Die häufigsten Irrtümer über AD(H)S

Irrtümer über AD(H)S sind leider weit verbreitet. Selbst manche (nicht auf AD(H)S spezialisierte) Ärzte treffen immer wieder unhaltbare Aussagen. Dies führt zu fehlerhaften Diagnosen und erhöht das Leid von Betroffenen.

Wir fassen hier die populärsten Irrtümer über AD(H)S zusammen.

1. Irrtum: “Bei Interesse funktioniert die Aufmerksamkeit ja, deshalb kann es kein AD(H)S sein.”

Falsch.(1)

  • Bei AD(H)S ist nicht die “technische Fähigkeit” zur Aufmerksamkeit beeinträchtigt, denn bei entsprechendem Interesse können Betroffene sogar sehr lang und intensiv aufmerksam sein. Dies ist der so genannten Hyperfokus. Hyperfokus ist eine sehr eng gerichtete Aufmerksamkeit, die irrelevante Reize sehr gut oder sogar überdurchschnittlich stark ausblendet.
  • Bei AD(H)D ist – bei genauer Betrachtung – auch nicht die “technische Fähigkeit” zur Lenkung der Aufmerksamkeit beeinträchtigt, denn die Aufmerksamkeit der Betroffenen kann zwischen Hyperfokus (dies ist die positive Bezeichnung) oder Taskwechselproblemen (dies ist die negative Seite des Hyperfokus) und Ablenkbarkeit (das Gegenteil des Hyperfokus: irrelevante Reize können hier überdurchschnittlich schlecht ausgeblendet werden) wechseln.
  • Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitslenkung funktionieren also bei AD(H)S “technisch gesehen”. Sie unterliegen jedoch einem Regime, einem Profil, einem Modus, der für den Alltag unpassend ist. Bei schwerem, überlebensbedrohlichem Stress wäre dieser Modus der erhöhten Fokussierung auf intrinsisch als wichtig wahrgenommenen Tätigkeiten (auf bedrohliche Gefahren) oder der erhöhten Ablenkbarkeit bei weniger relevanten Tätigkeiten (sind da irgendwo Gefahren ?) überlebenshilfreich. Bei AD(H)S läuft die Aufmerksamkeit in diesem Stress-Modus, ohne dass adäquate Stressoren vorhanden wären.
    Ganz wichtig: die Betroffenen können dies nicht willentlich ändern. Insofern ist es schon richtig, wenn man vereinfachend sagt, dass die Lenkung der Aufmerksamkeit nicht so funktioniert wie bei Nichtbetroffenen.
  • Abgesehen davon gibt es AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme. Der ADHS-Subtyp ist von überwiegender Hyperaktivität ohne oder mit nur wenigen Aufmerksamkeitsprobleme gekennzeichnet.

2. Irrtum: “Wer nicht hyperaktiv ist, kann kein AD(H)S haben.”

Falsch.

Es gibt verschiedene Subtypen von AD(H)S. Dabei handelt es sich stets um die selbe Grundstörung, die vornehmlich durch ein Dopamin- und Noradrenalinwirkungsdefizit im (dorsolateralen) PFC und im Striatum gekennzeichnet ist:

  • ADHS: Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeitsprobleme
  • Mischtyp: Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsprobleme
  • ADS: Unaufmerksamkeit ohne Hyperaktivität

Die Subtypen unterscheiden sich lediglich dadurch, wie sie Stress zeigen. ADHS und Mischtyp reagieren Stress nach aussen aus, sie explodieren eher mal, ohne es halten zu können. Der ADS-Subtyp frisst Stress eher in sich hinein und blockiert dann innerlich. Dies sind keine willentliche Reaktionen, sondern tief veranlagte Persönlichkeitstypen, wie es sie auch bei Nichtbetroffenen gibt.

Daneben wandelt sich Hyperaktivität bei Erwachsenen zu einer inneren Unruhe, einem ständig getrieben sein (immer etwas tun müssen) in Verbindung mit einer Erholungsunfähigkeit. Die Hyperaktivität ist oft nur noch in Fingerklopfen oder Fusswippen erkennbar.

ADS ohne Hyperaktivität ist bei Kindern wie bei Erwachsenen äußerst schwierig zu diagnostizieren. Unserem Onlinetest gelingt dies erstaunlich gut.

3. Irrtum: “Studium, Dr.-Titel, Erfolg oder erfolgreiche Selbständigkeit schließen AD(H)S aus.”

Falsch.(2)

Dies wird auf den ersten Blick erkennbar, wenn man die Liste der prominenten AD(H)S-Betroffenen anschaut: ⇒ Prominente AD(H)S-Betroffene.
Bill Clinton ist promoviert und studiert und hatte auch mal nen recht guten Job…. etwas, das er mit John F. Kennedy und Abraham Lincoln teilte.
Bill Gates möchte man auch nicht nachsagen, er sei erfolglos gewesen und auch wenn es manchen nahe liegend erscheint, ist nicht bewiesen, dass die vielen Fehler in Microsoft-Produkten eine unmittelbare Folge des AD(H)S von Bill Gates sind.

Dass die Liste ein deutliches Schwergewicht an (höchst erfolgreichen) Schauspielern, Musikern und Künstlern hat, liegt ganz wesentlich daran, dass AD(H)S im Showbusiness kein solcher Malus ist wie in “seriösen” Berufen. Wir kennen jedoch eine Vielzahl von studierten, promovierten und zumindest zeitweilig auch erfolgreichen Menschen mit AD(H)S – und ebenso ihre Schwierigkeiten und ihr Leiden.

Ein AD(H)S-Betroffener, der für etwas brennt, kann diesbezüglich überdurchschnittlich erfolgreich sein – sofern er es schafft, seine sozialen und emotionalen Aufgabenstellungen wegzuorganisieren. Weiter sind gerade höher begabte Menschen sehr gut in der Lage, ihr AD(H)S – zumindest eine Zeit lang – wegzucopen.

Daneben gibt es das – unverstandene, aber empirisch belegte – Phänomen, dass in der Jugend AD(H)S häufiger bei Jungen auftritt (1,6 zu 1), bei den Erwachsenen die Frauen aber sehr stark aufholen, dann häufig mit in der Kindheit nicht diagnostiziertem ADS und schwerwiegenden Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen, die bei einem unbehandelten AD(H)S leider 3 bis 4 mal häufiger sind als bei Nichtbetroffenen.

4. Irrtum: “Keiner weiss, was AD(H)S ist. Es gibt keine Biomarker bei AD(H)S.”

Falsch.

Die Symptome von AD(H)S werden maßgeblich durch ein Dopamin- und Noradrenalinwirkungsdefizit im (dorsolateralen) PFC und im Striatum verursacht. Daneben gibt es noch etliche weitere neurophysiologische Biomarker.
Dies kann durch verschiedene Ursachen entstehen:

  • Genvarianten (ohne Umwelteinflüsse), die geerbt wurden
  • Umwelteinflüsse mit reversiblem Einfluss
    • z.B. Blei, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Mangel bestimmter Vitamine oder Mineralstoffe, Schilddrüsenunterfunktion, Schlafprobleme
  • Umwelteinflüsse, die irreversibel die Dopaminspiegel verändern (durch epigenetische Veränderungen)
    • z.B. frühkindlicher Stress, chronischer Stress, Gifte / Medikamente / Nikotin-/Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft
  • epigenetisch veränderte Gene, die geerbt wurden
    • z.B. irreversible Umwelteinflüsse bei den Eltern (siehe oben); Nikotinkonsum der Eltern vor der Zeugung.
      Epigenetische Genveränderungen werden wohl nur einige Generationen weitervererbt (sofern keine neuen negativen Umwelteinflüsse dazukommen) und unterliegen einer starken Prävention durch warmes, sicher bindendes Elternverhalten

Daneben entstehen die AD(H)S-typischen Zeitwahrnehmungsprobleme durch vergleichbare Veränderungen im Kleinhirn.

Einzelne Gene haben nur einen sehr kleinen Einfluss. Die für eine störende Dimension von AD(H)S erforderliche Stärke der Verringerung der Dopamin- und Noradrenalinspiegel entsteht durch ein Zusammentreffen mehrerer Gene und Umwelteinflüsse. Reversible Umwelteinflüsse alleine sind nur höchst selten stark genug um alleine ein AD(H)S zu verursachen.

Eine detaillierte Darstellung samt tausender unmittelbar verlinkter Quellenangaben finden sich unter Entstehung und Neurophysiologische Korrelate von AD(H)S-Symptomen.

5. Irrtum: “AD(H)S-Medikamente sind wie Drogen / machen süchtig.”

Falsch.

Nicht erst seit Paracelsus ist bekannt: die Dosis macht das Gift.
Trinkwasser ist recht zuverlässig tödlich, wenn man 3 Liter auf einmal oder 5 Liter am Tag trinkt. Dennoch ist es, in angemessener Dosierung, kein Gift.

Der wesentliche Unterschied ist nicht die Substanz, sondern die Anwendung.
Wird ein Defizit auf das normale Maß aufgefüllt, wird dies als Medikament bezeichnet.
Wird eine Substanz über das gesunde Maß hinaus erhöht, nennt sich dies Gift oder Droge.

Die Mittel der ersten Wahl bei AD(H)S sind nach wie vor Stimulanzien: Methylphenidat und Amphetaminmedikamente. Als Medikamente werden sie in so geringer Dosierung und mit so langsamer An- und Abflutung eingesetzt, dass sie nur das bestehende Dopamin- und Noradrenalindefizit auffüllen. In der Folge haben sie keinerlei berauschende Wirkung. Drogen wirken durch hohe Konzentrationen und ein schnelles, starkes und kurzfristiges Besetzen der Rezeptoren über das gesunde Maß hinaus, bewirken also einen starken Dopamin- und Noradrenalinüberschuss.
Verbildlicht: man kann ein Schlagloch auf der Strasse auffüllen (Medikament) oder man kann mit dem selben Material einen Buckel auf den Asphalt setzen (Droge). Ein Buckel beschädigt das Fahrwerk genau so wie ein nicht aufgefülltes Schlagloch.
Es ist also nicht ein gegebenes Medikament, das eine Gefahr darstellt, sondern ein nicht gegebenes Medikament bei einem bestehenden Defizit.

Das Mittel erster Wahl für Erwachsene, das Amphetaminmedikament Elvanse, ist ein an Lysin gebundener Vorstoff, der erst im Darm und Blut ganz langsam zum Wirkstoff umgewandelt wird. Selbst eine missbräuchliche Dosierung könnte keine Drogenwirkung auslösen.
Daneben gibt es noch etliche weitere Medikamente für AD(H)S, die jedoch weniger gut wirken als Stimulanzien und die auch nicht so schnell an- und abgesetzt werden können.

Bei AD(H)S sind u.a. die Dopamin- und Noradrenalinwirkungsspiegel im PFC und Striatum verringert. Stimulanzien heben diese Wirkung an – als Medikamente kontrolliert und ohne Gefahr von Rausch oder Sucht auf das gesunde Maß, als Drogen unkontrolliert, mit Rausch und erheblichem Suchtrisiko über das gesunde Maß hinaus. Dies ist der Grund, warum ein unbehandeltes AD(H)S ein deutlich erhöhtes Suchtrisiko hat. Die Betroffenen haben von den Drogen (Kokain, Speed, Marihuana/THC, Nikotin, Alkohol) einen Nutzen: sie erhöhen die Dopamin- und Noradrenalinspiegel in den problematischen Regionen – Stichwort Selbstmedikation durch Substanzmissbrauch.

Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass eine AD(H)S-Behandlung mit Stimulanzien weder zu Gewöhnungs- oder Absetzerscheinungen führt, noch das Risiko einer Sucht erhöht (sondern im Gegenteil verringert). Stimulanzien können jederzeit problemlos abgesetzt werden – nur die AD(H)S-Symptome sind dann wieder da. Auch die vorhandenen Studien über langfristige Verwendung zeigen keine bedenklichen Nachteile oder Nebenwirkungen.

Selbstverständlich können alle AD(H)S-Medikamente Nebenwirkungen haben, wie jedes wirksame Mittel. Selbst die Probanden, die in doppelblinden Medikamententests Placebos erhalten (Pillen aus reinem Füllmaterial ohne jeden Wirkstoff), zeigen Nebenwirkungen.

Ein sehr langsames Eindosieren verringert das Risiko von Nebenwirkungen.
Trotzdem sind und bleiben es Medikamente und dürfen daher nur nach sorgfältiger ärztlicher Untersuchung verordnet werden.

Mehr dazu, warum Medikamente als Akutmaßnahme bei neu diagnostiziertem AD(H)S besonders wichtig ist unter Leitfaden AD(H)S-Behandlung.

6. Irrtum: “AD(H)S haben nur Kinder oder Jugendliche.”

Falsch.

Bei 60 % der Betroffenen besteht ein in der Kindheit erstmals aufgetretenes AD(H)S bis ins hohe Erwachsenenalter – lebenslang.
Neuere Untersuchungen berichten zudem zunehmend von einem erstmals im Erwachsenenalter diagnostizierten AD(H)S, insbesondere bei Frauen im Alter ab 40. Dies könnte mit Umstellungen des Östrogenhaushaltes zusammenhängen, der auf den Dopaminhaushalt Einfluss hat.

AD(H)S bei Erwachsenen.

Die AD(H)S-Symptome verändern sich sich mit dem Alter.
Bei Erwachsenen wandelt sich die Hyperaktivität der Subtypen ADHS und Mischtyp zu einer dauerhaften inneren Unruhe, zu einem inneren Getrieben sein, das sich in einem immer etwas tun müssen zeigt und mit einer Erholungs- und Genussunfähigkeit einhergeht. Die motorische Hyperaktivität ist oft nur noch in Fingerklopfen oder Fusswippen erkennbar.

Beim ADS-Subtyp treten im Erwachsenenalter gehäuft Depressionen und Angststörungen zutage.

7. Irrtum: “AD(H)S haben fast nur Jungs.”

Falsch.

In der Kindheit werden noch 60 % mehr Jungen als Mädchen diagnostiziert.

Im Erwachsenenalter holen Frauen indes auf, bis hin zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis: AD(H)S bei Erwachsenen.

8. Irrtum: “Bei einer geeigneten Umgebung ist AD(H)S kein Problem.”

Diese Aussage ist so pauschal falsch. Es gibt allerdings einen gewissen Umwelteinfluss.

Mit dieser Begründung wird zuweilen behauptet, Medikamente oder Psychotherapie brauche es nicht – man müsse bei AD(H)S doch ganz einfach nur die Betroffenen so akzeptieren wie sie sind oder man die richtige Umgebung schafft.

Oft sind es die Eltern, die dies vertreten. Doch sind es eben diese Eltern, die es nicht schaffen, eine Umgebung zu schaffen, in der das Kind, so wie es ist, nicht abgelehnt wird und die es selbst nicht schaffen, das Kind so anzunehmen, wie es ist, und es nicht anzugehen, kleinzumachen oder ihm zu sagen, wie es anders sein soll, damit es richtig ist.
Teils aus gutem Grund und teils deshalb, weil AD(H)S stark vererblich ist und deshalb eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass mindestens ein Elternteil selbst AD(H)S hat.

Dass die Auffassung, man müsse Betroffene nur einfach so lassen wie sie sind, in die Irre führt, zeigt sich klarer, wenn man diese auf andere Störungsbildern überträgt. Niemand käme auf die Idee, man müsste Schizophrenen nur erklären, dass die Stimmen, die sie zu hören meinen, tatsächlich da sind – dann hätten sie auch keine Wahnvorstellungen mehr. Oder man müsse Betroffenen von Aggressionsstörungen nur auch die andere Wange hinhalten, damit sie sich wieder beruhigen.

Richtig ist allerdings, dass AD(H)S-Betroffene dann weniger Probleme haben, wenn sie sich Tätigkeiten hingeben können, die sie wirklich interessieren. Es ist kein Zufall, dass gerade in den Bereichen des Showbusiness und der IT viele AD(H)S-Betroffene erfolgreich sind.
Es ist auch möglich, die AD(H)S-typischen Defizite dadurch zu verringern, dass konfliktbeladene Themen wegdelegiert werden. Ein AD(H)S-Betroffener, der leidenschaftlich gerne programmiert und damit in einem Beruf gutes Geld verdient kann die weniger beliebten Tätigkeiten wie Haushaltsführung oder Steuererklärung leicht an Dritte delegieren und diese dafür bezahlen. Das ist jedoch nicht allen Betroffenen möglich. Und auch diejenigen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen konnten, mussten ihre Schulzeit selbst durchstehe und sich den extrinsischen Anforderungen der Lehrer und dem getakteten Stundenplan beugen. Es ist auch nicht absehbar, dass ein Wegdelegieren der Hausaufgaben von weniger beliebten Fächern jemals so weit in Mode kommen könnte, dass AD(H)S-Betroffene hierdurch eine wahrnehmbare Entlastung erfahren würden.

Zuletzt aktualisiert am 09.06.2020 um 17:18 Uhr


1.)
Dodson: 3 Defining Features of ADHD That Everyone Overlooks. ADDitudeMag. Download 06.01.2020. Man beachte die AD(H)S-Fachprominenz des Wissenschaftlichen Beirats von ADDitudeMag. - (Position im Text: 1)
2.)
Dodson (2015): 7 Bigges Diagnosis Mistakes Doctors Make, ADDitudeMag. Man beachte die AD(H)S-Fachprominenz des Wissenschaftlichen Beirats von ADDitudeMag. - (Position im Text: 1)