

Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stresssymptomen.

Die Abwertung von entfernteren Belohnungen ist ein Symptom, das nicht nur bei AD(H)S, sondern auch bei anderen Störungen wie z.B. Sucht oder schwerer Depression auftritt.(3)

1.2. Zusammenhang mit Dysphorie bei Inaktivität

AD(H)S-Betroffene nehmen (kognitive) Passivität als etwas unangenehmes war, da dann Dysphorie und damit eine negative Stimmung eintritt. Dysphorie bei Inaktivität in Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen.

Kognitive Aktivität führt zu einer Dopaminausschüttung. Dopamin ist der Neurotransmitter, der kognitive Aktivierung vermittelt. Solange also das Gehirn aktiv bleibt, Gedanken gewälzt und bewegt werden, bleibt die Aktivierung erhalten. Das nicht abschalten (können/wollen) von Gedanken könnte man unter diesem Blickwinkel als ein (längst automatisiertes) Vermeidungsverhalten betrachten, um der unangenehmen dysphorischen Stimmung bei kognitiver Inaktivität zu entgehen. Tatsächlich ist es jedoch ein Stressnutzen, weshalb es wesentliche wahrscheinlicher nicht eine rein psychologisch erlernte Verhaltensform, sondern eine durch Stresshormone unmittelbar vermittelte (da überlebensfördernde) Verhaltensweise ist.
Die dysphorische (negative) Stimmung bei Inaktivität ist eine Stressreaktion, die darauf abzielt, dass der Betroffene aktiv bleibt. Aktivität istr vorteilhaft bei der Bewältigung eines Stressors, Passivität ist dagegen nachteilig.

Die eigene Stimmung ist ein sehr starkes unbewusstes (iSv nicht kognitives) Steuerungselement. Jedes Lebewesen versucht seine Stimmung positiv zu halten.
Sinkt die Stimmung ab, wird das betroffene Lebewesen versuchen, sein Verhalten zu ändern. Sinkt die Stimmung immer bei Inaktivität ab, wird das Lebewesen schnell lernen, Inaktivität möglichst zu vermeiden.
Dies geht so weit, dass manche Betroffene keinen Erholungsurlaub mögen, sondern jede Form von Aktivurlaub bevorzugen.
Bei anderen leiden die Betroffenen (und ihre Umgebung) in den ersten Urlaubstagen unter einer erheblichen schlechten Laune.

2. Stress setzt Eigenwahrnehmung herab

Eine physiologische Erklärung ist, dass Stress die Eigenwahrnehmung herabsetzt. Menschen unter starkem Stress spüren sich weniger.
Sofern dies die Hauptursache wäre, wäre das nicht-geniessen-können eine Folge veränderter Wahrnehmung.

Eine mangelhafte Eigenwahrnehmung im Sinne einer äußerst herabgesetzten Fähigkeit zur Achtsamkeit wird auch bei Menschen, die an Prokrastination leiden festgestellt, auch wenn diese kein AD(H)S haben. Achtsamkeitsübungen sind bei Prokrastination therapeutisch wirksam. Achtsamkeitsübungen sind auch bei AD(H)S therapeutisch wirksam. Prokrastination ist ein häufiges Symptom von AD(H)S.

Nicht Geniessen können ist eng verwandt mit einer Abneigung gegen Entspannung.
Mehr hierzu unter Woher kommt Abneigung gegen Achtsamkeit bei AD(H)S und Prokrastination ?

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 13:25 Uhr


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