Melatonin bei ADHS
Melatonin ist ein Hormon. Es wird von der Zirbeldrüse über mehrere Zwischenschritte aus Tryptophan hergestellt. Eintretende Dunkelheit (der Wegfall der melatoninhemmenden Helligkeit) wird über die Netzhaut registriert und regt über den Nucleus suprachiasmaticus im Hypothalamus die Melatoninproduktion an. Melatonin reguliert den circadianen Rhythmus. Blinde haben häufiger Schlafprobleme und profitieren von einer Melatoningabe.1 In Deutschland ist unretardiertes Melatonin bis zu einer Dosis von 1 mg frei erhältlich.2 In den USA ist Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel frei erhältlich. In anderen Ländern, wie z.B. Australien und Skandinavien, ist Melatonin verschreibungspflichtig.
Melatonin scheint bei Erwachsenen wie bei Kindern mit ADHS ein wirksames, verträgliches und sicheres Mittel zur Behandlung komorbider Schlafstörungen zu sein. Berichte über unangemessene Nebenwirkungen sind uns nicht bekannt.
Einschlaf- und Durchschlafprobleme treten bei 15 % bis 25 % aller Kinder und Jugendlichen und bei 25 bis 50 % derjenigen mit ADHS auf. Etliche Studien und Reviews belegen den Nutzen von Melatonin bei Schlafstörungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS, ASS oder anderen neuropsychiatrischen Störungen, bei zugleich minimalen Nebenwirkungen.3 Es gibt nur wenige Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit der Langzeitanwendung von Melatonin.45 Andere berichten von 75 % zirkadianen Störungen bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS.6
Ein systematischer Review von 62 Studien mit insgesamt 4.462 ADHS-Probanden fand konsistente Hinweise darauf, dass ADHS mit einem Abend-/Spät-Chronotyp und einer Phasenverzögerung von circadianen Phasenmarkern wie z.B. schwachem Melatonineintritt bei Dämmerlicht und verzögertem Schlafbeginn assoziiert ist. Es zeigten sich Hinweise auf eine wirksame Behandlung von Schlafproblemen bei ADHS durch Melatonin. Eine kleine Anzahl genetischer Assoziationsstudien berichtet Verbindungen zwischen Polymorphismen in circadianen Clock-Genen und ADHS-Symptomen. Insgesamt fanden sich konsistente Hinweise auf eine Störung des circadianen Rhythmus bei ADHS.7
Etliche weitere Metastudien und Reviews zu Schlafproblemen bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS bestätigten ebenfalls, dass Melatonin ohne nennenswerte Nebenwirkungen die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafqualität verbessern kann.891011
Bei ADHS-bezogenen Einschlafproblemen wird unretardiertes Melatonin zwischen 0,5 und 3 mg empfohlen (Plasmahalbwertszeit ca. 20–50 Minuten, Wirkdauer 3–4 h), wobei die Einnahme mindestens ca. 1 Stunde vor dem Schlafengehen und nicht nach Mitternacht erfolgen sollte.12
Bei Durchschlafproblemen (typischer bei älteren Erwachsenen) kann retardiertes Melatonin sinnvoll sein.
- 1. Melatonin gegen Schlafstörungen
- 2. Dosis und Zeitpunkt der Melatonineinnahme
- 3. Sonstiges zu Melatonin
1. Melatonin gegen Schlafstörungen
1.1. Melatonin gegen Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen
1.1.1. Melatonin gegen Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS
Melatonin ist nach verschiedenen Studien auch bei Schlafproblemen bei Kindern mit ADHS wirksam,1314151617 während Melatonin auf die ADHS-Symptome selbst keinen direkten Einfluss zeigt.18
In einer Studie mit 74 Kindern und Jugendlichen mit ADHS (Mittel 11,6 Jahre), die MPH erhielten, zeigten 60,8 % auf eine Melatoninbehandlung (mittlere Dosis 1,85 mg/Tag) eine große oder sehr große Verbesserung des Schlafverhaltens.19 Eine kleine Studie fand ein verbessertes Einschlafverhalten, weniger Durchschlafstörungen und mehr Schlaf durch Melatonin in einer Gruppe von Kindern mit psychischen Störungen, u.a. ADHS. Es traten keine ernsthaften Nebenwirkungen auf.20
Ein systematischer Review zur Behandlung von Schlafproblemen bei ADHS bei Kindern und Jugendlichen fand für Melatonin einen positiven Einfluss auf das Einschlafverhalten, die Schlafdauer und die Schlafqualität. Clonidin verbesserte Schlaflosigkeit ebenfalls (weshalb wir dies auch für Guanfacin vermuten), Zolpidem und L-Theanin zeigten dagegen kaum Verbesserungen.21
Eine Metaanalyse zur Nutzung von Melatonin zur Behandlung von Schlafproblemen bei Kindern mit ADHS berichtet, dass als ergänzende Pharmakotherapie häufig Melatonin verschrieben wird, wenn eine Optimierung der Stimulanzieneinstellung, Schlafhygiene und Verhaltenstherapie nicht ausreichten. Melatonin reguliert Schlafstörungen im circadianen Rhythmus, wie z.B. Einschlafstörungen bei Kindern mit ADHS. Vier Studien bei Kindern von 6 bis 14 Jahren mit ADHS und Schlaflosigkeit zeigten eine Verbesserung des Schlafbeginns und der Schlaflatenz. Unerwünschte Ereignisse waren in allen Studien vorübergehend und mild.22 Eine weitere Metaanalyse fand ebenfalls eine signifikante Verbesserung der Schlafdauer und des Schlaflatenzbeginns bei Kindern mit ADHS oder ASS im Vergleich zu Placebo, bei zugleich hoher Ansprechrate. Melatonin wurde im Dosisbereich von 2 bis 10 mg/Tag bei Kindern und Jugendlichen in kurzen wie langen Anwendungstests bei geringen Nebenwirkungen gut vertragen.23 Weitere Reviews stützen diese Ergebnisse.2425
Eine Metastudie fand bei Kindern und Erwachsenen mit Einschlafstörungen eine Vorverlegung der Einschlafzeit um 40 Minuten und eine Verringerung der Zeitdauer bis zum Einschlafen um 24 Minuten durch Melatonin.9
Eine Kohortenstudie aus Schweden zeigte, dass 2017 rund 2 % aller Kinder von 0 bis 17 Jahren mindestens einmal Melatonin verschrieben erhalten hatten. Insgesamt nahm die Melatoninverschreibung von 2006 bis 2017 bei Mädchen um das 15-Fache, bei Jungen um das 20‑Fache zu. 15 % der Mädchen und 17 % der Jungen, die 2009 im Alter von 5 bis 9 erstmals Melatonin verschrieben bekamen, erhielten dies über die folgenden 8 Jahre durchgängig weiter. Die Hälfte der Kinder, die Melatonin verschrieben bekamen, hatte mindestens eine psychische Störung. Die häufigste psychische Störung war ADHS, in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern.26
Dies deckt sich mit einer anderen schwedischen Kohortenstudie, wonach 40 % der Mädchen und 50 % der Jungen im Alter von 5 bis 9 Jahren, die 2010 regelmäßig Melatonin erhielten, nach 3 Jahren weiterhin regelmäßig Melatonin bekamen. Bei den 15- bis 19-Jährigen waren 3 Jahre später nur noch etwa 10 % regelmäßige Nutzer. Im Jahr 2013 bekamen 65 % der Jungen und 49 % der Mädchen, die Melatonin regelmäßig einnahmen, zugleich regelmäßig ADHS-Medikamente. Die tägliche Dosierungshöhe von Melatonin schien sich zwischen 2006 und 2012 um fast 30 % verringert zu haben.27
Ebenso zeigt eine norwegische Kohortenstudie einen kontinuierlichen Anstieg der Nutzung von Melatonin (in Norwegen off-label), wobei vornehmlich Schlafprobleme, die komorbid zu anderen Störungsbildern auftraten, behandelt wurden. Eine große Anzahl der Kinder setzte die Behandlung über 3 Jahre bei täglicher Einnahme fort. Die Dosierung im dritten Jahr lag bei Jungen im Jahresschnitt bei 2,95 mg (1,60 bis 4,93 mg) / Tag und bei Mädchen bei 2,47 mg (1,10 bis 4,44 mg) pro Tag.28
Eine sehr große Kohortenstudie mit 48.296 ADHS-Betroffenen zwischen 0 und 17 Jahren von 2008 bis 2012 fand, dass 30 % davon neben den ADHS-Medikamenten weitere Medikamente erhielten, wobei Melatonin das am häufigsten gegebene weitere Medikament war, vor Antidepressiva und Antipsychotika.29
In Anbetracht dieser Dimensionen ist es schwer vorstellbar, dass Melatonin ohne entsprechenden Nutzen eingesetzt worden wäre oder dass schwerwiegende Nebenwirkungen von Melatonin nicht aufgefallen wären.
In einer kanadischen Umfrage war Melatonin mit 73 % das am häufigsten von Ärzten gegen Schlafstörungen bei Kindern eingesetzte Medikament, unabhängig von daneben bestehendem ADHS.30
In einer japanischen Umfrage zeigte sich, dass knapp die Hälfte der Kinder mit Einschlafschwierigkeiten mit Melatonin behandelt wurden (n = 220). Die folgende Studie zeigte wirksame Dosen zwischen 0,2 und 8 mg, je nach Alter (n = 254).31
1.1.2. Melatonin gegen Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus
Dosen von 1-4 mg 30-60 Minuten vor dem Schlafengehen verbesserten die Einschlaflatenz signifikant.3233
1.2. Melatonin gegen Schlafstörungen bei Erwachsenen mit ADHS
1.2.1. Melatonin gegen Schlafstörungen bei Erwachsenen mit ADHS
Eine internationale Expertengruppe kam in einem Review von 41 Studien zu dem Ergebnis, das retardiertes Melatonin (2 – 10 mg, 1 – 2 Stunden vor der Schlafenszeit) bei Erwachsenen mit Schlaflosigkeitssymptomen oder komorbider Schlaflosigkeit bei affektiven Störungen, Schizophrenie, Autismus-Spektrum-Störungen, neurokognitiven Störungen oder während des Absetzens von Sedativa-Hypnotika hilfreich sein kann, während bei Erwachsenen mit Störungsbildern, die mit circadianen Schlafproblemen einhergehen (wie ADHS), eher unretardiertes Melatonin (1 mg und weniger) sinnvoll sei.34
Eine französische Expertenkommission befand Melatonin als ein hilfreiches Medikament für Erwachsenen mit Schlafstörungen und komorbiden psychischen Störungen wie ADHS.35
Eine Metastudie fand durch Melatonin bei Kindern und Erwachsenen mit Einschlafstörungen eine Vorverlegung der Einschlafzeit um 40 Minuten und eine Verringerung der Zeitdauer bis zum Einschlafen um 24 Minuten. (Metastudie, k = 9)36
1.2.2. Melatonin gegen Schlafstörungen bei älteren Erwachsenen mit primärer Insomnie
Bei älteren Erwachsenen (ab 55 Jahren) zeigen 2 mg retardiertes Melatonin bessere Effekte, insbesondere auf die Schlafeffizienz. als unretardiertes Melatonin.37
2. Dosis und Zeitpunkt der Melatonineinnahme
Je nach Zeitpunkt einer Melatonineinnahme hat diese unterschiedliche Wirkungen.
Eine Einnahme unmittelbar bis (optimalerweise) 3 Stunden vor Schlafbeginn von 2 bis 4 mg verkürzt die Einschlaflatenz und verbessert die Schlafqualität, ohne den zirkadianen Rhythmus zu beeinflussen.
Eine Einnahme 7 Stunden vor Schlafbeginn (hier geringere Dosen) verschiebt den zirkadianen Rhythmus nach vorn. und verbessert dadurch auch die Einschlaflatenz und die Schlafqualität. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass dies eine bestehende ADHS-Symptomatik verringern könnte.
Glossar:
- Einschlaflatenz, (Sleep latency, SOL):
- Zeit vom Zubettgehen / Lichtaus bis zum ersten Eintreten von Schlaf. Messung erfolgt in Minuten. Geringer ist besser.
Wake after sleep onset (WASO): Summe aller Wachphasen nach dem ersten Einschlafen bis zum endgültigen morgendlichen Erwachen. Misst die Schlafkontinuität / Durchschlaffähigkeit. Geringer ist besser.
- Zeit vom Zubettgehen / Lichtaus bis zum ersten Eintreten von Schlaf. Messung erfolgt in Minuten. Geringer ist besser.
- Schlafeffizienz (Sleep Efficiency, SE):
- Prozent der im Bett verbrachten Zeit, die tatsächlich geschlafen wurde. Werte ≥ 85 % gelten konventionell als normal. Höher ist besser,
Berechnung der Schlafeffizienz (SE) = Total Sleep Time (TST) / Time in Bed (TIB) × 100 %
- Prozent der im Bett verbrachten Zeit, die tatsächlich geschlafen wurde. Werte ≥ 85 % gelten konventionell als normal. Höher ist besser,
- Gesamtschlafdauer (Total Sleep Time, TST):
- Insgesamt geschlafene Zeit in Minuten. Höher ist besser.
- Schlafqualität (Sleep Quality, SQ):
- Definition erfolgt je nach Studie. Schlafqualität kann ein subjektiv berichteter Wert, standardisiert z. B. via Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI), Schlaftagebuch oder Insomnia Severity Index (ISI) sein, oder ein durch Aktigraphie / PSG gemessener Wert sein, der mehrere Parameter berücksichtigen kann: SE, WASO, Anzahl Awakenings, Schlafarchitektur (% N3, % REM), Schlaffragmentations-Index, ggf. SOL.
2.1. Melatonin (bis) 3 Stunden vor Schlaf: (Ein-)Schlafverbessernd
Während 7 Stunden vor oder mehrere Stunden nach der Schlafenszeit eingenommenes unretariertes Melatonin den zirkadianen melatonergen Rhythmus nach vorne bzw, nach hinten verschiebt, beeinflusst unmittelbar vor dem Schlaf genommenes unretariertes oder retardiertes Melatonin den DLMO wenig.
Melatonin erreichte bei Kindern seine maximale Wirksamkeit bei einer Dosis zwischen 2 und 4 mg/Tag, 3 Stunden vor dem Schlafengehen. Dabei korrelierte (Metastudie, k = 21)38
- eine Verkürzung der Einschlafzeit mit einer frühen Einnahme im Verhältnis zur Schlafenszeit
- eine Erhöhung der Schlafeffizienz und der Gesamtschlafdauer mit einer längeren Behandlungsdauer
Bei Erwachsenen waren Dosen von 3 (bis 5) mg 3 Stunden vor Schlafbeginn optimal, um die Einschlaflatenz zu verringern und die Schlafdauer zu erhöhen. Die meisten Studien verwendeten dagegen 2 mg Melatonin 30 Minuten vor dem Schlafengehen. (Metastudie, k = 26 RCT, n = 1.689)39 Studien mit einer Einnahme von mehr als 3,5 Stunden vor der Schlafphase waren in der Metastudie nicht enthalten. Bis zu einer Dosis von 3 bis 5 mg verringerte sich die gepoolte Einschlaflatenz, darüber stieg sie wieder langsam an. Interessanterweise war eine Dosis von 1 mg sogar mit verschlechterten Ergebnissen verbunden. Bei Patienten mit Schlaflosigkeit war Melatonin weniger wirksam als bei gesunden Kontrollen, und die Wirksamkeit von Melatonin stieg mit einer Vorverlegung des Einnahmezeitpunkts im Verhältnis zur Schlafphase allmählich an.
Melatonin zur direkten Schlafförderung: 45 Studien + 1 Metastudie zu Einnahme max. 2 Stunden vor Schlafbeginn
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme (in Min / h) vor Schlafengehen | Anzahl Pro-banden | Verbesserung Einschlaflatenz (SOL) | Verbesserung Schlafdauer (TST) | Verbesserung Schlafqualität (SQ) / Schlafeffizienz (SE) | Studie |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| _________________ | _________ | ___________ | ___________ | ___________ | |||
| ADHS: Kinder und Jugendliche mit Schlafproblemen | |||||||
| Kinder mit ADHS, 6–14 J. unter Stimulanzien (Nonresponder auf Schlafhygiene) | 5 mg unretardiert | 20 Min vor Schlafenszeit | n = 27 | 60 Min schneller durch Schlafhygiene + Melatonin | unbekannt | verbessert, ADHS-Symptome unverändert | Weiss et al., 200640 |
| Kinder mit ADHS unter MPH 1 mg/kg, 7–12 J. | 3 oder 6 mg Melatonin unretardiert oder Placebo | 30 Min vor Schlafenszeit, 8 Wochen | N = 50 | Schlafonset signifikant früher; Bedtime-Resistenz reduziert | signifikant erhöht | Schlafqualität verbessert; ADHS-Symptome unverändert | Mohammadi et al., 201241 |
| Kinder mit ADHS und MPH-induzierter Insomnie, 9,5 bis 14 Jahre | mittlere Dosis 1,85 mg unretardiert (titriert in 0,5 mg-Schritten, 1 bis 2,7 mg) | 60–120 Min vor Schlafenszeit, ≥ 4 Wochen | n = 74 | signifikant reduziert | unbekannt | CGI-I mehrheitlich viel oder sehr viel verbessert | Masi et al., 201942 |
| Kinder mit ADHS und hoher SOL (mittel 135 Min.) | unbekannt | vor dem Schlafengehen | n = 24 | SOL um über 1 Stunde kürzer | unbekannt | Tjon Pian Gi et al., 200243 | |
| Kinder mit ADHS-C unter MPH, 7 - 12 Jahre | 3 bis 6 mg Melatonin nach Gewicht vs. Placebo | N = 50, n = 26 | SOL kürzer (18 Min vs. 23,2 Min) | Schlafdauer + 51 Min. | Durchschlafstörungen verringert | Längenwachstum und Gewichtszunahme verbessert, Appetit korrelierte mit Schlafdauer, unabhängig von Melatonin | Mostafavi et al., 201244 |
| Schlafphasenverzögerungssyndrom (DSPD) | |||||||
| DSPS mit verzögertem Melatoninrhythmus im Vergleich zu Schlafenszeit | 0,5 mg unretardiert | 1 Stunde | n = 116 | -34 Min früher (95% CI: -60 bis -8) | unbekannt | Schlafeffizienz erhöht; PROMIS-Scores verbessert | Sletten et al. 201845 |
| Kinder und Jugendliche mit Autismus | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Kinder mit ASS | 1 mg | Vor dem Schlafengehen | n = 65 | -22,0 Min (p0,0001 vs. Placebo -5,0 Min) | unbekannt | unbekannt | Hayashi et al. 202232 |
| Kinder mit ASS | 4 mg | Vor dem Schlafengehen | n = 65 | -28,0 Min (p0,0001 vs. Placebo -5,0 Min) | unbekannt | unbekannt | Hayashi et al. 202232 |
| Kinder mit ASS, 4-10 Jahre | 3 mg retardiert (1 mg sofort, 2 mg binnen 6 Stunden) | 21:00 Uhr | n = 32, N = 64 | Aktigraphie: -34,39 Min; CSHQ-SOD: -0,83 | unbekannt | unbekannt | Cortesi et al., 201246 |
| Kinder und Jugendliche mit ASS, 2-17,5 Jahre | 2-5 mg retardiert, auftitriert | 30-60 Minuten | n = 125 | -25,3 Min (95% CI: -44,7 bis -5,9) | unbekannt | unbekannt | Gringras et al., 201747 |
| Kinder und Jugendliche mit ASS, 3-16 Jahre | 2 mg bis max. 10 mg unretardiert, auftitriert bis “gute Ergebnisse” | 30-40 Minuten | N = 17 | -46,7 Min | +52 Min | nächtliches Erwachen unverändert | Wright et al., 201148 |
| Kinder mit ASS, mittel 5 J. | 5 mg unretardiert | 20 Min, je 4 Wochen Crossover | n = 7 | Schlaflatenz von 2,6 Std auf 1,06 Std reduziert | Von 8,05 auf 9,84 Stunden verlängert | Nächtliches Erwachen auf 30 % reduziert | Garstang & Wallis 200649 |
| Kinder mit ASS, Fragiles-X-Syndrom oder beidem, 2–15 J., Schnitt 5,5 J. | 3 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, je 2 Wochen Crossover | n = 12 | 28 Min schneller, 42 Min früher | 21 Min länger | Wirojanan et al., 200950 | |
| Kinder mit ASS, 3–10 J. | 1 (bn = 7), 3 (n = 14), 6 (n = 3) mg unretardiert (Dosis-Titration) | 30 Min vor Bedtime, 14 Wochen Open-Label nach 2 Wochen Placebo-Run-In | n = 24 | 16 Min schneller | 15 Min länger | Verbesserung in Schlaf-, Verhalten- und Eltern-Stress-Skalen | Malow et al., 201251 |
| Kinder mit ASS und Asperger-Syndrom, 6–17 J. (Open-Label, kein RCT) | 3 mg unretardiert | abends vor Bedtime, 14 Tage | n = 15 | 18 Min schneller | unverändert | Verhaltensmaße signifikant verbessert (Effekt verschwand nach Absetzen) | Paavonen et al., 200352 |
| Kinder mit neurodevelopmentaler Behinderung incl. ASS und DSPS, 2–18 J. | 5 mg retardiert (CR) | abends vor Bedtime, je 10 Tage Crossover, dann 3 Mo Open-Label | n = 50 | 34 Min kürzer | 30 Min länger | Klinische und globale Funktion verbessert; Familien-Stress reduziert | Wasdell et al., 200853 |
| Kinder mit neurodevelopmentalen Störungen (~60 davon mit ASS), 3–15 J. (MENDS-Studie) | 0,5 / 2 / 6 / 12 mg unretardiert (titriert) | 45 Min vor Bedtime, 12 Wochen | n = 146 | 58,3 Min kürzer (Aktigraph) | 15,7 Min länger | 7,3 % weniger Nächte mit unzufriedenstellendem Schlaf | Gringras et al., 2012 (MENDS)54 |
| Kinder und Jugendliche mit anderen Störungen | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlafengehen | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Kinder mit Rett-Syndrom, 10 J. | 2,5–7,5 mg unretardiert | abends vor Bedtime, je 4 Wochen Crossover | n = 9 | 19 Min schneller (p < 0,05) | TST +22 Min (n.s.) | Aufwachen unverändert | McArthur & Budden, 199855 |
| Kinder mit Angelman-Syndrom mit chronischer Insomnie, 2–15 J. | 2,5–5 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, je 4 Wochen Crossover | n = 8 | 32 Min schneller (p < 0,001) | 56 Min länger (p = 0,001) | Aufwachen signifikant reduziert | Braam et al., 200856 |
| Kinder und Jugendliche mit chronischer (idiopathischer) Schlafstörung | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Zeit vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Kinder mit idiopathischer CSOI, 6–12 J. | 5 mg unretardiert | 19:00 Uhr (~ 2–3 Std vor Bedtime) | n = 62 | 17 Min (Latenz) / 57 Min. schneller (Onset) (p < 0,001) | 33 Min länger | RAND-GHRI / FS-II Gesundheits- & Schlafstatus signifikant verbessert | Smits et al., 200357 |
| Erwachsene ab 45 Jahre | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Primäre Insomnie im Alter 45 bis 60 Jahre | 3 mg unretardiert | 1 Stunde | n = 51 (Melatonin-Gruppe), N = 97 (gesamt) | Keine signifikante Verbesserung | -30,63 Min frühere Wachzeit (p=0,001) | PSQI unverändert | Xu et al. 202058 |
| Erwachsene mit Insomnie ab 51 Jahren | 0,1 mg | 30 Minuten | n = 15 | nicht signifikant | Verbesserung berichtet | Schlafeffizienz: 84% (vs. 78% Placebo) | Zhdanova et al. 200159 |
| Erwachsene mit Insomnie ab 51 Jahren | 0,3 mg | 30 Minuten | n = 15 | nicht signifikant | Verbesserung berichtet | Schlafeffizienz: 88% (vs. 78% Placebo, p0,0001) | Zhdanova et al. 200159 |
| Erwachsene mit Insomnie ab 51 Jahren | 3 mg | 30 Minuten | n = 15 | nicht signifikant | Verbesserung berichtet | Schlafeffizienz: 84% (vs. 78% Placebo) | Zhdanova et al. 200159 |
| Erwachsene ab 55 Jahren | 2 mg retardiert | unbekannt | n = 170 | Patientenberichte, variabel | +2,2 Min vs. Placebo | Verbesserung der Schlafqualität | Lemoine et al., 200760 |
| Erwachsene ab 55 Jahren | 2 mg retardiert | 2 Stunden vor Schlafbeginn, nach Essen | n = 40 | 6,9 Min / | 10,6 Min schneller vs. Placebo | unbekannt | Luthringer et al., 200961 |
| Erwachsene 55 bis 80 Jahre | 2 mg retardiert | 2 Stunden vor Schlafbeginn | N = 354, n = 171 | 24,3 Min (3 Wochen, 65-80 Jahre); 25,9 Min schneller (19 Wochen, 65-80 Jahre) | unbekannt | Verbesserung der Schlafqualität | Wade et al., 200762 |
| Erwachsene ab 55 Jahre (Schnitt 64,2 Jahre) | 0,3 mg | 30 Minuten | n = 24 | unbekannt | Trend zur Erhöhung (hauptsächlich tagsüber) | Schlafeffizienz erhöht (hauptsächlich biologischer Tag) | Duffy et al., 202263 |
| Erwachsene ab 56 Jahre (Schnitt 64,2 Jahre) | 5 mg | 30 Minuten | n = 24 | unbekannt | Signifikante Erhöhung (Tag und Nacht) | Schlafeffizienz signifikant erhöht (Tag und Nacht) | Duffy et al., 202263 |
| Erwachsene mit chronischer Insomnie, 70-90 Jahre | 2 mg unretardiert | 2 Stunden | n = 24 | Signifikante Verbesserung nach 1 Woche | unbekannt | Schlafeffizienz: 78,8% (vs. 77,4% Placebo) | Haimov et al., 1995 64 |
| Erwachsene mit chronischer Insomnie, 70-90 Jahre | 2 mg retardiert | 2 Stunden | n = 24 | Signifikante Verbesserung nach 1 Woche | unbekannt | Schlafeffizienz: 80,4% (vs. 77,4% Placebo) | Haimov et al., 1995 64 |
| Erwachsene mit chronischer Insomnie, 70-90 Jahre | 1 mg retardiert | 2 Stunden | n = 17 | Signifikante Verbesserung nach 2 Monaten | unbekannt | Schlafeffizienz: 84,3% (vs. 77,4% Placebo) | Haimov et al., 1995 64 |
| Erwachsene mit primärer Insomnie | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Gesunde mittelalte Probanden | 0,3 mg unretardiert | abends vor Bedtime | n = 15 (Crossover) | 4,1 Min schneller, 5,8 Min früher | 8,4 Min länger | Schlafeffizienz tendenziell erhöht | Attenburow et al., 199665 |
| Gesunde mittelalte Probanden | 1,0 mg unretardiert | abends vor Bedtime | n = 15 (Crossover) | 3,6 Min schneller, 10,9 Min früher | 21,6 Min länger (signifikant) | Schlafeffizienz signifikant erhöht | Attenburow et al., 199665 |
| Erwachsene mit primärer Insomnie, 18–80 J. | 2 mg retardiert (PRM) | 2 Std vor Bedtime, 3 Wochen + 26 Wochen | n = 791 | 19,1 Min schneller bei ≥ 55 J. | ca. 40 Min länger | PSQI und WHO-5 signifikant verbessert | Wade et al., 201066 |
| Erwachsene mit Intellektueller Behinderung | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Erwachsene und Kinder mit intellektueller Behinderung und chronischer Insomnie | 5 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, 4 Wochen | n = 51 | 29 Min kürzer, 34 Min früher (p < 0,001) | 48 Min länger | 40 % seltener Aufwachen/Nacht | Braam et al., 200867 |
| Erwachsene mit ID und chronischer Insomnie (Folge-RCT zu Tagesverhalten) | 5 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, 4 Wochen | N = 49, n = 27 | 40 Min schneller | 53 Min länger | 30 % seltener nächtliches Erwachen, herausforderndes Verhalten tags signifikant reduziert | Braam et al., 201068 |
| Erwachsene und Kinder mit ID | 0,5–10 mg unretardiert oder retardiert | variabel | 34 Min schneller | 50 Min länger | nächtliches Erwachen verringert | Braam et al., 2009 (Matastudie, k = 9 RCTs, n = 183)69 | |
| Erwachsene: Senioren mit Insomnie und Demenz | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz (SOL) | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Ältere Patienten (~ 76 J.) mit Insomnie und chronischen Erkrankungen | 2 mg retardiert | 2 Std vor Bedtime, 3 Wochen | n = 12 (Crossover) | SOL 24 Min schneller (nicht signifikant), WASO 49 min kürzer (signifikant) | unverändert | Sleep efficiency und subjektive Schlafqualität signifikant verbessert | Garfinkel et al., 199570 |
| Patienten mit Alzheimer-Demenz und nächtlicher Schlafstörung | 2,5 mg retardiert oder 10 mg unretardiert | 1 Std vor Bedtime, 8 Wochen | n = 157 (3-armig) | unverändert (aktigraphisch) | unverändert (aktigraphisch) | Trends, aber keine signifikanten Effekte | Singer et al., 200371 |
| Patienten mit institutionalisierter Alzheimer-Demenz | 8,5 mg unretardiert + 1,5 mg retardiert | 22:00 Uhr, 10 Tage | N = 41 | unverändert (aktigraphisch) | unverändert (aktigraphisch) | nverändert (aktigraphisch); auch Agitation unverändert | Gehrman et al., 200972 |
| Patienten mit milder bis moderater Alzheimer-Demenz, 75 J. | 2 mg retardiert (Add-on zu Standardtherapie) | 1–2 Std vor Bedtime, 24 Wochen | n = 80 | unbekannt | unbekannt | PSQI signifikant verbessert; ADAS-Cog und IADL signifikant besser bei Alzheimer mit Insomnie | Wade et al., 201473 |
| Erwachsene mit Parkinson | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Parkinson mit Schlafstörung | 3 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, 2 Wochen | n = 18 | nicht signifikant (PSG) | nicht signifikant | subjektive Schlafqualität (GSDS) verbessert; PSG-Parameter unverändert | Medeiros et al., 200774 |
| Parkinson mit REM-Schlafverhaltensstörung | 4 mg retardiert | unmittelbar vor Bedtime, 8 Wochen | n = 30 | unbekannt | unverändert | Keine signifikante Reduktion von REM-Schlafstörung | Gilat et al., 202075 |
| Parkinson mit Schlafstörung | 50 mg (sehr hoch dosiert) | 30 Min vor Bedtime, 2 Wochen | n = 40 | unbekannt | 5 Min länger (5 mg) , 8 min länger (50 mg) | subjektive Schlafqualität signifikant verbessert | Dowling et al., 200576 |
| Erwachsene: Schichtarbeiter | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Krankenschwestern im Nachtschichtdienst, 24–46 J. | 5 mg unretardiert | 30 Min vor Tagschlaf nach Nachtschicht | n = 86 (Crossover) | subjektive SOL signifikant verkürzt vs. Placebo und Baseline | unverändert | unverändert | Sadeghniiat-Haghighi et al., 200877 |
| Schichtarbeiter mit Einschlafstörung, mittel ~ 36 J. | 3 mg unretardiert | 30 Min vor Tagschlaf | n = 39 (Crossover) | SOL 7 Min schneller (Aktigraphie, p < 0,05), WASO nicht signifikant | TST nicht signifikant | Schlafeffizienz signifikant erhöht | Sadeghniiat-Haghighi et al., 201678 |
| Junge Erwachsene (27 J.) in simulierter Nachtschicht (8 h Tagschlaf) | 1,8 mg retardiert | 30 Min vor Tagschlaf | n = 21 (Crossover) | unbekannt | Verlust an Tagschlafzeit am ersten Tag verhindert; in „schlechten Tagschläfern“ stärker | keine Hangover-Effekte; MSLT unverändert | Sharkey et al., 200179 |
| Krankenschwestern im Nachtschichtdienst | 6 mg unretardiert | 30 Min vor Tagschlaf | n = 47 | TST während Tagschlafs signifikant erhöht | TST +94 Min an einigen Tagen | subjektive Schlafqualität nicht signifikant | Quelle nicht verifizierbar |
| Erwachsene: Jetlag | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Reisende nach Ostflug über 6–8 Zeitzonen | 5 mg unretardiert | zur Bedtime am Zielort, 4 Tage | n = 234 | SOL signifikant kürzer (p < 0,05) | unbekannt | Schlafqualität signifikant verbessert. | Suhner et al., 199880 |
| Reisende nach Ostflug über 6–8 Zeitzonen | 0,5 mg unretardiert | zur Bedtime am Zielort, 4 Tage | n = 234 | tendenziell verkürzt (geringer als 5 mg) | unbekannt | tendenziell verbessert (geringer als 5 mg) | Suhner et al., 199880 |
| Reisende nach Ostflug über 6–8 Zeitzonen | 2 mg retardiert | zur Bedtime am Zielort, 4 Tage | n = 234 | nicht signifikant | unbekannt | weniger wirksam als unretardiert | Suhner et al., 199880 |
| Reisende nach Ostflug (Cochrane Meta-Analyse) | 0,5–5 mg unretardiert | nahe Zielort-Bedtime (22–24 Uhr) | 10 RCTs | Jetlag-Symptome signifikant reduziert in 9/10 Studien | nicht systematisch ausgewertet | Schlafqualität signifikant besser bei 5 mg vs. 0,5 mg; höhere Dosen nicht hilfreich; retardiertes Melatonin wirkte schlechter | Herxheimer & Petrie 2002 (Cochrane)81 |
| Insomnie mit Komorbiditäten | |||||||
| Zielgruppe | Dosis | Einnahme vor Schlaf | Probanden-zahl | Einschlaflatenz | Schlafdauer | Schlafqualität / Schlafeffizienz | Studie |
| Stationäre internistische Patienten mit Einschlafstörung | mittlere stabile Dosis 5,4 mg unretardiert (flexibel) | abends vor Bedtime, 8–16 Tage | N = 33, n = 18 | Signifikant beschleunigter Schlafonset (p < 0,05) | Schlafdauer signifikant erhöht | Schlafqualität und -tiefe signifikant verbessert; kein Hangover | Andrade et al., 200182 |
| Beatmete Intensivpatienten nach Tracheostomie | 10 mg | 21:00 Uhr, 4 Nächte | n = 24 | unbekannt | 60 Min länger | Schlafeffizienz tendenziell besser; niedrigere Dosen (1–2 mgI) könnten besser sein | Bourne et al., 200883 |
| Hämodialyse-Patienten mit Insomnie | 3 mg unretardiert | zur Schlafenszeit = 22:00 Uhr, 6 Wochen | n = 50 (Crossover) | SOL 21 Min schneller (Aktigraphie) | 1 Std länger (p < 0,01) | Schlafeffizienz signifikant erhöht | Edalat-Nejad et al., 201384 |
| Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) | 3 mg unretardiert | 22:00 Uhr, 3 Monate | n = 25, n = 12 | verkürzt (p = 0.008) | verlängert (p = 0.046) | PSQI Gesamtscore und Schlafstörungs-Subskala signifikant verbessert | Nunes et al., 200885 |
| Brustkrebs-Patientinnen mit Insomnie (30-75 J.) | 6 mg unretardiert | 30 Min vor Bedtime, 8 Wochen | n = 43 | unbekannt | 37 Min länger | PSQI Gesamtscore und Subskalen (Schlafstörungen, Schlafqualität, -dauer) signifikant verbessert | Hansen et al., 201486 |
2.2. Melatonin 7 Stunden vor Schlaf: Schlafphase vorverlagernd
Durch eine Gabe von Melatonin zu passenden Zeitpunkten lässt sich der zirkadiane Rhythmus nach vorn bzw. nach hinten verschieben.87 Die sogenannte Phase-Advance-Zone (Vorphasen-Zone) für Melatonin, in der dieses den zirkadianen Rhythmus nach vorn verlagert, ist der Zeitraum am Nachmittag oder frühen Abend. Dies kann zur Behandlung von verzögerten Schlafphasen unterstützen, wie bei der bei ADHS häufigen Einschlafverzögerung (Syndrom der verzögerten Schlafphase (Delayed Sleep Phase Syndrome DSPS, auch DSWPD oder ZSPS) oder beim Jetlag nach Osten.88 Die Phase-Advance-Zone für Melatonin umfasst CT 6 bis CT 18, die Phase-Delay-Zone CT 18 bis CT 6.89
Eine verzögerte Melatoninausschüttung spielt vermutlich eine Schlüsselrolle in der Pathophysiologie von DSPS.
Delayed Sleep Phase Syndrome (DSPS) ist zu diagnostizieren,
- wenn
- Einschlafprobleme zur gewünschten Schlafenszeit nach 23:30 Uhr und/oder
- Einschlaflatenz von mehr als 30 Minuten
- zu tageszeitlichen Beeinträchtigungen der sozialen und/oder beruflichen Funktionsfähigkeit führen, und
- Symptome
- seit mindestens 6 Monaten bestehen
- nicht durch andere Faktoren erklärbar sind
2.2. Melatonin nach DLMO: Schlafphase nach hinten verlagernd
Eine Einnahme von Melatonin mitten in der Nacht oder direkt nach dem Aufwachen kann den zirkadianen Melatoninrhythmus nach hinten verschieben.
3. Sonstiges zu Melatonin
Die Tagesdosen von Melatonin als Medikament reichen von 0,5 Milligramm bis 8 Milligramm.
Retardiertes Melatonin soll nur bei vollständigem Ausfall der Melatoninproduktion verwendet werden.90
3.1. Synthese von Melatonin
Melatonin wird in den Pinealozyten der Zirbeldrüse aus L-Tryptophan über die Zwischenstufen 5-Hydroxytryptophan und Serotonin gebildet. Die letzten beiden Schritte (N-Acetylierung durch AANAT, Methylierung durch ASMT/HIOMT) sind nachtspezifisch reguliert.
L-Tryptophan → 5-HTP (durch Tryptophanhydroxylase) → Serotonin (durch AADC) → N-Acetylserotonin (durch AANAT) → Melatonin (durch HIOMT/ASMT).
Helligkeit wird über melanopsinhaltige retinale Ganglienzellen registriert und unterdrückt mittels des Nucleus suprachiasmaticus (SCN) die Melatoninsynthese in der Zirbeldrüse.
Bei Dunkelheit entfällt diese Hemmung. Dann aktiviert der SCN über den Paraventrikulärkern, die spinale Intermediolateralsäule und das Ganglion cervicale superius noradrenerge Fasern zur Zirbeldrüse, was die AANAT induziert und die Melatoninfreisetzung steigert.
3.2. Was durch Melatonin beeinflusst wird
Melatonin stabilisiert und verstärkt die Kopplung zirkadianer Rhythmen, insbesondere von Kerntemperatur und Schlaf-Wach-Rhythmus.
Melatonin scheint zudem die zirkadiane Organisation etlicher weiterer physiologischer Funktionen zu beeinflussen, wie91
- antioxidative Abwehr
- Hämostase
- Glukoseregulation
- Immunabwehr
- Dexamethason induziert circadiane Genexpression in kultivierten Fibroblasten und verschiebt transient die Phasenlage in Leber, Niere und Herz, nicht aber im SCN94
- Körperkerntemperatur
- Melatonin-Peak liegt im Normalzustand ca. 1,8 ± 0,2 h vor dem Temperatur-Minimum95
- Melatoninrhythmus wird (außer von Licht) weniger leicht durch Umweltfaktoren beeinflusst als Körpertemperatur. Melatonin daher zuverlässigerer Marker für die circadiane Phase als Körperkerntemperatur9697
- zeitlicher Verlauf des Körperkerntemperaturabfalls ist eng an nächtliche Melatoninsekretion gekoppelt (r = 0,97). Melatonin sei für mindestens 40 % der Amplitude des Temperaturrhythmus kausal verantwortlich.
Eine Unterdrückung der Melatoninsekretion mit dem β-Blocker Atenolol schwächte den nächtlichen Temperaturabfall. Eine Melatoningabe senkte tagsüber die Temperatur.98 - Der DLMO tritt ca. 7 Stunden vor dem Körperkerntemperatur-Minimum auf und 1,25 Stunden vor dem Melatonin-Synthese-Ende.99100
3.3. Abbau von Melatonin
Aufgrund des Abbaus von Melatonin über CYP1A2 sowie (weniger) CYP2C19 sollte eine Kombination mit Medikamenten, die ebenfalls hierüber abgebaut werden, mit erhöhter Vorsicht erfolgen.
Dieser Mechanismus erklärt zugleich die müdigkeitsfördernde Wirkung von Imipramin/Desipramin, die bei starker Ausprägung dazu führt, dass Imipramin eher abends eingenommen werden sollte.
Ein Wirkungsabfall von Melatonin könnte auf einer CYP1A2-Unteraktivität liegen. In diesem Fall empfehle sich eine Dosierungsverringerung.101
3.4. Messung von Melatonin
Melatonin wird ab dem Dunkelwerden ausgeschüttet, wobei die Ausschüttung zuerst langsam und idR zwischen 22 und 23 Uhr schneller ansteigt (Akrophase). Der hohe Melatoninspiegel sinkt ab ca. 2 bis 4 Uhr wieder ab.90
Eine Messung kann anhand des Serums, des ersten Morgenurins oder des Speichel erfolgen.
Eine Messung anhand des Serums oder des ersten Morgenurins ist nicht geeignet, das Tagesprofil zu ermitteln.
3.5. Risiken und Nebenwirkungen von Melatonin
Melatonin scheint ein sicheres Mittel zur Verbesserung von Schlafproblemen bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS zu sein. Die große Menge der Verwendung, die lang anhaltende Nutzungsdauer bei den jeweiligen Betroffenen und die steigenden Verwendungszahlen deuten auf eine Evidenz für eine erfolgreiche Nutzung hin. Dass es nur wenige große klinische Studien zur Nutzung von Melatonin bei Schlafproblemen bei ADHS gibt, dürfte auch daran liegen, dass patentfreie Wirkstoffe (wie Melatonin) für Pharmaunternehmen verständlicherweise nicht von wirtschaftlichem Interesse sind. Es ist nicht die Aufgabe von Pharmaunternehmen, die Wirksamkeit oder Sicherheit patentfreier Wirkstoffe zu untersuchen. Im Gegenteil bestünde wirtschaftlich betrachtet eher ein Interesse, negative Aspekte von Melatonin festzustellen, um eine Konkurrenz durch Melatonin als gemeinfreien Wirkstoff zu vermeiden. Doch auch derartige Berichte fehlen.
Wir konnten keine Studien finden, die das Auftreten von relevanten Nebenwirkungen von Melatonin dokumentieren. In Anbetracht der hohen Nutzerzahlen und der bereits lange andauernden Verwendung zur Behandlung von Schlafproblemen auch bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS betrachten wir die Abwesenheit von Berichten über Nebenwirkungen als Hinweis auf eine gute Verträglichkeit.
Gleichwohl gibt es Berichte über Nebenwirkungen von Melatonin bei dauerhafter Einnahme. In diesen Fällen dürfte sich eine intermittierende Einnahme empfehlen, bis alle 1 bis 2 Wochen eine 1- bis 2-tägige Einnahmeunterbrechung beinhaltet.
Ein Review konstatiert, dass keine relevanten Nebenwirkungen von Melatonin bekannt sind.101
Erwachsene produzieren täglich ca. 20- bis 60 Mikrogramm Melatonin. Melatonin wird beim ersten Durchgang durch die Leber schnell resorbiert und metabolisiert, mit einer Halbwertszeit von 30 bis 40 Minuten (bei 3- bis 8-jährigen Kindern ebenso wie bei Erwachsenen, während Neugeborene eine Halbwertszeit von bis zu 20 Stunden zeigten) und einer Bioverfügbarkeit von 1 bis 37 %. In der Leber wird es von CYP1A220 zu 6-Hydroxymelatonin metabolisiert. und dann zu 6-Sulfatoxymelatonin sulfatiert oder zu Glucuronid konjugiert und ausgeschieden.102
Ein zu hoher Melatoninspiegel kann Depressionen verursachen (Winterdepression).
Mögliche Nebenwirkungen können sein:
- Nächtliche Schweißausbrüche103
- Nächtliche Hitzewallungen103
- Stimmungsänderungen103
- Unruhe
- Nervosität
- Angst
- Lethargie
- Albträume
- gelegentlich (bei 1 von 100-1.000 Behandelten) bis selten (bei 1 von 1.000-10.000 Behandelten)104
- sehr lebendige Träume
- gelegentlich bis selten104
- Magenkrämpfe
- gelegentlich bis selten104
- Schwindel
- gelegentlich bis selten104
- Kopfschmerzen
- gelegentlich bis selten104
- Reizbarkeit
- gelegentlich bis selten104
- verringertes sexuelles Verlangen
- gelegentlich bis selten104
3.6. Wechselwirkungen mit Melatonin
Wechselwirkungen mit Antithrombosemitteln und Antiepileptika sind möglich.
3.6.1. Verringerung der Wirkung von Melatonin
- Manche Psychopharmaka90
- Alphablocker90
- Betablocker90
- Alkohol
- Schon moderate Alkoholdosen, eine Stunde vor der Schlafenszeit, bewirkten bei jungen Erwachsenen eine deutliche Verringerung des Melatoninspiegels.105
3.6.2. Erhöhung der Wirkung von Melatonin
Aufgrund des Abbaumechanismus erhöhen Inhibitoren von CYP1A2 und CYP2C19 die Plasmaspiegel und Bioverfügbarkeit von Melatonin:
- Fluvoxamin106107
- hemmt den Abbau von Melatonin in der Leber; verstärkt Wirkdauer und Wirkkraft von Melatonin90
- Desipramin106
- folglich auch Imipramin, da dies zu Desipramin umgewandelt wird
- Koffein108
- Theophyllin102
- Citalopram / Escitalopram als CYP2C19-Inhibitor109
- Ciprofloxacin
- hemmt den Abbau von Melatonin in der Leber; verstärkt Wirkdauer und Wirkkraft von Melatonin90
3.6.3. Erhöhung der Wirkung anderer Medikamente durch Melatonin
Melatonin verstärkt die dämpfende Wirkung von u.a.:90
- Benzodiazepine
- Zaleplon
- Zopiclon
- Zolpidem
- Imipramin
- Thioridazin
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