Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress

AD(H)S ist nach unserer Hypothese eine chronische Überreagibilität des Stressregulationssystems. Das bei AD(H)S dauerhaft geschädigte Stressregulationssystem antwortet auch auf Lebensumstände, die für Nichtbetroffene nicht belastend sind, mit einer (überschiessenden) Stressreaktion.
AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung

Stress selbst ist keine Krankheit. Stress ist eine gesunde Reaktion des (u.a. menschlichen) Organismus zur Bewältigung erhöhter Anforderungen (Stressoren).

Stress bewirkt körperliche, psychische und neurologische Veränderungen. Stress verstärkt dadurch im Ergebnis die evolutionäre Auswahl.(1)

Extremer, unbewältigbarer, unkontrollierbarer Stress verändert das Fühlen und Denken, um eine optimale Problembewältigung zu erreichen. Diese spezifischen Veränderungen sind für die Bewältigung erhöhter Anforderungen nützlich. Dies nennen wir Stressnutzen.
Die körperlichen Stressnutzen sind bereits lange be- und anerkannt. Die psychischen Stressnutzen wurden dagegen bislang kaum beachtet und werden auch in der einschlägigen Fachliteratur zu Stress kaum erörtert.

Etliche Stressnutzen werden unmittelbar über die HPA-Achse vermittelt.
Andere sind Folge einer Veränderung des PFC.
Die Verlagerung der Verhaltenssteuerung vom langsamen aber genauen PFC auf schnelle aber ungenaue posteriore und subcorticale Gehirnregionen dient einer schnellen Handlungsmöglichkeit in überlebensbedrohlichen Situationen(2) und wird bei akutem starkem Stress mittels sehr hoher Dopamin- und Noradrenalin- und/oder Glucocorticoidspiegel ausgelöst.
Bei AD(H)S besteht eine ebensolche Beeinträchtigung des im dorsolateralen PFC angesiedelten Arbeitsgedächtnisses – allerdings  nicht als Folge von hoher Dopamin oder Noradrenalinspiegeln aufgrund vom starkem akutem Stress, sondern bei AD(H)S aufgrund einer Unteraktivierung des PFC als Folge verringerter Dopaminspiegel. Verringerte Dopaminspiegel im PFC können die Folge von chronischem Stress sein und das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen.(3) Da AD(H)S eine meist lebenslange Störung ist, verwundert es nicht, dass die Folgen einer chronischen Stressbelastung vorzufinden sind.
Das Ergebnis, die Deaktivierung des PFC und die Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses, ist bei zu hohen wie zu niedrigen Dopaminspiegeln identisch, da der PFC nur bei optimalem mittleren Dopamin- und Noradrenalinspiegel ein funktionales Arbeitsgedächtnis hat. Eine derartige Langzeitfolge chronischer Stressbelastung ist auch bezüglich des basalen Cortisolspiegels bekannt.
Bei AD(H)S sind vielmehr etliche Genpolymorphismen involviert, die den Dopaminspiegel im PFC verringern. Hier kann (frühkindlicher) Stress allenfalls eine epigenetische Ursache der Ausbildung bestimmter Polymorphismen sein, die dann auch (über mehrere Generationen) vererblich sind und bei Nachkommen ebenso wirken, ohne dass diese frühkindlichen Stress erlitten haben müssen. Doch auch während des gesamten Lebens werden Gene durch epigenetische Veränderungen aufgrund von Lebenserfahrungen modifiziert. Die AD(H)S-typische Wirkung in Bezug auf die Unteraktivierung des PFC können daher auch in Bezug auf die genetischen Grundlagen eine kausale Folge einer Fehlfunktion der Stressregulationssysteme sein.
Der beweis hierfür ist indes noch nicht geführt.

Nicht alle Stress-/AD(H)S-Symptome haben selbst einen unmittelbaren Stressnutzen. Manche sind lediglich die von der Natur in Kauf genommene Folge des Stressnutzens eines anderen Symptoms, das so vorteilhaft ist, das die damit verbundenen Nachteile aufgewogen werden. Andernfalls hätte sich dieses Stresssymptom mangels ausreichendem Stressnutzen (oder damit verbundener Nachteile, die hier Stressnutzenfolge genannt werden soll) wahrscheinlich längst ausgemendelt.

1. Körperliche Stressnutzen

Die körperlichen Veränderungen erhöhen die Kampf- und Fluchtfähigkeit.

Einige Beispiele:

  • erhöhte Herzfrequenz:
    erhöhte Versorgung der Organe mit sauerstoffreichem Blut zur Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Verengung der peripheren Blutgefässe (blass werden):
    Blut wird ins Köperinnere gezogen. Schutz vor Verbluten bei möglichen Verletzungen durch Kampf oder Flucht
  • erhöhte Aktivität der Leber:
    mehr Glukose im Blut
  • Hemmung von Entzündungen:
    verringerter Energieaufwand für das Immunsystem, indem dessen Aktivität unterdrückt wird, was für die angestrebte kurzfristige Optimierung der Handlungsfähigkeit Vorteile bringt.
    Bei langfristigem Stress wirkt sich diese Schwächung des Immunsystems dagegen nachteilig aus und kann in extremen Fällen bis zum Tod führen(4)
  • verringerter Sexualtrieb; im Extremfall: Unfruchtbarkeit.
    In lebensbedrohlichen Situationen wäre eine Schwangerschaft eine erhebliche zusätzliche Belastung.
    Auch aus Sicht der Gattung ist dies evlutionsfördernd: Stress hemmt die Fortpflanzung derjenigen Individuen, die nicht optimal an die Umweltbedingungen angepasst sind(4)
  • Muskelanspannung
    Eine Vorspannung der Muskeln schützt bei möglichem Kampf oder möglicher Flucht vor Verletzungen.

2. Neurologische Stressnutzen

Das Gehirn wird ständig durch positive Erfahrungen und negative Erfahrungen verändert (Neuroplastizität).

Leichter / kontrollierbarer Stress verstärkt die bestehenden neuronalen Verbindungen, da diese durch die erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe ihre Kompetenz bewiesen haben.(5)

Starker / unkontrollierbarer Stress unterstützt dagegen die Auflösung bestehender Nervenverbindungen im Gehirn, um neueren, besseren Modellen Platz zu machen, da sich die in den bisherigen Verbindungen repräsentierten Problemlösungsmodelle als nicht optimal erwiesen haben um die jetzt gerade bestehende (im Extremfall: überlebensbedrohliche) Stresssituation zu vermeiden.

Wir kennen das: viele Menschen wissen, das bestimmte ihrer Gewohnheiten dysfunktional sind und schaffen es dennoch nicht, sie zu ändern. Nach einem einschneidenden Erlebnis (unkontrollierbarer Stress) sind sie auf einmal in der Lage, ihre Gewohnheiten zu ändern.

Zu intensive, zu oft, zu lang auftretende Stressoren schädigen die Stressreaktionssysteme. In den ersten Lebensjahren, während sich die Neurotransmittersysteme des Gehirns ausbilden und für die jeweiligen Neurotransmitter ein angemessenes Gleichgewicht suchen, sind die Stressreaktionssysteme hierfür ganz besonders verletzlich (vulnerabel). Bestimmte genetische Dispositionen können diese Verletzlichkeit nochmals erhöhen. Wie entsteht AD(H)S ? Gene + Umwelt

Details
Neurale Plastizität wird durch die Anpassung von neurochemischen, neuroanatomischen und Verhaltenssystemen vermittelt. Dabei fungiert das endokrine System als Signalnetzwerk, das chemische und morphologische Veränderungen in bestimmten Neuronen und Gliazellen auslöst. Der Hippocampus (der Lern- und Gedächtnisprozesse steuert) reagiert unter anderem auf Glukokortikoide während des Tageszyklus und als Reaktion auf Stress (Cortisol bindet an Glukokortikoidrezeptoren) sowie auf Vasopressin.
Die durch Noradrenalin stimulierte zyklische AMP-Akkumulation, ein Index einer durch langanhaltenden Stress verringerten Noradrenlinempfindlichkeit, wird durch Entfernung oder Blockade der Nebennniere, in der Cortisol und andere Stresshormone produziert werden, erhöht und Cortisol oder ACTH reduziert.(6)

Gering erhöhte Pegel von Glukokortioiden (Cortisol) als Folge positiver Erfahrungen (wozu auch eine erfolgreiche Bewältigung einer Herausforderung gehört) fördern dabei das Auswachsen von Nervenzellen, stark erhöhte Pegel von Glukokortioiden hemmen dies.(7)(8)(9)

Intensive negative Erfahrungen, und dazu gehören insbesondere nicht bewältigbare Stressituationen, schwächen dagegen die bisherigen Verschaltungen im Gehirn und unterstützen deren Abbau. Da die bisherigen Verschaltungen ja offenbar nicht ausreichend geeignet waren, um die vorgefundene Situation zu bewältigen, sondern es zugelassen haben, dass das Individuum in eine nicht bewältigbare (potentiell gefährliche) Situation gerät, ist es sinnvoll, diese abzuschwächen und das Wachsen neuer, besserer Bahnungen und Verschaltungen anzuregen.(7)

3. Psychische Stressnutzen

Stress verursacht ganz typische psychologische Symptome. Fast alle AD(H)S-Symptome sind unserer Auffassung nach funktionale Stresssymptome. (AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome). Diese Symptome haben seit mehreren Millionen Jahren unmittelbare Vorteile für das Überleben des Individuums und damit seiner Gattung.

Nehmen wir einmal an, einer unserer Vorfahren sah sich einer potentiell lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt. Sei es ein Säbelzahntiger, der nicht so aussieht, als ob er sich gerade von einem üppigen Mahl in den Schatten schleppt, oder eine Gruppe von Kriegern eines unbekannten oder gar verfeindeten Stammes, die im Laufschritt näher kommen.
Nun hat der arme Kerl schon genug Probleme am Hals – was nützen unserem Vorfahren da auch noch Stresssymptome ? Welchen Vorteil haben sie ?

Funktionale Stresssymptome sind Reaktionen und Verhaltensmuster, die in Extremsituationen hilfreich sind um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

4. Stressnutzen einzelner Stresssymptome

Um Wiederholungen zu vermeiden, wird an dieser Stelle lediglich der Stressnutzen einzelner, wichtiger AD(H)S-Symptome erläutert. In der Symptomgesamtliste ist bei jedem AD(H)S-Symptom das Auftreten bei AD(H)S, das Auftreten als Stresssymptom und der Stressnutzen erläutert.
Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen

Natürlich leben wir heute nicht mehr in der Savanne, müssen unser Essen nicht mehr jagen und haben den Schutz vor Räubern oder Kriegern an Polizei und Armee ausgelagert. Doch unsere Stresssysteme sind Millionen Jahre alt und waren sehr sehr lange sehr erfolgreich. Entsprechend tief sind sie verankert und entsprechend lange wird es dauern, bis sie neueren, an das moderne Leben angepassteren Stressreaktionen Platz gemacht haben. Wenn wir uns einmal auf das Bild der alten Lebensumstände einlassen, die seit Anbeginn der Hominiden bestanden haben, führt dies zu einem tiefgreifenden Verständnis des ursprünglichen Nutzens von Stresssymptomen.

Die Schlussfolgerung wird dann sein, dass AD(H)S-Symptome als Stresssymptome zunächst einmal völlig gesunde Reaktionen sind. Sieh hierzu unten unter 6.

4.1. Stressnutzen von Hyperaktvität

Eine erhöhte körperliche Aktivität und Aktivitätsbereitschaft ist bei Kampf oder Flucht hilfreich und überlebensfördernd.

Neben diesem Stressnutzen wirkt Hyperaktivität als Instrument zum Stressabbau:

Hyperaktivität kann bei Tieren zugleich als Übersprungshandlung bei unkontrollierbarem Stress (mit erhöhtem Cortisolblutspiegel) beobachtet werden, wobei diese Übersprungshandlungen zugleich messbar dem Stressabbau dienen (Verringerung des Stresspegels).(10)(11)

Bei Erwachsenen ist Hyperaktivität vor allem als sich ständig wiederholende Mikro-Bewegung wahrnehmbar: Fusswippen, Fingertippen etc. Diese stetig wiederholten Bewegungen haben eine gewisse Ähnlichkeit zu Stereotypien oder Tics, die ebenso als Übersprungshandlungen stressabbauend wirken.(12)(11)

4.2. Stressnutzen von Inhibitionsproblemen / Impulskontrollproblemen

Spontane, unüberlegte Entscheidungen erscheinen zunächst nicht als zweckmässige Reaktion auf einen Stressor. Je weniger Zeit auf die Entscheidungsfindung verwendet wird, desto größer ist die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Dagegen ist es unter extremem Stress – im Kampf oder auf der Flucht – manchmal schlicht überlebensnotwendig, sehr schnell zu entscheiden.

Wer sich in der Savanne plötzlich einem hungrigen Löwen gegenüber sieht, sollte sich möglichst schnell entscheiden, in welche Richtung er läuft. Beim Wettrennen darum, allenfalls der zweitlangsamste zu sein, sind die jüngeren Gehirnteile (vor allem der PFC), die auf die sorgfältige analytische Abwägung von Problemen optimiert sind, dies jedoch sehr sehr langsam tun, eher hinderlich. Schnelle, spontane (dafür aber ungenaue) Entscheidungen treffen seit jeher die älteren (und kleineren) Gehirnteile des limbischen Systems (Amygdala, Hippocampus).
Wir sind die Nachkommen derjenigen, die das Rennen gewonnen haben. Wir haben von den Gewinnern, von den Überlebenden ihre Stressreaktion geerbt, dass extremer Stress den PFC ausschaltet weil schnellere Reaktionen bei Kampf oder Flucht vorteilhaft sind.

Wunderbar verständlich und unterhaltsam dargestellt wird die Zusammenarbeit der neuen und der alten Gehirnteile von Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem äusserst lesenwerten Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“.(13)

Noradrenalin ist das Stresshormon des Zentralen Nervensystems (des Gehirns). Ein leicht gesteigerter Noradrenalinspiegel, wie er bei kontrollierbarem Stress entsteht, regt den präfrontalen Cortex zu erhöhter Aktivität an. Erst ein sehr hoher Noradrenalinspiegel, wie er bei unkontrolliertem Stress entsteht, schaltet den präfrontalen Cortex ab und aktiviert die Stressachse (HPA-Achse), an deren Ende Cortisol ausgeschüttet wird. Damit die Deaktivierung des PFC kein Dauerzustand bleibt, bewirkt Cortisol am Ende, dass Noradrenalin wieder zurückgefahren wird.
Bei ADHS sind die Stresssysteme dauerhaft überaktiviert, weil eine zu geringe endokrine Stressantwort den PFC und die HPA-Achse nicht abschaltet. Die besondere hohe endokrine Stressantwort könnte die Subtypen ADS und SCT mit einer zu häufigen Abschaltung von PFC und HPA-Achse erklären.

4.3. Stressnutzen von Ablenkbarkeit, Taskwechselproblemen und Aufmerksamkeitsproblemen

AD(H)S-Betroffene haben keine Störung der Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich. Sie können (in manchen Situationen) eine sehr gute Aufmerksamkeit und Konzentration zeigen. Wer einmal einen AD(H)S-Betroffenen im Hyperfokus erlebt hat, im dem stundenlang auch höchst monotone Tätigkeiten höchst konzentriert ausgeübt werden können, sofern sie das intrinsische Interesse des Betroffenen wecken, und bei dem alle (in Bezug auf das jeweilige Interesse) irrelevanten Reize völlig ausgeblendet sind, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass bei AD(H)S nicht die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an sich, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit gestört ist. Doch auch diese Schlussfolgerung ist nur zum Teil richtig.

Aufmerksamkeit muss bei Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden. Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren, ist es nachvollziehbar, dass sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken lässt, die nicht überlebensrelevant sind. Der Begriff überlebensrelevant ist dabei das Bindeglied zum Begriff der intrinsischen Motivation: wer einem überlebensgefährlichen Stressor ausgesetzt ist, muss selbst entscheiden, was dies ist und wie er dem am Besten begegnet.

Bei AD(H)S ist nicht die Ablenkbarkeit an sich erhöht, sondern lediglich die Ablenkbarkeit von Aufgaben, die nicht aus eigenem innerem Motiv (intrinsisch) als wichtig (zur Problemlösung) erachtet werden.

Der Vorteil einer erhöhten Ablenkbarkeit lässt sich gut nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, dass das Dorf stets bewacht werden muss, und sich nähernde Gefahren auch bei einem netten Gespräch mit einem anderen am Lagerfeuer sofort erkannt werden sollten. Beim abendlichen Lagerfeuer (oder anderen, das Interesse wenig bindenden Tätigkeiten) ist es also aus der Sicht von Stress vorteilhaft, durch jedes Geräusch, jede Bewegung oder andere „Kleinigkeiten“ abgelenkt zu werden. Wer in Gefahrenzeiten weniger „ablenkbar“ war, hatte Nachteile – er entdeckte den Angriff oder die sich nähernde Gefahr später.

Probleme damit, eine Tätigkeit spontan zu Gunsten einer anderen zu beenden, ist nicht auf den ersten Blick eine zweckmässige Reaktion auf einen Stressor. Aus dem Blickwinkel des Stressnutzens stehen Taskwechselprobleme dem Symptom der Ablenkbarkeit diametral gegenüber.
Was ist der Vorteil, sich von einem Task, auf den man sich einmal eingelassen hat, nur schwer wieder lösen zu können ?

Die Taskwechselproblematik tritt nach diesseitiger Wahrnehmung besonders dann auf, wenn Tätigkeiten von besonderem Interesse ausgeübt werden. Von Dingen, die den Betroffenen besonders interessieren, oder für die er sich aus eigenem Antrieb (intrinsisch) interessiert hat, kann derjenige nur schwer seine Aufmerksamkeit lösen – und zwar ganz besonders, wenn die Anforderung zum Taskwechsel extrinsisch erfolgt und sich nicht dem eigenen intrinsischen Interesse des Betroffenen deckt.

Der Vorteil von Taskwechselproblemen besteht dann, wenn gerade eine Gefahrenquelle beobachtet oder verfolgt wird. In diesem Moment ist alles andere unwichtig und es ist ein Vorteil, sich von dieser (intrinsisch motivierten) Tätigkeit nicht schnell mal so eben ablenken zu lassen. Wer sich beim Kampf von Nebensächlichkeiten ablenken liess, war dem erhöhten Risiko ausgesetzt, den Kampf zu verlieren.

Bei Ablenkbarkeit wie bei Taskwechselanforderungen ist vor allem die Steuerbarkeit der Aufmerksamkeit betroffen. Aufmerksamkeit muss unter Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden und bleiben. Dies spiegelt sich im Phänomen des Hyperfokus – Stressbetroffene können in Aufgaben, die sich innerlich für wichtig erachten, völlig versinken. Lässt sich der Betroffene von (überlebens-)wichtigem ablenken, ist er benachteiligt. Hinsichtlich weniger relevanten Aufgaben ist es jedoch vorteilhaft, wenn der Betroffene sich leicht ablenken lässt. Im Sinne einer erhöhten Wachsamkeit gegenüber möglichen Gefahren ist eine Ablenkbarkeit von unwichtigen Dingen (Dinge, die der betroffene als unwichtig einschätzt) dagegen sinnvoll und überlebensfördernd.

Aus diesem Blickwinkel wird klar, dass bei Ablenkbarkeit wie bei Taskwechselanforderungen die Aufmerksamkeitssteuerung involviert ist. Bei AD(H)S-Betroffenen ist nicht die Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich, sondern deren Steuerbarkeit und Lenkbarkeit verändert. Das hier gezeichnete Bild könnte diese Lenkbarkeitsbeeinträchtigung so erklären, dass die Aufmerksamkeit bei Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden muss. Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren, ist es nachvollziehbar, dass sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken lässt, die nicht überlebensrelevant sind.

Hierzu passt, dass AD(H)S-Betroffene bei entsprechendem Interesse oder entsprechender Belohnung in Tests fast so gute Aufmerksamkeitsleistungen erbringen wie Nichtbetroffene(14) Dies bestätigt, dass nicht die Konzentrationsfähigkeit oder Inhibitionsfähigkeit an sich beeinträchtigt ist, sondern dass Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit ebenso wie Aufmerksamkeitslenkung alleine von einem bestehenden intrinsischen Interesse abhängen.Wird das intrinische Interesse durch entsprechende Belohnungen geweckt, entspricht die Aufmerksamkeitsfähigkeit von AD(H)S-Betroffenen in etwa der von Nichtbetroffenen. Dies bestätigt, dass das Problem bei AD(H)S ist nicht eine eingeschränkte Aufmerksamkeitsleistung ist, sondern dass diese einem anderen Leitbild folgt – dem eines überlebensgefährenden Notfallzustands.

4.4. Stressnutzen von Verzögerungsaversion (z.B. Ungeduld) und Prokrastination

Zunächst scheint das Nebeneinander von Verzögerungsaversion (Delay Aversion) und Prokrastination widersprüchlich. Doch beides sind typische und häufig beschriebene Stress- und AD(H)S-Symptome.
Auch hier erschliesst sich der Sinn der Symptome, wenn man zwischen intrinsischen und extrinsischen Interessen unterscheidet.

Intrinsisch verfolgte Interessen lösen Verzögerungsaversion und Ungeduld aus, während extrinsisch auferlegte Interessen prokrastiniert werden.

Intrinsisch meint damit nicht nur Dinge, die die Betroffenen mögen, sondern alle Dinge, die diese als ihre eigenen Interessen verfolgen. Dies kann auch sein, nicht zu spät zur Arbeit kommen zu wollen. Extrinsisch meint alle Dinge, die nicht zu den innerlich gewollten Zielen gehören. Häufig fallen hierunter lästige Pflichten wie Aufräumen, Wäsche waschen, einkaufen gehen oder ähnliches – Dinge, die nicht überlebensnotwendig sind (auch wenn das Finanzamt das in Bezug auf die offene Steuererklärung naturgemäss anders sieht).

Aus der Sicht von Stress unter der Annahme einer überlebensgefährdenden Situation macht diese Aufteilung Sinn. Wer gerade um sein Überleben kämpft, tut gut daran, sich hierauf zu konzentrieren und alles, was dazu beiträgt, den Stressor zu bekämpfen, so schnell als möglich zu erledigen. Alles was sich dem in den Weg stellt löst Unwillen und Unwohlsein aus. Ungeduld, nicht warten können und Dinge in einer Art innerere Hetze zu tun, sind die logische Folge davon. Dinge jedoch, die nicht dazu beitragen den Stressor zu bekämpfen, können nicht nur warten, sie sollen es sogar. Nüsse zu sammeln für den Winter hat im Angesicht einer überlebensbedrohenden Gefahr ganz zu recht eine geringere Priorität.
Hiervon sind nicht nur unangenehme Dinge betroffen. Auch angenehme Dinge werden von AD(H)S- und Stressbetroffenen prokrastiniert: das nicht geniessen können, das teilweise bis zur Erholungsunfähigkeit reicht, erwächst aus der selben Wurzel.

Hieraus erklärt sich das vielfach beobachtete und untersuchte Phänomen der Abwertung entfernter Belohnungen: Belohnungen, die weiter entfernt sind, sind für AD(H)S-Betroffene weniger wert als für Nichtbetroffene. Belohnungen, die sofort zu erwarten sind, werden von AD(H)S-Betroffenen dagegen ganz genau so bewertet wie von Nichtbetroffenen auch. Unter dem Leitbild einer akuten existenzbedrohenden Stressituation macht diese Differenzierung Sinn: Überleben ist jetzt. Alles andere kann warten.

4.5. Stressnutzen von Dysphorie bei Inaktivität

Dysphorie bei Inaktivität ist ein originäres und funktionales Stress- und AD(H)S-Symptom und darf nicht mit Depression verwechselt werden, bei der dieses Symptom extrem und dysfunktional geworden ist. Eine Behandlung mit Antidepressive ist in der Regel kontraproduktiv.
Depression und Dysphorie bei AD(H)S

Dysphorie bei Inaktivität bedeutet, dass sich (nur) im Zustand der Ruhe die Stimmung des Betroffenen verschlechtert. Beispiele sind schlechte Laune nach dem Heimkommen oder in den ersten Urlaubstagen (bis die Erholung den Stresslevel so weit gesenkt hat, dass damit auch das Stresssymptom der Dysphorie bei Inaktivität verschwindet). Etliche Betroffene bevorzugen deshalb Aktivurlaube, wobei diese die erhöhte Erholungsbedürftigkeit nicht immer abdecken.

Die Stimmung ist eines der stärksten Steuerungselemente der Psyche. Jedes Individuum versucht unbewusst und spontan jeweils das zu tun, was erforderlich ist, um eine gute Stimmung zu erhalten.
Wenn schlechte Stimmung immer bei Inaktivität eintritt, wird das Individuum versuchen, aktiv zu bleiben.
Aktiv zu bleiben, sich nicht zurückzulehnen und sich nicht durch angenehme Genüsse von der Bekämpfung des Stressors ablenken zu lassen und somit den Kampf gegen den Stressor weiterzuführen ist der Stressnutzen von Dysphorie bei Inaktivität.

Dauerhaftes Grübeln kann aus dem selben Mechanismus stammen. Erhöhtes Grübeln ist so lange funktional, wie dabei nach konstruktiven Lösungsmöglichkeiten gesucht wird. Auch Grübeln wird ab einem bestimmten Maße dysfunktional, z.B. wenn nur im Kreis gedacht und dabei der erforderliche Schlaf versäumt wird.

5. Individuelle Varianz von Stresssymptomen als Überlebensvorteil für Gruppe und Gattung

Das parallele Auftreten von Aggression und Ängstlichkeit in gleichartigen Situationen bei verschiedenen Individuen ist mal für die einen und mal für die anderen vorteilhaft. Die parallele Verteilung auf die Individuen ist ein Überlebensvorteil für die Gattung. Wenn die Mitglieder einer Gruppe unterschiedliche Stressreaktionen haben, sichert dies das Überleben der Gruppe besser, als wenn alle Exemplare die selbe Reaktion hätten.
Ist eine bestimmte Stressreaktion (z.B. impulsiv-aggressiv) weniger gut geeignet, den Stressor erfolgreich zu bekämpfen, sind nur diejenigen Exemplare, die diesen Stressreaktionsphänotyp tragen, benachteiligt oder vom Untergang bedroht. Ist dagegen die Variante des Abwartens und Flüchtens oder des Totstellens weniger geeignet, überleben diese Exemplare nicht so gut – während die aggressiveren Exemplare Vorteile haben.
In einer Gruppe kommt zudem hinzu, dass je nach Problem mal die einen und mal die anderen die Problemlösung für die gesamte Gruppe in die Hand nehmen und damit allen Gruppenmitgliedern Vorteile verschaffen.
Verschiedene Stressreaktionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Exemplare der Gattung überleben. Daneben erhöht eine Mehrzahl von verschiedenen Stressreaktionstypen die Chance der ganzen Gruppe, einen Stressor optimal bewältigen zu können.

6. Schlussfolgerungen

AD(H)S-Betroffene leiden weder an einer Störung der Aufmerksamkeit noch an einer zu grossen Ablenkbarkeit noch an einer fehlgeleiteten Motivation. Das eigentliche Problem von AD(H)S ist das Bestehen eines Stresszustandes, der objektiv gar nicht gerechtfertigt ist. AD(H)S ist nach unserem Verständnis eine Fehlregulierung der Stresssysteme, die unangemessen aktiviert (ADHS) oder deaktiviert (ADS, SCT) sind.

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 14:39 Uhr


11.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 74 - (Position im Text: 1, 2)

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