Stresstheorien und Stressphänotypen: eine mögliche Erklärung der AD(H)S-Subtypen

Wir vertreten die Hypothese, dass sich die unterschiedlichen AD(H)S-Subtypen (insbesondere die beiden Pole ADHS und Mischtyp (mit Hyperaktivität) und ADS (ohne Hyperaktivität)) als phänotypisch unterschiedliche Stressreaktionen beschreiben lassen bzw. erklären.

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1. Typische Stressreaktionsmuster bei Säugetieren und beim Menschen

Säugetiere reagieren auf Stress mit unterschiedlichen Mustern, die innerhalb einer Population zufällig verteilt sind.
Entsprechend des Fight/Flight-Stressreaktionsmodells (Fight/Flight-System, FFS) von Cannon, 1932 (später auch Gray) reagiert ein Teil der Population auf Stress tendenziell mit Aggression oder Angriff (Fight), also einer nach außen gerichteten (extrovertierten) Reaktion.
Der andere Teil der Population reagiert auf Stress eher mit Weglaufen (Flight) oder „so tun also ob man nicht da ist“ (Freeze), also mit einer nach innen gerichteten (introvertierten) Reaktion.

Eine detaillierte Darstellung des BIS/BAS/FFS-Systems findet sich unter
Neurophysiologische Korrelate von BIS/BAS.

2. Stressreaktionsmuster anhand des BIS/BAS/FFFS-Systems nach Grey

Auf Stress reagieren Säugetiere nicht einheitlich.
Nach dem fight/flight-Stressmodell (von Connor (1932) und später Gray, der es mit dem BIS/BAS-Modell kombinierte, → RST von 1990, überarbeitet 2000), gibt es 2 bis 3 Hauptgruppen von Stressreaktionen:

Der BAS-Typ reagiert auf Stress mit Angriff.
Der FFFS-Typ reagiert auf Stress mit Flucht oder totstellen.
Das BIS-System reagiert nach der überarbeiteten Reinforcement Sensitivity Theory (RST) von Gray (2000) nicht mehr auf Reize von Aussen, sondern wird lediglich aktiv, wenn das BIS und das FFFS-System beide aktiviert wurden. Das BIS-System ist für die Abwägung zwischen BAS und FFFS verantwortlich. 

Nutzen unterschiedlicher Stressphänotypen
Diese Reaktionsmodelle sind sehr tief verankert. Die Überlebenswahrscheinlichkeit einer "steinzeitlichen" Gruppe von homo sapiens war seit jeher höher, wenn die Gruppe beider Typen hatte. Die moderne Arbeitspsychologie weiß, das Gruppen mit verschiedenen Charakteren erfolgreicher sind als homogene Gruppen.
Beispiele
Ganz banal: wenn alle Mitglieder einer Gruppe Nachteulen oder Frühaufsteher wären - wie gut wäre die urzeitliche Gruppe vor Feinden geschätzt gewesen, wenn alle Gruppenmitglieder zur gleichen Zeit schlafen ?

Ebenso: mit welcher Wahrscheinlichkeit hätten wenigstens einzelne Gruppenmitglieder überlebt, wenn eine gänzlich neue Herausforderung entstand, bei der entweder bedachtes oder spontane Handeln die optimale Überlebensstrategie war ?
Mit anderen Worten: es würde dem Grundgedanken der Evolution entgegenlaufen, dass Gruppen mit homogener Charakterstruktur besser überleben als andere.

Die unterschiedlichen Stressreaktionsphänotypen sind auch bei anderen Lebewesen erkennbar, z.B. bei Guppys.(1)
In der Folge erscheint es uns schlüssig, dass die Ausprägung des einzelnen Individuums als fight- oder flight-Typus eine reine Zufallsvariable ist, die dafür gesorgt hat, dass eine Population genügend Mitglieder der beiden Typen hatte.
Nimmt man "freeze" als eigenständigen Stressreaktionsphänotyp hinzu (der immerhin das Phänomen des sluggish thinking plausibel erklären könnte), wäre es drei Stressphänotypen.

Anders herum formuliert: Gruppen, bei denen sich ein einziger Typ genetisch als dominant durchgesetzt hat, hatten weniger Überlebenswahrscheinlichkeit, so dass wir Nachkommen derjenigen sind, die diese Eigenschaft mit hoher Zufallsverteilung weitergegeben haben.
[/su_spoiler title="Ähnlich: Farmer/Hunter-Hypothese"] Im Bild der Hunter/Farmer-Hypothese werden ADHS-Subtyp-Betroffene phänotypisch als Hunter (Jäger) und ADS-Subtyp-Betroffene phänotypisch als Farmer (Sesshafte) betrachtet, wobei die AD(H)S-Symptome des jeweiligen Subtyps jeweils eine (ungesunde) Extremform der beiden Pole einnehmen. Eine Darstellung als Extrempole ist schlüssig.
Zuweilen wird aus der Hunter/Farmer Hypothese jedoch eine Idealisierung oder seltsam begründete "Überlegenheit" von AD(H)S abgeleitet - diese Sichtweise teilen wir ausdrücklich nicht. AD(H)S-Betroffene mögen anders sein als Nichtbetroffe, was in manchen Konstellationeen Nachteeile und in anderen Vorteile haben dürfte - eine Überlegenheit lässt isch hieraus jedoch nicht ableiten. Wenn man sich bewusst macht, dass die Massstäbe, was "richtig" und was "falsch", also was "krank" und was "gesund" ist, immer von der Mehrheit definiert werden und dass bei einer Besonderheit die Mehrheit per Definition von der Besonderheit nicht betroffen ist, relativiert dies die Wertung einer Bezeichnung ohnehin erheblich.

Eine diesseitige Beobachtung ist, dass berufliche / unternehmerische Selbständigkeit eine Domäne der Typ-A-Persönlichkeit und des ADHS-/Mischtyps ist. Typ-C-Persönlichkeiten und Menschen vom ADS-Subtyps sind als Selbständige nach unserem (rein subjektiven) Eindruck weniger bzw. seltener erfolgreich. Ganz besonders gilt dies für SCT-Betroffene, denen nach diesseitiger Erfahrung von einer Selbständigkeit eher abzuraten ist.
Selbständigkeit benötigt zwingend die Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen. Mögen übereilte oder gar unüberlegt-impulsive Entscheidungen für eine Selbständigkeit auch nachteilig sein, scheinen Entscheidungsschwierigkeiten gleichwohl ein noch grösserer Hemmschuh zu sein.

Umgekehrt scheinen nach unserem (rein subjektiven) Eindruck Tätigkeiten, die eine große Empathie und Geduld benötigen, wie z.B. therapeutische Berufe, eine Stärke der eher introvertierten Typen zu sein.

Eine detaillierte Darstellung des BIS/BAS/FFS-Systems findet sich unter
Neurophysiologische Korrelate von BIS/BAS.

2.1. AD(H)S-Subtypen als BIS/BAS/FFFS-Typen

Wir verstehen den ADHS-Subtyp als einen AD(H)S-Betroffenen, der auf Stress mit Aktion und extrovertiert reagiert (fight, BAS, extrovertiert), während der ADS-Subtyp eine AD(H)S-Betroffener ist, der auf Stress mit Flucht oder totstellen reagiert (flight/freeze, introvertiert). Untersuchungen bestätigen, dass die persönliche Tendenz, Stress durch externalisierende Reaktionen auszuleben mit einem hohen BAS korreliert, während die persönliche Tendenz, Stress zu internalisieren, mit hohem flight/freeze (nach Definition der „alten“ RST von Gray vor 2000: BIS) einhergeht.(2).

Etliche Jahre nach den ersten diesseitigen Überlegungen über einen Zusammenhang zwischen dem BIS/BAS-System und den AD(H)S-Subtypen begegnete uns eine Metaanalyse zu Cortisol und AD(H)S, die diesen Gedanken bereits erörtert hatte.(3)

2.1.1. ADHS/Mischtyp (mit Hyperaktivität): hohes BAS

Der ADHS-Subtyp (mit Hyperaktivität) bildet sich bei AD(H)S-Betroffenen mit dem Stressreaktionsmuster Fight (Aggression und Angriff). Der Mischtyp wäre danach eine abgeschwächte Form des ADHS-Subtyps (mit teilweise nachgeholter Gehirnentwicklung).

Symptomatisch:

  • Stress wird externalisiert, nach aussen ausgelebt
  • häufiger aggressives Verhalten
  • häufiger impulsives Verhalten
  • häufiger motorische Hyperaktivität
  • mehr Konflikte mit Gleichaltrigen
  • Aufmerksamkeitsproblem: leicht ablenkbar

Für die Beschreibung des Mischtyps als Vewandter des ADHS-Subtyp spricht, dass bei beiden die Cortisolwerte auf akute Stressoren abfallen und deutlich unterhalb der Werte von Nichtbetroffenen bleiben, während beim ADS-Subtyp der Cortisolantwort auf akute Stressoren über das Mass von Nichtbetroffenen hinaus ansteigt.
Die HPA-Achse / Stressregulationsachse

2.1.2. ADS-Subtyp (ohne Hyperaktivität): hohes FFFS

Der ADS-Subtyp (ohne Hyperaktivität) bildet sich bei AD(H)S-Betroffenen mit tendenziell hohem FFFS (nach alter RST: BIS) und dem Stressreaktionsmuster Flight (Flucht oder Totstellen, wobei Totstellen wohl lediglich die Vorstufe zu einer Flucht bei Entdeckung sein dürfte; Totstellen ist mit sehr hoher innerer Anspannung versehen).

Symptomatisch:

  • Stress wird internalisiert, nach innen ausgelebt
  • weniger aggressives Verhalten
  • weniger impulsives Verhalten
  • erheblich weniger Konflikte mit Gleichaltrigen
  • Aufmerksamkeitsproblem: leicht gelangweilt

Der innere Druck (oder Stress), der die Reaktionen auslöst, ist bei beiden Typen der selbe. Die unterschiedliche Umgangsweise mit dem inneren Druck führt jedoch zu unterschiedlichen Symptomen.

Die unterschiedlichen Symptome von ADHS und ADS beruhen nach diesseitiger Auffassung grundsätzlich in der Methode der Stressbewältigung der Betroffenen.

2.1.3. SCT / Sluggish: Dysfunktionales FFFS ?

Die neue RST könnte nach diesseitiger Auffassung den ADS-Subtyp „Sluggish“ als ein (durch besonders hohe Noradrenalin- und Dopaminspiegel(4) ?) „abgeschaltetes“ BIS erklären, das dadurch in seiner Entscheidungsfindung besonders stark gehemmt ist. Dies könnte erklären, warum SCT-Betroffene eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz aufweisen können, und dennoch in ihrer Entscheidungsfindung massiv beeinträchtigt sind.

Nach diesseitiger Hypothese wird bei SCT das BIS-System, das (nach der neuen RST) vor allem abwägende Aufgaben bei gleichzeitig aktiviertem BAS und FFS hat, durch einen zu hohen Noradrenalin- und Dopaminspiegel (die den PFC deaktivieren) mit ausgeschaltet.

3. Stressreaktionmuster erklären AD(H)S-Subtypen

Für Charaktertraits wie Extraversion / Introversion / Neurotizismus / Schadensvermeidung sowie Persönlichkeitszüge wie affektive Labilität oder soziale Vermeidung haben Familien- und Zwillingsstudien hereditäre (erbliche) Ursachen belegt.(5)

Vergleichbar beschreiben Huber(6) und Trappmann-Korr(7) einen Zusammenhang zwischen AD(H)S-Subtypen und persönlichen Charaktereigenschaften der Betroffenen.

Diamond(8) beschreibt den Sluggish-Subtyp als Unterfall von ADS, was im Rahmen unserer Unterscheidungsmatrix nach Stressreaktionstypen plausibel erscheint.

Diesseits wird davon ausgegangen, dass die klassischen AD(H)S-Subtypenpole ADHS (mit Hyperaktivität) und ADS (ohne Hyperaktivität) unterschiedliche Stressphänotypen darstellen, die auf ein und die selbe Ursache (AD(H)S unterschiedliche Stresssreaktionsmuster zeigen. ADHS reagiert Stress eher externalisierend aus, ADS frisst Stress eher internalisierend in sich hinein.

Mehr hierzu unter Die Subtypen von AD(H)S: ADHS, ADS, SCT und andere

Hinweis:
Das BIS / BAS System von Gray, das FFFS-System nach Connor und Gray und die Unterscheidung der Subtypen ADHS und ADS sind anerkannte Standardmodelle. Die Erklärung der Subtypen ADHS und ADS als Stressphänotypen ist eine von uns entwickelte Hypothese.

4. Stressreaktionsmuster bei gesunden Menschen

Auch bei gesunden Menschen bestehen typische Unterschiede in der Cortisolantwort auf Stress dahingehend, dass eine Gruppe mit erhöhter Cortisolantwort und eine Gruppe mit abgeflachter Cortisolantwort reagiert, wobei dies unabhängig von der Art des Stressors ist. Quellen hierzu unter 4.4.

Diese Stressphänotypik entscheidet nach diesseitiger Auffassung, welchen AD(H)S-Subtyp ein AD(H)S-Betroffener entwickelt. Die auf gesunde Menschen abstellende Stressphänotypik verwendet letztendlich anstelle der bei AD(H)S-Betroffenen gebräuchlichen AD(H)S-Subtypen lediglich andere Begriffe.

4.1. Persönlichkeitstypen

4.1.1. Typ-A-Persönlichkeit

4.1.1.1. Persönlichkeitstraits der Typ-A-Persönlichkeit

Bei der Typ-A-Persönlichkeit tritt häufiger auf:

  • männlich(9)(10)
  • Ärger (was mit Bluthochdruck korreliert)(9)(10)(11)
  • Feindseligkeit(9)(10)(12)(13)
  • Misstrauen(9)(10)
  • stärkere Ausprägung von Konkurrenzdenken und Kampf gegen bestehende oder vermeintliche Hindernisse, Wettbewerbsstreben.(9)(10)(11)
  • Stressreaktion beruht verstärkt auf dem Sympathikus.(9)(10)
  • intensiver und dauerhafter Antrieb(11)
  • Ungeduld(11)
  • Ruhelosigkeit(11)
  • Ehrgeiz(11)
  • häufigere Verletzungen(14)
  • Hyperaktive Tendenzen(15)
  • Tendenz, einen Satz im Gespräch zu unterbrechen oder zu beenden(16)
  • Tendenzen zu Impulsivität(16)
  • Tendenzen zu andauernder Wachsamkeit(16)
  • Unbefriedigende zwischenmenschliche Beziehungen aufgrund
    • häufigerer Egozentrik
    • schlechtem zuhören
    • Annahme eigener Überlegenheit
    • viel leichteren Ärgers, Frustration oder Feindseligkeit, wenn ihre Wünsche nicht respektiert werden oder sie ihre Ziele nicht erreichen(17)
  • Bei der Typ-A-Persönlichkeit häufiger auftretende Anomalien des Fettstoffwechsels (Hypertriglyceridämie) können durch ACTH-Gabe, nicht aber durch Cortisol-Gabe beseitigt werden.(18)
    Die beschriebene ACTH-Wirkung deckt sich mit dem diesseitigen Verständnis einer Unterreaktivität der HPA-Achse beim Typ-A.
  • Typ A zeigt mehrheitlich eine erhöhte Insulinantwort auf Glukose (Hyperinsulinemie)(18), die zwar nicht durch die Hypertriglyceridemie verursacht wird, aber mit ihr in Zusammenhang stehen könnte.
  • Es wird vermutet, dass die Stressantwort beim Typ A vornehmlich durch CRH im Gehirn (ZNS) vermittelt wird.(19).
    Dies könnte auf eine eine Hypophysenschwäche (und in der Folge einer schwachen Nebennierenreaktion) bei Typ A und ADHS hindeuten, die möglicherweise aufgrund einer Downregulation der CRH-Rezeptoren in der Hypophyse aufgrund langanhaltender stressbedingter CRH-Ausschüttung erfolgt ist. Dagegen spricht allerdings, dass (allerdings: bei gesunden Typ A-Menschen) auch auf ACTH-Gabe eine abgeflachte Cortisolstressantwort erfolgt (siehe 4.1.1.2.).
  • Je geringer die sozialen Kontakte und soziale Unterstützung, desto höher sind der Ruhepuls und der (basale = stressorunabhängige) Urin-Adrenalinspiegel beim Typ A.(20)

Eine Untersuchung an 58 Sportstudenten fand keine signifikanten Traits bei Typ A Persönlichkeiten.(21) Dies könnte möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass Sporttraining die Stressresistenz erhöht und daher Unterschiede nivelliert.

4.1.1.2. abgeflachte Cortisolstressantwort der Typ A-Persönlichkeit

Eine abgeflachte Cortisolstressantwort ist nach diesseitiger Überzeugung ein phänotypischer Biomarker der Typ-A-Persönlichkeit.

  • Typ A korreliert mit einer abgeflachten Cortisolstressantwort.(22)
  • Typ A reagiert auf ACTH-Injektion mit einer abgeflachten Cortisolantwort. 40 % zeigten überhaupt keine oder eine erniedrigte Cortisolantwort.(23)
  • Der basale ACTH-Wert ist bei gesunden Typ-A-Persönlichkeiten gegenüber gesunden Typ-B-Persönlichkeiten erhöht.(24)
  • Ebenso ist die ACTH-Aufwachreaktion erhöht(23)

Die erhöhten basalen ACTH-Werte könnten mit der abgeflachten Cortisolantwort so in Verbindung stehen, dass die dauerhafte ACTH-Erhöhung eine Downregulation der ACTH-Rezeptoren bewirkt hat, weshalb die Cortisolantwort verringert ist.(23)

  • Das Wachstumshormon ist basal verringert(23)
  • Die Wachstumshormon-Antwort auf eine Infusion von Vasopressin ist verringert(23)
  • Eine Infusion von menschlichem Wachstumshormon verringert den Serumcholesterinwert.(23) Hypercholesterolinämie wird durch Veränderungen im Hypothalamus induziert.
4.1.1.3. ADHS-/Mischtyp als Typ-A-Persönlichkeit
  • Die typischen Eigenschaften der Typ-A-Persönlichkeit decken sich mit denen des ADHS-/Mischtyps
  • ADHS-Betroffene (Hyperaktiv, Typ-A-Persönlichkeit, active-coping), reagieren auf einen Stressor mit einer gegenüber Nichtbetroffenen abgeflachten Cortisolantwort (Die HPA-Achse / Stressregulationsachse) und einer verringerten Adrenalin/Noradrenalinantwort (Das vegetative Nervensystem)

4.1.2. Typ-B-Persönlichkeit: die Ausgeglichenen

  • Die Typ-B-Persönlichkeit sei weniger stressgefährdet und habe ein ausgeglichenes Sympathikus/Parasympathikus-Verhältnis.(9)

4.1.3. Typ C-Persönlichkeit

4.1.3.1. Persönlichkeitstraits der Typ-C-Persönlichkeit

Bei der Typ-C-Persönlichkeit tritt häufiger auf:

  • Unsicherheit und Ängstlichkeit sind prägende Eigenschaften der Typ-C-Persönlichkeit zugeschrieben.(12)
  • Ein höheres Schamgefühl und eine geringere Körperwahrnehmung korrelieren mit einer höheren Cortisolstressantwort.(25)
  • Die Typ-C-Persönlichkeit wird als etwas ängstlicher beschrieben.(9) Die dort erwähnte Zuschreibung von Aggressivität wird diesseits nicht geteilt.
4.1.3.2. überhöhte Cortisolstressantwort bei Typ C-Persönlichkeit
  • Typ C reagiert auf ACTH-Gabe mit einer überhöhten Cortisolantwort.(23) Friedman stellte dem Typ A nur den Typ B gegenüber, was von der diesseits verwendeten 3-stufigen Unterscheidung (A und C als gegenpolige Extreme, B als ausgeglichene Mitte) abweicht.
  • Auch wenn es keine Veröffentlichungen gibt, die bei der Typ-C-Persönlichkeit unmittelbar eine ausgeprägte Cortisolstressantwort gemessen haben, besteht diesseits dennoch wenig Zweifel daran, dass eine überhöhte  Cortisolantwort ein phänotypischer Biomarker der Typ-C-Persönlichkeit darstellt.
  • Daneben wird vermutet, das die Stressreaktion hier vornehmlich durch Vasopressin vermittelt wird.(26)
  • Nachdem Probanden mehrfach hintereinander den TSST absolvierten, zeigte nur noch ein Drittel eine erhöhte Cortisolstressantwort (Gewöhnungseffekt). Dieses Drittel mit erhöhtem Cortisolspiegel waren in Persönlichkeitsfragebögen selbstunsicherer, weniger extrovertiert und tendentiell neurotischer.(27)
4.1.3.3. ADS und SCT als Typ-C-Persönlichkeit
  • ADS-Betroffene (Unaufmerksam ohne Hyperaktivität, Typ-C-Persönlichkeit, passive-coping-Typus) reagieren mit einer im Vergleich zu Nichtbetroffenen erhöhten Cortisolantwort (Die HPA-Achse / Stressregulationsachse) und erhöhten Adrenalin/Noradrenalinantwort (Das vegetative Nervensystem).
  • ADS-Betroffene haben aufgrund der hohen endokrinen Stressantwort, die durch eine hohe noradrenerge Reaktion eingeleitet wird, häufiger eine Abschaltung des PFC durch hohe Noradrenalinspiegel. Da der PFC (neben dem Hippocampus) in der Lage ist, die Cortisolausschüttung zu kontrollieren(28), führt eine Blockade des PFC zu einer unkontrollierten Cortisolstressantwort.

4.2. Cortisolstressantworten und Persönlichkeitseigenschaften bei gesunden Menschen

Zunächst ist zu beachten, dass hohe oder niedrige Cortisolantworten bereits mit dem Geschlecht und mit allgemeinen  Persönlichkeitstraits korrelieren. Erheblich prägender ist aber die Korrelation von Cortisolantwort und der Ausrichtung der Stressphänotypik.

4.2.1. Persönlichkeitseigenschaften bei hoher Cortisolstressantwort

Die Persönlichkeitstraits

sind mit hohen Cortisolantworten auf akute Stressoren verbunden.

4.2.2. Persönlichkeitseigenschaften bei niedriger Cortisolstressantwort

Mit abgeflachter Cortisolantwort korrelieren

  • eine stark externalisierende Stresssymptomatik(34) bei zugleich niedrigerer Angstsymptomatik(35)
  • externalisierende Komorbiditäten(36)
  • Persönlichkeitstraits, die allgemein mit Psychopathie in Verbindung gebracht werden(32) wie z.B. verringerte Ängstlichkeit(37)
  • Aggressionen(38)(39)(40)(41)
  • gleichgültige / abgeschwächte Emotionen (Callous-unemotional Traits: mangelnde Empathie, oberflächlicher Affekt)(42)(43)(44)
  • Unempfindlichkeit gegenüber Strafen(37)
  • höhere kognitive/logische Intelligenz(45)
  • höhere Extraversion(46), während eine andere Studie eine abgeflachte Cortisolstressaantwort bei niedrigere Extraversion bei Männern fand(32)
  • hoher Neurotizismus.(47)(33)(48) Eine weitere Untersuchung fand dies lediglich bei Frauen.(32). Neurotizismus wurde in einer anderen Untersuchung mit einem hohen Cortisolmorgenspiegel in Verbindung gebracht.(49)
    Die abgeflachte Cortisolstressantwort bei Neurotizismus wird durch eine Veröffentlichung damit erklärt, dass Personen mit höherem Neurotizismus ein höheres Maß an chronischem Stress erfahren würden, wobei eine chronische lang anhaltende Stresserfahrung zu einer Downregulation sowohl des autonomen Nervensystems als auch der HPA-Achse führt.(50) Richtig ist, dass chronischer Stress Downregulationen auslösen kann.(48)(51)(52) Es dürfte allerdings zu bezweifeln sein, dass die Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus alleine bereits derart hohen und chronischen Stress auslöst.
  • höheres Novelty Seeking(53)(54)
  • höhere Angst bei gesunden Menschen wurde in einer Studie mit kleiner Probandenzahl überraschend mit niedrigen Cortisol-, ACTH-, Adrenalin-, Noradrenalin- und Prolaktinwerten während psychosozialen Stresses in Verbindung gebracht.(55)

Mehr zu typischen Charaktertraits in Abhängigkeit zu überhöhter oder abgeflachter Cortisolstressantwort unter ⇒ Stressreaktionsphänotypen bei Menschen.

Grundsätzlich zeigen gesunde Männer eine höhere Cortisolantwort auf Stressoren wie den TSST als gesunde Frauen. Gesunde mit einer größeren sozialen Affinität haben verringerte Cortisolantworten auf den TSST. Als Ursache wird eine höhere Stressresilienz bei sozialer Affinität angenommen.(31)

Eine Untersuchung an 120 gesunden Probanden fand unterschiedliche Cortisolstressantworten bei gesunden erwachsenen Männern.(56)

Ein Teil der Probanden reagierte auf Stress mit einer Cortisolerhöhung, der andere Teil mit einer Cortisolabsenkung (abgeflachte Cortisolstressantwort).

Zum gleichen Ergebnis kommt eine weitere Studie.(57)

Zweitklässler zeigten an Prüfungstagen einen erhöhten Cortisolspiegel und gleichzeitig einen verringerten Adrenalin- und Noradrenalinspiegel. Die individuellen Unterschiede in den ausgeschiedenen Hormonen standen in signifikantem Zusammenhang mit Persönlichkeitsvariablen, die im Klassenzimmer beobachtet wurden, sowie mit den Auswirkungen von akademischem Stress:(58)

  • Soziales Annäherungsverhalten korrelierte mit höheren Cortisol- und Adrenalinspiegeln
  • Zappeligkeit korrelierte mit niedrigem Adrenalinspiegel.
  • Aggressivität korrelierte mit hohen Noradrenalinspiegeln.
  • Unaufmerksamkeit korrelierte mit niedrigen Noradrenalinspiegeln.

Novelty-Seeking korreliert bei gesunden Erwachsenen mit niedrigen basalen Cortisolwerten und Cortisolstressantworten auf den Dexamethason/CRH-Test und den TSST, niedriges Novelty-Seeking korreliert mit hohen Werten. Zu ACTH besteht keine Korrelation.(59) Risikoscheu (harm avoidance) und Belohnungsabhängigkeit korrelierten dagegen nicht mit Cortisolwerten bei gesunden Erwachsenen,(60) jedoch mit internalisierenden Symptomen(54) wie sie für ADS typisch sind.

Eine weitere Studie an 79 gesunden Frauen zeigte ebenso eine Verteilung in drei Gruppen mit niedriger, moderater und hoher Cortisolstressantwort, auch bei verlängerter Stressverursachung. Die niedrigeren und die höheren Cortisolstressantworten waren mit unausgeglicheneren und negativeren Affekten wie Traurigkeit und erhöhter innerer Anspannung korreliert.(61)

Bei den untersuchten gesunden Frauen korrelierte eine verringerte Cortisolstressantwort mit Feindseligkeit und negativen Affekten, eine erhöhte Cortisolstressantwort mit erhöhter Traurigkeit und innerer Anspannung.(61)

Letzteres entspricht vollständig dem diesseits postulierten Bild der Stressphänotypen:
Erhöhte ebenso wie abgeflachte Cortisolstressantworten sind

  • ein Zeichen für ein Ungleichgewicht der Stresssysteme und
  • mit unterschiedlichen Stressphänotypen korreliert:
    • der externalisierende Stressphänotyp mit abgeflachter Cortisolstressantwort (ADHS, atypische Depression, bipolar, Aggressionsstörungen) tendiert zu mehr Feindseligkeit und negativen Affekten
    • der internalisierende Stressphänotyp mit einer überhöhten Cortisolstressantwort (ADS, melancholische / psychotische Depression) zeigt mehr Traurigkeit und innere Anspannung

Dies bedeutet nach diesseitigem Verständnis weiter, dass die unterschiedlichen Cortisolstressantworten bei ADS und SCT (erhöhte Cortisolstressantwort) und ADHS (abgeflachte Cortisolstressantwort) zunächst einmal Muster eines Stressphänotyps sind und noch nicht zwingend Ausdruck einer pathologischen Schieflage des Cortisolsystems bzw. der HPA-Achse.
Wir vermuten, dass die eine intensivere Schieflage der Stresssysteme mit intensiverer Erhöhung oder Abflachung der Cortisolstressantworten einhergeht und mit verstärkter Wahrscheinlichkeit psychischer Störungen korreliert. Leider gibt es hierzu noch keine Untersuchungen.

Hierzu passt weiter, dass bei Depression das Ergebnis des Dexamethason-/CRH-Tests, der die Cortisolstressantwort misst, einerseits Indikator für das Vorliegen einer Depression ist, sowie andererseits, nachdem die depressiven Symptome abgeklungen sind, Indikator für die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Dies könnte so interpretiert werden, dass die Cortisolstressantwort Indikator einer Krankheitsvulnerabilität ist und nicht exklusiver Indikator der Störung selbst.

Hierzu könnte passen, dass eine Metauntersuchung von 49 Studien nur in etwa 1/4 der Studien eine Korrelation des Cortisol- und ACTH-Stressantwort mit dem subjektiven Stressempfinden feststellte, bei 2/3 eine Korrelation von Cortisol- oder ACTH-Stressantwort. Die Korrelation zwischen der Stressantwort von Cortison (wie auch ACTH) und dem subjektiven Stressempfinden war mit 0,3 bis 0,5 eher schwach.(62)

Bei Tieren wurden ebenfalls Stressphänotypen festgestellt. Tiere mit aktiver Reaktion auf Umweltbedrohungen weisen niedrigere CRH- und Cortisolstressantworten auf als Tiere mit passiver Reaktion.(63) Andererseits zeigen Mäuse mit CRH-Überexpression im gesamten zentralen Nervensystem, jedoch nicht bei CRH-Überexpression in bestimmten Vorderhirnregionen eine erhöhtes aktives Stresscoping.(64)

4.2.3. Cortisolstressantworten, basale Cortisolspiegel und Persönlichkeitseigenschaften

Eine Studie untersuchte an gesunden Langzeitarbeitslosen die Korrelation von Persönlichkeitseigenschaften mit niedriger/hoher Cortisolstressantwort und niedrigem/hohem basalen Cortisolspiegel.(22) Mit den verschiedenen Gruppen korrelierten folgende Persönlichkeitseigenschaften:

4.2.3.1. niedrige Cortisolstressantwort
4.2.3.1.1. niedriger basaler Cortisolspiegel

signifikant erhöht waren

  • somatische Angst
  • Muskelspannung
  • Reizbarkeit (Irritability)
  • Depressionen (nach dem Beckschen Depressionsinventar)

signifikant verringert war

  • die wahrgenommene Kontrolle (Mastery)
4.2.3.1.2. hoher basaler Cortisolspiegel
  • Typ-A-Verhalten erhöht
  • Monotonievermeidung erhöht
  • wahrgenommene Kontrolle (Mastery) höher
  • Depressionen verringert
4.2.3.3. hohe Cortisolstressantwort
4.2.3.3.1. niedriger basaler Cortisolspiegel
  • hohe Depressionen
  • geringe wahrgenommene Kontrolle (Mastery)
  •  
4.2.3.3.2. niedriger basaler Cortisolspiegel
  • Typ-A-Verhalten am geringsten

Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Cortisolstressantwort einen deutlich größeren Einfluss auf die Persönlichkeitseigenschaften hat als der basale Cortisolspiegel.

4.3. Stressphänotypik als affektiver Stil

Wir vermuten, dass das, was wir als Stressphänotypik bezeichnen, von anderen als affektiver Stil bezeichnet wird.

Nach Davidson(65) werden affektive Stile unter anderem durch die Gehirnregionen

  • DLPFC
  • ventromedialer PFC (vmPFC)
  • orbitofrontaler Cortex (OFC)
  • Amygdala
  • Hippocampus
  • Anterior cingulater cortex (ACC)
  • Inselcortex

reguliert.

5. Stressphänotypen bei anderen psychischen Störungen

Bei der Depression ist ebenfalls eine unterschiedliche Symptomatik ja nach Cortisolantwort auf einen akuten Stressor bekannt.

5.1. Depression

5.2. Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)

  • Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung wird von phänotypisch unterschiedlichen Stressreaktionen auf ein und die selbe Traumatisierung berichtet.(67)

Mehr zu den unterschiedlichen Cortisolstressantworten bei ADHS und ADS:
⇒ Cortisol und andere Stresshormone bei AD(H)S.
Mehr zu den Cortisolstressantworten bei verschiedenen weiteren psychischen Störungen:
⇒ Cortisol bei anderen Störungsbildern.
Eine psychische Störung mit einer typischerweise normalen, moderaten Cortisolstressantwort ist und noch nicht begegnet. Allerdings hat nicht jeder Betroffene eine erhöhte oder erniedrigte Stressantwort. Bei ADHS oder atypischer Depression tritt eine normale Cortisolstressantwort beispielsweise häufiger auf, auch wenn bei beiden die abgeflachte Cortisolstressantwort der Normalfall ist.    

Mehr zu den Subtypen bei AD(H)S:
⇒ Die Subtypen von AD(H)S: ADHS, ADS, SCT und andere

6. Temperament und Charakter als Symptomprädikatoren

Eine interessante Studie zur Prognose von Symptomschwere anhand von KI / Machine Learnin kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Ergebnisse des „Temperament and Character Inventory Scale“ (TCI) einen besonders hohen Einfluss haben auf die Prognose der Symptomvarianz von(68)

  • Stimmung
  • Ängstlichkeit
  • Anhedonie

 

 

Zuletzt aktualisiert am 24.10.2019 um 14:55 Uhr


19.)
Bohus, Kohlhaas (1993): Stress and the cardiovascular system: central and peripheral physiologic mechanisms. In: Stanford, Salmon (1993): Stress. From Synapse to Syndrome, Academic Press, S. 75 – 117, zitiert nach Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Mensch im Stress; Psyche, Körper Moleküle; Elsevier (jetzt Springer), Seite 309, 310 - (Position im Text: 1)
26.)
Bohus, Kohlhaas (1993): Stress and the cardiovascular system: central and peripheral physiologic mechanisms. In: Stanford, Salmon (1993): Stress. From Synopse to syndrome, Academic Press, S. 75 – 117, zitiert nach Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Mensch im Stress; Psyche, Körper Moleküle; Elsevier (jetzt Springer), Seite 309, 310 - (Position im Text: 1)

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