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Neurofeedback als AD(H)S-Therapie

Inhaltsverzeichnis

Neurofeedback als AD(H)S-Therapie

Neurofeedback ist eine wissenschaftlich anerkannte Behandlungstechnik, die dem Patienten ein unmittelbares Feedback rückmeldet, während er versucht, die mittels Elektroden gemessenen elektrischen Aktivitäten des Gehirns zu verändern.

AD(H)S ist eines der Hauptanwendungsgebiete von Neurofeedback,1 neben Ticstörungen, Migräne, Tinnitus, Depressionen und Autismus.2

Neurofeedback scheint bei AD(H)S Symptome in etwa so wirksam zu verbessern wie kognitive Verhaltenstherapie ( Wirksamkeit verschiedener Behandlungsformen von AD(H)S) und scheint ebenso zu dauerhaften Effekten zu führen (siehe unten). Aufgrund der dauerhaften Wirkung kann man von einer Heilungswirkung durch Neurofeedback sprechen. Diese Heilungswirkung ist jedoch aufgrund der begrenzten Symptomverbesserung, und da nicht alle Betroffene gleichermaßen ansprechen, nur sehr selten vollständig. Neurofeedback dürfte meist lediglich als ergänzende Therapie zur Medikation sinnvoll sein.

Neurofeedback wirkt, indem die Selbststeuerbarkeit der eigenen Gehirnaktivitäten verbessert wird (siehe unten)
In der Behandlung lernt der Patient seine Gehirnfrequenzen zu beeinflussen, während diese gemessen und ihm als unmittelbares Feedback sichtbar gemacht werden (z.B. Farben; Balkenanzeigen; Flugzeug, das höher oder niedriger fliegt; Film, der je nach erreichten Messwerten läuft oder stoppt).

Neurologisch verwendet Neurofeedback verschiedene Messwerte.

  1. EEG-Frequenzbänder EEG-Frequenzen werden durch den Thalamus gesteuert, dessen Funktion bei AD(H)S signifikante Abweichungen aufweist.3
  2. SCP – langsame kortikale Potenziale SCP-Training langsamer corticaler Potentiale zielt auf phasische Aspekte corticaler Exzitabilität. Patienten trainieren dabei Potenzialverschiebungen in positiver Richtung («Positivierung»; Abnahme der Exzitabilität) oder negativer Richtung («Negativierung»; Zunahme der Exzitabilität).4
  3. QEEG – Quantitative EEGEEG mit räumlicher Zuordnung zu bestimmten Gehirnarealen5

In der Praxis werden meist Frequenzbänder ohne räumliche Zuordnung oder SCP verwendet, da die Messung von Gehirnaktivitäten in bestimmten Gehirnarealen technisch sehr aufwändig ist.
Für ein allgemeines EEG-Frequenzbandtraining genügt ein 1-Kanal EEG-Messgerät. Für eine räumliche Auflösung von Gehirnaktivitäten auf einzelne Gehirnareale wird eine Vielzahl von EEG-Kanälen (in der Regel 19) benötigt. Die entsprechenden Geräte sind erheblich teurer, die Bedienung komplexer.
qEEG werden als Biomarker zur Diagnostik verschiedener psychischer Störungen untersucht.6

1. Neurofeedback-Frequenzbandtrainung

1.1. Gehirnfrequenzen und ihre Funktion

Das Gehirn kommuniziert mittels Nervenzellgruppen, die in einem synchronisierten Rhythmus senden und pausieren. Die unterschiedlichen Frequenzen der Rhythmen korrelieren mit spezifischen Bewusstseinszuständen und lassen sich in EEG-Frequenzbändern messen.

1.1.1. Die EEG-Gehirnfrequenzen

1.1.1.1. Delta
  • Delta – 0,4 bis 3/3,5 Hz – ruhiger, traumloser Tiefschlaf, Trance, Bewusstlosigkeit; im Kleinkind- und Säuglingsalter auch bei Wachheit
1.1.1.2. Theta
  • Theta – 4 bis 6,5/7 Hz – Dösigkeit und leichter Schlaf, Wachträumen, Hypnose.
    Starkes Vorkommen im Kleinkind- und Säuglingsalter, wird mit zunehmendem Alter / zunehmender Hirnreifung schwächer (Frequenzen steigen an).

Wenn nun aber
– Theta bei kleinen Kindern höher ist und natürlich mit dem Alter abnimmt und
– bei AD(H)S eine verzögerte Gehirnreifung vorliegt (und zwar im selben Maße wie sie auch bei Hochbegabung typisch ist – beide Gruppen holen ihre Gehirnreifung bis zum Alter von etwa 12 Jahren auf), ist es bis zu einem bestimmten Maße nicht verwunderlich, dass Kinder unter 12 Jahren mit AD(H)S im Vergleich zu Nichtbetroffenen (und nicht Hochbegabten) eine erhöhte Thetaaktivität aufweisen.

Man könnte formulieren, dass ein Theta-Beta-Training bei jüngeren Kindern die Hirnreifung beschleunigt.

Theta tritt in verschiedenen Formen auf:

  • corticaler Theta-Rhythmus7
    Bei Säuglingen und Kleinkindern auch im Wachzustand
    bei Jugendlichen und Erwachsenen: bei Schläfrigkeit, im Übergang vom Wach- in den Schlafzustand, im Schlaf, ansonsten bei Hirnpathologien
  • Hippocampus-Thetarhythmus / frontal-midline theta7
    Abnahme in der Nähe des Kopfscheitelpunktes (Cz)
    Steht in Verbindung mit
    • dem anterioren cingulären Cortex (korrelierend mit zeitgleich erhöhtem Glucosestoffwechsel)
    • Thetarhythmus in Hippocampus, parahippocampalen Cortex, anterioren cingulären Cortex, Mammilarkörpern des Hypothalamus, medialem dorsalen Kern des Thalamus
    • Papez-Kreislauf, der wohl weniger der Emotionskontrolle dient, sondern mehr Gedächtnisrelevanz hat.
  • dysfunktionales front-midline-theta (FMT) im Bereich 5,5-8 Hz8
    Mehr hierzu unter AD(H)S-Subtypen nach EEG
1.1.1.3. Alpha
  • Alpha – 7/8 bis 12/13 Hz – wache Entspanntheit, nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, geschlossene Augen. Gesunder physiologischer Grundrhythmus des ruhenden Gehirns. Stärkste Ausprägung wandert von der Kopfmitte (bei Kindern) Richtung Hinterkopf (Pubertät). Tritt vorwiegend bei geschlossenen Augen auf und wird beim Öffnen der Augen oder beim Nachdenken (wie z.B. Kopfrechnen mit geschlossenen Augen) durch Betawellen ersetzt.
    Ausgeprägte Alpha-Wellen erhöhen die Kreativität und verringern das Depressionsrisiko.9
  • Alpha (und Beta) dienen (zumindest für optische Reize) zur Top-Down Informationsvermittlung von höher entwickelten zu niedriger entwickelten Gehirnbereichen.10
  • Methylphenidat und Amphetaminmedikamente erhöhen die Power von Alpha im EEG (bei Ratten), während Atomoxetin und Guanfacin dies nicht tun.11
1.1.1.4. SMR / Low Beta
  • SMR (Low Beta) – 12 bis 15 Hz – ruhige Konzentration, entspannte/ungerichtete nach außen gerichtete Aufmerksamkeit.
    SMR wird auch als Alpha von 9 bis 13 Hz beschrieben, abgeleitet über C3 und C4.12
    Migräne hat oft das Bild eines niedrigen SMR und eines überhöhten Betas, oft tritt zusätzlich ein recht hohes Theta auf.
    Migräne: SMR hochzutrainieren ist eine typische und hilfreiche Migräne-Behandlung.
    Viele Hausärzte verschreiben NFB bei Migräne. Wenn auch das nicht hilft, bleiben oft nur Betablocker (die nicht Betawellen im Gehirn, sondern Betarezeptoren im Herzen blockieren), was allerdings letzte Wahl sein sollte.
1.1.1.5. Beta
  • Beta – 15 bis 21 Hz – aktive Aufmerksamkeit
    Eine Überaktivierung im Beta-Bereich soll bei AD(H)S oft mit einer Unteraktivierung in anderen Gehirnbereichen, meist im frontostriatalen Loop, einhergehen.13 Dies dürfte dem Mechanismus entsprechen, dass ein überaktivierter PFC (hoher Dopaminspiegel) das Striatum deaktiviert (niedriger Dopaminspiegel).
    Unaufmerksamkeit korreliert mit niedrigen Beta- (12 – 30 Hz) und niedrigen Gammawerten (30 – 50 Hz).14 Wir vermuten, dass hier die ADHS-I-typische Unaufmerksamkeit aus Langeweile gemeint ist, die ihre Ursache in einem unteraktivierten PFC hat, nicht die ADHS-HI-typische Unaufmerksamkeit aufgrund Ablenkbarkeit, die ihre Ursache in einem überaktivierten PFC hat.
    Bei vielen Erwachsenen mit Schlafstörungen ist Beta im Ruhezustand überhöht, steigt also beim Versuch zu entspannen anstatt zu sinken; häufig auch bei Depression.

In einem berichteten Fall eines Kindheitstraumas wurden die Monster der Betroffenen in Schach gehalten, indem Schlaf vermieden wurde; es bestand ein extrem niedriges Theta, und ein allgemein erhöhtes Beta, das bei Entspannungsversuchen noch weiter anstieg.15

Migräne hat ähnliches Bild (eines überhöhten Betas), oft zusätzlich recht hohes Theta und niedriges SMR.

Das bei AD(H)S bei Entspannung ansteigende Beta ist nach unserer Ansicht eine schlüssige Begründung, warum für AD(H)S-Betroffene Meditation so aversiv ist. Ebenso erklärt es das Gedankenkreisen beim Schlafen gehen (zusammen mit der Tatsache, dass denken Dopamin freisetzt – Denken kann so gesehen eine Sucht sein, um den Dopaminbedarf zu stillen). Beides führt in einen sich selbst verstärkenden Kreislauf und letzten Endes in eine Dauererschöpfung bis hin zur Erholungsunfähigkeit.

  • Beta (und Alpha) dienen (zumindest für optische Reize) zur Top-Down Informationsvermittlung von höher entwickelten zu niedriger entwickelten Gehirnbereichen.10
1.1.1.6. High Beta
  • High Beta – 21 bis 35/38 Hz – Hektik, Stress, Angst, Überaktivierung.
    Wenn zu hoch: Gedankenkreisen, den Kopf nicht still bekommen können
1.1.1.7. Gamma
  • Gamma – 35/38 bis 45/70 Hz – gespannte Aufmerksamkeit, starke Konzentration und Informationsverarbeitung
  • Gamma (um 60 Hz) dient (zumindest für optische Reize) zur Bottom-Up Informationsvermittlung von niedriger entwickelten zu höher entwickelten Gehirnbereichen.10

Höhere Werte im Childhood Trauma Questionairy korrelieren (neben höheren AD(H)S-Symptomen) mit

  • höheren QEEG-Werten in den Bereichen16
    • Delta
    • Beta1
    • Beta2
    • Beta3
    • Gamma
  • signifikant verringerten Power-Werten im Bereich17
    • niedriges Alpha
  • Unaufmerksamkeit korreliert mit
    • niedrigen Beta- (12 – 30 Hz) Werten14
    • niedrigen Gammawerten (30 – 50 Hz)14
    • erhöhtem High-Beta17
      • was für die Autoren unerwartet war
    • niedrigem low Alpha17
      • was für die Autoren unerwartet war

Unaufmerksamkeit bei hohem Beta dürfte der ADHS-HI-typischen Ablenkbarkeit aufgrund eines überaktivierten PFC entsprechen.

1.1.2. EEG-Gehirnfrequenzen nach weiteren Kriterien

  • Rolandische Wellen18
    je nach Alter im Bereich 14 bis 30 Hz. Sie werden (im Ruhezustand mit geschlossenen oder geöffneten Augen) an C3, Cz, C4 über der (namensgebenden) Rolando-Furche (Sulcus centralis) abgenommen.
    Sie unterscheiden sich1920 in
    • (rolandische) μ-Rhythmen oder Murhythmen
      Der Name stammt daher, dass ihre Form an ein μ erinnert.
      Ursprung der μ-Rhythmen ist der primäre somatsensorische Cortex.18
    • Rolandische Beta-Wellen
      Ursprung der rolandischen Beta-Wellen ist der motorische Cortex.18

1.1.3. Veränderungen der EEG-Gehirnfrequenzen mit dem Alter

Bei allen Menschen verändert sich die Power (Stromstärke) des EEG mit zunehmendem Alter, insbesondere von Kindheit zu Adoleszenz. Mit zunehmendem Alter nehmen die langsamen Frequenzen (Delta und Theta) ab, während die schnellen Frequenzen (Alpha und Beta) stärker werden. Die Gesamtpower (die Summe aller Einzelfrequenz-Powerwerte) nimmt mit zunehmendem Alter ab.2122 Altersbedingte Veränderungen gibt es zwar bei AD(H)S-Betroffenen ebenso wie bei Nichtbetroffenen, jedoch unterschiedlich stark. Bei AD(H)S nähert sich das EEG im Alter stärker dem von Nichtbetroffenen an, während es bei ADHS-I-Betroffenen fast konstant bleibt.2324

Sofern Studien von “verlangsamter Gehirnaktivität” sprechen, ist die Zunahme der Power von langsamen Gehirnfrequenzen (Delta/Theta) gemeint.

1.1.4. qEEG und Medikamentenresponse

Eine Studie beobachtete, dass bei unterschiedlichen attentionalen und affektiven Störungen (hier: AD(H)S, Depression, Bipolar nach DSM-III-R) die neurometrischen Merkmalen den Medikamentenresponse prognostizierten:25

  • frontaler Alpha-Exzess sprach zu 87 % auf Antidepressiva an
  • frontaler Theta-Exzess sprach zu 100 % auf Stimulanzien an
  • frontaler Alpha-Exzess mit Hyperkohärenz sprach zu 85 % auf Antikonvulsiva/Lithium an
  • frontaler Theta-Exzess mit Hyperkohärenz sprach zu 80 % auf Antikonvulsiva an

Eine Studie an AD(H)S fand eine gute Response bei:26
(zu kleine Probandenzahlen in den Gruppen sind vermerkt)

ADHS-HI ADHS-I
frontaler Alpha-Exzess (100 % AMP (n = 3)) (66,7 % AMP (n = 3))
92,3 % MPH (50,0 % MPH (n = 8))
frontaler Theta-Exzess 76,9 % AMP 41,2 % AMP
73,9 % MPH 20,0 % MPH
frontaler Beta-Exzess (100 % AMP (n = 3)) (50 % AMP (n = 2))
(66,7 % MPH (n = 3)) (75 % MPH (n = 4))

1.2. Untersuchungsmethoden von Gehirnwellen

  • EEG
  • Independent Component Analysis (ICA)
  • Low Resolution Electromagnetic Tomography (LORETA)

1.3. Grundlagen des Frequenzbandtrainings

Durch gezieltes Training der betroffenen Gehirnfrequenzen (Frequenzen mit zu niedriger Intensität werden herauftrainiert, Frequenzen mit zu hoher Intensität werden heruntertrainiert) lassen sich die mit den jeweiligen Frequenzen korrelierenden Symptome beeinflussen. Es sprechen nicht alle Betroffenen gleichermaßen an. Bei 50 % der AD(H)S- Betroffenen lassen sich die Symptome um mindestens 25 % verringern. Erforderlich sind 20 bis 40 Trainingseinheiten. Die Wirkung von Neurofeedback war 6 Monate nach Ende der Therapie noch unverändert.27

Ablauf der Therapiesitzung:
Beim Patienten werden mittels Elektroden die EEG-Frequenzen gemessen und auf dem PC des Therapeuten visualisiert.
Die Software bietet dem Patienten nun Reize (Grafiken, Spiele, Filme etc.), die er mittels der zu trainierenden EEG-Frequenz steuern kann. Beispielsweise soll der Patient ein Flugzeug steuern, indem die Flughöhe sich anhand des gemessenen Werts der zu trainierenden Gehirnfrequenz verändert.

Ein realer Therapiefall:

Ein ADHS-HI-Patient (mit Hyperaktivität) hatte bei Therapiebeginn ein SMR (EEG-Frequenzen zwischen 12 und 15 Hz) von 1,6 mV an Cz. Der typische Wert bei Nichtbetroffenen liegt zwischen 2,8 und 3,2. Der Patient bekam einen Film zu sehen, der immer dann weiter lief, wenn der zugleich beim Patienten gemessene SMR-Wert den vom Therapeuten eingestellten Schwellenwert überschritt. Unterschritt der SMR-Wert den Schwellenwert, blieb der Film stehen.
Obwohl der Patient nicht sagen konnte, was er genau tat, um die Amplitude seines SMR zu erhöhen, schaffte er es (binnen ca. 10 Minuten) von 40 % auf 80 % Erfolg (Zeitanteil, in dem der Schwellenwert überschritten wird). Darauf wurde der Schwellenwert etwas erhöht. Sank der Erfolg auf 30 % wurde der Schwellenwert etwas verringert, um den Patienten (insbesondere bei ADHS-HI) nicht zu schnell zu frustrieren.
Nach 30 Trainingseinheiten trainierte der Patient an einem Schwellwert von 2,5 und erreichte 50 bis 60 %.
Transformationsdurchgänge (Versuche des Patienten, den SMR zu erhöhen, ohne dass ihm ein Film ein Feedback gibt) bewältigte er mit 2,0 bis 2,5.
Subjektiv hatte der Patient das Gefühl, etwas weniger stressempfindlich zu sein und deutlich weniger Affektdurchbrüche zu haben.
Der Patient wollte weitertrainieren, bis das Training keine Verbesserung mehr zeigt. Nach 60 Trainingseinheiten bewegte sich der Wert konstant bei 2,6. Eine weitere Erhöhung wurde auch durch weiteres Training nicht mehr erreicht.

Neurofeedback ermöglicht das gezielte Training einzelner Gehirnbereiche.

Neurofeedback wird von Kassen bislang nicht grundsätzlich erstattet. Verschriebene Ergotherapie ist jedoch erstattungsfähig. Ergotherapeuten, die auch Neurofeedback anbieten, sind berechtigt, Neurofeedback als eine Form der Ergotherapie anzuwenden.

Eine vertiefte Darstellung von Neurofeedbacktraining für den Heimbereich bei Youtube von Dr. Kowalski, der (zusammen mit Ute Strehl) an der Universität Tübingen zu Neurofeedback forscht, anhand einer von ihm entwickelten Software für den Heimbereich: Kowalski bei Youtube zu Neurofeedback.
Mittels Neurofeedback kann nach diesseitiger Ansicht zwar grundsätzlich zu Hause trainiert werden, jedoch sollte unbedingt eine Begleitung / Anleitung durch einen niedergelassenen Neurofeedbacktherapeuten erfolgen. Werden die falschen Frequenzen in die falsche Richtung trainiert, könnte das Training schädlich sein. Ob die Geräte und Software für den Heimbereich inzwischen ausreichend funktional sind, kann derzeit noch nicht beurteilt werden.

2. Unterschiedliche EEG-Formen in Subtypen von AD(H)S

Die verschiedenen Subtypen von AD(H)S weisen spezifische unterschiedliche EEG-Muster auf. Das bedeutet, dass bei AD(H)S – je nach spezifischem Subtyp – andere Gehirnfrequenzen aktiver oder inaktiver sind als bei Nichtbetroffenen.

Es gibt mehr nach EEG klassifizierbare Subtypen als bisher klassische Subtypen nach Verhaltensweisen unterschieden werden.

Mehr hierzu unter AD(H)S-Subtypen nach EEG im Beitrag Die Subtypen von AD(H)S: ADHS-HI, ADHS-I, SCT und andere.

3. Konnektivität von Gehirnregionen bei AD(H)S

Siehe hierzu unter Gehirnnetzwerke und Konnektivität bei AD(H)S im Kapitel Neurologische Aspekte.

4. Trainingsmodelle

4.1. Frequenzbandtraining

4.1.1. SMR-Training (Erhöhung von low Beta, 12 – 15 Hz)

Das SMR-Training ist ein typisches Neurofeedbackprotokoll bei AD(H)S mit dem Ziel, die Gehirnaktivität im SMR-Band zu erhöhen.2829
Der SMR spielt eine wichtige Rolle für die motorische Erregbarkeit.29
Eine Verstärkung des sensomotorischen Rhythmus (12–15 Hz) über dem Motorcortex soll durch eine Hemmung der thalamo-corticalen Schleife Hyperaktivität verringern.30
SMR-Training verringert Impulsivität und Affektdurchbrüche und fördert eine gelassene allgemeine Aufmerksamkeit. Gelassene Aufmerksamkeit ist etwas anderes als Konzentration (fokussierte Aufmerksamkeit).

In einer Untersuchung zu SMR-Frequenzbandtraining wurden 86 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren mit AD(H)S mit Go/NoGo Aufgaben untersucht. Jede Trainingseinheit beinhaltete:

  • Verbesserung der Powerratio von 15-18 Hz im Verhältnis zum übrigen EEG (20 Minuten), Messung an C3/Fz
  • Verbesserung der Powerratio von 12-15 Hz im Verhältnis zum übrigen EEG (7 – 10 Minuten), Messung an C4/Pz

Nach 15 bis 22 Neurofeedbacksitzungen zeigten diejenigen Kinder, die bei den Trainingseinheiten gut abschnitten, in den Go/NoGo Aufgaben ein Zuwachs bei P 300 (Positive Komponente innerhalb von 180-420 ms Latenz) über frontal-zentralen Gehirnarealen. Bei den Kindern, die in den Trainingseinheiten schlechtere Ergebnisse erzielten, konnte kein Zuwachs festgestellt werden.31
Demnach scheint die Aktivierung frontal-zentraler Gehirnregionen einem Beta-Training zugänglich zu sein.

4.1.2. Theta-Beta bzw. Theta-Alpha Ratio-Training

  • Theta herunter und (ggf gleichzeitig) Beta hochtrainieren oder
  • Theta herunter und (ggf gleichzeitig) Alpha hochtrainieren

Ziel ist die Erhöhung der Theta-Aktivität bei gleichzeitiger Verringerung der Beta-Aktivität.32

Die beiden Trainingsmethoden Theta-Beta und Theta-Alpha unterschieden sich in ihren Ergebnissen nur wenig. Beide Protokolle linderten die Symptome von AD(H)S im Allgemeinen (p <0,001), die Symptome von Hyperaktivität (p <0,001), Unaufmerksamkeit (p <0,001) und Auslassungsfehler (p <0,001), nicht aber die oppositionellen und impulsiven Symptome. Alpha hochzutrainieren soll in Bezug auf Auslassungsfehler wirksamer sein.33

Eine Untersuchung, die Theta-Beta-Training mit den Wirkmechanismen von MPH verglich, kam zu dem Ergebnis, dass Theta-Beta-Training vornehmlich die Inhibition und Impulskontrolle und weniger die Aufmerksamkeit verbessert, hierfür jedoch andere Wirkmechanismen nutzt als Methylphenidat.34 Das Theta/Beta-Verhältnisse im Ruhezustand scheint die Beziehung zwischen motorischer Kompetenz und Inhibition bei Kindern mit AD(H)S zu vermitteln.35
Eine Studie fand unterschiedliche Auswirkungen von Theta-Beta-Frequenzbandtraining auf die verschiedenen Subtypen (ADHS-I und ADHS-C).36

Eine sehr kleine Pilotstudie fand, dass Alpha/Theta-Training auch bei Studierenden ohne AD(H)S Aufmerksamkeitsverbesserungen bewirkte.37

4.2. Training der Selbstregulierungsfähigkeit der EEG

Dieser Ansatz wendet sich von einer Normalisierung von EEG-Frequenzen (Vergleich nach QEEG-Datenbanken) ab, da Untersuchungen in Gruppen keine einheitlichen charakteristischen EEG-Frequenzmuster bei Kindern mit AD(H)S finden konnten.32
Daher arbeiten einige Neurofeedbackprotokolle mit abwechselnden Trainingsphasen zur Erhöhung und Verringerung der Zielwerte, was auch der üblichen Herangehensweise bei SCP Regulierung entspricht.

4.3. QEEG Neurofeedback Training (z-score training)

Das Z-Score-Training basiert auf einer Datenbank mit Untersuchungsergebnissen von rund 600 gesunden Kindern und Erwachsenen. Das Training zielt darauf, die eigenen Gehirnfrequenzaktivitäten in Richtung dieser Normwerte zu verändern.32

Auch beim Z-Score-Training könnte die Wirksamkeit möglicherweise durch das Trainieren der Selbststeuerungsfähigkeit des EEGs erreicht werden. Dass als Zielparameter Normwerte gesunder Menschen verwendet werden, ändert hieran nichts.

Eine Untersuchung berichtet, dass 70 % der Erwachsenen und 52 % der Kinder mit AD(H)S nach 30 Trainingssitzungen aus einer Kombination von Z-Score Neurofeedback und HRV-Biofeedback-Training eine so starke Verbesserung erfuhren, dass sie danach nicht mehr im klinischen Bereich des ASEBA diagnostiziert wurden, sondern im normalen. Lag die Diagnose zuvor im Grenzbereich des ASEBA, erreichten 80 % der Erwachsenen und 63 % der Kinder den normalen Bereich. 4 von 9 Erwachsenen und 10 der 44 Kinder, die zuvor AD(H)S-Medikamente genutzt hatten, verzichteten nach der Behandlung auf AD(H)S-Medikamente. Kein Erwachsener (von 30) und 1 Kind (von 55), die vor der Behandlung keine AD(H)S-Medikamente genommen hatten, nahmen nach der Behandlung erstmals AD(H)S-Medikamente ein.38
Sollten diese Ergebnisse wiederholt werden können, wäre dies – bei aller wissenschaftlicher Zurückhaltung – eine Sensation. Daher sollten die Ergebnisse mit entsprechender Aufmerksamkeit und Vorsicht betrachtet werden.

4.4. HeartMath – Training

Über ein weiteres wohl markengeschützes Trainingsmodell (was wissenschaftlich betrachtet stets ein gewisses Misstrauen erregt) berichtet eine Untersuchung auf der Webseite des Anbieters über positive Ergebnisse bei AD(H)S, die auf Kohärenzverbesserungen der Gehirnkommunikation beruhen sollen.39

4.5. Training langsamer corticaler Potenziale (SCP)

SCP (Slow Cortical Potentials = langsame corticale Potenziale) sind sehr langsame Frequenzen von weniger als 0,1 Hz, die ausserhalb des Messbereichs eines üblichen EEG liegen.
SCP sind Reaktionen des Gehirns auf innere oder äußere Reize. SCP werden als Maß der Erregbarkeit der Hirnrinde verstanden.

Ein Training zur Kontrolle der langsamen corticalen Potenziale kann unterstützen, situationsgerecht eine verbesserte Informationsbearbeitung bereitzustellen.
Die Wirksamkeit des SCP-Trainings bei AD(H)S wurde mehrfach belegt.40

SCP wirkte in einer Studie ein klein wenig besser auf die AD(H)S-Symptome von Kindern als Theta-/Beta-Frequenzbandtraining.41 Sinnvoll dürfte jedoch eine Kombination beider Methoden sein.
Denkbar wäre auch die Möglichkeit eines Trainings der Selbstregulation interhemisphärischer frontaler Asymmetrie durch SCP-Feedback. Dies wurde bei Gesunden bereits belegt.42 Dabei wird gezielt die Synchronisation der linken und der rechten Gehirnhälfte trainiert. Dies ist insbesondere bei Depressionen hilfreich, da Depressionen und chronische Frustration häufig mit einer besonders starken Asynchronität der Gehirnhemisphären einhergeht.

4.6. Infra Low Frequency Training – ILF

Das Training von ILF wurde von Othmer entwickelt und wird deshalb zuweilen auch als Othmer-Methode bezeichnet. Es handelt sich ebenfalls um ein Training sehr niedriger Frequenzen. Technik, Ableitungen und Feedback sind anders gestaltet.

Das ILF-Training zielt nicht darauf ab, Frequenzen willentlich zu erhöhen oder zu verringern, sondern darauf, spezifische Parameter der niedrigen Gehirnfrequenzen so zu spiegeln / sichtbar zu machen, dass darüber erlernt werden kann, das Erregungsniveau des zentralen Nervensystems (ZNS) selbst zu regulieren.

4.7. LORETA-Neurofeedback

LORETA (Low Resolution Brain Electromagnetic Tomography) ist eine dreidimensionale elektromagnetische Gehirnbildgebung mit niedriger Auflösung. Mittels LORETA werden bestimmte Gehirnnetzwerke in tieferen Hirnstrukturen durch dreidimensionale Betrachtung trainiert.

4.8. EEG-BCI-Training

Eine Untersuchung berichtet von einer Trainingsform, bei der die Probanden nicht auf der Grundlage voreingestellter Standardwerte lernen, bestimmte EEG-Wellen zu unterdrücken oder zu verstärken, sondern mit einem durch das System individualisierten EEG-Muster, das die optimale Aufmerksamkeit auf der Grundlage der Trainingsaktivitäten darstellt.43
Eine Behandlung mit 24 Sessions bewirkte eine Verbesserung der Unaufmerksamkeit nach ADHD-Rating Scale um 3,2 Punkte.

5. Wirksamkeit Neurofeedback

5.1. Wirkmechanismus

Die grundsätzliche Wirksamkeit von Neurofeedback ist wissenschaftlich weitgehend anerkannt.44

Wir gehen davon aus, dass die Wirksamkeit von Neurofeedback in einem Erlernen einer Selbststeuerbarkeit der eigenen Gehirnaktivitäten liegt. Die eigene Gehirnaktivität wird stets unbewusst gesteuert: geht man schlafen, beruhigt man sich, vor einer wichtigen Aufgabe konzentriert man sich. Dies ist nichts anderes als eine selbst vorgenommene Regulation (unter anderem) bestimmter Gehirnfrequenzen. Menschen, bei denen bestimmte Gehirnfrequenzen ungewöhnlich reagieren oder die eine schlechte Selbstregulation haben, können durch ein gezieltes Verstärken von erfolgreicher Selbstregulation lernen, diese zu verbessern.

5.2. Behandlungswirksamkeit

Das Maß der Wirksamkeit (Effektstärke) kann das von Medikation erreichen.454647

Eine aufwändige Untersuchung verglich Neurofeedback mit Stimulanzienbehandlung und fand gleich starke Verbesserungen in beiden Gruppen.48

Eine neuere Untersuchung fand signifikante Verbesserungen der mit 40 Neurofeedback-Sitzungen mit Theta-Beta-Training behandelten Kinder gegenüber den traditionell behandelten Kindern in den Bereichen49

  • anhaltende Aufmerksamkeit
  • verbales Arbeitsgedächtnis
  • Antworthemmung / Impulshemmung
  • Verhaltensprobleme
  • akademische Leistung.

Eine Vergleichsuntersuchung zwischen Neurofeedback (Theta-/Beta-Training) und EMG-Biofeedback (je 30 Sitzungen) zeigte in beiden Gruppen eine Reduktion der Theta/Beta-Quotienten über den Behandlungsverlauf. Aufmerksamkeitsleistung, Intelligenzniveau und Verhalten verbesserten sich jedoch nur in der Neurofeedbackgruppe, dort zudem signifikant. Bei der EMG-Biofeedbackgruppe zeigte sich dagegen lediglich ein Hinweis auf eine Erhöhung des Arbeitstempos in einem Schreibaufmerksamkeitstest, der sich in weiterem Test nicht bestätigte.50

Eine mit erheblichem Aufwand erstellte Doppelblindstudie, die (blind) Neurofeedback mit Schein-Neurofeedback und daneben (nicht blind) mit Kognitiver Verhaltenstherapie verglich, kam zu dem Ergebnis, dass Neurofeedback AD(H)S-Symptome genauso wirksam reduzieren kann wie Kognitive Verhaltenstherapie – allerdings war das Schein-Neurofeedback ebenso wirksam.51

Das Testkonzept leidet jedoch daran, dass die Schein-Neurofeedbackgruppe nur 15 Scheinbehandlungen und 15 reguläre Neurofeedbackbehandlungen erhielt, während die Neurofeedback-Gruppe 30 reguläre Neurofeedbackbehandlungen erhielt. Es handelt sich also nicht um einen echten Neurofeedback- gegen Scheinfeedback-Vergleichstest.
Zudem war aus den verfügbaren Abstracts nicht erkennbar, ob das Scheinfeedback ein echtes Neurofeedback in Richtung beliebiger Zielwerte war oder ob das Feedback von den Ergebnissen vollständig entkoppelt war.

Sofern das Scheinfeedback eine echte Neurofeedback-Rückkopplung darstellte, bei der lediglich die Zielwerte zufällig waren oder auf eine Verstärkung weg von Normwerten oder sinnvollen Zielwerten führten, könnte das Ergebnis, dass Schein-Neurofeedback (Training in beliebige Wertveränderungen) genauso wirksam ist wie Neurofeedback-Training in Richtung einer Normalisierung der Gehirnfrequenzen, sich damit begründen lassen, dass auch ein Schein-Neurofeedback mit zufälligen Zielwerten zu einer Selbstkontrolle der Gehirnaktivität führt, dass also jede Form des Gehirntrainings (Neurofeedback trainiert ja die Kontrolle über Gehirnwellen) ebenso wirksam ist wie kognitive Verhaltenstherapie. Dazu müsste die Art des Scheintrainings genauer betrachtet werden.

Es gibt weitere Berichte von sehr deutlichen Symptomreduzierungen durch Neurofeedback. Dennoch wird Neurofeedback nicht als bei allen Betroffenen (Responderrate 25 bis 50 %) als wirksam betrachtet und kann auch bei diesen die Symptome nicht völlig beseitigen. Bei Respondern wird eine Symptomreduktion von 50 % als Erfolg betrachtet.

Nach einer Metastudie verbessern verschiedene Faktoren die Wirksamkeit einer Neurofeedbacktherapie:52

  • intensivere Behandlung (mehr Behandlungen)
    • nicht jedoch die Behandlungsdauer (Zeit, auf die die Anwendungen verteilt sind)
  • Einsatz hochwertiger EEG-Geräte

Eine Studie hat Marker definiert, anhand derer besser prognostiziert werden kann, welche AD(H)S-Betroffenen auf Neurofeedback ansprechen und welche nicht.53

Unabhängig davon berichten Eltern eine höhere Verbesserung im Vergleich zu den Lehrern. Dies erinnert an die Wertungsunterschiede bei Diäten, bei denen der Verdacht besteht, dass der hohe Aufwand der Behandlung die Einstellung fördert, dass dieser hohe Aufwand doch auch einen hohen Erfolg zeitigen müsse (Bias).52

Bei einem anderen Vergleich von Stimulanzien und Neurofeedback schnitt die medikamentös behandelte Gruppe deutlich besser ab, während für Neurofeedback bei 30 Behandlungen kaum Effekte nachgewiesen wurden.54 Ebenso fand eine Vergleichsstudie zwischen 25 Sitzungen SCP oder Z-Score binnen 5 Wochen mit üblicher Behandlung und Arbeitsgedächtnistraining keine signifikanten Vorteile für Neurofeedback.55 Mehrere Metastudien fanden keine Wirksamkeit von Neurofeedback im Vergleich zu Placebo oder sogar eine verringerte Wirksamkeit von Neurofeedback bei placebokontrollierten Studien.565758
Wie dies mit den vielfachen Studien über eine bestehende Wirksamkeit bei manchen Betroffenen in Einklang zu bringen ist, ist offen.

Ein Reviewartikel kam zu folgendem Ergebnis:59

  • 2 Meta-Analysen bestätigten eine signifikante Wirksamkeit von Standard-Neurofeedback-Protokollen für von Eltern und Lehrern bewertete Symptome mit einer mittleren Effektgröße und anhaltenden Wirkungen nach 6-12 Monaten.
  • 4 multizentrische RCT’s zeigten eine signifikante Überlegenheit gegenüber semi-aktiven Kontrollgruppen, mit mittelgroßen Effektstärken am Ende der Behandlung oder der Nachbeobachtung und Remissionsraten von 32-47 %.
  • offene Studien bestätigten die Wirksamkeit von Neurofeedback
  • es wurden keine Anzeichen von Publikationsverzerrungen (Bias) gefunden
  • es wurden keine signifikanten neurofeedbackspezifischen Nebenwirkungen berichtet.

Eine Metastudie fand keine Verbesserung der Exekutivfunktionen bei AD(H)S durch Neurofeedback.60
Eine doppelblinde, randomisierte und kontrollierte Studie fand eine Wirksamkeit bei AD(H)S auf Aggressivität und Impulsivität bereits nach 12 einstündigen Sitzungen innerhalb von 6 Wochen.61
Eine Studie an Erwachsenen mit AD(H)S berichtet von Verbesserungen der Aufmerksamkeit und unklaren Ergebnissen in Bezug auf Hyperaktivität.62

Als Schlussfolgerung wurden Standard-Neurofeedback-Protokolle als gut etablierte Behandlung bei AD(H)S mit mittleren bis großen Effektgrößen betrachtet.

5.3. Wirksamkeitsdauer von Neurofeedback

Studien deuten darauf hin, dass die positiven Effekte durch eine Neurofeedbackbehandlung langfristig anhalten. Eine Metastudie aus 165 Untersuchungen fand eine lang anhaltende signifikante Verbesserung von AD(H)S-Symptomen durch Neurofeedback.63

Eine Studie fand ein Jahr nach einem Beta-/Theta-Training die durch das Training erreichte signifikante Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses vollständig weiter vor.64
Eine aufwändige Untersuchung, die Neurofeedback mit Stimulanzienbehandlung verglich, fand nach Absetzen der Stimulanzien und Beendigung des Neurofeedbacktrainings nur in der Neurofeedback-Gruppe erhaltene Symptomverbesserungen, was sich mit den bei diesen Teilnehmern überdauernden Veränderungen im EEG deckte.65

Die Verbesserungen nach 40 Neurofeedback-Sitzungen mit Theta-Beta-Training in den Bereichen49

  • anhaltende Aufmerksamkeit
  • verbales Arbeitsgedächtnis
  • Antworthemmung / Impulshemmung
  • Verhaltensprobleme
  • akademische Leistung.

waren 6 Monate nach Behandlungsende weiter vorhanden.
Auch in einer anderen Untersuchung war die Wirkung von Neurofeedback 6 Monate nach Ende der Therapie noch unverändert.27

5.4. Kombination Neurofeedback und Medikamente

Eine Kombination von Neurofeedback und Methylphenidat erwies sich als wirksamer als Neurofeedback allein.66

6. Weiteres zu Neurofeedback

Die Forschung an AD(H)S leidet nach diesseitiger Auffassung grundsätzlich daran, dass viele Untersuchungen ihre Probanden nur nach AD(H)S/Nichtbetroffenen unterscheiden. Da sich die Subtypen von ADHS-HI und ADHS-I neben ihrer Stressreaktionsphänotypik (= AD(H)S-Symptomatik) besonders in Bezug auf unterschiedliche Amplitudenstärken von Gehirnfrequenzen unterscheiden, wäre eine genauere Trennung bei Untersuchungen hilfreich.

Neurofeedback-Frequenzbandtraining wird meist nur mit 1- oder 2-Kanal-Systemen durchgeführt.67 Es erfolgen also an 1 bis 2 Stellen des Schädels Messungen der dort anfallenden Gehirnfrequenzen. Medizinisch zugelassene 1 bis 2-Kanal-Geräte kosten ab 3.500,- €.
Mit wenigen EEG-Kanälen kann keine räumliche Lokalisation der gemessenen Hirnfrequenzen auf bestimmte Gehirnareale erfolgen. Da bei AD(H)S ganz bestimmte Gehirnareale ganz spezifische Veränderungen der Gehirnfrequenzen aufweisen, wäre für manche Therapien eine räumliche Zuordnung wünschenswert. Ein Frequenzbandtraining mit 1 oder 2 Ableitungen hofft quasi “blind”, dass die an diesen 1 bis 2 Stellen gemessenen Werte “irgendwie” aus den betroffenen Gehirnarealen stammen. Dazu werden Erfahrungswerte eingesetzt, an welcher Stelle des Schädels am ehesten die Aktivität der relevanten Gehirnareale messbar ist. Eine zuverlässige Zuordnung wird dadurch nicht gesichert. Bei manchen Gehirnfrequenzen (wie bei SMR = low Beta), hat sich eine einkanalige Ableitung (bei SMR an Cz = Mitte der Schädeldecke) jedoch bereits als recht zuverlässig und praktikabel erwiesen.
Es bleibt zu hoffen, dass mit fortschreitender Entwicklung der neurologischen Forschung mehrkanalige EEG-Messgeräte erheblich häufiger eingesetzt und damit günstiger werden. Ob dabei tatsächlich die empfohlenen 100 Ableitungskanäle2 im Therapieeinsatz für eine exakte räumliche Zuweisung der gemessenen Gehirnfrequenzen auf einzelne Gehirnareale erforderlich sind, oder ob die von anderen Forschern als ausreichend zuverlässig bezeichneten 19-Kanal-Geräte (die Stand 2017 um 20.000.- € kosten) für eine zuverlässige Diagnostik und Therapie ausreichen, bleibt abzuwarten.


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