Wahl eines geeigneten Psychotherapeuten bei AD(H)S

Diesseits besteht die ganz eindeutige Auffassung, dass eine Psychotherapie bei AD(H)S sehr dringend einen Therapeuten benötigt, der nicht nur mit den diagnostischen Symptomen von AD(H)S sondern auch mit den übrigen Symptomen vertraut ist, da alle Symptome behandlungsrelevant sind.

Eine Therapie durch Therapeuten, die nicht sämtliche möglichen originären AD(H)S-Symptome kennen, birgt die erhebliche Gefahr, dass Ursachen und Wirkungen verwechselt werden.
Ein Therapeut, der spezifische AD(H)S-Symptome als das eigentliche Problem betrachtet, ohne zu verstehen, dass AD(H)S-Symptome Stresssymptome sind und deshalb die dauerhafte Stresssituation bzw. Stresswahrnehmung das Problem ist, kann mehr schaden als helfen. Diesseits sind etliche AD(H)S-Betroffene bekannt, die nach mehrmonatigen Klinikaufenthalten in vermeintlich spezialisierten AD(H)S-Kliniken frustrierter und verletzter waren als zuvor.
Ein AD(H)S-Betroffener, dessen Therapeut eine Verantwortungsübernahme seines Patienten für Dinge anstrebt, die im Bereich des nicht-Könnens liegen, wird dadurch nur noch tiefer in das Gefühl eines Ungenügendseins hineingetrieben. AD(H)S-Betroffene haben bereits ohne derartige „Unterstützung“ mehr als genug Selbstwertprobleme. Ein Therapeut ist eine entscheidende Instanz, die bewertet, ob die Probleme des Patienten durch seine Störung (deren Existenz der Betroffene nicht zu verantworten hat) verursacht werden, oder durch ein von ihm zu verantwortendes eigenes, persönliches und von der Störung getrennt zu betrachtendes Verhalten, für das der Betroffene verantwortlich ist.

Ein Therapeut ist – wenn er es gut macht und die Passung stimmt – eine Art Ersatz-Bezugsperson. Diese Rolle kann bis zur Aufgabe einer Nachbeelterung gehen: die sichere Burg, mit allen Fähigkeiten und Unfähigkeiten gleichermaßen angenommen zu werden. Nicht verhätschelnd, doch stets wohlwollend fördernd. Der weise Vater, die warme Mutter. Dumbledore, nicht Snape. Ein Therapeut hat aufgrund seiner – aus der Sicht des Patienten objektiven – Kenntnis der psychologischen Zusammenhänge eine Stellung, die einem Richter vergleichbar ist. Stellt der Therapeut Handlungsweisen und Reaktionen des Patienten als „von diesem zu verantworten“ oder „nicht in Ordnung“ in Frage, ist dies stets eine sehr intensive Intervention einer – aus der Sicht des Patienten – hierzu berufenen Autorität.

Wenn der Therapeut in seiner gegenüber dem Patienten dadurch dominierenden Stellung aus Mangel der Kenntnis sämtlicher spezifischen symptomatischen Folgen von AD(H)S Dinge zuweist, für die der Betroffene in Wirklichkeit nichts kann – weil er ihnen als Symptom ausgeliefert ist und auf die der Betroffene eben gerade aufgrund des AD(H)S symptomatisch keinen Einfluss hat, was der Grund für das Problem ist – wird dies das Leid des Patienten massiv erhöhen.

Beispiel:
Ein Betroffener berichtete uns von einem (ehemaligen) Therapeuten, der ihm in Bezug auf seine (fallbedingt schweren, aber AD(H)S-phänotypischen) Motivationsprobleme vorhielt, dass er doch nicht immer nur das tun könne, wozu er Lust habe, sondern auch das tun müsse, was keinen Spass mache.

Diesseits wird befürchtet, dass zu wenige Psychologen, Psychiater und Neurologen die Zusammenhänge zwischen Aktivitätslevel/Arousal und Stimmung, insbesondere das Phänomen der Dysphorie bei Inaktivität bei AD(H)S, adäquat einschätzen können und dass daraus in erheblichem Umfang Fehldiagnosen in Richtung Depression gestellt werden.

Daneben sollte unbedingt auf eine positive und fördernde emotionale Stimmung zwischen Patient und Therapeut geachtet werden.

Eine Untersuchung berichtet, wonach bereits in der ersten Stunde messbar sei, ob die Therapie nach 3 Jahren erfolgreich sein wird – und zwar unabhängig von der Therapieform.
Patienten und Therapeuten wurden in der ersten Therapiestunde gefilmt.
Wenn eine positive, annehmende Stimmung zwischen Therapeut und Patient herrschte, war die Therapie nach 3 Jahren regelmäßig erfolgreich. Wenn in der ersten Stunde dagegen eine eher kühle, distanzierte Stimmung herrschte, war die Therapie nach 3 Jahren regelmäßig nicht erfolgreich.
Wohlgemerkt: auf die Art der Therapie kam es dabei nicht an.

Gleichwohl (und zusätzlich) sind manche Therapieformen bei AD(H)S deutlich besser geeignet als andere.

Zuletzt aktualisiert am 13.10.2019 um 20:01 Uhr