Neurofeedback als AD(H)S-Therapie

Neurofeedback ist eine wissenschaftlich anerkannte Behandlungstechnik, die dem Patienten ein unmittelbares Feedback rückmeldet, während er versucht, die mittels Elektroden gemessenen elektrischen Aktivitäten des Gehirns zu verändern.

AD(H)S ist eines der Hauptanwendungsgebiete von Neurofeedback(1), neben Ticstörungen, Migräne, Tinnitus, Depressionen und Autismus.(2)

Neurofeedback ist bei AD(H)S so wirksam in der Symptomverbesserung wie kognitive Verhaltenstherapie (Wirksamkeit verschiedener Behandlungsformen von AD(H)S) und führt zu dauerhaften Effekten (siehe unten unter 8.3). Aufgrund der dauerhaften Wirkung kann man von einer Heilungswirkung durch Neurofeedback sprechen. Diese Heilungswirkung ist jedoch aufgrund der begrenzten Symptomverbesseurng und da nicht alle Betroffene gleichermassen ansprechen nur selten vollständig. Neurofeedback dürfte vor allem als ergänzende Therapie zur Medikamentieruzng sinnvoll sein.

Neurofeedback wirkt, indem die Selbststeuerbarkeit der eigenen Gehirnaktivitäten verbessert wird (siehe unten 3.3.)
In der Behandlung lernt der Patient seine Gehirnfrequenzen zu beeinflussen, während diese gemessen und ihm als unmittelbares Feedback sichtbar gemacht werden (z.B. Farben; Balkenanzeigen; Flugzeug, das höher oder niedriger fliegt; Film, der je nach erreichten Messwerten läuft oder stoppt).

Die Behandlung ist bei AD(H)S unter anderem deshalb vorteilhaft, weil Ergebnisse ohne Zeitverzug rückgemeldet werden, so dass das Phänomen der bei AD(H)S besonders stark verringerten Lernfähigkeit bei Belohnungen/Strafen, die zeitlich von der Handlung getrennt sind, nicht zum tragen kommt.

Neurologisch verwendet Neurofeedback verschiedene Messwerte.

  1. EEG-Frequenzbänder
    EEG-Frequenzen werden durch den Thalamus gesteuert, dessen Funktion bei AD(H)S signifikante Abweichungen aufweist.(3)
  2. SCP – langsame kortikale Potenziale
    SCP-Training langsamer kortikaler Potentiale zielt auf phasische Aspekte kortikaler Exzitabilität. Patienten trainieren dabei Potenzialverschiebungen in positiver Richtung («Positivierung»; Abnahme der Exzitabilität) oder negativer Richtung («Negativierung»; Zunahme der Exzitabilität)“.(4)
  3. QEEG – Quantitative EEGEEG mit räumlicher Zuordnung zu bestimmten Gehirnarealen(5)

In der Praxis werden meist Frequenzbänder ohne räumliche Zuordnung oder SCP verwendet, da die Messung von Gehirnaktivitäten in bestimmten Gehirnarealen technisch sehr aufwändig ist.
Für ein allgemeines EEG-Frequenzbandtraining genügt ein 1-Kanal EEG-Messgerät. Für eine räumliche Auflösung von Gehirnaktivitäten auf einzelne Gehirnareale wird eine Vielzahl von EEG-Kanälen (in der Regel 19) benötigt. Die entsprechenden Geräte sind erheblich teurer, die Bedienung komplexer.
qEEG werden als Biomarker zur Diagnostik verschiedener psychischer Störungen untersucht.(6)

1. Neurofeedback-Frequenzbandtrainung

1.1. Gehirnfrequenzen und ihre Funktion

Das Gehirn kommuniziert mittels Neuronengruppen, die in einem synchronisierten Rhythmus senden und pausieren. Die unterschiedlichen Frequenzen der Rhythmen korrelieren mit spezifische Bewusstseinszuständen und lassen sich in EEG-Frequenzbändern messen.

1.1.1 Die EEG-Gehirnfrequenzen

1.1.1.1. Delta
  • Delta – 0,4 bis 3/3,5 Hz – ruhiger, traumloser Tiefschlaf, Trance, Bewusstlosigkeit; im Kleinkind- und Säuglingsalter auch bei Wachheit
1.1.1.2. Theta
  • Theta – 4 bis 6,5/7 Hz – Dösigkeit und leichter Schlaf, Wachträumen, Hypnose.
    Starkes Vorkommen im Kleinkind- und Säuglingsalter, wird mit zunehmendem Alter / zunehmender Hirnreifung schwächer (Frequenzen steigen an).

Wenn nun aber
– Theta bei kleinen Kindern höher ist und natürlich mit dem Alter abnimmt und
– bei AD(H)S eine verzögerte Gehirnreifung vorliegt (und zwar im selben Maße wie sie auch bei Hochbegabung typisch ist – beide Gruppen holen ihre Gehirnreifung bis zum Alter von etwa 12 Jahren auf)
ist es nicht verwunderlich, dass Kinder unter 12 Jahren mit AD(H)S im Vergleich zu Nichtbetroffenen (und nicht Hochbegabten) eine erhöhte Thetaaktivität aufweisen, sondern geradezu erwartungsgemäß.

Man könnte formulieren, dass ein Theta-Beta-Training bei jüngeren Kindern die Hirnreifung beschleunigt.

Theta tritt in verschiedenen Formen auf.

    • kortikaler Theta-Rhythmus(7)
      Bei Säuglingen und Kleinkindern auch im Wachzustand
      bei Jugendlichen und Erwachsenen: bei Schläfrigkeit, im Übergang vom Wach- in den Schlafzustand, im Schlaf, ansonsten bei Hirnpathologien
    • Hippocampus-Thetarhythmus / frontal-midline theta(7)
      Abnahme in der Nähe des Kopfscheitelpunktes (Cz)
      Steht in Verbindung mit
      • dem anterioren cingulären Cortex (hier zeitgleich erhöhter Glukosestoffwechsel)
      • Thetarhythmus in Hippocampus, parahippocampalen Kortex, anterioren cingulären Cortex, Mammilarkörpern des Hypothalamus, medialer dorsaler Kern des Thalamus.
      • Papez-Kreislauf, der wohl weniger der Emotionskontrolle dient, sondern mehr Gedächtnisrelevanz hat
    • dysfunktionales front-midline-theta (FMT) im Bereich 5,5-8 Hz(8)
      Mehr hierzu unter AD(H)S-Subtypen nach EEG
1.1.1.3. Alpha
  • Alpha – 7/8 bis 12/13 Hz – wache Entspanntheit, nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, geschlossene Augen. Gesunder physiologischer Grundrhythmus des ruhenden Gehirns. Stärkste Ausprägung wandert von der Kopfmitte (bei Kindern) Richtung Hinterkopf (Pubertät). Tritt vorwiegend bei geschlossenen Augen auf und wird beim öffnen der Augen oder bei nachdenken wie z.B. Kopfrechnen mit geschlossenen Augen durch Betawellen ersetzt.
    Ausgeprägte Alpha-Wellen erhöhen die Kreativität und verringern das Depressionsrisiko.(9)
  • Alpha (und Beta) dienen (zumindest für optische Reize) zur Top-Down Informationsvermittlung von höher entwickelten zu niedriger entwickelten Gehirnbereichen.(10)
  • Methylphenidat und Amphetaminmedikamente erhöhen die Power von Alpha im EEG (bei Ratten), während Atomoxetin und Guanfacin dies nicht tun.(11)
1.1.1.4. SMR / Low Beta
  • SMR (Low Beta) – 12 bis 15 Hz – ruhige Konzentration, entspannte/ungerichtete nach außen gerichtete Aufmerksamkeit.
    SMR wird auch als Alpha von 9 bis 13 Hz beschrieben, abgeleitet über C3 und C4.(12)
    Migräne hat oft das Bild eines niedrigen SMR und eines überhöhten Betas, oft tritt zusätzlich ein recht hohes Theta auf.
    Migräne: SMR hochzutrainieren ist eine typische und hilfreiche Migräne-Behandlung.
    Viele Hausärzte verschreiben NFB bei Migräne. Wenn auch das nicht hilft, bleiben oft nur Betablocker (die nicht Betawellen im Gehirn, sondern Betarezeptoren im Herzen blockieren), was allerdings letzte Wahl sein sollte.
1.1.1.5. Beta
  • Beta – 15 bis 21 Hz – aktive Aufmerksamkeit
    Eine Überaktivierung im Beta-Bereich soll bei AD(H)S oft mit einer Unteraktivierung in anderen Gehirnbereichen, meist im frontostriatalen Loop, einhergehen.(13) Dies dürfte dem Mechanismus entsprechen, dass ein überaktivierter PFC (hoher Dopaminspiegel) das Striatum deaktiviert (niedriger Dopaminspiegel).
    Unaufmerksamkeit korreliert mit niedrigen Beta- (12 – 30 Hz) und niedrigen Gammawerten (30 – 50 Hz).(14) Diesseits wird vermutet, dass hier die ADS-typische Unaufmerksamkeit aus Langeweile gemeint ist, die ihre Ursache in einem unteraktivierten PFC hat, nicht die ADHS-typische Unaufmerksamkeit aufgrund Ablenkbarkeit, die ihre Ursache in einem überaktivierten PFC hat.
    Bei vielen Erwachsenen mit Schlafstörungen ist Beta im Ruhezustand überhöht, steigt also beim Versuch zu entspannen anstatt zu sinken; häufig auch bei Depression.

In einem berichteten Fall eines Kindheitstraumas wurden die Monster der Betroffenen in Schach gehalten, indem Schlaf vermieden wurde; es bestand ein extrem niedriges Theta, und ein allgemein erhöhtes Beta, das bei Entspannungsversuchen noch weiter anstieg.(15)

Migräne hat ähnliches Bild (eines überhöhten Betas), oft zusätzlich recht hohes Theta und niedriges SMR.

Das bei AD(H)S bei Entspannung ansteigende Beta ist nach diesseitiger Ansicht eine schlüssige Begründung, warum für AD(H)S-Betroffene Meditation so aversiv ist. Ebenso erklärt es das Gedankenkreisen beim schlafen gehen (zusammen mit der Tatsache, dass Denken Dopamin freisetzt – Denken kann so gesehen eine Sucht sein, um den Dopaminbedarf zu stillen). Beides führt in einen sich selbst verstärkenden Kreislauf und letzten Endes in eine Dauererschöpfung bis hin zur Erholungsunfähigkeit.

  • Beta (und Alpha) dienen (zumindest für optische Reize) zur Top-Down Informationsvermittlung höher entwickelten zu niedriger entwickelten Gehirnbereichen.(10)
1.1.1.6. High Beta
  • High Beta – 21 bis 35/38 Hz – Hektik, Stress, Angst, Überaktivierung.
    Wenn zu hoch: Gedankenkreisen, den Kopf nicht still bekommen können
1.1.1.7. Gamma
  • Gamma – 35/38 bis 45/70 Hz – gespannte Aufmerksamkeit, starke Konzentration und Informationsverarbeitung
  • Gamma (um 60 Hz) dient (zumindest für optische Reize) zur Bottom-Up Informationsvermittlung von niedriger entwickelten zu höher entwickelten Gehirnbereichen.(10)

Höhere Werte im Childhood Trauma Questionairy korrelieren (neben höheren AD(H)S-Symptomen) mit

  • höheren QEEG-Werten in den Bereichen(16)
    • Delta
    • Beta1
    • Beta2
    • Beta3
    • Gamma
  • signifikant verringerten Power-Werten im Bereich(16)
    • niedriges Alpha
  • Unaufmerksamkeit korreliert mit(16)
    • hohem Beta
    • niedrigem low Alpha

Unaufmerksamkeit bei hohem Beta dürfte der ADHS-typischen Ablenkbarkeit aufgrund eines überaktivierten PFC entsprechen.

1.1.2. EEG-Gehirnfrequenzen nach weiteren Kriterien

  • Rolandische Wellen(17)
    je nach Alter im Bereich 14 bis 30 Hz. Sie werden (im Ruhezustand mit geschlossenen oder geöffneten Augen) an C3, Cz, C4 über der (namensgebenden) Rolando-Furche (Sulcus centralis) abgenommen.
    Sie unterscheiden sich(18)(19) in
    • (rolandische) μ-Rhythmen oder Murhythmen
      Der Name stammt daher, dass ihre Form an ein μ erinnert.
      Ursprung der μ-Rhythmen ist der primäre somatsensorische Kortex.(17)
    • Rolandische Beta-Wellen
      Ursprung der rolandischen Beta-Wellen ist der motorische Kortex.(17)

1.1.3. Veränderungen der EEG-Gehirnfrequenzen mit dem Alter

Bei allen Menschen verändert sich die Power (Stromstärke) des EEG mit zunehmendem Alter, insbesondere von Kindheit zu Adoleszenz. Mit zunehmendem Alter nehmen die langsamen Frequenzen (Delta und Theta) ab, während die schnellen Frequenzen (Alpha und Beta) stärker werden. Die Gesamtpower (die Summe aller Einzelfrequenz-Powerwerte) nimmt mit zunehmendem Alter ab.(20)(21) Altersbedingte Veränderungen gibt es zwar bei AD(H)S-Betroffenen ebenso wie bei Nichtbetroffenen, jedoch unterschiedlich stark. Bei AD(H)S nähert sich das EEG im Alter stärker dem von Nichtbetroffenen an, während es bei ADS-Betroffenen fast konstant bleibt.(22)(23)

Sofern Studien von „verlangsamter Gehirnaktivität“ sprechen, ist die Zunahme der Power von langsamen Gehirnfrequenzen (Delta/Theta) gemeint.

1.2. Untersuchungsmethoden von Gehirnwellen

  • EEG
  • Independent Component Analysis (ICA)
  • Low Resolution Electromagnetic Tomography (LORETA)

1.3. Grundlagen des Frequenzbandtrainings

Durch gezieltes Training der betroffenen Gehirnfrequenzen (Frequenzen mit zu niedriger Intensität werden herauftrainiert, Frequenzen mit zu hoher Intensität werden heruntertrainiert) lassen sich die mit den jeweiligen Frequenzen korrelierenden Symptome beeinflussen. Es sprechen nicht alle Betroffenen gleichermaßen an. Bei 50 % der AD(H)S- Betroffenen lassen sich die Symptome um mindestens 25 % verringern. Erforderlich sind 20 bis 40 Trainingseinheiten. Die Wirkung von Neurofeedback war 6 Monate nach Ende der Therapie noch unverändert.(2)

Ablauf der Therapiesitzung:
Beim Patienten werden mittels Elektroden die EEG-Frequenzen gemessen und auf dem PC des Therapeuten visualisiert.
Die Software bietet dem Patienten nun Reize (Grafiken, Spiele, Filme etc.), die er mittels der zu trainierenden EEG-Frequenz steuern kann. Beispielsweise soll der Patient ein Flugzeug steuern, indem die Flughöhe sich anhand des gemessenen Werts der zu trainierenden Gehirnfrequenz verändert.

Ein realer Therapiefall:

Ein ADHS-Patient (mit Hyperaktivität) hat bei Therapiebeginn ein SMR (EEG-Frequenzen zwischen 12 und 15 Hz) von 1,6 mV an Cz. Der typische Wert bei Nichtbetroffenen liegt zwischen 2,8 und 3,2. Der Patient bekommt einen Film zu sehen, der immer dann weiter läuft, wenn der zugleich bei ihm gemessene SMR-Wert den vom Therapeuten eingestellten Schwellenwert überschreitet. Unterschreitet der SMR-Wert den Schwellenwert, bleibt der Film stehen.
Obwohl der Patient nicht sagen kann, was er genau tut, um die Amplitude seines SMR zu erhöhen, schafft er es innerhalb von 10 Minuten, von 40 % auf 80 % Erfolg (Zeitanteil, in dem der Schwellenwert überschritten wird). Darauf wird der Schwellenwert etwas erhöht. Sinkt der Erfolg auf 30 % wird der Schwellenwert etwas verringert, um den Patienten (insbesondere bei ADHS) nicht zu schnell zu frustrieren.
Nach 30 Trainingseinheiten trainiert der Patient an einem Schwellwert von 2,5 und erreicht 50 bis 60 %.
Transformationsdurchgänge (Versuche des Patienten, den SMR zu erhöhen, ohne dass ihm ein Film ein Feedback gibt) bewältigt er mit 2,0 bis 2,5.
Subjektiv hat der Patient das Gefühl, etwas weniger stressempfindlich zu sein und deutlich weniger Affektdurchbrüche zu haben.
Der Patient will weitertrainieren, bis das Training keine Verbesserung mehr zeigt.
Nach 60 Trainingseinheiten bewegt sich der Wert konstant bei 2,6. Eine weitere Erhöhung wird auch durch weiteres Training nicht mehr erreicht.

Neurofeedback ermöglicht das gezielte Training einzelner Gehirnbereiche.

Neurofeedback wird von Kassen bislang nicht grundsätzlich erstattet. Verschriebene Ergotherapie ist jedoch erstattungsfähig. Es gibt Ergotherapeuten, die Neurofeedback als eine Form der Ergotherapie anwenden.

Eine vertiefte Darstellung von Neurofeedbacktraining für den Heimbereich bei Youtube von Dr. Kowalski, der (zusammen mit Ute Strehl) an der Universität Tübingen zu Nuerofeedback forscht, anhand einer von ihm entwickelten Software für den Heimbereich: Kowalski bei Youtube zu Neurofeedback.
Mittels Neurofeedback kann nach diesseitiger Ansicht zwar grundätzlich zu Hause trainiert werden, jedoch sollte unbedingt eine Begleitung / Anleitung durch einen niedergelassenen Neurofeedbacktherapeuten erfolgen. Werden die falschen Frequenzen in die falsche Richtung trainiert, könnte das Training schädlich sein. Ob die Geräte und Software für den Heimbereich inzwischen ausrechend funktional sind, kann derzeit noch nicht beurteilt werden.

2. Unterschiedliche EEG-Formen in Subtypen von AD(H)S

Die verschiedenen Subtypen von AD(H)S weisen spezifische unterschiedliche EEG-Muster auf. das bedeutet, dass bei AD(H)S – je nach spezifischem Subtyp – andere Gehirnfrequenzen aktiver oder inaktiver sind als bei Nichtbetroffenen.

Es gibt sogar mehr nach EEG klassifizierbare Subtypen als bisher klassisch Subtypen nach Verhaltensweisen unterschieden werden.

Mehr hierzu unter AD(H)S-Subtypen nach EEG im Beitrag Die Subtypen von AD(H)S: ADHS, ADS, SCT und andere.

3. Konnektivität von Gehirnregionen bei AD(H)S

Eine Studie berichtet interhemisphärische Konnektivitätsveränderungen bei AD(H)S:(24)

  • verringerte interhemisphärische Kohärenz im Delta-Band in frontalen Gehirnregionen
  • erhöhte Kohärenz im Theta-Band in posterioren Regionen (nur bei geöffneten Augen)
  • erhöhte Kohärenz im Theta-Band in zentralen Bereichen

Eine weitere Studie fand ebenfalls veränderte Konnektivität bei AD(H)S-Betroffenen in verschiedenen EEG-Frequenzbereichen.(25)

Methylphenidat normalisiert in einer Studie eine bei AD(H)S bestehende verringerte globale Konnektivität 400-700ms nach einem Stimulus und verringert eine Zunahme der Trennung der Netzwerke 100-400ms nach dem Stimulus. Diese globalen Veränderungen durch Methylphenidat erfolgte hauptsächlich in den aufgabenrelevanten frontalen und parietalen Regionen und war signifikanter und nachhaltiger als bei den nicht behandelten Vergleichspersonen. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Methylphenidat eine bei AD(H)S bestehende beeinträchtigte Netzwerkflexibilität korrigiert.(26)

4. Trainingsmodelle

4.1. Frequenzbandtraining

4.1.1. SMR-Training (Erhöhung von low Beta, 12 – 15 Hz)

Das SMR-Training ist ein typisches Neurofeedbackprotokoll bei AD(H)S mit dem Ziel, die Gehirnaktivität im SMR-Band zu erhöhen.(27)(28)

Der SMR spielt eine wichtige Rolle für die motorische Erregbarkeit.(28)

Eine Verstärkung des sensomotorischen Rhythmus (12–15 Hz) über dem Motorkortex soll durch eine Hemmung der thalamo-kortikalen Schleife Hyperaktivität verringern.(29)

SMR-Training verringert Impulsivität und Affektdurchbrüche und fördert eine gelassene allgemeinen Aufmerksamkeit. Gelassene Aufmerksamkeit ist etwas anderes als Konzentration (fokussierte Aufmerksamkeit).

In einer Untersuchung zu SMR-Frequenzbandtraining wurden 86 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren mit AD(H)S mit Go/NoGo Aufgaben untersucht. Jede Trainingseinheit beinhaltete:

  • Verbesserung der Powerratio von 15-18 Hz im Verhältnis zum übrigen EEG (20 Minuten), Messung an C3/Fz
  • Verbesserung der Powerratio von 12-15 Hz im Verhältnis zum übrigen EEG (7 – 10 Minuten), Messung an C4/Pz

Nach 15 bis 22 Neurofeedbacktrainingssitzungen zeigten diejenigen Kinder, die bei den Trainingseinheiten gut abschnitten, in den Go/NoGo Aufgaben ein Zuwachs bei P 300 (Positive Komponente innerhalb von 180-420 ms Latenz) über frontal-zentralen Gehirnarealen. Bei den Kindern, die in den Trainingseinheiten schlechtere Ergebnisse erzielten, konnte kein Zuwachs festgestellt werden.(30)
Demnach ist die Aktivierung frontal-zentraler Gehirnregionen einem Beta-Training zugänglich.

4.1.2. Theta-Beta bzw. Theta-Alpha Ratio-Training

  • Theta herunter und (ggf gleichzeitig) Beta hochtrainieren oder
  • Theta herunter und (ggf gleichzeitig) Alpha hochtrainieren

Ziel ist die Erhöhung der Theta-Aktivität bei gleichzeitiger Verringerung der Beta-Aktivität.(28)

Die beiden Trainingsmethoden Theta-Beta und Theta-Alpha unterscheiden sich in ihren Ergebnissen nur wenig. Beide Protokolle linderten die Symptome von ADHS im Allgemeinen (p <0,001), die Symptome von Hyperaktivität (p <0,001), Unaufmerksamkeit (p <0,001) und Auslassungsfehler (p <0,001), nicht aber die oppositionellen und impulsiven Symptome. Alpha hochzutrainieren soll in Bezug auf Auslassungsfehler wirksamer sein.(31)

Eine andere Untersuchung, die Theta-Beta-Training mit den Wirkmechanismen von MPH verglich, kam zu dem Ergebnis, dass Theta-Beta-Training vornehmlich die Inhibition und Impulskontrolle und weniger die Aufmerksamkeit verbessert, hierfür jedoch andere Wirkmechanismen nutzt als Methylphenidat.(32)

4.2. Training der Selbstregulierungsfähigkeit der EEG

Dieser Ansatz wendet sich von einer Normalisierung von EEG-Frequenzen (Vergleich nach QEEG-Datenbanken) ab, da Untersuchungen in Gruppen keine einheitlichen charakteristischen EEG-Frequenzmuster bei Kindern mit AD(H)D finden konnten.(28)

Daher arbeiten einige Neurofeedbackprotokolle mit abwechselnden Trainingsphasen zur Erhöhung und Verringerung der Zielwerte, was auch der üblichen Herangehensweise bei SCP Regulierung entspricht.(28)

4.3. QEEG Neurofeedback Training (z-score training)

Das Z-Score-Training basiert auf einer Datenbank mit Untersuchungsergebnissen von rund 600 gesunden Kindern und Erwachsenen. Das Training zielt darauf, die eigenen Gehirnfrequenzaktivitäten in Richtung dieser Normwerte zu verändern.(28)

Auch beim Z-Score-Training wird diesseits erwartet, dass die Wirksamkeit durch das Trainieren der Selbststeuerungsfähigkeit erreicht wird. Dass als Zielparameter Normwerte gesunder Menschen verwendet werden ändert hieran nichts.

Eine Untersuchung berichtet, dass 70 % der Erwachsenen und 52 % der Kinder mit AD(H)S nach 30 Trainingssitzungen aus einer Kombination von Z-Score Neurofeedback und HRV-Biofeedback-Training eine so starke Verbesserung erfuhren. dass sie danach nicht mehr im klinischen Bereich des ASEBA diagnostiziert wurden, sondern im normalen. Lag die Diagnose zuvor im Grenzbereich des ASEBA, erreichten 80 % der Erwachsenen und 63 % der Kinder den normalen Bereich. 4 von 9 Erwachsenen und 10 der 44 Kinder, die zuvor AD(H)S-Medikamente genutzt hatten, verzichteten nach der Behandlung auf AD(H)S-Medikamente. Kein Erwachsener (von 30) und 1 Kind (von 55), die vor der Behandlung keine AD(H)S-Medikamente genommen hatten, nahmen nach der Behandlung erstmals AD(H)S-Medikamente ein.(33)
Sollten diese Ergebnisse wiederholt werden können, wäre dies – bei aller wissenschaftlicher Zurückhaltung – eine Sensation. Daher sollten die Ergebnisse mit entsprechender Aufmerksamkeit und Vorsicht betrachtet werden.

4.4. HeartMath – Training

Über ein weiteres wohl markengeschützes Trainingsmodell (was wissenschaftlich betrachtet stets ein gewisses Misstrauen erregt) berichtet eine Untersuchung auf der Webseite des Anbieters über positive Ergebnisse bei AD(H)S, die auf Kohärenzverbesserungen der Gehirnkommunikation beruhen sollen.(34)

4.5. Training langsamer kortikaler Potenziale (SCP)

SCP (Slow Cortical Potentials = langsame kortikale Potenziale) sind sehr langsame Frequenzen von weniger als 0,1 Hz, die ausserhalb des Messbereichs eines üblichen EEG liegen.
SCP sind dennoch Reaktionen des Gehirns auf innere oder äußere Reize. SCP werden als Maß der Erregbarkeit der Hirnrinde verstanden.

Ein Training zur Kontrolle der langsamen kortikalen Potenziale kann unterstützen, situationsgerecht eine verbesserte Informationsbearbeitung bereitzustellen.
Die Wirksamkeit des Neurofeedback-Trainings der SCP bei AD(H)S ist wissenschaftlich abgesichert.(35)

SCP wirkte in einer Studie ein klein wenig besser auf die AD(H)S-Symptome von Kindern als Theta-/Beta-Frequenzbandtraining.(36)
Sinnvoll dürfte jedoch eine Kombination beider Methoden sein.

Denkbar wäre auch die Möglichkeit eines Trainings der Selbstregulation interhemisphärischer frontaler Asymmetrie durch SCP-Feedback. Dies wurde bei Gesunden bereits belegt.(37) Dabei wird gezielt die Synchronisation der linken und der rechten Gehirnhälfte trainiert. Dies ist insbesondere bei Depressionen hilfreich, da Depressionen und chronische Frustration häufig mit einer besonders starken Asynchronität der Gehirnhemisphären einhergeht.

4.6. Infra Low Frequency Training – ILF

Das Training von ILF wurde von Othmer entwickelt und wird deshalb zuweilen auch als Othmer-Methode bezeichnet. Es handelt sich ebenfalls um ein Training sehr niedriger Frequenzen. Technik, Ableitungen und Feedback sind anders gestaltet.

Das ILF-Training zielt nicht darauf ab, Frequenzen willentlich zu erhöhen oder zu verringern, sondern darauf, spezifische Parameter der niedrigen Gehirnfrequenzen so zu spiegeln / sichtbar zu machen, dass darüber erlernt werden kann, das Erregungsniveau des zentralen Nervensystems (ZNS) selbst zu regulieren.

4.7. LORETA-Neurofeedback

LORETA (low resolution brain electromagnetic tomography) ist eine dreidimensionale elektromagnetische Gehirnbildgebung mit niedriger Auflösung. Mittels LORETA werden bestimmte Gehirnnetzwerke in tieferen Hirnstrukturen durch dreidimensionale Betrachtung trainiert.

4.8. EEG-BCI-Training

Eine Untersuchung berichtet von einer Trainingsform, bei die Probanden nicht auf der Grundlage voreingestellter Standardwerte lernen, bestimmte EEG-Wellen zu unterdrücken oder zu verstärken, sondern mit einem durch das System individualisierten EEG-Muster, das die optimale Aufmerksamkeit auf der Grundlage der Trainingsaktivitäten darstellt.(38)
Eine Behandlung mit 24 Sessions bewirkte eine Verbesserung der UNaufmerksamkeit nach ADHD-Rating Scale um 3,2 Punkte.

5. Wirksamkeit Neurofeedback

5.1. Wirkmechanismus

Die grundsätzliche Wirksamkeit von Neurofeedback ist wissenschaftlich anerkannt.

Diesseits wird davon ausgegangen, dass die Wirksamkeit von Neurofeedback in einem Erlernen einer Selbststeuerbarkeit der eigenen Gehirnaktivitäten liegt. Die eigene Gehirnaktivität wird stets unbewusst gesteuert: geht man schlafen, beruhigt man sich, vor einer wichtigen Aufgabe konzentriert man sich. Dies ist nichts anderes als eine selbst vorgenommene Regulation (unter anderem) bestimmter Gehirnfrequenzen. Menschen, bei denen bestimmte Gehirnfrequenzen ungewöhnlich reagieren oder die eine schlechte Selbstregulation haben, können durch ein gezieltes Verstärken von erfolgreicher Selbstregulation lernen, diese zu verbessern.

5.2. Behandlungswirksamkeit

Das Maß der Wirksamkeit erreicht nach einer Studie das von Medikation.(39)(40)(41)

Eine aufwändige Untersuchung verglich Neurofeedback mit Stimulanzienbehandlung und fand gleich starke Verbesserungen in beiden Gruppen.(42)

Eine neuere Untersuchung fand signifikante Verbesserungen der mit 40 Neurofeedback-Sitzungen mit Theta-Beta-Training behandelten Kinder gegenüber den traditionell behandelten Kindern in den Bereichen(43)

  • anhaltende Aufmerksamkeit
  • verbales Arbeitsgedächtnis
  • Antworthemmung / Impulshemmung
  • Verhaltensprobleme
  • akademische Leistung.

Eine Vergleichsuntersuchung zwischen Neurofeedback (Theta-/Beta-Training) und EMG-Biofeedback (je 30 Sitzungen) zeigte in beiden Gruppen eine Reduktion der Theta/Beta-Quotienten über den Behandlungsverlauf. Aufmerksamkeitsleistung, Intelligenzniveau und Verhalten verbesserten sich jedoch nur in der Neurofeedbackgruppe, dort zudem signifikant. Bei der EMG-Biofeedbackgruppe zeigte sich dagegen lediglich ein Hinweis auf eine Erhöhung des Arbeitstempos in einem Schreibaufmerksamkeitstest, der sich in weiterem Test nicht bestätigte.(44)

Bei einem Vergleich zwischen Stimulantien gegen Neurofeedback schnitt die medikamentös behandelte Gruppe deutlich besser ab, während für Neurofeedback bei 30 Behandlungen kaum Effekte nachgewiesen wurden.(45)

Eine mit erheblichem Aufwand erstellte Doppelblindstudie, die (blind) Neurofeedback mit Schein-Neurofeedback und daneben (nicht blind) mit Kognitiver Verhaltenstherapie verglich, kam zu dem Ergebnis, dass Neurofeedback AD(H)S-Symptome wirksam reduzieren kann – allerdings nur genau so wirksam wie Schein-Neurofeedback und Kognitive Verhaltenstherapie.(46)

Das Testkonzept leidet jedoch daran, dass die Schein-Neurofeedbackgruppe nur 15 Scheinbehandlungen und 15 reguläre Neurofeedbackbehandlungen erhielt, während die Neurofeedback-Gruppe 30 reguläre Neurofeedbackbehandlungen erhielt. Es handelt sich also nicht um einen echten Neurofeedback gegen Scheinfeedback-Vergleichstest, sondern um einen Neurofeedback gegen halb Scheinfeedback, halb Neurofeedback – Test.
Zudem war diesseits aus den verfügbaren Abstracts nicht erkennbar, ob das Scheinfeedback ein echtes Neurofeedback in Richtung beliebiger Zielwerte war, oder ob das Feedback von den Ergebnissen vollständig entkoppelt war.

Man könnte das Untersuchungsergebnis als Argument gegen die Wirksamkeit von Neurofeedback lesen. Man müsste allerdings zugleich akzeptieren, das kognitive Verhaltenstherapie genau so „nutzlos“ ist. Richtiger dürfte sein, dass Neurofeedback genau so wirksam ist wie kognitive Verhaltenstherapie.
Man kann das Ergebnis allerdings auch dahingehend interpretieren, dass bereits 15 Neurofeedbackanwendungen so wirksam sind wie 30.

Sofern das Scheinfeedback eine echte Neurofeedback-Rückkopplung darstellte, bei der lediglich die Zielwerte zufällig waren oder auf eine Verstärkung weg von Normwerten oder sinnvollen Zielwerten führten, könnte das Ergebnis, dass Schein-Neurofeedback (Training in beliebige Wertveränderungen) genau so wirksam ist wie Neurofeedback wie Training in Richtung einer Normalisierung der Gehirnfrequenzen, sich damit begründen lassen, dass auch ein Schein-Neurofeedback mit zufälligen Zielwerten zu einer Selbstkontrolle der Gehirnaktivität führt, dass also jede Form des Gehirntrainings (Neurofeedback trainiert ja die Kontrolle über Gehirnwellen) genau so wirksam ist wie kognitive Verhaltenstherapie. Dazu müsste die Art des Scheintrainings genauer betrachtet werden.

Es gibt weitere Berichte von sehr deutlichen Symptomreduzierungen durch Neurofeedback. Dennoch wird Neurofeedback nicht als bei allen Betroffenen (Responderrate 25 bis 50 %) als wirksam betrachtet und kann auch bei diesen die Symptome nicht völlig beseitigen. Bei Respondern wird eine Symptomreduktion von 50 % als Erfolg betrachtet.

Nach einer Metastudie verbessern verschiedene Faktoren die Wirksamkeit einer Neurofeedbacktherapie:(47)

  • intensivere Behandlung
    • nicht jedoch die Behandlungsdauer
  • Einsatz hochwertiger EEG-Geräte

Unabhängig davon berichten Lehrer eine geringere Verbesserung im Vergleich zu den Eltern. Dies erinnert an die Wertungsunterschiede bei Diäten, bei denen der Verdacht besteht, dass der hohe Aufwand der Behandlung die Einstellung fördert, dass der hohe Aufwand doch auch einen hohen Erfolg zeitigen müsse.(47)

Mehrere Metastudien fanden keine Wirksamkeit gegen Placebo oder eine verringerte Wirksamkeit bei placebokontrollierten Studien.(48)(49)(50)

5.3. Wirksamkeitsdauer von Neurofeedback

Studien deuten darauf hin, dass die positiven Effekte durch eine Neurofeedbackbehandlung langfristig anhalten. Ein Jahr nach einem Beta-/Theta-Training war die durch das Training erreichte signifikante Verbesserung  des Arbeitsgedächtnisses vollständig weiter vorhanden.(51)

Eine aufwändige Untersuchung, die Neurofeedback mit Stimulanzienbehandlung verglich, fand nach Absetzen der Stimulanzien und Beendigung des Neurofeedbacktrainings nur in der Neurofeedback-Gruppe erhaltene Symptomverbesserungen, was sich mit den bei diesen Teilnehmern überdauernden Veränderungen im EEG deckte.(42)

Die Verbesserungen nach 40 Neurofeedback-Sitzungen mit Theta-Beta-Training in den Bereichen

  • anhaltende Aufmerksamkeit
  • verbales Arbeitsgedächtnis
  • Antworthemmung / Impulshemmung
  • Verhaltensprobleme
  • akademische Leistung.

waren 6 Monate nach Behandlungsende weiter vorhanden.(43)

5.4. Kombination Neurofeedback und Medikamente

Eine Kombination von Neurofeedback und Methylphenidat erwies sich als wirksamer als Neurofeedback alleine.(52)

6. Weitere Untersuchungen zur Kommunikation und Kohärenz von Gehirnbereichen bei AD(H)S

Etliche Untersuchungen haben die Eigenarten der Kommunikation und Verknüpfung innerhalb des Gehirns bei AD(H)S durch Messung der EEG und QEEG-Werte analysiert.

Die Messung der Synchronisation oder Kohärenz des EEG des Gehirns im Ruhezustand ist ein gängiges Verfahren zur Messung der kortikalen funktionalen Konnektivität.((Saunders, Kirk, WaldieBio (2016): Hemispheric Coherence in ASD with and without Comorbid ADHD and Anxiety; Med Research International; Volume 2016 (2016), Article ID 4267842, 12 pages
http://dx.doi.org/10.1155/2016/4267842))

Bei ADHS gibt es ein deutliches Muster der verringerten Konnektivität zwischen anterioren (vorne liegenden) und posterioren (hinten liegenden) Gehirnregionen.(53)

Ebenso besteht bei AD(H)S eine reduzierte Konnektivität in den frontostriatalen Verbindungen.(54)(55)

Erwachsene mit AD(H)S zeigten bei vergleichbarer Aufgabenstellung eine reduzierte Aktivierung des bilateralen inferioren präfrontalen Kortex, Caudatus und Thalamus bei Stop-Tasks wie bei Cognitive-Switch-Tasks, sowie im linken Parietallappen (nur) während der Switch-Aufgabe. Je schwerer die AD(H)S-Verhaltenssymptome waren, desto geringer war der Anstieg der Aktivierung ähnlicher Regionen in fronto-striatalen, parietalen und zerebellären Gehirnbereichen. Bei Stop-Tasks zeigten die AD(H)S-Betroffenen eine verminderte inter-regionale funktionelle Konnektivität zwischen rechten vorderen frontalen, fronto-striatalen und fronto-parietalen neuronalen Netzen.(55)

Eine weitere Untersuchung stellt im Ruhezustand eine mangelhaften Konnektivität zwischen den Gehirnhemisphären bei AD(H)S sowie einen stimulusinduzierten Zustand der Überkonnektivität innerhalb und zwischen frontalen Hemisphären fest. Bei AD(H)S bestehe danach eine veränderte funktionelle Konnektivität, insbesondere zwischen Frontalregionen.(56)

Bei kürzeren Abständen zwischen den Messelektroden zeigten ADHS-Kinder eine intrahemisphärische Kohärenz im Theta-Band und reduzierte laterale Unterschiede in den Theta- und Alpha-Bändern. Bei größeren Elektrodenabständen zeigten ADHS-Kinder niedrigere intrahemisphärische Kohärenzen im Alpha-Band als Nichtbetroffene. Im frontalen Gehirnbereich hatten ADHS-betroffene Kinder erhöhte interhemisphärische Kohärenzen in den Delta- und Theta-Bändern und verringerte interhemisphärische Kohärenzen im Alpha-Band. Die Kohärenz im Alpha-Band war im temporalen Gehirnbereich verringert. Die Kohärenz im Theta-Band war in zentralen / parietalen / okzipitalen Gehirnregionen erhöht.
AD(H)S-Betroffene des Mischtyps hatten eine größere intrahemisphärische Theta- und Betakohärenz als AD(H)S-Betroffene vom rein unaufmerksamen Subtyp. Frontal haben AD(H)S-Betroffene des Mischtyps erhöhte interhemisphärische Kohärenzen im Delta- und Theta-Band im Vergleich zu AD(H)S-Betroffenen vom rein unaufmerksamen Subtyp (ADS). Bei AD(H)S-Betroffenen vom Mischtyp ist die Kohärenz im Betaband in zentralen / parietalen / occipitalen Gehirnregionen erhöht.(57)

AD(H)S-Betroffene zeigten eine erhöhte Kohärenz im unteren Alpha-Band (8 Hz) und eine verringerte Kohärenz im oberen Alpha-Band (10-11 Hz). Die Kohärenzerhöhung bei 8-Hz bei AD(H)S-Betroffenen und bei 2- bis 6-Hz in der Kontrollgruppe war unabhängig von der Stimulus-Präsentation. Als Reaktion auf visuelle Stimulation zeigten die AD(H)S-Betroffenen eine verminderte evozierte Power und eine erhöhte frontale Kohärenz. Nichtbetroffene unterschieden sich nur in der Kohärenzhöhe bei 8 Hz von medikamentierten AD(H)S-Betroffenen. Die Ergebnisse deuten bei AD(H)S auf eine dauerhafte mangelhafte Konnektivität und eine Stimulus-induzierte Überkonnektivität innerhalb und zwischen frontalen Hemisphären.(56)

7. Anmerkungen

Die Forschung an AD(H)S leidet nach diesseitiger Auffassung grundsätzlich daran, dass viele Untersuchungen ihre Probanden nur nach AD(H)S/Nichtbetroffenen unterscheiden. Da sich die Subtypen von ADHS und ADS neben ihrer Stressreaktionsphänotypik (= AD(H)S-Symptomatik) besonders in Bezug auf unterschiedliche Amplitudenstärken von Gehirnfrequenzen unterscheiden, wäre eine genauere Trennung bei Untersuchungen hilfreich.

Neurofeedback-Frequenzbandtraining wird meist nur mit 1- oder 2-Kanal-Systemen durchgeführt(58). Es erfolgen also an 1 bis 2 Stellen des Schädels Messungen der dort anfallenden Gehirnfrequenzen. Medizinisch zugelassene 1 bis 2-Kanal-Geräte kosten ab 3.500.- €.
Mit wenigen EEG-Kanälen kann keine räumliche Lokalisation der gemessenen Hirnfrequenzen auf bestimmte Gehirnareale erfolgen. Da bei AD(H)S ganz bestimmte Gehirnareale ganz spezifische Veränderungen der Gehirnfrequenzen aufweisen, wäre für manche Therapien eine räumliche Zuordnung wünschenswert. Ein Frequenzbandtraining mit 1 oder 2 Ableitungen hofft quasi „blind“, dass die an diesen 1 bis 2 Stellen gemessenen Werte „irgendwie“ aus den betroffenen Gehirnarealen stammen. Dazu werden Erfahrungswerte eingesetzt, an welcher Stelle des Schädels am ehesten die Aktivität der relevanten Gehirnareale messbar ist. Eine zuverlässige Zuordnung wird dadurch nicht gesichert. Bei manchen Gehirnfrequenzen (wie bei SMR = low Beta), hat sich eine einkanalige Ableitung (bei SMR an Cz = Mitte der Schädeldecke) jedoch bereits als recht zuverlässig und praktikabel erwiesen.
Es bleibt zu hoffen, dass mit fortschreitender Entwicklung der neurologischen Forschung mehrkanalige EEG-Messgeräte erheblich häufiger eingesetzt und damit günstiger werden. Ob dabei tatsächlich die empfohlenen 100 Ableitungskanäle(2) im Therapieeinsatz für eine exakte räumliche Zuweisung der gemessenen Gehirnfrequenzen auf einzelne Gehirnareale erforderlich sind, oder ob die von anderen Forschern als ausreichend zuverlässig bezeichneten 19-Kanal-Geräte (die um 20.000.- € kosten) für eine zuverlässige Diagnostik und Therapie ausreichen, bleibt abzuwarten.

Zuletzt aktualisiert am 24.10.2019 um 01:43 Uhr


15.)
Persönliches Gespräch mit einer Neurofeedbacktrainerin 2017 - (Position im Text: 1)
18.)
Kühle, Dr. med Hans-Jürgen, Neurofeedbacktherapie bei ADHS, 2010 (PDF, Download August 2015), Seite 3 - (Position im Text: 1)
19.)
Wikipedia: Elektroenzephalografie - (Position im Text: 1)
35.)
Müller, Candrian, Kropotov (2011): ADHS – Neurofeedback in der Praxis, Springer, Seite 26 mit Verweis auf Gevensleben et al 2009, und Strehl et al 2006 - (Position im Text: 1)
58.)

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