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Die häufigsten Irrtümer über ADHS

Die häufigsten Irrtümer über ADHS

Irrtümer über ADHS sind leider weit verbreitet. Selbst manche (nicht auf ADHS spezialisierte) Ärzte treffen immer wieder unhaltbare Aussagen. Dies führt zu fehlerhaften Diagnosen und erhöht das Leid von Betroffenen. Die auf dieser Seite dargestellten Irrtümer wurden von Ärzten oder Therapeuten geäußert - und dies meint keine Einzelfälle. Wenn die Fehlannahme zu einer Schädigung des Patienten führt, handelt es sich um ärztliche Kunstfehler, die eine Schadensersatzpflicht auslösen können.

Wir fassen hier die populärsten Irrtümer über ADHS zusammen.

1. Irrtum: “Bei Interesse funktioniert die Aufmerksamkeit ja, deshalb kann es kein ADHS sein.”

Falsch.1

  • Bei ADHS ist nicht die “technische Fähigkeit” zur Aufmerksamkeit beeinträchtigt, denn bei entsprechendem Interesse können Betroffene sogar sehr lang und intensiv aufmerksam sein. Dies ist der so genannten Hyperfokus. Hyperfokus ist eine sehr eng gerichtete Aufmerksamkeit, die irrelevante Reize sehr gut oder sogar überdurchschnittlich stark ausblendet.
  • Bei ADHS ist – bei genauer Betrachtung – auch nicht die “technische Fähigkeit” zur Lenkung der Aufmerksamkeit beeinträchtigt, denn die Aufmerksamkeit der Betroffenen kann zwischen Hyperfokus (dies ist die positive Bezeichnung) oder Taskwechselproblemen (dies ist die negative Seite des Hyperfokus) und Ablenkbarkeit (das Gegenteil des Hyperfokus: irrelevante Reize können hier überdurchschnittlich schlecht ausgeblendet werden) wechseln.
  • Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitslenkung funktionieren also bei ADHS “technisch gesehen”. Sie unterliegen jedoch einem Regime, einem Profil, einem Modus, der für den Alltag unpassend ist. Bei schwerem, überlebensbedrohlichem Stress wäre dieser Modus der erhöhten Fokussierung auf persönlich als wichtig wahrgenommenen Tätigkeiten (auf bedrohliche Gefahren) oder der erhöhten Ablenkbarkeit bei weniger relevanten Tätigkeiten (sind da irgendwo Gefahren?) überlebenshilfreich. Bei ADHS läuft die Aufmerksamkeit in diesem Stress-Modus, ohne dass adäquate Stressoren vorhanden wären.
    Ganz wichtig: die Betroffenen können dies nicht willentlich ändern. Insofern funktioniert die Lenkung der Aufmerksamkeit anders als bei Nichtbetroffenen.
  • Bei ADHS ist die Motivierbarkeit durch extrinsische wie durch intrinsische Reize verringert. Um die gleiche Motivation zu spüren wie Nichtbetroffene, benötigen ADHS-Betroffene deutlich höhere Anreize, wie z.B. Belohnungen. Bei durch entsprechende Anreize hervorgerufenen persönlichen Motivation sind die Aufmerksamkeitsleistungen – einschließlich der Daueraufmerksamkeit – von ADHS-Betroffenen so gut, dass sie nicht mehr zuverlässig von Nichtbetroffenen unterschieden werden können. Was hier von außen wie ein Egoismus aussieht, wie ein “zwar können, aber nicht wollen” ist in Wirklichkeit die Unfähigkeit, das eigene Wollen so zu lenken, wie es Nichtbetroffene auch können, bzw. die eigene Motivation hervorrufen zu können. Weitere ADHS-Symptome, die verschwinden oder deutlich verringert auftreten, wenn eine Motivationslage erreicht wurden, sind Impulsivität, wohl auch Hyperaktivität sowie zumindest teilweise die durch das räumlich-visuelle Arbeitsgedächtnis hervorgerufenen Symptome. Mehr hierzu unter ⇒ Motivationsverschiebung in Richtung eigener Bedürfnisse erklärt Regulationsprobleme.
  • Abgesehen davon gibt es ADHS auch ohne Aufmerksamkeitsprobleme. Der ADHS-HI-Subtyp ist von überwiegender Hyperaktivität ohne oder mit nur wenigen Aufmerksamkeitsprobleme gekennzeichnet.

2. Irrtum: “Wer nicht hyperaktiv ist, kann kein ADHS haben.”

Falsch.

Es gibt verschiedene Subtypen von ADHS. Dabei handelt es sich stets um dieselbe Grundstörung, die vornehmlich durch ein Dopamin- und Noradrenalinwirkungsdefizit im (dorsolateralen) PFC und im Striatum gekennzeichnet ist:

  • ADHS-HI: überwiegend hyperaktiv, wenig bis keine Aufmerksamkeitsprobleme
  • ADHS-C: Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsprobleme
  • ADHS-I: überwiegend unaufmerksam, wenig bis keine Hyperaktivität

Die Subtypen unterscheiden sich lediglich dadurch, wie sie Stress zeigen. ADHS-HI und ADHS-C reagieren Stress nach außen aus, sie explodieren öfter mal, ohne es halten zu können. Der ADHS-I-Subtyp frisst Stress eher in sich hinein und blockiert dann innerlich. Dies sind keine willentlichen Reaktionen, sondern tief veranlagte Persönlichkeitstypen, wie es sie auch bei Nichtbetroffenen gibt.

Daneben wandelt sich Hyperaktivität bei Erwachsenen zu einer inneren Unruhe, einem ständigen Getriebensein (immer etwas tun müssen) in Verbindung mit einer Erholungsunfähigkeit. Die Hyperaktivität ist oft nur noch in Fingerklopfen oder Fußwippen erkennbar.

ADHS-I mit überwiegender Unaufmerksamkeit bei wenig oder ohne Hyperaktivität, ist bei Kindern wie bei Erwachsenen äußerst schwierig zu diagnostizieren.

3. Irrtum: “Beruflicher Erfolg, Studium oder Doktor-Titel schließen ADHS aus.”

Falsch.2

Dies wird auf den ersten Blick erkennbar, wenn man die Liste der prominenten ADHS-Betroffenen anschaut: ⇒ Prominente ADHS-Betroffene.
Bill Clinton ist promoviert und studiert und hatte auch mal einen recht guten Job - etwas, das er mit John F. Kennedy und Abraham Lincoln teilte.
Bill Gates möchte man auch nicht nachsagen, er sei erfolglos gewesen und auch wenn es auf den ersten Blick nahe liegend erscheinen mag, ist nicht bewiesen, dass die vielen Fehler in Microsoft-Produkten eine unmittelbare Folge des ADHS von Bill Gates sind.

Dass die Liste ein deutliches Schwergewicht an (höchst erfolgreichen) Schauspielern, Musikern und Künstlern hat, liegt ganz wesentlich daran, dass ADHS im Showbusiness nicht zwingend ein Nachteil ist. Wir kennen jedoch eine Vielzahl von studierten, promovierten und zumindest zeitweilig auch erfolgreichen Menschen mit ADHS – und ebenso ihr Leiden und den Preis, den sie dafür bezahlen.

Ein ADHS-Betroffener, der etwas mit Leidenschaft verfolgt, kann diesbezüglich überdurchschnittlich erfolgreich sein – sofern er es schafft, seine sozialen und emotionalen Aufgabenstellungen wegzuorganisieren. Weiter sind gerade höher begabte Menschen sehr gut in der Lage, ihr ADHS – zumindest eine Zeit lang – zu kompensieren.

Daneben gibt es das mit dem Einfluss von Geschlechtshormonen zusammenhängende Phänomen, dass in der Jugend ADHS häufiger bei Jungen auftritt (1,6 zu 1), während unter den Erwachsenen der Frauenanteil aber sehr stark aufholt. Häufig gibt es hier in der Kindheit nicht diagnostiziertes ADHS-I und schwerwiegend Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen, die bei unbehandeltem ADHS leider 3- bis 4-mal häufiger sind als bei Nichtbetroffenen.

4. Irrtum: “Keiner weiß, was ADHS ist. Es gibt keine Biomarker bei ADHS.”

Falsch.

Die Symptome von ADHS werden maßgeblich durch ein Dopamin- und Noradrenalinwirkungsdefizit im (dorsolateralen) PFC, Striatum und Cerebellum vermittelt. Daneben gibt es noch etliche weitere neurophysiologische Biomarker.
Dieser Dopaminmangel kann durch eine große Zahl an Ursachen entstehen:

  • Genvarianten (ohne Umwelteinflüsse), die geerbt wurden
    • Es sind viele Genvarianten bekannt, die zuverlässig ADHS-Symptome auslösen.
    • Es gibt Genvarianten, die allein ADHS verursachen können
    • Viele Genvarianten haben nur einen sehr kleinen Einfluss. Die für eine störende Dimension von ADHS erforderliche Stärke der Verringerung der Dopamin- und Noradrenalinspiegel entsteht häufig durch ein Zusammentreffen mehrerer Gene und Umwelteinflüsse.
  • Epigenetisch veränderte Gene, die geerbt wurden
    • z.B. irreversible Umwelteinflüsse bei den Eltern (siehe oben); Nikotinkonsum der Eltern vor der Zeugung.
      Epigenetische Genveränderungen werden wohl nur über einige Generationen weitervererbt (sofern keine neuen negativen Umwelteinflüsse dazukommen). Hier ist eine Prävention durch besonders warmes, sicher bindendes Elternverhalten möglich.
  • Umwelteinflüsse, die irreversibel die Dopaminspiegel verändern (durch epigenetische Veränderungen)
    • z.B. frühkindlicher Stress, chronischer Stress, Gifte, Medikamente / Nikotin-/Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft, bestimmte Krankheiten (z.B. Enzephalitis), Geburtsumstände (z.B. Sauerstoffmangel während der Geburt)
  • Umwelteinflüsse mit reversiblem Einfluss
    • z.B. Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Mangel bestimmter Vitamine oder Mineralstoffe, Schilddrüsenunterfunktion, Schlafprobleme
    • Reversible Umwelteinflüsse allein sind nur höchst selten stark genug, um allein ein ADHS zu verursachen.

Eine detaillierte Darstellung der möglichen ADHS-Ursachen samt tausender unmittelbar verlinkter Quellenangaben finden sich unter Entstehung und Neurophysiologische Korrelate von ADHS-Symptomen.

Richtig ist, dass die Standarddiagnostik noch nicht in der Lage ist, die konkrete Ursache der ADHS-Symptome bei allen Betroffenen zu bestimmen. Dies wird sich vermutlich dann ändern, wenn Vollgenanalysen bezahlbar und zugelassen sind. Derzeit würde eine Vollgenanalyse noch um 1000 € kosten. Aktuelle Angaben konnten wir nicht identifizieren,

5. Irrtum: “ADHS-Medikamente sind wie Drogen / machen süchtig.”

Falsch.

Nicht erst seit Paracelsus ist bekannt: Die Dosis macht das Gift.
Trinkwasser ist meist recht zuverlässig tödlich, wenn man 6 Liter auf einmal oder 10 Liter am Tag trinkt. Nach starker sportlicher Belastung genügen bereits geringere Mengen. Dennoch ist es, in angemessener Dosierung, nicht nur kein Gift, sondern überlebensnotwendig. Die meisten Menschen trinken eher zu wenig.

Der wesentliche Unterschied ist nicht die Substanz, sondern die Anwendung.
Wird ein Defizit auf das normale Maß aufgefüllt, wird dies als Medikament bezeichnet.
Wird eine Substanz über das gesunde Maß hinaus erhöht, nennt sich dies Gift oder Droge.

Die Mittel der ersten Wahl bei ADHS sind nach wie vor Stimulanzien: Methylphenidat und Amphetaminmedikamente. Als Medikamente werden sie in so geringer Dosierung und mit so langsamer An- und Abflutung eingesetzt, dass sie nur das bestehende Dopamin- und Noradrenalindefizit auffüllen. In der Folge haben sie keinerlei berauschende Wirkung. Drogen wirken durch hohe Konzentrationen und ein schnelles, starkes und kurzfristiges Besetzen der Rezeptoren über das gesunde Maß hinaus, bewirken also einen starken Dopamin- und Noradrenalinüberschuss.
Verbildlicht: man kann ein Schlagloch auf der Straße auffüllen (Medikament) oder man kann mit demselben Material einen Buckel auf den Asphalt setzen (Droge). Ein Buckel beschädigt das Fahrwerk genauso wie ein nicht aufgefülltes Schlagloch.
Es ist also nicht ein gegebenes Medikament, das eine Gefahr darstellt, sondern ein nicht gegebenes Medikament bei einem bestehenden Defizit.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind für Erwachsene Amphetaminmedikamente Mittel erster Wahl.3. Das Amphetaminmedikament Elvanse ist ein an Lysin gebundener Vorstoff, der erst im Darm und Blut ganz langsam zum Wirkstoff umgewandelt wird. Selbst eine missbräuchliche Dosierung könnte keine Drogenwirkung auslösen.
Daneben gibt es noch etliche weitere Medikamente für ADHS, die jedoch weniger gut wirken als Stimulanzien und die auch nicht so schnell an- und abgesetzt werden können.

Bei ADHS sind u.a. die Dopamin- und Noradrenalinwirkungsspiegel im PFC und Striatum verringert. Stimulanzien heben diese Wirkung an – als Medikamente kontrolliert und ohne Gefahr von Rausch oder Sucht auf das gesunde Maß, als Drogen unkontrolliert, mit Rausch und erheblichem Suchtrisiko über das gesunde Maß hinaus. Dies ist der Grund, warum ein unbehandeltes ADHS ein deutlich erhöhtes Suchtrisiko hat. Die Betroffenen haben von den Drogen (Kokain, Speed, Marihuana/THC, Nikotin, Alkohol) einen Nutzen: sie erhöhen die Dopamin- und Noradrenalinspiegel in den problematischen Regionen – Stichwort Selbstmedikation durch Substanzmissbrauch.

Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass eine ADHS-Behandlung mit Stimulanzien weder zu Gewöhnungs- oder Absetzerscheinungen führt, noch das Risiko einer Sucht erhöht (sondern im Gegenteil deutlich verringert). Stimulanzien können jederzeit problemlos abgesetzt werden – nur die ADHS-Symptome sind dann wieder da. Auch die vorhandenen Studien über langfristige Verwendung zeigen keine bedenklichen Nachteile oder Nebenwirkungen.

Selbstverständlich können alle ADHS-Medikamente Nebenwirkungen haben, wie jedes wirksame Mittel. Selbst die Probanden, die in doppelblinden Medikamententests Placebos erhalten (Pillen aus reinem Füllmaterial ohne jeden Wirkstoff), zeigen Nebenwirkungen.

Ein sehr langsames Eindosieren verringert das Risiko von Nebenwirkungen.
Trotzdem sind und bleiben es Medikamente und dürfen daher nur nach sorgfältiger ärztlicher Untersuchung verordnet werden.

Mehr dazu, warum Medikamente als erste Maßnahme bei neu diagnostiziertem ADHS besonders wichtig ist, unter Leitfaden ADHS-Behandlung.

6. Irrtum: “ADHS haben nur Kinder oder Jugendliche.”

Falsch.

Bei mehr als 60 % der Betroffenen besteht ein in der Kindheit erstmals aufgetretenes ADHS bis ins hohe Erwachsenenalter – lebenslang.
Neuere Untersuchungen berichten zudem zunehmend von einem erstmals im Erwachsenenalter diagnostizierten ADHS, insbesondere bei Frauen im Alter ab 40. Dies könnte mit Umstellungen des Östrogenhaushaltes zusammenhängen, der auf den Dopaminhaushalt Einfluss hat.

ADHS bei Erwachsenen.

Beim ADHS-I-Subtyp treten im Erwachsenenalter gehäuft Depressionen und Angststörungen zutage.

7. Irrtum: “ADHS haben fast nur Jungs.”

Falsch.

In der Kindheit werden noch 60 % mehr Jungen als Mädchen diagnostiziert.

Im Erwachsenenalter holen Frauen indes auf, bis hin zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis: ADHS bei Erwachsenen.

8. Irrtum: “Bei einer geeigneten Umgebung ist ADHS kein Problem.”

Diese Aussage ist so verallgemeinert nicht richtig. Es gibt allerdings einen gewissen Umwelteinfluss.

Mit dieser Begründung wird zuweilen behauptet, Medikamente oder Psychotherapie brauche es nicht – man müsse bei ADHS doch ganz einfach nur die Betroffenen so akzeptieren wie sie sind oder die richtige Umgebung schaffen.

Oft sind es die Eltern, die dies vertreten. Doch sind es ebendiese Eltern, die es nicht schaffen, eine Umgebung zu schaffen, in der das Kind, so wie es ist, nicht abgelehnt wird und die es selbst nicht schaffen, das Kind so anzunehmen, wie es ist, und es nicht anzugehen, kleinzumachen oder ihm zu sagen, wie es anders sein soll, damit es richtig ist.
Manche Eltern schaffen es nicht, zwischen unangemessenem Verhalten und der Person zu trennen. Anstatt zu sagen “Dein Verhalten ist nicht ok”, sagen sie “Du bist nicht ok” - was falsch ist.
Teilweise resultiert ein unangemessener Umgang mit dem Kind daraus, dass ADHS stark vererblich ist und deshalb eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass mindestens ein Elternteil selbst ADHS hat. Dies ist jedoch nicht zwingend. Wir kennen Eltern mit ADHS, die mit Ihren ADHS-betroffenen Kindern äußerst wertschätzend und angemessen umgehen.

Im anderen Extrem wird die Auffassung vertreten, man müsse Betroffene nur einfach so lassen, wie sie sind. Dass dies ebenso in die Irre führt, zeigt sich klarer, wenn man diese Idee auf andere Störungsbilder überträgt. Niemand käme auf die Idee, man müsste Schizophrenen nur erklären, dass die Stimmen, die sie zu hören meinen, tatsächlich da sind – dann hätten sie auch keine Wahnvorstellungen mehr. Oder man müsse Betroffenen von Aggressionsstörungen nur auch die andere Wange hinhalten, damit sie sich wieder beruhigen.

Richtig ist allerdings, dass ADHS-Betroffene dann weniger Probleme haben, wenn sie sich Tätigkeiten hingeben können, die sie wirklich interessieren. Es ist kein Zufall, dass gerade in den Bereichen des Showbusiness und der IT viele ADHS-Betroffene erfolgreich sind.
Es ist auch möglich, die ADHS-typischen Defizite dadurch zu verringern, dass konfliktbeladene Themen wegdelegiert werden. Ein ADHS-Betroffener, der leidenschaftlich gerne programmiert und damit in einem Beruf gutes Geld verdient, kann die weniger beliebten Tätigkeiten wie Haushaltsführung oder Steuererklärung leicht an Dritte delegieren und diese dafür bezahlen. Das ist jedoch nicht allen Betroffenen möglich. Und auch diejenigen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen konnten, mussten ihre Schulzeit selbst durchstehe und sich den extrinsischen Anforderungen der Lehrer und dem getakteten Stundenplan beugen. Es ist auch nicht absehbar, dass ein Wegdelegieren der Hausaufgaben von weniger beliebten Fächern jemals so weit in Mode kommen könnte, dass ADHS-Betroffene hierdurch eine wahrnehmbare Entlastung erfahren würden.

9. Irrtum: “ADHS-Medikamente helfen doch jedem”

Studien zeigen, dass ADHS-Medikamente bei Menschen ohne ADHS die kognitiven Leistungen, z. B. die Aufmerksamkeit, nur gering verbessern kann. Eine Anhebung der schulischen Leistung wurde bei Nichtbetroffenen nicht festgestellt.4
Aufgrund des Inverted-U-Profils der Auswirkungen von Dopamin ist eine Erhöhung des Dopaminspiegels bei Nichtbetroffenen (ausgehend von einem optimalen mittleren Spiegel) grundsätzlich nachteilig. Allenfalls bei hinzutretendem schwerem chronischem Stress, der den Dopaminspiegel senkt, kann bei Nichtbetroffenen eine Dopaminsmangel entstehen, bei dem ADHS-Medikamente auch Nichtbetroffenen helfen. Wir halten es für möglich, dass dies in Examenssituationen der Fall sein könnte. So gibt es reichlich Belege für den Missbrauch von Stimulanzien durch nicht betroffene Studenten in Examenssituationen. Es gibt indes keine Berichte ober eine freiwillige dauerhafte Einnahme nach Beendigung der Examen. (Tatsächlich haben Studenten, die missbräuchlich Stimulanzien für Prüfungsphasen nehmen, überdurchschnittlich viele ADHS-Symptome5.)

10. Irrtum: “Wer hochbegabt ist, kann kein ADHS haben”

Hochbegabung und ADHS schließen sich keineswegs aus.6
Wir kennen eine große Anzahl von Hoch- und Höchstbegabten mit teils sehr starkem ADHS. Die erhöhte Copingfähigkeit von Hochbegabten ist in der Lage, viele ADHS-Probleme zu überdecken. Nach unserem Eindruck verschwenden viele Hochbegabte mit ADHS ihre Hochbegabung auf das Coping ihres ADHS, anstatt ihre Hochbegabung fruchtbar nutzen zu können.

11. Irrtum: “ADHS hat auch viele Vorteile”

Ratgeber zu ADHS geben an, ADHS habe auch eine Menge Vorteile, die es nur zu erkennen gelte:7

  • Kreativität
  • Hilfsbereitschaft
  • Einsatzbereitschaft
  • Feinfühligkeit/Sensibilität
  • Emotionalität
  • Ehrlichkeit
  • Begeisterungsfähigkeit
  • Spontanität
  • Charme
  • Ideenreichtum
  • Phantasie
  • Wahrnehmungsgenauigkeit
  • Unkonventionalität
  • künstlerische Ader

Ein anderes Beispiel ist eine Reportage, die ADHS anhand eines offenkundig begabten Malers als (unserer Ansicht nach deutlich übertrieben) vorteilhaft darstellt.8

Diese “Vorteile” sollten nicht dazu missbraucht werden, Betroffenen ihr Leid abzusprechen oder ADHS kleinzureden.
Bei anderen Störungsbildern werden derartige Vergleiche - aus gutem Grund - nicht gezogen:

Depression

  • weniger aggressiv

Angst

  • erhöhte Vorsicht

Zwänge

  • erhöhte Sorgfalt
  • erhöhte Reinlichkeit (Waschzwang)

Bei Angst, Depression, Zwängen sind einzelne Stresssymptome (Sorgfalt, Aggressionsverringerung, Vorsicht) dysfunktional geworden. Sie helfen bei nichts, sondern belasten und erschweren das Leben.
ADHS-Symptome sind in ihrer Symptomgesamtheit deckungsgleich mit denen von schwerem (chronischem) Stress (auch wenn die Ursache unterschiedlich ist). Die Deckung entsteht auf der Symptomebene (Syndrom), nicht auf der Ursachenebene (Störung).
Dass eine erhöhte Fantasie und Kreativität in Notsituationen bei der Lösung von Problemen helfen kann, ist richtig.
Stresssymptome haben einen Nutzen. Sonst gäbe es diese Symptome nicht bei Stress. Der Nutzen ist eine erhöhte Überlebensfähigkeit bei der Bekämpfung eines Stressors.
ADHS ist jedoch deshalb belastend, weil es keinen Stressor gibt und der Zustand dauerhaft anhält. Gibt es einen Stressor, mögen die Symptome vorteilhaft sein. Richtig ist, dass ADHSler in einer Notsituation ganz cool funktionieren können, während andere den Kopf verlieren.
Trotz dieser “Vorteile” ist ADHS dennoch nicht “nützlich”, weil auch Nichtbetroffene diese Symptome bekommen, wenn ein entsprechender Stressor auftaucht und lang und schwer genug wirkt.
Bei Nichtbetroffenen verschwinden die Symptome mit dem Stressor wieder, bei ADHS bleiben sie.
ADHS ist eine Regulationsstörung der Stresssysteme. Und zwar ganz allgemein auf der Symptomebene. Eine Regulationsstörung ist per definitionem kein Vorteil.
Zudem gehen diese Symptome mit einer dauerhaften Unruhe und dem Vorhandensein vieler weiterer Symptome einher, die bei schwerem Stress auftreten. Und diese sind in der Summe keineswegs angenehm, sondern stark belastend. Eine erhöhte Emotionalität (Achterbahn von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt) als Vorteil zu bezeichnen, scheint uns schon von vorneherein zweifelhaft.

Man kann ein Auto mit extrem hohem Verbrauch damit bewerben, dass die Insassen häufiger die Gelegenheit erhalten, auf die Toilette zu gehen. Das ist die Folge davon, dass häufiger getankt werden muss. Ist es deswegen wirklich ein Vorteil?
Es mag sein, dass es kein Ding auf der Welt gibt, das nicht auch eine positive Seite hat. ADHS auf bestimmte angebliche Vorteile zu reduzieren, wird diesem Syndrom jedoch nicht gerecht.

(*)Ganz eindrücklich zeigt sich das übrigens am Tiermodell der SHR (Spontaneously Hypertensive Rat) dem meistgenutzten Tiermodell für ADHS. Diese Tierchen haben eine überaktiviert HPA-Achse (Stressachse). Mit Dexamethason (einem Kortikoid, dass die HPA-Achse abschaltet) haben diese Tierchen auf einmal weder erhöhten Blutdruck im Alter, noch ADHS-Symptome.

Betroffenen-Wissen aus der Sicht von Ärzten: wann Scheinwissen, wann belastbar?

Ein Betroffener pointierte humorvoll:

Da musste aber auch mal die Ärzte verstehen! Da wähnt man sich Jahrzehnte am oberen Ende der Kompetenzkette, mit einem Wissen, das man sich in einer Zeit erworben hat, als Vinylplatten (oder Schellack) noch als der heißeste Scheiß ever galten und plötzlich organisieren sich die Patienten in konspirativen Online-Think-und Erfahrungs-Tanks und hyperfokussieren Fachwissen, das so fresh ist, dass es noch kein Floppy-Disk-Laufwerk einer Vintageneurologenpraxis von innen gesehen hat.”

Natürlich ist das nur eine humorvolle Überspitzung. Doch sie hat einen wahren Kern.

Während manche Ärzte und Therapeuten den inhaltlichen Diskurs mit ihren Patienten aufnehmen, lassen andere sehr deutlich spüren, dass sie nicht bereit sind, sich auf eine inhaltliche Erörterung der fachlichen Gegebenheiten von ADHS einzulassen.

Ärzte haben es in der heutigen Zeit nicht immer leicht mit ihren Patienten. Durch das Internet sind viele Patienten schein-informiert. Wenn jemand ein neues medizinisches Problem hat, und sich daraufhin im Internet einliest, führt dies in aller Regel lediglich zu einem Scheinwissen bei den Betroffenen, bei dem Ärzte gut beraten sind, sich damit nicht vertieft auseinanderzusetzen.
Warum sollte das bei ADHS anders sein?
Der Unterschied bei ADHS ist:

  • Zu ADHS gibt es sehr tiefgreifende und umfangreiche Informationsquellen im Netz (ADxS.org ist nur eine davon)
  • ADHS ist eine lebenslange Störung, was (erwachsenen) Betroffenen sehr viel Zeit gibt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen und so ein Detailwissen zu sammeln, das zuweilen dasjenige von Ärzten, für die ADHS nur eines der vielen zu beachtenden Störungsbilder ist, ernsthaft ergänzen kann.
  • ADHS-Betroffene können bei intrinsischem Interesse (das in Bezug auf Dinge, die sei selbst betreffen, häufig ist) einen Hyperfokus entwickeln und sich in kurzer Zeit ein hohes Maß an Wissen aneignen

Dennoch sind beileibe nicht alle ADHS-Betroffenen gut informiert, wenn sie ihren Arzt aufsuchen. Dem Arzt bleibt dann immer noch, herauszufinden, ob der Betroffene belastbare Kenntnisse hat oder sich - wie der Arzt es von anderen medizinischen Problemen gewohnt ist - nur kurz etwas angelesen hat und mit ADHS-typischer Impulsivität berichtet. In der begrenzten Zeit eines ärztlichen Beratungsgespräches ist dies schwierig zu bewerkstelligen.

Trotzdem ist es die ureigene Aufgabe eines Arztes, sein Fachwissen aktuell zu halten. Abweichende Aussagen von Patienten, die diese mit Quellen aus Primär- oder Sekundär-Fachliteratur belegen, müssen Ärzte zumindest veranlassen, ihre Kenntnisse zu überprüfen. Dies zu unterlassen, wäre ein Verstoß gegen die Berufspflichten.

Aussagen wie die auf dieser Seite gesammelten häufigen Irrtümer sind auch ohne kollidierende Aussagen von Betroffenen nicht zu rechtfertigen, sondern stellen stets Kunstfehler dar, die geeignet sind, die psychische und körperliche Gesundheit der Betroffenen zu beeinträchtigen. Betroffene, die sich durch solche ärztliche oder therapeutische Fehler beeinträchtigt fühlen, sind daher mehr als nur berechtigt, dies - sachlich und freundlich - zur Sprache zu bringen. Denn es betrifft nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die anderer.
Zuweilen kann es helfen, die von ADxS.org reichhaltig verlinkten Quellen auszudrucken und dem Arzt zu übergeben,


  1. Dodson: 3 Defining Features of ADHD That Everyone Overlooks. ADDitudeMag. Download 06.01.2020.

  2. Dodson (2015): 7 Bigges Diagnosis Mistakes Doctors Make, ADDitudeMag.

  3. Kooij, Bijlenga, Salerno, Jaeschke, Bitter, Balázs, Thome, Dom, Kasper, Filipe, Stes, Mohr, Leppämäki, Brugué, Bobes, Mccarthy, Richarte, Philipsen, Pehlivanidis, Niemela, Styr, Semerci, Bolea-Alamanac, Edvinsson, Baeyens, Wynchank, Sobanski, Philipsen, McNicholas, Caci, Mihailescu, Manor, Dobrescu, Krause, Fayyad, Ramos-Quiroga, Foeken, Rad, Adamou, Ohlmeier, Fitzgerald, Gill, Lensing, Mukaddes, Brudkiewicz, Gustafsson, Tania, Oswald, Carpentier, De Rossi, Delorme, Simoska, Pallanti, Young, Bejerot, Lehtonen, Kustow, Müller-Sedgwick, Hirvikoski, Pironti, Ginsberg, Félegeházy, Garcia-Portilla, Asherson (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD, European Psychiatrie, European Psychiatry 56 (2019) 14–34, http://dx.doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.11.001, Seite 17

  4. van den Berk-Bulsink MJE, Bakker M, van der Horst M (2023): Een pil voor een betere focus tijdens het studeren? [ADHD medication to improve academic performance?]. Ned Tijdschr Geneeskd. 2023 Jan 3;167:D6884. Dutch. PMID: 36633038.

  5. Caron C, Dondaine T, Bastien A, Chérot N, Deheul S, Gautier S, Cottencin O, Moreau-Crépeaux S, Bordet R, Carton L (2023): Could psychostimulant drug use among university students be related to ADHD symptoms? A preliminary study. Psychiatry Res. 2023 Nov 25;331:115630. doi: 10.1016/j.psychres.2023.115630. PMID: 38043409. n = 4.431

  6. Horsch H, Müller G, Spicher H.-J. (2006): Hochbegabt und trotzdem glücklich. Oberstebrink.

  7. MEDICE: Ratgeber ADHS

  8. Mehr Vorteil als Störung? Eine Dokumentation über Erwachsene mit ADHS