Herzratenvariabilität (HRV) bei AD(H)S

Die Herzratenvariabilität (HRV) wird auch Herzschlagvariabilität genannt.

Das Herz reguliert durch kleine Schwankungen der Pulsfrequenz den Blutdruck. Je besser das Herz den Blutdruck durch kleine Verlängerungen oder Verkürzungen der Zeit zwischen zwei Schlägen regulieren kann, desto besser wird der Blutdruck optimal ausgeglichen. Diese Ausgleichsfähigkeit des Herzens wird als HRV gemessen.

1. Herzratenvariabilität (HRV)

Es ist gesichert, dass diese Anpassungsfähigkeit des Herzens auf kleine Blutdruckschwankungen ein hochsignifikanter Marker für Stress ist. Je höher die Herzratenvariabilität (HRV) ist, desto geringer ist der Stresslevel. Bereits vor vielen tausend Jahren wussten chinesische Ärzte, dass Patienten, deren Herz wie ein Uhrwerk in einem absolut gleichen Rhythmus schlägt, also eine sehr niedrige bis inexistente HRV haben, schwer krank sind.

Die HRV ist das Standardmessinstrument für die Aktivität des Parasympathikus, der Teil des Autonomen Nervensystems ist.(1)

Bei AD(H)S zeigt sich eine verringerte Herzratenvariabilität (HRV), was auf eine verringerte Stressregulationsfähigkeit des autonomen (vegetativen) Nervensystems hindeutet.(2)(3)(4)(5)(6)(7)(8)(9)(10)(11)

Zugleich ist der Sympathikus (hier: der Cardiac-linked sympathetic index 0V%) bei AD(H)S überaktiviert.(10) Zusammen mit einer verringerten kardialen („cardiac-linked“) parasympathischen Aktivität und der verringerten HRV stellt dies einen nichtinvasiven Marker für eine präfrontale Hypoaktivität und AD(H)S dar.(12)

Herzratenvariabilität kann anhand verschiedener Parameter gemessen werden.

1.1. rMSSD

rMSSD: Root Mean Square von sukzessiven Differenzen zwischen Inter-Beat-Intervallen

  • keine Unterschiede zwischen AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen, auch nicht wenn nach Geschlecht, Alter oder AD(H)S-Subtyp getrennt getestet(13); eine kleine Studie fand verringerte rMSSD-Werte(14)
  • niedrige Werte korrelieren mit(13)
    • Ängsten
    • oppositionellen Verhaltensweisen
    • sozialen Problemen

1.2. HFA

HFA: absolute Hochfrequenzleistung

HFA bildet den parasympathischen (= vagalen) Tonus ab.

  • Hier sind die Ergebnisse unklar.
    Eine große Studie fand keine Unterschiede zwischen AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen, auch nicht wenn nach Geschlecht, Alter oder AD(H)S-Subtyp getrennt getestet wurde(13); eine kleine Studie fand verringerte HFA-Werte(14); eine weitere Studie fand erhöhte Werte bei Jungen mit Unaufmerksamkeit und Oppositionellem Defizitverhalten (ODD)(15)
  • niedrige Werte korrelieren mit(13)
    • Ängsten
    • oppositionellen Verhaltensweisen
    • sozialen Problemen

1.3. LFA

LFA: absolute Niederfrequenzleistung

LFA bildet sowohl den sympathischen als auch den parasympathischen Ton ab, stellt in der Praxis jedoch den Sympathikotonus dar.

  • niedrige Werte korrelieren bei Jungen mit(15)
    • Unaufmerksamkeit
    • Hyperaktivität/Impulsivität
    • Oppositionellem Defizitverhalten (ODD)

1.4. LF / HF-Verhältnis

LF / HF: Verhältnis von Niederfrequenzleistung zu Hochfrequenzleistung

LF / HF-Verhältnis bedeutet Sympathovagilanz. Ein Anstieg / hohe Werte des LF / HF-Verhältnisses bedeuten eine sympathische Dominanz, eine Verringerung / niedrige Werte des LF / HF-Verhältnisses bedeuten eine parasympathische Dominanz.

  • bei ADHS sowohl bei Ruhe- als auch bei anhaltenden Aufmerksamkeitszuständen höher, insbesondere bei männlichen Kindern(13)(14)
  • niedrige Werte korrelieren bei Jungen mit(15)
    • Unaufmerksamkeit
    • Hyperaktivität/Impulsivität
    • Oppositionellem Defizitverhalten (ODD)
  • höheres LF / HF-Verhältnis während anhaltender Aufmerksamkeit korreliert mit schlechterer Aufmerksamkeitsleistung bei AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen(13)

1.5. SD

SD: Quadrat der Intervallunterschiede

  • eine kleine Studie fand verringerte SD-Werte bei AD(H)S-betroffenen Kindern(14)

1.6. TP

TP: Totale Power der HRV

  • eine kleine Studie fand verringerte TP-Werte bei AD(H)S-betroffenen Kindern(14)

Bei Kindern ist Emotionale Dysregulation mit der Herzratenvariabilität assoziiert.(16)

2. HRV-Messung durch Sporttracker

2.1. Garmin vivosmart 3 / vivosmart 4

Die HRV kann inzwischen durch eine einfache Sportuhr (Fitnesstracker) gemessen und ausgewertet werden. Die Garmin vivosmart 3 bzw. das Nachfolgemodell vivosmart 4 (Vorsicht, es gibt einige andere Modelle, die ähnlich klingen, aber keine Stressmessung haben) ist eine handelsübliche Sportuhr, die die üblichen Daten wie Herzrate, Kalorienverbrauch, Schlaf, Bewegung etc. misst. Als eher selten bei derartigen Fitnesstracker-Sportuhren anzutreffende Funktion misst diese jedoch auch die Herzratenvariabilität und verschafft hierzu ein granulares Bild des HRV-Verlaufs über den gesamten Tag. Auswertungen sind über die Garmin-App langfristig verfügbar. Die Kosten für dieses Gerät liegen bei 80 bis 140 €. Das Gerät zeigt jedoch nur einen Gesamtwert der HRV, der zudem nicht näher spezifiziert ist.

Nach diesseitiger Einschätzung sind die Auswertungen gleichwohl aussagekräftig genug um eine Analyse von Einflussparametern auf die HRV vornehmen zu können. Beispielsweise ist klar erkennbar, wenn der Schlaf z.B. durch Alkoholgenuss nicht in den Erholungsbereich gekommen ist.

Die übersichtliche Tagesauswertung ermöglicht eine simple Biofeedback-Nutzung. Es ist nachvollziehbar, welche Stressoren den HRV-Wert beeinflussen. Die Entwicklung des HRV-Werts lässt beispielsweise erkennen, ob der Schlaf eine ausreichende Erholung ermöglicht oder ob bestimmte Situationen zu besonderen Stressbelastungen führen. Beispielsweise verschlechtert Rauchen  den HRV-Wert unmittelbar.

Eine langfristige Messung über viele Monate ermöglicht Erkenntnisse, welche Umstände den Stresslevel verringern und welche ihn erhöhen.

Beispielsweise können unter geeigneten Umständen die Auswirkungen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten im HRV-Level erkannt werden. Bei einem diesseits bekannten Betroffenen ist der Stresslevel nach Konsum eines unverträglichen Nahrungsmittels für ca. 2 Tage signifikant erhöht.

2.2. Apple Watch

Die Apple Watch bietet zwar eine HRV-Messung, diese ist jedoch weit weniger detailliert als die der Garmin vivosmart 3. ZUdem ist uns keine App bekannt,d iee die Werte sinnvoll darstellt. Die Apple Watch ist nach diesseitiger Einschätzung selbst für nichtmedizinische Analysen nicht sonderlich brauchbar.

2.3. Polar H10 Brustgurt mit V800 Sportuhr

Eine genauere und auch für medizinische Analysen nutzbare (wenn auch nicht als Medizingerät hierfür zugelassene) Möglichkeit ist die Messung der Herzschläge mittels Brustgurt. Eine Kombination aus einem H10 Brustgurt und einer V800 Tracking Uhr (beides von Polar), die zusammen ca. 300 € kosten (Stand Mai 2018), ermöglichen eine Auslesung der Rohdaten der Herzschläge über 24 Stunden. Die Ergebnisse können dann durch Firmen wie z.B. Autonom Health ausgewertet werden. Eine Einzelauswertung kostet dort Stand Mai 2018 50 € und ermöglicht eine Analyse des Parasympathikus und (leicht eingeschränkt) des Sympathikus. Es werden konkrete, für den betroffenen verständliche Auswertungsanalysen geliefert.

Bislang sind keine Auswertungen oder Datenanalysen in Bezug auf AD(H)S verfügbar.

3. HRV-Beeinflussung durch Medikamente

Methylphenidat verbessert die Herzratenvariabilität und die Steuerung des autonomen Nervensystems bei AD(H)S-Betroffenen.(3)(17)

Eine Zusammenstellung des Einflusses von Medikamenten auf die Herzratenvariabilität findet sich bei www.hrv24.de,(18)(19) wobei sich die Angaben zu Methylphenidat widersprechen. Im Ergebnis dürfte Methylphenidat die HVR steigern (verbessern), wobei der Wert von Nichtbetroffenen nicht erreicht wird.

Zuletzt aktualisiert am 20.09.2019 um 20:26 Uhr


18.)