Erfahrungsberichte von Betroffenen

An dieser Stelle sammeln wir Erfahrungsberichte von Betroffenen.
Wir freuen uns über weitere Beiträge, in denen Betroffene ihre Wahrnehmung ihres AD(H)S mit eigenen Worten formulieren

1. Schonimmeranders

Leipzig 1976. Ich kam als kleiner Junge erstmalig in eine Kinderkrippe. Die fremde Umgebung, Lärm, viele Kinder, Stress … die vielen Reize forderten sehr. Auch nach der Eingewöhnung wollte sich keine Nähe oder Geborgenheit einstellen. Die sehr launischen “Tanten”, die vielen unterschiedlichen Kinder mit so vielen Temperamenten stießen mich ab. In kleinsten Gruppen war ein konzentriertes Spiel möglich, doch meist nahm ich mich sich als “Fremdkörper” wahr. Nach dem Tee am Nachmittag fieberte ich den Eltern entgegen, die nun bald durch das Gittertor kommen würden.

Das setzte sich auch nach dem Wechsel in eine andere Einrichtung fort. Mittagsschlaf? Unmöglich! Ruhig lag ich auf der Liege und registrierte jedes Geräusch der anderen Kinder, auf der Straße, die nahe Eisenbahnstrecke, die Erzieher auf dem Flur.
Dann das Aufstehen, wieder Lärm, das Klappern der Plastikteller und -tassen, laute Erzieher. Die emotionale Überforderung brachte oft heiße Tränen mit sich.

Meine gesundheitliche Verfassung machten viele Kuraufenthalte nötig. Jeder Abschied nach Jugoslawien, an die Ostsee oder den Thüringer Wald ließen das kleine Herz krampfen. Über die vielen Wochen fanden sich kaum Freunde und Trauer legte sich auf meine Kinderseele. Schlafen in Sälen oder mit vielen Kindern in einem Raum. Die vielen Geräusche und Eindrücke bei Nacht ließen mich kaum schlafen. Nachts Tränen der Trauer und Sehnsucht nach den Eltern und der vertrauten Heimat. Aufstehen, der Lärm in Gemeinschaftswaschräumen, wieder laute Erzieher. Auch hier fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, der jeden Tag auf Nachricht von den Eltern fieberte.

1980 wurde ich eingeschult und spürte mehr und mehr, wie ich mich von anderen Mitschülern unterschied. Die unvoreingenommene Begeisterung meiner Mitschüler wollte sich nicht einstellen. Hin und wieder wechselnde Spielkameraden und im Wesentlichen wieder der “Blick von außen”.
Zwar wurden auch – wie die Jahre davor – fantasievolle Spielthemen gefunden, doch der (zu) aufmerksame Blick auf die Umwelt blieb.
Oft wurden nun Kopfschmerzen nach intensiver Konzentration Teil des Alltages, die meine Mutter oder Großmutter durch liebevolles Streicheln zu lindern wussten. Kopfschmerztabletten wollten nicht recht wirken und die Schmerzen mündeten nicht selten in Erbrechen, bei dem der Schädel zu bersten drohte.

Prüfungssituationen vor der Klasse endeten oft in emotionaler Überforderung. Bebende Stimme, Tränen, obwohl der Vortrag oder das Gefragte bestens bekannt waren. Das Selbstwertgefühl lag am Boden. Das Unverständnis der Mitschüler für solche Situationen nahm mit den Jahren zu. Im Sport wurde ich in der Regel als Letzter in eine Mannschaft gewählt und in großen Gruppen war eine Interaktion und gezielte Mitwirkung in Spielgruppen kaum möglich. Kleine Projekte, die allein oder in kleinsten Gruppen zu absolvieren waren, gerieten zu Highlight.
Kreativ gestaltete Handwerke oder technisch anspruchsvolle Konstruktionen weckten das Interesse der Lehrer. Ich brillierte als kleiner Erfinder und geschickter Handwerker.

Eine der damaligen Gepflogenheiten waren Schießübungen für die ganze Klasse. Auf dem Dachboden des Schulgebäudes fiel die Konzentration auf Kimme und Korn plötzlich sehr leicht und so war das Interesse der agitierenden Majore der damaligen Streitkräfte (sie besuchten die Schulen regelmäßig) an mir rasch geweckt. Zwei Schüler des Jahrgangs wurden auf den professionellen Schießstand gebeten und fortan von offizieller Seite unterstützt. Das Außenseiterdasein nahm damit eine unerwartete Wende. Doch mit derselben, die kurze Zeit später das Heimatland umbrach, war die Zeit der Bestätigung und des Erfolges vorbei. Eine neue, andere Gesellschaftsform brachte den meisten Menschen Angst und Unsicherheit, mir eher Neugier.

Bis zum Ende der Schulzeit war eine gezielte Konzentration im Unterricht nur selten möglich. Stoff, den Lehrer nicht anschaulich oder begeisternd durch Schilderungen, Tafelbilder oder Experimente vermittelten, blieb nicht hängen. Hausaufgaben gerieten zu einem unendlichen Martyrium, da die Eltern das “nicht verstehen können” als ein “nicht wollen” missverstanden.
Nachhilfeunterricht löste das Problem zu großen Teilen. Einfühlsame Pädagogen fanden Wege zur Vermittlung des Wissens, doch das kindliche Spiel kam zu kurz. Der Unterrichtsstoff konnte in schriftlichen Kontrollen oft nicht aus dem übervollen Kopf “abgerufen” werden und war erst nach Abgabe der Blätter oder Wochen später präsent. Der Kopf war übervoll mit Gedanken. Wie viele kleine Eichhörnchen huschten sie durch die riesige Krone der tausendjährigen Eiche. Quiekt eines, ist meine Aufmerksamkeit bei ihm und die Konzentration vom eigentlich geforderten Thema verschwunden.

Die Nächte wurden durch mein mehr und mehr reflektierendes Selbstbewusstsein und in Folge durch endlose Grübeleien kürzer. Begonnene Bücher wurden heimlich immer bis weit in den Morgen gelesen und so fehlte die Konzentration in der Schule. Die vielen kleinen Ungerechtigkeiten meines Kinder- und Schullebens wurden sehr intensiv erlebt und durchlitten. Das Empfinden prägte mehr und mehr mein Verhalten und ich wurde mehr und mehr in mich gekehrt. Das Hirn speicherte immense Mengen an Informationen, in die nach emotionalem Muster aber auch anderen Themen Eingang fanden, aber selten gezielt abgerufen werden konnten. Nur die große Hilfsbereitschaft für das soziale Umfeld war noch Gegenstand der Aufmerksamkeit. Endlich die Abschlussprüfungen. Überraschend gutes Mittelmaß. Doch weiter lernen? Nein! Nie wieder Schule!

1989 stand die Berufswahl für das Lehrjahr 1990 an und die Auflösungen eines DDR-Großbetriebes setzten der gewählten Fachrichtung kurze Zeit später ein jähes Ende.
Der zweite Anlauf 1991 ermöglichte mir sogar die Wahl zweier Ausbildungsbetriebe, doch das “Klammern” am elterlichen Haushalt sorgte auch hier für die ökonomisch und perspektivisch schlechtere Variante. Der Ausbildungsberuf wurde nur theoretisch erlernt und mit gutem Abschluss und begeisterten Prüfern zur mündlichen Prüfung beendet.

Tatsächlich hatte der Leiter des Ausbildungsbetriebes meine Potentiale und Neigungen längst entdeckt. Völlig themenfremd waren die Einsatzgebiete und gaben mir, dem Überflieger, Raum für Entfaltung und weit überdurchschnittliche Leistungen.

1999. Der geliebte Job zehrt mehr und mehr an der Gesundheit und bot – weil ungelernt – keinerlei Möglichkeit zur Veränderung. Aus der Situation heraus wurden Fachrichtung und Wohnort verändert. Sehr spät nun auch ein räumliches “Abnabeln” vom Elternhaus. Die Einsamkeit in der Fremde bewirkte ein erstes massives Tief, das nach zwei Jobwechseln eher Zufällig in der erneuten Freude an Leistung sein Ende fand.

Ein großes Unternehmen bot Aufstiegschancen und ich, der junge Erwachsene, entdeckte meine Fähigkeit auf mein Umfeld positiv motivierend zu wirken und mich durch starke Konzentration über die Probleme aus Kindheit und Schule hinweg zu kommen.
Lernen kann Spaß machen. Plötzlich war mit bewusster Anstrengung und viel Begeisterung das möglich, was als Schulkind einfach nicht gelingen wollte. Der “Sog des Erfolges” verselbständigte sich. Immer an der Spitze des Kollegenkreises gab es mehr und mehr Bestätigung, die Konzentration konnte mit viel Kraft schier endlos aufrechterhalten und auf ein Thema gerichtet werden. Die Strukturen des Arbeitgebers gaben Halt, doch das Wesen veränderte sich zum Negativen. Der Weg „vom Paulus zum Saulus“ wurde für das Umfeld unerträglich, die Partnerschaft drohte zu zerbrechen. Hier kam das Angebot eines Unternehmens aus Thüringen gerade recht als Notbremse. Kündigung und Umzug. Die Rückkehr in die Heimat, wieder einmal zerbrach eine Partnerschaft und emotional war in Beruf die “Schallgrenze” erreicht. Die Wesensveränderung nagte am Gewissen.

2003 – Neuanfang.
Die Erfahrungen der letzten Jahre legten die Gründung eines eigenen Unternehmens nahe. Von der Fachpresse gefeiert startete das innovative Unternehmen in den Markt. Das Thema wurde bis ins Tiefste durchdacht und immer wieder verfeinert, doch die wichtige Fähigkeit zur Selbststeuerung und das Wiederaufflammen der Sozialphobie der Kindertage ließen ein Ende erkennen.

2006 ein erneuter Start. Wieder eine andere Fachrichtung begeisterte mich, den nun schon gereiften jungen Mann. Nach holprigen ersten Projekten war die eigene Nische gefunden. Wieder Hyperfokus, euphorische Begeisterung, endlose Arbeitstage, missionarischer Eifer. Das Hirn drehte wie eine Turbine höher und höher, doch zum Abend wurde es kaum langsamer. Kurze Nächte, Hotelbetten, ein Weiterbildungsmarathon, endlose Grübelei. Die fast aggressive Hilfsbereitschaft, überschäumende Energie und zu hohe Emotionalität bewirkte auch eine Isolation bei der Mitarbeit in Vereinen, die seit wenigen Jahren eine willkommene nebenberufliche Beschäftigung boten. Nur total ausgepowert konnte ich Abend zufrieden schlafen.

2014 der Zusammenbruch. Ein scharfes Nervenbrennen, permanente Unruhe und Erschöpfung lähmten den gesamten Alltag. Krankenhaus, Therapie, Medikamente, Monate später die Wiedereingliederung und den Berufsalltag, doch “die Schwingen des Adlers” wollten nicht mehr tragen.
Emotionale Tiefs rissen schwarze Löcher auf. Der Sinn des Lebens schien zu schwinden. Neurologen und Psychologen waren ratlos. Medikamente und Therapien verfehlten die erwünschte Wirkung.

2018
Eine Gabe aus der Kindheit brachte eine überraschende Wende: die Beobachtung!
Die Analyse des in der ersten Klasse zunehmend überforderten Sohnes und Selbstreflektion mit dem Schürfen in meinen weit zurückliegenden Erinnerungen weckten einen Verdacht.
DSM 4, ICD 10, S3… da gab es Schriftsätze erfahrener Ärzte und Professoren, die genau die Problemfelder von Vater und Sohn widerspiegelten. Bisher sorgten emotionale Explosionen für unschöne Situationen in Grenzbereichen der „Elterlichen Erziehung“, die Tränen und ein schlechtes Gewissen auslösten.
Mit neu aufkommender Energie wurde vom Hausarzt die Überweisung zum Facharzt eingefordert und nach endlosen Tests über viel Monate dann die schon vermutete Diagnose. ADS, vorwiegend unaufmerksam mit minimaler hyperkinetischer Ausprägung. Vater und Sohn haben von verschieden Medizinern eine identische Diagnose bekommen.

Viele markante Abschnitte und Wesenszüge des analysierten Lebenslaufes wurden von den Fachärzten eindeutig typischen Symptomen der Erkrankung zugeordnet und viele Rätsel der letzten über 40 Jahre aufgeklärt. Eine Mischung zwischen hyperaktiver Getriebenheit und hypoaktiver Verträumtheit, gepaart mit emotionaler / sensorischer Überempfindlichkeit und sprunghafter Neugier haben das bisherige Leben “geformt”.
Mit den nun beginnenden Therapien und dem nach Fehlschlägen gefunden Medikament, bzw. einer sehr außergewöhnlichen Medikation, gelingt die Rückkehr in den Alltag. Ein ganz neues Thema – “Achtsamkeit” – begleitet nun das Leben. Bisher war das rastlose Hirn von einem Trigger zum nächsten getrieben und nur durch Erschöpfung zu bremsen. Doch nun soll aktiv gesteuert werden.
Bewusste Entspannung, ein völliges Fremdwort in bisherigen Leben, ist ein Teil meines Alltags geworden.

Geblieben ist das scharfe Nervenbrennen.
Hätte es durch eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung vermieden werden können?

Das schändlich emotionale Verhalten gegenüber dem Sohn, der noch heute leichte Traumata im Verhalten zeigt. Wäre es dem ebenfalls betroffenen Sohn bei rechtzeitiger Diagnose meines Syndroms erspart geblieben?

Die vielen kleinen aufmerksamkeitsbedingten Verkehrsunfälle und emotional bedingten Fehlentscheidungen, die das bisher erwirtschaftete Kapital erheblich schmälerten.
Hat AD(H)S sogar eine volkswirtschaftliche Komponente?

Mein unruhiges Hirn kann weiterhin „nicht still sitzen“. Doch das Wissen um Ursachen und gezielte Gegenmaßnahmen ermöglichen nun ein weitestgehend „normales“ Leben.

Ralph, 46 Jahre

2. AD(H)S von Innen

Mit 7 Jahren habe ich die Diagnose ADS bekommen, einfache Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität. Damals war ich extrem orientierungslos und gegenüber anderen Menschen meist sehr ängstlich. Hin und wieder vergaß ich, auf die Welt um mich herum zu achten und merkte plötzlich, dass alle anderen weg waren und ich nicht wusste, wo ich nun hinsollte. Oder ich wusste nicht, ob mich jemand abholte oder was meine Aufgabe war. In solchen Situationen hatte ich oft große Angst. Ich lebte viel in meinen eigenen Welten.

Mein ADS erfahre ich heute manchmal als verschiedene Zustände in meinem Kopf.
Beispielsweise habe ich Zeiten, in denen ich extrem sensibel bin. Ich reagiere empfindlich auf Reize, vor allem auf Geräusche und Wärme. Generell habe ich den Eindruck, die Außenwelt würde zu viele Anfragen an mich stellen, die ich bearbeiten muss. Häufig kommt das vor, nachdem ich mich sehr lange konzentrieren musste (z.B. auch nach längeren Gesprächen) oder wenn das Medikinet aufhört zu wirken.
In solchen Momenten ist mir oft alles zu viel. Ich meide Menschenmengen und laute Straßen, ich meide es, beobachtet zu werden oder zu kommunizieren. Ich würde am liebsten meine Aufmerksamkeit auf gar nichts äußeres mehr richten, doch die Welt spielt da häufig nicht mit. Vielleicht fällt mir die Kette vom Fahrrad, vielleicht spricht mich eine Passantin an. In solchen Momenten bin ich extrem genervt. Ich will nicht reagieren, will keine Entscheidungen treffen, will nicht planen; ich kapituliere und schiebe das Fahrrad mit schleifender Kette voran, statt das bisschen an Konzentration aufzubringen, die es benötigt, die Kette wieder zu befestigen – denn das bisschen an Konzentration habe ich gerade nicht bzw. es ist mir zu anstrengend.
Das passiert mir häufiger: Ich gebe mich der Situation hin, anstatt etwas mal kurz in Ordnung zu bringen, weil die Aufmerksamkeitsbündelung einer unglaublichen Anstrengung gleichkommt. Das kann in Diskussionen genauso vorkommen – schnell gebe ich klein bei oder weiche aus (als Kind versteckte mich im Kleiderschrank, wenn alles zu anstrengend war).

Erschöpfung kenne ich sehr gut. Der Alltag kann meine Energiereserven komplett entladen. Das kann auch ganz plötzlich passieren, oder mit einer Wucht, dass ich mich vom Gefühl her auf einen Treppenabsatz verkriechen und dort einschlafen könnte. Für kurze Zeit absolut nichts zu tun hilft dann ganz gut, oder sehr viel Schlaf.
Ich nehme in meinem Leben nur sehr wenig Kontinuität wahr: Wenn ich erschöpft bin, fühlt sich das an, wie die endgültige Erschöpfung – das ist so, das wird jetzt für immer so bleiben. Wenn ich gerade voller Energie bin, fühlt sich das ebenso endgültig an – was ich in diesem Moment erlebe, ist absolut, alles andere existiert nicht. Momentane Ereignisse interpretiere ich als „das bleibt jetzt für immer so“. Ich scheine den Kontext der Situation – d.h., was davor passierte – nicht in meine Vorhersage und mein Verständnis des Geschehens einzubeziehen.
Das ist auch mit meinem Selbstbild so: Ich konstruiere es immer wieder neu, nehme als Datengrundlage für mein Modell kleine Zeitintervalle inklusive des Jetzt. Wenn ich mich aus irgendeinem Grund mal anders verhalte, verwirrt mich das sehr. Eine Zeit lang habe ich mich auch jeden Tag wie ein anderer Mensch gefühlt, hatte kein kontinuierliches Selbstbild.

Wenn ich nicht erschöpft bin, bin ich oft das Gegenteil: Getrieben und hochmotiviert, voller Ideen, die in mir durcheinanderwuseln, schnell auftauchen und verschwinden.
Ich finde Smalltalk eher langweilig und anstrengend oder bin unsicher, was ich sagen soll, deshalb frage ich Leute manchmal, was sie denken. Manchmal bekomme ich zu hören, sie würden gerade gar nichts denken.
Ich glaube ihnen das, aber nachfühlen kann ich es nicht. Ich bin auch etwas neidisch.
Mein Kopf ist immer aktiv, ich bin ständig in Gedanken. Selbst dann, wenn ich etwas genießen sollte – triviale Gedanken okkupieren meine Aufmerksamkeit. Genießen kann deshalb unglaublich schwer und sogar richtig anstrengend sein. Ich muss mich dafür konzentrieren, meine Aufmerksamkeit auf das Genussobjekt richten, sonst ist der Genuss ja nicht gegeben. Mit Genuss meine ich zum Beispiel ein schönes Gespräch, leckeres Essen, das Lieblingslied, einen Sonnenuntergang, eine schöne Berührung, Kunst, Sonne, mein altes Zuhause besuchen, Blumen am Wegrand, wenn jemand sich mir zum ersten Mal anvertraut. Es kann sehr belastend sein, all diese Momente wegen Konzentrationsproblemen nicht wirklich genießen zu können.
Meine Aufmerksamkeit ist immer von einem bestimmten Thema eingenommen, an das nach subjektiver Schätzung ca. 70-80% meiner Wachzeit denke. Therapeuten haben das als exzessives Grübeln oder Zwangsgrübeln interpretiert und teilweise war es das auch, aber es sind eben nicht nur negative Themen, über die ich nachdenke. Eine Zeit lang war es z.B. Umweltschutz. Ich habe nonstop über Umweltschutz nachgedacht, alles, was ich erlebt habe, bekam gleich den Kontext: und wie nachhaltig ist das? Noch früher habe ich exzessiv über Katzen nachgedacht (ich kenne das Phänomen schon lange). Zurzeit denke ich exzessiv über Neurodiversität nach. Das nervt mich manchmal sehr! Ich würde diese Gedanken so gerne einmal abstellen. Wie ein inneres Quasseln, dem ich zuhören muss, ob ich will oder nicht, und das meine Aufmerksamkeit buchstäblich verstopften kann.
Ich meditiere regelmäßig. Meditation ist für mich extrem anstrengend. Ich schaffe es nur sekundenweise, eine Art innere Stille zu erfahren und mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Ansonsten ist Meditation für mich ein sehr wertvolles Training: Ich beobachte genau, wie mein Geist sich verhält, wie ein Psychologe, der seine Versuchspersonen hinter verspiegeltem Glas studiert. Ich lerne, Abstand zu den Gedanken und Gefühlen zu nehmen. Indem ich immer wieder die Kraft aufbringe, meine Aufmerksamkeit von etwas weg und auf etwas hin zu lenken, trainiere ich diese Fähigkeit. Und ich merke auch, dass dieses Training mir in Alltagssituationen etwas bringt, insbesondere für die Emotionsregulation.

Da meine Aufmerksamkeit also von lauter Gedanken okkupiert ist, statt nach außen gerichtet zu sein, ist es auch ganz logisch, dass ich so vieles nicht mitbekomme – beispielsweise Gesprächsinhalte oder wer mit wem in welcher Beziehung ist. Ich fühle mich chronisch desinformiert. Ich scheine nie ganz da zu sein, bin so in Gedanken versunken, dass ich meine Umgebung oft nicht richtig wahrnehme. Mir ist es schon passiert, dass ich beim Fahrrad fahren plötzlich dachte: Wo bin ich, und wie bin ich hierher gekommen?

Mein ADS zeigt sich auch in der sogenannten Exekutiven Dysfunktion. Das betrifft ganz viele kognitive Fähigkeiten. Unter anderem, Dinge einfach nicht anfangen zu können oder anzufangen und dann nicht zu Ende zu bekommen – man hat große Pläne, aber am Ende kommt nur mit immenser Mühe etwas zustande. Wenn ich andere Leute beobachte, die scheinbar mühelos „einfach machen“, verstehe ich oft nicht, wie sie das anstellen. Wie die meisten AD(H)Sler machte ich diese Erfahrung recht häufig. Leider verstand ich erst nicht, worin mein Anders-Sein besteht und interpretierte meine Schwierigkeiten manchmal dahingehend, dass ich dumm und eine Fehlkonstruktion sei. Mich mit ADS zu beschäftigen, half.
Heute wirke ich oft nicht wie die typisch verpeilte ADSlerin, weil ich meinen Alltag ganz gut im Griff habe. Ordnung und Struktur gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Das ist allerdings sehr aufwändig und oft kommt es mir vor, als würde ich ständig gegen mein inneres Chaos ankämpfen. Ich denke mir ständig Systeme aus, mit denen ich mich organisieren kann, aber befolge diese dann doch oft nicht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass ich verhältnismäßig mehr Zeit und Energie für solche Dinge brauche als andere, nur um mich auf einem akzeptablen Level an Organisiertheit und Ordnung zu halten. Diese Energie fehlt dann manchmal für Telefonate und Treffen. Insgeheim habe ich oft Angst, dass meine Ordnung zusammenbricht oder ich irgendetwas ganz Wichtiges vergesse zu tun, etwa eine Rechnung bezahlen oder so etwas. Oder, dass ich etwas ganz Wichtiges nicht mitbekomme, dass man etwas für die Uni einreichen oder sich irgendwo anmelden muss oder so. Manchmal habe ich auch einfach so Angst, in eigentlich sicheren Situationen.

Was ich an mir mag, ist, dass ich mich sehr schnell von Stimmungseinbrüchen und starker Erschöpfung erholen kann. Wenn ich ein erschöpfungsbedingtes Stimmungstief hatte, wo gar nichts mehr ging, ist es am nächsten Tag meist wieder okay und ich bin wieder voller Ideen und Optimismus. Meine Stimmungsschwankungen sind oft stark und oft weiß ich überhaupt nicht, warum ich so merkwürdig empfinde oder was ich überhaupt empfinde. Ich finde das verwirrend, weiß aber auch, dass „der Spuk bald vorbei ist“.
Ebenfalls ADS-typisch: Ich kann mich für extrem viel begeistern und würde unheimlich gerne zwei oder drei Leben parallel führen, um all meine Projektideen umzusetzen. Fast jede Vorlesung begeistert mich, ich habe extrem viele Interessen. Ich würde mich gerne an allen möglichen Stellen engagieren und muss mich sehr zurückhalten, weil ich bereits so viele angefangene Projekte habe. Ich bin auch sehr idealistisch und setze mich, wenn ich die Kraft dazu habe, an vielen Stellen für Dinge, die mir wichtig sind, ein, weil ich auch meinen Teil der Verantwortung spüre. Über die Zeit ist es mir mit therapeutischer Hilfe und viel Überwindung gelungen, meine sozialen Ängste relativ gut zu überwinden. Ich weiß, dass diese bei ADS häufig sind, und oft empfinde ich sie als belastender als das ADS selbst.
Ich komme viel besser mit Menschen zurecht, die seltsam sind oder psychische Macken haben. Manche Menschen sagen, ich sei exzentrisch oder schräg. Das liegt vermutlich daran, dass ich teilweise auf sehr verrückte Ideen komme und sehr nonkonform sein kann. Das bedeutet zwar manchmal, dass ich anecke oder mich isoliert fühle, aber im Grunde ist es auch eine Eigenschaft, die ich mag.

Mara, 22 Jahre

Zuletzt aktualisiert am 12.10.2019 um 00:38 Uhr