Schlafprobleme bei AD(H)S

Schlafprobleme sind bei AD(H)S besonders häufig.(1)(2)(3)(4)(5) Gleichwohl findet nicht jede Studie bei AD(H)S Veränderungen an der Schlafarchitektur.(6)

Sie treten bei AD(H)S-Betroffenen häufiger auf als bei deren nichtbetroffenen Zwillingsgeschwistern.(7) Die Schlafdauer nimmt mit der Intensität der AD(H)S-Symptome ab(8). Zugleich bewirkt Schlafentzug bei AD(H)S-Betroffenen größere Müdigkeit als bei Nichtbetroffenen. AD(H)S-Betroffene reagieren mithin auf Schlafmangel empfindlicher als Nichtbetroffene.(9)

Offen ist, ob Schlafprobleme bei ADHS häufiger als bei ADS auftreten(10)(11) oder ob hyperaktive ADHS-Betroffene seltener unter Schlafproblemen leiden als lediglich unaufmerksame ADS-Betroffene.(12)
Eine weitere Untersuchung fand keine Unterschiede der Subtypen,(13) jedoch geschlechterspezifische und komorbiditätsspezifische Unterschiede: 75 % der Mädchen und 53 % der Jungen mit AD(H)S hatten Schlafprobleme. Angstsymptome korrelierten eindeutig mit späterer Schlafenszeit und Schlafangst, hyperaktiv-impulsive Symptome waren mit häufigerem nächtlichen Erwachen und mehr Schlafverhaltensstörungen (Parasomnie) verbunden. ODD und depressive Symptome korrelierten mit kürzerer Schlafdauer. Depressionen zeigten sich eindeutig in erhöhter Tagesschläfrigkeit und allgemeinen Schlafproblemen. Das Geschlecht moderierte die Korrelation zwischen Komorbiditäten und Schlafprobleme nicht.

CRH beeinträchtigt den Tiefschlaf.(14) Schlafprobleme können insofern unmittelbare Folge einer überaktivierten HPA-Achse sein.

Schlafprobleme sollten bei AD(H)S mit besonderer Priorität behandelt werden, da Schlafprobleme und AD(H)S einen Teufelskreis bilden: Schlafprobleme verstärken AD(H)S-Symptome, während AD(H)S-Symptome wiederum Schlafprobleme verursachen können.

  • Schlaf baut dass Stresshormon Cortisol ab. 1 Stunde längerer Schlaf verbessert den Cortisolabbau um 21 %.(15)
  • Schlaftraining wirkt positiv auf AD(H)S-Symptome.(16)(17)
  • Schlafentzug verstärkt die Stressreaktion der HPA-Achse. Bei Schlafmangel ist die Cortisolreaktion auf den TSST erhöht.(18)
  • Häufigeres Aufwachen in der vorangegangenen Nacht verschlechtert zwar die mathematischen Fähigkeiten und (etwas) das Arbeitsgedächtnis, dies aber unabhängig davon, ob AD(H)S vorliegt.(19)
  • Dennoch scheinen Schlafprobleme nicht die Ursache von AD(H)S zu sein sondern eher AD(H)S-.Symptome zu verstärken.(20)

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1. Schlafprobleme bei AD(H)S

Jugendliche mit AD(H)S haben je Person eine höhere Variabilität an Schlafproblemen als Jugendliche ohne AD(H)S. Diese betreffen Schlafenszeit, Wachzeit, Schlafdauer, Schlafbeginn-Latenz, Schlafqualität und nächtliche Wachzeiten.(21)

Schlafprobleme korrelieren mit erhöhten Werten proinflammatorischer Zytokine.

Zytokine regulieren den Schlaf. Von Immunzellen freigesetzte Zytokine, insbesondere Interleukin-1β und Tumor-Nekrose-Faktor-α, beeinflussen die neuronale Aktivität, das Verhalten (einschließlich Schlaf), die Hormonfreisetzung und die autonome Funktion, indem sie neuroendokrine, autonome, limbische und kortikale Bereiche des ZNS adressieren.(22) Eine Untersuchung fand erhöhte Entzündungsmarker nur bei Frauen (nicht bei Männern) mit Schlafproblemen.(23)

Schlafentzug und gestörter Schlaf führen zu erhöhten Spiegeln von IL-6, Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) (nur bei Männern) und C-reaktivem Protein (CRP) im Vergleich zu ungestörten Schlafphasen.(24)(25)(26)
Ebenso sind bei schwer Depressiven IL-6 und Soluble intercellular adhesion molecule (slCAM) erhöht, wobei Schlafprobleme eine höhere Korrelation zur Erhöhung haben als die Depression.(27)

1.1. Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen

1.1.1. Einschlafstörung

AD(H)S-Betroffene benötigen häufig im Schnitt wesentlich länger um einzuschlafen. Typisch ist die Beschreibung eines Gedankenkreisens.

1.1.1.1. Schlafphasenverlagerung (späterer Schlafrhythmus)

AD(H)S zeigt häufig einen veränderten Schlafrhythmus.(4)(28) AD(H)S-Betroffene mit einer ausgeprägt späteren Schlafrhythmik („eveningness“, Eulen) zeigten in einer kleinen Untersuchung erhöhte Selbstbewertungswerte von Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit tagsüber sowie langsamere Reaktionszeiten als Betroffene mit einem frühen Tagesrhythmus („morningness“, Lerchen). Die Schwere der Gesamtsymptomatik unterschied sich nicht.(29)

Eveningness korreliert (anders als Einschlafprobleme und Schlaflosigkeit) mit verkürzten Telomeren der Leukozyten, was eigentlich mit einem höheren biologischen Alter korreliert.(30)

Eveningness korrelierte in einer Untersuchung 2,4 mal häufiger mit einem adipösen BMI als Morningness (unabhängig von AD(H)S). Daneben korrelierten höhere BMI-Werte mit erhöhten Werten von ODD und AD(H)S.(31)

Eine späterer Schlafrhythmus korreliert mit erhöhten Schlafproblemen und erhöhter Tagesmüdigkeit, unabhängig von der Dauer des Nachtschlafes.(32)

Circadiane Probleme sind mit vielfältigen psychischen Störungen verknüpft.(33)

1.1.1.2. Verzögerter abendlicher Melatoninanstieg

Bei AD(H)S-Betroffenen wie bei Menschen mit Schlafproblemen ist der abendliche Anstieg von Melatonin verzögert.(34) Bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren mit AD(H)S und Schlafproblemen war der Schlafbeginn gegenüber Kindern mit AD(H)S ohne Schlafprobleme um 50 Minuten verzögert, was dem Verzögerungszeitraum des Melatoninanstiegs entsprach. Im übrigen unterschied sich der Schlaf nicht erheblich.
Da der Schulbeginn und folglich die Aufstehzeit für alle Kinder gleich ist, erklärt dies, dass AD(H)S-Betroffene mit Schlafproblemen weniger Schlaf bekommen und deshalb zusätzliche Schwierigkeiten im Alltag haben.

1.1.2. Durchschlafstörung

Aufwachen während der Nacht, häufig nach 3 bis 4 Stunden Schlaf. Durchschlafstörungen sind bei AD(H)S eine der häufigsten Schlafstörungen.(5)(4)(28)

1.1.3. Verkürzte Schlafdauer

Eine Metauntersuchung stellte eine Korrelation von verkürzter Schlafdauer und AD(H)S-Symptomen fest, insbesondere Hyperaktivität.(35)

Interessanterweise hat sich die Schlafdauer von Kindern in den letzten Jahrzehnten stetig verkürzt. Die abendlichen Schlafenszeit von Dreijährigen betrug 1974 19:08 Uh, 1979 19:53 und 1986 20:07 Uhr.(36)
10- bis 15-jährige Kinder schliefen 2005 30 Minuten weniger pro Nacht als Gleichaltrige 1985, bei zugleich späteren Schlafzeiten.(37)
Eine große Analyse an 690.747 Kindern zeigte, dass die Schlafdauer von 1905 bis 2008 um 0,75 Minuten pro Jahr, in den über 100 Jahren insgesamt 1:15 Stunden zurückging.(38) Weiterhin zeigt eine Metastudie von 20 Untersuchungen, dass die Wahrscheinlichkeit von Fettleibigkeit bei ADHS mit einer kürzeren Schlafdauer der Kinder korreliert.(39)

Eine Verlängerung der Schlafdauer verbesserte die Inhibition bei Kindern mit AD(H)S deutlich.(40)

1.2. Schlafbezogene Atmungsstörungen

Atemaussetzer im Schlaf sind häufig eine Ursache für AD(H)S-ähnliche Symptome.

Bei chronischer adenotonsillärer Hypertrophie verbessert eine Adenotonsillektomie eine etwaige oder vermeintliche AD(H)S-Symptomatik.(41)

Hohes Gewicht erhöht die Wahrscheinlichkeit von Schlaf-Apnoe.(42)

1.3. Schlafbezogene Bewegungsstörungen

Restless legs.

1.4. Zentrale Störungen der Hypersomnolenz (Hypersomnie)

Narkolelpsie.

1.5. Starke Tagesmüdigkeit

Bei AD(H)S-Betroffenen werden zuweilen massive Probleme mit Tagesmüdigkeit beobachtet.(43)(4)(28)

In diesem Fall ist eine Behandlung mit Modafinil naheliegend.

Weiter sollte der Orexin-Spiegel geprüft werden. Mehr hierzu unter Orexin / Hypokretin

Modafinil erhöht offenbar den Orexin-Spiegel. Dies könnte einer der Wirkwege von Modafinil bei der Behandlung von Narkolepsie sein.(44)

1.6. Verlängerter REM-Schlaf

5 Untersuchungen fanden bei AD(H)S-Betroffenen verlängerte REM-Schlaf-Phasen,(6) eine Untersuchung fand verkürzten REM-Schlaf.(4)

1.7. Slow-Wave-Schlaf erhöht

Einige Studien fanden bei AD(H)S einen erhöhten Slow-Wave-Schlaf-Anteil innerhalb und ausserhalb von REM-Schlaf-Phasen.(6)

1.8. Schlafspindeln im EEG in Schlafphase 2 bei AD(H)S verringert

Während mehr Schlafspindeln (höhere Sigma-Power) im EEG bei Nichtbetroffenen in der Leichtschlafphase (Schlafphase 2) mit einem höheren IQ korreliert, korrelieren weniger Schlafspindeln mit AD(H)S.(45)

2. Massnahmen zur Schlafverbesserung

2.1. Schlafdruck erhöhen

  • Aufstehen, wenn man länger als 40 Minuten wach im Bett liegt
    Bei AD(H)S sollte der ansonsten genannte Zeitraum von 20 Minuten verlängert werden, da AD(H)S-Betroffene typischerweise längere Einschlafphasen benötigen als Nichtbetroffene
  • Mittagsschlaf maximal dreißig Minuten und vor 14 Uhr
  • Schlecht geschlafen ? Müdigkeit aushalten, um Abends früher und besser schlafen zu können.

2.2. Gleichmässigen Schlafrhythmus antrainieren

  • Regelmäßige Aufsteh- und Zubettgehzeiten einhalten
  • trotzdem nur bei Müdigkeit schlafen gehen, morgens regelmäßig zur selben Zeit aufstehen
    • Schlafprobleme also möglichst nicht mit verlängertem Schlaf in dieser Nacht bekämpfen, sondern Rhythmus beibehalten
    • Müdigkeit durchstehen und am nächsten Abend mit gewonnener Bettschwere gut schlafen
  • Regelmäßiger Sport, bis längstens drei Stunden vor Schlafenszeit

2.3. Schlafphasenverlagerung – behandeln oder integrieren

ADHS-Betroffene weisen überdurchschnittlich häufig ein individuell abweichendes Tag-Nacht-Profil auf, das weit nach hinten verlagert ist, so dass sie später müde und später wieder wach werden. Der Schlafrhythmus ist um bis zu mehrere Stunden nach hinten verschoben. Dies wird u.a. auf einen veränderten Melatoninhaushalt zurückgeführt, wobei Melatonin, das körpereigene „Schlafsignal“, entweder nicht ausreichend oder zum falschen Zeitpunkt (zu spät in der Nacht) ausgeschüttet wird. Eine gezielte Behandlung am Abend mit Melatonin soll hier helfen können.(46)
Siehe hierzu oben unter 1.5: verzögerter abendlicher Melatoninanstieg sowie unten: Medikamente bei Schlafproblemen, 4.1.2: Melatonerge Antidepressiva.
Alternativ zur Behandlung ist auch denkbar, den verschobenen Schlafrhythmus in den Lebensalltag zu integrieren, indem man regelmäßig später schlafen geht und später aufsteht. Wie immer ist ein durchgängig gleichbleibender Rhythmus erforderlich, der einen ausreichend langen Schlaf sicherstellt. Dies dürfte indes nur für wenige Menschen sozialkompatibel möglich sein.

2.4. Bettnutzung

  • Bett ausschliesslich zum schlafen benutzen
  • im Bett niemals essen, lesen, fernsehen, arbeiten
  • ab dem passenden Alter ist Sex ist ein gutes Schlafmittel – mit oder ohne Partner

2.5. Einschlafrituale

  • Eigenes Einschlafritual suchen
    die Gewohnheit eines Rituals hilft nach ca. 6 Wochen, das ritualisierte Handeln zu bahnen
    • Beispiele besonders geeigneter Schlafrituale:
      • Spaziergang vor dem Schlafengehen
      • Belletristik lesen (keine Sach-/Fachbücher, die eine persönliche Leidenschaft betreffen)
      • Hörbuch hören (keine Sach-/Fachbücher, die eine persönliche Leidenschaft betreffen)
      • Warmen Kräutertee trinken
      • Warme Milch (ggf mit Honig) vor dem schlafen gehen
      • binaurale Theta-Musik hören (siehe unten unter 2.1.)

2.6. Einschlaftechniken

Achtsame Atemübungen, die die Sauerstoffaufnahme erhöhen, können beim einschlafen helfen.
z.B.: 4-7-8-Technik nach Weil.(47)

2.7. Umgang mit Gedankenkreisen

Viele AD(H)S-Betroffenen kennen das Phänomen, dass der Kopf nicht aufhört, Gedanken zu wälzen – und die schlafhindernde Wirkung dieses Symptoms. Es gibt einige Möglichkeiten, dem zu begegnen.

  • Nach 40 Minuten wieder aufstehen. Bett und Schlafzimmer verlassen.
  • Gedimmtes Licht anmachen, aber kein helles Licht: Kerze oder sehr abgedunkeltes und warmes (rötliches) Licht mit wenig Blauanteilen.
  • Wenn ein bestimmtes Thema nicht aus dem Kopf geht: alle Argumente pro/contra auf ein Blatt oder in eine Exceltabelle schreiben. Meist wird man erstaunt feststellen, dass ein kaum mehr als ein halbes Din-A-4-Blatt zusammenkommt.
    Wichtig: wirklich alle Argumente / Motive / Aspekte, die einfallen, notieren.
    Was einmal weggeschrieben ist und auf dem Papier / in der Datei steht, kann nicht mehr verloren gehen. Das erleichtert ungemein und bewahrt davor, einen Gedanken im Kopf „fest halten“ zu müssen
    • ggf Diktiergerät neben das Bett legen, um im Dunklen und ohne aufzustehen Gedanken wegspeichern zu können.
      Papier und Stift neben dem Bett gehen auch, sind aber nicht ganz so gut, weil man dafür Licht machen muss.
      Ggf Kuli mit eingebautem Lämpchen besorgen.
  • Andere Gedanken aufnehmen – Buch / Zeitung lesen (KEINE aktivierende Tätigkeiten wie Fernsehen, Internet, Handy o.ä.).
  • Erst wieder ins Bett gehen, wenn man sich wirklich müde fühlt
  • Ggf. leicht sedierende und/oder anxiolytische Medikamente nehmen
    z.B.:
    • Trimipramin
      5 – 20 mg/Tropfen 1 Stunde vor dem schlafengehen
      Trimipramin ist ein altes trizyklisches Antidepressivum und als schlaffördernd bekannt. Anders als viele andere Antidepressiva und Schlafmittel beeinträchtigt es den REM-Schlaf nicht.
      Trimipramin bei AD(H)S
    • Trazodon
      Trazodon bei AD(H)S
  • Manchen Betroffenen hilft eine geringe Dosis an Stimulanzien (1/3 bis 1/2 einer Tageseinzeldosis unretardiert), innere Ruhe zu finden und das Gedankenkreisen zu beenden.

2.8. Lichthygiene – Melatoninunterdrückung vermeiden

  • Kein helles Licht vor dem Schlafengehen oder beim Aufstehen in der Nacht machen. Gedimmtes gelbliches/rötliches Licht vermeidet die Melatoninsuppression, fördert also die Melatoninausschüttung.
  • Warmes Licht hat eine Farbtemperatur von 2700 Kelvin, besser noch niedriger.
    Die meisten LED-Leuchtmittel behalten beim dimmen ihre Farbtemperatur bei; Halogen- und Glühbirnen verlieren beim dimmen an Farbtemperatur, geben also gedimmt ein noch wärmeres Licht mit weniger Blauanteilen.
  • Bläuliches und helles Licht hat unmittelbare Wirkung auf den Melatoninhaushalt und signalisiert dem Körper: es ist morgen, wach auf, werde aktiv.
    Lampen mit 3000 Kelvin werden bereits als Tageslichtfarbe wahrgenommen. Optimales Tagesarbeitslicht hat 5000 Kelvin.
    Leuchtstoffröhren machen kaltes, bläuliches helles Licht: morgens gut, Abends ungünstig.
  • Abends kein bläuliches und kein helles Licht verwenden
    • helles bläuliches Licht unterdrückt Melatonin
      • Melatonin ist schlaffördernd
    • Computer und Smartphones 1 bis 2 Stunden vor Schlafzeit meiden
    • Bildschirmfarbschema (nur für Abends !) rötlich dunkel einstellen.
      Apple hat 2016 aus diesem Grund eigene Farbschemas für seine Smartphones eingeführt, die Abends ein rötlicheres Licht geben, Windows 10 ermöglicht dies seit Oktober 2017.
      Dies lässt sich an jedem Computer und Fernseher einrichten.
    • Es gibt so genannte Computerbrillen, die die bläulichen Lichtanteile herausfiltern. Diese helfen bei abendlicher Bildschirmarbeit, beim Fernsehen oder Lesen die Unterdrückung der Melatoninbildung durch Blaulichtanteile zu vermeiden.
  • Arbeitslicht tagsüber hell, weiss, bläulich
    • Blau angereichertes weißes Licht tagsüber am Arbeitsplatz verbessert Wachsamkeit, Leistung und Schlafqualität, indem es Melatonin unterdrückt.(48)
    • Relevant ist der Wechsel bläulich hellen Lichts tagsüber zu rötlich dunklerem Licht abends.
      • In einer Untersuchung wurde allerdings bei Menschen, denen Linsen implantiert wurden, die bläuliches Licht herausfiltern, die also ständig das gleiche Niveau an Blaulichtanteilen empfingen, keine Verbesserung, aber auch keine Verschlechterung der Schlafes festgestellt.(49)
  • Täglich mindestens 30 Minuten helles Tageslicht im Freien
    • Nach dem Grundprinzip, dass der Wechsel von hellem blauen Licht morgens/mittags und weniger hellem rötlichem Licht abends die schlaffördernde Melatoninproduktion anregt, dürfte – insbesondere in den dunkleren Wintermonaten – ein täglicher Spaziergang um die Mittagszeit bei hellem Licht hilfreich sein. Die Lichthelligkeit im freien ist selbst bei bedecktem Wetter um Dimensionen größer als in hell ausgeleuchteten Innenräumen.
    • Zudem hilft helles Tageslicht (am besten direkte Sonne um die Mittagszeit) bei der Vitamin-D-3-Produktion. Vitamin D3 wird erst ab einem Schwellwert von 18 mj/cm² Lichteinwirkung gebildet. Bereits die transparentesten Glasarten reduzieren die Lichtenergie unter diesen Wert, so dass in Innenräumen selbst an sonnigsten Tagen der Schwellwert der Lichtenergie, ab dem die D-3-Vitaminproduktion einsetzt, nicht erreicht wird. Im Juni wird der Schwellenwert im Aussenbereich in der Mittagszeit binnen 15 Minuten erreicht, im September binnen 30 Minuten. Im Dezember wird der erforderliche Schwellwert selbst bei klarem Himmel nicht einmal erreicht, wenn man den ganzen Tag im Freien verbringt. Während eine maximale Melatoninsupression tagsüber (korrelierend mit subjektiver Munterkeit) bereits bei einem Lichtpegel von 1000 Lux ihr Maximum und bei 100 Lux noch 50 % des Maximums erreicht, wird das Optimum der circadianen Rhythmusbeeinflussung durch bläuliches Licht tagsüber erst bei 9100 Lux erreicht, wobei der 50 %-Wert ebenfalls schon ab 100 Lux erreicht wird. Die Melatonin-Supression bzw. circadiane Wirksamkeit ist in Innenräumen im Gegensatz zur D3-Bildung nicht unterbunden, jedoch halbiert. Diese sollte sich durch helles bläuliches Arbeitslicht ausgleichen lassen.(50)
      10.000 Lux entspricht in etwa einer 300-Watt-Halogenlampe, die auf eine 45 cm entfernte Tischplatte strahlt. Das liegt schon recht weit über dem, was an normaler Beleuchtung an Arbeitsplätzen üblich ist.
  • Lichtstärke in Lux im Durchschnitt:
    • Parkplatz – 20-25 Lux
    • Wohnbereich – 50 bis 200 Lux
    • Öffentliche Räume – 200 Lux
    • Schreibtisch – 500 Lux (Soll)
    • Sonnenlicht im Sommer – bis zu 50.000 Lux(51)
  • Farbtemperatur in Kelvin:
    • Tageslicht: ab 3000 und mehr. Optimale Tageslichtlampen haben bis 5000 Kelvin (je höher, desto bläulicher)
    • Abendlicht: bis 2700 Kelvin und weniger (je weniger, desto gelblicher).

2.9. Genussmitteleffekte ausschalten

  • kein Koffein / Teein / Guarana / Mate / dunkle Schokolade nach 14 Uhr
    Coffein bindet an Adenosin-A1-Rezeptoren, die im Gehirn das Schlafbedürfnis regulieren. Adenosin hemmt das Enyzm Adenylatzyklase, was für die Umwandlung von ATP in cAMP benötigt wird. Diese Hemmung wird durch Coffein verhindert, der cAMP-Spiegel bleibt hoch. Dies erhöht die Wachheit.(52)
    • Koffein:
      • Kaffee
        • Instantkaffee: 39 mg / 100 ml(52)
        • Filterkaffee: 55 mg / 100 ml(52)
        • entkoffeinierter Kaffee: 2 mg / 100 ml(52)
        • Espresso: 133 mg / 100 ml(52)
      • Cola
        • Cola mit Zucker 10 mg / 100 ml(52)
        • Cola light: 12 mg / 100 ml(52)
      • Energydrinks
        • Red Bull, Effect: 32 mg / 100 ml(52)
      • Kakao / Schokolade
        Schokoladenkonsum am Nachmittag oder Abend wird selten als Ursache für Schlafprobleme erkannt, kann aber genau das auslösen.
        • Koffein: je höher der Kakaoanteil, desto mehr Koffein
          • von 10 mg / 100 g (35 % Kakaomasse)(52)
          • bis 142 mg / 100 g (99 % Kakaomasse)(52)
        • Theobrom: je höher der Kakaoanteil, desto mehr Theobrom.
          Theobrom ist wie Koffein ein Methylxanthin. Die ZNS-stimulierende Wirkung ist zwar schwächer als bei Koffein, in Kakao sind jedoch deutlich höhere Mengen enthalten.(52)
          • von 120 mg / 100 g (35 % Kakaomasse)(52)
          • bis 1200 mg / 100 g (99 % Kakaomasse)(52)
      • Tee:
        • Schwarztee: 20 mg / 100 ml(52)
        • Grüntee: 19 mg / 100 ml(52)
        • Matetee: 35 mg / 100 ml(52)
  • kein Alkohol nach 17 Uhr
  • kein Alkohol als (Ein-)Schlafmittel

2.10. Schlafumgebung

  • Wecker / Uhr
    • Wecker ausser Sichtweite
    • Wecker nachts nicht anschauen
  • Handy
    • Handy ist nicht im Raum
    • Handy dient nicht als Wecker
      Beim auf-die-Uhr-schauen würden sonst alle zwischenzeitlichen Nachrichten angezeigt, ebenso morgens direkt beim wecken. Es gibt kaum etwas schädlicheres für Erholung und Abschalten.
  • Abendessen
    • Abendmahlzeit rechtzeitig einnehmen
    • Abendessen leicht halten
  • Wahl des Schlafzimmer
    • stiller und abgelegener Raum
      • nicht zu Strasse oder anderen Unruhequellen hin gelegen
      • falls in dieser Wohnung nicht möglich: umziehen !
    • möglichst keine Nutzung als Ess-/Fernseh-/Arbeitszimmer
    • ggf von Partner getrenntes Schlafzimmer, in das man sich nach dem Gute-Nacht-Kuscheln zurückziehen kann
      Der Partner wird den Zuwachs an Lebensqualität am Tage gegen die getrennte Nachtruhe abwägen können
  • Wahl des Bettes
    • ggf getrennte Matratzen / Rost zu Schlafgenossen
    • Bett breit genug, um ungestört zu schlafen

2.11. Externe Störquellen beseitigen

Bei AD(H)S können durch den weit offenen Reizfilter schon kleinste Störungen, die andere Menschen überhaupt nicht belasten, zu massiven Schlafproblemen führen. Eigenen Maßstab beachten und nicht in die „Normal“-Falle tappen.

  • Temperatur / Lüftung beachten
    • besondere Temperaturempfindlichkeit von AD(H)S-Betroffenen beachten
  • Licht
    • LED von Elektrogeräten abkleben
    • Rolladen schliessen
    • lichtdichte Innenvorhänge
    • Schlafbrille in Erwägung ziehen
  • Geräusche
    • Ohrstöpsel helfen sehr
      Wir kennen Betroffene, die nach der Gewöhnung an Ohrstöpsel erstmals unterbrechungsfrei durchschlafen konnten
      • Eingewöhnungszeit einige Tage
      • verschiedene Ohrstöpselarten ausprobieren
        • Silikonohrstöpsel
          • dämmen sehr gut
          • vor erstmaliger Benutzung leicht an Haut einfetten, gehen sonst schwer aus Ohr heraus. Ab 2. Nutzung problemloser
          • passen sich gut an Ohrform an
        • Schaumstoffohrstöpsel
          • 10 Sekunden im Ohr festhalten
        • Watte-Wachs-Ohrstöpsel

2.12. Medikamente auf schlafstörende Wirkung mit Arzt besprechen

Schlafstörungen können insbesondere verursacht werden durch

  • SSRI
    SSRI können Schlafprobleme bei AD(H)S verstärken(53)
  • Hypnotika(54)
  • Beta-Blocker(54)
  • Alpha-Agonisten(54)
  • Alpha-Blocker(54)
  • Theophyllin(54)
  • Glukokortikoide (Cortisol)(54)
  • Schilddrüsenhormone(54)

2.13. Schlafstörende Grunderkrankungen mit Arzt prüfen

Beispiele:

  • Depressionen(54)
    • bei melancholischer Depression (gutes einschlafen, Aufwache  nach Mitternacht, verkürzter Nachtschlaf) eine kombinierte Einnahme von GABA, Glycin, Taurin und ggf. L-Theanin 2 Stunden vor der Einschlafzeit erwägen, Dies kann die Durchschlafqualität erhöhen. Es handelt sich um inhibierende Neurotransmitter oder diese unterstützende Stoffe, die sämtlich als Nahrungsergänzungsmittel frei erhältlich sind, Trotzdem sollte eine Einnahme nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt erfolgen und die Mittel sollten nacheinander und nicht alle gleichzeitig eindosiert werden. Gabe überwindet die Blut-Hirn-Schranke nicht und wirkt daher nur im Körper. Medikamente, die GABA im Gehirn erhöhen, machen schnell abhängig.
  • Angststörungen(54)
  • chronische Schmerzen(54)
  • rheumatische Erkrankungen(54)
  • koronare Herzkrankheiten(54)
  • Asthma(54)
  • COPD(54)
  • Schlaf-Apnoe-Syndrom(54)
    Atemaussetzer können Symptome verursachen, die AD(H)S gleichen.(55)
    Atemstörungen im Schlaf bei ADHS könnten auf einer Fehlregulierung des mesencephalen Serotoninsystems beruhen.(56)
  • Restless-Legs-Syndrom(54)

2.14. AD(H)S-Behandlung tagsüber verbessert Schlaf

Eine kombinierte Behandlung aus Medikamentierung und Verhaltenstherapie erwies sich in Bezug auf die Verbesserung von Schlafproblemen als wirksamer als eine Behandlung jeweils mit Medikamenten oder Therapie alleine. Eine Verschlechterung des Schlafs ergab sich durch keine Behandlungsart, auch nicht durch die übliche Behandlung mit Methylphenidat.(57)

2.15. Abends wenig / keine Kohlenhydrate essen/trinken

Eine abendliche Aufnahme von Kohlenhydraten führt zu einer vermehrten Insulinausschüttung. Insulin bremst die Ruhe- und Regenerationshormone und die Fettverbrennung. Der Schlaf ist weniger erholsam.(58)

3. Nichtmedikamentöse Behandlung von Schlafproblemen bei AD(H)S

3.1. Binaurale Theta-Wellen-Musik

Vor dem schlafen gehen 1 (bis 2) Stunden binaurale Theta-Wellen Musik über Kopfhörer anhören. (Achtung: nicht Alpha, da dies die Konzentration erhöht und – unmittelbar vor dem Zubettgehen gehört – die Schlafproblematik verstärken würde !) Gegebenenfalls kann man nebenher lesen (Belletristik) oder fernsehen oder surfen (Bildschirm dunkler und rötlicher einstellen).
Näheres hierzu unter Binaurale Musik als Therapie bei AD(H)S und bei Schlafproblemen.

3.2. Schlaftraining

Eine Untersuchung berichtete von einer Halbierung der Schlafprobleme durch ein Schlaftraining bei AD(H)S-betroffenen Kindern zwischen 5 und 8 Jahren.(59)

Das Training informierte mündlich und schriftlich über normalen Schlaf, Schlafzyklen, Schlafstörungen, Schlafhygiene und übliche Strategien zur Behandlung von Verhaltensstörungen.(60) Es umfasst unter anderem die Bedeutung von Schlafhygienemethoden wie konsequente Schlafroutinen und medienfreies Schlafen und referiert auf die von der American Sleep Association empfohlenen Standardstrategien für Schlafinterventionen.(61)

4. Medikamente bei Schlafproblemen bei AD(H)S

4.1. Bei AD(H)S geeignete Schlafmittel / Schlaf-Medikamente

4.1.1. Melatonin

Melatonin wird im Körper aus Serotonin hergestellt und ist im Schlaf-Wach-Rhythmus involviert. Ausschüttung wird durch Licht gehemmt. Höchste Ausschüttung natürlicherweise 3 Uhr nachts.

Handelsname: Circadin (EU), in D verschreibungspflichtig (wie alle melatoninhaltigen Medikamente in D)
Circadin enthält 2 mg Melatonin. In Österreich sind Kapseln bis 5 mg Melatonin erhältlich. In den USA sind melatoninhaltige Medikamente frei erhältlich.

In Bezug auf ältere Menschen (ab 55 Jahren) wurde Wirksamkeit von retardiertem (in der Wirkstofffreisetzung verlängertem) Melatonin recht gut belegt:

  • nachhaltige Verkürzung der Einschlafzeit(62)(63)
  • Verbesserung der Schlafqualität(63)
  • Verbesserung der morgendlichen Aufmerksamkeit und Tagesleistung(64)
  • gleichzeitige Verbesserung von Schlafqualität und morgendlicher Wachheit bei Patienten mit Insomnie(62)

Die Wirkung bei Jetlag wurde in einem Cochrane Review bestätigt.

Wechselwirkungen mit Antithrombosemitteln und Antiepileptika sind möglich.
Ein zu hoher Melatoninspiegel kann Depressionen verursachen (Winterdepression).

4.1.2. Melatonerge Antidepressiva

  • Agomelatin (Handelsname: Valdoxan)
    • Agomelatin hat eine dem Melatonin verwandte chemische Struktur
    • Affinität zu den Melatonin-Rezeptoren vom Typ MT1 und MT2
    • antagonistische Eigenschaften am Serotonin-Rezeptor 5-HT2c (anders als Melatonin)
    • Schlafmittel, das zudem als mögliches AD(H)S-Medikament genannt wird
    • Agomelatin wurde in einer randomisierten Doppelblindstudie mit n = 54 Kindern gegen Methylphenidat getestet. Beide Medikamente schnitten in der Eltern- und Lehrerbeurteilung der Kinder vergleichbar ab. Naturgemäß hatten die mit Agomelatin behandelten Kinder weniger Schlafstörungen.(65)
    • Agomelatin kann Leberprobleme verursachen. Daher müssen die Leberwerte engmaschig kontrolliert werden.
    • Wirkung scheint sehr individuell zu sein. Kann passen, muss nicht.
    • Diskussion von über 50 Anwendern (meist Depressions-Betroffene) über Wirkung und Nebenwerkungen von Agomelatin bei psychiatrietogo.de.(66)
    • Unsere nicht repräsentative Erfahrung mit Agomelatin ist eher negativ. Der uns berichtete Schlaf ist flach und „kalt“. Man fühlt sich nicht erholt.

Siehe auch ⇒ Agomelatin bei AD(H)S

4.1.3. Trizyklische Antidepressiva (TZAD) in Niedrigdosierung

  • Trimipramin
    • 10 bis 30 mg (statt 100 bis 300 mg wie als Antidepressivum) 1/2 bis 1 Stunde vor Schlafengehen. Bei erster Verwendung mit noch geringerer Dosierung testen.
    • angstlösend
    • tiefer, erholsamer Schlaf
    • REM-Phasen bleiben erhalten (bei Trimipramin, anders bei anderen TZAD wie Amitriptylin oder Doxepin)(67)
    • wesentlich geringere Suchtgefahr als Benzodiazepine(67)
    • Die uns berichtete Erfahrung mit Trimipramin ist sehr positiv. Der Schlaf ist sehr erholsam und das Träumen ist nicht verringert.

4.1.4. Dualserotonerge Antidepressiva

  • Trazodon(68)
    • Phenylpiperazin
    • Blockade der 5HT2A-Rezeptoren führt durch Glutamatreduzierung zu Dopaminerhöhung im Striatum und verstärkt serotonerge Neurotransmission über die 5-HT1A-Rezeptoren
    • niedrig dosiert (bis 50 mg): 5HT2A-Rezeptor-Antagonist
    • höher dosiert ausserdem serotonerg und antihistaminerg. Niedrig dosiert (bis 50 mg) wirkt es nicht serotonerg.
    • schlaffördernd bei AD(H)S wenn niedrigdosiert (25 bis 100 mg)
    • Halbwertszeit 5 bis 9 Stunden
    • keine Beeinträchtigung der Sexualfunktionen
    • keine Erhöhung des Körpergewichts
    • hemmt α1-Rezeptoren stark
    • hemmt α2- und H1-Rezeptoren schwach
    • abschwächende Wirkung auf Tremor
    • nicht kontraindiziert bei Glaukom und Prostatabeschwerden
    • keine extrapyramidale Wirkung (keine motorische Unruhe)
    • keine Potenzierung der adrenergen Übertragung
    • keine anticholinerge Aktivität, hat daher nicht die typischen Nebenwirkungen trizyklischer Antidepressiva
    • nicht mit MAO-Hemmern oder (insbesondere wenn hochdosiert) mit serotonergen Medikamenten kombinieren

4.1.5. AD(H)S-Stimulanzien

  • Methylphenidat, Amphetaminmedikamente
  • schlaffördernde Wirkung individuell auszutesten
    Obwohl Stimulanzien grundsätzlich eher aktivierend wirken, hilft manchen Betroffenen tatsächlich eine niedrige Dosis MPH oder Amphetamin vor dem Schlafengehen, indem es das Gedankenkreisen eindämmt. Die Wirkung kann individuell deutlich besser sein als Schlafmittel.
    Bei den meisten regt es zu sehr an, so dass die Medikamentierung über den Tag zum Abend hin reduziert und rechtzeitig beendet werden sollte.
  • Etliche Betroffene berichten, bei Amphetaminmedikamentierung (tagsüber) besser schlafen zu können als bei Methylphenidatmedikamentierung

In der Regel sind Stimulanzien eher schlafhindernd. Es sind jedoch nicht nur Einzelfälle, die berichten, dass eine abendliche Dosis unretardierten MPHs, die etwa einem Drittel bis der Hälfte der tagsüber üblichen Einzeldosies entspricht, beim einschlafen helfen kann.

4.1.6. Koffein, Nikotin

In aller Regel sind Koffein oder Nikotin eher schlafhindernd. Doch sind bei AD(H)S-Betroffenen ebenso wie bei Stimulanzien paradoxe Reaktionen möglich, so dass Koffein oder Nikotin schlaffördernd wirken können. Dies ist individuell auszutesten.(69).

4.1.7. L-Theanin

L-Theanin (5-N-Ethyl-L-Glutamin) ist ein Glutamatantagonist. Ihm wird eine mögliche Verringerung der physischen und psychischen Stressreaktion zugeschrieben.(70)(71)(72)

Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung hat L-Theanin im Tierversuch verschiedene pharmakologische Wirkungen:(73)

  • Blutdruck senkend
  • beeinflusst die Konzentration verschiedener Botenstoffe im Gehirn
  • wirkt Coffeineffekten entgegen
  • deshalb möglicherweise beruhigende und entspannende (sedierende) Wirkung
  • Unbekannt ist,
    • ob weitere Effekte bestehen
    • ob Reaktionsvermögen oder Aufmerksamkeit beeinträchtigt werden
    • ob sich mögliche negative Effekte durch den zusätzlichen Genuss von Alkohol oder Medikamenten verstärken.
  • toxikologische Daten zu L-Theanin sind bislang unvollständig
  • Daher bislang offen, ob und wenn ja in welchen Mengen L-Theanin bei täglicher Aufnahme und isoliertem Einsatz gesundheitlich unbedenklich ist.

In Bezug auf AD(H)S fand eine randomisierte und placebokontrollierte Studie bei Jungen eine schlaffördernde Wirkung bei 400 mg / Tag(74), eine weitere Studie bei 200 mg vor dem Schlafengehen.(75)
Weitere Untersuchungen gibt es offenbar nicht. Eine Metauntersuchung befand, dass die Ergebnisse für Eszopiclon noch besser waren als für L-Theanin(76), jedoch wurde dieses Schlafmittel lediglich in den USA zugelassen, da ihm in der EU der Neuheitsstatus verweigert wurde. Weiter soll L-Theanin die Schlafqualität verbessern, wenig dagegen die Einschlafzeit und die Schlafdauer.(77)

Dagegen gibt es mehrere Studien, die eine positive Wirkung von L-Theanin bei Depression zeigen(78)(79)(80), was unter anderem auf eine Veränderung der Monoaminspiegel in Striatum, Cortex, limbischem System, Pallidum und Thalamus zurückgeführt wurde.(72)

Bei Ratten wurde eine anxiolytische Wirkung und eine Verstärkung der Hippocampusaktivität festgestellt.(81)

4.1.8. Kombinierte Einnahme von GABA, Glycin, Taurin, L-Theanin

Eine kombinierte Einnahme von GABA (750 mg), Glycin (500 mg), Taurin (500 mg) und ggf. L-Theanin 2 Stunden vor der Einschlafzeit kann die Müdigkeit erhöhen (was insbesondere dem nach hinten verschobenen Schlafrhythmus bei manchen AD(H)S-Betroffenen entgegen wirken kann) und die Schlafqualität verbessern.
GABA und Glycin sind inhibierende Neurotransmitter, Taurin erhöht GABA.
Alle Stoffe sind als Nahrungsergänzungsmittel frei erhältlich. Trotzdem sollte eine Einnahme nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt erfolgen und die Mittel sollten nacheinander und nicht alle gleichzeitig eindosiert werden. Oral eingenommenes GABA überwindet die Blut-Hirn-Schranke nicht und wirkt daher nur im Körper. Medikamente, die GABA im Gehirn erhöhen, machen dagegen schnell abhängig. Diese Gefahr besteht bei oral eingenommenem GABA nicht.

4.2. Bei AD(H)S NICHT geeignete Schlafmittel / Schlaf-Medikamente

4.2.1. Benzodiazepine bei AD(H)S meiden

  • Hohe Suchtgefahr von Benzodiazepinen (binnen 14 Tagen)
    Vor dem Hintergrund der Suchtaffinität bei AD(H)S aufgrund der starken Belohnungsverzögerungsaversion bei AD(H)S nicht zu empfehlen
  • Benzodiazepine verringern die Aktivität des Locus coeruleus und reduzieren damit die Produktion und den Transport von Noradrenalin in andere Gehirnteile. Daher sollten sie bei ADHS eher kontraindiziert sein. Eine hilfreiche Wirkung könnte bei ADS bestehen, das von einer überhöhten phasischen Noradrenalinstressantwort gekennzeichnet ist. In Anbetracht der Suchtgefahr ist dies jedoch keine sinnvolle Option.
  • Starke Schlafwirkung
  • Angstlösend
  • Häufig verwendete Wirkstoffe(82)
    • Flurazepam
    • Nitrazepam
    • Temazepam
    • Triazolam

4.2.2. Neuroleptika(82) bei (reinem) AD(H)S nicht angezeigt

  • wie Antidepressiva keine typischen Schlafmittel, sondern zur Behandlung von psychischen Störungen
  • können aufgrund beruhigend-dämpfenden Wirkung auch bei Schlafstörungen helfen, vornehmlich wenn diese durch Psychosen verursacht werden
  • bei ADHS mit spezifischen Komorbiditäten (z.B. aus dem Autismusspektrum) ggf sinnvoll(83)

4.2.3. Pipamperon

Pipamperon blockiert

  • primär Serotoninrezeptoren
  • gering D2-Rezueptoren
  • gering D4-Rezeptoren
  • gering Alpha1-Adrenozeptoren

Da bei AD(H)S häufig bereits eine verringerte Empfindlichkeit des D4-Rezeptors vorliegt, die aufgrund des Wegfalls der inhibierenden D4-Rezeptor-Wirkung für die Überreaktivität des Striatums mit verantwortlich gemacht wird (Stichwort: DRD4-7R) scheint uns eine zusätzliche Beeinträchtigung des D4-Rezeptors eher kontraproduktiv.

4.2.4. SSRI (Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer)

Antidepressiva sind grundsätzlich geeignet, depressionsinduzierte Schlafprobleme zu beheben.
SSRI können jedoch Schlafprobleme bei AD(H)S verstärken(53)

SSRI reduzieren den REM-Schlaf um 30 %.(84)

REM-Schlaf(85)
  • essentiell, um Neurotransmittergleichgewicht im Gehirn wiederherzustellen (Abbau Adenosin, Aufbau Glykogen in Astrozyten; besonders bei non-REM)
  • Strukturentlastung (Serotonin Raphekerne etc.)
  • REM-Schlaf in ersten Lebensjahren besonders wichtig; Training sensomotorischer Fähigkeiten; Training sonst nicht genutzter Verhaltensweisen
    • Neugeborene schlafen 16 bis 18 Stunden, davon 50 % = 8 – 9 Stunden REM
    • 10-jährige Kinder haben noch 2 – 2,5 Stunden REM-Schlaf

4.3. Weitere Schlafmittel

Zu den folgenden Schlafmitteln haben wir (noch) keine spezifischen Hinweise, ob diese bei AD(H)S besonders angezeigt oder kontraindiziert sind. Für Hinweise sind wir dankbar.

4.3.1. Nicht-Benzodiazepin-Agonisten

  • andere Struktur als Benzodiazepine
  • wirken an den gleichen Rezeptoren wie Benzodiazepine

  • Wirkstoffe u.a.:

    • Zaleplon
    • Zolpidem

    • Zopiclon

      GABA-Rezeptor-Agonist
      Sedativum neuer Generation – Z-Drug

      Handelsnamen: Imovane (D, CH), Optidorm (D), Somnal (A), Somnosan (D), Ximovan (D), Zopiclodura (D), Zopitin (CZ), diverse Generika, Lunesta (USA)

  • geringere Abhängigkeitsgefahr als Benzodiazepine (anders zumindest wohl Zopiclon)
    Es bleibt jedoch eine Abhängigkeitsgefahr bestehen, weshalb wir es als Schlafmittel bei AD(H)S-Betroffenen nicht befürworten.

4.3.2. Barbiturate

  • nur noch einzusetzen, wenn andere Schlafmittel nicht wirken
  • starke Nebenwirkungen, Überdosierung kann tödlich sein

4.3.3. Antihistaminika der ersten Generation

  • neben Linderung von Allergiebeschwerden auch sedierend
  • Wirkstoffe u.a.:
    • Doxylamin
    • Meclozin
    • Promethazin

Zuletzt aktualisiert am 04.11.2019 um 02:25 Uhr


56.)
Steinhausen, Rothenberger, Döpfner (2010): Handbuch ADHS, Seite 87: Verweis auf Kapitel 15 - (Position im Text: 1)
85.)
Studentenskript zur Vorlesung NEUROPSYCHOLOGIE Zimmer WS 2011/12 Uni Köln - (Position im Text: 1)

1 Gedanke zu “Schlafprobleme bei AD(H)S”

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