Das Fight-/Flight-/Freeze-System: BIS/BAS/FFFS

1. Das BIS-/BAS-FFS-System nach Gray

Auf Stress reagieren Säugetiere nicht einheitlich.
Nach dem fight/flight-Stressmodell (von Connor (1932) und später Gray, der es mit dem BIS/BAS-Modell kombinierte, → RST von 1990, überarbeitet 2000), gibt es 2 bis 3 Hauptgruppen von Stressreaktionen:

Der BAS-Typ reagiert auf Stress mit Angriff.
Der FFFS-Typ reagiert auf Stress mit Flucht oder totstellen.
Das BIS-System reagiert nach der überarbeiteten Reinforcement Sensitivity Theory (RST) von Gray (2000) nicht mehr auf Reize von Aussen, sondern wird lediglich aktiv, wenn das BIS und das FFFS-System beide aktiviert wurden. Das BIS-System ist für die Abwägung zwischen BAS und FFFS verantwortlich.

Das ursprüngliche Fight/Flight-System wurde um die Komponente Freeze (totstellen) zum FFFS erweitert.

Nutzen unterschiedlicher Stressphänotypen
Diese Reaktionsmodelle sind sehr tief verankert. Die Überlebenswahrscheinlichkeit einer "steinzeitlichen" Gruppe von homo sapiens war seit jeher höher, wenn die Gruppe Mitglieder beider Typen hatte. Die moderne Arbeitspsychologie weiß, das Gruppen mit verschiedenen Charakteren erfolgreicher sind als homogene Gruppen.
Beispiele
Ganz banal: wenn alle Mitglieder einer Gruppe Nachteulen oder Frühaufsteher wären – wie gut wäre die urzeitliche Gruppe vor Feinden geschätzt gewesen, wenn alle Gruppenmitglieder zur gleichen Zeit schlafen ?
Ebenso: mit welcher Wahrscheinlichkeit hätten wenigstens einzelne Gruppenmitglieder überlebt, wenn eine gänzlich neue Herausforderung entstand, bei der entweder bedachtes oder spontanes Handeln die optimale Überlebensstrategie war ?
Mit anderen Worten: es würde dem Grundgedanken der Evolution entgegenlaufen, dass Gruppen mit homogener Charakterstruktur besser überleben als andere.

Die unterschiedlichen Stressreaktionsphänotypen sind auch bei anderen Lebewesen erkennbar, z.B. bei Guppys.(1)
In der Folge erscheint es uns schlüssig, dass die Ausprägung des einzelnen Individuums als fight- oder flight-Typus eine reine Zufallsvariable ist, die dafür gesorgt hat, dass eine Population genügend Mitglieder der beiden Typen hatte.
Nimmt man "freeze" als eigenständigen Stressreaktionsphänotyp hinzu (der immerhin das Phänomen des sluggish thinking plausibel erklären könnte), wären es drei Stressphänotypen.

Anders herum formuliert: Gruppen, bei denen sich ein einziger Typ genetisch als dominant durchgesetzt hat, hatten weniger Überlebenswahrscheinlichkeit, so dass wir Nachkommen derjenigen sein dürften, die diese Eigenschaft mit höherer Zufallsverteilung weitergegeben haben.

Ähnlich: Farmer/Hunter-Hypothese
Im Bild der Hunter/Farmer-Hypothese werden ADHS-Subtyp-Betroffene phänotypisch als Hunter (Jäger) und ADS-Subtyp-Betroffene phänotypisch als Farmer (Sesshafte) betrachtet, wobei die AD(H)S-Symptome des jeweiligen Subtyps jeweils eine (ungesunde) Extremform der beiden Pole einnehmen. Eine Darstellung als Extrempole ist schlüssig.
Zuweilen wird aus der Hunter/Farmer Hypothese jedoch eine Idealisierung oder seltsam begründete „Überlegenheit“ von AD(H)S abgeleitet – diese Sichtweise teilen wir ausdrücklich nicht. AD(H)S-Betroffene mögen anders sein als Nichtbetroffene, was in manchen Konstellationeen Nachteile und in anderen Vorteile haben mag – eine Überlegenheit lässt sich hieraus jedoch nicht ableiten. Wenn man sich bewusst macht, dass die Massstäbe, was „richtig“ und was „falsch“, also was „krank“ und was „gesund“ ist, immer von der Mehrheit definiert werden und dass bei einer Besonderheit die Mehrheit per Definition von der Besonderheit nicht betroffen ist, relativiert dies die Wertung einer Bezeichnung ohnehin erheblich.

Eine diesseitige Beobachtung ist, dass berufliche / unternehmerische Selbständigkeit eine Domäne der Typ-A-Persönlichkeit und des ADHS-/Mischtyps ist. Typ-C-Persönlichkeiten und Menschen vom ADS-Subtyp sind als Selbständige nach unserem (rein subjektiven) Eindruck weniger bzw. seltener erfolgreich. Ganz besonders gilt dies für SCT-Betroffene, denen nach diesseitiger Erfahrung von einer Selbständigkeit eher abzuraten ist.
Selbständigkeit benötigt zwingend die Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen. Mögen übereilte oder gar unüberlegt-impulsive Entscheidungen für eine Selbständigkeit auch nachteilig sein, scheinen Entscheidungsschwierigkeiten gleichwohl ein noch grösserer Hemmschuh zu sein.

Umgekehrt scheinen nach unserem (rein subjektiven) Eindruck Tätigkeiten, die eine große Empathie und Geduld benötigen, wie z.B. therapeutische Berufe, eine Stärke der eher introvertierten Typen zu sein.

Literaturhinweis
Szczesny-Friedmann nennt BIS-Typen „Tauben“ und BAS-Typen „Falken“ und beschreibt die Folgen fachlich zutreffend und allgemeinverständlich.(2)
Introversion und Extraversion
Introversion und Extraversion sind nach dem Myers-Briggs-Typenindikator ungefähr gleich häufig. Sie haben vornehmlich genetische und biologische, weniger Umwelt- oder Erziehungsursachen.(3)

Introversion und Extroversion werden als zwei Pole eines Maßes verstanden.
Eine Erklärung ist, dass reizsensitive Menschen weniger neue Reize benötigen und weniger reizsensitive Menschen mehr neue Reize benötigen um das für sie jeweils optimale Erregungsniveau zu erreichen. Danach wäre Extraversion mit geringer Reizsensivität verbunden und Introversion mit einer hohen Reizsensivität.
Die Realität dürfte komplexer sein; siehe das Modell zur Sensitivität von Dunn.(4)

1.1. Reinforcement Sensitivity Theorie

Ob BIS und BAS unabhängig voneinander sind, BIS und BAS also beide niedrig oder unterschiedlich hoch sein können (so Gray) oder ob BIS und BAS die Pole einer einheitlichen Einheit sind, innerhalb der sie je nach Zustand miteinander korrelieren (Corr), also eher wie eine Spielplatzwippe starr miteinander verbunden sind, war streitig. Die Frage dürfte indes bei der neueren RST obsolet sein, weil bei dieser BIS und FFFS zwangsläufig gleichzeitig aktiv sein müssen, um dem BIS Handlungsalternativen anbieten zu können. Neuere Stimmen betrachten die Systeme konsequenterweise als voneinander unabhängig.(5)(6)

1.1.1. Die modifizierte RST (Gray, 2000)

Gray hat im Jahr 2000 die von ihm postulierte Reinforcement Sensitivity Theorie (RST) vor allem hinsichtlich der Aufgabe des BIS modifiziert.

Nach der modifizierten RST (ab 2000) werden BAS und FFFS gleichzeitig und unabhängig voneinander durch neue Reize aktiviert. Das BAS reagiert dabei auf Belohnungsreize, das FFFS auf alle Formen von Bestrafungsreizen. Das BIS wird dagegen nicht mehr durch Reize selbst aktiviert, sondern erst durch eine gleichzeitige Aktivierung von BAS und FFFS. Das BIS wird danach durch Konflikte von BAS und FFFS aktiviert und dient zur Abwägung, welchem System der Handlungsvorzug gegeben werden soll. Zugleich aktiviert das BIS die Aufmerksamkeit auf die Umwelt, um Hinweise zur Entscheidungsfindung zu erhalten.(7)(8)

Impulsivität ist demnach als hohe Extraversion mit hoher emotionaler Labilität (Neurotizismus) definiert, was zu einer hohen Sensibilität für Belohnung führt (hoch reagibles BAS).

1.1.2. Die ursprüngliche RST (Gray, 1990)

Die „alte“ RST, nach der das BAS-System auf Belohnungsreize, das BIS auf Bestrafungsreize und Nichtbelohnung, und das FFS auf existenziell bedrohliche Reize reagieren sollte, wobei diese drei Systeme unabhängig voneinander agierten, konnte etliche Reaktionen nicht schlüssig erklären.

2. Behavioural Inhibition System (BIS)

2.1. BIS nach der alten RST

Das Behavioural Inhibition System korreliert mit dem Persönlichkeitsmerkmalen(9)

  • Ängstlichkeit
    • als abgeschwächte Form des Neurotizismus
    • Marker für die Bestrafungssensitivität (Trait Sensitivity of Punishment, SP)
  • Introversion (als Gegenpol zur Extraversion des BAS)
  • Furcht

Das BIS bildet die Empfänglichkeit für Bestrafung, Nichtbelohnung und unbekannte Reize ab (konditionierte aversive Reize).

2.1.1. Aktivierung des BIS

Das BIS wird aktiviert durch

  • konditionierte Reize für
    • Bestrafung
    • frustrierende Nichtbelohnung
    • neue, unerwartete Reize

Diese lösen über das BIS eine Verhaltenshemmung aus.

Das BIS wird noradrenerg-cholinerg-serotonerg gesteuert(10) und kann durch Anxiolytika beeinträchtigt werden(11)

2.1.2. Auswirkungen des BIS

Menschen mit hohem BIS berichten in einer Tagebuchstudie mehr negative Erlebnisse und erleben diese negativer als Vergleichsgruppen.(12)
Menschen mit hohem BIS bewerten negative soziale Erlebnisse negativer. Sie investieren mehr, um diese zu vermeiden und erleben negative Erlebnisse intensiver.(13)

Menschen mit hohem BIS setzen sich häufiger negative Ziele. Beispiel im sozialen Bereich: „ich will nicht alleine sein“ anstatt „ich will einen Partner haben“.(13)

Dennoch ist die Wahl der (hier: sozialen) Ziele ein besserer Prädikator für (hier: sozialen) Erfolg als das Maß der Empfindlichkeit für Bestrafung oder Belohnung (BIS und BAS).(13)

2.2. Das BIS nach der neuen RST

Siehe oben unter 1.1.1.

2.3. BIS und neurophysiologische Korrelate

Ein höheres BIS korreliert mit einer größeren rechten präfrontalen Aktivierung, zeigt eine eine niedrigere NK-Aktivität (NK = natural killer = natürliche Killerzellen) und reagiert stärker auf negative emotionale Reize.(14)

Neurologisch verortet Gray das BIS im septo-hippocampalen System (SHS)(15), bestehend aus

  • Hippocampus (limbisches System)(15)
  • Septumkerne(15)
  • Verbindungen zum cingulären Cortex, ein Teil des frontomedialen PFC(15)
  • Verbindungen zum präfrontalen Cortex (PFC)(15)
  • Amygdala(16)
Ein aktiviertes BIS erhöht die nicht-spezifische Erregung (Arousal), die zu einem Fokus der Aufmerksamkeit auf aktuell relevante Ereignisse führt.(17)

Eine hohe Ängstlichkeit und eine erhöhte Bestrafungssensitivität sind insbesondere durch eine hohe Synchronisierung von Hippocampus und Amygdala im Theta-EEG-Frequenzband gekennzeichnet.(18) Mit einer Verringerung der Ängstlichkeit durch neue Konditionierung verringert sich zugleich die Synchronistaion von Hippocampus und Amygdala.(19)(20)

Depressionen und Angststörungen sind mit einem sensibilisierten BIS verbunden.(21) Ein sensibilisiertes BIS geht mit erhöhter Bestrafungssensibilität und einem vergrösserten Hippocampus und einer vergrösserten Amygdala einher.(22)(18)

Anxiolytika (angstverringernde Medikamente) verminderen die Erregbarkeit der Amygdala.(23)

Das BIS-System kann durch Anxiolytika jedoch auch beeinträchtigt werden.(24)

Das BIS wird durch die Neurotransmitter

gesteuert, wobei Noradrenalin und Serotonin mit der Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse) in Verbindung stehen und zur Cortisolfreisetzung aus der Nebenniere führen.(26) Bei gesunden Kindern ist die Aktivierung des BIS als Reaktion auf eine Bestrafung mit erhöhten Cortisolspiegeln nach schwierigen Situationen verbunden.(27)

Eine Zusammenfassung der neurologischen Korrelate des BIS zeigt Chiossi.(28)

3. Behavioural Activation System (BAS)

3.1. BAS nach alter wie neuer RST

Nach Gray’s Reinforcement Sensitivity Theory (RST) korrelieren Drive, Reward Responsiveness, Fun Seeking(29) mit dem Maß der Aktivierung des BAS auf einen bestimmten Stimulus.
Das BAS reagiert auf konditionierte Reize für Belohnung und Nichtbestrafung, was zu Annäherungsverhalten und generell zu einer Verhaltensaktivierung führt(30)(31)

Das Behavioural Activation System korreliert mit dem Persönlichkeitsmerkmal Impulsivität als abgeschwächte Form der Extraversion und bildet die Sensitivität für Belohnungsanreize ab.(32)(33)

Ist das BAS aktiviert, führt dies zu einem Belohnungsgefühl, wie es ähnlich nach dem Konsum von Kokain, Amphetaminen, Heroin oder Alkohol auftritt.(34). Diese Belohnungen sind sämtlich mit dem dopaminergen System verknüpft (Medikamente bei AD(H)S).

3.2. Auswirkungen des BAS

Menschen mit einem hohen BAS berichten in einer Tagebuchstudie häufiger positive Erlebnisse als eine Vergleichsgruppe.(12)
Menschen mit hohem BAS setzen sich häufiger positive Ziele. Beispiel im sozialen Bereich: „ich will neue Menschen kennenlernen“ anstatt „ich will nicht alleine sein“.(13)
Dennoch ist, wie bereits geschrieben, die Wahl der (hier: sozialen) Ziele ein besserer Prädikator für (hier: sozialen) Erfolg als das Maß der Empfindlichkeit für Bestrafung oder Belohnung (BIS und BAS).(13)

3.3. Neurophysiologische Korrelate des BAS-Systems

Das BAS wird vornehmlich durch den meso-kortikalen Pfad dopaminerg gesteuert.(25)

Das BAS wird neurologisch durch Prozesse gesteuert, die in den Gehirnbereichen

  • Basalganglien
    • Pallidum
      • dorsal
      • ventral
    • Striatum
      • dorsal
      • ventral
  • dopaminerge Nervenbahnen

liegen.(35)

Dass das BAS vornehmlich durch den meso-kortikalen Pfad dopaminerg gesteuert wird(25) erklärt die Anfälligkeit des Belohnungssystems bei AD(H)S aufgrund der bei AD(H)S bekannten dopaminergen Fehlfunktionen.

Ein Anspringen des BAS spiegelt sich in einem Anstieg der Herzfrequenz(36)(37) und der Hautleitwerterhöhung sowie Änderungen des Startlereflexes(38).

Bei Kindern mit ADHS und Sozialstörungen (Subtyp ADHS) ist die Aktivität des BIS verringert und die Aktivität des BAS erhöht.(39)(26) Die Reaktion auf immer wiederkehrende Belohnungsanreize war verstärkt, selbst wenn diese zwischenzeitlich durch aversive Reize ersetzt worden waren.(40)

4. Fight-Flight-Freeze-System (FFFS) nach neuer RST

Das FFFS korreliert dagegen mit Panik und Furcht (Bedrohung), also unkonditionierten aversiven Reizen. Primäre negative Verstärker werden von negativen Emotionen wie Entsetzen, Panik und Zorn begleitet und lösen Flucht (Flight), Starre (Freeze) oder Kampf (Fight) aus.(41)

Das FFFS ist im Vegetativen Nervensystem verankert.

Die bei AD(H)S anerkannte Therapiemethode der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (MBSR) ist vegetativ wirksam.

Der fight-flight-freeze Mechanismus (den Gray erstmals beschrieb) wird im periaquäduktalen Grau(42) des Gehirns (zentrales Höhlengrau) gesteuert. Der Steuerungsmechanismus ist bislang unbekannt.(43)

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 16:03 Uhr


35.)
Leger (2009): Emotionale Reaktionen bei Kindern mit Störung des Sozialverhaltens im Vergleich zu Erwachsenen mit antisozialem Verhalten; Dissertation. Seite 19; Die Autorin bezieht sich nur auf die alte RST, nicht auf die 2000 von Gray überarbeitete RST. - (Position im Text: 1)
39.)
Quay (1988): Attention deficit disorder and the behavioural inhibition system: the relevance of the neuropsychological theory of Jeffrey A. Gray. In: Bloomingdale, Sergeant (eds.): Attention deficit disorders: criteria, cognition, and intervention. Pergamon, New York pp 117-126, zitiert nach Leger (2009): Emotionale Reaktionen bei Kindern mit Störung des Sozialverhaltens im Vergleich zu Erwachsenen mit antisozialem Verhalten; Dissertation. Seite 20; Die Autorin scheint sich nur auf die alte RST, nicht auf die 2000 von Gray überarbeitete RST zu beziehen. - (Position im Text: 1)

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