Woher kommt Abneigung gegen Achtsamkeit bei AD(H)S und Prokrastination ?

Mit einiger Faszination kann man beobachten, mit welcher Inbrunst AD(H)S-Betroffene eine Abneigung gegen Achtsamkeitstechniken wie Meditation, Entspannungsübungen oder Yoga äußern. Die Intensität und Konstanz dieser Äußerungen steht dabei im Kontrast zur wissenschaftlich nachgewiesenen Wirksamkeit von Achtsamkeitstechniken wie MBSR (mindfulness based stress reduction).

MBSR ist einer der wirksamsten nichtmedikamentösen Therapieansätze bei AD(H)S. MBSR steht für das Erlernen und Trainieren einer Distanzierung der eigenen Person von dem Erlebten und Wahrgenommenen und eine Intensivierung der Wahrnehmung an sich.
AD(H)S- und Prokrastinations-Betroffene profitieren hiervon erheblich.
Wenn Fühlen und bewusstes Wahrnehmen so gravierende Vorteile in Bezug auf AD(H)S-Symptome hat, fragt sich, warum AD(H)S-Betroffene diese Vorteile nicht automatisch nutzen. Ist es Zufall, dass so viele AD(H)S-Betroffenen eine regelrechte Aversion (Abneigung) gegen Meditation, emotionale Einkehr, Entspannungsübungen oder sonstige Formen entspannten Fühlens äußern ? Oder besteht hier ein innerer Zusammenhang ?
Es stellt sich die Frage, was an Achtsamkeit und Fühlen für AD(H)S-Betroffene dermaßen nachteilig / aversiv ist, dass sie (wenn auch unbewusst) eher die Nachteile der AD(H)S-Symptome in Kauf nehmen, als sich der „Tortur“ von Achtsamkeits- oder Entspannungstrainings (im Folgenden zum Begriff Achtsamkeit zusammengefasst) auszusetzen.

1. Achtsamkeit / Entspannung ist direkt unangenehm

1.1 Inaktivität bewirkt Dysphorie

AD(H)S-Betroffene erfahren (kognitive und körperliche) Passivität als etwas unangenehmes, da dann Dysphorie und negative Stimmung eintritt. Dies ist eine Ausprägung des anerkannten Wender-Utah-AD(H)S-Symptoms „Dysphorie bei Inaktivität“.

Diese Stimmungsveränderung ist Folge eines hohen Stresslevels.

Die Psychotherapiepraxis zeigt, dass ab einem bestimmten Stressniveau sehr häufig eine Abneigung gegen Entspannungstechniken wie Achtsamkeit, Yoga oder Meditation besteht. Erst wenn das Stressniveau unter ein bestimmtes Maß gesunken ist, sind die Betroffenen wieder in der Lage, Entspannung und Achtsamkeit als etwas angenehmes wahrzunehmen.

Dysphorie bei Inaktivität ist ein funktionales Stresssymptom. Funktional meint, dass es einen unmittelbarer Stressnutzen hat. Dysphorie bei Inaktivität bewirkt eine fortgesetzte Beschäftigung des Betroffenen mit dem Stressor, was die Überlebenschance erhöht.

Dieser Mechanismus ist nicht auf Dysphorie bei Inaktivität begrenzt. Weitere Folgen einer Inaktivität mit dem gleichen Stressnutzen sind

  • Gedankenkreisen
  • Genussunfähigkeit
  • Erholungsunfähigkeit

Kognitive Aktivität führt zu einer Dopaminausschüttung. Dopamin ist der Neurotransmitter, der kognitive Aktivierung vermittelt. Solange also das Gehirn aktiv bleibt, Gedanken gewälzt und bewegt werden, bleibt die Aktivierung erhalten. Das nicht-abschalten-können(oder -wollen) von Gedanken könnte unter diesem Blickwinkel ein (längst automatisiertes) Vermeidungsverhalten sein, um der unangenehmen dysphorischen Stimmung bei kognitiver Inaktivität zu entgehen.

1.2. Entspannung erhöht Beta im EEG

Bei vielen psychischen Störungen besteht eine Abweichung in der Regelung der Gehirnfrequenzen im Beta-Bereich (15 bis 21 Hz, typisch für aktive Aufmerksamkeit). Während bei gesunden Menschen bei Entspannung die Betafrequenzen abnehmen (und Theta ansteigt), steigt bei ADHS (häufig bei etlichen Betroffenen mit Hyperaktivität), wie auch bei anderen Störungen wie Schlafstörungen, Depressionen, Ängsten, Trauma und wahrscheinlich etlichen anderen Problemen im Zustand der Entspannung häufig die Beta-Aktivität an.(1)

  • In einem berichteten Fall eines Kindheitstraumas wurden die Monster der Betroffenen in Schach gehalten, indem Schlaf vermieden wurde; es bestand ein extrem niedriges Theta, und ein allgemein erhöhtes Beta, das bei Entspannungsversuchen noch weiter anstieg.(1)
  • Migräne hat ähnliches Bild (eines überhöhten Betas), oft zusätzlich recht hohes Theta und niedriges SMR.(1)
  • Bei ADHS (mit Hyperaktivität), das von zu hohem Beta (und zu niedrigem Theta, mehr hierzu unter Neurofeedback bei AD(H)S) im EEG gekennzeichnet ist, tritt häufig ein Beta-Anstieg bei Erholung auf.
    Ob dies auch bei ADS (ohne Hyperaktivität) so ist, welches im Unterschied zu ADHS von individuell zu niedrigem Beta (und zu hohem Theta) gekennzeichnet ist, ist offen.

Je nach Betroffenem sind niedrigere Beta-Frequenzen (Beta1: Konzentration) bis höhere Beta-Frequenzen: (Beta2 / Hi-Beta: Stress) vom Anstieg bei Entspannung betroffen.
Dieses Phänomen kann das Gedankenkreisen und (Ein-)Schlafstörungen, die bei diesen Störungen häufig bis typisch sind, schlüssig erklären.
Erfolgt bei Entspannung eine dauerhafte / zu häufige Aktivierung des Gehirns im Beta-Bereich, verhindert das naturgemäß die erforderliche Erholung. Dies kann bis zur pathologischen Erholungsunfähigkeit reichen. Abgesehen von der unmittelbaren Stresserfahrung bei einem zu hohen Hi-Beta hält auch ein erhöhtes Beta1 / Alpha von der Erholung ab. Dass ein dauerhaft überaktiviertes Gehirn, dem die Erholungsphasen fehlen, an Leistungsfähigkeit verliert, ist plausibel.
An dieser Stelle erschliesst sich die positive Wirkung von Achtsamkeitstraining / MBSR, das recht unmittelbar zu einer Verringerung von Beta-Aktivität im Gehirn führt. Ebenso ist ein Neurofeedbacktraining als Frequenzbanddtraining hilfreich, bei dem in Entspannungsphasen Beta heruntertrainiert wird. Daneben könnte SCP-Training sehr hilfreich sein.

Andererseits ist bei ADS ist die Beta-Aktivität individuell zu niedrig. Zwar wirkt MBSR auch bei ADS, da ADS wie ADHS als Stressregulationsstörung durch zu hohe Stresslevel gekennzeichnet sind. Verschiedene Berichte von ADS-Betroffenen über ihre MBSR-Erfahrung könnten jedoch darauf hindeuten, das MBSR bei ADHS wirkungsvoller und hilfreicher ist als bei ADS.

2. Aktivität und Stress schaffen Dopamin – Selbstmedikation ?

Kognitive wie körperliche Aktivität schüttet Dopamin im PFC aus.
Kognitive wie körperliche Aktivität bewirken damit eine kurzfristige Belohnung, die bei AD(H)S gegenüber einer verzögerten (späteren) Belohnung überbewertet wird.

Durch Dexamethason induziertes Cortisol verringert interessanterweise die Anzahl der DAT im PFC und im Striatum bei ADHS-Ratten, während die DAT bei nichtbetroffenen Ratten dadurch nicht abnahm.(2) Damit wirkt Cortisol bei ADHS ebenso wie Nikotin, das gleichfalls die DAT verringert.
Ein entgegengesetzt zu Dexamethason wirkender Cortisolantagonist erhöhte die niedrige DAT-Anzahl im PFC und im Striatum bei ADHS-Ratten lediglich marginal, ebenso wie die (rund doppelt so) hohe Anzahl von DAT bei nichtbetroffenen Ratten.(2)

3. Achtsamkeit bietet nicht die erforderliche kurzfristige Belohnung

Dieser Zusammenhang dürfte bei weitem schwächer wirken als die zuvor genannten, könnte jedoch in geringem Maße ebenfalls einen Anteil an der Abneigung gegen Entspannung haben.

3.1. Kurzfristige Belohnung wird bevorzugt

Achtsamkeit bewirkt zwar langfristig positive Empfindungen und eine Verringerung der AD(H)S-Symptome; AD(H)S-Betroffene ziehen jedoch eine kurzfristige Belohnung einer langfristigen Belohnung vor. Daher wird die sofort eintretende Wirkung geistiger oder körperlicher Aktivität gegenüber der erst nach einiger Zeit durch Absinken des Stresspegels wirkenden „emotionale Aktivierung“ bevorzugt

3.2. Achtsamkeit bedarf der Geduld. Geduld ist aversiv.

Warten wird von AD(H)S-Betroffenen als sehr unangenehm empfunden. Unangenehmes wird vermieden.
Achtsamkeit (etwas bewusst wahrnehmen) ist eigentlich ein Teil des normalen Lebens. Wird das „bewusste Wahrnehmen und Geniessen“ als unangenehm empfunden (Geduld, warten), ist es plausibel, dass Achtsamkeit auch hierdurch weiter aus dem Leben verdrängt wird.

Zuletzt aktualisiert am 21.09.2019 um 07:40 Uhr


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