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Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress

AD(H)S vermittelt nach unserer Hypothese seine Symptome, indem es eine chronische Überreagibilität der Stressregulationssysteme, vor allem der HPA-Achse, auslöst. Die durch AD(H)S veränderten Stressregulationssysteme antworten auch auf Lebensumstände, die für Nichtbetroffene nicht belastend sind, mit einer (überschießenden) Stressreaktion.
AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung

Stress selbst ist keine Krankheit. Stress ist eine gesunde Reaktion des Organismus zur Bewältigung erhöhter Anforderungen (Stressoren). Stress bewirkt körperliche, psychische und neurologische Veränderungen. Stress verstärkt dadurch im Ergebnis die evolutionäre Auswahl.(1)
Extremer, unbewältigbarer, unkontrollierbarer Stress verändert das Fühlen und Denken, um eine optimale Problembewältigung zu erreichen. Diese spezifischen Veränderungen sind für die Bewältigung erhöhter Anforderungen nützlich. Dies nennen wir Stressnutzen.
Die körperlichen Stressnutzen sind bereits lange be- und anerkannt. Die psychischen Stressnutzen wurden dagegen bislang kaum beachtet und werden auch in der einschlägigen Fachliteratur zu Stress kaum erörtert.

Etliche Stressnutzen werden unmittelbar über die HPA-Achse vermittelt.
Andere sind Folge einer Veränderung des PFC.
Die Verlagerung der Verhaltenssteuerung vom langsamen aber genauen PFC auf schnelle aber ungenaue posteriore und subkortikale Gehirnregionen dient einer schnellen Handlungsmöglichkeit in überlebensbedrohlichen Situationen(2) und wird bei akutem starkem Stress mittels sehr hoher Dopamin- und Noradrenalin- und/oder Glucocorticoidspiegel ausgelöst.
Bei AD(H)S besteht eine ebensolche Beeinträchtigung des im dorsolateralen PFC angesiedelten Arbeitsgedächtnisses – allerdings  nicht als Folge von hoher Dopamin oder Noradrenalinspiegeln aufgrund von starkem akutem Stress, sondern bei AD(H)S aufgrund einer Unteraktivierung des PFC als Folge verringerter Dopaminspiegel. Verringerte Dopaminspiegel im PFC können durch genetische Konstellationen verursacht werden (wie meist bei AD(H)S) oder die Folge von chronischem Stress sein.(3)
Das Ergebnis, die Deaktivierung des PFC und die Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses, ist bei zu hohen wie zu niedrigen Dopaminspiegeln identisch, da die Nervenzellen des Gehirns nur bei mittleren Dopamin- und Noradrenalinspiegeln optimal funktionieren.
Bei AD(H)S ist eine Vielzahl von über jahrzigtausende vererblichen Genpolymorphismen involviert, die die Expression von Genen so verändern, dass (u.a.) der Dopaminspiegel im PFC und anderen Gehirnregionen verringert ist. (Frühkindlicher) Stress kann zusätzlich das dopaminerge System schädigen und ausserdem eine epigenetische Ursache der Ausbildung bestimmter Genexpressionen darstellen, die ebenfalls den Dopaminspiegel verringern. Epigenetische Genveränderungen sind ebenfalls vererblich, wenn auch meist “nur” über mehrere Generationen, und können bei Nachkommen die gleiche Wirkung auf die Genexpression haben, ohne dass diese selbst (frühkindlichen) Stress erlitten haben müssten.

Nicht alle Stress-/AD(H)S-Symptome haben selbst einen unmittelbaren Stressnutzen. Manche sind lediglich die von der Natur in Kauf genommene Folge des Stressnutzens eines anderen Symptoms, das so vorteilhaft ist, das die damit verbundenen Nachteile aufgewogen werden. Andernfalls hätte sich dieses Stresssymptom mangels ausreichendem Stressnutzen (oder damit verbundener Nachteile, die hier Stressnutzenfolge genannt werden soll) wahrscheinlich längst ausgemendelt.

Inhalt dieser Seite

1. Körperliche Stressnutzen

Die körperlichen Veränderungen erhöhen die Kampf- und Fluchtfähigkeit.

Einige Beispiele:

  • erhöhte Herzfrequenz:
    erhöhte Versorgung der Organe mit sauerstoffreichem Blut zur Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit
  • Verengung der peripheren Blutgefässe (blass werden):
    Blut wird ins Körperinnere gezogen. Schutz vor Verbluten bei möglichen Verletzungen durch Kampf oder Flucht
  • erhöhte Aktivität der Leber:
    mehr Glukose im Blut, erhöhte kurzfristige Energieverfügbarkeit
  • Hemmung von Entzündungen:
    verringerter Energieaufwand für das Immunsystem, indem dessen Aktivität unterdrückt wird, was für die angestrebte kurzfristige Optimierung der Handlungsfähigkeit Vorteile bringt.
    Bei langfristigem Stress wirkt sich diese Schwächung des Immunsystems dagegen nachteilig aus und kann in extremen Fällen bis zum Tod führen(4)
  • verringerter Sexualtrieb; im Extremfall: Unfruchtbarkeit.
    In lebensbedrohlichen Situationen wäre eine Schwangerschaft eine erhebliche zusätzliche Belastung.
    Auch aus Sicht der Gattung ist dies evolutionsfördernd: Stress hemmt die Fortpflanzung derjenigen Individuen, die nicht optimal an die Umweltbedingungen angepasst sind(4)
  • Muskelanspannung
    Eine Vorspannung der Muskeln schützt bei möglichem Kampf oder möglicher Flucht vor Verletzungen.

2. Neurologische Stressnutzen

Das Gehirn wird ständig durch positive und negative Erfahrungen verändert (Neuroplastizität). Die Neuroplastizität endet nicht mit dem Erwachsen werden, sie wird jedoch geringer. Neuroplastizität ist eine Grundvoraussetzung für das Lernen.

Leichter / kontrollierbarer Stress verstärkt die bestehenden neuronalen Verbindungen, da diese durch die erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe ihre Kompetenz bewiesen haben.(5)

Starker / unkontrollierbarer Stress unterstützt dagegen die Auflösung bestehender Nervenverbindungen im Gehirn, um neueren, besseren Modellen Platz zu machen, da sich die in den bisherigen Verbindungen repräsentierten Problemlösungsmodelle als nicht optimal erwiesen haben, um die jetzt gerade bestehende (im Extremfall: überlebensbedrohliche) Stresssituation zu vermeiden.

Viele Menschen wissen, das bestimmte ihrer Gewohnheiten dysfunktional sind und schaffen es dennoch nicht, sie zu ändern. Nach einem einschneidenden Erlebnis (unkontrollierbarer Stress) sind sie auf einmal in der Lage, ihre Gewohnheiten zu ändern.

Zu intensive, zu oft, zu lang auftretende Stressoren schädigen die Stressreaktionssysteme. In den ersten Lebensjahren, während sich die Neurotransmittersysteme des Gehirns ausbilden und für die jeweiligen Neurotransmitter ein angemessenes Gleichgewicht suchen, sind die Stressreaktionssysteme hierfür ganz besonders verletzlich (vulnerabel). Bestimmte genetische Dispositionen können diese Verletzlichkeit nochmals erhöhen. Wie entsteht AD(H)S ? Gene + Umwelt

Details
Neurale Plastizität wird durch die Anpassung von neurochemischen, neuroanatomischen und Verhaltens-Systemen vermittelt. Dabei fungiert das endokrine System als Signalnetzwerk, das chemische und morphologische Veränderungen in bestimmten Neuronen und Gliazellen auslöst. Der Hippocampus (der Lern- und Gedächtnisprozesse steuert) reagiert unter anderem auf Glucocorticoide während des Tageszyklus und als Reaktion auf Stress (Cortisol bindet an Glucocorticoidrezeptoren) sowie auf Vasopressin.
Die durch Noradrenalin stimulierte zyklische AMP-Akkumulation, ein Index einer durch langanhaltenden Stress verringerten Noradrenalinempfindlichkeit, wird durch Entfernung oder Blockade der Nebennniere, in der Cortisol und andere Stresshormone produziert werden, erhöht, während Cortisol oder ACTH reduziert werden.(6)

Gering erhöhte Pegel von Glucocorticoiden (Cortisol) als Folge positiver Erfahrungen (wozu auch eine erfolgreiche Bewältigung einer Herausforderung gehört) fördern dabei das Auswachsen von Nervenzellen, stark erhöhte Pegel von Glucocorticoiden hemmen dies.(7)(8)(9)
Intensive negative Erfahrungen, und dazu gehören insbesondere nicht bewältigbare Stresssituationen, schwächen dagegen die bisherigen Verschaltungen im Gehirn und unterstützen deren Abbau. Da die bisherigen Verschaltungen ja offenbar nicht ausreichend geeignet waren, um die vorgefundene Situation zu bewältigen, sondern es zugelassen haben, dass das Individuum in eine nicht bewältigbare (potentiell gefährliche) Situation gerät, ist es sinnvoll, diese abzuschwächen und das Wachsen neuer, besserer Bahnungen und Verschaltungen anzuregen.(7)

3. Psychische Stressnutzen

Stress verursacht ganz typische psychologische Symptome. Fast alle AD(H)S-Symptome sind unserer Auffassung nach funktionale Stresssymptome. (AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome). Diese Symptome haben seit mehreren Millionen Jahren unmittelbare Vorteile für das Überleben des Individuums und damit seiner Gattung.

Nehmen wir einmal an, einer unserer Vorfahren sah sich einer potentiell lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt. Sei es ein Säbelzahntiger, der nicht so aussieht, als ob er sich gerade von einem üppigen Mahl träge in den Schatten schleppt, oder eine Gruppe von Kriegern eines unbekannten oder gar verfeindeten Stammes, die im Laufschritt näher kommen.
Nun hat der arme Kerl schon genug Probleme am Hals – was nützen unserem Vorfahren da auch noch Stresssymptome ? Welchen Vorteil haben sie ?

Nun leben wir heute nicht mehr in der Savanne, müssen unser Essen nicht mehr jagen und haben den Schutz vor Räubern oder Kriegern an Polizei und Armee ausgelagert. Doch unsere Stresssysteme sind Millionen Jahre alt und waren sehr sehr lange sehr erfolgreich. Entsprechend tief sind sie verankert und entsprechend lange wird es dauern, bis sie neueren, an das moderne Leben angepassteren Stressreaktionen Platz gemacht haben. Wenn wir uns einmal auf das Bild der alten Lebensumstände einlassen, die seit Anbeginn der Hominiden bestanden haben, führt dies zu einem tiefgreifenden Verständnis des ursprünglichen Nutzens von Stresssymptomen.
Stressnutzen sind keine Ergebnisse einer kognitiven Überlegung, die der Betroffene oder das Stressreaktionssystem vorab im stillen Kämmerlein betrieben haben, um sie zu gegebener Zeit so umzusetzen. Stressnutzen betrachten wir als evolutionsbiologisch entstandene erfolgreiche Reaktionsmuster. Die Betroffenen mit diesen Reaktionsmustern sind die Nachkommen derjenigen, die diese Muster zufällig entwickelt hatten und denen diese Muster erfolgreich beim Überleben halfen. Deshalb waren sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in den nachfolgenden Generationen vertreten, als andere Verhaltens- und Reaktionsmuster, die für das Überleben nicht so vorteilhaft waren.

Funktionale Stresssymptome sind Reaktionen und Verhaltensmuster, die in Extremsituationen hilfreich sind um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Die Schlussfolgerung muss dann sein, dass Stresssymptome zunächst einmal völlig gesunde neurophysiologische Reaktionen sind. AD(H)S-Symptome sind dies dagegen nicht, obwohl sie identisch sind: weil AD(H)S diese Symptome auslöst, ohne dass ein adäquater Stressor gegeben wäre.
Dies erklärt jedoch, warum jeder Versuch, die neurophysiologische Entstehungsweise von AD(H)S-Symptomen als Krankheitsanteil zu verstehen, scheitern muss. Denn würde die Entstehung eines AD(H)S-Symptoms an seinem neurophysiologischen Entstehungsweg unterbrochen, würde dies zugleich die gesunden Stresssymptome, die eine funktionale Reaktion auf einen Stressor sind, ebenfalls unterbinden.

4. Stressnutzen einzelner Stresssymptome

4.1. Stressnutzen von Hyperaktivität

Eine erhöhte körperliche Aktivität und Aktivitätsbereitschaft ist bei Kampf oder Flucht hilfreich und überlebensfördernd.
Hyperaktivität tritt vor allem bei Kindern uns Jugendlichen auf und lässt im Erwachsenenalter nach. Dies könnte auf einen besonderen Vorteil bei der Flucht hindeuten.

Neben diesem Stressnutzen wirkt Hyperaktivität als Instrument zum Stressabbau:

Hyperaktivität kann bei Tieren zugleich als Übersprungshandlung bei unkontrollierbarem Stress (mit erhöhtem Cortisolblutspiegel) beobachtet werden, wobei diese Übersprungshandlungen zugleich messbar dem Stressabbau dienen (Verringerung des Stresspegels).(10)(11)

Bei Erwachsenen ist Hyperaktivität vor allem als sich ständig wiederholende Mikro-Bewegung wahrnehmbar: Fusswippen, Fingertippen etc. Diese stetig wiederholten Bewegungen haben eine gewisse Ähnlichkeit zu Stereotypien oder Tics, die ebenso als Übersprungshandlungen stressabbauend wirken.(12)(11)

4.1.1. Feinmotorische Probleme als Stressnutzenfolge

Aus der Perspektive einer Bewegungsoptimierung ist eine Verschlechterung der grob- und feinmechanischen Motorik nicht plausibel. Gerade in Kampfsituationen ist zumindest die Grobmotorik wichtig.
Bei Stress wird die Reaktionsgeschwindigkeit erhöht. Dies geht auf Kosten der Genauigkeit von motorischen Handlungen. Insofern ist die Verschlechterung der Feinmotorik kein Stressnutzen, sondern eine (nachteilige) Folge eines anderen Stressnutzens, nämlich der Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit.

4.2. Stressnutzen von Inhibitionsproblemen / Impulskontrollproblemen

Spontane, unüberlegte Entscheidungen erscheinen zunächst nicht als zweckmässige Reaktion auf einen Stressor. Je weniger Zeit auf die Entscheidungsfindung verwendet wird, desto größer ist die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Noradrenalin ist das primäre Stresshormon des Zentralen Nervensystems (des Gehirns). Ein leicht gesteigerter Noradrenalinspiegel, wie er bei kontrollierbarem Stress entsteht, regt den PFC zu erhöhter Aktivität an. Erst ein sehr hoher Noradrenalinspiegel, wie er bei unkontrolliertem Stress entsteht, schaltet den PFC ab und aktiviert die Stressachse (HPA-Achse), an deren Ende Cortisol ausgeschüttet wird. Damit die Deaktivierung des PFC kein Dauerzustand bleibt, bewirkt Cortisol am Ende, dass Noradrenalin wieder zurückgefahren wird.
Bei ADHS sind die Stresssysteme dauerhaft überaktiviert, weil eine zu geringe endokrine Stressantwort den PFC und die HPA-Achse nicht abschaltet. Die besondere hohe endokrine Stressantwort könnte den Subtypen ADS (und in Anbetracht der Symptomatik möglicherweise auch SCT) mit einer zu häufigen Abschaltung von PFC und HPA-Achse erklären.

Dagegen ist es unter extremem Stress – im Kampf oder auf der Flucht – manchmal schlicht überlebensnotwendig, sehr schnell zu entscheiden.Wir sind die Nachkommen derjenigen, die beim Draufhauen oder beim Weglaufen zumindest nicht die langsamsten waren. Wir haben von den Gewinnern (den Überlebenden) ihre Stressreaktion geerbt, dass extremer Stress den PFC ausschaltet weil schnellere Reaktionen bei Kampf oder Flucht vorteilhaft sind.

Wer sich in der Savanne plötzlich einem hungrigen Löwen gegenüber sieht, sollte sich möglichst schnell entscheiden, in welche Richtung er läuft. Beim Wettrennen darum, allenfalls der zweitlangsamste zu sein, sind die jüngeren Gehirnteile (vor allem der PFC), die auf die sorgfältige analytische Abwägung von Problemen optimiert sind, dies jedoch sehr sehr langsam tun, eher hinderlich. Schnelle, spontane (dafür aber ungenaue) Entscheidungen treffen seit jeher die älteren (und kleineren) Gehirnteile des limbischen Systems (Amygdala, Hippocampus).
Dies beruht indes wohl nicht auf Vorteilen beim Energieverbrauch. Der Energieverbrauch des Gehirns im Ruhezustand wie im Alarmzustand ist annähernd gleich. Ob es daher ein Überlebensvorteil ist, die in derartigen Notsituationen wenig hilfreichen (weil zu langsamen) neuen Gehirnteile herunterzufahren, um Energie zu sparen, ist fraglich. Das Gehirn, das 2 % des Körpergewichts ausmacht und weniger als 1 Promille der Zellen des Körpers beinhaltet, verbraucht in Ruhe wie in Aktion etwa 25 % der Energie des gesamten Körpers. Aktives, konzentriertes Denken variiert diesen Wert gerade einmal um einen Prozentpunkt, so dass eine normale Passivität des Gehirns wohl keinen signifikanten Energiegewinn bewirkt. Andererseits könnte das durch massiven Stress verursachte “Abschalten” des PFC den Energieverbrauch verringert.(13)

Wunderbar verständlich und unterhaltsam dargestellt wird die Zusammenarbeit der neuen und der alten Gehirnteile von Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem äußerst lesenswerten Buch “Schnelles Denken, langsames Denken”.(14)

4.3. Stressnutzen von Ablenkbarkeit, Taskwechselproblemen und Aufmerksamkeitsproblemen

AD(H)S-Betroffene haben keine Störung der Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich. Sie können (in manchen Situationen) eine sehr gute Aufmerksamkeit und Konzentration zeigen. Wer einmal einen AD(H)S-Betroffenen im Hyperfokus erlebt hat, im dem stundenlang auch höchst monotone Tätigkeiten höchst konzentriert ausgeübt werden können, sofern sie das intrinsische Interesse des Betroffenen wecken, und bei dem alle (in Bezug auf das jeweilige Interesse) irrelevanten Reize völlig ausgeblendet sind, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass bei AD(H)S nicht die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an sich, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit gestört ist. Doch auch diese Schlussfolgerung greift unseres Erachtens zu kurz.

Nach unserem Verständnis besteht bei AD(H)S weder ein (technische) Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, noch eine (technische) Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitslenkung, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit unterliegt einem abweichenden Modus (Profil, Leitmotiv, Programm, Muster). Dieser Modus beinhaltet eine stärkere Steuerung durch intrinsische Motivation im Vergleich zu dem Profil der Lenkung der Aufmerksamkeit in entspanntem Zustand. Dieses Lenkungsprofil scheint in überlebensbedrohlichen Situationen von Vorteil: Dinge von hohem Interesse werden noch stärker fokussiert als sonst (Taskwechsel erschwert bis hin zum Hyperfokus), von weniger interessanten Dingen ist die Aufmerksamkeit schneller abgelenkt. Die Aufmerksamkeit ist dann weniger fokussiert und breiter verteilt. Während ersteres eine erhöhte Konzentration auf erkannte und zu bekämpfende Gefahren erlaubt, bewirkt zweiteres bei unwichtigeren Beschäftigungen eine schnellere Wahrnehmung von und schnellere Aufmerksamkeitswechsel auf bis dahin noch nicht erkannte Gefahren.
Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren, lässt sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken, die nicht überlebensrelevant sind.

Aufmerksamkeit muss bei Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden. Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren, ist es nachvollziehbar, dass sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken lässt, die nicht überlebensrelevant sind. Der Begriff überlebensrelevant ist dabei das Bindeglied zum Begriff der intrinsischen Motivation: wer einem überlebensgefährlichen Stressor ausgesetzt ist, muss selbst entscheiden, was dies ist und wie er dem am Besten begegnet.

Bei AD(H)S ist nicht die Ablenkbarkeit an sich erhöht, sondern lediglich die Ablenkbarkeit von Aufgaben, die nicht aus eigenem innerem Motiv (intrinsisch) als für die Problemlösung wichtig erachtet werden.

Der Vorteil einer erhöhten Ablenkbarkeit lässt sich gut nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, dass das Lager stets bewacht werden muss und sich nähernde Gefahren auch bei einem netten Gespräch mit einem anderen am Lagerfeuer sofort erkannt werden sollten. Beim abendlichen Lagerfeuer (oder anderen, das Interesse wenig bindenden Tätigkeiten) ist es also aus der Sicht von Stress vorteilhaft, durch jedes Geräusch, jede Bewegung oder andere “Kleinigkeiten” abgelenkt zu werden. Wer in Gefahrenzeiten weniger “ablenkbar” war, hatte Nachteile – er entdeckte den Angriff oder die sich nähernde Gefahr später.

Probleme damit, eine Tätigkeit spontan zu Gunsten einer anderen zu beenden, sind nicht auf den ersten Blick eine zweckmäßige Reaktion auf einen Stressor. Aus dem Blickwinkel des Stressnutzens stehen Taskwechselprobleme dem Symptom der Ablenkbarkeit diametral gegenüber.
Was ist der Vorteil, sich von einem Task, auf den man sich einmal eingelassen hat, nur schwer wieder lösen zu können ?

Die Taskwechselproblematik tritt nach diesseitiger Wahrnehmung besonders dann auf, wenn Tätigkeiten von besonderem Interesse ausgeübt werden. Von Dingen, die den Betroffenen besonders interessieren, oder für die er sich aus eigenem Antrieb (intrinsisch) interessiert hat, kann derjenige nur schwer seine Aufmerksamkeit lösen – und zwar ganz besonders, wenn die Anforderung zum Taskwechsel extrinsisch erfolgt und sich nicht dem eigenen intrinsischen Interesse des Betroffenen deckt.

Der Vorteil von Taskwechselproblemen besteht dann, wenn gerade eine Gefahrenquelle beobachtet oder verfolgt wird. In diesem Moment ist alles andere unwichtig und es ist ein Vorteil, sich von dieser (intrinsisch motivierten) Tätigkeit nicht schnell mal so eben ablenken zu lassen. Wer sich beim Kampf von Nebensächlichkeiten ablenken ließ, war dem erhöhten Risiko ausgesetzt, den Kampf zu verlieren.

Bei Ablenkbarkeit wie bei Taskwechselanforderungen ist vor allem die Steuerbarkeit der Aufmerksamkeit betroffen. Aufmerksamkeit muss unter Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden und bleiben. Dies spiegelt sich im Phänomen des Hyperfokus – Stressbetroffene können in Aufgaben, die sich innerlich für wichtig erachten, völlig versinken. Lässt sich der Betroffene von (überlebens-)wichtigem ablenken, ist er benachteiligt. Hinsichtlich weniger relevanten Aufgaben ist es jedoch vorteilhaft, wenn der Betroffene sich leicht ablenken lässt. Im Sinne einer erhöhten Wachsamkeit gegenüber möglichen Gefahren ist eine Ablenkbarkeit von unwichtigen Dingen (Dinge, die der Betroffene als unwichtig einschätzt) dagegen sinnvoll und überlebensfördernd.

Aus diesem Blickwinkel wird klar, dass bei Ablenkbarkeit wie bei Taskwechselanforderungen die Aufmerksamkeitssteuerung involviert ist. Bei AD(H)S-Betroffenen ist nicht die Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich, sondern deren Steuerbarkeit und Lenkbarkeit verändert. Das hier gezeichnete Bild könnte diese Lenkbarkeitsbeeinträchtigung so erklären, dass die Aufmerksamkeit bei Stress vor allem auf den existenzbedrohenden Stressor gerichtet werden muss. Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren, ist es nachvollziehbar, dass sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken lässt, die nicht überlebensrelevant sind.

Hierzu passt, dass AD(H)S-Betroffene bei entsprechendem Interesse oder entsprechender Belohnung in Tests fast so gute Aufmerksamkeitsleistungen erbringen wie Nichtbetroffene(15) Dies bestätigt, dass nicht die Konzentrationsfähigkeit oder Inhibitionsfähigkeit an sich beeinträchtigt ist, sondern dass Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit ebenso wie Aufmerksamkeitslenkung alleine von einem bestehenden intrinsischen Interesse abhängen. Wird das intrinsische Interesse durch entsprechende Belohnungen geweckt, entspricht die Aufmerksamkeitsfähigkeit von AD(H)S-Betroffenen in etwa der von Nichtbetroffenen. Dieses Phänomen kann die Testgenauigkeit von Aufmerksamkeitstests so stark verfälschen, dass AD(H)S-Betroffene, die hochmotiviert und interessiert am Test teilnehmen, keine Aufmerksamkeitsprobleme zeigen.
Dies bestätigt, dass das Problem bei AD(H)S ist nicht eine Einschränkung Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich ist, und das auch die Lenkung der Aufmerksamkeit grundsätzlich funktioniert, wobei allerdings die Aufmerksamkeitslenkung einem anderen Leitbild folgt, wie er bei einem überlebensgefährenden Notfallzustand hilfreich wäre.

4.4. Stressnutzen von Verzögerungsaversion (z.B. Ungeduld) und Prokrastination

Der Stressnutzen von Verzögerungsaversion lautet, dass der Betroffene die Bekämpfung des Stressors weniger aufschiebt.
Stress vermittelt: “Sorge dafür, dass sich das Problem sofort löst. Eine Gefahr soll man nicht bestehen lassen. Kümmere Dich um Dein Problem. Sei aktiv, lasse Dich nicht gehen. Wenn Dich etwas aufhält auf Deinem Weg, Dein Problem zu lösen, versuche das zu umgehen.”
Der Stressnutzen von “Jetzt ist immer” ist der Kern dessen, was Stress bewirken will, um unser Überleben zu schützen: besiege die Gefahr, jetzt, sofort, Ruhe nicht, bis die Gefahr beseitigt ist. E ist keine Zeit, zuzuwarten, es geht ums Überleben.

Zunächst scheint das Nebeneinander von Verzögerungsaversion (Delay Aversion) und Prokrastination widersprüchlich. Doch beides sind typische und häufig beschriebene Stress- und AD(H)S-Symptome.
Auch hier erschließt sich der Sinn der Symptome, wenn man zwischen intrinsischen und extrinsischen Interessen unterscheidet.

Intrinsisch verfolgte Interessen lösen Verzögerungsaversion und Ungeduld aus, während extrinsisch auferlegte Interessen prokrastiniert werden.

Intrinsisch meint damit nicht nur Dinge, die die Betroffenen mögen, sondern alle Dinge, die diese als ihre eigenen Interessen verfolgen. Dies kann auch sein, nicht zu spät zur Arbeit kommen zu wollen. Extrinsisch meint alle Dinge, die nicht zu den innerlich gewollten Zielen gehören. Häufig fallen hierunter lästige Pflichten wie Aufräumen, Wäsche waschen, Steuererklärungen oder ähnliches – Dinge, die nicht überlebensnotwendig sind.

Aus der Sicht von Stress unter der Annahme einer überlebensgefährdenden Situation macht diese Aufteilung Sinn. Wer gerade um sein Überleben kämpft, tut gut daran, sich hierauf zu konzentrieren und alles, was dazu beiträgt, den Stressor zu bekämpfen, so schnell als möglich zu erledigen. Alles was sich dem in den Weg stellt, löst Unwillen und Unwohlsein aus. Ungeduld, nicht warten können und Dinge in einer Art inneren Hetze zu tun, sind die logische Folge davon. Dinge jedoch, die nicht dazu beitragen, den Stressor zu bekämpfen, können nicht nur warten, sie sollen es sogar. Nüsse zu sammeln für den Winter hat im Angesicht einer überlebensbedrohenden Gefahr ganz zu recht eine geringere Priorität.
Hiervon sind nicht nur unangenehme Dinge betroffen. Auch angenehme Dinge werden von AD(H)S- und Stressbetroffenen prokrastiniert: das nicht geniessen können, das teilweise bis zur Erholungsunfähigkeit reicht, erwächst aus der selben Wurzel.

Hieraus erklärt sich das vielfach beobachtete und untersuchte Phänomen der Abwertung entfernter Belohnungen: Belohnungen, die weiter entfernt sind, sind für AD(H)S-Betroffene weniger wert als für Nichtbetroffene. Belohnungen, die sofort zu erwarten sind, werden von AD(H)S-Betroffenen dagegen ganz genau so bewertet wie von Nichtbetroffenen auch. Unter dem Leitbild einer akuten existenzbedrohenden Stresssituation macht diese Differenzierung Sinn: Überleben ist jetzt. Alles andere kann warten.

4.5. Stressnutzen von Dysphorie bei Inaktivität

Dysphorie bei Inaktivität ist ein originäres und funktionales Stress- und AD(H)S-Symptom und darf nicht mit Depression verwechselt werden, bei der dieses Symptom extrem und dysfunktional geworden ist. Eine Behandlung von Dysphorie bei Inaktivität mit Antidepressive ist kontraproduktiv.
Depression und Dysphorie bei AD(H)S

Dysphorie bei Inaktivität bedeutet, dass sich (nur) im Zustand der Ruhe die Stimmung des Betroffenen verschlechtert. Beispiele sind schlechte Laune nach dem Heimkommen oder in den ersten Urlaubstagen (bis die Erholung den Stresslevel so weit gesenkt hat, dass damit auch das Stresssymptom der Dysphorie bei Inaktivität verschwindet). Etliche Betroffene bevorzugen deshalb Aktivurlaube, wobei diese die erhöhte Erholungsbedürftigkeit nicht immer abdecken.

Die Stimmung ist eines der stärksten Steuerungselemente der Psyche. Jedes Individuum versucht unbewusst und spontan jeweils das zu tun, was erforderlich ist, um eine gute Stimmung zu erhalten.
Wenn schlechte Stimmung immer bei Inaktivität eintritt, wird das Individuum versuchen, aktiv zu bleiben.
Aktiv zu bleiben, sich nicht zurückzulehnen und sich nicht durch angenehme Genüsse von der Bekämpfung des Stressors ablenken zu lassen und somit den Kampf gegen den Stressor weiterzuführen ist der Stressnutzen von Dysphorie bei Inaktivität.

Dauerhaftes Grübeln kann aus dem selben Mechanismus resultieren. Erhöhtes Grübeln ist so lange funktional, wie dabei nach konstruktiven Lösungsmöglichkeiten gesucht wird. Auch Grübeln wird ab einem bestimmten Maße dysfunktional, z.B. wenn nur im Kreis gedacht und dabei der erforderliche Schlaf versäumt wird.

Sinn und Zweck der Dysphorie bei Inaktivität scheint zu sein, den Betroffenen dazu zu animieren, aktiv zu werden, sich aktiv gegen den Stressor zu wehren (“fight”) oder Energie zur Flucht bereit zu halten (“flight”).
Wird die Stimmung immer dann schlechter, wenn ein Mensch passiv wird, wird ihn dies (meist unbewusst, aber sehr wirksam) dazu bewegen, aktiv zu werden und zu bleiben. Eine verstärkte Aktivität erhöht in der Regel die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Sinn und Zweck ist es nicht, den Betroffenen auch während seines Kampfes mit einer schlechten Stimmung zu belasten. Eine schlechte Stimmung während der Aktivität würde die Durchführung der Aktivitäten eher eher verringern und hätte keine Steuerungswirkung zugunsten der Überlebenswahrscheinlichkeit (weg von Passivität, hin zu Aktivität). Deshalb ist die Dysphorie nur bei Inaktivität vorhanden.

4.6. Stressnutzen von Antriebslosigkeit

Ein Stressnutzen von Antriebslosigkeit wäre nicht einleuchtend, wenn man eine völlige Antriebslosigkeit annähme. Diese ist indes meist nicht gegeben. Antriebslosigkeit wäre als Stressnutzen erklärbar, wenn Stress nicht eine generelle Antriebslosigkeit bewirkt, sondern die Antriebslosigkeit für Dinge, die weniger geeignet sind, den Stressor zu bekämpfen, herabsetzt und ihn für Dinge, die geeignet sind, den Stressor zu bekämpfen (was sich nach intrinsischen Interessen richtet) erhöht.

Antriebslosigkeit ist in Gefahrensituationen nützlich, wenn sie sich auf Dinge bezieht, die für die Bekämpfung des Stressors nicht erforderlich sind. Dem spontanen Gedanken nachzugeben, baden zu gehen, während das Lager von Feinden umkreist wird, ist nicht wirklich überlebensförderlich.
Bei Stress wie bei AD(H)S ist der Antrieb nicht vollständig entfallen. Aus der Sicht Nichtbetroffener fehlt jedoch der Antrieb, die für das alltägliche Leben sinnvollen Dinge anzufangen. Insbesondere für unangenehme irrelevante Dinge wie putzen oder aufräumen fehlt der Antrieb auch tatsächlich. Für intrinsisch ausreichend interessante Dinge ist der Antrieb jedoch immer noch vorhanden.

Sofern Depression als eine Reaktion auf noch schwereren und unbewältigbaren Stress betrachtet, könnte man die dann eintretende allumfassende Antriebslosigkeit als eine Art der Beendigung des Kampfes, als ein Ergeben gegenüber dem Feind betrachten.(16)

Es gibt eine Reihe Untersuchungen zur erlernten Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit, die sogar in Tierexperimenten an Hunden zeigte, wie diese aufgaben, einem elektrischen Stromschlag zu entkommen (selbst wenn sie die Möglichkeit wieder hatten).(17)

Als evolutionsbiologischer Sicht könnte stark vereinfacht argumentiert werden, dass, wenn der Gegner gewonnen hat und das Individuum gefangen genommen wurde, es sinnvoll gewesen sein könnte, den Kampf einzustellen, um zu vermeiden, getötet zu werden. Hierzu würde passen, dass Antriebslosigkeit unmittelbar an Depression gekoppelt ist und bei AD(H)S beide Symptome parallel zueinander sehr schnell kommen und gehen.
Depression ist jedoch weitaus häufiger Folge von entzündlichen Reaktionen als Folge einer Immunantwort, weshalb diese evolutionsbiologische Sichtweise zweifelhaft sein dürfte.
Differenziertere Theorien beschreiben Depression evolutionsbiologisch als sinnvolle Strategie zur Lenkung von Verhalten. Nach der Social Navigation Hypothesis (SNH) habe sich die Depression entwickelt, um zwei komplementäre soziale Problemlösungsfunktionen zu erfüllen. Erstens induziert Depression kognitive Veränderungen, die die Kapazitäten für die genaue Analyse und Lösung wichtiger sozialer Probleme fokussieren und verbessern, was auf eine soziale Ruminationsfunktion hindeutet. Zweitens können die Kosten, die mit der Anhedonie und der psychomotorischen Störung der Depression verbunden sind, widerwillige Sozialpartner davon überzeugen, Hilfe zu leisten oder Zugeständnisse zu machen, und zwar über zwei mögliche Mechanismen, nämlich ehrliches Signalisieren und passive, unbeabsichtigte Fitness-Erpressung. So kann Depression auch eine soziale Motivationsfunktion haben.(18)

Die neurophysiologischen Wirkmechanismen, die Depression auslösen (dies sind immunologisch ausgelöste Entzündungsreaktionen), können dagegen explizit als Ergebnis einer funktionalen Stressbewältigungsreaktion betrachtet werden.(19)

4.7. Stressnutzen der Abwertung späterer Belohnung

Der Stressnutzen lautet: Überleben ist jetzt. Alles andere, alles was später kommt, ist erst dann relevant, wenn die jetzige Herausforderung erfolgreich gemeistert wurde. Stress fördert daher eine Konzentration auf das Hier und Jetzt, auf das Sofort. Dies schwächt das Interesse an Dingen, die für die momentane Problemlösung nicht unmittelbar wichtig sind. Aus der Sicht einer maximalen Problemlösungskompetenz für die jetzt gerade bestehende (potenziell überlebensbedrohliche) Herausforderung ist die Abschwächung des Interesses an Dingen, die erst später einen Vorteil verschaffen, logisch und richtig. Es ist evolutionsbiologisch die logische Folge einer sehr korrekt funktionierenden Aufmerksamkeitssteuerung: die Aufmerksamkeit wird bevorzugt auf die überlebensnotwendigen Dinge gelenkt, während das Interesse an den hierfür irrelevanten Dingen abgeschwächt wird. Daraus folgt, dass aus evolutionsbiologischer Sicht akuter und massiver Stress weder eine Aufmerksamkeits- noch eine Ablenkbarkeits- und auch keine Aufmerksamkeitslenkungsstörung bewirkt. Alle diese Systeme funktionieren vielmehr einwandfrei – sie folgen unter schwerem Stress lediglich einem anderen Leitbild. Sie folgen korrekt und funktional dem Leitbild, das bei schwerem Stress richtig und überlebensförderlich ist: erst einmal jetzt Überleben und alles andere hinten anstellen.

4.8. Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität

Der evolutionsbiologische Stressnutzen dürfte sein, dass der Betroffene eine erhöhte Aktivität zur Beseitigung des Stressors entfaltet bzw. dass angenehme Tätigkeiten (genießen) hiervon ablenkt.

Stress vermittelt:
“Sorge dafür, dass sich das Problem sofort löst. Eine Gefahr soll man nicht bestehen lassen.
Kümmere Dich um Dein Problem. Bleibe aktiv, lasse Dich nicht ablenken.
Wenn Dich etwas aufhält auf Deinem Weg, Dein Problem zu lösen, versuche das zu umgehen.”

4.9. Stressnutzen von Genussunfähigkeit

Der Stressnutzen von Genussunfähigkeit liegt in einer Konzentration auf den Stressor. Starker Stress “sagt”: jetzt ist überleben wichtig – genießen und erholen kannst Du Dich später. Bei einer gesunden (kurzzeitigen) Stressreaktion ist dies richtig und hilfreich. Sind die Stressreaktionssysteme (wie bei ADHS) dagegen dauerhaft aktiviert, bewirkt dies eine mangelhafte Erholungsfähigkeit und kann in einen Teufelskreis führen.

Genussunfähigkeit und Selbstwert
Vorstellbar wäre, dass dieser Stressnutzen auch durch einen verringerten Selbstwert vermittelt würde. Die Intrusion (der innere (unbewusste) Leitsatz) dazu wäre “Es steht mir nicht zu, zu genießen”. Dies wäre aus Sicht eines gesunden Stresssystems völlig richtig: Geniessen ist erst wieder gefahrlos zulässig, wenn die akute Bedrohung überstanden ist. Eine solche Selbstwertreaktion als unmittelbare Stressfolge wäre dann keine kognitive Schlussfolgerung. Selbstwertprobleme sind eine häufige Symptomatik bei Stressüberlastung. Zugleich ist das Symptom der Rejection Sensitivity, das häufig als kognitive Folge eines Selbstwertproblems betrachtet wird, nach diesseitiger Erfahrung ein unmittelbar neurophysiologisch vermitteltes AD(H)S-Symptom (siehe Rejection Sensitivity).

4.10. Stressnutzen von Hochsensibilität

Eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit kann in Stresssituationen hilfreich sein. Besser sehen, hören oder riechen zu können, erhöht evolutionsbiologisch die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Bei einer dauerhaft erhöhten Stressreaktion, der keine tatsächliche Gefahr zu Grunde liegt, ist sie dagegen nachteilig, denn sie verstärkt die Belastung zusätzlich.

4.11. Der Stressnutzen von innerer Unruhe

4.11.1. Stressnutzen des inneren Getriebenseins

Es ist hilfreich, so lange aktiv und auf Achse zu sein, bis der Stressor bekämpft oder vorbeigegangen ist. Inneres Getriebensein ist der Kern dessen, was Stress macht: es treibt an, Energie aufzuwenden, um dem Stressor entgegen zu treten.

Ausruhen, entspannen ist in Anbetracht einer akuten drohenden Gefahr nicht sinnvoll (auch nicht für den ADS-Subtyp). Erst wenn das Überleben gesichert ist, erst wenn die akute Gefahr beseitigt ist und das Individuum wieder in Sicherheit ist, ist es evolutionsbiologisch betrachtet gefahrlos möglich, sich zu entspannen.

Ständig etwas tun zu müssen ist eine weitere Ausdrucksform des Inneren Getriebenseins. Es hält den Betroffenen ständig aktiv, um ihn dazu anzutreiben, etwas gegen den (vermeintlichen) Stressor zu unternehmen. Aus dieser Sicht ist das eine erfolgversprechende Stressbewältigungsstrategie.

Warum reagieren ADS-Betroffene anders, wenn doch Hyperaktivität ein Überlebensvorteil sein soll ?
ADS-Betroffene, die wie alle anderen AD(H)S-Betroffenen ebenfalls an einer chronischen Überaktivierung der Stressreaktionssysteme leiden, haben andere Stressbewältigungsmuster als der hyperaktiv-impulsive ADHS-Typ. ADS-Betroffene reagieren auf Stress eher mit Flucht oder totstellen als mit Hyperaktivität. Rehe, die sich bei einer nähernden Gefahr lange still verhalten um nicht entdeckt zu werden, verwenden eine ähnliche Strategie (die sie sich ebenso wenig aktiv aussuchen wie Menschen ihren Stressphänotyp). Doch auch Rehe sind dabei innerlich extrem angespannt. Denn wenn sie doch entdeckt werden, müssen sie schnell fliehen. Das erklärt, warum ADS-Betroffene selbst wenn sie “wegträumen” nicht innerlich entspannt sind.

Warum gibt es unterschiedliche Stressreaktionsmuster ?
Für das Überleben einer Gattung ist es hilfreich, wenn eine Gruppe Mitglieder mit möglichst verschiedenen Stressreaktionsphänotypen hat. Würden alle sofort draufhauen, wäre die Gruppe extrem geschwächt, falls abwarten und stillhalten in diesem Fall die bessere Reaktion gewesen wäre – und umgekehrt. Den Verlust einzelner Mitglieder kann eine Gruppe besser ausgleichen als den Verlust eines großen Teils ihrer Mitglieder. Zu diesem Erklärungsmodell passt, dass die Stressphänotypik nicht streng durch Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird, sondern einer hohen Varianz unterliegt. Diese hohe Variabilität hilft der Gruppe beim überleben.

4.11.2. Der Stressnutzen der Beschäftigung mit dem Stressor / Gedankenkreisen / Rumination

Stress “will”, dass wir uns mit dem Stressor beschäftigen. Es ist häufig sinnvoll, sich so lange um den Stressor zu kümmern, uns so lange mit ihm auseinanderzusetzen, bis uns eine Lösung einfällt oder der Stressor sich auf andere Art erledigt. Dies kann zu einer intensiven inneren Auseinandersetzung mit dem Stressor führen, bis hin zu einem “an nichts anderes mehr denken können”.

Zuweilen wandelt sich das stetige “Gedanken an den Stressor verwenden” zu einem dauerhaften grübeln oder Gedankenkreisen (Rumination), das von einer immer wiederkehrenden Abfolge der selben Gedanken (unter Abwesenheit von kreativen Abwandlungen der Gedanken) gekennzeichnet ist. Derartiges Gedankenkreisen ist meist nicht lösungskonstruktiv. Es handelt sich daher allenfalls um eine unfruchtbare Folgeerscheinung des Stressnutzens “Beschäftigung mit dem Stressor”.

Wenn der Partner moniert “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders”, kann dies die Außenansicht einer dauerhaften Beschäftigung mit dem Stressor oder eines Gedankenkreisens sein.

4.11.3. Der Stressnutzen von “Was man gerade tut, meist in Hektik tun”

Wenn Stress ein eigenes Interesse hätte (was er nicht hat, er ist – evolutionsbiologisch betrachtet – nur die Sammlung von Überlebensstrategien, die so erfolgreich waren, dass ihr Träger sich erheblich häufiger fortpflanzen und ihre Erfolgsstrategien deshalb häufiger vererben konnten), würde er wollen, dass wir uns sehr konzentriert mit den vorhandenen Problemen kümmern. Es geht evolutionsbiologisch nicht darum, die Problemlösung zu genießen, es geht darum, zu überleben.

Erst wenn der Überlebenskampf gewonnen ist, erst wenn der Stressor verschwunden ist, ist Raum für Entspannung, Genuss und der daraus folgenden Erholung. Bis dahin wird ein Kredit aufgenommen – man lebt auf Kosten von Genuss und Erholung. Ob dieser Kredit jemals zurückgezahlt werden kann ist im Moment des Überlebenskampfes nicht relevant. Wenn der Betroffene nicht überlebt, braucht er sich auch nicht mehr zu erholen.

4.11.4. Stressnutzen von “Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen”

Ebenso wie Stress dazu dient, den Betroffenen dazu zu bewegen, sich aktiv mit dem Stressor zu beschäftigen, dient es dazu, zu verhindern, dass man sich entspannt einer Genusstätigkeit hingibt, solange möglicherweise überlebensbedrohende Gefahren bestehen.

4.12. Stimmungsschwankungen als Stressnutzenfolgen

Stimmungsschwankungen sind unserer Auffassung nach und evolutionsbiologisch betrachtet Ausdruck der Wahrnehmungsverschiebung auf das Hier und Jetzt, die durch Stress ausgelöst wird, um die Aufmerksamkeit auf den Stressor zu konzentrieren. Wenn die Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt fokussiert, liegt es nahe, dass auch die Stimmung mehr dem Hier und Jetzt folgt.

Zwar könnte auch ein negatives Selbstbild (Du bist nicht gut genug, tue mehr, damit Du überlebst, sei nicht zufrieden mit dem, was Du bisher getan hast, bleibe aktiv um besser zu werden) ein Antrieb sein, bisherige Lebensgewohnheiten zu ändern und die akute Herausforderung zu meistern. Die Konzepte des Selbstwertes verstehen diesen jedoch als Folge kognitiver Prozesse. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass ein negativer Selbstwert eine unmittelbare Stressfolge ist.

4.12.1. Stressnutzen von Aggression

Aggressivität verstärkt die Bereitschaft zum Kampf, so wie Ängstlichkeit die Bereitschaft zur Flucht fördert.
Kampf war zu der Zeit, als unsere Stresssysteme entstanden sind, noch wesentlich wichtiger und vorteilhafter als heute.

Die beiden Stressnutzen von Aggressivität und Ängstlichkeit scheinen auf den ersten Blick widersprüchlich. Wenn Aggressivität ein Stressnutzen ist, wie kann Ängstlichkeit dann ebenso nützlich sein ?

Stresssymptome sind keine einheitliche Reaktion auf jedweden Stressor, sondern variieren je nach dem, welcher Stressor auftritt. Dass beim Stressor Hunger weder eine aggressive noch eine ängstliche Reaktion sinnvoll ist, ist offensichtlich. Dagegen ist auf manche andere Stressoren eher eine aggressive Reaktion (Kampf) oder eine ängstliche Reaktion (Flucht) sinnvoll.
Es ist jedoch erkennbar, dass Menschen sich danach unterscheiden, inwieweit bei ihnen eher aggressive oder ängstliche Verhaltensformen überwiegen.
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man nicht nur den Stressnutzen für das Individuum betrachtet, sondern den Stressnutzen für die ganze Gruppe oder Gattung. Siehe hierzu unten unter 13. Individuelle Varianz von Stresssymptomen als Überlebensvorteil für Gruppe und Gattung.

4.13. Frustrationsintoleranz als Stressnutzenfolge

Frustrationsintoleranz könnte eine Folge des massiv erhöhten Strebens nach Beseitigung des Stressors sein. Ein existenzbedrohender Stressor muss so schnell als möglich beseitigt werden. Führen einzelne Lösungsansätze nicht zum Ziel, wäre es vorteilhaft, dann nochmals vermehrte Energie aufzuwenden, um andere Lösungsstrategien zu versuchen.

Wohlgemerkt ist ein gleichzeitiger Parameter ein extremer Zeitdruck, weshalb die “klugen” Lösungswege des langsamen Denkens nicht hilfreich sind.

4.14. Stressnutzen von Rejection Sensitivity

Ein Stressnutzen von Rejection Sensitivity ist nicht klar erkennbar. Er könnte darin liegen, seine Ressourcen in schwierigen Zeiten nicht auf Personen zu verwenden, bei denen nicht sicher ist, dass die Investition erwidert wird. Das erklärt jedoch nicht, warum eine Ablehnung derart aversiv ist und nicht nur ein Selektor, wem man sich zuwendet.
Die durch eine Ablehnung erhöhte Gefahr, aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, stellt einen eigenen, besonders intensiven Stressor dar.

4.15. Stressnutzen von Tend and Befriend

Tend and Befriend hat den Stressnutzen, in Gefahrensituationen die Bindung an die Gruppe zu erhöhen.

Ähnlich wie Aggression und Ängstlichkeit, die je nach Stressor bevorzugt ausgebildet werden, und die unterschiedliche Stressnutzen haben (Kampf versus Flucht), können auch Rejection Sensitivity und Tend and Befriend gleichzeitig nebeneinander in einem Individuum Sinn machen. Die Übersetzung könnte sein: Binde Dich stärker an diejenigen, die die Zuwendung erwidern und die Bindung annehmen und halte Dich von denjenigen Gruppenmitgliedern fern, bei denen Du nicht sicher sein kannst, ob Deine Investition in eine Bindung rentabel ist.

Bei Borderline ist dieser Dualismus besonders extrem ausgeprägt (wobei Borderline-Betroffene oft gar nicht in der Lage sind, eine Bindung annehmen zu können, weil sie sich ihrer selbst nicht Wert fühlen und weil die Angst v9r dem Verlust einer Bindung deutlich größer ist als der Nutzen der Bindung selbst).

In den Zeiten, in denen die Stressnutzen unserer Stresssysteme entstanden sind, kam ein Ausschluss aus einer Gruppe fast einem Todesurteil gleich. Dabei hatten Männer noch eine etwas grössere Chance, als Einzelkämpfer und Jäger eine Zeit lang zu überleben, was erklären könnte, warum Tend and Befriend bei Frauen ausgeprägter auftritt als bei Männern.

4.16. Stressnutzen von Selbstwertproblemen

Angst als Stresssymptom bezweckt, die rettende Flucht anzustreben.(20)
Das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen (oben unter Hyperaktivität / Unruhe / Inneres Getrieben sein), geht stark mit einem subjektiven Eindruck der Betroffenen einher, viel zu wenig geschafft zu kriegen, nichts auf die Reihe zu bekommen, Underperformer und ungenügend zu sein.
Diese Wahrnehmung ist der Weg, auf dem Stress dafür sorgt, dass der Betroffene weiter aktiv bleibt. Das Gefühl, genug geleistet zu haben, würde einer gewissen Zufriedenheit und damit einer erlaubten Entspannung den Weg bereiten. Das aber wäre bei einer akuten Bedrohung, wie sie als Stressor der Stressreaktion zu Grunde liegt, gefährlich, denn es würde den Antrieb für den Kampf gegen die Bedrohung abschwächen.
Stress sagt seinem Träger, dass seine bisherigen Problemlösungsstrategien nicht ausreichend sind. Stress vermittelt unmittelbar: “so, wie Du (bisher) bist, bist Du nicht okay – denn Du bist in einer extrem gefährlichen Situation. Beweg Dich, verändere Dich, damit Du überlebst. Außerdem haben Deine bisherigen Stressbewältigungsstrategien uns in diese Lage gebracht. Deshalb solltest Du Dich nicht gut fühlen mit dem wie Du bist.”

Dass dies ganz unmittelbar zu Lasten des Selbstwertgefühls geht, ist natürlich. Ein hoher Selbstwert würde bewirken, dass man mit sich zufrieden ist, so wie man ist. Dann gäbe es keinen Anlass, etwas an sich zu ändern. Stress alarmiert uns aber gerade, weil etwas geändert werden muss.
Deshalb lockert schwerer Stress auch die neuronalen Verschaltungen im Gehirn, um die bisherigen, dysfunktionalen Problemlösungsmuster, die in den neuronalen Verschaltungen abgebildet sind, auflösen zu können und sie leichter durch neue Verschaltungen ersetzen zu können. Umgekehrt festigt und verstärkt Stress bei erfolgreicher Stressbewältigung neuronale Verschaltungen, um die zuletzt erfolgreiche Bewältigungsstrategie im Gehirn tiefer zu verankern und deren Automatisierung zu fördern.

4.17. Stressnutzen von Ängstlichkeit

Erhöhte Ängstlichkeit bewirkt eine erhöhte Vorsicht. Wenn lebensbedrohliche Umstände (Gegenwart von Fressfeinden) die Vorsicht erhöhen, erhöht dies die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Wird die Ängstlichkeit so groß, dass sie nicht mehr nur die Vorsicht erhöht, sondern die Handlungsfähigkeit unangemessen beeinträchtigt, ist das funktionale Stresssymptom der Ängstlichkeit dysfunktional geworden und überschreitet die Schwelle zur Angststörung.

4.18. Stressnutzen von innerer Leere und Alexithymie

Innere Leere ist die logische Konsequenz einer Fokussierung auf den Stressor (siehe oben unter Gedankenkreisen). Es ist überlebensförderlich, wenn die Bekämpfung des Stressors das Einzige ist, was wirklich zählt. Nichts soll hiervon ablenken, auch keine Wahrnehmung innerer Befindlichkeit, anderer Wünsche oder (gar guter) Gefühle. Sich gut zu fühlen könnte dazu verleiten, damit einfach weiterzumachen und es sich gut gehen zu lassen – anstatt sich um die Bedrohung zu kümmern.

4.19. Stressnutzen verringerter / erhöhter Empathie

Der Stressnutzen verringerter Empathie könnte in einem größeren Egoismus bei der Problemlösung liegen, was eine erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit bewirkt. Im körperlichen Überlebenskampf mit einem Feind ist ein Mitgefühl für dessen Leid hinderlich.

Innerhalb einer Gruppe ist ein erhöhtes Mitgefühl für andere ein Bindungsinstrument, das einem Ausschluss aus der Gruppe entgegenwirkt, der in gefährlichen Zeiten noch nachteiliger wäre.

Diese gegensätzlichen Stressnutzen könnte es plausibel machen, dass Menschen, die ihren Stress nach aussen ausagieren (ADHS: Kampf) von einer verringerten Empathie profitieren, während für Menschen, die ihren Stress eher internalisieren (ADS: Flucht, totstellen) eine erhöhte Empathie vorteilhaft ist (Tend and be friend).

4.20. Stressnutzen von Novelty Seeking

Denkbar wäre ein Stressnutzen von Novelty Seeking als Suche nach neuen Mitteln und Wegen zur Bewältigung von Herausforderung. Dies erscheint aus der Sicht des Individuums indes eher nachteilig, da der Aufwand an Ressourcen hierfür zu hoch sein dürfte und Ressourcen während einer extremen Belastung eher geschont werden. Möglicherweise liegt der Stressnutzen in einem Vorteil für die Gattung.
Die Bevorzugung von Risikosportarten wurde bereits als eine mögliche Folge von Stress beschrieben.

4.21. Stressnutzen erhöhter Risikobereitschaft

Ein Stressnutzen aus der Affinität zu Risiko und Risikosportarten könnte sich daraus ergeben, dass ihre Reizintensität so groß ist, dass die Betroffenen sich endlich einmal voll und ganz mit etwas beschäftigen können (müssen). Es könnte eine Art Hyperfokus induziert werden.

Denkbar wäre weiter, dass gerade die Risikobehaftetheit, die ja einen eigenen Stressor darstellt, damit den bei AD(H)S bestehenden latenten undefinierten Stressor besser überdecken kann als andere Tätigkeiten, die keine stressbehafteten Reize bieten und deshalb leichter in die Kategorie der “jetzt nicht erlaubten Genüsse” fallen können.

4.22. Stressnutzen von Kommunikationsproblemen

4.22.1. Stressnutzen von “Smalltalk wird als langweilig empfunden”

Stress bezweckt, das Interesse des Betroffenen auf Themen zu fokussieren, die ihn der Lösung seines Problems weiterbringen. Alle anderen Dinge sind unwichtig. Stress ist daher erfolgreicher, wenn Dinge, die nicht das Interesse des Betroffenen wecken, als unwichtig und irrelevant erscheinen.

Dieses Phänomen wird verständlicher, wenn man beachtet, dass die bei Stress abweichende Aufmerksamkeitssteuerung vor allem über den Faktor intrinsisches Interesse erfolgt. Dinge, die der Betroffene selbst intrinsisch für interessant erachtet (im Stressfall diejenigen Dinge, die sein Problem lösen können) erregen die Aufmerksamkeit. Bei hoher intrinsischer Aufmerksamkeit können alle anderen Dinge sehr gut ausgeblendet werden (geringe Ablenkbarkeit). Das, was andere wollen, wofür der Betroffene sich interessieren soll, wird als unwichtig erachtet. Von diesen Dingen sind Betroffene sehr leicht ablenkbar.

Selbst wenn jemand kognitiv völlig verstanden hat, dass es für ihn gut ist, wenn er sich jetzt für etwas interessiert (z.B. die binomischen Formeln oder die Grammatik des Infinitiv, um gute Noten und zu Hause keinen Ärger zu bekommen) und er auch den Willen hat, gute Noten zu erzielen und zu Hause keinen zu ärgern, weckt das noch lange kein intrinsisches Interesse. Abgesehen davon sind gute Noten nicht jetzt und hier wichtig und zu Hause ist im Klassenzimmer ebenso sehr weit weg – und daher uninteressant.

4.22.2. Stressnutzen von “Gesprächspartner kommen kaum zu Wort” 

Hier gilt die selbe Erklärung wie dafür, dass Smalltalk als langweilig empfunden wird. Die Hyperfokussierung Betroffener auf sie interessierende Themen bewirkt eine Verschiebung von extrinsisch angeregten Themen zu intrinsisch angeregten Themen.

Da das akute Problem des Betroffenen ja grösser ist als die Bedürfnisse anderer, die gerade keinen schweren Stress haben, ist dies sogar sozial bis zu einem gewissen Grad legitim. Ob Stressbetroffene danach selektieren wäre interessant zu beobachten.

Bei den Symptomen

  • Sprechdurchfall, Redelust, Wortschwemme (Logorrhö, Polyphrasie)
  • Sprechweise schnell und undeutlich
  • Impulsive Missachtung sozialer Regeln
    • mischt sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein

konnte bislang kein Stressnutzen definiert werden.

4.23. Organisationsschwierigkeiten als Stressnutzenfolge

Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren, haben keinen eigenen Stressnutzen, denn bei der Lösung gravierender Probleme ist Organisationsvermögen ja vorteilhaft. Wenn man die Beispiele anschaut, die hierfür genannt werden, lassen sie sich jedoch als Folge von anderen Stressnutzen erkennen.

Stress verschiebt den Fokus des Betroffenen auf den Stressor, um z.B. das akute Überleben zu sichern. Wer gerade dabei ist, ein Feuer in seinem Schlafzimmer zu löschen, hat sehr gesund ein vermindertes Interesse an einem aufgeräumten Wohnzimmer als andere, bei denen gerade nichts brennt.

Stress bezweckt ganz zentral eine Prioritätsverschiebung: “Kümmere Dich um den Stressor, jetzt – alles andere ist momentan unwichtig und kann warten.”

Wenn derartiger Stress ein Dauerzustand ist (wie bei AD(H)S aufgrund der Verschiebung der Schwellwerte, ab denen die Stresssysteme für unkontrollierbaren Stress anspringen), und infolgedessen die Prioritätsverschiebung ein Dauerzustand ist, führt das zwangsläufig dazu, dass viele Dinge weder heute noch morgen noch eigentlich irgendwann mit der gleichen Priorität und Ruhe behandelt werden können, wie sie die Menschen um einen herum aufbringen.

4.23.1. Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können) als Stressnutzenfolge

Auch hier liegt kein unmittelbarer Stressnutzen vor, sondern die beeinträchtigte Fähigkeit, Versprechen oder Zusagen an andere einzuhalten, ist die Folge des Stressnutzens der Fokussierung auf den jetzt im Moment gerade zu bekämpfenden Stressor. Dies wird (auch) dadurch erreicht, dass Dinge, die im Moment nicht unmittelbar für das eigene überleben nützlich sind, weniger wichtig erscheinen. Dass Dinge des gewöhnlichen Alltags verhältnismäßig unwichtiger werden, wenn der Fokus auf den Kampf ums Überleben verschoben ist, ist plausibel.
Wird eine Verabredung getroffen, liegt der Fokus der Wahrnehmung (im Moment der Verabredung) auf diesem Treffen. Wenn der Betroffene sich dann auf den Weg machen müsste, während er gerade mit etwas anderem beschäftigt ist, ist das andere immer wichtiger, weil es gerade “jetzt und hier” ist. Alle Dinge, die weiter entfernt sind, sind aus Sicht der Stressreaktion weniger wichtig. Stress ist stets eine Fokussierung auf das hier und jetzt zu lösende Problem und stellt alle anderen, im Moment nicht unmittelbar relevanten Probleme, zurück.
Diese Erklärung erscheint uns unmittelbarer und nachvollziehbarer als die in der Fachliteratur bislang genannten Quellen Zeitabschätzungsfehler und Gliederungsdefizit.

4.23.2. Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun als Stressnutzenfolge

Dieses Symptom ist ebenfalls eine Folge aus dem Stressnutzen, das jetzt und hier höher zu bewerten und alles andere weniger wichtig zu nehmen. Stress verändert Prioritäten. Intrinsisch wichtig erachtete Dinge werden höher priorisiert. Aus der Sicht von Stress ist dies höchst zweckmäßig.

Steht ein Mensch (für andere nachvollziehbar) unter akutem schweren Stress, z.B. weil ein geliebter Mensch gerade im Krankenhaus eine schwere Operation durchstehen muss, würde niemand von ihm erwarten, dass er einen Ikeaschrank auf Anhieb in der richtigen Reihenfolge zusammenbaut. Kann der Betroffene jedoch etwas dazu beitragen, um dem geliebten Menschen zu retten, wird er sich hierauf wesentlich besser konzentrieren können, da dies sein intrinsisches Interesse weckt.

Hinzu tritt, dass ein (wie bei ADS häufig) stark erhöhter Noradrenalinspiegel den PFC und damit das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt. Der Stressnutzen dabei liegt auf der Verlagerung der Verhaltenssteuerung von langsamen genauen Gehirnbereichen (PFC) auf schnelle ungenau planende Gehirnregionen, da dies bei Kampf oder Flucht vorteilhafter ist.

4.24. Stressnutzen von Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit

Siehe Stressnutzen von Antriebslosigkeit.

4.25. Stressnutzen von Gefühl der Überforderung

Nicht die Überforderung selbst, jedoch das Gefühl der Überforderung könnte aus der Sicht von Stress hilfreich sein, um den Betroffenen zu aktivieren, noch mehr und grössere Anstrengungen zu unternehmen.
Dagegen spricht, dass eine besondere Freude an einer Tätigkeit hierfür noch wirksamer wäre.
Das Gefühl von Überforderung könnte bezwecken, sich Gedanken zu machen, wie man das Problem noch anders lösen kann oder zu motivieren, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen.

4.26. Zeitschätzfehler als Stressnutzenfolge

Fehler der Zeitschätzung haben keinen unmittelbaren Stressnutzen. Sie könnten jedoch damit zusammenhängen, dass Stress bewirkt, dass Warten und Inaktivität als unangenehm empfunden werden, um den Betroffenen zu animieren, jetzt sofort aktiv zu werden.

Stress will weiter, dass der Stressor sofort bekämpft wird. Stress bewirkt dabei eine abweichende Zeiterfahrung: jetzt ist wichtig, alles andere zählt nicht. Stressbetroffene haben eine veränderte Wahrnehmung dahingehend, das nur das, was jetzt gerade ist, wahr und gültig ist, und zwar für immer. Das erinnert an eine Art zeitliches schwarz-weiss-denken.

4.27. Stressnutzen von Schlafproblemen

Der Stressnutzen von Schlafproblemen könnte in der Förderung von Grübeln und Gedankenkreisen (Rumination) liegen (oder deren Folge sein), deren Stressnutzen die intensive Auseinandersetzung mit dem Stressor und die Suche nach Auswegen und Lösungen ist. Da Stress nicht als langfristige Lösungsstrategie konzipiert ist, ist der Aspekt, dass eine geringere Erholung die Lösungskompetenz beeinträchtigt, weniger relevant. Ein schlechterer Schlaf könnte zudem ein leichteres Erwachen bei sich nähernden Gefahren fördern.

5. Stresssymptome, die keine typischen AD(H)S-Symptome sind

Es gibt eine Reihe von Stresssymptomen, die in der AD(H)S-Fachliteratur nicht als AD(H)S-Symptome genannt werden. Es handelt sich vornehmlich um körperliche Stresssymptome.

Bei vielen könnte sich die Differenzierung innerhalb des diesseits vertretenen Erklärungsmodells daraus erklären lassen, dass es sich um sekundäre Stresssymptome handelt, die nicht unmittelbar über die HPA-Achse vermittelt werden – z.B. psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Rückenschmerzen.

Somatische Beschwerden könnten (mit Ausnahme von Schlafproblemen) eine weitere Stressart sein, die bei AD(H)S-Betroffenen signifikant geringer auftritt als bei Nichtbetroffenen (unter Stress).(21) Dieser Umstand wäre nach dem in der Einleitung unter 13. beschriebenen Modell erklärbar.
Die diesseitigen Untersuchungen (bei geringem n) deuten jedoch – früher zu unserem eigenen Erstaunen – ebenfalls darauf hin, dass bei erwachsenen AD(H)S-Betroffenen die somatischen Stresssymptome deutlich unterrepräsentiert sind. Ausnahmen bestehen nur bei Schlafstörungen (sehr deutlich) sowie Erschöpfungszuständen und Muskelspannung (noch deutlich). Alle anderen somatischen Stresssymptome sind dagegen seltener als bei Nichtbetroffenen.

5.1. Sexuelle Probleme / Lustlosigkeit

Sexuelle Problem mit verringerter Libido sind ein Stresssymptom.(22)(23)(24)
Eine Unterdrückung der Libido ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(25)(26)
Sexuelle Probleme oder Lustlosigkeit sind keine spezifischen AD(H)S-Symptome, treten aber gleichwohl gehäuft auf. Bei AD(H)S wird eine gestörte Sexualität als häufige Komorbidität genannt.(27) Sexualität wird weiter als Suchtgegenstand und Mittel zum Spannungsabbau bei AD(H)S erwähnt(28)
Die Anzahl der Sexualpartner bei AD(H)S ist typischerweise erhöht, der erste Sex findet im Durchschnitt früher statt als bei Nichtbetroffenen. Ein Rückgang der Libido wird in Verbindung mit Medikamentierung bei AD(H)S genannt.(29)

5.2. Zunehmende Muskelspannung

Eine erhöhte Muskelanspannung wird als Stresssymptom genannt.(23)(30)
Der Stressnutzen einer erhöhten Muskelanspannung ist eine verringerte Verletzungsgefahr im Kampf.

Erhöhter Muskeltonus (der meist Nachts auftritt) kann mittelfristig z.B. zu erheblichen Rückenschmerzen bis hin zu Wirbelblockaden führen. Rückenschmerzen sind so betrachtet häufig eine Stressnutzenfolge.
Vor diesem Hintergrund ist es richtig, diese nicht als unmittelbare AD(H)S-Symptome zu begreifen. Das ändert nichts daran, dass es sich um häufig auftretende Stresssymptome handelt, die auch bei AD(H)S auftreten können.

5.3. Erschöpfungszustände

Erschöpfungszustände werden als Stresssymptom genannt.(23)

5.4. Herz-Kreislauf Beschwerden

Dies wird als Stresssymptom genannt.(22)(23)

5.5. Appetitlosigkeit / Heisshunger

Essprobleme sind keine unmittelbaren AD(H)S-Symptome, treten aber häufig komorbid auf.
Adipositas (Fettsucht) tritt bei AD(H)S mindestens doppelt so häufig auf wie bei Nichtbetroffenen.
Essstörungen sind bei AD(H)S-Betroffenen bis zu 8 mal so häufig wie bei Nichtbetroffenen
Mehr hierzu im Beitrag AD(H)S, Übergewicht und Essstörungen.

Mindestens bei Erwachsenen besteht eine starke Korrelation zwischen Adipositas und AD(H)S.(31)

AD(H)S-Betroffene mit Adipositas zeigen häufiger eine hohe Impulsivität als AD(H)S-Betroffene mit Normalgewicht. Impulsivität könnte das verbindende Element zwischen Adipositas und AD(H)S sein.(32)

Manche Menschen reagieren auf Stress mit Gewichtsveränderungen. Dabei ist eine Gewichtsabnahme ebenso möglich wie eine Gewichtszunahme.

Appetitlosigkeit ist ein Stresssymptom.(23)(24)(25)(26)
Appetitlosigkeit ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(25)(26)

Eine Gewichtszunahme als Stressreaktion könnte evolutionsbiologisch als erhöhte Speicherung von Energie in Notsituationen interpretiert werden. Da bei AD(H)S die Stresssysteme häufiger aktiviert sind (ADS) bzw. nicht sauber abschalten und daher daueraktiviert sind (ADHS) könnte die bei AD(H)S überdurchschnittlich häufige Adipositas als Stresssymptom entsprechend veranlagter Betroffener verstanden werden.

5.6. Kopfschmerzen

Kopfschmerzen und Migräne sind Stresssymptome.(22)(23)(24)(33)

Kopfschmerzen und Migräne sind keine typischen AD(H)S-Symptome, treten aber häufig komorbid auf.

5.7. Bauchschmerzen

Bauchschmerzen sind ein typisches Stresssymptom.(23)(34)
Das Gleiche gilt für Übelkeit.(35)

Bauchschmerzen scheinen bei Kindern mit AD(H)S häufiger aufzutreten, nicht aber bei Erwachsenen mit AD(H)S.

5.8. Immunsystemprobleme / Häufige Erkältungen

Häufige Erkältungen / Infekte sind ein Stresssymptom.(22) Eine erhöhte Infektanfälligkeit ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(36)

Stresshormone (Adrenalin, CRH, Cortisol) sind in der Lage, für eine bestimmte Zeit das Immunsystem künstlich anzukurbeln. Für die Gattung des Homo sapiens war es schlicht überlebensförderlich, wenn in Situationen der Not, in denen das Überleben erkämpft werden musste, nicht gerade einfache (vermeidbare) Krankheiten hinzutraten. Die Stresshormone Adrenalin und CRH bewirken deshalb eine (zeitlich begrenzte) entzündungsfördernde Erhöhung der Aktivität des Immunsystems.
Diese Erhöhung ist jedoch zum einen Kräfte raubend und führt zum zweiten in der ersten Stresspause dazu, dass der Körper sich nun die erforderliche Regeneration nimmt und die aktive Krankheitsbekämpfung angeht – z.B. durch Fieber und andere Mechanismen, mit denen der Körper sich gegen Krankheitserreger schützt.
Dies ist der Grund, warum beruflich gestresste Menschen häufig im Laufe der ersten Urlaubswoche krank werden.

Cortisol hat neben seinen stresssymptomvermittelnden Wirkungen zugleich die Aufgabe, die Stressreaktion zu beenden (indem es die am Anfang der Stresskette ausgeschütteten Hormone hemmt und damit seine eigene Ausschüttung zeitlich begrenzt). Cortisol verringert zugleich die entzündungsfördernde Wirkung von Adrenalin und CRH und fördert stattdessen andere Immunreaktionen, die sich vornehmlich gegen Bakterien und Parasiten richten. Je nach dem, in welcher Richtung die Stresssysteme aus dem Gleichgewicht geraten sind, können überschießende Entzündungen (z.B. der Darmschleimhaut bei Morbus crohn oder der Haut bei Neurodermitis) oder überschießende Immunreaktionen gegen externe Erreger (z.B. Allergien) auftreten.       

5.9. Zunehmende Atemfrequenz

Zunehmende Atemfrequenz ist ein Stresssymptom.(23)(37)

6. Individuelle Varianz von Stresssymptomen als Überlebensvorteil für Gruppe und Gattung

Das parallele Auftreten von Aggression und Ängstlichkeit in gleichartigen Situationen bei verschiedenen Individuen ist mal für die einen und mal für die anderen vorteilhaft. Die parallele Verteilung auf die Individuen ist ein Überlebensvorteil für die Gattung. Wenn die Mitglieder einer Gruppe unterschiedliche Stressreaktionen haben, sichert dies das Überleben der Gruppe besser, als wenn alle Individuen die selbe Reaktion hätten.
Ist eine bestimmte Stressreaktion (z.B. impulsiv-aggressiv) weniger gut geeignet, den Stressor erfolgreich zu bekämpfen, sind nur diejenigen Individuen, die diesen Stressreaktionsphänotyp tragen, benachteiligt oder vom Untergang bedroht. Ist dagegen die Variante des Abwartens und Flüchtens oder des Totstellens weniger geeignet, überleben diese Individuen nicht so gut – während die aggressiveren Exemplare Vorteile haben.
In einer Gruppe kommt zudem hinzu, dass bei verschiedenen Problemstellungen je nach persönlicher Eignung mal die einen und mal die anderen Individuen die Problemlösung in die Hand nehmen und damit der gesamten Gruppe Vorteile verschaffen.
Unterschiedliche Stressreaktionsmuster erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Individuen der Gruppe überleben.

7. Stressnutzen erklärt Unterschied AD(H)S / andere psychische Störungen

Viele Symptome von AD(H)S sind funktionale Stresssymptome. Funktional meint, dass sie einen Nutzen für das Individuum im Kampf mit einem Stressor besitzen – in der Annahme, dass eine akute und massive Bedrohung für die Existenz des Betreffenden besteht.

Die Symptome der meisten anderen psychischer Störungen (Angst, Depression, Zwang) lassen sich davon abgrenzen, dass sie meist nicht mehr funktionale, sondern dysfunktional gewordene Stresssymptome sind. Dysfunktional meint, dass kein unmittelbarer Stressnutzen des Kernsymptoms / der Kernsymptome besteht.
Das Mass der Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, das eine Depression kennzeichnet, ist nicht dazu geeignet, den Stressor zu bekämpfen.
Man könnte vielleicht noch einen Stressnutzen darin sehn, dass der aktive Kampf gegen den Stressor nun verloren ist, und das es danach überlebensförderlicher ist, sich damit abzufinden, als weiter gegen den Stressor zu kämpfen, da dies weitere Energieverluste und vor allem das Risiko einer Tötung beinhalten könnte. Dies wäre erkennbar ein anderer Zustand des Kampfes gegen einen Stressor. Allerdings überdehnt dieser Gedanke möglicherweise das Bild des Stressnutzens.

Zuletzt aktualisiert am 12.08.2020 um 00:19 Uhr


11.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 74 - (Position im Text: 1, 2)
17.)
Seligman - (Position im Text: 1)
24.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2, 3)
27.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 53 - (Position im Text: 1)
28.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 69 - (Position im Text: 1)
34.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1)

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