Folgen von ADHS
Vollständig überarbeitet 09/2026
Autor: Ulrich Brennecke
Review (April 2024): Dipl.-Psych. Waldemar Zdero
ADHS zeigt sich nicht nur in Unaufmerksamkeit, innerer Unruhe und Impulsivität. Bleibt ADHS unbehandelt oder wird es nicht ausreichend behandelt, wirkt es sich über das gesamte Leben hinweg aus. (Review, E 1a)1
Was unbehandeltes ADHS mit sich bringt (1.)
ADHS geht mit einer im Mittel um rund 7 bis 13 Jahre verkürzten Lebenserwartung einher. Ursache dafür ist überwiegend nicht ADHS selbst, sondern das, was sich daraus ergibt. Dazu zählen Unfälle, Verletzungen, Suizid und Suchterkrankungen. Auch die Lebensqualität ist deutlich eingeschränkt. ADHS gehörte in dieser Hinsicht zu den zehn schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen. (Review, E 1a)2
Weiter treten häufiger auf
- Unfälle, Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen
- Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Schlafprobleme
- körperliche Erkrankungen, von Karies und Parodontitis bis zu Atemwegserkrankungen
- Suchterkrankungen und Rauchen
- Erfahrungen von Gewalt und Mobbing, sowohl als Opfer als auch als Täter
- Straffälligkeit, wobei dafür meist zusätzliche Störungen verantwortlich sind und nicht ADHS allein
- Schulabbrüche, fehlende Abschlüsse, Arbeitslosigkeit und ein geringeres Einkommen
- Trennungen, Umzüge und Wohnungslosigkeit
Was eine ADHS-Behandlung ändert (2.)
Ein großer Teil dieser Risiken lässt sich durch eine Behandlung verringern. Unter ADHS-Medikamenten sanken in großen Registerstudien die Sterblichkeit, die Zahl der Unfälle und Verletzungen, die Suizidversuche, der Suchtmittelkonsum und die Straffälligkeit. Schulleistungen und Arbeitsfähigkeit verbesserten sich. Diese Studien sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge und beweisen keine Ursache. Einzelne Arbeiten fanden außerdem keine Wirkung auf die Lebensqualität, und belastbare Belege über mehrere Jahre fehlen bislang. Beides ist in Kapitel 2 ausgewiesen.
Was ADHS die Gesellschaft kostet (3. und 4.)
ADHS verursacht höhere Kosten im Gesundheitswesen, im Bildungswesen und bei den Sozialleistungen. Hinzu kommen Verluste durch Fehlzeiten, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit. Diese Kosten treffen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angehörigen und die Allgemeinheit. Mehrere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass sich eine Behandlung auch volkswirtschaftlich lohnt.
Alle genannten Werte sind Durchschnitte großer Gruppen. Sie sagen nicht voraus, wie ein einzelnes Leben verläuft. Viele Betroffene führen ein Leben ohne die hier beschriebenen Schwierigkeiten. Die Zahlen beschreiben zudem überwiegend unbehandeltes ADHS. Sie sind daher vor allem als Begründung dafür zu lesen, warum eine frühe Erkennung und eine angemessene Behandlung wichtig sind, und nicht als Schicksal.
1. Folgerisiken von ADHS
Bedeutung für Betroffene
Ein unbehandeltes oder nicht ausreichend behandeltes ADHS wirkt sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus. In einer Auswertung von 351 Studien waren bei ADHS 74 % der untersuchten Langzeitergebnisse schlechter als bei Menschen ohne ADHS, 26 % waren vergleichbar, fast keines war besser. Dieser 1. Abschnitt beschreibt diese Folgen im Einzelnen, von Gesundheit und Lebenserwartung über Unfälle, Gewalt und Kriminalität bis zu Schule, Beruf, Partnerschaft und Wohnsituation. Es handelt sich dabei um Durchschnittswerte großer Gruppen. Für den einzelnen Menschen sagt keine dieser Zahlen voraus, wie sein Leben verläuft. Unter 2. zeigen wir, dass sich ein großer Teil dieser Risiken durch eine Behandlung verringern lässt.
ADHS-Betroffene müssen massive Einschränkungen ihrer Lebensqualität in Kauf nehmen.
(E 1a): Ein unbehandeltes / nicht angemessen behandeltes ADHS hat massive Auswirkungen auf die gesamte Lebenszeit. (Review, E 1a)3 (Review, E 1a)4
Ohne Behandlung hatten Menschen mit ADHS in allen 9 untersuchten Ergebniskategorien schlechtere langfristige Ergebnisse als Menschen ohne ADHS (systematisches Review, k = 351 Studien mit 636 Einzelergebnissen, E 1a):5
- 74 % der Ergebnisse (aus 244 Studien) waren schlechter
- 26 % der Ergebnisse (aus 89 Studien) waren vergleichbar
- Weniger als 1 % der Einzelergebnissen (6 von 636) waren (mit kleiner Effektstärke) besser als bei Kontrollen. Sie wurden den vergleichbaren Ergebnissen zugerechnet
In einer neuseeländischen Geburtskohorte, die bis zum Alter von 40 Jahren nachverfolgt wurde, hatten Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren im obersten Viertel der ADHS-Symptomatik im frühen Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko für Substanzkonsumstörungen, Depression, Suizidgedanken, Straffälligkeit und Erwerbslosigkeit sowie ein geringeres Einkommen, seltener Wohneigentum, instabilere Partnerschaften und einen niedrigeren Lebensstandard. Nach Adjustierung für vorbestehende individuelle und familiäre Risikofaktoren sowie für gleichzeitige Störungen des Sozialverhaltens und oppositionelles Trotzverhalten schwächten sich die Zusammenhänge ab. Für Substanzkonsum und Straffälligkeit blieben sie mit OR 1,4 bis 1,6 bestehen. (Geburtskohorte, N = 1.265 bei Geburt, Nachbeobachtung über 40 Jahre, E 2b)6
1.1. Lebenserwartung verkürzt (um rund 7 bis 13 Jahre)
Bedeutung für Betroffene
Die Lebenserwartung ist bei ADHS im Mittel um etwa 7 bis 13 Jahre verkürzt. Der Grund liegt überwiegend nicht in ADHS selbst, sondern in dem, was sich daraus ergibt. Dazu zählen Unfälle, Suizid, Suchterkrankungen und ein insgesamt ungünstigerer Umgang mit der eigenen Gesundheit. Das Suizidrisiko ist je nach Untersuchung um 61 % bis 383 % erhöht, bei zusätzlichen (komorbiden) psychischen Erkrankungen nochmals deutlich stärker. Weil diese Ursachen beeinflussbar sind, ist eine Behandlung gerade hier wichtig. Bei Suizidgedanken sollte ärztliche oder therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. In Deutschland ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 1110111 erreichbar.
1.1.1. Erhöhte Sterblichkeit insgesamt (+ 7 % bis + 364 %)
- Lebenserwartung verringert (Kohortenstudie, E 2b)7
- um 8 bis 13 Jahre verringert (geschätzte, nicht beobachtete Lebenserwartung)
- (E 3): 11,1 Jahre (Gesamt-Lebenserwartung) (Expertenbericht, E 4)8 (Gastbeitrag in einer Ärztezeitschrift, E 4)9 bzw. 12,7 Jahre (gesunde Lebenserwartung) (Fall-Kontroll-Studie, E 3)10 bei ADHS, das ins Erwachsenenalter persistierte
- (E 3): 8,4 Jahre (Gesamt-Lebenserwartung) bzw. 9,6 Jahre (gesunde Lebenserwartung) bei ADHS-C in der Kindheit insgesamt (Fall-Kontroll-Studie, E 3)10 (Expertenbericht, E 4)8 (Gastbeitrag in einer Ärztezeitschrift, E 4)9
- (E 2b): um 6,78 Jahre bis 8,64 Jahre bei Erwachsenen mit diagnostiziertem ADHS in Großbritannien (n = 30.039, Kohortenstudie, E 2b)11 (Kurzmitteilung, E 4)12
- 6,78 Jahre bei Männern
- 8,64 Jahre bei Frauen
- 6,5 Jahre (Gesamt-Lebenserwartung) bzw. 7,4 Jahre (gesunde Lebenserwartung) bei ADHS-C in der Kindheit, das nicht ins Erwachsenenalter persistierte (Fall-Kontroll-Studie, E 3)10
- 9,6 % der Kinder mit ADHS verstarben bis zum Alter von 46 Jahren gegenüber 3,9 % der Kinder ohne kindliche Aufmerksamkeitsprobleme (aHR 2,15; vor dem 30. Lebensjahr aHR 6,20; perinatale Risikokohorte, n = 839, E 2b)7
- möglicherweise teilweise aufgrund genetischer Ursachen (Mendelsche Randomisierung, E 2b)13
- Niedrige Einkommen korrelieren mit einer um 6 bis 8 Jahre verkürzten Lebenserwartung,(Buchkapitel, E 4)14 während ADHS mit niedrigen Einkommen korreliert (siehe unten).
- auch (aber nicht nur) aufgrund verringerter Gewissenhaftigkeit (Expertenbericht, E 4)8
- das niedrigste Quartil (25 %) von Gewissenhaftigkeit ging (selbst bei Hochbegabten und unabhängig von ADHS) mit einer um 7 bis 8 Jahre verkürzten Lebenserwartung einher (Fall-Kontroll-Studie, E 3)10
- ADHS-Betroffene lagen im Mittel unter den 5 bis 7 % mit der schwächsten Verhaltenshemmung (Inhibition), die Barkley als Kernkomponente der Gewissenhaftigkeit auffasst
- zum Vergleich: bei diagnostiziertem Autismus ohne Intelligenzminderung 6,1 bis 6,5 Jahre, mit Intelligenzminderung 7,3 bis 14,6 Jahre verringerte Lebenserwartung (Großbritannien) (Kohortenstudie, E 2b)15
Wissenschaftlich: Einzelstudien zur Sterblichkeit und ihren Ursachen
- rund 2- bis 4,6-fache vorzeitige Sterblichkeit. Je nach Studie zwischen
- bis zu 25,22-fach bei 4 oder mehr psychiatrischen Komorbiditäten (Kohortenstudie, E 2b)16
- 4,25-faches Risiko einer vorzeitigen Sterblichkeit bei erstmaliger ADHS-Diagnose ab 18 Jahren; 1,58-fach bei Diagnose im Alter von 6 bis 17 Jahren; 2,07-fach insgesamt (n = 1,92 Millionen, Kohortenstudie, E 2b)17
- 1,50-fach insgesamt nach Ausschluss von komorbidem ODD, CD und Sucht (Kohortenstudie, E 2b)17
- Mädchen und Frauen 2,85-fach
- Jungen und Männer 1,27-fach (nicht signifikant)
- 1,50-fach insgesamt nach Ausschluss von komorbidem ODD, CD und Sucht (Kohortenstudie, E 2b)17
- 2,13-faches Risiko (unnatürliche Todesursachen 2,81-fach; Metaanalyse, k = 8, n = 396.488, E 1a)18
- 4,83-fach erhöhter Suizidsterblichkeit (Geburtskohorte, n = 5.718, 367 Fälle mit kindlichem ADHS, 7 Todesfälle, E 2b)19
- Gesamtsterblichkeit 1,88-fach erhöht (statistisch nicht signifikant, SMR 1,88; 95 % KI 0,83 bis 4,26)
- Unfallsterblichkeit 1,7-fach erhöht (statistisch nicht signifikant, SMR 1,70; n. s.).
- 1,07-fache Gesamtsterblichkeit (Kohortenstudie Taiwan, n = 275.980, E 2b)20
- Suizid 2,09-fach erhöht
- Unfallverletzungen 1,30-fach erhöht
- rund 10-fach höhere Sterblichkeit binnen 10 bis 14 Jahren In einer Stichprobe inhaftierter Jugendlicher (n = 332, 33 verstorben) im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Sie war mit hohen psychopathischen Traits assoziiert, nicht aber mit ADHS, CD oder Sucht. (Kohortenstudie, E 2b)21
- 2-faches Risiko, einem Mord zum Opfer zu fallen (aHR 2,00) (Kohortenstudie, E 2b)20
Ein narrativer Review der Bevölkerungsstudien zur Gesamtsterblichkeit fand Risikoschätzer zwischen 1,07 und 4,44. Höher lagen sie in Studien mit Nachbeobachtung bis ins höhere Alter sowie bei Frauen, bei später ADHS-Diagnose und bei psychiatrischer Komorbidität. Häufigste Todesursachen waren nichtnatürliche wie Suizid und Unfälle. Eine ADHS-Medikation verringerte das Sterberisiko, für Stimulanzien deutlicher als für Nichtstimulanzien. (Narrativer Review, k = 9 Studien zur Gesamtsterblichkeit, E 1a)22
In der britischen Geburtskohorte von 1958 hatten Kinder mit ADHS-Auffälligkeiten im Alter von 7 Jahren bis zum Alter von 58 Jahren ein 1,86-faches Sterberisiko (OR 1,86; 95 % KI 1,08 bis 3,17). Der Zusammenhang erklärte sich weitgehend über das Rauchen und ein höheres Taille-Hüft-Verhältnis im mittleren Lebensalter. (Geburtskohorte, N = 8.016, n = 231 mit ADHS-Auffälligkeiten, 251 Todesfälle, E 2b)23
5,1 Jahre verkürzte Lebenserwartung für Erwachsene mit ADHS-Symptomen in Japan (adjustiert; 95 % KI 2,2 bis 7,9 Jahre). Bei Männern betrug die Differenz 5,9 Jahre (2,0 bis 9,9), bei Frauen 4,8 Jahre (0,7 bis 8,9). Innerhalb der Gruppe mit ADHS-Symptomen war die Lebenszeiterwartung bei geringerer Bildung um weitere 9,7 Jahre und bei depressiven Symptomen um weitere 12,5 Jahre kürzer. (Onlinebefragung 2023, N = 2.377 Erwachsene von 18 bis 89 Jahren, ADHS-Symptome per ASRS-Screener, E 3)24
58 % erhöhte Gesamtsterblichkeit in zwei gepoolten US-Bevölkerungskohorten bei ADHS nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Ethnie und Erhebungsjahr (HR 1,58; 95 % KI 1,20 bis 2,09). Die Erhöhung entsprach damit derjenigen etablierter Risikofaktoren wie Armut (HR 1,66), Bluthochdruck (HR 1,41) und Diabetes (HR 1,71) und lag unter der des Rauchens (HR 2,51). Eine zusätzliche Adjustierung für sozioökonomische Lage verringerte den Zusammenhang um 11 %, für körperliche Begleiterkrankungen um 15 %, für Lebensstilfaktoren um 17 % und für Depressions- und Angstsymptome um 58 %. Zusammenhänge mit der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und chronischen Atemwegserkrankungen blieben unklar. (prospektive Kohortenstudie, N = 52.097 Erwachsene, 6.597 Todesfälle, mediane Nachbeobachtung 7,75 Jahre; Preprint, E 2b)25
1.1.2. Erhöhte Suizidalität (+ 61 % bis + 383 %)
(E 1a): Suizidrisiko erhöht (Metaanalyse, E 1a)26 (Evidenzreferat, E 4)27 (systematische Reviews, k = 28 bzw. k = 40, E 1a)28, bei Hyperaktivität stärker als bei Unaufmerksamkeit (n = 71, Notaufnahmestichprobe, Kohortenstudie, E 2b)29, jedoch auch bei subklinischen ADHS-Traits in der Allgemeinbevölkerung (Kohortenstudie, E 2b)30. Bei Kindern vor der Adoleszenz war ADHS nach Depression die am stärksten mit Suizidgedanken assoziierte psychische Störung (Depression: d = 0,90; ADHS: d = 0,54; Metaanalyse, k = 58, n = 626.486.590, E 1a)31
- 4,83-faches Risiko eines Suizidtods (SMR 4,83; 95 % KI 1,14 bis 20,46; Geburtskohorte, n = 5.718, E 2b)19
- 4,7-faches Risiko suizidalen Verhaltens (Suizidversuch oder Suizid); 4,1-fach bei ADHS ohne, 10,4-fach bei ADHS mit psychiatrischer Komorbidität (n = 2,9 Millionen, Kohortenstudie, E 2b)32
- 3,33-faches Suizidrisiko (Metaanalyse, k = 9 Längsschnittstudien, Kinder und Jugendliche, E 2b)33
- 3,95-faches Risiko von Suizidgedanken
- 3,34-faches Risiko von Suizidversuchen
- 3,89-faches Risiko von tödlichem Suizid
- 2,9-faches Risiko eines vollendeten Suizids bei männlichen ADHS-Betroffenen (5 bis 24 Jahre) gegenüber US-Bevölkerungsraten (Review, 2004, E 1a)34
- 2,54-faches Risiko von Suizidversuchen bis zum Alter von 23 Jahren bei Frauen mit im Alter von 6 bis 12 Jahren anhaltend hoher Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität (Kohortenstudie, E 2b)35
- 2,4-faches Risiko eines Suizidtods bei ADHS-Diagnose im Vorjahr (AOR 2,37). Nach Adjustierung für die übrigen psychischen Störungen war die Assoziation nicht mehr signifikant (Fall-Kontroll-Studie, 2.674 Suizide gegenüber 267.400 Kontrollen, E 3)36
- Frauen 3,14-fach (1,80–5,50)
- Männern 1,92-fach (1,38–2,67)
- nach zusätzlicher Adjustierung für Angst-, bipolare, depressive und Schizophrenie-Spektrum-Störungen AOR 0,88 (0,66–1,18, nicht signifikant), bei Männern 0,67 (0,48–0,95).
- ADHS trug mit 1 % den kleinsten Anteil aller untersuchten Störungen zur Suizidsterblichkeit bei (populationsattributable Fraktion), Depression mit 27 % den größten.
- 2,3-fach erhöhtes aktuelles Suizidrisiko (MINI-Interview) bei ADHS im Alter von 22 Jahren. (Geburtskohorte, N = 3.781, E 2b)37
- antisoziale Persönlichkeitsstörung 3,2
- generalisierte Angststörung 3,7
- soziale Angststörung 4,0
- Bipolar I 4,2
- PTBS 5,0
- Majore Depression 5,6
- bei drei oder mehr Störungen 10,7
- 2,23-faches Risiko von Suizidversuchen bei Männern mit im Laufe der Zeit abnehmender Hyperaktivität/Impulsivität und Unaufmerksamkeit (Kohortenstudie, E 2b)35 - komorbide schwere Depression erhöhte das Risiko auf das 10- bis 18-fache
- komorbide bipolare Störung Typ 2 erhöhte das Risiko auf das 7- bis 13-fache
- 2,22-faches Risiko von suizidalen Gedanken bei Mädchen mit ADHS (15,6 % vs. 7 %)38
- 1,81-faches Risiko von Suizidversuchen bei Frauen mit hoher Unaufmerksamkeit und geringer Hyperaktivität-Impulsivität. Symptome wurden im Alter von 6 bis 12 Jahren erfasst, Suizidversuche bis zum Alter von 23. (Kohortenstudie, E 2b)35
- 1,61-faches Risiko von suizidalen Gedanken bei Jungen mit ADHS (7,6 % vs. 4,7 %)38
- komorbide schwere Depression
- OR 10,4 für passive Suizidgedanken
- 19,4 für Suizidversuche
- komorbide Bipolar-II-Störung
- OR 6,8 für Suizidversuche
- 12,8 für passive Suizidgedanken
- komorbide schwere Depression
- 9,9 % von 211 erwachsenen ADHS-Patienten berichteten einen Suizidversuch. Dieser war mit komorbiden Persönlichkeitsstörungen (OR 6,6), nicht mit ADHS-Merkmalen assoziiert (Querschnittstudie, E 3)39
- Bei unbehandeltem ADHS dementsprechend noch höher (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)4041
- Erwachsene mit ADHS (n = 74) zeigten eine Lebenszeitprävalenz von:(Querschnittstudie, E 3)42
- Suizidgedanken: 59,5 %
- korrelierten mit Schwere der Unaufmerksamkeitssymptome im Erwachsenenalter, geringem Selbstwertgefühl und Beeinträchtigungen der sozialen Funktionsfähigkeit
- schweren Suizidgedanken: 16,2 %
- körperliche Aktivität zeigte schützende Wirkung
- suizidalem Verhalten: 9,5 %
- selbstverletzendem Verhalten ohne Suizidbezug: 10,8 %
- Suizidgedanken: 59,5 %
- 33,2 % von 431 Kindern und Jugendlichen mit ADHS (5 bis 15 Jahre, klinische Stichprobe in Japan) berichteten Suizidgedanken. Diese korrelierten nicht mit der Schwere der ADHS-Symptome. (Kohortenstudie, E 2b)43
- (E 1a): Suizidgedanken (Metaanalyse, E 1a)44 (Querschnittstudie, E 3)45 und Suizidversuche erhöht (Querschnittstudie, E 3)46
- nicht allerdings bei Veteranen mit ADHS nach Kontrolle komorbider Psychopathologie (n = 342, Retrospektive Stud
1.2. Häufigere Unfälle und Verletzungen
Bedeutung für Betroffene
Unfälle, Verletzungen und Knochenbrüche treten bei ADHS häufiger auf, je nach Untersuchung um 40 % bis 150 %. Gehirnerschütterungen sind etwa doppelt so häufig. Im Strassenverkehr ist das Unfallrisiko um rund 23 % erhöht. Das entspricht etwa der Risikoerhöhung durch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung und ist damit deutlich geringer, als ältere Arbeiten nahelegten. Die sehr hohen Werte dieser älteren Arbeiten gehen wahrscheinlich auf zusätzliche Störungen des Sozialverhaltens zurück und nicht auf ADHS selbst. Unter Stimulanzien waren Knochenbrüche nicht häufiger als ohne ADHS, und die Heilungszeit nach einer Gehirnerschütterung war nicht verlängert.
ADHS geht mit einem erhöhten Unfall- und Verletzungsrisiko einher. 47 48 49 50
1.2.1. Verletzungsrisiko erhöht (+ 40 % bis + 150 %)
-
(E 1a): Verletzungen erhöht (Kohortenstudie aus Krankenkassendaten, E 2b)51 (Metaanalyse, E 1a)52
- um 149 % (aHR 2,49) bei Kindern und Jugendlichen in Taiwan (n = 9.010, Kohortenstudie, E 2b)53
- um 137 % bei Erwachsenen für schwere Verletzungen (12,4 % gegenüber 5,2 %) (Kohortenstudie, E 2b)54
- um 65 % bei Erwachsenen für Verletzungen insgesamt (39,5 % gegenüber 24,0 %) (Kohortenstudie, E 2b)54
- um 41 % bei 15- bis 17-jährigen Schülern (RR 1,41) (Querschnittstudie, E 3)55
-
Risiko von Knochenbrüchen erhöht (Mendelsche Randomisierung, E 2b)56
- insbesondere bei ADHS-HI und ADHS-C. (Querschnittstudie, E 3)57
- Unter 754 Kindern und Jugendlichen mit ADHS erlitten 15 % eine Extremitätenfraktur, davon 69 % an den oberen Extremitäten
- ADHS-I war gegenüber den übrigen Präsentationsformen mit einem geringeren Frakturrisiko verbunden (OR 0,40)
- insbesondere bei ADHS-HI und ADHS-C. (Querschnittstudie, E 3)57
-
bei Erwachsenen um 106 % (HR 2,06) (Kohortenstudie, E 2b)54
-
bei Mädchen + 62 % (HR 1,62) (Kohortenstudie, E 2b)58
-
bei Jungen + 38 % (HR 1,38) (Kohortenstudie, E 2b)58
-
Frakturen insgesamt + 17 % (OR 1,17) (Metaanalyse, k = 10, E 1a)59
- bei unbehandeltem ADHS traumatische Frakturen + 79 % (OR 1,79) und Stressfrakturen + 12 % (OR 1,12)
- bei Stimulanzienbehandlung nicht erhöht
-
Gehirnerschütterungen
- (E 3): bei Kindern mit ADHS doppelt so häufig (+ 100 %; 23,9 % gegenüber 11,4 %, OR 2,45 (Querschnittstudie, E 3)60; 10,6 % gegenüber 5,6 % (Querschnittstudie, E 3)61)
- bei College-Athleten häufiger, bei zugleich verlängerter Heilungszeit. Unter Stimulanzien war die Heilungszeit normalisiert (Kohortenstudie, E 2b)62
Wissenschaftlich: Einzelstudien zu Verletzungen, Vergiftungen und Notaufnahmebesuchen
-
Kopfverletzungen: Bei Angriffen, Fahrradunfällen und Fußgängerunfällen hatten Kinder mit leichtem Schädel-Hirn-Trauma mehr als doppelt so häufig ADHS (17,6 %, 17,6 %, 13,3 %) wie das Gesamtkollektiv (8,0 %), bei Stürzen nicht (6,5 %; n = 3.410, Prospektive Beobachtungsstudie, E 2b)63. Grundschulkinder mit leichtem Kopftrauma in einer Notaufnahme hatten mehr als dreimal so häufig ADHS wie Kontrollen (30,6 % gegenüber 9,0 %; n = 268, Querschnittstudie, E 3)64
-
Kinder mit perforierenden Augenverletzungen hatten fast dreimal so häufig ADHS wie Kontrollen (48,7 % gegenüber 17,5 %; n = 79). Die adjustierte OR von 3,5 verfehlte die Signifikanz (95 % KI 0,96 bis 13,0) (Fall-Kontroll-Studie, E 3)65
-
Unter Kindern und Jugendlichen, die eine Notaufnahme aufsuchten, waren bei ADHS gegenüber gematchten Nichtbetroffenen erhöht: (retrospektive Kohortenstudie aus US-Behandlungsdaten, N = 602.168 unter 25-Jährige in 301.084 gematchten Paaren; Subtypen: n = 61.443 ADHS-I, n = 112.384 ADHS-HI, n = 160.041 ADHS-C, E 2b)66
- Suizidversuch: 6,52-fach (Risikodifferenz 2,41 %-Punkte)
- versehentliche Überdosierung: 3,10-fach (3,48 %-Punkte)
- Verbrennung: 2,06-fach (0,32 %-Punkte)
- Schussverletzung: 1,65-fach (0,15 %-Punkte)
- Ersticken: 1,38-fach (0,71 %-Punkte)
- Fraktur des Rumpfes: 1,25-fach (0,50 %-Punkte)
- Fraktur der unteren Extremität: 1,18-fach (0,48 %-Punkte)
- Fraktur insgesamt: 1,07-fach (0,63 %-Punkte)
- Frakturen der oberen Extremität waren nicht erhöht (OR 0,99; n. s.)
- Ertrinken
- ADHS-HI: OR = 1,34, p = 0,055 (nicht signifikant).
- ADHS-C: OR = 1,34, p = 0,67 (nicht signifikant).
- Inattentiv (ADHS-I): OR = 0,82, p < 0,001
-
Vergiftungen
- (E 2b): 2,3-fach (+ 130 %) im Erwachsenenalter (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)67 (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)68 bei ADHS-Diagnose im Kindes- oder Jugendalter in der finnischen Jahresgeburtskohorte von 1987 (n = 53.147; Preprint). Die angegebene ADHS-Prävalenz (0,43 %) ist aufgrund der damals selten erfolgten Diagnostik von ADHS niedrig.
-
Selbstverletzendes Verhalten
- bei ADHS-screen-positiven Jugendlichen um 58 % häufiger (adjustierte OR 1,58; unadjustiert 14,6 % gegenüber 5,4 %; n = 9.692, Kohortenstudie, E 2b)69
- bei 12- bis 13-Jährigen mit ADHS in einer Traumazentrum-Stichprobe erhöht (Retrospektive Studie, E 2b)70
- Vorsätzliche Selbstvergiftung erhöht
- Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten zeigten 27 % der ADHS-Betroffenen (95 % KI 19 bis 37 %), Jugendliche (28 %) und Erwachsene (25 %) etwa gleich häufig. Gegenüber Nichtbetroffenen waren die Odds 2,26-fach erhöht (95 % KI 1,69 bis 3,00), bei Frauen gegenüber Männern mit ADHS 4,07-fach (95 % KI 3,09 bis 5,36; nur 3 Studien). Die Heterogenität war hoch. (Metaanalyse, k = 14; E 1a)72
-
Unter 333 Kindern und Jugendlichen (8 bis 19 Jahre), die wegen gewaltbedingter Verletzungen ein Traumazentrum aufsuchten, hatten 12- bis 13-Jährige doppelt so häufig ADHS wie die übrigen Altersgruppen. ADHS war in dieser Altersgruppe ein Risikofaktor für Selbstverletzung. (Retrospektive Studie, E 2b)70
-
Notaufnahmebesuche im Vergleich zu Kontrollen häufiger
- Israelische Kohortenstudie (Israel, N = 325.412 Kinder, Kohortenstudie, E 2b)73
- bei ADHS ohne ASS
- insgesamt um 29 %
- wegen körperlicher Verletzungen um 18 %
- wegen Verletzungen aufgrund von Verschlucken oder Einatmen um 41 %
- bei ASS ohne ADHS
- insgesamt um 48 %
- wegen Verletzungen aufgrund von Verschlucken oder Einatmen um 57 %
- wegen körperlicher Verletzungen nicht signifikant verändert (- 4 %)
- wegen orthopädischer Verletzungen verringert um 22 %
- wegen Verletzungen durch Tiere verringert um 56 %
- bei komorbidem ADHS und ASS
- insgesamt um 45 %
- wegen Verletzungen aufgrund von Verschlucken oder Einatmen um 80 %
- wegen körperlicher Verletzungen nicht signifikant verändert
- wegen orthopädischer Verletzungen verringert um 17 %
- wegen Verletzungen durch Tiere nicht signifikant verändert
- bei ADHS ohne ASS
- Dänische Registerstudie, Kinder und Jugendliche mit ADHS (Registerkohorte, n = 767 und n = 1.347 mit ADHS gegenüber der Allgemeinbevölkerung, zwei Nachbeobachtungszeiträume, E 2b)74
- 14- bis 18-Jährige (OR 1,4)
- Jungen OR 1,1 bis 1,2
- insbesondere Mopedunfälle bei Jungen (OR 1,4 bzw. 1,6)
- Mädchen OR 1,3
- insbesondere Fußgängerunfälle(OR 2,1 bzw. 2,0)
- Israelische Registerkohorte der Musterungsuntersuchungen zu verletzungsbedingter Krankenhausaufnahme im frühen Erwachsenenalter (Registerkohorte, n = 76.403 mit leichtem ADHS gegenüber 330.792 und n = 2.835 mit schwerem ADHS gegenüber 252.626, E 2b)75
- 1,27-fach bei leichtem ADHS (aHR 1,27; 95 % KI 1,17 bis 1,37)
- 1,40-fach bei schwerem ADHS (aHR 1,40; 95 % KI 1,09 bis 1,79)
- Israelische Kohortenstudie (Israel, N = 325.412 Kinder, Kohortenstudie, E 2b)73
1.2.2. Unfallrisiko erhöht (+ 36 % bis + 89 %)
Bei ADHS fand sich ein erhöhtes Unfall- bzw. Verletzungsrisiko um
- 60 bis 89 % (OR 1,60, 95 % KI 1,34 bis 1,91, KiGGS-Befragung, n = 13.437; OR 1,89, 95 % KI 1,84 bis 1,95, Krankenkassendaten, n = 383.292, E 3)76
- 65 % unter n = 18.416 Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren (RR 1,65) (Kohortenstudie, E 2b)77
- 57 % unter n = 3.202 Schulkindern um 15 Jahre (RR 1,57) (Kohortenstudie, E 2b)77
- 47 % im Elternbericht, 36 % im Lehrerbericht, 53 % im kombinierten Eltern- und Lehrerbericht bei Kindern mit ADHS- und ODD-Symptomen (n = 4.517, Querschnittstudie, E 3)78
1.2.2.1. Arbeitsunfälle (+ 80 % bis + 130 %)
Erwachsene mit ADHS hatten nach einem systematischen Review ein 1,8- bis 2,3-faches Risiko von Arbeitsunfällen gegenüber Nichtbetroffenen. Am stärksten ausgeprägt war der Zusammenhang in Fertigung und Bauwirtschaft. Als beitragende Faktoren nannte der Review die Nichteinhaltung von Sicherheitsvorschriften, impulsives Handeln und Ablenkbarkeit; als wirksam beschrieben wurden Medikation, Aufgabenwechsel, strukturierte Rückmeldung und Anpassungen der Arbeitsumgebung. (Systematisches Review, k = 29, E 1a)79
1.2.2.2. Verkehrsunfälle und Unfallschäden (+ 23 %)
Eine Metaanalyse von 16 Studien zeigte:(Metaanalyse, E 1a)80
- das Unfallrisiko für Fahrer mit ADHS war um 23 % erhöht (RR 1,23; 95 % KI 1,04 bis 1,46; ohne Kontrolle der Fahrleistung RR 1,36)
- dies entsprach der Risikoerhöhung, wie sie auch durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht wird
- ADHS-Betroffene fuhren offenbar häufiger Auto als Nichtbetroffene, weshalb der um die Fahrleistung bereinigte Wert unter dem Rohwert von 23 % liegt
- die Behauptung eines fast vierfachen Unfallrisikos aus einer Studie von Barkley et al. (1993) dürfte auf komorbide ODD und/oder CD zurückgehen. Für ADHS selbst ist sie nicht zu halten.
- ADHS-Betroffene wurden häufiger wegen Geschwindigkeitsübertretungen verwarnt, nicht aber häufiger wegen Trunkenheit oder rücksichtslosem Fahren
Wissenschaftlich: Einzelstudien zum Fahrverhalten
Einzelstudien:
- Kinder mit ADHS zeigten riskanteres Verhalten beim Überqueren der Straße (Virtual-Reality-Studie, n = 50, E 3)81
- 40 % der Autofahrer mit ADHS hatten mindestens 2 Unfälle, gegenüber 6 % der nicht betroffenen Fahrer. (Review, E 1a)82
- 60 % der Autofahrer mit ADHS hatten einen Unfall mit Personenschaden, gegenüber 17 % der nicht betroffenen Autofahrer. (Review, E 1a)82
- dies dürfte eher auf komorbide ODD und/oder CD zurückgehen. Für ADHS selbst wurde in einer Metastudie eine um 23 % erhöhte Unfallquote gefunden. (Metaanalyse, E 1a)80
- Die Schadenssumme von Autofahrern mit ADHS war fast drei Mal so hoch wie die Schadenssumme von nicht betroffenen Autofahrern. (Review, E 1a)82
- Autofahrer mit ADHS verloren drei Mal so häufig ihren Führerschein wie nicht betroffene Autofahrer. (Review, Volltext für uns nicht einsehbar E 1a)82
- Unserer Auffassung nach sollte bedacht werden, dass eine aufgrund Desorganisation beeinträchtigte Verteidigungsfähigkeit vor Gericht hierauf einen Einfluss haben könnte
- Bei Fahrern ab 65 Jahren war die Diagnosegruppe ADHS/ASS mit einem 2,79-fachen Risiko eines Verkehrsunfalls mit Verletzung verbunden (OR 2,79; 95 % KI 1,47 bis 5,30; Schweden) (Kohortenstudie, E 2b)83
- Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS in der Kindheit berichteten im Vergleich zu Kontrollen (Kohortenstudie, Teilgruppe N = 355, n = 203, E 2b)84
- mehr Unfälle in den letzten 6 Monaten (0,29 vs. 0,15; d = 0,33)
- mehr Strafzettel (lebenslang 1,22 vs. 0,65; d = 0,45)
- seltener Führerscheinbesitz (50 % vs. 79 %)
- häufiger fahren ohne Fahrerlaubnis (17,6 % vs. 5,1 %).
- Bei selbstberichtetem riskantem und alkoholisiertem Fahren bestanden keine Gruppenunterschiede
- Eine fand bei unbehandeltem ADHS eine um 93 % erhöhte Unfallwahrscheinlichkeit (OR 1,93; 95 % KI 1,88 bis 1,99). (Metaanalyse von k = 4 Studien, E 1a) 85
- riskanteres Autofahrverhalten (Selbstbericht, n = 54, Querschnittstudie, E 3)86
- mehr Fehler in Fahrsimulatoren bei Jugendlichen mit komplexem ADHS. Die Simulatorleistung korrelierte teilweise mit Exekutivfunktionen (n = 63, Querschnittstudie, E 3)87
1.3. Häufiger Täter (+ 150 % bis + 170 %) und Opfer (+ 80 % bis + 100 %) von Gewalt und Mobbing
Bedeutung für Betroffene
Menschen mit ADHS sind häufiger von Gewalt betroffen, als Opfer wie als Täter. Bei Gewalt in der Partnerschaft ist das Risiko, Opfer zu werden, etwa 1,8-fach erhöht, das Risiko, Gewalt auszuüben, etwa 2,5-fach. Kinder mit ADHS werden rund zwei- bis dreimal so häufig gemobbt und entwickeln in der Folge häufiger Angststörungen oder Depressionen. Diese Werte beschreiben Wahrscheinlichkeiten in großen Gruppen und sind keine Aussage über den Charakter einzelner Menschen. Erfahrene oder ausgeübte Gewalt sollte in der Behandlung angesprochen werden, weil dafür wirksame Hilfen bestehen.
Niemand ist für eine Veranlagung verantwortlich, mit der er geboren wurde. Aber jeder ist dafür verantwortlich, wenn er das Notwendige unterlässt, um seine Veranlagung nicht zulasten anderer auszuleben.
ADHS-Betroffene haben ein höheres Risiko in Bezug auf:
-
Gewalt in der Beziehung (Systematischer Review, E 1a)88
- als Täter:
- 2,5-faches Risiko (OR 2,5, Metaanalyse, k = 6 Studien, E 1a)89
- Männer mit ADHS hatten in einer schwedischen Registerstudie ein 6,4-fach erhöhtes Risiko (adjustierte HR 6,4; 0,6 % gegenüber 0,1 %), Gewalt gegen ihre Partnerin auszuüben. Gegenüber ihren nicht betroffenen Geschwistern war das Risiko 3,1-fach erhöht (Geschwistervergleich, E 2b)90
- geschlechts- und altersunabhängig erhöht (Online-Befragung, n = 316, ADHS per Screening, E 3)91
- als Opfer:
- als Täter:
-
Sexualisierte Gewalt
- als Täter:
- 2,73-faches Risiko (OR 2,73, Metaanalyse, k = 3 Studien, E 1a)89
- als Opfer:
- 1,84-faches Risiko (OR 1,84, Metaanalyse, k = 6 Studien, E 1a)89
- 2,01-faches Risiko (adjustierte OR 2,01; dänische Geburtskohorte, Kinder bis 18 Jahre, n = 570.351, E 2b)92
- Häufiger Opfer von körperlichem und nichtkörperlichem sexuellem Missbrauch (retrospektive Selbstauskunft von Studierenden in Indien, N = 5.145, E 3)93
- als Täter:
-
Kindesmisshandlung
- Ein systematisches Review von 11 prospektiven Längsschnittstudien fand durchgehend eine Assoziation zwischen Kindesmisshandlung und ADHS. Die Richtung der Kausalität blieb uneinheitlich. (Systematisches Review, E 1a)94
-
Mobbing
- 2,76- bis 2,81-faches Risiko (OR 2,76 bis 2,81; Elternangaben, n = 516, Querschnittstudie, E 3)95
- Präadoleszente (idR 10 bis 12-Jährige) mit ADHS berichteten fast 3-mal so häufig, gemobbt worden zu sein, wie Kinder ohne ADHS (35 %; n = 424, Querschnittstudie, E 3)96
- Kinder mit ADHS wurden häufiger gemobbt (Querschnittstudie, E 3)97
- Schüler mit ADHS (Klassen 4 bis 12, USA, n = 345) gaben um 83 % häufiger an, gemobbt oder bedroht worden zu sein oder sich in der Schule unsicher zu fühlen (PR 1,83) (Querschnittstudie, E 3)98
- Kinder mit ADHS erlitten durch das Mobbing häufiger Angststörungen oder Depressionen als nicht von ADHS Betroffene (NSCH 2016 bis 2020, n = 71.973, Querschnittstudie, E 3).97
- In einer landesweiten taiwanischen Schulstichprobe waren Kinder mit ADHS sowohl häufiger Täter (OR 2,64; 95 % KI 1,6 bis 4,36) als auch häufiger Opfer (OR 2,60; 95 % KI 1,95 bis 3,47) von Mobbing in der Schule. (Epidemiologische Erhebung, N = 4.816 Kinder der Klassenstufen 3, 5 und 7 aus 69 Schulen, n = 388 mit ADHS ohne Ticstörungen, Querschnittstudie, E 3)99
Schüler mit ADHS in den USA hatten 7-mal so häufig in den letzten 30 Tagen eine Waffe getragen wie Schüler ohne psychische Störung (PR 7,02; Klassen 4 bis 12, n = 345, Querschnittstudie, E 3).98
1.4. Höhere Kriminalität (+ 120 % bis + 800 %)
Bedeutung für Betroffene
Straftaten kommen bei ADHS häufiger vor, je nach Untersuchung um 120 % bis 800 %. In Gefängnissen liegt der Anteil der Insassen mit ADHS bei rund einem Viertel und damit weit über dem Anteil in der Allgemeinbevölkerung. Ausschlaggebend ist dabei meist nicht ADHS allein. Ein großer Teil des Zusammenhangs wird durch eine zusätzliche Störung des Sozialverhaltens, durch Suchterkrankungen und durch belastende Kindheitserfahrungen erklärt. Hyperaktive Kinder ohne Verhaltensprobleme hatten in einer Untersuchung gar kein erhöhtes Risiko. Während Phasen mit ADHS-Medikation lag die Straffälligkeit um 32 % bei Männern und um 41 % bei Frauen niedriger als in Phasen ohne Medikation.
Die Kriminalitätsrate unter ADHS-Betroffenen ist deutlich erhöht. In einer schwedischen Gemeindestichprobe (n = 101, Alter 22 Jahre, nie mit Stimulanzien behandelt) waren 19 % der männlichen Probanden mit ADHS und/oder Entwicklungskoordinationsstörung wegen einer Straftat belangt worden, keine der betroffenen Frauen und niemand der Kontrollgruppe. (Kohortenstudie, E 2b)100 In einer US-Stichprobe von Gefängnisinsassen verursachten die auffälligsten 20 % rund 90 % aller Regelverstöße im Vollzug (geschlechtsunabhängig). Eine ADHS-Diagnose war neben Persönlichkeitsstörungen, jüngerem Alter und Drogenkonsum ein Prädiktor für die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. (Querschnittstudie, E 3)101Die „normale Pareto-Verteilung wäre 20 % / 80 %.
Unter dänischen Kindern mit ADHS (n = 206) waren bis zum Alter von 31 Jahren 47 % verurteilt worden; das Risiko einer Verurteilung war 5,6-fach, das einer Verurteilung wegen eines Gewaltdelikts 12,0-fach erhöht.102
- Risiko von Gefängnisstrafen aufgrund von Kriminalität
- 9-faches Risiko (9 % gegenüber 1 %; ehemals hyperaktive Jungen, Follow-up mit 16 bis 23 Jahren, n = 203). Der Zusammenhang war fast vollständig durch eine antisoziale Störung im jungen Erwachsenenalter vermittelt (Kohortenstudie, E 2b)103
- 4,8-faches Risiko (HR 4,8; neuseeländische Geburtskohorte, E 2b)104
- 2,9-faches Risiko (RR 2,9; Metaanalyse, k = 9, n = 15.442, E 1a)105
- Verhaftungen / Festnahmen erhöht
- 21-faches Risiko im Erwachsenenalter für ehemals hyperaktive Jungen mit Verhaltensproblemen (21 % gegenüber 1 %) (Kohortenstudie, E 2b)106
- 4,18-faches Risiko im Jugendalter für hyperaktive Jungen mit Verhaltensproblemen (46 % gegenüber 11 %). Hyperaktive Kinder ohne Verhaltensprobleme hatten kein erhöhtes Risiko (Kohortenstudie, E 2b)106
- 2,4-faches Risiko (OR 2,4; Metaanalyse, k = 98, E 1a)107
- 2,2-faches Risiko (RR 2,2; Metaanalyse, E 1a)105
- 2,06-faches Risiko (37 % gegenüber 18 %; n = 1.001, selbstberichtete Diagnose, Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
- 2,02-faches Risiko einer ersten Straftat für unbehandelte Jungen von 10 bis 17 Jahren mit ADHS (HR 2,02; unter Stimulanzien 1,52-fach; n = 75.650, Kohortenstudie, E 2b)109
- Verurteilungen wegen Straftaten
Wissenschaftlich: ADHS-Anteil unter Gefängnisinsassen nach Einzelstudien
Deutlich erhöhte ADHS-Quote bei Gefängnisinsassen:
-
25,5 % (klinisches Interview) bis 43,3 % (Screening) (Metaanalyse, k = 42, n = 26.641, E 1a)111
- Jugendliche 30,1 %, 5-fach (+ 400 %)
- Erwachsene 26,2 %, 10-fach (+ 900 %)
-
bis 72 % der Gefängnisinsassen in asiatischen, westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten (Kongressbericht, Sekundärzitat ohne Primärquelle) (Buchkapitel, E 4)112
-
59 % der schulisch zurückgebliebenen jugendlichen Straftäter in Taiwan (36 % ADHS allein, 12 % mit Störung des Sozialverhaltens, 11 % mit affektiver Störung; n = 166 Straftäter insgesamt, Querschnittstudie, E 3)113
-
(E 3): 14 % bis 45 % (Buchkapitel, E 4)114 (Fall-Kontroll-Studie, E 3)115
-
20 bis 30 % aller jungen erwachsenen Gefängnisinsassen (Hintergrundangabe eines Studienprotokolls, E 1b)116
-
27,6 % von 146 untersuchten Sexualstraftätern (WURS 90 Pkt.; unveröffentlichter Vortrag, E 4)117
-
25,5 % von 102 männlichen Häftlingen in Utah (USA) (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)118
-
(E 1a): 25 % (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)119 (Review, E 1a)120
-
22 % der Patienten in forensischer Psychiatrie (n = 86; unveröffentlichter Vortrag, E 4)121
-
17,5 % JVA-Häftlinge (n = 244; unveröffentlichter Vortrag, E 4)117
-
17,3 % der männlichen und 17,5 % der weiblichen jugendlichen Häftlinge (Metaanalyse, k = 47, E 1a)122
-
17 % von 100 jungen Männern in Litauen, die wegen leichter bis mittlerer Straftaten einsaßen, zeigten klinisch relevante ADHS-Symptome (Screening). (Querschnittstudie, E 3)123 Sie waren jünger, erhielten seltener Vergünstigungen im Vollzug und wiesen häufiger dysfunktionale Persönlichkeitsmerkmale auf. Keiner von ihnen hatte zuvor eine ADHS-Diagnose erhalten.
-
9,1 % von 55 untersuchten irischen Häftlingen (unveröffentlichter Vortrag, E 4)124
-
1 % hyperkinetische Störung (ICD-10) neben 31 % Störung des Sozialverhaltens bei 100 dänischen Untersuchungshäftlingen von 15 bis 17 Jahren (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)125
Bei schwedischen Langzeithäftlingen mit ADHS (n = 30) berichteten alle eine Substanzgebrauchsstörung in der Lebenszeit. Amphetamin war dabei die am häufigsten konsumierte Droge. (Fall-Kontroll-Studie, E 3)126127Amfetamin ist zugleich der Wirkstoff mit der höchsten Effektstärke bei ADHS im Erwachsenenalter (Netzwerk-Metaanalyse: Amphetamine SMD -0,79 gegenüber Methylphenidat -0,49).128
Wissenschaftlich: Kriminogene Denkweisen und ADHS-Symptomatik
Eine Untersuchung über die Korrelation von ADHS-Symptomen und kriminogenen Denkweisen (Gemeindestichprobe Erwachsener, Selbstbericht) fand, dass (Querschnittstudie, E 3)129
- Unaufmerksamkeit konsequent und stark mit kriminogenen Denkweisen verbunden war, insbesondere mit
- Cutoff
- kognitiver Trägheit
- Diskontinuität
- Impulsivität positiv mit kriminogenen Denkweisen korrelierte, und zwar mit
- Machtorientierung
- Hyperaktivität nicht mit kriminogenen Denkweisen verbunden war
Während Phasen mit ADHS-Medikation war die Kriminalitätsrate von ADHS-Betroffenen niedriger als in Phasen ohne Medikation (n = 25.656, Kohortenstudie, E 2b)130
- bei Männern um 32 % (HR 0,68)
- bei Frauen um 41 % (HR 0,59)
Wissenschaftlich: Belastende Kindheitserfahrungen als Bindeglied zur Delinquenz
In einer finnischen Registerstudie (n = 1.006.028; Geburtsjahrgänge 1987 bis 2003, polizeilich erfasste Gewaltdelinquenz im Alter von 15 bis 17 Jahren) waren alle sechs erfassten belastenden Kindheitserfahrungen (ACEs) mit Gewaltdelinquenz assoziiert, am stärksten ein Gewaltdelikt eines Elternteils (OR 4,24 bis 5,85 je nach Geburtsjahrgang) und mindestens dreijähriger Sozialhilfebezug der Familie (OR 3,65 bis 6,07), am schwächsten der Tod eines Elternteils (OR 1,52 bis 2,49). Bei Jugendlichen ohne ACE lag die Rate der Gewaltdelinquenz bei 0,60 % bis 1,14 %, bei vier oder mehr ACEs bei 5,40 % bis 8,59 % (OR 7,10 bis 10,5 gegenüber keiner ACE). (Kohortenstudie, E 2b)131 Ein systematisches Review über 13 Länder fand bei Jugendlichen mit Justizkontakt mehr als 12-fach erhöhte Odds, mindestens eine ACE erlebt zu haben. (E 1a): 87 % der Jugendlichen mit Justizkontakt hatten mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt (Systematischer Review, E 1a).132 Jugendliche mit ADHS, die in der Kindheit moderat bis schwer misshandelt worden waren, wurden 3,5-mal so häufig verhaftet wie Jugendliche mit ADHS ohne Misshandlung (n = 88), unabhängig von einer Störung des Sozialverhaltens. (Kohortenstudie, E 2b)133 Kindheitstraumata sind ein Risikofaktor für ADHS. (Systematisches Review, E 1a)94
1.5. Komorbide Gesundheitsprobleme
Bedeutung für Betroffene
Bei ADHS treten viele weitere Erkrankungen häufiger auf. In einer schwedischen Untersuchung war das Risiko bei 34 von 35 geprüften körperlichen Erkrankungen erhöht. Besonders häufig sind Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Suchterkrankungen und Schlafprobleme. Auch Karies, Parodontitis, Infektionen und Atemwegserkrankungen kommen öfter vor. Ein Teil dieser Zusammenhänge beruht auf gemeinsamen erblichen Anlagen. Ein anderer Teil entsteht im Alltag, etwa durch Zahnpflege, Ernährung, Bewegung und den Umgang mit Arztterminen. Gerade dieser zweite Teil ist beeinflussbar, weshalb Vorsorgeuntersuchungen bei ADHS besonders bedeutsam sind.
Wissenschaftlich: Mendelsche Randomisierung zu kausalen Zusammenhängen
Eine Netzwerk-Mendelsche-Randomisierungsstudie fand Hinweise auf eine kausale Wirkung der genetischen ADHS-Veranlagung auf ein erhöhtes Risiko von:(Mendelsche Randomisierung, E 2b)134
- schwerer klinischer Depression (Major Depression; OR 1,09; der Zusammenhang war bidirektional, in umgekehrter Richtung OR 1,76)
- posttraumatischer Belastungsstörung (OR 1,18)
- Suizidversuchen (OR 1,30)
- Anorexia nervosa (OR 1,28)
Es fanden sich keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen ADHS und:(Mendelsche Randomisierung, E 2b)134
- bipolarer Störung
- Angst
- Schizophrenie
Frauen mit einer ADHS-Diagnose in der Kindheit hatten im Alter von 18 bis 32 Jahren ein 2,38-faches Risiko für Multimorbidität, also mindestens zwei chronische Erkrankungen (OR 2,38; 95 % KI 1,8 bis 3,2; unadjustiert OR 3,10). Kam eine sozioökonomische Benachteiligung in der Kindheit hinzu, stieg das Risiko auf das 3,91-fache (95 % KI 2,4 bis 6,9); 39 % der Krankheitslast der doppelt Belasteten entfielen rechnerisch auf das Zusammenwirken beider Faktoren. (Registerkohorte Wales, propensity-score-gematcht, N = 122.480 Frauen, E 2b)135
1.5.1. Psychische Erkrankungen
Unter 166 stationär behandelten erwachsenen psychiatrischen Patienten einer deutschen Klinik fand sich per Fragebogenscreening bei 59 % ein ADHS (schwere Symptomatik: 33 %). (Querschnittstudie, E 3)136
1.5.1.1. Neurodegenerative Erkrankungen (bis + 500 %)
Ein Review nannte ein bis zu 5-fach erhöhtes Risiko neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere von Lewy-Körper-Erkrankungen. (Review, E 1a)137
Ein systematisches Review (k = 16) fand in 7 Studien einen positiven Zusammenhang zwischen ADHS und neurokognitiven Störungen (Gesamtdemenz in 4, Alzheimer in 3, Lewy-Körper-Demenz in 2, leichte kognitive Störung in 1 Studie). 4 Studien fanden keinen Zusammenhang, 5 weitere untersuchten Mechanismen. Das absolute Risiko war gering. (Systematisches Review, E 1a)138
Wissenschaftlich: Demenzformen, Parkinson und Alzheimer im Einzelnen
1.5.1.1.1. Demenz (bis + 500 %)
Das Gesamtdemenzrisiko bei ADHS ist erhöht
- 4-fach (adjustierte HR 4,01; rohe HR 3,42; taiwanesische Kohortenstudie, n = 675 Erwachsene mit ADHS vs. (E 1a): 2.025 Kontrollen, 10 Jahre Nachbeobachtung, E 2b)139 (Metaanalyse, E 1a)140
- 2,8- bis 2,9-fach in weiteren Kohortenstudien (Sekundärzitat über das Review Hedges et al., E 1a)140
- 2,23-fach (deutsche Krankenkassendaten, n = 87.394 ADHS-Betroffene, Querschnittstudie, E 3)141
Vaskuläre Demenz bewirkt schwere kognitive Beeinträchtigungen, die das tägliche Funktionieren beeinträchtigen, und kann durch bildgebende Verfahren diagnostiziert werden. (Metaanalyse, E 1a)142
Für ADHS-Betroffene wurde ein 6-fach erhöhtes Risiko einer vaskulären Demenz berichtet (Tzeng et al. (Kohortenstudie, E 2b)139, zitiert nach Becker et al. 2023 (Metaanalyse, E 1a)142, und zwar unabhängig von weiteren Risikofaktoren einer vaskulären Demenz wie Diabetes, Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit oder Schlaganfall. Die Autoren der Primärstudie stuften ihre Auswertung nach Demenzform wegen der geringen Fallzahlen je Subtyp als nicht belastbar ein.
Ursache für das erhöhte Risiko für vaskuläre Demenz könnte der schlechtere kardio- und zerebrovaskuläre Gesundheitszustand von Erwachsenen mit ADHS sein. (Metaanalyse, E 1a)142
Das Risiko für eine Lewy-Body-Demenz / Lewy-Körper-Demenz ist bei ADHS erhöht (Review, E 1a)143, wobei die Risikoerhöhung in einer Kohortenstudie nur 6 % betrug (IRR 1,06; Sekundärzitat über das Review Becker et al. (E 1a): 2023 (Metaanalyse, E 1a)142), während dieselbe Autorengruppe in einer früheren Veröffentlichung gerade für Lewy-Körper-Erkrankungen eine bis zu 5-fache Erhöhung nannte. (Review, E 1a)137
Patienten mit Lewy-Körper-Demenz wiesen 5,1-mal häufiger vorausgehende ADHS-Symptome im Erwachsenenalter auf als alters-, geschlechts- und bildungsgematchte Kontrollen (47,8 % vs. 15,1 %; OR 5,1) und 4,9-mal häufiger als Alzheimer-Patienten (OR 4,9; Fall-Kontroll-Studie, n = 509, E 3).144
In einer prospektiven Kohorte einer kognitiv-neurologischen Ambulanz entwickelten über bis zu 15 Jahre 27 von 161 Erwachsenen mit ADHS eine Demenz gegenüber 4 von 109 Erwachsenen ohne ADHS. Häufigste Form war die Lewy-Körper-Demenz (20 Fälle, davon 19 in der ADHS-Gruppe). Adjustiert betrug das Risiko für eine Demenz das 3,33-fache (95 % KI 1,09 bis 10,17) und für eine Lewy-Körper-Erkrankung das 54,54-fache (95 % KI 7,48 bis 397,50); das sehr weite Konfidenzintervall spiegelt die geringe Fallzahl. Eine nicht-amnestische leichte kognitive Störung trat bei 67,1 % der ADHS-Gruppe und bei 17,4 % der Kontrollen auf. (prospektive Kohortenstudie, N = 270, davon n = 161 mit ADHS, E 2b)145
1.5.1.1.2. Parkinson (bis + 421 %)
Parkinson:
- 5,21-fach (deutsche Krankenkassendaten, n = 87.394 ADHS-Betroffene, Querschnittstudie, E 3)141
- 1,5- bis 2,6-fach (Kohortenstudien, Review, E 2b)142
- 1,33-fach (HR 1,33; n = 13.098, ab 50 Jahren, Kohortenstudie, E 2b)146
Parkinson-Betroffene hatten in einer 3,65-fach häufiger eine vorbestehende ADHS-Diagnose als gematchte Kontrollen (OR 3,65; 95 % KI 2,26 bis 10,50; adjustiert für Alter, Geschlecht und Komorbiditätsindex). Die Assoziation beruht auf 14 gegenüber 5 ADHS-Diagnosen. Roh berichteten die Autoren einen 2,8-fachen Wert. (Fall-Kontroll-Studie an taiwanesischer Krankenversicherungsstichprobe, N = 21.452, davon n = 19 mit ADHS-Diagnose, E 3) 147 (Review, E 2b)142
Bei ADHS-Betroffenen mit Parkinson war Parkinson früher aufgetreten als bei Parkinsonbetroffenen ohne ADHS. (Kohortenstudie, E 2b)146
1.5.1.1.3. Alzheimer (Eigenrisiko nicht signifikant erhöht; Eltern von Betroffenen + 55 %)
Bei Alzheimer-Patienten waren vorausgehende ADHS-Symptome im Erwachsenenalter nicht häufiger als bei Kontrollen (15,2 % vs. (E 1a): 15,1 %; Fall-Kontroll-Studie, n = 509, E 3).144 Ein systematisches Review fand in keiner Kohorten- oder Fall-Kontroll-Studie einen signifikanten Zusammenhang zwischen ADHS und Alzheimer. (Metaanalyse, E 1a)142
Bei 212 kognitiv unbeeinträchtigten älteren Erwachsenen (55 bis 90 Jahre) ohne ADHS-Diagnose korrelierteein höherer polygener ADHS-Risikoscore (PRS) mit stärkerem kognitivem Abbau über 6 Jahre und mit Biomarkern der Alzheimer-Pathophysiologie (Liquor-p-tau181, frontoparietale Atrophie), vor allem bei Amyloid-positiven Personen. (Kohortenstudie, E 2b)148
Eltern von ADHS-Betroffenen zeigten in einer schwedischen Mehrgenerationen-Kohortenstudie (N = 2.132.929) ein um 55 % erhöhtes Risiko von Alzheimer (HR 1,55). Bei Großeltern sowie Onkeln und Tanten war das Risiko in geringerem Maße erhöht. (Kohortenstudie, E 2b)149
1.5.1.2. Depression (bis + 450 %)
Wissenschaftlich: Einzelstudien zum Depressionsrisiko
- Bis zu 50 % der ADHS-Betroffenen erlitten vor dem Erwachsenenalter mindestens eine Episode einer Major Depression, rund 5,5-mal so häufig wie Nichtbetroffene (Sekundärzitat eines Buchkapitels nach der Metaanalyse von Angold, Costello, Erkanli 1999 150, dort OR 5,5; 95 % KI 3,5 bis 8,4, E 4).151
- Eine Mendelsche Randomisierungsstudie fand einen kausalen Effekt der genetischen ADHS-Veranlagung auf Major Depression. (Mendelsche Randomisierung, E 2b)152
- 4,12-faches Risiko einer Major Depression (schwedischer Geschwistervergleich, N = 1.018.489; HR 4,12). Eine Mendelsche Randomisierung derselben Studie fand einen kausalen Effekt (OR 1,15) (Mendelsche Randomisierung, E 2b)153
- 3,19-faches Risiko einer schweren Depression bei ins Erwachsenenalter persistierendem ADHS (Metaanalyse, E 1a)154
- 5,1-faches Risiko einer Major Depression bei Mädchen mit ADHS im Jugendalter, nach Adjustierung für psychiatrische Komorbidität 2,5-fach (n = 140 vs. 122 bei Baseline, 123 vs. 112 beim 5-Jahres-Follow-up; Lebenszeitprävalenz 65 % vs. 21 %, Kohortenstudie, E 2b)155
- (E 2b): 2,46-faches Risiko (+ 146 %) affektiver Störungen bis zum Alter von 33 Jahren bei ADHS-Diagnose bis 18 Jahre in der finnischen Geburtskohorte 1987 (n = 53.147; 228 ADHS-Diagnosen = 0,43 %; Preprint, E 2b)156 (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)68. Die ADHS-Prävalenz ist aufgrund der damals selten erfolgten Diagnostik von ADHS niedrig.
- 2,3-faches Risiko (Metastudie, k = 98, E 1a)107
- 2,27-faches Risiko depressiver Störungen (RR 2,27) und 2,2-faches Risiko einer Major Depression (RR 2,20) bei Kindern und Jugendlichen (Metastudie, k = 33, E 1a)157
- ADHS-Symptome im Kindesalter (7,5 Jahre) waren in einer britischen Kohorte (n = 2.950) mit einem erhöhten Risiko klinisch relevanter depressiver Symptome im späten Jugendalter (17,5 Jahre) assoziiert (OR 1,27). (Kohortenstudie, E 2b)158
- Komorbiditäten erhöhen Risiko zusätzlich:
- 7,9-faches Risiko klinisch relevanter Depressionssymptome bei ADHS und einer erlittenen Gehirnerschütterung (College-Sportler, n = 324, Querschnittsstudie, E 3)159
Eine Metaanalyse (k = 24) fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS eine gepoolte Depressionsrate von 11,3 % (Mädchen 20,9 %, Jungen 9,0 %). In den 7 Fall-Kontroll-Studien lag sie mit 12 % signifikant über der neurotypischer Gleichaltriger (2 %). (Metaanalyse, E 1a)160
Frauen mit ADHS (n = 13.588) hatten gegenüber Frauen ohne ADHS (n = 474.789) nach Adjustierung ein erhöhtes Risiko (Kohortenstudie, E 2b)161
- um 14 % für eine affektive Störung 6 Wochen nach der Geburt
- um 21 % bis 24 % für eine affektive, Angst- oder stressbezogene Störung 12 Monate nach der Geburt
1.5.1.3. Angststörungen (bis + 399 %)
- 1,2 bis 3,3-faches Risiko von Angststörungen. (E 4): Lebenszeitprävalenz 10 bis 15 % Gesamtbevölkerung,(Informationsflyer einer Klinik, E 4)162 , 12 bis 50 % bei ADHS (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)40
- 1,68-faches Risiko spezifischer Phobien (RR 1,68; Metastudie, Kinder und Jugendliche, E 1a)157
- 1,71-faches Risiko für Sozialphobie (RR 1,71; Metastudie, Kinder und Jugendliche, E 1a)157
- 4,99-faches Risiko für Agoraphobie (Platzangst) (RR 4,99; Metastudie, Kinder und Jugendliche, E 1a)157
- Komorbiditäten erhöhen Risiko weiter
- 16,4-faches Risiko klinisch relevanter Angstsymptome (Zustandsangst) bei ADHS und einer erlittenen Gehirnerschütterung (College-Sportler, n = 324, Querschnittsstudie, E 3)159
1.5.1.4. Epilepsie (+ 365 %)
(E 2b): 4,65-faches Risiko (+ 365 %) bis zum Alter von 33 Jahren (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)156 (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)68 bei ADHS-Diagnose bis 18 Jahre in der finnischen Geburtskohorte 1987 (n = 53.147; Preprint). Die ADHS-Prävalenz (0,43 %) ist aufgrund der damals selten erfolgten Diagnostik von ADHS niedrig.
1.5.1.5. Essstörungen, Adipositas (bis + 260 %)
- 3,6-faches Risiko für Essstörungen (Anorexia oder Bulimia nervosa) bei Mädchen mit ADHS (5-Jahres-Follow-up) (Kohortenstudie, E 2b)163
- Adipositas (2-faches Risiko; Sekundärzitat über einen Gastbeitrag von Barkley 2019) (Gastbeitrag in einer Ärztezeitschrift, E 4)164
- ADHS-Symptome in der frühen Kindheit waren mit einem erhöhten Risiko assoziiert (Kohortenstudie, E 2b)165
- eines hohen BMI in der mittleren Kindheit um 19 % (OR 1,19) und in der Adoleszenz um 14 % (OR 1,14)
- Eine Metaanalyse (k = 9, N = 58.296 Kinder und Jugendliche) fand eine Assoziation zwischen Junkfood-Konsum (gesüßte Getränke, Süßigkeiten) und ADHS-Symptomen (OR 1,24). Die Richtung des Zusammenhangs bleibt offen. (Metaanalyse, E 1a)166
1.5.1.6. Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS (+ 137 %)
ADHS-Betroffene hatten das 2,37-fache Risiko einer Posttraumatischen Belastungsstörung gegenüber ihren nicht ADHS-diagnostizierten Geschwistern (HR 2,37; n = 2.082.118). Eine Mendelsche Randomisierung derselben Arbeit stützte einen kausalen Effekt von ADHS auf PTBS. (Mendelsche Randomisierung, E 2b)167
1.5.1.7. Neurotische Störungen (+ 112 %)
(E 2b): 2,12-faches Risiko (+ 112 %) bis zum Alter von 33 Jahren (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)156 (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)68 bei ADHS-Diagnose bis 18 Jahre in der finnischen Geburtskohorte 1987 (n = 53.147; Preprint). Die ADHS-Prävalenz (0,43 %) ist aufgrund der damals selten erfolgten Diagnostik von ADHS niedrig.
1.5.1.8. Kognitive Beeinträchtigungen
In einer Langzeitbeobachtung von Kindern mit ADHS (n = 39), Kindern mit subklinischem ADHS (n = 79), Kindern mit perinatalen Risiken ohne ADHS (n = 255) und unbelasteten Kindern (n = 69) wurden diese im Alter von 40 Jahren in den Bereichen verbales Denken, Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen und Geschwindigkeit untersucht. Dabei zeigten:(Kohortenstudie, E 2b)168
- Teilnehmer, die als Kind ADHS hatten
- geringere Leistungen in 13 von 21 Messgrößen
- 23 % zeigten defizitäre Leistungen in drei oder mehr kognitiven Domänen (versus 4 bis 6 % in den anderen drei Gruppen)
- Teilnehmer, die als Kind subklinisches ADHS hatten:
- geringere Leistungen in 5 der 21 Messgrößen
1.5.1.9. Risikoverhalten
(E 1a): Erhöhtes Risikoverhalten (Querschnittstudie, E 3)169 ADHS ist mit Risikoverhalten in mehreren Lebensbereichen assoziiert, z. B. riskantem Fahren, Substanzkonsum und ungeschütztem Geschlechtsverkehr. (Review, E 1a)170
1.5.2. Körperliche Erkrankungen
- erhöhtes Risiko für die meisten körperlichen Erkrankungen (34 [97 %] von 35 untersuchten Krankheiten), geschlechtsunabhängig (Kohortenstudie, E 2b)171
1.5.2.1. Suchtrisiko (bis + 761 %)
- Drogenkonsum erhöht, auch ohne Drogenabhängigkeit: In einer US-Befragung von Erwachsenen im Erwerbsalter (N = 7.044) war der Konsum illegaler Drogen und der Missbrauch verschreibungspflichtiger Medikamente bei ADHS in allen 11 untersuchten Kategorien erhöht (AOR 1,63 bis 3,33), auch bei Personen ohne Drogenkonsumstörung (AOR 1,54 bis 3,48) (Querschnittstudie, E 3)172
- (E 1a): Alkoholkonsum erhöht. (Querschnittstudie, E 3)46 Die Mehrheit der Untersuchungen über ADHS und Alkoholmissbrauch fand eine positive Korrelation, eine Minderheit gegenteilige Ergebnisse (Review, E 1a).173
- 1,5- bis 7,9-faches Risiko (+ 50 % bis + 690 %) einer Substanzkonsumstörung bei Erwachsenen je nach Substanz und Schweregrad der Abhängigkeit (Review, E 1a)176
- Hyperaktivitäts-/Aufmerksamkeitsprobleme mit 11 Jahren korrelierten im Alter von 24 Jahren mit (Großbritannien, ALSPAC) (Kohortenstudie, E 2b)177
- 4,35-fachem Risiko für schwere Alkoholkonsumstörung
- 1,75-fachem Risiko für jegliche Alkoholkonsumstörung
- 2,09-fachem Risiko für Alkoholabhängigkeitssymptome
- 1,63-fachem Risiko für Alkoholmissbrauchssymptome
- 2,72-fachem Risiko für schwere Alkoholkonsumstörung auch nach zusätzlicher Berücksichtigung einer komorbiden Störung des Sozialverhaltens (95 % KI 1,13 bis 6,53). Für milde und moderate Alkoholkonsumstörungen bestand kein Zusammenhang
- (E 1b): Rauchen häufiger (Querschnittstudie, E 3)46 (RCT, E 1b)178 (Zwillingsstudie, E 2b)179 (Querschnittstudie, E 3)180 (Mendelsche Randomisierung, E 2b)152
- 8,61-faches Risiko einer Nikotinabhängigkeit bei Jugendlichen mit ADHS (HR 8,61; 95 % KI 2,44 bis 30,34; + 761 %) (Kohortenstudie, E 2b)181
- 2- bis 3-faches Risiko für Jugendliche (+ 100 bis + 200 %; Review, E 1a)182
- (E 1a): 2,36-faches Risiko (+ 136 %; Metaanalyse, E 1a)175 (Systematisches Review, E 1a)182
- 2,15-faches Risiko zu rauchen bei Jugendlichen (OR 2,15; + 115 %) (Querschnittstudie, E 3)174
- etwa 2-fach so häufig bei Jugendlichen und 1,5-fach bei Erwachsenen mit ADHS (Review, E 1a)183
- 1,5- bis 1,7-faches Risiko für den Beginn von Zigaretten-, E-Zigaretten- oder sonstigem Tabakkonsum bei Jugendlichen mit 3 oder mehr ADHS-Symptomen (AOR 1,52 bis 1,72; n = 13.572). Bei symptomfreiem ADHS war das Risiko nicht erhöht (Kohortenstudie, E 2b)184
- 1,6-faches Risiko (+ 60 %), im Alter von 44/45 Jahren aktuell zu rauchen, bei ADHS-Problemen im Alter von 7 Jahren (OR 1,6; 95 % KI 1,2 bis 2,1) (Kohortenstudie, E 2b)185
- eine Studie an College-Studierenden (18 bis 26 Jahre, n = 2.592) fand keinen Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Tabakkonsumverläufen (Kohortenstudie, E 2b)186
- Umgekehrt zeigten junge erwachsene Raucher doppelt so häufig ein positives ADHS-Screening (ASRS) wie Nichtraucher (n = 389, Querschnittstudie, E 3).187
- Cannabis
- Substanzabhängigkeit (Sucht) (Review, E 1a)189
- 2,27-faches Risiko (OR 2,27; 99,7 % KI 1,28 bis 3,81; + 127 %) einer Substanzkonsumstörung im Alter von 19 bis 33 Jahren bei ADHS-Diagnose bis zum 18. (E 2b): Lebensjahr in der finnischen Geburtskohorte 1987 (n = 53.147; Preprint, E 2b)156 (Kohortenstudie, Preprint, E 2b)68. Die ADHS-Prävalenz von 0,43 % ist aufgrund der damals selten erfolgten Diagnostik von ADHS niedrig.
- 2,12-faches Risiko einer Substanzkonsumstörung bei bis ins Erwachsenenalter persistierendem gegenüber remittiertem ADHS (OR 2,12; 95 % KI 1,53 bis 3,17; Metaanalyse, k = 36, E 1a)154
- 1,77-faches Risiko einer Substanzkonsumstörung bei Jugendlichen mit ADHS (HR 1,77; 95 % KI 1,05 bis 3,00) (Kohortenstudie, E 2b)190
1.5.2.2. Sexuell übertragbare Krankheiten (+ 300 %)
ADHS korreliert mit einem erhöhten Risiko sexuell übertragbarer Krankheiten (systematisches Review, E 1a).191
Hyperaktive Kinder (n = 149) wurden bis zum mittleren Alter von 20 Jahren 4-mal so häufig gegen sexuell übertragbare Krankheiten behandelt wie Kontrollen (N = 221, n = 149; 16 % vs. 4 %, Kohortenstudie, E 2b).192
1.5.2.3. Atemwegserkrankungen (bis + 224 %)
- Erkrankungen der Atemwege waren 2,42- bis 3,24-fach häufiger (OR). Die Assoziationen wurden zu 60 bis 69 % durch gemeinsame genetische Faktoren erklärt (Schweden, N = 4.789.799, Kohortenstudie, E 2b)171, z.B.:
- Asthma
- chronisch obstruktive Lungenerkrankung
1.5.2.4. Schlaganfallrisiko (bis + 189 %)
Bei ADHS ist das Schlaganfallrisiko erhöht.
- Genetische Veranlagung zu ADHS ging in einer Mendel-Randomisierungsstudie einher mit einem erhöhten Risiko für
- Risiko für akuten ischämischen Schlaganfall oder transitorische ischämische Attacke bei Erwachsenen mit ADHS erhöht (HR; Deutschland, n = 8.943 mit ADHS vs. 44.660 Kontrollen, 10 Jahre, Kohortenstudie, E 2b)194
- um 69 %
- um 134 % im Alter von > 45 Jahren
- um 86 % bei Adipositas
- um 118 % bei Hypertonie
- um 189 % bei Dyslipidämie
1.5.2.5. Infektionen (bis + 180%)
- Infektionen im Kindesalter erhöht (5 bis 18 Jahre; Israel, n = 18.756 mit ADHS vs. 37.512 Kontrollen, Fall-Kontroll-Studie, E 3)195
- Salmonellose (OR 2,8; 180 % häufiger)
- Akute Atemwegsinfektionen (OR 1,4; 40 % häufiger)
- Akute Gastroenteritis (OR 1,3; 30 % häufiger)
- Harnwegsinfektionen (OR 1,3; 30 % häufiger)
- Alle Antiinfektiva wurden Kindern mit ADHS signifikant häufiger verschrieben
- Die Zahl der Arztbesuche war bei Kindern mit ADHS signifikant höher.
Bakterielle oder Virusinfektionen können auch eine Mitursache von ADHS sein. Mehr hierzu unter Krankheiten als ADHS-Risikofaktoren
1.5.2.6. Parodontitis (+ 129 %)
Jugendliche mit ADHS hatten ein 2,29-faches Risiko (HR 2,29; Taiwan; adjustiert für Rauchen, Diabetes und Depression), im späteren Leben an Parodontitis zu erkranken, gegenüber Kontrollpersonen. (Kohortenstudie, N = 178.321, E 2b)196
1.5.2.7. Fatigue (+ 118 %)
Kinder mit ADHS-Traits (über dem Screening-Schwellenwert) im Alter von 7 und 9 Jahren hatten die 2,18-fache Wahrscheinlichkeit (OR 2,18; 95 % KI 1,33 bis 3,56), im Alter von 18 Jahren an chronischer, behindernder Fatigue zu leiden. Kinder mit ASS-Traits: OR 1,78 (95 % KI 1,17 bis 2,72; Großbritannien, ALSPAC). (Kohortenstudie, E 2b)197
1.5.2.8. Karies (+ 116 %)
Kinder mit ADHS-Symptomen in Spanien (n = 3.402, 6 bis 14 Jahre) hatten ein höheres Risiko für:(Querschnittstudie, E 3)198
- Karies (OR: 2,16)
- Extraktion (OR: 1,42)
- Restauration (OR: 1,47)
- Zahnfleischbluten (OR: 1,64)
Das erhöhte Kariesrisiko bestand auch bei einer Beschränkung der Analysen auf Familien der mittleren/höheren sozialen Schicht und Kinder mit geringem Zuckerkonsum, gutem Mundhygieneverhalten und regelmäßigen Zahnarztbesuchen.
Chinesische Kinder mit ADHS (6 bis 12 Jahre) hatten 1,54-mal so häufig Karies wie gleichaltrige Kontrollen (80,8 % versus 52,5 %) und einen höheren Median des Kariesindex DMFT+dmft (3 vs. 1). Plaqueindex und modifizierter Gingivaindex lagen ebenfalls höher (Median jeweils 2 vs. 1), der Anteil versiegelter Fissuren deutlich niedriger (6,2 % vs. 47,3 %). In der multivariaten Analyse waren häufiger Süßigkeitenkonsum und Methylphenidateinnahme mit höheren Kariesodds verbunden; die Konfidenzintervalle waren jedoch extrem weit (Methylphenidat aOR 39,65; 95 % KI 15,79 bis 271; Süßigkeiten aOR 84,54; 95 % KI 12,2 bis 584), sodass die Autoren selbst vor einer Quantifizierung und vor Kausalschlüssen warnen. Ein Hochschulabschluss der Eltern ging mit geringeren Kariesodds einher (aOR 0,10). (Fall-Kontroll-Studie, n = 130 mit ADHS gegenüber 143 Kontrollen, E 3)199
ADHS-Symptome in der mittleren Kindheit (6 bis 12 Jahre) gingen mit einem um 10 % erhöhten Risiko für Karies im Jugendalter einher (OR 1,10; 95 % KI 1,01 bis 1,20). (Kohortenstudie, E 2b)165
1.5.2.9. Ungesunder Lebensstil (+ 103 %)
2,03-faches Risiko eines ungesunden Lebensstils bei Jugendlichen (OR = 2,03; + 103 %) (Querschnittstudie, E 3)174
1.5.2.10. Vorzeitige Pubertät (+ 101 %)
(E 2b): ADHS ging mit einem um 101 % erhöhten Risiko einer vorzeitigen Pubertät einher (aHR 2,01; 95 % KI 1,91 bis 2,11; Taiwan, N = 3.342.077), insbesondere bei Mädchen. (Kohortenstudie, E 2b)200 Bei ASS war das Risiko um 80 % erhöht (aHR 1,80), auch hier insbesondere bei Mädchen. (Kohortenstudie, E 2b)201
1.5.2.11. Geburtskomplikationen bei Müttern mit ADHS (meist + 20 % bis + 80 %)
Mütter mit ADHS (45.737 identifizierte Schwangeren mit ADHS, 42.916 gematchte Paare) hatten für die meisten Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen ein 1,2- bis 1,8-faches Risiko. Über alle 18 untersuchten Komplikationen reichte die Spanne von OR 1,08 (Anämie) bis OR 2,63 (depressive Episode). Nur für eine HPV-Infektion bestand kein Unterschied (OR 1,03; p = 0,77). (Kohortenstudie, E 2b)202
In einer dänischen Registerkohorte aller Einlingsgeburten der Jahre 2010 bis 2022 war ein vor der Geburt diagnostiziertes ADHS der Mutter nach Adjustierung für soziodemografische Merkmale, psychiatrische Vorgeschichte und somatische Komorbidität mit Frühgeburt (aRR 1,13; 95 % KI 1,04 bis 1,22), niedrigem Geburtsgewicht (aRR 1,19; 1,09 bis 1,30) und Blutungen in der Frühschwangerschaft (aRR 1,15; 1,08 bis 1,25) verbunden. Bei erst nach der Geburt diagnostiziertem ADHS fanden sich erhöhte Raten für Infektionen (aRR 1,19), Hyperemesis (aRR 1,23) und einen Apgar-Wert unter 7 (aRR 1,32 bis 1,48). Eine ADHS-Medikation in der Schwangerschaft ging gegenüber Nichteinnahme allein mit Schwangerschaftsbluthochdruck einher (erstes Trimenon aRR 1,57; 1,21 bis 2,02; fortgesetzte Einnahme aRR 1,39; 1,01 bis 1,91). Die Erhöhungen fielen insgesamt gering aus; die Autoren weisen auf mögliche Restkonfundierung hin. (Registerkohorte, N = 741.905 Geburten, davon n = 12.859 mit vor und n = 15.683 mit nach der Geburt diagnostiziertem mütterlichem ADHS, E 2b)203
1.5.2.12. Atopische Dermatitis (+ 45 %)
45 % erhöhtes Risiko einer atopischen Dermatitis bei ADHS (OR 1,45; 95 % KI 1,21 bis 1,73). Ebenso hatten Menschen mit atopischer Dermatitis häufiger ADHS (OR 1,34; 95 % KI 1,25 bis 1,44; HR 1,42; 95 % KI 1,20 bis 1,68). Am stärksten war der Zusammenhang bei schwerer atopischer Dermatitis (OR 2,62; 95 % KI 1,76 bis 3,92), bei mehreren gleichzeitigen allergischen Erkrankungen (OR 2,89; 95 % KI 1,18 bis 7,10) und bei gleichzeitigen Schlafstörungen (OR 2,43; 95 % KI 2,14 bis 2,76). (Metaanalyse von Beobachtungsstudien, k = 49; E 1a)204
1.5.2.13. Gliome (+ 15 % bis + 33 %)
Genetische Veranlagung zu ADHS ging in einer Mendel-Randomisierungsstudie mit einem 1,15-fachen Risiko für Gliome insgesamt (OR 1,15; 95 % KI 1,01 bis 1,29; nur suggestiv) und einem 1,33-fachen Risiko für Nicht-Glioblastom-Gliome (OR 1,33; 95 % KI 1,12 bis 1,58) einher. (Mendelsche Randomisierung, E 2b)205 Gliome sind Hirntumore, die von Gliazellen ausgehen.
1.5.2.14. Diabetes mellitus Typ 2 (+ 10 %)
Genetische Veranlagung zu ADHS ging in einer Mendel-Randomisierungsstudie mit einem um rund 10 % erhöhten Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 einher (OR 1,10; 95 % KI 1,02 bis 1,18), vermittelt vor allem über höheren BMI, mehr Fernsehkonsum und geringere Bildung. (Mendelsche Randomisierung, E 2b)
1.5.2.15. Leicht erhöhter Blutdruck im Alter
ADHS-Probleme in der Kindheit (Alter 7 Jahre) korrelierten mit einem durchschnittlich um 3,5 mmHg erhöhten systolischen und um 2,2 mmHg erhöhten diastolischen Blutdruck im Alter von 44/45 Jahren (n = 8.016, Kohortenstudie, E 2b).185
1.5.2.16. COVID-19-Risiko höher, Verlauf erschwert
In einer Mendel-Randomisierungsstudie erhöhte genetische Veranlagung zu ADHS das Risiko einer Hospitalisierung wegen COVID-19 (OR 1,36; 95 % KI 1,10 bis 1,69), genetische Veranlagung zu Tourette das Risiko eines kritischen COVID-19-Verlaufs (OR 1,14; 95 % KI 1,04 bis 1,25). (Mendelsche Randomisierung, E 2b)206
1.5.2.17. Komplikationen nach Wirbelsäulenoperation ADHS-Subtypabhängig
Jugendliche mit idiopathischer Skoliose, die eine dorsale Spondylodese erhielten, zeigten in den 90 Tagen nach der Operation je nach ADHS-Subtyp unterschiedliche Verläufe. Bei hyperaktiv-impulsivem ADHS waren Notaufnahmebesuche (OR 1,89) und Harnwegsinfektionen (OR 1,54) häufiger als bei gematchten Nichtbetroffenen. Bei unaufmerksamem ADHS waren unerwünschte Ereignisse insgesamt (OR 0,59), leichte unerwünschte Ereignisse (OR 0,52), Transfusionen (OR 0,50) und Wiederaufnahmen (OR 0,49) seltener. Über alle ADHS-Formen zusammen blieben mehr Notaufnahmebesuche (OR 1,58) und Harnwegsinfektionen (OR 1,41) sowie weniger Transfusionen (OR 0,73). (retrospektive Datenbankstudie, N = 14.466 operierte Jugendliche, davon n = 908 mit hyperaktiv-impulsivem und n = 409 mit unaufmerksamem ADHS, je 1:4 gematcht, E 2b)207
1.5.2.18. Kleinwuchs
- Kinder mit ADHS hatten in der 4. Klasse ein fast 4-fach erhöhtes Odds-Risiko für Kleinwuchs, wuchsen vom Kindergarten bis zur 4. Klasse langsamer und nahmen weniger an BMI zu (n = 7.603). Eine längere Dauer der ADHS-Medikation war mit geringerer Körperhöhe und langsamerem Wachstum assoziiert. (Kohortenstudie, E 2b)208
Wissenschaftlich: Mendelsche Randomisierung (Schlaganfall, Gliomen, Diabetes, Rheumatoide Arthritis bei ADHS)
1.5.2.19. Rheumatoide Arthritis
Betroffene mit rheumatoider Arthritis haben nach Angaben der Autoren ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko psychischer Erkrankungen. Eine genomweite Kreuzmerkmalsanalyse fand zwischen rheumatoider Arthritis und sieben psychischen Störungen signifikante positive genetische Korrelationen, 61 gemeinsame Genorte und 208 gemeinsame Gene, überwiegend aus Immun- und Entzündungsprozessen. Eine Mendelsche Randomisierung stützte eine kausale Rolle von ADHS, Major Depression und posttraumatischer Belastungsstörung für ein erhöhtes Risiko rheumatoider Arthritis sowie eine wechselseitige Beziehung zwischen rheumatoider Arthritis und Schizophrenie. Ein Effektmaß für den Zusammenhang zwischen ADHS und rheumatoider Arthritis ist. (genomweite Kreuzmerkmalsanalyse mit Mendelscher Randomisierung, europäische Abstammung, N = 1.026.690 für rheumatoide Arthritis und n = 14.307 bis 1.222.882 je psychischer Störung, E 2b)209
1.6. Mehr Teenagerschwangerschaften (+ 130 bis + 520 %)
Bedeutung für Betroffene
Schwangerschaften vor dem 20. Lebensjahr sind bei ADHS etwa zwei- bis sechsmal so häufig. Eine längere ADHS-Medikation war mit einem um 31 % geringeren Risiko einer frühen Schwangerschaft verbunden. Als Ursache gilt vor allem die erhöhte Impulsivität, die eine vorausschauende und zuverlässige Verhütung erschwert. Eine Beratung zur Verhütung sollte bei ADHS deshalb früh beginnen und wiederholt werden. Verhütungsmethoden, an die nicht täglich gedacht werden muss, sind dabei im Vorteil.
-
Eine taiwanesische Registerstudie (n = 7.505 Jugendliche mit ADHS, 30.020 Kontrollen) fand bei ADHS ein 2,3-faches Risiko einer Schwangerschaft vor dem 20. Lebensjahr (HR 2,30) und ein 1,27-faches Risiko einer Schwangerschaft bis zum 30. Lebensjahr. Eine langfristige ADHS-Medikation war mit einem um 31 % geringeren Risiko einer frühen Schwangerschaft (HR 0,69) assoziiert. (Kohortenstudie, E 2b)210
-
6,2-faches Risiko einer Geburt im Teenageralter (15,3 % gegenüber 2,8 %; OR 6,23; Registerstudie, n = 384.103 Erstgebärende, E 2b)211
-
38 % der hyperaktiven Probanden der Milwaukee-Studie waren im jungen Erwachsenenalter bereits Eltern gegenüber 4 % der Kontrollgruppe. (Kohortenstudie, E 2b)192
-
Elternschaft bei ADHS (dänische Register-Kohortenstudie, N = 2.698.052, E 2b)212
- im Alter von 12 bis 16 Jahren
- 3,62-faches Risiko bei Frauen mit ADHS 3,62-fach
- 2,30-faches Risiko bei Männern mit ADHS
- im Alter von 17 bis 19 Jahren
- 1,94-faches Risiko bei Frauen mit ADHS
- 2,27-faches Risiko bei Männern mit ADHS
- im Alter von 12 bis 16 Jahren
Alter beim ersten Kind von Eltern mit ADHS: Eltern mit ADHS bekamen im Alter von 18 bis 23 Jahren häufiger ihr erstes Kind, im Alter von 24 bis 30 und von 31 bis 38 Jahren dagegen seltener. Über die Spanne von 18 bis 38 Jahren war die Wahrscheinlichkeit einer ersten Geburt verringert (Männer OR 0,92; Frauen OR 0,90); nach Berücksichtigung der Partnerschaftssituation kehrte sich der Zusammenhang um (Männer OR 1,07; Frauen OR 1,09). Geschwistervergleiche ergaben ähnliche Werte. (Finnische Registerkohorte der Geburtsjahrgänge 1982 bis 1993, N = 759.430, E 2b)213
1.7. Bildungsnachteile
Bedeutung für Betroffene
Schulische Nachteile gehören zu den am besten belegten Folgen von ADHS. In schwedischen Daten erfüllten 37,6 % der Betroffenen die Voraussetzungen für die weiterführende Schule nicht, gegenüber 10,7 % ohne ADHS. Schulabschlüsse werden seltener erreicht, Fehlzeiten und Schulausschlüsse sind häufiger, sonderpädagogischer Förderbedarf besteht deutlich öfter. Diese Nachteile entstehen nicht durch geringere Begabung, sondern durch die Schwierigkeit, vorhandene Fähigkeiten verlässlich abzurufen. Genau hier setzen Nachteilsausgleiche, eine angepasste Lernumgebung und eine frühzeitige Behandlung an.
- Schlechtere Bildungschancen (Mendelsche Randomisierung, E 2b)152
- 94 % der Kinder mit klinisch auffälligen ADHS-Symptomen im Elternfragebogen (SDQ) waren nach Elternangaben im Unterricht beeinträchtigt, 73 bis 82 % zu Hause (US-Bevölkerungsstichprobe, n = 10.255, 4 bis 17 Jahre, Querschnittstudie, E 3)214
- 32 % der hyperaktiven Probanden der Milwaukee-Studie erreichten keinen Highschool-Abschluss (Sekundarschule, 12. Klasse) (Kohortenstudie, E 2b)192. 3,7-fache Odds (OR 3,7; 95 % KI 2,0 bis 7,0), die Highschool nicht abzuschließen (Metaanalyse, k = 98, E 1a)107
- Schlechtere Schulleistungen
- Eine Auswertung schwedischer Register von 657.720 Schulabgängern fand bei ADHS-Betroffenen (n = 29.128) schlechtere Schulleistungen als bei Nichtbetroffenen (Notensumme 136,8 gegenüber 211,0 von maximal 320 Punkten). 37,6 % gegenüber 10,7 % erfüllten die Voraussetzungen für die Sekundarstufe II nicht (AOR 4,70). (Registerstudie, N = 657.720, E 2b, E 2b)215
- Hochschulabschlüsse um 27 % seltener (19 % gegenüber 26 %; Erwachsene mit selbstberichteter ADHS-Diagnose, n = 500, gegenüber 501 Kontrollen, Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
- Highschool-Abschlüsse um 11 % seltener (83 % gegenüber 93 %) (Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
- schlechtere akademische Leistungen bei Studierenden mit kindlichen ADHS-Symptomen (Indien, n = 5.145, Querschnittstudie, E 3)46
- seltener Bachelorabschluss (systematisches Review, k = 6, E 1a)216
- Mehr Schulfehlzeiten (medikamentös behandeltes ADHS, Schottland, n = 766.244, Kohortenstudie, E 2b)217
- bis 10 Jahre: + 7 %
- 11 bis 14 Jahre: + 24 %
- ab 15 Jahren: + 23 %
- Mehr Schulausschlüsse (medikamentös behandeltes ADHS) (Kohortenstudie, E 2b)217
- gesamt 5,79-fach
- 4,97-fach im Quintil mit höchster Deprivation
- 14,75-fach im Quintil mit niedrigster Deprivation
- 5,4-fach bei Jungen
- 9,42-fach bei Mädchen
Wissenschaftlich: Sonderpädagogischer Förderbedarf und polygene Risikoscores
- Erhöhter sonderpädagogischer Förderbedarf (medikamentös behandeltes ADHS) (Kohortenstudie, E 2b)217
- psychische Gesundheit 52,85-fach
- soziale, emotionale und Verhaltensstörungen 19,97-fach
- Autismus-Spektrum-Störung 13,72-fach
- Lernbehinderung 8,10-fach
- körperliche Gesundheit 6,97-fach
- körperliche oder motorische Beeinträchtigung 6,28-fach
- Lernschwierigkeiten 5,44-fach
- Kommunikationsprobleme 4,78-fach
- sensorische Beeinträchtigung 3,62-fach
- ADHS-Symptome im Alter von 7 Jahren waren mit geringerem emotionalem Schulengagement mit 10 und 12 Jahren assoziiert. Der Zusammenhang wurde teilweise durch Schüler-Lehrer-Konflikte vermittelt (n = 498, Kohortenstudie, E 2b).218
- Ein hoher polygener Risikoscore (N = 79.489, Kohortenstudie, E 2b)219
- für ADHS korrelierte mit schlechteren Noten in Sprache und Mathematik
- für Anorexia nervosa oder bipolare Störung korrelierte mit besseren Noten in Sprache und Mathematik
- für Schizophrenie und Major Depression zeigte uneinheitliche Zusammenhänge mit Schulnoten
- für Autismus-Spektrum-Störungen zeigte keinen Zusammenhang mit Schulnoten
In einer norwegischen Registerkohorte von n = 8.051 Kindern und Jugendlichen mit ADHS hatten 32,8 % der Mütter und 31,8 % der Väter nur einen Grundschulabschluss gegenüber durchschnittlich 7,9 % in den Einzugsgebieten der Kliniken. (Kohortenstudie, E 2b)220
In einer norwegischen Registerstudie lag der Notendurchschnitt am Ende der Pflichtschulzeit bei Kindern mit ADHS um 1,11 Standardabweichungen unter dem von Kindern ohne ADHS. Nach Adjustierung für demografische Faktoren blieben 0,87 Standardabweichungen, nach Adjustierung für komorbide psychische Störungen 0,82, nach Berücksichtigung der früheren Schulleistung 0,54 und im Vergleich leiblicher Geschwister 0,60. Der relative Rückstand war bei Mädchen um 22 % größer als bei Jungen und bei Kindern hoch gebildeter Eltern um 39 % größer als bei Kindern von Eltern ohne Schulabschluss; absolut war er dort geringer. Der Rückstand betraf alle Schulfächer. (Registerkohorte mit Geschwistervergleich, N = 344.152, davon 4,0 % mit ADHS, E 2b)221
1.8. Berufliche Nachteile und Einkommensverluste
Bedeutung für Betroffene
Im Berufsleben setzen sich die Nachteile aus der Schulzeit fort. Die Beschäftigungsquote liegt um rund 28 % niedriger, Arbeitslosigkeit ist etwa doppelt so häufig, der Arbeitsplatz wird deutlich öfter gewechselt. Erwachsene mit ADHS gaben einen Verlust an Arbeitsproduktivität von 31,6 % der Arbeitszeit an, gegenüber 19,9 % ohne ADHS. Ungünstig wirken sich vor allem ein niedriger Schulabschluss und zusätzliche psychische Erkrankungen aus. Beides ist durch frühe Unterstützung beeinflussbar. Eine Tätigkeit, die zu den eigenen Stärken passt, und ein offenes Gespräch über notwendige Anpassungen am Arbeitsplatz verbessern die Aussichten erheblich.
- Ein systematisches Review von 6 Längsschnittstudien fand nach kindlichem ADHS eine geringere Arbeitsmarktbeteiligung. Die Evidenzqualität stuften die Autoren als gering ein. (Systematisches Review, E 1a)216
- Ein systematisches Review fand nach kindlichem ADHS durchgängig niedrigere Bildungsabschlüsse, geringere berufliche Positionen, instabilere Beschäftigung und schlechtere Arbeitsleistung sowie niedrigere Jahreseinkommen, häufigeren Bezug öffentlicher Hilfen und ein erhöhtes Wohnungslosigkeitsrisiko. Die Befunde waren unabhängig von Geschlecht, Medikationsvorgeschichte und Symptompersistenz; ältere Studien fanden geringere berufliche Beeinträchtigungen. (Systematisches Review, k = 19 Längsschnittstudien aus 35 Publikationen, E 2b)222
- Persistierendes ADHS ging im Alter von 25 Jahren mit 3,71-fachen Odds einher, weder in Ausbildung noch in Beschäftigung zu sein (NEET; OR 3,71; 95 % KI 2,06 bis 6,67), und mit 2,07-fachen Odds mehrerer ungünstiger sozialer Ergebnisse (OR 2,07; 95 % KI 1,47 bis 2,93). 25 % der Betroffenen mit persistierendem ADHS wiesen mehr als ein solches Ergebnis auf gegenüber 11 % der Personen mit geringer ADHS-Symptomatik. Für in der Kindheit begrenztes ADHS fand sich kein belastbarer Zusammenhang (NEET OR 1,20; nicht signifikant). Die Zusammenhänge blieben über Geschlecht, Haushaltseinkommen der Herkunftsfamilie und nach Ausschluss kindlicher Komorbiditäten bestehen. (Geburtskohorte ALSPAC, N = 6.439, E 2b)223
- Arbeitsplatzwechsel um 59 % erhöht (5,4 gegenüber 3,4 Stellen in 10 Jahren; Vergleich unter den jeweils aktuell Beschäftigten) (Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
- Frauen mit ADHS waren in einer japanischen Klinikstichprobe (n = 335) seltener in Vollzeit beschäftigt als Männer mit ADHS. (Querschnittstudie, E 3)224
- Beschäftigungsquote um 28 % verringert (52 % gegenüber 72 %) (Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
- 2-fache Odds von Arbeitslosigkeit (OR 2,0; 95 % KI 1,0 bis 3,9; Metaanalyse, k = 98, E 1a)107
- 3-faches Risiko, einen Job zu verlieren (Übersichtsarbeit, E 1a)82
- Höhere Entlassungsrate 1,1 vs 0,3 Jobs/Zeit225
- Häufiger Stellenwechsel (Sekundärzitat nach Oehler 2009: 2,7 gegenüber 1,3 Stellen; nicht verifiziert) (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)225. In schwedischen Registerdaten 1,03-fach (IRR 1,03; N = 3.448.440), mit steigendem Alter stärker (Kohortenstudie, E 2b)226
- (E 2b): Schlechtere Leistungsbeurteilungen durch Arbeitgeber (Kohortenstudie, E 2b)192 (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)225
- Nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung 6 Monate nach Schulabgang (medikamentös behandeltes ADHS, Schottland) (Kohortenstudie, E 2b)217
- gesamt 1,39-fach
- Jungen 1,40-fach
- Mädchen 1,59-fach
- Erwachsene mit ADHS berichteten einen Arbeitsproduktivitätsverlust von 31,6 % der Arbeitszeit, Befragte ohne ADHS von 19,9 % (WPAI; US-Online-Befragung, n = 8.432 mit und n = 273.936 ohne selbstberichtete ADHS-Diagnose; kein Signifikanztest berichtet, E 3)227
- Absentismus 10,7 vs. 5,87 %
- Präsentismus 28,4 vs. 18,0 %
- Aktivitätsbeeinträchtigung 36,5 vs. 23,3 %
Wissenschaftlich: Einzelbefunde zur Arbeitsmarktposition
Unter erwerbstätigen jungen Erwachsenen mit ADHS (Schweden, n = 2.517) war ein Abgleiten in eine periphere Arbeitsmarktposition wahrscheinlicher bei: (Kohortenstudie, E 2b)228
- Grundschule als höchstem Bildungsabschluss (OR 4,03)
- komorbiden psychischen Störungen (OR 2,77)
- Wohnort in Dörfern/Kleinstädten (OR 1,77)
- Männern seltener als bei Frauen (OR 0,55)
In einer norwegischen Registerkohorte von n = 8.051 Kindern und Jugendlichen mit ADHS lag das Jahreseinkommen der Mütter bei 28.374 USD und der Väter bei 54.900 USD gegenüber einem Gesamtdurchschnitt von 48.019 USD für Frauen und Männer in den Einzugsgebieten der Kliniken. (Kohortenstudie, E 2b)220
Unter Rekruten des US Marine Corps unterschieden sich Beförderungen, Degradierungen, Einsätze und vorzeitiges Ausscheiden zwischen Betroffenen (2,0 % bis 3,2 % der Stichprobe) und Nichtbetroffenen um weniger als 3 Prozentpunkte und blieben trotz hoher statistischer Power ohne Signifikanz. Behandelte Betroffene schnitten besser ab als unbehandelte. (Zwei Registerkohorten, N = 51.845 und N = 161.507, propensity-score-adjustiert, E 3)229
1.9. Verringerte Lebensqualität
Bedeutung für Betroffene
Die Lebensqualität ist bei ADHS in fast allen Lebensbereichen verringert. In einer Befragung waren Betroffene in sechs von sieben Bereichen seltener zufrieden, am deutlichsten im sozialen Leben, im Berufsleben sowie bei Gesundheit und Fitness. 72 % gaben an, ADHS habe ihr Leben dauerhaft beeinträchtigt. Jugendliche mit ADHS hatten weniger enge Freundschaften und erlebten mehr Ablehnung durch Gleichaltrige. Die Einbussen an Lebensqualität sind damit ein eigener Grund für eine Behandlung, unabhängig davon, wie stark die Symptome selbst ausgeprägt sind.
-
(E 2b): Verringerte Lebensqualität (Quality of life) (Querschnittstudie, E 3)169 (Kohortenstudie, E 2b)230
-
(E 1a): Gesundheitsbezogene Lebensqualität verringert: PedsQL-Differenz 7,65 Punkte bei 4- bis 17-Jährigen (n = 4.194, Kohortenstudie, E 2b)230; d = 0,72 bei nicht medikamentös behandelten Kindern mit ADHS (n = 100 gegenüber 100, Querschnittstudie, E 3)231; geringere KIDSCREEN-Werte bei 11- bis 17-Jährigen mit ADHS (KiGGS Welle 2, n = 6.599, Review, E 1a)232; bei Erwachsenen mit ADHS-Symptomen (ASRS) (Kohortenstudie, E 2b)233
-
(E 3): In einer Befragung von 500 Erwachsenen mit selbstberichteter ADHS-Diagnose und 501 nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollen (n = 1.001) war der Anteil derjenigen, die mit einem Lebensbereich völlig zufrieden waren, bei ADHS-Betroffenen in sechs von sieben Bereichen geringer. (Fall-Kontroll-Studie, E 3)108 (Unveröffentlichter Vortrag, E 4)234
- Familienleben 47 % gegenüber 68 % (p ≤ 0,001)
- Partnerschaft 47 % gegenüber 58 % (p ≤ 0,001)
- Soziales Leben 38 % gegenüber 58 % (p ≤ 0,001)
- Einbindung in Gesellschaft 25 % gegenüber 27 % (nicht signifikant)
- Gesundheit und Fitness 23 % gegenüber 39 % (p ≤ 0,001)
- Berufsleben 22 % gegenüber 40 % (p ≤ 0,001)
- Erreichen von Lebenszielen 26 % gegenüber 39 % (p ≤ 0,05)
-
72 % der ADHS-Betroffenen gaben an, ADHS habe ihr Leben dauerhaft beeinträchtigt. (Fall-Kontroll-Studie, E 3)108
-
(E 1a): Erwachsene mit den höchsten 10 % der ADHS-Symptomausprägung (ADHS-E) hatten gegenüber ADHS-Betroffenen mit geringerer Symptomausprägung ein
-
Personen mit kombinierter Symptompräsentation (nach ASRS) zeigten die stärkste Beeinträchtigung der körperlichen Lebensqualität und die höchsten Depressionswerte. (Kohortenstudie, E 2b)233
- kombinierte Präsentation am stärksten beeinträchtigt bei PCS (körperliche HRQoL) und MDI (Depressivität)
Jugendliche mit kindlicher ADHS hatten nach Elternangaben weniger enge Freunde (d = 0,57) und erfuhren mehr Ablehnung durch Gleichaltrige (d = 1,06; im Lehrerbericht d = 0,71) als Jugendliche ohne ADHS (13 bis 18 Jahre, n = 211, davon 111 mit ADHS, Kohortenstudie, E 2b).236
Eine Metaanalyse von Studien mit dem PedsQL verglich die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen mit und ohne ADHS aus Sicht der Kinder und der Eltern. Der Nachteil war im körperlichen Bereich mittelgroß und im psychosozialen Bereich (emotional, sozial, Schule) groß. Eltern- und Kindurteil unterschieden sich nicht bedeutsam. Mit steigendem Alter fielen die Werte in allen Bereichen niedriger aus. (Metaanalyse, k = 9 Studien im Review, davon 7 metaanalytisch ausgewertet, E 1a)237
1.10. Scheidungen / Trennungen häufiger (+ 7 % bis + 87 %)
Bedeutung für Betroffene
Trennungen und Scheidungen kommen bei ADHS häufiger vor. In einer Befragung waren 28 % der Betroffenen geschieden gegenüber 15 % der Nichtbetroffenen. In schwedischen Registerdaten fiel der Unterschied mit 7 % deutlich geringer aus, bei Frauen mit ADHS war er stärker ausgeprägt. Die große Spannweite zeigt, wie stark die Art der Untersuchung das Ergebnis beeinflusst. Belastungen in der Partnerschaft entstehen häufig durch Vergesslichkeit, Aufschieben, Reizbarkeit und schwankende Stimmung. Eine Paarberatung und eine Aufklärung der Partnerin oder des Partners über ADHS können hier deutlich entlasten.
- Scheidungen
- Beziehungsinstabilität in schwedischen Registerdaten 1,07-fach (IRR 1,07; N = 3.448.440), bei Frauen mit ADHS stärker ausgeprägt (Kohortenstudie, E 2b)226
- 3- bis 5-faches Risiko von Trennungen und Scheidungen (Vortragsfolien, nicht mehr auffindbar, E 4)40
In einer norwegischen Registerkohorte von n = 8.051 Kindern und Jugendlichen mit ADHS waren 47,0 % der Mütter und 46,8 % der Väter verheiratet gegenüber 60,4 % der Mütter in den Einzugsgebieten der Kliniken. (Kohortenstudie, E 2b)220
1.11. Umzüge häufiger (+ 135 %)
Bedeutung für Betroffene
Erwachsene mit ADHS zogen in schwedischen Registerdaten 2,35-mal so häufig um wie Nichtbetroffene. Häufige Umzüge hängen meist mit unsicheren Arbeitsverhältnissen, wechselnden Partnerschaften und finanziellen Engpässen zusammen. Sie sind damit weniger eine eigenständige Folge von ADHS als ein Anzeichen für Instabilität in anderen Lebensbereichen.
Erwachsene mit ADHS zogen 2,35 Mal so häufig um wie Nichtbetroffene (IRR 2,35; 95 % KI 2,32 bis 2,37; schwedische Registerstudie, N = 3.448.440, E 2b).226
1.12. Depressionen bei Eltern von ADHS-Kindern erhöht (+ 335 %)
Bedeutung für Betroffene
Eltern von Kindern mit ADHS hatten in einer chinesischen Untersuchung eine 4,35-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Depression. Dazu trägt die hohe Alltagsbelastung durch ein betroffenes Kind bei. Hinzu kommt, dass ADHS stark erblich ist und ein Elternteil daher häufig selbst betroffen ist, ohne davon zu wissen. Bei anhaltender Erschöpfung von Eltern betroffener Kinder sollte deshalb auch an ein eigenes, bislang unerkanntes ADHS gedacht und ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Entlastung der Eltern wirkt sich unmittelbar auf das Kind aus.
Eltern von Kindern mit ADHS (Screening-Instrument) hatten 4,35-fache Odds einer Depression gegenüber Eltern nicht betroffener Kinder (OR 4,35; 95 % KI 2,68 bis 7,07; Querschnittsstudie, n = 2.497 Grundschüler, 6 bis 13 Jahre, China, E 3).238
Auch ein nicht diagnostiziertes ADHS des Kindes belastete die Familie. In einer Befragung kanadischer und US-amerikanischer Eltern war der Erziehungsstress in Familien mit diagnostiziertem ADHS am höchsten, gefolgt von Familien mit nicht diagnostiziertem ADHS und solchen mit Diagnose ohne aktuelle klinische Symptomatik. Die Qualität der elterlichen Zusammenarbeit war bei nicht diagnostiziertem ADHS und bei Diagnose ohne klinische Symptomatik geringer als in Familien ohne ADHS; die familiäre Lebensqualität war ohne ADHS am höchsten. (Querschnittsbefragung, n = 253 Eltern von 6- bis 17-Jährigen, E 3)239
In der deutschen KiGGS-Kohorte sagten finanzielle Sorgen sowie Erziehungsprobleme und Konflikte mit dem Kind sowohl Unaufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssymptome als auch eine elternberichtete ADHS-Diagnose vorher. Vier oder mehr Arten elterlicher Belastung gingen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit beider Merkmale einher. Die Studie ist ein Querschnitt und lässt die Richtung des Zusammenhangs offen. (Querschnittsanalyse der KiGGS-Kohorte, Welle 2, n = 4.596, E 3)240
In der australischen Längsschnittstudie LSAC ging ein ADHS des Kindes mit einer schlechteren psychischen Gesundheit der betreuenden Eltern einher (mittlere Differenz im Kessler 6: -1,31; 95 % KI -2,44 bis -0,18). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Eltern unterschied sich nicht mehr, sobald deren psychische Gesundheit berücksichtigt wurde. Verhaltensauffälligkeiten des Kindes und finanzielle Notlagen gingen mit geringerer elterlicher Lebensqualität einher, eine gute Paarbeziehung und höhere Bildung mit besserer. (Querschnittsauswertung einer bevölkerungsbasierten Längsschnittstudie, Kinder im Alter von 11 bis 12 Jahren, E 3)241
1.13. Wohnungslosigkeit
Bedeutung für Betroffene
Unter wohnungslosen Kindern und Jugendlichen lag der Anteil mit ADHS bei 22,8 %. Ab einem mittleren Alter von 12 Jahren stieg er auf 43,1 %. Die Einzelwerte schwankten allerdings sehr stark, von 1,6 % bis 64,5 %. ADHS ist in dieser Gruppe damit weit häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Ob ADHS zur Wohnungslosigkeit beiträgt oder ob wohnungslose Jugendliche häufiger untersucht und diagnostiziert werden, lässt sich aus diesen Daten nicht entscheiden.
Unter wohnungslosen Kindern und Jugendlichen lag die ADHS-Prävalenz bei 22,8 % (95 % KI 12,9 bis 34,4 %). Sie stieg mit dem Alter: Bei einem mittleren Stichprobenalter ab 12 Jahren 43,1 % (95 % KI 26,5 bis 60,4 %), darunter 13,1 % (95 % KI 4,3 bis 25,6 %). Die Heterogenität war sehr hoch (I² = 98 %; Einzelwerte 1,6 % bis 64,5 %). (Metaanalyse, k = 13, N = 2.878, mittleres Alter 12,0 Jahre, E 1a)242
1.14. Häufigere Kontakte zur Kinder- und Jugendhilfe (+ 436 %)
Bedeutung für Betroffene
Kinder und Jugendliche mit ADHS hatten in Norwegen zu 32,7 % Kontakt zur Kinder- und Jugendhilfe, gegenüber 6,1 % in der Allgemeinbevölkerung. Eine Unterbringung außerhalb der Familie war 7,3-fach häufiger. Betroffen waren vor allem Familien mit geringerem Einkommen und Bildungsstand sowie Kinder mit einer zusätzlichen Störung des Sozialverhaltens. Der Kontakt zur Jugendhilfe bestand dabei überwiegend in unterstützenden Hilfen und nicht in einer Herausnahme aus der Familie.
Kinder und Jugendliche mit ADHS hatten in einer norwegischen Registerstudie zu 32,7 % Kontakt zur Kinder- und Jugendhilfe gegenüber 6,1 % in der Allgemeinbevölkerung. Das Risiko einer Fremdunterbringung war 7,3-fach erhöht (aOR 7,3; 95 % KI 5,2 bis 10,2), das unterstützender Hilfen 6,3-fach (aOR 6,3; 95 % KI 5,1 bis 7,7). Unter den Betroffenen mit Hilfekontakt fanden sich häufiger eine komorbide Störung des Sozialverhaltens und Vorstrafen sowie unverheiratete Eltern und Eltern mit geringerem Einkommen und Bildungsstand. (Registerkohorte, n = 8.051 mit ADHS, 18 Jahre Beobachtung, E 2b)243
1.15. Erhöhte Risiken bei Kindern von Eltern mit ADHS
Bedeutung für Betroffene
Kinder von Eltern mit ADHS hatten in schwedischen Registerdaten bei fast allen der 24 untersuchten Punkte erhöhte Risiken, von psychischen Störungen über Unfälle bis zu körperlichen Erkrankungen. Am stärksten erhöht war ein eigenes ADHS mit dem 4,47-fachen Risiko. Die Zusammenhänge blieben bestehen, auch wenn ein eigenes ADHS der Kinder herausgerechnet wurde. Am höchsten waren die Risiken, wenn beide Elternteile betroffen waren. Eine Behandlung des elterlichen ADHS kommt damit auch den Kindern zugute.
Kinder von Eltern mit ADHS hatten in einer schwedischen Registerstudie höhere Raten der meisten der 24 untersuchten ungünstigen Ergebnisse: psychiatrische Störungen (HR 1,49 für Intelligenzminderung bis 4,47 für ADHS), Verhaltensergebnisse (HR 1,08 für Stürze bis 1,82 für Gewalterfahrung) und somatische Erkrankungen (HR 1,04 für Typ-1-Diabetes bis 2,47 für Schlafstörungen). Nach Adjustierung für ein eigenes ADHS der Kinder blieben die Zusammenhänge bestehen, außer für Intelligenzminderung und Epilepsie. Die Raten waren bei mütterlichem wie bei väterlichem ADHS erhöht und am höchsten, wenn beide Elternteile betroffen waren. (Registerkohorte, N = 1.164.580; gematcht n = 56.853 mit elterlichem ADHS gegenüber 544.716, E 2b)244
1.16. Folgen einer späten ADHS-Diagnose, insbesondere bei Frauen
Bedeutung für Betroffene
Bei Mädchen und Frauen wird ADHS häufig spät oder gar nicht erkannt. In einer walisischen Registerkohorte hatten spät diagnostizierte Frauen eine höhere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und schlechtere psychische Ergebnisse. In einer französischen Befragung bewerteten 47 % der erst im Erwachsenenalter Diagnostizierten ihren Weg bis zur Diagnose als schwierig bis sehr schwierig. Die späte Diagnose wurde gleichwohl überwiegend als Entlastung erlebt, weil sie frühere Erfahrungen erklärbar machte und zu einer passenderen Behandlung führte. Hormonelle Schwankungen verstärken die Symptomatik, besonders in der Pubertät, nach einer Geburt und in den Wechseljahren. Eine geschlechtsspezifische Diagnostik und Behandlung ist daher erforderlich.
In einer walisischen Registerkohorte hatten Frauen mit einer ADHS-Diagnose zwischen 12 und 25 Jahren im Jugend- und frühen Erwachsenenalter eine höhere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen sowie schlechtere psychische, schulische und sozioökonomische Ergebnisse als Frauen mit einer Diagnose zwischen 5 und 11 Jahren (OR 1,39 bis 4,96) und als Frauen ohne ADHS (OR 1,54 bis 23,98). Bereits im Kindesalter zeigten die später Diagnostizierten gegenüber Frauen ohne ADHS gesundheitliche und schulische Schwierigkeiten (OR 1,07 bis 9,02). Bei Frauen fielen mehrere dieser Nachteile stärker aus als bei Männern. (Registerkohorte, n = 13.593 mit ADHS, davon 2.680 weiblich, gegenüber 578.793 ohne ADHS, E 2b)245
In einer französischen Befragung von im Erwachsenenalter diagnostizierten Betroffenen bewerteten 47 % ihren Weg bis zur Diagnose als schwierig bis sehr schwierig. Die Autoren führten dies auf fortbestehende Kontroversen, Fehlvorstellungen und Fehlinformationen bis in die Ärzteschaft hinein zurück und beschrieben die Folgen von Fehldiagnosen als gravierend. Die späte Diagnose wurde von den Betroffenen gleichwohl überwiegend als Entlastung erlebt, weil sie die Schuldzuweisungen an sich selbst für frühere Erfahrungen auflöste, zu einer passenderen Behandlung und dadurch zu einer geringeren Inanspruchnahme anderer medizinischer Behandlungen führte. (Fragebogenerhebung, n = 201, ergänzt um 8 Einzelinterviews, Querschnittstudie, E 3)246
Ein integratives Review zu ADHS über die Lebensspanne von Frauen fand, dass Mädchen und Frauen häufig spät oder falsch diagnostiziert werden und dadurch ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und ungünstige Bewältigungsstrategien tragen. Hormonelle Schwankungen verstärkten die Symptomatik, besonders in der Pubertät, der Peripartalzeit, der Perimenopause und im höheren Lebensalter. Die Autorinnen leiten daraus einen Bedarf an geschlechtsspezifischer Diagnostik und Behandlung ab. (integratives Review, k = 10 Studien und 1 Leitlinie, Veröffentlichungen von Januar 2023 bis April 2025, E 1a)247
1.17. Stigmatisierung
Bedeutung für Betroffene
Menschen mit ADHS erleben Vorurteile von außen und übernehmen diese teilweise selbst. Eine stärkere Symptomatik ging mit stärker verinnerlichter Stigmatisierung einher, diese wiederum mit geringerem Selbstwert und geringerer Lebensqualität. Befürchtete Ablehnung erschwerte die Suche nach Hilfe, die Einnahme von Medikamenten und das offene Ansprechen der Diagnose. In einem Experiment wurde eine junge Frau mit sichtbaren ADHS-Symptomen negativer beurteilt. Die zusätzliche Angabe, verschriebene Stimulanzien einzunehmen, änderte daran nichts. Ausgelöst wird die Ablehnung demnach durch die sichtbaren Symptome und nicht durch die Behandlung.
Erwachsene mit ADHS berichteten selbst- bzw. internalisierte, wahrgenommene, öffentliche und strukturelle Stigmatisierung. Eine stärkere ADHS-Symptomatik ging mit stärker internalisierter Stigmatisierung einher, diese wiederum mit funktioneller Beeinträchtigung, geringerem Selbstwert und geringerer Lebensqualität. Wahrgenommene Stigmatisierung erschwerte die Hilfesuche, die Medikamenteneinnahme und die Offenlegung der Diagnose, zeigte jedoch keinen signifikanten Zusammenhang mit der Lebensqualität. Am häufigsten untersucht war die öffentliche Stigmatisierung, insbesondere im akademischen Umfeld. Zur strukturellen Stigmatisierung fanden sich nur wenige Studien, keine davon mit Lebensqualität als Zielgröße. (Systematisches Review, k = 17, E 1a)248
In einer bevölkerungsrepräsentativen australischen Befragung berichteten Menschen mit psychischen Erkrankungen Diskriminierung am häufigsten (E 3)249
- im sozialen Leben (43,6 %; 95 % KI 41,2 bis 45,9
- in der Familie (41,4 %; 39,1 bis 43,7) und
- beim Knüpfen oder Halten von Freundschaften (41,0 %; 38,7 bis 43,3).
Die stärkste Belastung erlebten sie jedoch durch (E 3)249
- Diskriminierung bei der Arbeitssuche und im Beruf
- beim Dating
- in Paarbeziehungen
- bei der Wohnungssuche sowie
- beim Bezug von Sozialleistungen
Betroffene mit ADHS oder Depression berichteten Belastung in mehr Lebensbereichen als Betroffene mit Angststörungen oder schweren psychischen Erkrankungen. 67,7 % (65,5 bis 69,9) empfanden Stigmatisierung und Diskriminierung als schlimmer als die psychische Erkrankung selbst. (Bevölkerungsrepräsentative Befragung, N = 6.032, davon n = 2.613 mit psychischer Erkrankung oder hoher psychischer Belastung; nicht ADHS-spezifisch, E 3)249
In einem randomisierten Videoexperiment beurteilten Studierende eine junge Frau negativer, wenn sie sichtbare ADHS-Symptome zeigte, mochten sie weniger und wollten weniger Kontakt zu ihr. Die zusätzliche Angabe, verschriebene Stimulanzien einzunehmen, führte zu keiner nennenswerten weiteren Abwertung. Die Autoren schließen daraus, dass die sichtbare Symptomatik und nicht die Medikation der wesentliche Auslöser der Stigmatisierung sei. (Randomisiertes Videoexperiment mit vier Bedingungen, n = 314 Studierende, E 2b)250
2. Schutzwirkung durch ADHS-Behandlung
Bedeutung für Betroffene
Ein großer Teil der in Kapitel 1 beschriebenen Risiken fällt unter Behandlung geringer aus. In 40 Registerstudien zeigte sich eine Schutzwirkung vor allem bei Stimmungsstörungen, Suizidalität, Kriminalität und Substanzgebrauchsstörungen. Die Zahlen stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien. Sie zeigen, dass behandelte Betroffene besser abschneiden, beweisen aber nicht, dass allein die Behandlung dafür verantwortlich ist. Zwei große Evidenzsynthesen bewerten die Belege für eine Langzeitwirkung zurückhaltend, und einzelne Arbeiten fanden keine Wirkung auf die Lebensqualität. Beides ist in diesem Kapitel ausgewiesen, damit ein ausgewogenes Bild entsteht.
ADHS-Medikamente gingen in Beobachtungsstudien mit geringeren Risiken von ADHS-Symptomen und Folgewirkungen einher. Ein qualitatives systematisches Review von 40 pharmakoepidemiologischen Registerstudien fand für ADHS-Medikation kurzfristige relative Risikoverringerungen von 9 bis 58 % für Verletzungen, Verkehrsunfälle, Bildungsergebnisse und Substanzgebrauchsstörungen. (Systematisches Review, E 1a)251
ADHS-Medikamente zeigten in der Mehrzahl von 40 Registerstudien eine Schutzwirkung in Bezug auf (Review mit Metaanalyse, k = 40, E 1a):252
- Stimmungsstörungen
- Suizidalität
- Kriminalität
- Substanzgebrauchsstörungen
- Unfälle und Verletzungen
- traumatische Hirnverletzungen
- Verkehrsunfälle
- Bildungsergebnisse
In den Metaanalysen (k = 21) war der Schutzeffekt für akademische Ergebnisse, Unfälle und Verletzungen sowie Stimmungsstörungen statistisch gesichert. (Metaanalyse, E 1a)252 Ein systematisches Review von 9 Beobachtungsstudien (n = 12.269 Kinder und Jugendliche, 6 bis 18 Jahre) fand dagegen keine belastbare Evidenz für eine Verbesserung der schulischen Leistungen durch Methylphenidat unter Alltagsbedingungen. Drei der vier Studien mit geringstem Verzerrungsrisiko fanden keinen Effekt. (Systematisches Review, E 1a)253
Eine Behandlung von ADHS verbesserte die langfristigen Ergebnisse gegenüber unbehandeltem ADHS bei 55 von 76 untersuchten Ergebnismaßen (72 %) aus 48 Studien, in der Regel jedoch nicht auf das Niveau von Nichtbetroffenen (systematischer Review, k = 351, E 1a).5 Nach Bereichen aufgeteilt fanden sich Verbesserungsquoten:
- Fahren: 100 %
- Adipositas: 100 %
- Selbstwertgefühl: 90 %
- Soziales Funktionieren: 83 %
- Akademisches Funktionieren: 71 %
- Drogengebrauch/Abhängigkeit: 67 %
- Antisoziales Verhalten: 50 %
- Inanspruchnahme von Hilfsdiensten: 50 %
- Berufliche Tätigkeit: 33 %
Für die vier zuletzt genannten, schwach ansprechenden Bereiche zeigten europäische Studien bei 86 % (6 von 7) der Ergebnismaße einen Nutzen, nordamerikanische bei 50 % (11 von 22). Die Autoren führten dies auf Unterschiede im Studiendesign zurück. (Systematisches Review, k = 351, E 1a)5
Ein Metareview von 231 systematischen Reviews und Metaanalysen zu ADHS fand starke Belege für eine kurzfristige Symptomreduktion durch Medikamente, insbesondere Stimulanzien, jedoch nur begrenzte Belege dafür, dass die Medikation die ungünstigen Lebensverläufe (Bildungsabschluss, Erwerbstätigkeit, Substanzmissbrauch, Verletzungen, Suizide, Kriminalität, komorbide psychische und somatische Erkrankungen) abmildert. Zu unerwünschten Wirkungen nach langfristiger Einnahme lag wenig Evidenz vor. Die Belegkraft für nichtmedikamentöse Behandlungen bewerteten die Autoren als uneinheitlich. (Metareview systematischer Reviews und Metaanalysen, k = 231, E 1a)254
2.1. Verringerte vorzeitige Sterblichkeit (- 19 % bis - 25 %), weniger Suizidversuche (- 17 % bis - 72 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten lag die Gesamtsterblichkeit um 19 % bis 25 % niedriger als ohne Behandlung. Suizidversuche und selbstverletzendes Verhalten traten um 17 % bis 72 % seltener auf. In einer multinationalen Auswertung war das Risiko der Selbstverletzung bereits vor dem Behandlungsbeginn am höchsten und sank danach. Das spricht dafür, dass eine Behandlung häufig in einer ohnehin belasteten Lebensphase beginnt und die Lage sich danach entspannt. Bei Suizidgedanken sollte ärztliche oder therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. In Deutschland ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 1110111 erreichbar.
MPH-Einnahme ging bei 68.096 Kindern und Jugendlichen mit ADHS (4 bis 17 Jahre, Taiwan) mit einer um 19 % geringeren Gesamtmortalität einher (AHR 0,81, 95 % KI 0,67 bis 0,98). Ein verzögerter MPH-Beginn korrelierte mit einer um 5 % höheren Sterblichkeit (AHR 1,05), eine längere Einnahmedauer mit einer um 17 % geringeren Sterblichkeit (AHR 0,83). (Kohortenstudie, E 2b)255
Der Beginn einer ADHS-Medikation innerhalb von drei Monaten nach der Diagnose war über zwei Jahre mit einer um 21 % geringeren Gesamtsterblichkeit verbunden (HR 0,79, 95 % KI 0,70 bis 0,88). (E 2b): Die Sterblichkeit aus unnatürlicher Ursache war 25 % geringer (HR 0,75, 0,66 bis 0,86), die aus natürlicher Ursache nicht signifikant verändert (Zielstudienemulation, schwedische Registerkohorte, N = 148.578, E 2b, E 2b).256 Eine britische Kohortenstudie (18.637 Patientenjahre unter Stimulanzien oder Atomoxetin, 7 Todesfälle) fand kein erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod unter ADHS-Medikation, jedoch eine gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöhte Suizidrate bei 11- bis 14-Jährigen. (Kohortenstudie, E 2b)257
ADHS-Medikamente (überwiegend Stimulanzien) gingen in mehreren großen Beobachtungsstudien bei ADHS mit einem geringeren Risiko für Suizidversuche einher: (Review, E 1a)258
Einzelstudien zu Sterblichkeit und Suizidversuchen
- 17 % (suizidales Verhalten, IRR 0,83, 95 % KI 0,78 bis 0,88; Zielstudienemulation, n = 148.581, E 2b)259
- 19 % (Stimulanzien, Vergleich medikamentierter mit nichtmedikamentierten Zeiträumen derselben Personen, HR 0,81) (Kohortenstudie, E 2b)41
- 24 % im Vergleich zu nichtmedikamentierten Betroffenen (RR 0,76, 95 % KI 0,58 bis 1,00; Stimulanzien RR 0,72) (Metaanalyse, E 1a)260
- 31 % im Vergleich zu nichtmedikamentierten Zeiträumen derselben Betroffenen (RR 0,69, 0,49 bis 0,97; Stimulanzien RR 0,75) (Metaanalyse, E 1a)260
- 31 % (Populationsvergleich, OR 0,69) bzw. 39 % (Vergleich medikamentierter mit nichtmedikamentierten Monaten derselben Personen, OR 0,61) in allen Altersgruppen; für Stimulanzien 28 % (OR 0,72), für Nichtstimulanzien kein signifikanter Effekt (OR 0,94; USA, n = 3.874.728, Kohortenstudie, E 2b)261
- 38 % (suizidale Gedanken oder Versuche, Stimulanzien gegenüber keiner Medikation, adjustierte HR 0,62, 95 % KI 0,57 bis 0,67; gegenüber Nichtstimulanzien HR 0,70; n = 797.189, Kohortenstudie, E 2b)262
- 59 % bei MPH-Einnahme von 90 bis 180 Tagen (HR 0,41) (Kohortenstudie, E 2b)263
- 72 % bei MPH-Einnahme von mehr als 180 Tagen (HR 0,28; Taiwan, n = 84.898, unter 18 Jahren, Kohortenstudie, E 2b)263
- Methylphenidat bei ADHS ging nach 90 Tagen mit einer Verringerung des zuvor erhöhten Suizidversuchsrisikos auf das Ausgangsniveau einher (IRR 6,55 in den 90 Tagen vor Beginn, 3,91 in den ersten 90 Tagen, 1,35 bei fortgesetzter Einnahme; Hongkong, n = 25.629, Self-Controlled-Case-Series-Studie, E 2b).264
- Bei einer Einnahmedauer von 1 bis 90 Tagen zeigte sich keine Risikominderung durch ADHS-Medikation (RR 0,91, n. s.; Metaanalyse von Beobachtungsstudien, E 2b, E 1a)260
- (E 2b): Nichtstimulanzien zeigten keine signifikante Verringerung der Suizidalität (HR 0,96, entsprechend 4 %, nicht signifikant (Kohortenstudie, E 2b)41; OR 0,94, nicht signifikant (Kohortenstudie, E 2b)261)
Eine schwedische Registerstudie untersuchte alle n = 221.714 Jugendlichen und Erwachsenen (16 bis 65 Jahre), die zwischen 2006 und 2021 eine ADHS-Diagnose erhalten hatten. Im Vergleich zu Zeiten ohne Einnahme ging die Einnahme folgender ADHS-Medikamente mit einem geringeren Risiko von Suizidversuchen oder Suiziden einher: (Kohortenstudie, E 2b)265
- Dexamphetamin: verringert um 31 % (aHR 0,69)
- Lisdexamfetamin: verringert um 24 % (aHR 0,76)
- Kombinationsmedikation: verringert um 15 % (aHR 0,85)
- Methylphenidat: verringert um 8 % (aHR 0,92)
Erhöhtes Risiko nachfolgender Suizidalität:
- Atomoxetin: erhöht um 20 % (aHR 1,20, 95 % KI 1,04 bis 1,39)
- Guanfacin: erhöht um 65 %
- Clonidin: erhöht um 92 %
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS und komorbider Substanzgebrauchsstörung ging eine ADHS-Medikation mit einer um 30 % geringeren Sterblichkeit einher (adjustierte HR 0,70; 95 % KI 0,65 bis 0,75) sowie mit weniger Krankenhausaufenthalten, weniger Notfallbehandlungen, einem geringeren Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche (RR 0,74 bis 0,82) und einer beständigeren Inanspruchnahme psychiatrischer Leistungen (RR 1,23). Stimulanzien schnitten gegenüber Nichtstimulanzien besser ab (weniger Krankenhausaufenthalte, versehentliche Überdosierungen sowie Suizidgedanken und Suizidversuche, RR 0,63 bis 0,79). Bei komorbider Substanzgebrauchsstörung wurden Stimulanzien dennoch seltener verordnet (RR 0,63; 95 % KI 0,62 bis 0,63). (retrospektive Kohortenstudie aus US-Behandlungsdaten 2007 bis 2024, N = 1,23 Millionen 15- bis 25-Jährige mit ADHS, davon n = 288.159 mit Substanzgebrauchsstörung, Propensity-Score-Matching, E 2b)266
ADHS-Medikation verringerte gegenüber Zeiträumen ohne Medikation: (Registerkohorte Quebec 2000 bis 2021, N = 217.192 Personen von 1 bis 24 Jahren mit ADHS, E 2b)267
- die Gesamtsterblichkeit um 39 % (aHR 0,61; 95 % KI 0,48 bis 0,76)
- unbeabsichtigte Verletzungen
- die zu einer Notaufnahmebehandlung führten, um 25 % (aHR 0,75; 0,74 bis 0,77)
- die zu einer Krankenhausaufnahme führten um 29 % (aHR 0,71; 0,68 bis 0,75)
- Stimulanzien gingen mit geringerer Sterblichkeit und weniger Verletzungen einher
- Nichtstimulanzien und die gleichzeitige Gabe beider nur mit weniger Verletzungen
In einer multinationalen Self-Controlled-Case-Series-Analyse war das Risiko einer erstmaligen Selbstverletzung
- in den 90 Tagen vor Beginn der ADHS-Medikation am höchsten (gepoolte adjustierte IRR 2,58; 95 % KI 2,12 bis 3,13)
- in den ersten 90 Tagen der Einnahme niedriger (1,78; 1,23 bis 2,57)
- im weiteren Behandlungsverlauf am niedrigsten (1,27; 1,01 bis 1,60).
Die Autoren werten dies als Hinweis darauf, dass nicht die Medikation, sondern das unbehandelte ADHS der wesentliche Treiber der Selbstverletzung ist. Die Ergebnisse waren über alle fünf Datenbanken hinweg einheitlich. (Self-Controlled Case Series aus Datenbanken in Hongkong, Neuseeland, Südkorea, Taiwan und Großbritannien, 2001 bis 2020, N = 461.024 mit ADHS-Medikation, davon n = 6.847 mit erstmaliger Selbstverletzung, Self-Controlled-Case-Series-Studie, E 2b)268
In einer Metaanalyse von 48 Beobachtungsstudien zu Psychopharmaka und suizidbezogenen Endpunkten war Methylphenidat bei Depression mit einem geringeren Risiko suizidbezogener Ereignisse verbunden (OR 0,45; 95 % KI 0,29 bis 0,69), ebenso bei Persönlichkeitsstörungen, dort auch Lisdexamfetamin. Bei Erkrankungen aus dem Schizophreniespektrum zeigte Methylphenidat keinen Zusammenhang in eine der beiden Richtungen (p > 0,05). Für ADHS als Grunddiagnose war keine gepoolte Auswertung möglich, da pro Medikament nur je eine geeignete Studie vorlag. (Systematisches Review mit Metaanalyse von Beobachtungsstudien, k = 48, N = 6.489.573, E 1a)269
2.2. Weniger Unfälle und Verletzungen
Bedeutung für Betroffene
Unter Behandlung traten Verletzungen, Knochenbrüche, Verkehrsunfälle und Notaufnahmebesuche seltener auf, je nach Endpunkt um 12 % bis 86 %. Die Wirkung war meist dosisabhängig. Eine längere und regelmäßigere Einnahme ging mit einem größeren Schutz einher. Nach einer Gehirnerschütterung war die Heilungszeit unter Stimulanzien nicht mehr verlängert. Nicht alle Arbeiten fanden diesen Schutz. Eine norwegische Untersuchung mit einem quasi-experimentellen Verfahren fand für Betroffene mit milderer Symptomatik keinen kausalen Beleg.
2.2.1. Weniger Verletzungen und traumatische Hirnverletzungen (- 43 % bis - 73 %)
(E 1a): ADHS-Medikation ging bei betroffenen Jungen und Mädchen, als Kinder wie als Jugendliche, mit weniger Notaufnahmen wegen unbeabsichtigter Verletzungen einher (OR 0,64 bis 0,72; Registerstudie, n = 1.968.146, E 2b).270 (Metaanalyse, E 1a)271
Dosisabhängige Einzelbefunde zu Verletzungen
- um 43,5 % geringere Verletzungsprävalenz im Alter von 12 Jahren (95 % KI 18,1 bis 69,0; dänische Kohorte, 4.557 Kinder mit ADHS, E 2b)272
- traumatische Hirnverletzungen reduzierten sich
- um 51 % bei einer MPH-Dosis von mehr als 84 Tagesdosen pro Jahr (HR 0,49, 95 % KI 0,47 bis 0,51), dosisabhängig geringer bei niedrigerer kumulativer Dosis (HR 0,76 bzw. 0,88; Taiwan, n = 124.438, Kohortenstudie, E 2b)273
- bis 73 % (HR 0,27, 95 % KI 0,20 bis 0,38; Schweden, n = 9.421, Kohortenstudie, E 2b).274
Eine deutsche Studie mit zwei repräsentativen Stichproben (KiGGS-Fragebogen und Krankenkassendaten) fand keinen signifikanten Einfluss der Medikation auf die Unfallhäufigkeit (OR 1,28, 95 % KI 0,93 bis 1,77; OR 0,97, 95 % KI 0,93 bis 1,01). In der logistischen Regression der Kassenstichprobe blieb Medikation ein schwacher Prädiktor (Exp(B) 1,10; p = 0,002). Die Autoren werteten diesen Teil ihrer Auswertung als explorativ. (Querschnittstudie, E 3)275
2.2.2. Weniger Verkehrsunfälle (- 12 % bis - 58 %)
-
weniger Verkehrsunfälle (Review, E 1a)276
-
58 % weniger schwere Verkehrsunfälle bei Männern (HR 0,42, 95 % KI 0,23 bis 0,75); bei Frauen kein signifikanter Effekt (schwedische Registerstudie, n = 17.408 Erwachsene, E 2b)278
-
In einer gesundheitsökonomischen Modellrechnung (herstellerfinanziert) wurde eine 43 % geringere Unfallwahrscheinlichkeit im Fahrsimulator unter einem einmal täglich einzunehmenden retardierten Amphetaminpräparat (Dyanavel XR) gegenüber Placebo aus einer RCT zugrunde gelegt. (RCT, E 1b)279
- Bei Medikamentenkosten von 80 USD je 30 Tage errechneten sich lebenslange Einsparungen von:
- 332.660 USD gegenüber unbehandelten Betroffenen
- 194.278 USD gegenüber standardbehandelten Betroffenen (Standardbehandlung: Mischung kurz-, mittel- und langwirksamer Stimulanzien und Nichtstimulanzien)
- Bei Medikamentenkosten von 80 USD je 30 Tage errechneten sich lebenslange Einsparungen von:
-
(E 1a): verbesserte Fahrleistungen (Systematisches Review, E 1a)280 im Simulator (Buchkapitel, E 4)281
2.2.3. Weniger Verletzungen (- 53 %)
Methylphenidat verringerte das Risiko von Verletzungen bei Erwachsenen mit ADHS
- um 53 % bei einer Einnahme von mehr als 3 Monaten (Kohortenstudie, E 2b)54
- um 35,5 % bei einer Einnahme von weniger als 3 Monaten (Kohortenstudie, E 2b)54
Atomoxetin verringerte das Risiko von Verletzungen bei Erwachsenen mit ADHS
- um 26 % bei einer Einnahme von mehr als 3 Monaten (Kohortenstudie, E 2b)54
2.2.4. Weniger Frakturen (Brüche) (- 32 % bis - 86 %)
Jede medikamentöse Behandlung von ADHS verringerte das Risiko
- von Frakturen insgesamt (Kohortenstudie, E 2b)282
- um 39 % bis 74 % laut 6 Kohortenstudien, ohne Unterschied zwischen Stimulanzien und Nichtstimulanzien (systematisches Review, E 1a)283
- um 32 % bis 41 % in einer selbstkontrollierten Fallserie (Vergleich der Behandlungsphasen mit den 6 Monaten vor MPH-Beginn; Hongkong, n = 2.023, systematischer Review, E 1a)283
- um 60,4 bis 86,2 % (Extremitätenfrakturen) (Querschnittstudie, E 3)57
Eine Behandlung von ADHS mit Methylphenidat verringerte das Risiko
-
von Extremitätenfrakturen um 60,4 % (OR 0,396; retrospektive Querschnittsstudie, n = 754 Kinder von 6 bis 18 Jahren, E 3)57
-
von Frakturen insgesamt um 23 % bei einer Einnahme über mindestens 180 Tage (aHR 0,77, 95 % KI 0,63 bis 0,94; bei kürzerer Einnahme kein signifikanter Effekt; Taiwan, n = 6.201, Kohortenstudie, E 2b)284
-
von Stressfrakturen (Ermüdungsbrüchen)
-
von Trauma-Frakturen (Unfallbrüchen)
- auf denselben Wert wie bei Nichtbetroffenen (OR 1,00) (Metaanalyse, E 1a)59
- auf rund den halben Wert von Nichtbetroffenen (Männer, israelische Rekruten von 18 bis 25 Jahren; Frakturrate 4,8 bis 5,8 % unter MPH gegenüber 10,4 % ohne ADHS und 16,4 % bei unbehandeltem ADHS; bei Frauen kein entsprechender Effekt) (Kohortenstudie, E 2b)286
- ADHS-Betroffene insgesamt hatten ein um 17 % höheres Frakturrisiko als Nichtbetroffene (OR 1,17). Bei mit Nichtstimulanzien Behandelten betrug die Risikoerhöhung 37 % (OR 1,37). (Metaanalyse, E 1a)59
-
(E 1a): von unbeabsichtigten Verletzungen um 15 % (Kohortenstudie, E 2b)287 bzw. mit einem relativen Risiko von 0,88 (Metaanalyse, n = 13.254, E 1a)288
-
von Gehirntraumata um 73 % (Kohortenstudie, E 2b)287
-
von Vergiftungen (Self-Controlled-Case-Series-Studie, E 2b)289
-
von verletzungsbedingten Notaufnahmen um 9 % (Self-Controlled-Case-Series-Studie, E 2b)290
-
von Verbrennungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS (n = 90.634, Kohortenstudie, E 2b)291
- um 57 % bei MPH-Einnahme seit 90 Tagen und länger (aHR 0,43)
- um 30 % bei MPH-Einnahme seit weniger als 90 Tagen (aHR 0,70)
Eine Behandlung von ADHS mit Atomoxetin verringerte das Risiko
- von Extremitätenfrakturen um 86,2 % (OR 0,138; retrospektive Querschnittsstudie, n = 754, E 3)57
2.2.5. Normalisierte Heilungszeit bei Gehirnerschütterung
Die bei ADHS verlängerte Symptomerholung nach Gehirnerschütterungen zeigte sich bei Athleten mit stimulanzienbehandeltem ADHS nicht. Diese hatten zugleich ein erhöhtes Risiko, eine Gehirnerschütterung zu erleiden. (Kohortenstudie, E 2b)62
2.2.6. Weniger Notaufnahmefälle (- 28 % bis - 46 %)
ADHS-Medikation verringerte bei Kindern mit ADHS Notaufnahmen (Kohorte N = 710.120, davon n = 4.557 mit ADHS, E 2b)272
- um 28 % (im Alter von 10 Jahren)
- um 46 % (im Alter von 12 Jahren)
2.2.7. Geringere Antibiotikaeinnahme
In einer finnischen Registerstudie (n = 66.146 ADHS-Betroffene aller Altersgruppen, 4 : 1 gematchte Kontrollen) sank der Anteil der ADHS-Betroffenen mit Verordnung von Breitspektrum-Penicillinen im zweiten Jahr nach ADHS-Diagnose gegenüber dem Jahr davor von 11,1 % auf 7,0 %, der von Beta-Lactamase-sensitiven Penicillinen von 5,6 % auf 4,5 % und der von ophthalmologischen Antibiotika von 6,1 % auf 4,4 %. Bei Kontrollen nahmen diese Verordnungen ebenfalls ab (Breitspektrum-Penicilline von 9,2 % auf 6,1 %). Ein gegenüber Kontrollen stärkerer Rückgang zeigte sich vor allem bei 0- bis 5-jährigen Kindern. (Kohortenstudie, E 2b)292
2.2.8. Weniger schwere Bladder-Bowel-Dysfunktion
Bladder-Bowel-Dysfunktion (BBD) ist eine kombinierte Blasen- und Darmfunktionsstörung. Kinder mit ADHS und BBD (n = 122) hatten schwerere BBD-Scores als Kinder mit BBD ohne ADHS (n = 300). Innerhalb der ADHS-Gruppe hatten Kinder ohne ADHS-Medikation nur in der ausschließlich urotherapeutisch behandelten Untergruppe schwerere Ausgangs-BBD-Scores (um 13,4 Punkte) als Kinder mit ADHS-Medikation. Bei zusätzlicher medikamentöser BBD-Behandlung unterschieden sich die Gruppen nicht. (Kohortenstudie, E 2b)293
ADHS-Medikation korrelierte in Schweden über den gesamten Zeitraum 2006 bis 2020 alters- und geschlechtunabhängig mit: (Schwedische Registerstudie, Self-controlled Case Series, N = 247.420, Alter 4 bis 64 Jahre, E 2b)294
- 19 % bis 23 % weniger Selbstverletzung (IRR 0,77; 95 % KI 0,73 bis 0,81 bis IRR 0,85; 0,82 bis 0,88)
- 11 % bis 13 % weniger unbeabsichtigten Verletzungen (IRR 0,87; 0,84 bis 0,89 bis IRR 0,93; 0,91 bis 0,95)
- 13 % bis 29 % weniger Verkehrsunfällen (IRR 0,71; 0,67 bis 0,77 bis IRR 0,87; 0,83 bis 0,91)
- 16 % bis 27 % weniger Kriminalität (IRR 0,73; 0,71 bis 0,75 bis IRR 0,84; 0,82 bis 0,85)
Während die Verschreibungsprävalenz von 0,6 % auf 2,8 % stieg, schwächte sich der Zusammenhang für unbeabsichtigte Verletzungen, Verkehrsunfälle und Kriminalität ab (jeweils p für Trend < 0,01). Veränderungen der Alters- und Geschlechtsverteilung der Behandelten erklärten diese Abschwächung für unbeabsichtigte Verletzungen und Verkehrsunfälle nicht vollständig. (E 2b)294
Eine norwegische Registerstudie schätzte den Effekt der ADHS-Medikation auf Verletzungen mithilfe der zwischen Kliniken stark schwankenden Verschreibungsneigung als Instrumentvariable. Betroffene hatten gegenüber der Allgemeinbevölkerung ein erhöhtes Verletzungsrisiko (RR 1,35; 95 % KI 1,30 bis 1,39), bei Mädchen und Frauen (RR 1,47; 1,38 bis 1,56) stärker als bei Jungen und Männern (RR 1,23; 1,18 bis 1,28). Für die Untergruppe mit milderer oder atypischer Symptomatik, deren Behandlungsstatus von der Klinikpräferenz abhing, ergab sich kein kausaler Beleg für eine Schutzwirkung der Medikation auf Verletzungen insgesamt. Lediglich für in Notaufnahmestationen behandelte Verletzungen zeigte sich über die Zeit ein Effekt der Medikation. (norwegische Registerstudie mit Instrumentvariablenanalyse, n = 8.051, Diagnose im Alter von 5 bis 18 Jahren, Nachbeobachtung bis 4 Jahre, E 2b)295
2.3. Weniger sexuell übertragbare Krankheiten und Teenagerschwangerschaften (bis - 41 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten traten sexuell übertragbare Krankheiten bei Männern um 30 % bis 41 % seltener auf. Schwangerschaften vor dem 20. Lebensjahr waren bei langfristiger Einnahme um 31 % seltener. Eine Behandlung ersetzt keine Verhütung. Sie verbessert aber offenbar die Fähigkeit, vorausschauend zu handeln und getroffene Vorsätze auch umzusetzen.
- ADHS-Betroffene haben häufiger sexuell übertragbare Krankheiten (systematisches Review, E 1a)191
- ADHS-Medikamente waren bei Männern mit einem um 30 % (kurzfristige Einnahme, HR 0,70) bis 41 % (langfristige Einnahme, HR 0,59) verringerten Risiko assoziiert. Bei Frauen zeigte sich kein Schutzeffekt (n = 89.490, Kohortenstudie, E 2b)296
- weniger Teenager-Schwangerschaften (langfristige Medikation: HR 0,69 für Schwangerschaft unter 20 Jahren) (Kohortenstudie, E 2b)210
2.4. Weniger Komorbiditäten
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten treten mehrere Begleiterkrankungen seltener auf, darunter Depressionen um 20 % bis 78 %, Angststörungen, Störungen des Sozialverhaltens sowie Krankenhausaufnahmen wegen psychischer Erkrankungen. Bei bipolaren Störungen und bei Psychosen fand sich überwiegend kein Unterschied, teilweise ein geringeres Risiko. Die verbreitete Sorge, ADHS-Medikamente könnten eine Psychose auslösen, wird durch die Daten nicht gestützt. Die Befunde stammen aus Beobachtungsstudien und nicht aus randomisierten Langzeitversuchen.
Mehrere der nachfolgend dargestellten Studien fanden, dass ADHS-Medikamente mit einer geringeren Häufigkeit der folgenden Komorbiditäten assoziiert waren. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS und Komorbidität war eine kombinierte Behandlung oder MPH allein wirksamer als andere Behandlungsformen (n = 1.919, Querschnittstudie, E 3).297
Eine norwegische Kohortenstudie fand bei n = 8.051 Kindern und Jugendlichen mit ADHS-Erstdiagnose (5 bis 18 Jahre) durch eine ADHS-Medikation (87,5 % MPH, 11,5 % ATX, 0,9 % Amphetaminpräparate) in Regressionsanalysen eine bis zu 51 % geringere Rate von Substanzgebrauchsstörungen (Jahr 1 bis 2), 36 % weniger psychotische Störungen (Jahr 8) und 22 % weniger reaktive Störungen, zugleich bis zu 30 % mehr Störungen des Sozialverhaltens, 48 % mehr Ticstörungen und nach 9 Jahren eine um 7 % erhöhte Rate irgendeiner Komorbidität. (Kohortenstudie, E 2b)220 Einschränkend ist zu berücksichtigen, dass das Studiendesign nicht nach Stärke des ADHS zwischen medikamentierter und nichtmedikamentierter Gruppe unterscheiden konnte. Medikation korreliert mit höherer Schwere. Weiter dürften Menschen, die bereits die Erfahrung gemacht haben, dass Medikamente ihnen helfen können, eher bereit sein, sich im Falle weiterer Probleme einer zusätzlichen Diagnose zu unterziehen. Amphetaminmedikamente waren stark unterrepräsentiert.
(E 2b): Die Instrumentalvariablen-Analyse derselben Kohorte, die nur Effekte bei Patienten „an der Behandlungsgrenze“ schätzt (bei denen die Verordnung von der Klinikpräferenz abhing), fand, dass eine Medikation bei Mädchen das Auftreten reaktiver (stressbezogener) Störungen in den ersten zwei Jahren der Nachbeobachtung nahezu eliminierte und bei Jungen die Inzidenz von Ticstörungen in den ersten 3 Jahren um bis zu 89 % verringerte. (Kohortenstudie, E 2b)298 Weitere Vorteile oder Nachteile zeigten sich nicht (Editorial zur Studie, E 4).299
2.4.1. Weniger Angststörungen (- 85 %)
Eine Stimulanzienbehandlung (im Mittel 6 Jahre) war in einer 10-Jahres-Verlaufsstudie an 140 Jungen mit ADHS mit einem um 85 % verringerten Risiko multipler Angststörungen (≥ 2 Angststörungen) assoziiert (HR 0,15). (Kohortenstudie, E 2b)300
2.4.2. Weniger Störungen des Sozialverhaltens und ODD (- 48 % bis - 79 %)
Eine Stimulanzienbehandlung (im Mittel 6 Jahre) war in einer 10-Jahres-Verlaufsstudie an 140 Jungen mit ADHS mit einem verringerten Risiko assoziiert von (Kohortenstudie, E 2b)300
- Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD) um 79 % (HR 0,21)
- ODD (Störung mit oppositionellem Trotzverhalten) um 79 % (HR 0,21)
Langfristige MPH-Einnahme (> 1 Jahr) war bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS im Vergleich zu kurzzeitigen Einnahme (< 1 Jahr) mit einem um 48 % verringerten Risiko von CD und ODD verbunden (HR 0,52). (Kohortenstudie, E 2b)301
2.4.3. Weniger Depressionen (- 20 % bis - 78 %)
ADHS-Medikamente waren mit einem verringerten Depressionsrisiko assoziiert:
- 3 Jahre nach der Einnahme um 42 % (HR 0,58; n = 38.752, Kohortenstudie, E 2b)302
- während der Einnahme um 20 % (HR 0,80) (Kohortenstudie, E 2b)302
- um 20 % (RR 0,80; Metaanalyse, k = 33, Kinder und Jugendliche, E 1a)157
- langfristige MPH-Einnahme (> 1 Jahr) bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS im Vergleich zu kurzfristiger Einnahme (< 1 Jahr) um 30 % (HR 0,70) (Kohortenstudie, E 2b)301
- Stimulanzienbehandlung (im Mittel 6 Jahre) in einer 10-Jahres-Verlaufsstudie an 140 Jungen mit ADHS um 78 % (HR 0,22) (Kohortenstudie, E 2b)300
- Bei 25 Schwangeren mit ADHS zeigten Frauen, die ihre ADHS-Medikation absetzten, stärkere depressive Symptome als Frauen, die sie fortführten (Kohortenstudie, E 2b)303
In derselben finnischen Registerstudie wie zur geringeren Antibiotikaeinnahme sank der Anteil erwachsener ADHS-Betroffener mit SSRI-Verordnung im zweiten Jahr nach der ADHS-Diagnose von 21,7 % auf 16,5 %, während er bei Kontrollen leicht zunahm (5,7 % auf 6,2 %). (Kohortenstudie, E 2b)292
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 10 bis 24 Jahren mit ADHS und komorbider Major Depression gingen Stimulanzien gegenüber Nichtstimulanzien mit günstigeren klinischen Verläufen einher (adjustierte HR 0,49 bis 0,68 für Suizidalität, Beginn einer antipsychotischen Behandlung, Beginn einer Stimmungsstabilisierung und intensive Inanspruchnahme des Gesundheitssystems). Bupropion erreichte für Suizidalität und den Beginn einer Stimmungsstabilisierung vergleichbare Ergebnisse wie Stimulanzien. Nach der Depressionsdiagnose wurden weniger Stimulanzien neu verordnet (RR 0,92; 95 % KI 0,91 bis 0,93) und mehr Nichtstimulanzien, vor allem Bupropion (RR 3,75; 3,58 bis 3,92). (retrospektive Kohortenstudie mit elektronischen Krankenakten der USA, N = 1.026.253 mit ADHS, davon n = 223.665 mit Major Depression; nach Propensity-Score-Matching n = 159.259 je Kohorte, E 2b)304
2.4.4. Weniger Parkinson (- 37 % bis - 75 %)
ADHS-Betroffene über 50 Jahre, die Amphetaminmedikamente erhielten (n = 13.930 vs. 13.848), zeigten ein um 37 bis 45 % verringertes Parkinsonrisiko (HR 0,59 bis 0,55 nach 2 bis 6 Jahren). Höhere Dosen (> 5 mg) waren mit einer stärkeren Risikoverringerung verbunden als niedrigere. Bei Frauen war das Risiko um rund 75 % verringert (HR 0,24 bis 0,28), bei Männern nicht signifikant. (Kohortenstudie, E 2b)305
2.4.5. Psychosen (bis - 36 %)
(E 2b): Langfristige MPH-Einnahme (> 1 Jahr) war bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS gegenüber kurzfristiger Einnahme (< 1 Jahr) nicht mit einem 17 % verringerten Risiko psychotischer Störungen verbunden (HR 0,83; 95 % KI 0,52 bis 1,32; nicht signifikant). (Kohortenstudie, E 2b)301 In der norwegischen Kohorte (n = 8.051) war eine ADHS-Medikation in Regressionsanalysen nach 8 Jahren mit 36 % weniger psychotischen Störungen assoziiert. (Kohortenstudie, E 2b)220
Bei Erkrankungen aus dem Schizophreniespektrum fand sich: (Schwedische Registerstudie mit Vergleich innerhalb derselben Person, N = 131.476, E 2b)306
- Lisdexamfetamin
- 11 % verringertes Risiko für Krankenhausaufnahme oder Tod insgesamt (aHR 0,89; 95 % KI 0,84 bis 0,94)
- 30 % verringerte somatische Krankenhausaufnahmen (aHR 0,70; 0,58 bis 0,84)
- Atomoxetin
- 13 % verringertes Risiko einer Krankenhausaufnahme wegen Psychose (aHR 0,87; 0,78 bis 0,98).
- Methylphenidat
- 4 % erhöhtes Gesamtrisiko (aHR 1,04; 1,01 bis 1,08)
- 8 % erhöhtes Gesamtrisiko bei Tagesdosen ab 95 mg (aHR 1,08; 1,03 bis 1,14)
- 6 % erhöhtes Gesamtrisiko bei Einnahme ohne gleichzeitiges Antipsychotikum (aHR 1,06; 1,01 bis 1,12)
- Kardiovaskuläre Krankenhausaufnahmen waren nicht erhöht.
Die Autoren werten die ADHS-Medikation bei Schizophreniespektrumstörungen daher als sicherer als allgemein angenommen. (Schwedische Registerstudie mit Vergleich innerhalb derselben Person, N = 131.476, E 2b)306
Anhaltende Methylphenidatbehandlung (30 mg/Tag) zeigte in einer finnischen Registerstudie mit Instrumentvariablenanalyse (Verschreibungsneigung des jeweiligen Krankenhausbezirks) in der Gesamtstichprobe
- unverändertes Risiko einer nichtaffektiven Psychose (Risikodifferenz nach 1 Jahr -0,14; 95 % KI -0,85 bis 0,42; nach 4 Jahren -0,15; -0,49 bis 0,11).
- Psychoserisiko verringert bei vor dem 13. Lebensjahr Diagnostizierten
- nach 3 Jahren um -0,24 (-0,45 bis -0,03; p = 0,03;
- nach 4 Jahren um -0,21 (-0,48 bis -0,07; p = 0,02).
- Für die im Jugendalter Diagnostizierten war die Instrumentvariable zu schwach für dieselbe Analyse.
Von 3.956 Betroffenen mit ADHS erhielten 2.728 (69,0 %) mindestens einmal Methylphenidat. 222 (5,7 %) erhielten bis zum Ende der Nachbeobachtung die Diagnose einer nichtaffektiven Psychose, im Mittel im Alter von 22,16 Jahren (SD 2,39). (Finnische Registerstudie mit Instrumentvariablenanalyse, Geburtsjahrgänge 1987 bis 1997, N = 697.289, davon n = 3.956 mit ADHS, E 2b)307
2.4.6. Verringerte psychiatrische Hospitalisierung (- 7 % bis - 26 %)
Eine schwedische Registerstudie untersuchte alle n = 221.714 Jugendlichen und Erwachsenen (16 bis 65 Jahre), die zwischen 2006 und 2021 eine ADHS-Diagnose erhalten hatten.
ADHS-Medikamente verringerten während der Einnahme das Risiko einer psychiatrischen Krankenhauseinweisung im Vergleich zu Zeiten ohne Einnahme: (Kohortenstudie, E 2b)265
Wissenschaftlich: Einzelne Wirkstoffe und psychiatrische Krankenhausaufnahmen
- Amphetaminmedikamente: um 26 % (aHR 0,74)
- Lisdexamfetamin: um 20 % (aHR 0,80)
- Kombinationsmedikation: um 15 % (aHR 0,85)
- Dextroamphetamin: um 12 % (aHR 0,88)
- Methylphenidat: um 7 % (aHR 0,93)
- Atomoxetin: unverändert
- Guanfacin: unverändert
- Modafinil: unverändert
- Clonidin: unverändert.
2.4.7. Bipolare Störungen
In derselben 10-Jahres-Verlaufsstudie an 140 Jungen mit ADHS war das Risiko einer bipolaren Störung unter Stimulanzienbehandlung nicht signifikant verändert (HR 0,47; p = 0,063). (Kohortenstudie, E 2b)300
Bei bipolarer Störung zeigte eine zusätzlich zu Antipsychotika oder Stimmungsstabilisierern gegebene Stimulanzienmedikation im Vergleich zu Zeiträumen mit Antipsychotika oder Stimmungsstabilisierern allein: (Schwedische Registerstudie 2006 bis 2021 mit Vergleich innerhalb derselben Person, N = 17.971, mittlere Nachbeobachtung 8,9 Jahre, E 2b)308
- 11 % weniger psychiatrischen Krankenhausaufnahmen (aHR 0,89; 95 % KI 0,85 bis 0,93)
- 25 % weniger suchtbezogenen Aufnahmen (aHR 0,75; 0,70 bis 0,81)
- 10 % weniger Krankenhausaufnahmen oder Tod insgesamt (aHR 0,90; 0,87 bis 0,93)
- 7 % weniger manieverbundene Krankenhausaufnahmen (aHR 0,93, nicht signifikant)
- unveränderte somatische Krankenhausaufnahmen (aHR 1,00, nicht signifikant)
Die Verringerung psychiatrischer Aufnahmen zeigte sich für Lisdexamfetamin (aHR 0,81; 0,75 bis 0,87) und Methylphenidat (aHR 0,92; 0,88 bis 0,97), nicht für Atomoxetin. (E 2b)308
2.4.8. Demenz
In einer prospektiven israelischen Kohorte der Geburtsjahrgänge 1933 bis 1952 erhielten 730 von 109.218 Teilnehmenden (0,7 %) im Erwachsenenalter eine ADHS-Diagnose. Von diesen entwickelten 96 (13,2 %) eine Demenz gegenüber 7.630 von 108.488 (7,0 %) ohne ADHS-Diagnose (adjustierte HR 2,77; 95 % KI 2,11 bis 3,63; p < 0,001; unadjustiert HR 3,62; 2,92 bis 4,49). Unter den Betroffenen, die Psychostimulanzien erhielten, zeigte sich dagegen keine deutliche Erhöhung des Demenzrisikos. (prospektive Kohortenstudie, N = 109.218, Nachbeobachtung 2003 bis 2020, E 2b)309
Ein narratives Review ordnet die vorliegenden Befunde dahingehend ein, dass Stimulanzien wie Methylphenidat und Amphetaminderivate das Demenzrisiko abschwächen könnten, indem sie den dopaminergen Tonus normalisieren, die kortikale Plastizität fördern und oxidativen Stress verringern. Die Autoren bezeichnen diese Daten ausdrücklich als vorläufig; randomisierte Studien zur Bestätigung einer Schutzwirkung stehen aus. (Narratives Review, keine quantitativen Angaben, E 1b)310
2.5. Weniger Parodontitis (- 58 %)
Bedeutung für Betroffene
Atomoxetin war mit einem um 58 % geringeren Risiko einer späteren Parodontitis verbunden. Die Zahl der damit Behandelten lag allerdings nur bei 290, weshalb der Wert unsicher ist. Unabhängig davon bleiben regelmäßige Zahnpflege und zahnärztliche Kontrollen wichtig, weil Zahnerkrankungen bei ADHS insgesamt häufiger auftreten.
Atomoxetin war bei Jugendlichen mit ADHS mit einem um 58 % verringerten Risiko einer späteren Parodontitis assoziiert (HR 0,42; nur n = 290 Atomoxetin-Nutzer, 16.211 ADHS-Betroffene gegenüber 162.110 Kontrollen, Kohortenstudie, E 2b).196
2.6. Verringerter Suchtmittelkonsum (- 15 % bis - 50 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten lag der Konsum von Suchtmitteln um 15 % bis 50 % niedriger. Die Rauchquote war etwa halbiert. Die verbreitete Befürchtung, Stimulanzien führten in eine Sucht, bestätigte sich nicht. Auch bei bereits bestehender Stimulanziengebrauchsstörung war die Rate stimulanzienbezogener Krankenhausaufnahmen nach Behandlungsbeginn nicht höher, sondern niedriger als davor. Eine unbehandelte ADHS gilt umgekehrt als eigener Risikofaktor für Suchterkrankungen.
ADHS-Medikamente waren assoziiert mit einem geringeren:
-
Tabakkonsum (Fall-Kontroll-Studie, E 3)311
-
Substanzmissbrauch (RCT, E 1b)313
-
(E 1b): Alkoholkonsum (Fall-Kontroll-Studie, E 3)311 (RCT, E 1b)313
-
Cannabiskonsum (Fall-Kontroll-Studie, E 3)311
-
(E 1b): Einnahme illegaler Drogen (Fall-Kontroll-Studie, E 3)311 (RCT, E 1b)316
- Bei haftentlassenen Männern mit ADHS und Amphetaminabhängigkeit (n = 54) erhöhte OROS-MPH (bis 180 mg/Tag) im RCT den Anteil amphetaminnegativer Urinproben (Median 23 % gegenüber 14 % unter Placebo) und verlängerte die Zeit bis zum ersten Rückfall (25 gegenüber 16 Tagen) (RCT, E 1b)316
Eine Metaanalyse (n = 2.565) fand für ADHS-Medikamente weder ein erhöhtes noch ein verringertes Risiko. (Metaanalyse, E 1a)317
- Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit 20 % verringert (11 Studien, über 1300 Teilnehmer; OR 0,80)
- für Nikotinmissbrauch oder -abhängigkeit 34 % erhöht (6 Studien, 884 Teilnehmer; OR 1,34)
- für Cannabismissbrauch oder -abhängigkeit 3 % verringert 9 Studien, über 1100 Teilnehmer; OR 0,97)
- für Kokainmissbrauch oder -abhängigkeit 10 % erhöht (7 Studien, 950 Teilnehmer; OR 1,10)
Kokainkonsum 192 bis 546 % verringert in RCT bei Erwachsenen mit ADHS und Kokainkonsumstörung durch retardiertes Mischamphetamin (60 bzw. 80 mg) (kokainnegative Wochen OR 2,92 bzw. 5,46; Abstinenz in den letzten 3 Wochen 30,2 % gegenüber 7,0 % unter Placebo) (RCT, E 1b)318
(E 1a): Eine Metaanalyse über 6 Studien mit n = 1.034 Probanden ergab für die mit Stimulanzien behandelten Teilnehmer ein 1,9-fach verringertes Risiko einer späteren Substanzgebrauchsstörung (Alkohol und Drogen), stärker bei Nachbeobachtung bis zur Adoleszenz (OR 5,8) als bis ins Erwachsenenalter (OR 1,4). (Metaanalyse, E 1a)319 (Buchkapitel, E 4)320
Eine weitere Metaanalyse (k = 17; n = 2.155; 15 bis 65 Jahre) fand bei Suchtbetroffenen mit ADHS durch medikamentöse Behandlung gegenüber Placebo ein geringeres Craving (SMD 0,27), eine höhere Abstinenz (SMD 0,33) und einen geringeren Substanzkonsum (SMD 0,41). Der Konsum sank für Tabak (SMD 0,44), Kokain (SMD 0,44) und Amphetamin (SMD 0,51), nicht für Cannabis (SMD 0,17). Die Autoren sahen Stimulanzien wie Nichtstimulanzien dem Placebo überlegen, konnten wegen der Heterogenität der Studien aber keine wirkstoffbezogene Auswertung vornehmen. (Metaanalyse, E 1a)321
Bei opioidabhängigen Schwangeren mit ADHS (n = 3.247, davon 5 % mit Psychostimulanzien) war eine Stimulanzienmedikation assoziiert mit (Kohortenstudie, E 2b)322
- 81 % häufigerer Buprenorphineinnahme (Mittel zum Entzug von Opioiden; aRR 1,81)
- 61 % seltenerer Methadoneinnahme (aRR 0,39)
- 23 % seltenerem Absetzen einer begonnenen Buprenorphineinnahme (aHR 0,77)
- 50 % weniger Einweisungen wegen Substanzkonsumstörungen (OR 0,50)
Bei Cannabisgebrauchsstörung beeinflussten ADHS-Medikamente das Risiko einer suchtbedingten Krankenhausaufnahme:
- 15 % niedriger bei ADHS-Medikation insgesamt (aHR 0,85; 95 % KI 0,81 bis 0,88)
- 26 % niedriger bei Lisdexamfetamin (aHR 0,74; 0,69 bis 0,79)
- 10 % niedriger bei Methylphenidat (aHR 0,90; 0,86 bis 0,94)
- 15 % niedriger bei ADHS-Kombinationsmedikation (aHR 0,85; 0,75 bis 0,96)
- Antipsychotika (aHR 1,12), Antidepressiva (aHR 1,09) und Benzodiazepine (aHR 1,14) erhöhten dagegen das Risiko, Stimmungsstabilisierer zeigten keinen Effekt.
Die Autoren führen den Vorteil eher auf die Behandlung der zugrunde liegenden psychiatrischen Störungen als auf eine direkte Wirkung gegen die Cannabisgebrauchsstörung zurück. (Schwedische Registerstudie 2006 bis 2021 mit Vergleich innerhalb derselben Person, N = 51.947 mit erstmaliger Cannabisgebrauchsstörung, E 2b)323
Bei Erwachsenen, die Psychostimulanzien oder Atomoxetin erhielten, war die Rate stimulanzienbezogener Krankenhausaufnahmen in den sechs Monaten nach Behandlungsbeginn gegenüber den sechs Monaten davor niedriger:
- 21 % bei Personen mit vorbestehender Stimulanziengebrauchsstörung, RR 0,79 (95 % KI 0,62 bis 0,99)
- 16 % bei Personen mit vorbestehender Stimulanziengebrauchsstörung, RR 0,84 (0,70 bis 1,02)
Von 132.666 Behandelten hatten 3.161 (2,4 %) eine Stimulanziengebrauchsstörung in der Vorgeschichte. Die Ergebnisse waren über Geschlechter, Altersgruppen und Medikamentenklassen hinweg vergleichbar und blieben in Sensitivitätsanalysen mit 8-, 12- und 52-Wochen-Zeiträumen bestehen. (Schwedische Registerstudie mit Vergleich innerhalb derselben Person, N = 132.666, 2008 bis 2021, E 2b)324
2.7. Weniger wärmeregulationsbezogene Krankheiten (- 44 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter Stimulanzien traten hitzebedingte Erkrankungen wie Dehydrierung, Überhitzung und Hitzschlag um 44 % seltener auf. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, Stimulanzien erhöhten die Empfindlichkeit gegenüber Hitze. Bei großer Hitze bleiben ausreichendes Trinken und Pausen gleichwohl wichtig.
Stimulanzien waren in einer Kohortenstudie (n = 69.446 je Gruppe nach Matching, 6 bis 24 Jahre, 1 Jahr Follow-up) mit einem um 44 % verringerten Risiko hitzebedingter Erkrankungen insgesamt verbunden (RR 0,56). (Kohortenstudie, E 2b)325 Signifikant war die Verringerung für Dehydratation (RR 0,56) und Rhabdomyolyse (OR 0,56), nicht für Hitzschlag, Hitzesynkope, Hitzeerschöpfung oder Sonnenstich. Untersucht wurden
- Dehydrierung
- Hyperthermie
- Hitzschlag
- Hitzesynkope
- Hitzekrämpfe
- Hitzeerschöpfung
- Hitze-Müdigkeit
- Hitzeödeme
- Rhabdomyolyse
- Sonnenstich
2.8. Verringerte Kurzsichtigkeit (- 39 %)
Bedeutung für Betroffene
Unbehandelte Kinder mit ADHS hatten ein um 22 % erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit. Unter ADHS-Medikamenten lag dieses Risiko um 39 % niedriger. Der Zusammenhang ist bislang nur in wenigen Arbeiten untersucht und sollte nicht überbewertet werden.
Kinder mit ADHS, die ADHS-Medikamente (MPH, Atomoxetin oder Clonidin) erhielten, hatten ein um 39 % verringertes Myopie-Risiko (Kurzsichtigkeit; aHR 0,61). Zwei ADHS-Medikamente verringerten das Risiko stärker (aHR 0,28) als ein einzelnes ADHS-Medikament (aHR 0,50). (Kohortenstudie, E 2b)326
Das Myopie-Risiko unbehandelter Kinder mit ADHS war gegenüber Kindern ohne ADHS um 22 % erhöht (aHR 1,22). (Kohortenstudie, E 2b)326
2.9. Verringerte allgemeine Hospitalisierung (- 16 % bis - 38 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten lagen Krankenhausaufnahmen aus nichtpsychiatrischen Gründen um 16 % bis 38 % niedriger. Das deutet darauf hin, dass sich eine Behandlung nicht nur auf die Symptome auswirkt, sondern auch auf den allgemeinen Gesundheitszustand und auf den Umgang mit der eigenen Gesundheit.
Eine schwedische Registerstudie untersuchte alle n = 221.714 Jugendlichen und Erwachsenen (16 bis 65 Jahre), die zwischen 2006 und 2021 eine ADHS-Diagnose erhalten hatten.
ADHS-Medikamente verringerten während der Einnahme das Risiko einer nichtpsychiatrischen Krankenhauseinweisung im Vergleich zu Zeiten ohne Einnahme: (Kohortenstudie, E 2b)265
- Amphetaminmedikamente: um 38 % verringert (aHR 0,62, p = 0.002)
- Lisdexamfetamin: um 36 % verringert (aHR 0,64, p < 0.001)
- Kombinationsmedikation: um 33 % verringert (aHR 0,67, p < 0,001)
- Dextroamphetamin: um 28 % verringert (aHR 0,72, p < 0,001)
- Methylphenidat: um 20 % verringert (aHR 0,80, p < 0,001)
- Modafinil: um 19 % verringert (aHR 0,81, p = 0.05)
- Atomoxetin: um 16 % verringert (aHR 0,84, p < 0,001)
- Guanfacin: um 2 % erhöht (p = 0,85, statistisch nicht signoifikant)
- Clonidin: um 5 % erhöht (p = 0,68, statistisch nicht signifikant)
Kinder und Jugendliche mit ADHS und komorbidem Autismus begannen die medikamentöse Behandlung später als Betroffene mit ADHS allein (12 bis 14 % erst mehr als 12 Monate nach der Diagnose gegenüber 7 bis 8 %), brachen sie innerhalb von drei Monaten häufiger ab (16 % gegenüber 12 %) und wechselten das Präparat innerhalb von drei Jahren häufiger (im Mittel 2,6 Wechsel). Im Vergleich innerhalb derselben Person, der das Jahr vor dem Jahr nach Behandlungsbeginn gegenüberstellte, unterschieden sich die alternativen ADHS-Medikamente nach Korrektur für multiples Testen nicht signifikant von MPH hinsichtlich stationärer psychiatrischer Aufnahmen, Unfallverletzungen sowie fachärztlicher Behandlungen wegen Substanzgebrauchs-, depressiver oder Angststörungen. (Schwedische Registerstudie, n = 24.117 mit ADHS und Autismus (AuDHS), n = 79.830 mit ADHS allein, Erstdiagnose 2007 bis 2018, Nachbeobachtung bis 2021, E 2b)327
2.10. Seltenere vorzeitige Pubertät (- 37 %)
Bedeutung für Betroffene
Methylphenidat war mit einem um 37 % geringeren Risiko einer vorzeitigen Pubertät verbunden. Ohne Medikation war dieses Risiko bei ADHS etwa verdoppelt. Die Befunde stammen aus einer sehr großen taiwanesischen Registerstudie.
MPH war mit einem um 37 % verringerten Risiko der bei ADHS gegenüber Nichtbetroffenen doppelt so häufigen vorzeitigen Pubertät assoziiert (aHR 0,63; ADHS ohne Medikation: aHR 2,01). (Kohortenstudie, E 2b)200
2.11. Weniger Adipositas (14,7 % bis 33,6 % gegenüber 41,2 %)
Bedeutung für Betroffene
Unter den unmedikamentierten Erwachsenen mit ADHS waren 41,2 % adipös, unter kombiniert behandelten 14,7 %. Statistisch gesichert war der Unterschied nur zwischen diesen beiden Gruppen. Die Untersuchung war herstellerfinanziert und als Momentaufnahme angelegt. Ursache und Wirkung sind daraus nicht zu trennen.
Von Erwachsenen mit ADHS hatten Adipositas: (US-Querschnittserhebung, N = 481, Kombinationsgruppe n = 34, Querschnittstudie, herstellerfinanziert, E 3).227
- 41,2 % der unmedikamentierten Erwachsenen mit ADHS (BMI ≥ 30)
- 33,6 % der mit unretardierten Stimulanzien behandelten
- 31,0 % der mit retardierten Stimulanzien behandelten
- 14,7 % der mit einer Kombination aus retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelten Betroffenen
Normalgewichtig (BMI 18,5 bis 25) waren: (US-Querschnittserhebung, N = 481, Kombinationsgruppe n = 34, Querschnittstudie, herstellerfinanziert, E 3).227
- 27,2 % der unmedikamentierten
- 36,2 % der mit unretardierten Stimulanzien behandelten
- 39,7 % der mit retardierten Stimulanzien behandelten
- 44,1 % der kombiniert behandelten Betroffenen
- Die BMI-Verteilung unterschied sich nur zwischen der kombiniert behandelten und der unmedikamentierten Gruppe signifikant (p = 0,005).
2.12. Geringere Gehirnvolumenverringerung
Bedeutung für Betroffene
Kinder mit ADHS hatten kleinere Hirnvolumina als Kinder ohne ADHS. Bei zuvor unbehandelten Kindern fiel der Unterschied deutlicher aus als bei behandelten. Das spricht dafür, dass eine Behandlung diese Unterschiede nicht verstärkt, sondern eher abmildert. Die verbreitete Sorge vor einer Schädigung des Gehirns durch ADHS-Medikamente wird davon nicht gestützt.
Kinder mit ADHS hatten kleinere Hirnvolumina als Kontrollen (Gesamthirn - 3,2 %, Cerebellum - 3,5 %). Zuvor unmedikamentierte Kinder mit ADHS wiesen deutlichere Verringerungen auf (Gesamthirn - 5,8 %, Cerebellum - 6,2 %, weiße Substanz - 10,7 % gegenüber Kontrollen; weiße Substanz - 8,9 % gegenüber medikamentierten Kindern mit ADHS). Medikamentierte Kinder mit ADHS unterschieden sich von Kontrollen in allen Maßen der grauen Substanz (- 3,4 % bis - 6,6 %), im Caudatus (- 4,3 %) und im Cerebellum (- 3,6 %), jedoch in keinem Maß der weißen Substanz. Der Frontallappen zeigte die kleinsten Effektstärken aller Regionen. Einen selektiv präfrontalen Befund fand die Studie nicht. Die Entwicklungsverläufe waren bei Patienten und Kontrollen weitgehend parallel, was die Autoren als Hinweis auf eine frühe, nicht progressive und von der Stimulanzienbehandlung unabhängige Ursache werteten. (Fall-Kontroll-Studie, E 3)328
2.13. Seltener Opfer von Gewalt, Mobbing und Missbrauch
Bedeutung für Betroffene
Behandelte Jugendliche wurden seltener Opfer von Mobbing und Cybermobbing. Behandelte Kinder erlitten seltener Misshandlung als unbehandelte. In einer Auswertung aus Hongkong war das Misshandlungsrisiko kurz vor dem Behandlungsbeginn am höchsten und sank im weiteren Verlauf um 37 %. Auffälliges Verhalten wirkt demnach als Auslöser von Gewalt im Umfeld, und dieser Auslöser nimmt unter Behandlung ab. Verantwortlich für Gewalt bleibt dabei stets die ausübende Person.
Männliche Jugendliche mit ADHS, die mit MPH behandelt wurden, wurden seltener Opfer von Mobbing/Cyberbullying (körperliche Viktimisierung, Isolation, Zerstörung von Eigentum durch andere und sexuelle Viktimisierung), zerstörten seltener Dinge anderer und zeigten seltener Mobbingverhalten (täterseitig). (Querschnittstudie, E 3)329
ADHS-betroffene Kinder, die mit MPH oder ATX behandelt wurden, erlitten seltener Missbrauch als unbehandelte Betroffene (aHR 1,47 gegenüber 1,80 bei ADHS insgesamt, jeweils im Vergleich zu Kontrollen). (Kohortenstudie, E 2b)330
Eine kombinierte ADHS- und Gewaltbehandlung war bei 209 Tätern von Partnergewalt mit ADHS mit einem Rückgang der Partnergewalt assoziiert, der vor allem mit dem Rückgang der ADHS-Symptome zusammenhing (keine Kontrollgruppe). (Kohortenstudie, E 2b)331
Bei Kindern mit ADHS, die Methylphenidat erhielten und zugleich körperliche Misshandlung erlebten, war das Misshandlungsrisiko: (Self-controlled Case Series anhand elektronischer Krankenakten Hongkongs, n = 1.064 Kinder im Alter von 5 bis 16 Jahren, Self-Controlled-Case-Series-Studie, E 2b)332
- kurz vor Behandlungsbeginn am höchsten (+ 349 %) (IRR 4,49; 95 % KI 3,76 bis 5,36)
- nach Behandlungsbeginn normalisiert (entsprach dem Risiko in unmedikamentierten Zeiträumen, - 10 %) (IRR 0,90; 0,63 bis 1,29)
- im weiteren Behandlungsverlauf um 37 % verringert
Dies decke sich mit der Annahme, dass eine MPH-Behandlung das Risiko verringert, Opfer körperlicher Misshandlung zu werden.
2.14. Geringere Kriminalitätsrate (- 32 % bis - 41 %)
Bedeutung für Betroffene
In Phasen mit ADHS-Medikation lag die Straffälligkeit um 32 % bei Männern und um 41 % bei Frauen niedriger als in Phasen ohne Medikation. Eine norwegische Untersuchung mit quasi-experimentellem Verfahren fand eine Schutzwirkung bei impulsiv-reaktiven Delikten, nicht jedoch bei geplanten Straftaten. Für bereits inhaftierte Betroffene ist die Datenlage bislang dünn.
ADHS-Medikamente verringerten während der Einnahme die Kriminalitötsrate:
-
um 41 % bei Frauen (HR 0,59; n = 25.656, Kohortenstudie, E 2b)130
-
33 % bis 38 % weniger leichte Straftaten bei Jugendlichen unter ADHS-Medikation in Zeiten hoher Medikationstreue als in Zeiten geringer Medikationstreue (HR 0,67 bei mindestens 3 Monaten, HR 0,62 bei mindestens 6 Monaten). SSRI (als Kontrollmedikation) ohne Effekt, ebensowenig ein Hinweis auf umgekehrte Kausalität. Nach Geschlecht, Stimulanzien gegenüber Nichtstimulanzien und Deliktart lag die Verringerung zwischen 16 % und 55 %. (Registerstudie, n = 18.234 Jugendliche von 12 bis 18 Jahren, E 2b)333
-
um 32 % bei Männern (HR 0,68) (Kohortenstudie, E 2b)130
-
30 % weniger Inhaftierungen (HR 0,70; 95 % KI 0,60 bis 0,80) in Zeiten aktiver ADHS-Medikation (dänische Registerstudie, n = 4.231 mit ADHS, n = 19.595 Kontrollen, Nachbeobachtung bis zu einem mittleren Alter von 22,0 Jahren) 334 SSRI: kein signifikanter Effekt
-
20 % weniger für Verurteilungen (HR 0,80; 95 % KI 0,70 bis 0,90) in Zeiten aktiver ADHS-Medikation (dänische Registerstudie, n = 4.231 mit ADHS, n = 19.595 Kontrollen, Nachbeobachtung bis zu einem mittleren Alter von 22,0 Jahren)334 SSRI: kein signifikanter Effekt
-
um 25 % bei männlichen Jugendlichen: 1,52-faches Risiko einer Erststraftat bei mit Stimulanzien behandelten Jungen mit ADHS zwischen 10 und 17 Jahren gegenüber einem 2,02-fachen Risiko ohne Stimulanzienbehandlung (jeweils im Vergleich zu Nichtbetroffenen). Bei Wiederholungsdelikten zeigte sich nur ein geringer Unterschied (HR 1,09 gegenüber 0,97), bei behandelten Mädchen von 10 bis 17 Jahren war das Rückfallrisiko erhöht (HR 1,26) (Kohortenstudie, E 2b)109
-
um 13 % geschlechtsunabhängig (IRR 0,87; n = 148.581, Kohortenstudie, E 2b)259
-
insbesondere bei aus einem Impuls begangenen Straftaten (gewalt- und ordnungsbezogene Delikte; kein Effekt auf geplante Delikte) (Kohortenstudie, E 2b)335
-
(E 1b): geringere Rückfallquote bei ehemaligen Straftätern (gewalttätige Rückfälle unter Psychostimulanzien HR 0,62) (RCT, E 1b)313 (Kohortenstudie, E 2b)336. Die Evidenz aus Gefängnisstudien ist begrenzt (Systematisches Review, E 1a)337
2.15. Verbesserte Schulleistungen und Bildungsabschlüsse
Bedeutung für Betroffene
Unter ADHS-Medikamenten lag die Notensumme in einer schwedischen Registerstudie um 9,35 von 320 Punkten höher. Die Wahrscheinlichkeit, die Zugangsvoraussetzung für die weiterführende Schule zu verfehlen, war um 20 % geringer. Eine norwegische Arbeit, die den Ablauf einer randomisierten Studie nachbildete, fand dagegen nur sehr kleine Effekte und bewertete sie als klinisch nicht bedeutsam. Der schulische Nutzen im Einzelfall lässt sich daraus nicht sicher vorhersagen. Nachteilsausgleiche und eine passende Lernumgebung bleiben deshalb ebenso wichtig wie die Medikation.
ADHS-Medikamente sind mit besseren schulischen Leistungen verbunden:
- Eine dreimonatige Behandlung mit ADHS-Medikamenten war in einer schwedischen Registerstudie (n = 657.720) verbunden mit (Kohortenstudie, E 2b)215
- einer um 9,35 Punkte höheren Notensumme (Skala: 0 bis 320)
- einem um 20 % geringeren Odds, keine Berechtigung für die weiterführende Sekundarschulstufe zu erhalten (OR 0,80)
- Die Testergebnisse von ADHS-Betroffenen während der Zeit, in der sie Medikamente einnahmen, waren um 4,8 Punkte (Skala: 1 bis 200) höher als während der Zeit, in der sie keine Medikamente einnahmen (Within-Person-Vergleich bei 930 Personen mit mehrfachen Tests). (Kohortenstudie, E 2b)338
- Ein teilweises oder vollständiges Absetzen der ADHS-Medikation war gegenüber durchgehender Behandlung mit einem signifikant niedrigeren Notendurchschnitt beim Schulabschluss verbunden (Lehrerbewertung −0,18 SD, Prüfungsnoten −0,22 SD) (Kohortenstudie, E 2b)339
- ADHS-Medikation war mit leicht besseren Testergebnissen in Rechnen (SMD 0,063) und Lesen (0,071) verbunden. Für Englisch (SMD 0,037) war der Effekt nicht signifikant. Die Autoren bewerteten den durchschnittlichen Langzeiteffekt als klinisch nicht relevant. (Kohortenstudie, E 2b)340
In einer US-Querschnittserhebung (n = 481) hatten Erwachsene mit ADHS unter Stimulanzien häufiger einen Associate-, Bachelor- oder Graduate-Abschluss (56,1 % bis 58,9 %) als unmedikamentierte Betroffene (41,3 %). Der Unterschied war nicht signifikant. (Querschnittstudie, E 3)227
In einer 10-Jahres-Follow-up-Studie an Jungen mit ADHS (USA) betrug das kumulative Risiko einer Klassenwiederholung bis zum 21. Lebensjahr unter Stimulanzienbehandlung 26 % gegenüber 63 % ohne Stimulanzien (HR 0,25) (Kohortenstudie, E 2b)300
Erwachsene mit ADHS (n = 20) zeigten ohne Medikation eine verringerte Motivation, sich im kognitiven oder körperlichen Bereich anzustrengen. Amphetaminmedikation steigerte die Motivation gleichmäßig in beiden Bereichen bis nahe an das Niveau gesunder Kontrollpersonen (n = 24, Experimentelle Crossover-Studie, E 2b).341
Eine norwegische Registerstudie im Design einer emulierten Zielstudie fand dagegen nur geringe Langzeiteffekte auf die Schulleistung. Der Beginn einer ADHS-Medikation ging in den nationalen Tests der achten Klasse mit standardisierten Mittelwertunterschieden von 0,037 (Englisch; 95 % KI -0,003 bis 0,076), 0,063 (Rechnen; 0,016 bis 0,111) und 0,071 (Lesen; 0,030 bis 0,111) einher. Die Autoren werteten diese Effekte als klinisch nicht bedeutsam. (Emulierte Zielstudie auf Registerdaten, n = 8.548 Kinder mit ADHS, Geburtsjahrgänge 2000 bis 2007, E 2b)342
Schülerinnen und Schüler mit ADHS und langwirksamen Stimulanzien hatten in einer kanadischen Auswertung von Verwaltungsdaten in den Klassenstufen 9 bis 12: (Retrospektive Auswertung von Verwaltungsdaten, n = 15.544 mit langwirksamen Stimulanzien, n = 27.880 unbehandelt, n = 204.681 ohne ADHS; Autor bei Hersteller angestellt, E 2b)343
- bessere Zeugnisnoten (Schätzwert -4,93 gegenüber -6,19 bei unbehandelter ADHS; Referenz: Gruppe ohne ADHS)
- bessere Ergebnisse in landesweiten Vergleichstests (Perzentilrang -9,20 gegenüber -11,50)
- über alle Klassenstufen hinweg weniger Fehltage (Fehlzeitenrate -3,33 gegenüber 7,96)
- eine höhere Wahrscheinlichkeit eines Schulabschlusses (Odds des Nichtabschlusses 1,39 gegenüber 2,22)
- eine höhere Wahrscheinlichkeit eines Übergangs in eine weiterführende Ausbildung (Odds des Nichtübergangs 0,77 gegenüber 1,42).
- Ein Abstand zu Gleichaltrigen ohne ADHS blieb in allen Bereichen bestehen.
2.16. Verbesserte Arbeitsfähigkeit und Einkommen
Bedeutung für Betroffene
Erwachsene mit einer kombinierten Stimulanzienbehandlung waren häufiger in Vollzeit erwerbstätig und seltener erwerbslos als unbehandelte Betroffene. Die Befundlage ist allerdings uneinheitlich. Eine US-Querschnittsauswertung fand keinen Unterschied in der Erwerbstätigkeit, eine dänische Registerstudie sogar einen ungünstigeren Erwerbsstatus bei guter Einnahmetreue. Als Erklärung dafür gilt, dass gerade schwerer Betroffene die Medikation zuverlässiger einnehmen.
Erwachsene mit einer Kombination aus retardierter und unretardierter Stimulanzienmedikation waren häufiger in Vollzeit erwerbstätig (52,9 %) als unmedikamentierte Betroffene (33,3 %) (US-Querschnittserhebung, n = 481, E 3).227
Erwerbslos waren 23,5 % (retardiert und unretardiert), 38,3 % (unretardiert), 39,7 % (retardiert) und 53,5 % (unmedikamentiert) der Betroffenen. (Querschnittstudie, E 3)227
Von 20 nachuntersuchten ehemaligen Strafgefangenen mit ADHS, die an einer 52-wöchigen Methylphenidat-Studie teilgenommen hatten, waren nach 3 Jahren 15 entlassen. Von diesen waren 10 (67 %) erwerbstätig, meist in Vollzeit. (RCT, E 1b)313
Betroffene mit einer Stimulanzienmedikation hatten (Unterschiede nicht signifikant) (Querschnittstudie, E 3)227
- zu 58,8 % bis 65,2 % ein Haushaltseinkommen zwischen 25.000 und 150.000 USD/Jahr (unmedikamentierte Betroffene: 50,9 %)
- zu 14,7 % bis 26,2 % ein Haushaltseinkommen unter 25.000 USD/Jahr (unmedikamentierte Betroffene: 34,2 %)
Eine schwedischen Registerdatenstudie fand: (Registerkohorte, N = 12.875 Erwerbsfähige mit ADHS der Geburtsjahrgänge 1958 bis 1978, Nachbeobachtung 2008 bis 2013; Autoren bei Hersteller angestellt, E 2b)344
- bei ADHS-Medikation in den vorangegangenen 2 Jahren
- 10 % geringeres Risiko einer Langzeitarbeitslosigkeit (mindestens 90 Arbeitslosigkeitstage im Folgejahr) (adjustiertes RR 0,90; 95 % KI 0,87 bis 0,95).
- nur bei Frauen (RR 0,82; 0,76 bis 0,89)
- nicht bei Männern (RR 0,96; 0,91 bis 1,01)
- bei Frauen mit der Behandlungsdauer zunehmend (p < 0,001 für den Trend).
- 1 bis 6 Monate; RR 0,86
- 18 bis 24 Monate; RR 0,72.
- 10 % geringeres Risiko einer Langzeitarbeitslosigkeit (mindestens 90 Arbeitslosigkeitstage im Folgejahr) (adjustiertes RR 0,90; 95 % KI 0,87 bis 0,95).
- in medikamentierten Zeiträumen fand sich innerhalb derselben Personen
- 11 % niedrigere Langzeitarbeitslosigkeit als in nichtmedikamentierten Zeiten (RR 0,89; 0,85 bis 0,94).
Eine dänische Fall-Kontroll-Studie mit Registerdaten von 1995 bis 2016 und mindestens zehnjähriger Beobachtung fand keinen Zusammenhang zwischen der Einnahmetreue der ADHS-Medikation und dem Abschluss einer Ausbildung im Alter von 30 Jahren. Die Einnahmetreue ging mit einem ungünstigeren Erwerbsstatus im Alter von 30 Jahren einher, was die Autoren auf die Schwere der psychiatrischen Komorbidität als Confounder zurückführen. Betroffene wiesen insgesamt höhere direkte Gesundheitskosten, mehr psychiatrische Komorbiditäten und mehr Begleitmedikation auf als die nach Alter, Geschlecht und Wohnort im Verhältnis 1:4 zugeordneten Kontrollen. (Dänische Fall-Kontroll-Studie mit Registerdaten, E 3)345
In einer US-amerikanischen Querschnittsauswertung der Medical Expenditure Panel Survey 2013 bis 2019 unterschieden sich Erwachsene mit ADHS mit und ohne Stimulanzienbehandlung in den adjustierten Modellen nicht hinsichtlich der Erwerbstätigkeit. Stimulanzienbehandelte gaben häufiger soziale Einschränkungen an (OR 3,16; 95 % KI 1,50 bis 6,69) und waren seltener körperlich aktiv (OR 0,29; 0,13 bis 0,66). In der Untergruppenanalyse waren einnahmetreue Anwender häufiger selbstständig erwerbstätig als nicht einnahmetreue (OR 2,10; 1,15 bis 3,82). Die Autoren verweisen auf die Querschnittsanlage und fordern längsschnittliche Untersuchungen. (US-amerikanische Querschnittsstudie, n = 1.290, gewichtet 2.468.186, E 3)346
2.17. Häufiger kommerzielle Krankenversicherung
Bedeutung für Betroffen
In den USA hatten behandelte Betroffene häufiger eine private Krankenversicherung als unbehandelte. Das ist eher ein Hinweis darauf, wer Zugang zu einer Behandlung findet, als auf eine Wirkung der Behandlung selbst. Auf das deutsche Versicherungssystem ist der Befund nicht übertragbar.
Eine kommerzielle (private) Krankenversicherung statt einer staatlichen Versicherung oder fehlendem Versicherungsschutz hatten (US-Querschnittserhebung, n = 481; relative Unterschiede eigene Berechnung aus den Quellwerten, E 3):227
- 44,7 % der unmedikamentierten Betroffenen
- 56,4 % der mit unretardierten Stimulanzien behandelten Betroffenen (+ 26,2 %)
- 65,2 % der mit retardierten Stimulanzien behandelten Betroffenen (+ 45,9 %)
- 79,4 % der kombiniert mit retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelten Betroffenen (+ 77,6 %)
Wegen des Querschnittsdesigns ist ein Selektionseffekt (leichterer Zugang zu Medikation bei privater Versicherung) nicht von einer Wirkung der Medikation zu trennen. Die Studie wurde von Purdue Pharma finanziert. (Querschnittstudie, E 3)227
2.18. Verbesserte Lebensqualität
Bedeutung für Betroffene
Unmedikamentierte Kinder mit ADHS berichteten eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität als behandelte. Nach einem randomisierten Absetzen der Medikation verschlechterte sich die Lebensqualität. Eine Netzwerkmetaanalyse zu Erwachsenen fand dagegen keine Wirkung der Medikamente auf die Lebensqualität, und eine grosse Übersichtsarbeit fand für keine Behandlung eine Langzeitwirkung mit hoher Belegkraft. Die Befunde widersprechen einander. Die Lebensqualität sollte deshalb im Behandlungsverlauf eigens erfragt werden und nicht als selbstverständliche Folge der Symptomverbesserung vorausgesetzt werden.
In einer Querschnittsstudie (n = 100 Kinder mit ADHS, 6 bis 12 Jahre, 42 medikamentös behandelt) berichteten unmedikamentierte Kinder mit ADHS eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität als Gesunde (d = 0,72). Medikamentös behandelte Kinder unterschieden sich von Gesunden nur noch im Bereich Familie (d = 0,53). Der Vorteil der Medikation war im Bereich Schule signifikant (d = 0,39). (Querschnittstudie, E 3)231
Eine Metaanalyse von fünf randomisierten, placebokontrollierten Absetzstudien (n = 1.463) fand nach randomisiertem Absetzen der Medikation bei Kindern und Jugendlichen eine Verschlechterung der Lebensqualität (SMD = 0,21), nicht aber bei Erwachsenen (SMD = 0,02, n. s.). (Metaanalyse, E 1a)347 Da nur Patienten mit vorheriger symptomatischer Remission eingeschlossen waren, bildet der Wert den Effekt bei Respondern ab.
In der ABCD-Kohorte, in der Kinder ab dem Alter von 9 bis 10 Jahren fünf Jahre lang begleitet wurden, nahm die Hälfte der Kinder mit ADHS in diesem Zeitraum Medikamente. Die selbstberichteten Verläufe von Familienkonflikten, prosozialem Verhalten und Schulerleben liessen sich jeweils in drei Klassen einteilen (stabil günstig, sich verschlechternd, niedrig mit Verbesserung). Die Klassenzugehörigkeit hing stärker mit sozialen und strukturellen Merkmalen zusammen (ethnische Diskriminierung, Geschlecht, Versicherungsstatus, Herkunft, Partnerschafts- und Erwerbsstatus der Eltern) als mit dem Einnahmemuster der Medikation. Nur die Einnahme von Nichtstimulanzien ging im Vergleich zu ausschliesslicher Stimulanzieneinnahme mit ungünstigeren Verläufen einher. (US-amerikanische Längsschnitt-Kohortenstudie, Nachbeobachtung 5 Jahre, E 2b)348
Eine Komponenten-Netzwerkmetaanalyse von 113 RCT an Erwachsenen fand für Stimulanzien und Atomoxetin als einzige Behandlungen kurzfristige Wirksamkeit auf die Kernsymptome, bestätigt sowohl durch Selbst- als auch durch Fremdbeurteilung (Stimulanzien SMD -0,39; 95 % KI -0,52 bis -0,26 bzw. -0,61; -0,71 bis -0,51; Atomoxetin -0,38; -0,56 bis -0,21 bzw. -0,51; -0,64 bis -0,37). Auf weitere Endpunkte wie die Lebensqualität waren die Medikamente den Autoren zufolge nicht wirksam. Die Datenlage zu längeren Zeiträumen bezeichnen sie als unzureichend untersucht. Atomoxetin wurde schlechter angenommen als Placebo (OR 1,43; 1,14 bis 1,80), Guanfacin ebenfalls (OR 3,70; 1,22 bis 11,19). (Systematisches Review mit Komponenten-Netzwerkmetaanalyse, k = 113 randomisierte kontrollierte Studien, N = 14.887 Erwachsene, E 1b)349
In einer zweijährigen prospektiven Beobachtungsstudie an Kindern und Jugendlichen von 6 bis 18 Jahren mit ADHS und komplexen Komorbiditäten (Autismus-Spektrum-Störung 31 %, autistische Züge 24 %, oppositionelle Symptome 59 %, Angst 32 %, Lese-Rechtschreib- oder Sprachstörung 16 %, Intelligenzminderung im Grenzbereich 17 %) besserten sich unter individuell angepasster Medikation: (Prospektive Beobachtungsstudie über 2 Jahre, n = 128; ohne Kontrollgruppe, E 2b)350
- der klinische Gesamteindruck (SMD als Cohens d: 2,28, stark)
- die ADHS-Symptomatik (SMD 2,06, stark)
- die Alltagsfunktion im Elternurteil mittel bis stark (Gesamtwert 0,73; Lernen 0,40; Familie 0,67).
- Komorbide Symptome, besonders oppositionelles Verhalten, Depression und Angst, besserten sich bereits nach einem Jahr.
- Von 128 Teilnehmenden brachen 29 (23 %) ab, davon 7 wegen unerwünschter Wirkungen, 7 wegen Umzugs und 6, weil sie die Medikation nicht mehr benötigten.
- Häufigste unerwünschte Wirkungen waren Appetitmangel, gedrückte Stimmung, Angst, Reizbarkeit und Müdigkeit.
2.19. Langzeitverlauf 18 Jahre nach multimodaler Behandlung in der Kindheit
Bedeutung für Betroffene
Rund 18 Jahre nach einer multimodalen Behandlung im Kindesalter hatten 18 % der Nachuntersuchten keine ADHS-Diagnose mehr, 55 % zeigten eine Teilremission. Die Verbesserung der Symptome entsprach dem Stand nach 8 Jahren und blieb damit erhalten. Eine Kontrollgruppe ohne Behandlung fehlt, weshalb offen bleibt, welcher Anteil auf die Behandlung und welcher auf den natürlichen Verlauf entfällt.
Bei Erwachsenen, die im Alter von 6 bis 10 Jahren eine multimodale ADHS-Therapie (Verhaltenstherapie und/oder Stimulanzien) erhalten hatten, fanden sich im Mittel 17,7 Jahre später gemischte Ergebnisse (n = 70 von ursprünglich 75, 93 % männlich, Alter 22 bis 32; keine unbehandelte Kontrollgruppe, Vergleich mit Bevölkerungsnormen; die Einzelergebnisse stammen aus unterschiedlich großen Teilstichproben, klinisches Interview n = 44, SCID-II n = 41, Fragebögen n = 43 bis 55). (Kohortenstudie, E 2b)351
Wissenschaftlich: Einzelergebnisse der 18-Jahres-Nachuntersuchung
- eine Verbesserung der ADHS-Symptome, die dem Follow-Up nach 8 Jahren entsprach
- 18 % der 44 klinisch interviewten Teilnehmer hatten keine ADHS-Diagnose mehr
- 55 % hatten eine Teilremission. Davon:
- ADHS-I 33 %
- ADHS-HI 13 %
- ADHS-C 54 %
- 27 % hatten weiter eine ADHS-Diagnose. Davon:
- ADHS-I 67 %
- ADHS-HI 17 %
- ADHS-C 17 %
- funktionelle Beeinträchtigung nach Fremdbeurteilung (n = 43) in Bezug auf
- Finanzen 28 %
- tägliche Verantwortlichkeiten 28 %
- Gemeinschaftsaktivitäten 23 %
- Lernen/Erwerb neuer Lerninhalte 21 %
- in der Selbstbeurteilung (n = 53) lagen die Anteile bei 13 % bis 15 %
- schlechtere schulische / berufliche Ergebnisse als erwartet
- Schul- und Berufsabschlüsse
- ohne Schulabschluss 7 %, RR 1,0; mittlerer Abschluss 35 %, RR 1,1
- Hauptschulabschluss 45 %, RR 2,3
- Abitur / Fachhochschulreife 13 % gegenüber 45 % in der Gesamtbevölkerung, RR 0,3
- abgeschlossene Berufsausbildung 66 %, Hochschulabschluss 1 %
- keine Berufsausbildung 26 %, RR 2,0
- Schul- und Berufsabschlüsse
- Erwerbslosigkeit
- aktuell erwerbslos: 17 % (nach Angabe der Autoren nicht erhöht gegenüber der Gesamtbevölkerung)
- 25 % waren über ein Jahr erwerbslos
- 52 % waren in den vergangenen Jahren einmal erwerbslos
- häufigeren Kontakt mit Justizsystem als erwartet
- Strafurteile 33 %
- gesundheitliche Beeinträchtigungen, Komorbiditäten
- internalisierende Auffälligkeiten im klinischen Bereich 23 %, RR 2,4; externalisierende 17 %, RR 1,8 (Fremdbeurteilung, n = 47)
- 17 % erhielten im Erwachsenenalter Medikamente wegen psychischer Störungen, RR 3,6
- 27 % hatten eine Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV (n = 41)
- antisoziale Persönlichkeitsstörung 12 %, RR 6,8 (ca. 6 Mal so häufig; Gesamtbevölkerung: 2 %)
- vermeidende Persönlichkeitsstörung RR 2,0 (doppelt so häufig)
- schizoide Persönlichkeitsstörungen RR 2,0 (doppelt so häufig)
- paranoide Persönlichkeitsstörung RR 1,3 (30 % häufiger)
- Suchtprobleme
- klinisch auffälliger Drogenkonsum 15 %, RR 5,2
- klinisch auffälliger Tabakkonsum 10 % in der Selbstbeurteilung (RR 3,4), 15 % in der Fremdbeurteilung (RR 5,2)
- klinisch auffälliger Alkoholkonsum 4 % in der Selbstbeurteilung (RR 1,3), 8 % in der Fremdbeurteilung (RR 2,6)
- Gewichtsprobleme
- Übergewicht 32 %, RR 1,6 gegenüber der Gesamtbevölkerung
- Adipositas 13 %, RR 1,3 gegenüber der Gesamtbevölkerung
- internalisierende Auffälligkeiten im klinischen Bereich 23 %, RR 2,4; externalisierende 17 %, RR 1,8 (Fremdbeurteilung, n = 47)
- Mehrere soziale Ergebnisse waren günstig
- langfristige Beziehung 52 %, verheiratet 11 %, zusammen 63 %
- niedrige Lebenszufriedenheit, insbesondere in den Bereichen
- Gesundheit
- Beruf/Karriere
- Freizeit-/Erholungsaktivitäten
- Eigene Kinder
- Eigene Person
- Sexualität
- Beziehungen zu anderen
- Lebenszufriedenheit insgesamt
In der niederländischen NeuroIMAGE-Kohorte unterschieden sich Erwachsene mit kindlichem ADHS nach mehr als 12 Jahren je nach Stimulanzienverlauf in der Kindheit (früh und intensiv n = 46, spät und moderat n = 63, ohne Stimulanzien n = 34) in keinem von 51 Ergebnismaßen aus sieben Bereichen (psychiatrischer Status, Verhalten und Emotionen, Schule und Beruf, Alltagsfunktionen, Neurokognition, körperliche Gesundheit, Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen). Einzig Callous-Unemotional Traits (gefühlsarm-unemotionale Züge) fielen in den behandelten Gruppen günstiger aus, was auch Ausgangsunterschiede widerspiegeln kann. (Kohortenstudie, n = 143 Erwachsene mit kindlichem ADHS aus 324 nachverfolgten Kindern, E 2b)352
2.20. Numbers needed to treat
Bedeutung für Betroffene
Die Number needed to treat gibt an, wie viele Betroffene behandelt werden müssen, damit bei einer Person eine bestimmte Folge vermieden wird. Bei ADHS liegt dieser Wert für mehrere Folgen bei etwa 3. Drei behandelte Kinder bedeuten damit rechnerisch eine vermiedene Klassenwiederholung, eine vermiedene Störung mit oppositionellem Trotzverhalten oder eine vermiedene Störung des Sozialverhaltens. Werte in dieser Grössenordnung gelten in der Medizin als sehr günstig. Zum Vergleich liegt die Number needed to treat vieler anerkannter Behandlungen im zweistelligen Bereich.
Wie viele Kinder mit ADHS müssen mit Stimulanzien behandelt werden, um bis ins junge Erwachsenenalter eine der nachfolgend genannten Folgen zu vermeiden (Number Needed to Treat, NNT; zwei naturalistische 10-Jahres-Follow-up-Studien an Jungen und Mädchen, n = 265; Fahrsimulation: RCT mit Lisdexamfetamin, n = 61)? (RCT, E 1b)353 Die Ergebnisse unterschieden sich nicht nach Geschlecht:
- 3 behandelte Betroffene = 1 vermiedene Klassenwiederholung
- 3 behandelte Betroffene = 1 vermiedene ODD (Oppositionelles Defizitverhalten)
- 3 behandelte Betroffene = 1 vermiedene Verhaltensstörung (Conduct Disorder)
- 3 behandelte Betroffene = 1 vermiedenes Auftreten von mindestens zwei Angststörungen
- 4 behandelte Betroffene = 1 vermiedene schwere Depression (Major Depression mit schwerer Beeinträchtigung)
- 4 behandelte Betroffene = 1 vermiedene Kollision im Fahrsimulator (6 Wochen Lisdexamfetamin gegenüber Placebo)
- 5 behandelte Betroffene = 1 vermiedene bipolare Störung
- 6 behandelte Betroffene = 1 vermiedener Raucher
- 10 behandelte Betroffene = 1 vermiedene Suchterkrankung (nach Adjustierung für das Alter: 43)
2.21. Bessere Einnahmetreue der Medikation bei Typ-2-Diabetes
Bedeutung für Betroffene
Erwachsene mit Typ-2-Diabetes und ADHS nahmen ihre Diabetesmedikamente zuverlässiger ein, wenn ihre ADHS behandelt wurde. Der Befund stammt aus sieben Ländern und umfasst über 3,6 Millionen Personen. Er verdeutlicht, dass eine ADHS-Behandlung auch die Behandlung anderer Erkrankungen erleichtert.
Unter Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes und ADHS ging eine ADHS-Medikation durchgängig mit einer besseren Einnahmetreue der Diabetesmedikation einher; über 5 Jahre lagen die Odds einer schlechten Einnahmetreue bei 0,45 (95 % KI 0,30 bis 0,67), mit gleichgerichtetem Befund in allen beteiligten Ländern. Ein ADHS allein war nicht mit schlechterer Einnahmetreue verbunden (gepoolte Odds nach 1, 2 und 5 Jahren 1,01; 1,03 und 1,12), bei Männern jedoch schon (nach 5 Jahren OR 1,23; 1,11 bis 1,37). Die Autoren schließen daraus, dass ein angemessen behandeltes ADHS die Therapietreue bei Typ-2-Diabetes nicht beeinträchtigt. (Kohortenstudie aus bevölkerungsbezogenen Datenbanken aus sieben Ländern, 2010 bis 2020, N = 3.643.197 Erwachsene mit beginnender oraler Diabetesmedikation, davon n = 88.339 mit ADHS, E 2b)354
3. Finanzielle Folgen von ADHS
Bedeutung für Betroffene
ADHS verursacht Kosten weit über die Behandlung hinaus. Dieses Kapitel ordnet sie nach Behandlungskosten, Gesundheitskosten, Kosten der Angehörigen, Bildungskosten, Sozialleistungen, indirekten Schäden und volkswirtschaftlichen Gesamtkosten. Der grösste Anteil entfällt dabei nicht auf die Behandlung, sondern auf entgangene Arbeitsleistung und entgangenes Einkommen. Eine späte Erstdiagnose ging mit höheren Kosten einher als eine frühe. Für Betroffene bedeutet das vor allem, dass die Kosten einer Behandlung gering ausfallen im Vergleich zu den Kosten einer unbehandelten ADHS.
Eine Erstdiagnose in höherem Alter war mit höheren Kosten für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft verbunden als eine frühzeitige Diagnose (Übersichtsarbeit; Sekundärzitat über Buitelaar et al. 2022, gestützt auf Daley et al. (E 1a): 2019, E 1a).355 (Geschwistervergleich, E 2b)356
3.1. Behandlungskosten bei ADHS
Bedeutung für Betroffene
Die reinen Kosten der Behandlung von ADHS sind vergleichsweise niedrig. Für eine medikamentöse Behandlung wurden je nach Land, Präparat und Jahr etwa 1.300 bis 2.200 USD im Jahr genannt. Eine neuere Auswertung aus Katalonien kam auf rund 780 bis 920 EUR im ersten Jahr nach der Erstverordnung. Diese Beträge liegen deutlich unter den Kosten, die eine unbehandelte ADHS an anderer Stelle verursacht.
Behandlungskosten sind die reinen Kosten für Therapie, Medikation und Arztbesuche zum Zwecke der ADHS-Diagnose und ADHS-Behandlung.
Als jährliche Kosten einer medikamentösen Behandlung wurden genannt:
Wissenschaftlich: Einzelne Kostenangaben zur medikamentösen Behandlung
- USA:
- 2009 bei Erwachsenen: 1.673 USD (reine Medikamentenkosten; umgerechnet aus 2001; 1.270 bis 1.619 EUR) (Statistischer Bericht, E 4)357
- 1998 bei Erwachsenen: 1.262 USD (reine Medikamentenkosten, US-Daten, referiert in einem deutschen HTA-Bericht) (Statistischer Bericht, E 4)357
- 2001 bei Schulkindern: 1.487 USD (Metadate CD) bis 2.232 USD (Adderall) je nach Präparat, einschließlich Arztkontakten und Behandlungsmanagement (US-Modellrechnung) (Metaanalyse, E 1a)358
- Deutschland:
- 2008: 3.888 EUR je ADHS-Betroffenem, damit Mehrkosten gegenüber einer Kontrollgruppe 2.902 EUR jährlich (Krankenkassendatenanalyse, n = 30.264 im Jahr 2008 diagnostizierte Betroffene; Erratum 2016 Kostenanalyse mit Kontrollgruppe, E 2b)359
- der größte Anteil der Mehrkosten betraf Heil- und Hilfsmittel aus, insbesondere
- Ergotherapie: 1.270 EUR
- Arzneimitteltherapie mit Methylphenidat und Atomoxetin: 263 EUR
- 41 % der Betroffenen erhielten keine ADHS-Medikation
- der größte Anteil der Mehrkosten betraf Heil- und Hilfsmittel aus, insbesondere
- Kostentreiber war mithin die Ergotherapie, nicht die Medikation, obwohl die öffentliche Diskussion sich auf die gestiegenen Verordnungszahlen richtet.
- 2008: 3.888 EUR je ADHS-Betroffenem, damit Mehrkosten gegenüber einer Kontrollgruppe 2.902 EUR jährlich (Krankenkassendatenanalyse, n = 30.264 im Jahr 2008 diagnostizierte Betroffene; Erratum 2016 Kostenanalyse mit Kontrollgruppe, E 2b)359
3.2. Gesundheitskosten bei ADHS
Gesundheitskosten umfassen neben den unmittelbaren Behandlungskosten des ADHS selbst außerdem die weiteren medizinischen Kosten für aus ADHS resultierende Komorbiditäten (z.B. Suchtprobleme) und das erhöhte Unfallrisiko.
Bedeutung für Betroffene
Menschen mit ADHS verursachen höhere Gesundheitskosten als Menschen ohne ADHS, und zwar nicht nur für die ADHS-Behandlung selbst. In dänischen Registerdaten lagen die jährlichen Gesundheitskosten Erwachsener mit ADHS bei 4.868 EUR und damit beim 2,55-fachen der Kontrollen. In deutschen Krankenkassendaten lagen sie im ersten Jahr nach der Diagnose um rund 1.500 EUR höher. Der Mehrbetrag entsteht überwiegend durch Begleiterkrankungen, Unfälle und Notaufnahmebesuche und nicht durch die ADHS-Medikamente. Unter Behandlung sanken diese Kosten in mehreren Untersuchungen deutlich.
3.2.1. Deutschland:
Eine GKV-Routinedatenanalyse (DAK, Diagnosen 2019/2020; n = 10.033 ADHS-Betroffene, 30.093 Kontrollen) fand bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland mit neu diagnostizierter ADHS im ersten Jahr nach der Diagnose um 1.505 EUR höhere Gesamtgesundheitskosten als bei gematchten Gleichaltrigen ohne ADHS (2,86-fach). (E 2b): Alter und Komorbiditäten waren signifikant mit den Kosten assoziiert. (Routinedatenanalyse, E 2b)360 (Kostenanalyse mit Kontrollgruppe, E 2b)361
Die Gesundheitskosten lagen im Jahr der Erstdiagnose über 4.000 EUR je Person. Komorbiditäten, Leistungsinanspruchnahme und Kosten waren bereits vor der Erstdiagnose hoch und gingen in den 4 Jahren danach zurück. Nur 32 % erhielten zunächst eine ADHS-Medikation; die höchsten Komorbiditäts- und Kostenwerte fanden sich in dieser Gruppe, was auf eine Verordnung vor allem bei den am schwersten Betroffenen hinweist. Auswertung deutscher Krankenkassendaten (InGef-Datenbank, rund 5 Millionen Versicherte aus über 60 gesetzlichen Krankenkassen), die Erwachsene je 4 Jahre vor und nach ihrer ADHS-Erstdiagnose verfolgte. Das mittlere Alter bei Diagnose betrug 35 Jahre, 60 % waren Männer. (Retrospektive Längsschnittanalyse von Abrechnungsdaten, Kohortenstudie, E 2b)362
Die jährlichen Gesundheitskosten von ADHS-Betriffenen lagen 1.500 EUR über denen alters- und geschlechtsgematchter Nichtbetroffener (Auswertung deutscher Krankenkassendaten, rund 4 Millionen Versicherte je Jahr). Hauptkostentreiber waren stationäre Behandlung, Psychiater und Psychotherapeuten. Affektive Störungen, Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen und Adipositas traten bei ADHS signifikant häufiger auf; die daraus entstehenden Zusatzkosten betrugen bis zu 2.800 EUR jährlich. Die Kosten stiegen mit dem Alter und lagen bei Frauen etwas höher als bei Männern. Bei den 18- bis 30-Jährigen fielen sie deutlich ab, insbesondere für Stimulanzien und für Psychiater, und stiegen ab 30 Jahren wieder an. Die Autoren werten dies zusammen mit dem Rückgang der administrativen Prävalenz ab 17 Jahren als Versorgungslücke im Übergang ins Erwachsenenalter. (Krankenkassendatenanalyse, n = 25.300 ADHS-Betroffene gegenüber 25.300 nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollen, Kostenanalyse mit Kontrollgruppe, E 2b)363
Eine Metaanalyse der Gesundheitskosten von Kindern mit ADHS ergab gewichtete mittlere direkte medizinische Kosten von 5.319 USD jährlich gegenüber 1.152 USD bei Kindern ohne ADHS, eine Differenz von 4.167 USD. Die Spannen der jährlichen Kosten des Gesundheitssystems je Betroffenem lagen zwischen 722 und 11.555 USD (ohne ADHS 179 bis 3.646 USD), aus gesellschaftlicher Perspektive zwischen 162 und 18.340 USD (ohne ADHS 0 bis 2.540 USD). Kinder mit ADHS nahmen mehr Arzneimittel-, psychiatrische und sonderpädagogische Leistungen in Anspruch; zugleich fand eine der eingeschlossenen Studien bei ihnen doppelt so häufig unerfüllte Gesundheitsbedarfe. Zur Produktivitätseinbuße lagen nur wenige Arbeiten vor, die sie aber als erheblichen Kostenblock auswiesen. (Metaanalyse, k = 32, E 1a)364
3.2.2. Weitere Länder
Dänemark
Eine dänische Registerstudie (Daten 2002 bis 2016, veröffentlicht 2020; n = 83.613 ADHS-Betroffene, 334.446 Kontrollen) ermittelte über alle Altersstufen 2.636 EUR höhere jährliche Gesundheitskosten für ADHS-Betroffene (4.133 EUR anstatt 1.497 EUR). (Kohortenstudie, E 2b)365
Bei den Betroffenen ab 18 Jahren betrugen die jährlichen Gesundheitskosten 4.868 EUR gegenüber 1.912 EUR und damit das 2,55-fache. (Kohortenstudie, E 2b)365
Hinzu traten weitere 477 EUR höhere jährliche Gesundheitskosten für Partner von ADHS-Betroffenen. (Kohortenstudie, E 2b)365
Schweden
In einer schwedischen Registerkohorte der Geburtsjahrgänge 1987 bis 1990 verursachten psychiatrische und somatische Begleiterkrankungen im Alter von 18 bis 26 Jahren bei Personen mit ADHS-Diagnose in der Kindheit jährliche Kosten von 890 EUR je Kopf gegenüber 304 EUR ohne kindliches ADHS (persistierendes ADHS 1.060 EUR, remittiertes 609 EUR). Den größten Anteil hatten stationäre Aufnahmen, vor allem wegen Substanzmissbrauchs und Verletzungen. Der Abstand blieb über das junge Erwachsenenalter bestehen oder vergrößerte sich und war bei Frauen größer als bei Männern. Auch remittiertes ADHS ging mit höherer Inanspruchnahme und höheren Kosten einher als kein kindliches ADHS. (Schwedische Registerkohorte, N = 445.790, E 2b)366
Belgien
Kinder mit ADHS in Flandern (Belgien) benötigten 2002 eine intensivere Gesundheitsfürsorge als ihre nicht betroffenen Geschwister. Die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen betrug:(Querschnittstudie, E 3)367
- Allgemeinarzt (60,3 % ggüber 37,4 %)
- Facharzt (50,9 % ggüber 12,9 %)
- Notaufnahme (26 % ggüber 12,1 %)
- Krankenhauseinweisungen (14 % ggüber 8,4 %)
Die von den Eltern getragenen jährlichen Kosten für ein Kind mit ADHS betrugen mehr als das 6-fache derjenigen des nicht betroffenen Geschwisterkindes (588 EUR ggüber 92 EUR). Die öffentlichen Kosten waren verdoppelt (779 EUR ggüber 371 EUR).
Großbritannien
Vorschulkinder (3 Jahre), die von ihren Eltern als hyperaktiv eingestuft wurden (n = 170 gegenüber 88 Kontrollen), verursachten bis ins junge Erwachsenenalter 17,6-mal höhere durchschnittliche jährliche Kosten (562 £ anstatt 30 £) in allen Bereichen (außer Kosten für nicht psychische Gesundheit). Der Effekt wurde vollständig durch spätere psychiatrische Morbidität vermittelt. Innerhalb der hyperaktiven Gruppe waren männliches Geschlecht und bei einigen Kostenarten Verhaltensprobleme Prädiktoren der Kosten. (Kohortenstudie, E 2b)368 Es ist anzunehmen, dass externalisierende Störungen wie ODD und CD einen eigenen Beitrag beisteuerten.
Spanien
In Katalonien verursachten Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren im ersten Jahr nach der Erstverordnung eines zentral wirksamen Sympathomimetikums mittlere direkte Behandlungskosten des öffentlichen Gesundheitssystems zwischen 781,0 EUR und 919,2 EUR, je nach Alters- und Geschlechtsgruppe. Der Median der Gesamtkosten stieg gegenüber dem Jahr vor der Erstverordnung von 397,58 EUR auf 607,17 EUR, im Wesentlichen wegen der Medikamentenkosten (Median 1,88 EUR gegenüber 156,42 EUR); die Hospitalisierungskosten gingen leicht zurück. Am höchsten lagen die Gesamtkosten in der Altersgruppe von 11 bis 14 Jahren (919,24 EUR), am niedrigsten bei den 15- bis 18-Jährigen (781,0 EUR). Kinder mit gleichzeitiger anderer Psychopharmakamedikation nutzten deutlich mehr Leistungen, unter anderem Notaufnahmen (1,59 gegenüber 0,64 Besuche im Jahr). Methylphenidat war mit 88 % das meistverordnete Präparat. (longitudinale Registerkohortenstudie, n = 3.505, Erstverordnung 2016 bis 2017, Nachbeobachtung 1 Jahr, E 2b)369
In Katalonien verursachten Kinder und Jugendliche mit ADHS jährlich 610 EUR höhere direkte Gesundheitskosten als nicht diagnostizierte Gleichaltrige; die unmittelbar auf die Diagnose folgenden Mehrkosten betrugen rund 400 EUR. (längsschnittliche Verwaltungsdaten über 5 Jahre, N = 1.101.215 Kinder und Jugendliche, Instrumentvariablenschätzung mit gematchter Kontrollgruppe, Kohortenstudie, E 2b)370
Europa
Eine systematische Übersicht europäischer Kostenstudien (1990 bis 2013), auf die Niederlande übertragen (Preise 2012), errechnete jährliche Gesundheitskosten von 798 bis 3.571 EUR je betroffenem Kind/Jugendlichen mit ADHS. (Querschnittstudie, E 3)371 Hinzu traten Gesundheitskosten für Familienmitglieder, die auf die Betreuung eines ADHS-Kindes/Jugendlichen zurückzuführen waren, von rund 1.500 EUR je Betroffenem (675 EUR je Familienmitglied).
USA
In einer US-Geburtskohorte (Rochester, n = 4.119) waren die medianen medizinischen Kosten über 9 Jahre bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS mehr als verdoppelt (4.306 USD gegenüber 1.944 USD). (Kohortenstudie, E 2b)372
Für 1999 bis 2001 fanden sich in den USA höhere jährliche Gesundheitskosten bei ADHS-Betroffenen (Erwachsene, n = 2.252 je Gruppe, Preise 2001, Kohortenstudie, E 2b):373
- verdoppelte medizinische Gesamtkosten (5.651 USD vs. 2.771 USD), darunter
- ambulante Kosten (3.009 USD vs. 1.492 USD)
- stationäre Kosten (1.259 USD vs. 514 USD)
- Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente (1.673 USD vs. 1.008 USD)
Die Gesundheitsausgaben für ADHS bei Kindern und Jugendlichen (bis 19 Jahre) in den USA betrugen 2013 20,6 Milliarden USD (Preise 2015). (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)374
Kinder mit ADHS stellten 2013 5,4 % der Medicaid-Kinder des Bundesstaates New York, verursachten jedoch 18,1 % der Gesamtkosten. Die Kosten pro Kind waren 3,2-fach (9.640 USD gegenüber 3.042 USD im Durchschnitt aller Medicaid-Kinder). (Kohortenstudie, E 2b)375
(E 1a): 45,5 % der Kosten der ADHS-Kohorte entfielen auf ADHS-bezogene Leistungen (psychologische Dienste und Medikation). (Kohortenstudie, E 2b)375 (Review, E 1a)376
Pro erwachsenem ADHS-Betroffenen wurden für 2018 jährliche gesamtgesellschaftliche Mehrkosten an Gesundheitsleistungen von 1.642 USD genannt (herstellerfinanzierte Modellrechnung). (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
Die jährlichen direkten Gesundheitskosten von erwachsenen ADHS-Betroffenen waren bei kombinierter Stimulanzienbehandlung um 70 % (12.740 USD/Jahr) geringer als ohne Medikation (US-Versichertendaten, n = 481, herstellerfinanziert; Kombinationsgruppe n = 34, Querschnittstudie, E 3):227
unmedikamentierte ADHS-Betroffene: 18.200 USD/Jahr
mit Kombination von retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelt: 5.460 USD/Jahr
mit retardierten Stimulanzien behandelt: 8.970 USD/Jahr
mit unretardierten Stimulanzien behandelt: 9.190 USD/Jahr
In US-Bevölkerungsdaten betrugen die ADHS-zurechenbaren jährlichen Kosten je erwerbstätigem Erwachsenen mit ADHS 1.248 USD für verschreibungspflichtige Medikamente und 2.031 USD an gesamten direkten medizinischen Kosten (Stand 2018). Hochgerechnet ergaben sich 3,96 Milliarden USD für Medikamente und 6,45 Milliarden USD an direkten medizinischen Kosten. Ein regressionsbasierter Ansatz, der auch nicht unmittelbar ADHS-kodierte Leistungen erfasst, ergab etwa doppelt so hohe Mehrkosten (1.641 USD für Medikamente, 4.328 USD insgesamt); die Autoren werten die Differenz als Hinweis auf Folgekosten, die nicht unter der ADHS-Diagnose abgerechnet werden. Die Fehlzeitenkosten betrugen 512 USD je Person und Jahr. (Bevölkerungsbefragung mit Ausgabendaten 2017/2018, N = 32.222 Beobachtungen, davon n = 459 mit ADHS, hochgerechnet auf 3.175.033 Betroffene, E 3)378
Komorbide Angststörungen und Depressionen vervielfachten die Gesundheitskosten. Bei Erwachsenen mit ADHS betrugen die jährlichen Gesamtkosten je Person 5.335 USD ohne und 11.315 USD mit Angst oder Depression, aufgeschlüsselt 9.233 USD (nur Angststörung), 10.651 USD (nur Depression) und 15.610 USD (beides). Stationäre Aufnahmen waren 4,5-fach, Notaufnahmebesuche 1,8-fach, ambulante Besuche 2,0-fach und psychotherapeutische Sitzungen 6,4-fach häufiger. (retrospektive Kohortenstudie aus US-Versichertendaten 2015 bis 2021, n = 276.906 ohne gegenüber 217.944 mit Angst oder Depression, Entropy Balancing; Autor bei Hersteller angestellt, E 2b)379
Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS betrugen die jährlichen Gesamtkosten je Person 3.988 USD ohne und 8.682 USD mit Angst oder Depression, aufgeschlüsselt 7.309 USD (nur Angststörung), 9.901 USD (nur Depression) und 13.785 USD (beides) und damit das 3,5-fache gegenüber ADHS allein. Stationäre Aufnahmen waren 10,3-fach, Facharztbesuche 5,3-fach und psychotherapeutische Sitzungen 6,1-fach häufiger. (retrospektive Kohortenstudie aus US-Versichertendaten 2015 bis 2021, n = 204.723 ohne gegenüber 66.231 mit Angst oder Depression, Entropy Balancing; Autor bei Hersteller angestellt, E 2b)380
3.3. Angehörigenkosten bei ADHS
Bedeutung für Betroffene
Auch Angehörige tragen Kosten. In dänischen Registerdaten entstanden je Partnerin oder Partner eines erwachsenen Betroffenen jährlich 7.997 EUR zusätzliche Kosten. Eltern in Flandern trugen für ein Kind mit ADHS mehr als das Sechsfache der Kosten nicht betroffener Kinder. Hinzu kommt unbezahlte Zeit, bei erwachsenen Betroffenen etwa 0,8 Stunden zusätzliche Betreuung je Woche. Die Belastung der Familie ist damit ein eigener Grund, eine Behandlung nicht aufzuschieben.
Angehörigenkosten sind die Kosten der Eltern oder Pflegeberechtigten für den zusätzlich aus dem ADHS der Betroffenen entstehenden Aufwand.
Eine dänische Registerstudie (Daten bis 2016) ermittelte 7.997 EUR jährliche zusätzliche direkte und indirekte Kosten einschließlich Transferleistungen je Partner eines erwachsenen ADHS-Betroffenen. (Kohortenstudie, E 2b)365
Eine US-Längsschnittstudie erfragte bei Eltern, als die Kinder 14 bis 17 Jahre alt waren, die über die gesamte Kindheit angefallene familiäre Belastung (direkte verhaltensbedingte Kosten ohne Behandlungskosten sowie indirekte Kosten durch Belastung der Betreuungspersonen). Familien von Kindern mit ADHS trugen mit 15.036 USD pro Kind (Preise von 2017) mehr als das 5-fache der Kontrollfamilien (2.848 USD; n = 56 gegenüber n = 30). Der Unterschied blieb nach Kontrolle von Intelligenz, oppositionellen Symptomen und Verhaltensproblemen bestehen. (Kohortenstudie, E 2b)381
Eine systematische Übersicht europäischer Kostenstudien (1990 bis 2013), auf die Niederlande übertragen (Preise 2012), errechnete jährliche Gesamtkosten bei ADHS von 9.860 bis 14.483 EUR je Kind/Jugendlichem (7 bis 17 Jahre) mit ADHS. (Querschnittstudie, E 3)371 Davon entfielen auf Produktivitätsverluste der Familienmitglieder 1.358 bis 3.208 EUR (14 % bis 22 %).
Für erwachsene ADHS-Betroffene wurden für 2018 jährliche gesamtgesellschaftliche Mehrkosten in Höhe von 14.092 USD pro Erwachsenem genannt. (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
(E 3): Betreuer von Erwachsenen mit ADHS wendeten 0,8 Stunden pro Woche zusätzlich für ADHS-bezogene Pflege auf im Vergleich zu Betreuern in der US-Gesamtbevölkerung. (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377 (Befragungsbericht, E 3)382 (Befragungsbericht, E 3)383 Daraus resultierten jährliche Mehrkosten von 6,6 Milliarden USD. (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
Eine systematische Übersicht von 19 Untersuchungen ermittelte jährliche ADHS-bedingte Mehrkosten in den USA (in USD 2010) zwischen 143 und 266 Mrd. USD (eigene Berechnung: 0,95 % bis 1,77 % des US-BIP 2010). (Review, E 1a)384 Darin enthalten waren Spillover-Kosten, die von den Familienmitgliedern von Personen mit ADHS getragen werden, von 33 Mrd. USD bis 43 Mrd. USD (0,22 % bis 0,29 % des US-BIP; eigene Berechnung).
Eine frühe US-Hochrechnung bezifferte die gesamten ADHS-bedingten Mehrkosten für das Jahr 2000 auf 31,6 Milliarden USD. Davon entfielen: (Fall-Kontroll-Auswertung von Abrechnungsdaten, Betroffene von 7 bis 44 Jahren und deren Angehörige unter 65 Jahren, E 3)385
- 14,2 Milliarden USD auf sonstige Gesundheitskosten der Angehörigen
- 12,1 Milliarden USD auf sonstige Gesundheitskosten der Betroffenen
- 3,7 Milliarden USD auf Arbeitsausfall der erwachsenen Betroffenen und erwachsenen Angehörigen
- 1,6 Milliarden USD auf die ADHS-Behandlung selbst
Die Gesundheitskosten der Angehörigen übertrafen damit die der Betroffenen. Die Rechnung beruht auf Abrechnungsdaten eines einzigen großen Unternehmens aus den Jahren 1996 bis 1998, hochgerechnet über veröffentlichte Prävalenz- und Behandlungsraten; die Autoren bezeichnen sie selbst als vorläufig und nicht für Komorbiditäten kontrolliert.
3.4. Bildungskosten bei ADHS
Bedeutung für Betroffene
Im Bildungswesen entstehen zusätzliche Kosten durch Klassenwiederholungen, sonderpädagogischen Förderbedarf und Schulbegleitung. In US-Schätzungen entfielen darauf 15 bis 25 Milliarden USD im Jahr. In einer weiteren Auswertung machten Ausbildungskosten bei Kindern fast 60 % der gesamten Mehrkosten aus. Nachteilsausgleiche und Förderung sind damit nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich.
Eine systematische Übersicht europäischer Kostenstudien (1990 bis 2013), auf die Niederlande übertragen (Preise 2012), errechnete jährliche Gesamtkosten bei ADHS von 9.860 bis 14.483 EUR je Kind/Jugendlichem (7 bis 17 Jahre) mit ADHS. (Querschnittstudie, E 3)371 Davon entfielen auf Bildungskosten 6.141 EUR (42 % bis 62 %).
Eine systematische Übersicht von 19 Untersuchungen ermittelte jährliche ADHS-bedingte Mehrkosten in den USA (in USD 2010) zwischen 143 und 266 Mrd. USD (eigene Berechnung: 0,95 % bis 1,77 % des US-BIP 2010):(Review, E 1a)384
Wissenschaftlich: Aufschlüsselung der US-Gesamtkosten
- bei Erwachsenen: 105 bis 194 Mrd. USD (0,7 % bis 1,29 % des US-BIP)
- insbesondere Produktivitäts- und Einkommensverluste (87 Mrd. USD bis 138 Mrd. USD) (0,58 % bis 0,92 % des US-BIP)
- bei Kindern/Jugendlichen: 38 bis 72 Mrd. USD (0,25 % bis 0,48 % des US-BIP)
- insbesondere Gesundheitsfürsorge: 21 Mrd. USD bis 44 Mrd. USD (0,14 % bis 0,29 % des US-BIP)
- und Bildung: 15 Mrd. USD bis 25 Mrd. USD (0,1 % bis 0,17 % des US-BIP)
- darin enthalten: Spillover-Kosten, die von den Familienmitgliedern von Personen mit ADHS getragen werden: 33 Mrd. USD bis 43 Mrd. USD (0,22 % bis 0,29 % des US-BIP)
Die BIP-Anteile sind eigene Berechnungen und stehen nicht in der Quelle.
Pro Schüler mit ADHS entstehen dem US-Bildungssystem jährliche Mehrkosten von durchschnittlich 5.007 USD gegenüber 318 USD bei Schülern ohne ADHS (Pittsburgh ADHD Longitudinal Study). Berücksichtigt wurden sonderpädagogische Beschulung, Klassenwiederholungen und Disziplinarvorfälle über die gesamte Schullaufbahn vom Kindergarten bis zur 12. Klasse. (Längsschnittstudie mit vollständiger Bildungsbiografie, E 2b)386
3.5. Erhöhte Sozialleistungen
Bedeutung für Betroffene
Menschen mit ADHS und ihre Partnerinnen und Partner beziehen häufiger Krankengeld oder eine Erwerbsminderungsrente. Diese Leistungen sind kein Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern eine Folge der zuvor beschriebenen beruflichen Nachteile. Ein bestehender Anspruch sollte geprüft werden, weil er finanziellen Druck nimmt und eine Behandlung dadurch oft erst möglich wird.
Eine dänische Registerstudie (Daten bis 2016) ermittelte einen häufigeren Bezug von Sozialleistungen (Krankengeld oder Erwerbsunfähigkeitsrente) durch ADHS-Betroffene und ihre Partner. (Kohortenstudie, E 2b)365
Im Alter von 25 Jahren bezogen Betroffene mit persistierendem ADHS 2,72-mal so häufig Sozialleistungen wie Personen mit geringer ADHS-Symptomatik (OR 2,72; 95 % KI 1,62 bis 4,57). Bei in der Kindheit begrenztem ADHS bestand kein belastbarer Unterschied (OR 1,38; nicht signifikant). (Geburtskohorte ALSPAC, N = 6.439, E 2b)387
3.6. Indirekte Schäden durch ADHS
Bedeutung für Betroffene
Der grösste Teil der volkswirtschaftlichen Kosten entsteht nicht im Gesundheitswesen, sondern durch entgangene Arbeitsleistung. Dazu zählen Fehlzeiten, verringerte Leistungsfähigkeit bei Anwesenheit, Erwerbslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit, vorzeitige Sterblichkeit und Einkommensverluste. Das Haushaltseinkommen lag je nach Untersuchung um 16 % bis 24 % niedriger. Für Deutschland wurden daraus jährliche Verluste an Steuern und Sozialabgaben in Milliardenhöhe geschätzt. Die vorliegenden Zahlen sind eher Untergrenzen, weil unbezahlte Arbeit und verringerte Leistungsfähigkeit bei Anwesenheit in Kostenstudien nur selten miterfasst werden.
Die vorliegenden Kostenschätzungen erfassen die indirekten Schäden nur unvollständig. Ein Scoping Review von 45 Krankheitskostenstudien zu Kindern und Jugendlichen bis 24 Jahre mit Adipositas, Asthma oder ADHS (davon 8 zu ADHS) fand, dass zwar alle Studien Arbeitsfehlzeiten berücksichtigten, aber nur 31,1 % unbezahlte Arbeit und nur 13,3 % verringerte Leistungsfähigkeit bei Anwesenheit (Präsentismus) bewerteten. 88,9 % erfassten indirekte Kosten der Betreuungspersonen, 51,1 % auch Produktivitätsverluste der Kinder und Jugendlichen selbst, wovon 47,8 % diesen einen Geldwert zuwiesen. Eine einheitlichere Methodik wäre hilfreich. (Scoping Review von Krankheitskostenstudien, k = 45, davon 8 zu ADHS; Suche bis 16.10.2024, E 1a)388
3.6.1. Erhöhte Arbeitsfehlzeiten, Erwerbslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit
Für erwachsene ADHS-Betroffene wurden für 2018 jährliche gesamtgesellschaftliche Mehrkosten in Höhe von 14.092 USD pro betroffenem Erwachsenem genannt (herstellerfinanzierte Modellrechnung). (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
Davon entfielen auf
- Erwerbslosigkeits-Mehrkosten: 54,4 % (7.661 USD / Betroffenem)
- Erwachsene Männer mit ADHS waren 2,1 Mal so häufig erwerbslos wie Nichtbetroffene. Ihre Arbeitslosenquote war damit um 22,1 %-Punkte erhöht.
- Erwachsene Frauen mit ADHS waren 1,3 Mal so häufig erwerbslos wie Nichtbetroffene. Ihre Arbeitslosenquote war damit um 9,7 %-Punkte erhöht.
- Die jährlichen Mehrkosten in den USA betrugen 66,8 Milliarden USD (55,8 Milliarden USD bei Männern und 11 Milliarden USD bei Frauen mit ADHS). Dies entspricht 0,325 % des BIP (eigene Berechnung, US-BIP 2018).
- Produktivitätsverluste: 23,4 % (3.299 USD / Betroffenem) (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
- 13,6 Arbeitstage ADHS-bedingte Fehlzeiten
- 21,6 Arbeitstage ADHS während der Anwesenheit verloren
- Verlorene Produktivitätskosten aufgrund von ADHS von 28,8 Milliarden USD (19,9 Milliarden USD bei Männern und 8,9 Milliarden USD bei Frauen mit ADHS). Dies entspricht 0,14 % des BIP (eigene Berechnung, US-BIP 2018).
- ADHS war mit 35,0 Tagen jährlich verlorener Arbeitsleistung assoziiert (US-Erwerbstätige 18 bis 44 Jahre, n = 3.198; 4,2 % mit ADHS). Der Verlust verteilte sich auf (Querschnittstudie, E 3)389
- Arbeiter (blue collar): 55,8 Tage
- Dienstleistungsberufe: 32,6 Tage
- technische Berufe: 19,8 Tage
- akademische/freie Berufe (professional): 12,2 Tage
- Hochgerechnet entsprach dies 120 Millionen verlorenen Arbeitstagen bzw. 19,5 Milliarden USD Humankapital jährlich (2005). (Querschnittstudie, E 3)389
- Arbeitnehmer mit ADHS fehlten 3,8 Mal so häufig wegen “inoffizieller” Abwesenheit (4,33 vs. 1,13 Tagen) (Kohortenstudie, E 2b)373
- 22,1 Tage jährlicher Produktivitätsverlust (WHO World Mental Health Survey, 10 Länder, n = 7.075 Erwerbstätige, Querschnittstudie, E 3)390
Eine schwedische Registerstudie (Pflichtschulabschluss 1998 bis 2008, n = 1,2 Millionen) fand bei ADHS-Betroffenen:(Kohortenstudie, E 2b)391
- 12,2 Tage mehr Arbeitslosigkeit jährlich (bei 252 Arbeitstagen wären dies 4,84 %; eigene Berechnung)
- 19-fach erhöhte Odds einer Erwerbsunfähigkeitsrente (OR 19,0)
- Erwerbsunfähigkeiten erklärten sich größtenteils durch komorbide geistige Behinderung und Entwicklungsstörung, sind also nach unserer Einschätzung einer Verbesserung durch eine konsequentere Behandlung nur eingeschränkt zugänglich.
In einer deutschen Fall-Kontroll-Studie (70 klinisch zugewiesene Erwachsene mit ADHS gegenüber 70 nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollen) waren 28,6 % der ADHS-Betroffenen arbeitslos gegenüber 22,9 % der Kontrollen (aufgrund der geringen Probandenzahl statistisch nicht signifikant, p = 0,44). (Fall-Kontroll-Studie, E 3)392
Eine schwedische Registerstudie an jungen Erwachsene mit ADHS-Erstdiagnose im Alter von 19 bis 29 Jahren fand in den folgenden 5 Jahren gegenüber gematchten Nichtbetroffenen:
- 10,2-faches Risiko einer Erwerbsminderungsrente (HR 10,2; 95 % KI 9,3 bis 11,2)
- 2,7-faches Risiko einer Krankschreibung über 90 Tage (HR 2,7)
- 1,7-faches Risiko einer Arbeitslosigkeit über 180 Tage (HR 1,7).
Gegenüber Geschwistern ohne ADHS fand sich
- 9,0-faches Risiko einer Erwerbsminderungsrente
- 2,5-faches Risiko einer Krankschreibung über 90 Tage
- 1,0-faches Risiko einer Arbeitslosigkeit über 180 Tage
Komorbiditäten erklärten rund ein Drittel des Zusammenhangs mit der Erwerbsminderungsrente und weniger bei den übrigen Ergebnissen. (Registerkohorte, n = 9.718, E 2b)393
21 % derselben Kohorte erhielten binnen 5 Jahren eine Erwerbsminderungsrente. Deren Risiko war geschlechtsunabhängig erhöht: (Registerkohorte, n = 9.718, E 2b)394
- 1,54-fach bei jüngerem Alter zum Diagnosezeitpunkt (HR 1,54)
- 1,97-fach bei weniger als 10 Schuljahren (HR 1,97)
- 2,54-fach bei fehlendem Erwerbseinkommen zu Beginn (HR 2,64)
- 2,48-fach bei Krankschreibung über 90 Tage (HR 2,48)
- 2,16-fachbei komorbider Schizophrenie oder Psychose (HR 2,16),
- 1,87-fach bei komorbidem ASS (HR 1,87)
- 1,37-fach bei komorbisder Angststörung (HR 1,34)
Unter jungen Erwerbstätigen in Schweden (19 bis 29 Jahre) hatten in den 5 Jahren nach der ADHS-Erstdiagnose 20 % der Betroffenen und 59 % der Nichtbetroffenen keinen einzigen Tag mit Arbeitslosigkeit, Krankschreibung oder Erwerbsminderungsrente. Die Inzidenzrate solcher Tage war bei ADHS 2,7- bis 3,1-fach erhöht, nach Adjustierung für soziodemografische und gesundheitsbezogene Merkmale 1,4- bis 1,7-fach. Zwischen den Branchen (Industrie, Bau, Handel, Finanzwesen, Gesundheits- und Sozialwesen, Bildung) bestanden keine wesentlichen Unterschiede. (Registerkohorte, n = 6.030 mit ADHS gegenüber je 10 gematchten Kontrollen, E 2b)395
3.6.2. Vorzeitige Sterblichkeit
Für erwachsene ADHS-Betroffene wurden für 2018 jährliche gesamtgesellschaftliche Mehrkosten in Höhe von 14.092 USD pro Erwachsenem genannt. (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
In einer dänischen Kohorte (n = 1,92 Millionen) war die Sterblichkeitsrate bei ADHS insgesamt verdoppelt (MRR 2,07), bei im Erwachsenenalter Diagnostizierten 4,25-fach. Nach Ausschluss von komorbidem ODD, CD und Sucht betrug die MRR 1,50. Häufigste Todesursache waren Unfälle. (Kohortenstudie, E 2b)396
Schein et al. legten ihrer Kostenrechnung eine um etwa 50 % erhöhte jährliche Sterblichkeitsrate Erwachsener mit ADHS zugrunde und errechneten daraus für 2018 einen gesellschaftlichen Produktivitätsverlust von insgesamt etwa 3,2 Milliarden USD (0,016 % des BIP 2018; eigene Berechnung). (Deskriptive Kostenanalyse, E 3)377
Wissenschaftlich: Unfallhäufigkeit, Folgekosten und ältere Kostenstudien
ADHS-Betroffene hatten mit 1,7-fachen Odds mindestens einen Unfall (US-Versichertendaten 1996 bis 1998, n = 1.308 ADHS-Betroffene, Fall-Kontroll-Studie, E 3):397
- Kinder (28 % ggüber 18 %)
- Jugendliche (32 % ggüber 23 %)
- Erwachsene (38 % ggüber 18 %)
Die Folgekosten für ADHS-Betroffene waren nur bei Erwachsenen erhöht (483 USD vs. 146 USD = 3,3-fach).
Einige Studien betrachten lediglich die Kosten für das Gesundheitssystem und können wirtschaftlichen Auswirkungen von ADHS deshalb nicht adäquat beschreiben.
- Deutschland
- Aktuelle Zahlen existieren nicht
- Ältere Studien (allenfalls historisch interessant), bezifferten die Gesundheitskosten für ADHS in Deutschland in
- 2002 auf 142.000.000 EUR (630 EUR / Patient, also für rund 225.000 Betroffene; eigene Berechnung. In Anbetracht der tatsächlichen Fallzahl ist der Kostenaufwand erheblich höher. (Metaanalyse, E 1a)398
- 2003 auf rund 260.000.000 EUR GKV-Ausgaben für Kinder und Jugendliche (190 Mio. EUR ambulant und 70 Mio. EUR stationär; Hochrechnung der Autoren aus 380 EUR ADHS-attribuierbaren Mehrkosten je Betroffenem und 500.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen). Die direkten medizinischen Kosten betrugen dabei mehr als das 2,5-fache derer gematchter Kontrollen (7 bis 12 Jahre: 622 EUR gegenüber 244 EUR; 13 bis 19 Jahre: 661 EUR gegenüber 250 EUR). (Review, E 1a)399 Diese Zahlen beinhalteten lediglich die Behandlungskosten.
- Korea
- 2012 fand eine Studie eine Gesamtbelastung (“economic burden”) von 47,55 Mio. Dollar bei 69.353 diagnostizierten ADHS-Betroffenen bis 19 Jahre. Dies entsprach rund 686 Dollar je Betroffenem (eigene Berechnung) und 0,004 % des koreanischen BIP (Bruttoinlandsprodukts) im Jahr 2012. (Querschnittstudie, E 3)400
3.6.3. Einkommensdefizite bei ADHS
3.6.3.1. Verringertes Haushaltseinkommen (- 16,1 % bis - 24,4 %), niedrigeres Vermögen (bis - 75 %, Projektion)
Eine Langzeitstudie über rund 20 Jahre an 604 Probanden (364 mit kindlichem ADHS, 240 Kontrollen) zeigte, dass ADHS-Betroffene mit 30 Jahren ein geringeres Einkommen und eine größere finanzielle Abhängigkeit von den Eltern hatten als Nichtbetroffene. Dies galt auch, wenn die DSM-Kriterien nicht mehr erfüllt wurden. (E 2b): Hochgerechnet auf das Erwerbsleben ergab sich für Männer ein um 1,27 Millionen Dollar geringeres Lebenszeiteinkommen und ein bis zu 75 % niedrigeres Nettovermögen zum Rentenbeginn als bei Nichtbetroffenen (Projektion, keine Beobachtung). (Kohortenstudie, E 2b)401 Daneben erzielten erwachsene ADHS-Betroffene, die in ihrer Kindheit nicht diagnostiziert und behandelt worden waren, ein geringeres Einkommen als ihre nicht betroffenen gleichgeschlechtlichen Geschwister und verursachten im Jahr 2010 pro Person 20.134 EUR höhere Kosten (n = 460 Geschwisterpaare, Geschwistervergleich, E 2b).356
Eine schwedische Registerstudie (Pflichtschulabschluss 1998 bis 2008, n = 1,2 Millionen) fand bei ADHS-Betroffenen ein um 17 % geringeres Jahreseinkommen. (Kohortenstudie, E 2b)391
Wissenschaftlich: Einzelwerte zu Einkommen und Vermögen
USA
Amerikanische ADHS-Betroffene erreichten 2003 weniger akademische Meilensteine jenseits einer Highschool (Telefonbefragung, n = 500 ADHS-Betroffene, 501 Kontrollen). ADHS-Betroffene hatten mit 34 % um 42 % seltener eine Vollzeitbeschäftigung als Nichtbetroffene mit 59 %. Außer bei 18 bis 24 - Jährigen war das durchschnittliche Haushaltseinkommen signifikant verringert, unabhängig von akademischen Leistungen oder persönlichen Merkmalen. Der nationale Produktivitätsverlust der Arbeitskraft im Zusammenhang mit ADHS wurde bei einer angenommenen Prävalenz von 2,9 % auf 67 bis 116 Milliarden USD geschätzt (0,58 % bis 1,01 % des US-BIP; eigene Berechnung). Die Autoren hielten das Modell mit 77,5 Milliarden USD für das genaueste. (Fall-Kontroll-Studie, E 3)402
Das mittlere Haushaltseinkommen mit ADHS lag 2003 bei:
- Männer: 45.645 USD ggüber 54.399 USD (16,1 % weniger)
- Frauen: 37.607 USD ggüber 49.738 USD (24,4 % weniger)
Bei der aktuellen Prävalenz von 5 % für Erwachsene wäre mehr als das Doppelte anzunehmen. Der Verbraucherpreisindex in den USA stieg zwischen 2003 und 2020 um 40 %. Angenommen, Einkommen und BIP wären im gleichen Maße gestiegen, ergäben sich 2020 183 bis 322 Milliarden USD (0,87 % bis 1,54 % des BIP). (ADxS überschlägige Fortschreibung ohne Quelle).
Dänemark
Eine dänische Registerstudie (Daten bis 2016) ermittelte geringeres Erwerbseinkommen bei ADHS-Betroffenen in den fünf Jahren vor der Erstdiagnose. (Kohortenstudie, E 2b)365
Erwachsene ADHS-Betroffene, die in ihrer Kindheit nicht diagnostiziert und behandelt worden waren, erzielten ein geringeres verfügbares Einkommen als ihre nicht betroffenen gleichgeschlechtlichen Geschwister und zahlten weniger Steuern. (Geschwistervergleich, E 2b)356
Finnland
In finnischen Bevölkerungskohorten ging eine höhere genetische ADHS-Belastung (polygener Index) mit geringerer Bildung einher. Im obersten Fünftel des Index schlossen 9,2 Prozentpunkte weniger Personen eine Hochschulbildung ab als im untersten Fünftel. Ebenso geringer waren Erwerbstätigkeit (- 2,6 Prozentpunkte), der Anteil an Wissensarbeit, das Äquivalenzeinkommen und die Zufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Lage. Körperliche Arbeit war häufiger. Innerhalb einzelner Berufsgruppen bestanden keine signifikanten Einkommensunterschiede. Die Einkommensnachteile beruhten damit nicht auf Lohnunterschieden im selben Beruf. (Bevölkerungskohorten, N = 20.121, E 3)403
In der finnischen Geburtskohorte NFBC1986 wirkten sich ADHS-Symptome im Alter von 16 Jahren nicht unmittelbar auf das spätere Einkommen aus, sondern über zwei Zwischenschritte. Bei Männern mit ADHS- und ODD-Symptomen war der Einkommensrückgang über die Bildung mit 25 % und über weitere psychische Störungen mit 18 % am stärksten ausgeprägt. Soziale Beziehungen vermittelten den Zusammenhang nicht. Das Modell war unter anderem für Berufserfahrung, Angestelltenstatus, Familienstand, Elternschaft, selbst eingeschätzte Gesundheit und Bildung der Eltern adjustiert. (Bevölkerungsbasierte Geburtskohorte, Mediationsanalyse, E 2b)404
3.6.3.2. Aus verringertem Einkommen entfallende Steuer- und Sozialabgaben
Wir kennen bislang nur eine Studie, die die hieraus entgangenen Steuer- und Sozialabgaben für Deutschland berechnete.
Die deutschen Nettosteuer- und Sozialabgabeneinnahmen über die Lebenszeit eines 2010 geborenen Nichtbetroffenen wurden um rund 80.000 EUR höher ermittelt als die eines nicht behandelten ADHS-Betroffenen. Für die Geburtskohorte 2010 (n = 31.844 Betroffene) ergab dies 2,5 Milliarden EUR. ADHS-Interventionen, die eine geringe Verbesserung des Bildungsniveaus bewirkten, führten zu fiskalischen Vorteilen durch höhere Steuereinnahmen über die gesamte Lebensdauer.
Für jeden Euro, der für eine neue ADHS-Intervention ausgegeben wird, wurden 1,39 EUR an abgezinsten Nettosteuereinnahmen und 3,02 EUR an abgezinsten Bruttosteuereinnahmen errechnet. (Kohortenstudie, E 2b)405 Eine Methodenstudie erläutert den fiskalischen Analyserahmen aus Regierungsperspektive ohne ADHS-Zahlen für Deutschland.406
Eine zweite Arbeit derselben Arbeitsgruppe bezifferte den durch das geringere Bildungsniveau verursachten Verlust an Lebenserwerbseinkommen für Deutschland auf durchschnittlich 92.000 EUR je Betroffenem. Für einen einzelnen Geburtsjahrgang von 31.864 in der Kindheit diagnostizierten Betroffenen ergab das einen gesellschaftlichen Verlust von 2,93 Milliarden EUR. Die Kosten-Nutzen-Rechnung der Autoren ergab, dass bereits eine mäßig wirksame Intervention beträchtliche Investitionen rechtfertigt. Die Werte beruhen auf humankapitaltheoretischen Modellannahmen, nicht auf beobachteten Einkommensverläufen. (Modellrechnung für Deutschland) (Kohortenstudie, E 2b)407
Eigene Schätzungen zu weiteren Einsparungen
Umgerechnet auf die unbehandelten Erwachsenen in Deutschland und auf Werte von 2020 haben wir jährliche Verluste an Netto-Steuer- und Sozialabgabeneinnahmen von 5,916 Milliarden EUR errechnet Dies entspricht 1,63 % des Bundeshaushalts. (Eigene überschlägige Berechnung ADxS)
Nicht eingerechnet sind Einsparungen durch
- verringerte Kriminalität
- 111 Millionen EUR ersparte Gefängniskosten jährlich
- 500 Millionen EUR verringerte Schäden durch Straftaten jährlich
- verringerte vorzeitige Sterblichkeit: 580 Millionen EUR jährlich
- Angehörigenkosten: 2 Milliarden EUR jährlich
- Produktivitätsverluste am Arbeitsplatz: 11 Milliarden EUR jährlich
3.7. Wirtschaftliche Gesamtkosten
Bedeutung für Betroffene
Die geschätzten Gesamtkosten von ADHS liegen in mehreren Ländern bei etwa einem Prozent der Wirtschaftsleistung. Für Australien wurden 12,76 Milliarden USD im Jahr errechnet, für Japan 1,58 Billionen Yen, für Frankreich rund 28 Milliarden Euro für alle Neuroentwicklungsstörungen zusammen. Über 80 % davon entfallen auf Produktivitätsverluste, nur ein kleiner Teil auf das Gesundheitssystem. Die Schätzungen schwanken stark, weil sie wesentlich von der angenommenen Zahl der Betroffenen abhängen.
(E 1a): Eine systematische Übersicht zur Monetarisierung kindlicher Gesundheitsfolgen bezifferte, abgeleitet aus Pelham et al. (2007),(Review, E 1a)408 die diskontierten Kosten eines von 5 bis 17 Jahren bestehenden ADHS-Falls in den USA aus medizinischer Versorgung, Bildung und Kriminalitätsfolgen auf 182.045 USD (Preise 2015). (Systematisches Review, E 1a)409
Eine australische Studie bezifferte die sozialen und wirtschaftlichen Gesamtkosten von ADHS 2018/2019 auf 12,76 Milliarden USD (Spanne 8,40 bis 17,44 Milliarden USD) bei Kosten pro Betroffenem von 15.664 USD pro Jahr. (Querschnittstudie, E 3)410 Von den finanziellen Gesamtkosten entfielen auf
- Produktivitätskosten 81 %
- Wohlfahrtsverluste durch Steuer- und Transferverzerrungen (deadweight losses) 11 %
- Kosten für das Gesundheitssystem 4 %
Der Verlust an Wohlbefinden wurde zusätzlich mit 5,31 Milliarden USD taxiert.
Wissenschaftlich: Gesamtkostenschätzungen einzelner Länder
Weltweit
Ein systematisches Review der weltweiten Krankheitskosten von ADHS fand Gesamtkostenschätzungen zwischen 831 und 20.538 USD je Betroffenem und zwischen 356 Millionen und 20,27 Milliarden USD je Land. Die Schätzungen der ADHS-zurechenbaren Mehrkosten reichten von 244 bis 18.751 USD je Betroffenem und von 12,18 Millionen bis 141,33 Milliarden USD je Land. Studien, die direkte, indirekte sowie Bildungs- und Justizkosten für Kinder und Erwachsene zugleich erfassten, kamen zu höheren Werten als Studien, die nur einen Bereich oder eine Altersgruppe abbildeten. Alle eingeschlossenen Studien stammten aus Hocheinkommensländern, überwiegend aus Nordamerika und Europa; die Autoren führen die große Spannweite auf uneinheitliche Methoden zurück. (systematisches Review, k = 44, E 1a)411
Dänemark
Eine dänische Registerstudie (Daten bis 2016) ermittelte über alle Altersstufen 22.721 EUR jährliche zusätzliche direkte und indirekte Kosten einschließlich Transferleistungen je ADHS-Betroffenem (Preisbasis 2016). (Kohortenstudie, E 2b)365
Auf erwachsene ADHS-Betroffene (ab 18 Jahre) entfielen 23.072 EUR pro Jahr einschließlich Transferleistungen.
Eine weitere dänische Studie an gleichgeschlechtlichen Geschwistern (n = 460 Paare) zeigte für Erwachsene mit ADHS, wenn sie in ihrer Kindheit nicht diagnostiziert und behandelt worden waren:(Geschwistervergleich, E 2b)412
- höhere jährliche Gesamtkosten von 20.134 EUR als für ihre Geschwister (Stand 2010)
- ein geringeres verfügbares Einkommen
- niedrigere gezahlte Steuern
- höheren Erhalt staatlicher Leistungen
- höhere Kosten für Gesundheit und Sozialfürsorge
- höhere Kriminalität
Spanien
Je diagnostiziertem erwachsenen ADHS-Betroffenen wurden jährliche Kosten von 15.652 EUR und einmalige Kosten von 7.893 EUR errechnet, hochgerechnet 3.035 Millionen EUR jährlich und 1.531 Millionen EUR einmalig. Von den jährlichen Kosten entfielen 50 % auf den wirtschaftlichen Bereich, davon 53 % auf Arbeitsfehlzeiten, und 28 % auf den sozialen Bereich, davon 74 % auf Substanzmissbrauch. Von den einmaligen Kosten entfielen 52 % auf das Gesundheitswesen, davon etwa die Hälfte auf Krankenhausaufenthalte, und 42 % auf den Rechtsbereich, davon 62 % auf Haftkosten. Die Rechnung beruht auf Literaturwerten und Einschätzungen einer multidisziplinären Expertengruppe, nicht auf Individualdaten. (Modellrechnung aus gesellschaftlicher Perspektive) (Kostenanalyse, E 3413
In Spanien betrugen die jährlichen Gesamtkosten je Kind oder Jugendlichem mit ADHS 5.733 EUR (Preise 2012). Auf direkte Kosten entfielen 60,2 % (3.450 EUR), davon 45,2 % auf psychologische und schulpsychologische Betreuung und 25,8 % auf die Arzneimitteltherapie. Von den indirekten Kosten (2.283 EUR) entfielen 65,2 % auf die Angehörigen. Bei Kindern und Jugendlichen, die auf die medikamentöse Behandlung schlecht ansprachen, lagen die Gesamtkosten signifikant höher als bei gut ansprechenden (7.654 EUR gegenüber 5.517 EUR; p = 0,024); der Unterschied ging vor allem auf höhere Ausgaben für nichtmedikamentöse Behandlung zurück (p = 0,012). (Querschnittsstudie an 15 repräsentativen Versorgungseinheiten, n = 321 Kinder und Jugendliche; Autoren bei Hersteller angestellt, E 3)414
Frankreich
Die jährlichen gesellschaftlichen Kosten von Entwicklungsstörungen (ADHS, ASS, Lernstörungen) wurdenauf rund 28 Milliarden EUR geschätzt, bei 2 bis 3 Millionen Betroffenen. Zum Vergleich nennen die Autoren 74 Milliarden USD für die USA und 37 Milliarden USD für Kanada. Als wesentlichen Kostentreiber benennen sie die verzögerte Diagnose und die uneinheitlichen Versorgungswege. Die Zahlen beziehen sich auf alle Entwicklungsstörungen gemeinsam, nicht auf ADHS allein. (medizinökonomische Modellrechnung auf Basis einer Literaturübersicht und öffentlicher Daten) (Modellrechnung, E 4)415
USA
Eine amerikanische Studie (Versichertendaten 2017/2018, herstellerfinanziert) bezifferte die jährlichen gesamtgesellschaftlichen ADHS-bedingten Mehrkosten auf 6.799 USD pro Kind (19,4 Mrd. USD) und 8.349 USD pro Jugendlichem (13,8 Mrd. USD). (Querschnittstudie, E 3)416 Die Kosten verteilten sich auf
- Ausbildungskosten (59,9 % bei Kindern, 48,8 % bei Jugendlichen)
- direkte Gesundheitskosten (25,9 % bei Kindern, 29,0 % bei Jugendlichen)
- Betreuungskosten (14,1 % bei Kindern, 11,5 % bei Jugendlichen).
Eine Übersicht von 13 Studien schätzte die jährlichen Krankheitskosten von ADHS bei Kindern und Jugendlichen in den USA auf 14.576 USD pro ADHS-Betroffenem (Stand 2005) bei einer Schätzungsbandbreite zwischen 12.005 USD und 17.458 USD, national 42,5 Milliarden USD (36 bis 52,4 Milliarden USD). (Review, E 1a)408
Japan
Die gesamtgesellschaftlichen Kosten des ADHS Erwachsener in Japan wurden für ein Jahr auf 1,58 Billionen JPY (rund 10,9 Milliarden USD) geschätzt, entsprechend rund 4 Millionen JPY (rund 29.000 USD) je erwachsenem Betroffenen. Davon entfielen auf
- Produktivitätsverluste der Betroffenen 571,1 Milliarden JPY
- Produktivitätsverluste der Angehörigen 542,2 Milliarden JPY
- Sozialleistungen (Erwerbsminderungsrenten, Beschäftigungshilfen) 389,6 Milliarden JPY
- medizinische Kosten (ambulante Behandlung und Medikamente) 74,0 Milliarden JPY
Sozialleistungen und Produktivitätsverluste stiegen mit der Zahl psychiatrischer Komorbiditäten. Szenarioanalysen ergaben Abweichungen von - 68,9 % bis + 96,1 % gegenüber dem Basisszenario; den stärksten Einfluss hatte die Schätzmethode für die Gesamtzahl erwachsener Betroffener. (Querschnittsstudie aus Abrechnungsdaten von 30.730 Erwachsenen mit ADHS-Diagnose sowie Onlinebefragung von 309 Betroffenen, 309 Angehörigen und 927 Kontrollen, hochgerechnet auf 260.120 erwachsene Betroffene in Japan; Autoren bei Hersteller angestellt, E 3)417
4. ADHS-Behandlung lohnt sich volkswirtschaftlich: Geringerer Behandlungsbedarf, geringere Gesundheitskosten (- 56 % bis - 82 %)
Bedeutung für Betroffene
Eine Behandlung senkt die Folgekosten deutlich. Unter kombinierter Stimulanzienbehandlung lagen die jährlichen direkten Gesundheitskosten um 70 % niedriger als ohne Medikation, die ambulanten Behandlungen waren halbiert und die Notaufnahmebesuche um 56 % seltener. Von 29 gesundheitsökonomischen Auswertungen kamen nahezu alle, die eine Behandlung mit einer Nichtbehandlung verglichen, zu einem günstigen Verhältnis von Kosten und Nutzen. Einzelne Arbeiten fanden allerdings kein klares Ergebnis oder sogar einen Nachteil gegenüber der üblichen Versorgung. Viele der günstigen Rechnungen stammen zudem von Herstellern und beruhen auf Modellannahmen. Die Kernaussage bleibt gleichwohl, dass die Kosten einer Behandlung gering sind gegenüber den Kosten, die ohne Behandlung an anderer Stelle entstehen.
Von 29 vollständigen gesundheitsökonomischen Auswertungen fanden nahezu alle, die eine Medikation oder Psychotherapie mit Nichtbehandlung, Placebo oder üblicher Versorgung verglichen, ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis der Behandlung. Am besten belegt ist die Kosteneffektivität von Stimulanzien bei Kindern und Jugendlichen. Auswertungen zu Erwachsenen, zu psychosozialen Verfahren, mit langem Zeithorizont und ohne Herstellerfinanzierung sind selten (Systematische Übersicht, k = 29, E 2b, Systematisches Review, E 1a)418
Wissenschaftlich: Einzelwerte zu Behandlungszahlen und Kosten nach Medikationsform
Die Anzahl der stationären Behandlungen war bei kombinierter Stimulanzienbehandlung um 82 % geringer als ohne Medikation. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p = 0,06; Kombinationsgruppe n = 34; US-Versichertendaten, n = 481, herstellerfinanziert, Querschnittstudie, E 3):227
- unmedikamentierte ADHS-Betroffene: 0,629/Jahr
- mit Kombination von retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelt: 0,111/Jahr
- mit retardierten bzw. unretardierten Stimulanzien behandelt: 0,272 bzw. 0,266/Jahr
Die Anzahl der ambulanten Behandlungen war bei kombinierter Stimulanzienbehandlung halbiert (p = 0,001): (Querschnittstudie, E 3)227
- unmedikamentierte ADHS-Betroffene: 4,59/Jahr
- mit Kombination von retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelt: 2,30/Jahr
- mit retardierten bzw. unretardierten Stimulanzien behandelt: 3,69 bzw. 3,43/Jahr
Die Anzahl der Notaufnahme-Behandlungen war bei kombinierter Stimulanzienbehandlung um 56 % geringer. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p = 0,24): (Querschnittstudie, E 3)227
- unmedikamentierte ADHS-Betroffene: 0,862/Jahr
- mit Kombination von retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelt: 0,380/Jahr
Die jährlichen direkten Gesundheitskosten waren bei kombinierter Stimulanzienbehandlung um 70 % (12.740 USD/Jahr) geringer (p = 0,001; multivariat 2,20-fache Kosten ohne Medikation):(Querschnittstudie, E 3)227
- unmedikamentierte ADHS-Betroffene: 18.200 USD/Jahr
- mit Kombination von retardierten und unretardierten Stimulanzien behandelt: 5.460 USD/Jahr
- mit retardierten Stimulanzien behandelt: 8.970 USD/Jahr
- mit unretardierten Stimulanzien behandelt: 9.190 USD/Jahr
Wir interpretieren den Unterschied der Kombination unretardierter und retardierter Stimulanzien gegenüber der Einnahme von retardierten oder unretardierten Stimulanzien allein als Zeichen einer verlängerten Tagesabdeckung und einer feineren / detaillierteren Medikamenteneinstellung. Wegen der kleinen Kombinationsgruppe (n = 34) und der fehlenden Signifikanz bei stationären und Notaufnahme-Behandlungen ist diese Interpretation vorläufig.
Eine israelische Modellrechnung bezifferte die Kosten je erwachsenem ADHS-Betroffenen, die aus geringerem Bildungsabschluss, höherer Kriminalitätsbeteiligung, Verkehrsunfällen und Substanzmissbrauch entstehen, auf 289.969 USD und die Kosten einer optimalen Behandlung von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter auf 41.667 USD. Daraus ergab sich ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 7,02, unter der Annahme eines Behandlungserfolgs in nur der Hälfte der Fälle noch 3,51. Die Rechnung beruht auf einer angenommenen Erwachsenenprävalenz von 4 % und auf Schätzwerten aus der Literatur, nicht auf individuellen Verlaufsdaten. (Modellrechnung für die israelische Bevölkerung; Querschnittstudie, E 3)419
4.1. Volkswirtschaftlicher Nutzen von ADHS-Medikation
Eine herstellerfinanzierte Modellrechnung schätzte auf Basis einer Fahrsimulatorstudie (43 % weniger Kollisionen unter einem einmal täglich einzunehmenden retardierten Amphetaminpräparat gegenüber Placebo) die unfallbezogenen Einsparungen über die Lebensdauer bei angenommenen Medikamentenkosten von 80 USD pro 30 Tage auf (RCT, hertellerfinanziert, E 1b)279
- 332.660 USD im Vergleich zu unbehandelten Betroffenen
- 194.278 USD im Vergleich zur Standardbehandlung (Mischung kurz-, mittel- und langwirksamer Stimulanzien und Nichtstimulanzien)
Ein systematisches Review vollständiger gesundheitsökonomischer Auswertungen der Jahre 2010 bis 2020 fand 10 Studien mittlerer bis guter Qualität zu ADHS, davon 8 zu Medikamenten und 2 zu psychosozialen Maßnahmen. Elterntrainings bei jüngeren Kindern waren kostenwirksam, ebenso verschiedene Kombinationen von Stimulanzien und Nichtstimulanzien bei Kindern, jeweils gemessen an den in den Originalarbeiten genannten Zahlungsbereitschaftsschwellen. (Systematischer Review, k = 12, davon 10 zu ADHS, E 1a)420
Ein Überblick über modellbasierte gesundheitsökonomische Auswertungen zu Entwicklungsstörungen identifizierte 12 Arbeiten, davon 6 zu ADHS. Vier berichteten Kosteneinsparungen, drei einen Zuwachs an Lebensqualität und drei einen Kostenanstieg. Die meisten Arbeiten rechneten aus gesellschaftlicher Perspektive; keine bildete die Auswirkungen auf Familien und Betreuungspersonen ab. (Scoping Review, k = 12, davon 6 zu ADHS, E 1a)421
In der US-amerikanischen MTA-Studie unterschieden sich die Behandlungskosten um den Faktor 4. Am günstigsten war die medikamentöse Behandlung, gefolgt von der Verhaltenstherapie und der Kombination aus beidem. Die medikamentöse Behandlung war wirksamer und teurer als die übliche Versorgung im Gemeinwesen und kostenwirksamer als die Kombinationsbehandlung und als die Verhaltenstherapie allein. Bei Kindern mit mehreren Komorbiditäten war die Kombinationsbehandlung unter bestimmten Annahmen kostenwirksamer, gemessen an den Kosten je zusätzlich normalisiertem Kind. (Randomisierte Studie, N = 579 Kinder mit ADHS-C von 7 bis 9,9 Jahren, 14 Monate Behandlung, E 1b)422
In einer sequenziellen randomisierten Studie kostete ein Schuljahr Behandlung, die mit einer niedrig dosierten Verhaltensmodifikation (Elterntraining in großen Gruppen) begann, 961 USD, gegenüber 1.669 USD, wenn sie mit einer niedrigen Stimulanziendosis begann, unabhängig davon, ob die Anfangsbehandlung später intensiviert oder um die jeweils andere Behandlungsform ergänzt wurde. Da die Ergebnisse der Hauptstudie für den Beginn mit Verhaltensmodifikation gleich gut oder besser ausfielen, werten die Autoren diesen Behandlungsbeginn als die kostenwirksamere Variante. (Randomisierte Studie mit sequenzieller Zuweisung, N = 146 Kinder, E 1b)423
Eine gesundheitsökonomische Auswertung der Versorgungsrealität in den Niederlanden fand dagegen keine statistisch signifikanten Unterschiede in Kosten und Wirkung zwischen Kindern, die mit oder die ohne behandelt Medikation wurden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die medikamentöse Behandlung kostenwirksam ist, betrug 55 % bei einer Zahlungsbereitschaftsschwelle von 80.000 EUR je qualitätskorrigiertem Lebensjahr und 36 % bei 20.000 EUR. Die Autoren werten dies als fehlenden klaren Beleg für die Kostenwirksamkeit der Medikation unter Alltagsbedingungen. (prospektive Beobachtungsstudie über 12 Monate, N = 209 Kinder von 5 bis 12 Jahren, davon n = 108 mit und n = 101 ohne Medikation, Propensity-Score-Matching, E 2b)424
Eine Übersicht der Kostenwirksamkeitsstudien fand für 2004 für Methylphenidat Kosten-Nutzwert-Verhältnisse von 15.509 bis 27.766 USD je gewonnenem qualitätskorrigiertem Lebensjahr. Kinder mit ADHS verursachten in den eingeschlossenen Studien jährlich 503 bis 1.343 USD höhere medizinische Kosten als gematchte Kontrollen, Erwachsene mit ADHS 4.929 bis 5.651 USD gegenüber 1.473 bis 2.771 USD bei gematchten Kontrollen. (Übersichtsarbeit, k = 22 Arbeiten einschließlich Kongressbeiträgen und Berichten, E 3)425
Unter erwachsenen ADHS-Betroffenen, die seit mindestens 3 Monaten orale Stimulanzien einnahmen, hatten diejenigen mit geringer oder mittlerer Einnahmetreue nach Adjustierung signifikant mehr Arbeitsfehlzeiten sowie höhere fehlzeitenbedingte und gesamte indirekte Kosten als diejenigen mit hoher Einnahmetreue (jeweils p < 0,01). (Onlinebefragung, N = 602 Erwachsene mit selbstberichteter ADHS-Diagnose, davon n = 395 mit geringer oder mittlerer und n = 207 mit hoher Einnahmetreue; Autoren bei Hersteller angestellt, E 3)426
Eine Markov-Modellierung auf Basis der MTA-Daten rechnete den 14-monatigen Studienzeitraum um 10 Jahre weiter und bewertete die Behandlungen daran, wie viele Lebensjahre mit schwerer Kriminalität sie verhinderten. Jährlichen Kosten für eine schwere Delinquenz für die Gesellschaft betrug USD 12.370/Jahr. Der Nettogeldwert betrug
- 95.449 USD für die medikamentöse Behandlung (Kosten 0,62 USD/Tag)
- 88.553 USD für die Verhaltenstherapie (Kosten 3,18 USD/Tag)
- 90.536 USD für die Kombination (Medikation und Verhaltenstherapie) (Kosten 3,53 USD/Tag)
- 98.660 USD für die übliche Versorgung im Gemeinwesen (Kosten 0,52 USD/Tag)
Demnach schnitten alle drei aktiven Behandlungsformen schlechter ab als die Kontrollbedingung, solange verhinderte Kriminalitöt der einzige berücksichtigte Nutzenfaktor ist Die Schätzungen blieben bei Zahlungsbereitschaftsschwellen zwischen 0 und 50.000 USD stabil. (Modellrechnung auf Basis von N = 448 Kindern von 7 bis 10 Jahren aus der MTA-Studie, E 3)427
4.2. Volkswirtschaftlicher Nutzen von nichtedikamentölser Behandlung bei ADHS
Für zwei verhaltenstherapeutische Programme bei Kindern mit vorwiegend unaufmerksamem ADHS betrugen die Gesamtkosten je Kind 1.559 USD für das über Elternhaus und Schule integrierte Programm (CLAS), 710 USD für das reine Elterntraining und 0 USD für die übliche Versorgung. Je gelöstem Fall ergaben sich zusätzliche Kosten von 3.997 USD (CLAS gegenüber üblicher Versorgung), 3.227 USD (Elterntraining gegenüber üblicher Versorgung) und 4.994 USD (CLAS gegenüber Elterntraining). Nach Straffung des CLAS-Programms sank der Unterschied zum Elterntraining auf 29 USD je gelöstem Fall. Die Kosten von CLAS lagen deutlich unter den jährlichen Kosten eines ungelösten ADHS. (Randomisierte Studie, E 1b)428
4.3. Volkswirtschaftlicher Nutzen von Maßnahmen für Betreuungsperonen
Maßnahmen für Betreuungspersonen von Kindern mit Entwicklungsstörungen zeigten laut einem Review von 20 gesundheitsökonomischen Auswertungen aus Hocheinkommensländern (6 zu ADHS, weitere 5 Verhaltensauffälligkeiten mit ADHS):
- 9 Arbeiten wiesen die Maßnahme als kostenwirksam aus
- 5 als kostensparend
Methodische Schwächen betrafen vor allem die Kostenerfassung, die Ergebnismessung bei Kindern und den gewählten Zeithorizont. (Scoping Review, k = 20, davon 11 mit ADHS-Bezug, E 1a)429
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