Die HPA-Achse / Stressregulationsachse

HPA-Achse ist die Kurzform für Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (deutsche Abkürzung: HHNA-Achse,(1)). Englisch: hypothalamic–pituitary–adrenal axis (englische und gebräuchliche Abkürzung: HPA-Achse).
Sie wird auch Stressachse oder Stressreaktionsachse genannt.

Inhalt dieser Seite

1. Grundlagen der HPA-Achse – die Stressreaktion

1.1. Netzwerk Hypothalamus / Hypophyse / Nebennierenrinde

Neben dem vegetativen Nervensystem und dem noradrenergen Netzwerk (ausgehend vom Locus coeruleus) ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren (HPA)-Achse das wichtigste physiologische Stressreaktionssystem des Körpers.(2)

Die HPA-Achse stellt eine komplexe Abfolge direkter Einflüsse, Wechselwirkungen und Feedback-Schleifen zwischen drei Hormondrüsen dar, die durch verschiedene Hormone miteinander kommunizieren:

  • Hypothalamus
    • Steuerzentrale des inneren Milieus / der Homöostase. Er reguliert(3)
      • Schilddrüsenfunktion
      • Körpertemperatur
      • Wachstum
      • Schlaf-Wach-Rhythmus
      • die innere Uhr
      • Appetit
      • Sättigung
      • Energiehaushalt
      • Körpergewicht
      • Salz- und Wasserhaushalt
      • Sexualtrieb
  • Hypophyse
    • erbsenförmige Struktur unter dem Hypothalamus
  • Nebennierenrinde
    • kleine, konische Organe, die auf den Nieren sitzen

Die HPA-Achse ist Hauptteil des Hormonsystems, das Reaktionen auf Stress kontrolliert. Daneben reguliert es viele weitere Prozesse (z.B. Verdauung, Immunsystem, Stimmung und Gefühle, Sexualität, Energiespeicherung und -verwendung). Es handelt sich dabei um einen Mechanismus von Interaktionen zwischen Drüsen, Hormonen und Teilen des Mittelhirns, der das Allgemeine Anpassungssyndrom vermittelt.(4)

1.1.1. Hypothalamus (1. Stufe): CRH

Auslöser der Stresshormonbildung sind limbische, kortikale und andere Eingangssignale.

Die Bildung verschiedener Stresshormone durch den Hypothalamus wird aktiviert / verstärkt durch

  • Serotonin(5)(6)
    • Läsionen der Raphekerne verringern die Reaktionen der HPA-Achse auf Stressoren wie Immobilisierung, Lichtstimulation, Glutamatgabe in den PVN oder Stimulation des dorsalen Hippocampus oder der zentralen Amygdala aus.(7)
  • Acetylcholin(6)
  • Noradrenalin(6)
    • Es bestehen reziproke (gegenseitige) neuronale Verbindungen zwischen CRH- und noradrenergen Locus Coeruleus-Zellen. CRH und Noradrenalin stimulieren sich dadurch gegenseitig, vornehmlich mittels noradrenerger α1-Rezeptoren.(8)(9)
      Dies ermöglicht das Zusammenspiel von HPA-Achse, autonomen Nervensystem, und des Herz-Kreislauf-Systems, um kurzfristige und nachhaltigere Stressreaktionen zu erzeugen.
  • Histamin(10)

und gehemmt durch

  • CRH selbst mittels präsynaptischer CRH-Rezeptoren(8)
    • Noradrenalin hemmt sich übrigens vergleichsweise selbst mittels noradrenerger α2-Rezeptoren(8)(9)
  • GABA(5) und dessen Agonisten, wie z.B. Benzodiazepine oder Barbiturate(10)
Der paraventrikuläre Kern des Hypothalamus (Paraventrikulärer Nucleus, PVN)
Der paraventrikuläre Kern des Hypothalamus (Paraventrikulärer Nucleus, PVN)
  • kontrolliert das Lernen von sowie den Ausdruck von Angst in der lateralen zentralen Amygdala.(11) Diese wird durch BDNF vermittelt (das bei AD(H)S verringert ist). Verringertes BDNF im PVN unterdrückte die Angstreaktion und das Erlernen von Angst, während erhöhtes BDNF im PVN das Erlernen von Angstreaktionen erhöhte und unkonditionierter Angstreaktionen verursachte.
  • Der Nucleus coeruleus hemmt den dorsalen paraventrikulären Hypothalamus durch einen von ihm vermittelten Dopaminanstieg. Stress verringert diese Hemmung, so dass Stress den PVN desinhibiert. Damit reguliert der Nucleus coeruleus die Stressempfindlichkeit des paraventrikulären Hypohalamus.(12)
  • Der PVN erhält direkte Signale aus mehreren Bahnen ausserhalb des Hypothalamus, die homöostatische Funktionen regulieren:(7)
    • Regulierung von Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt:
      • Organum subfornicale (SFO, Subfornikalorgan)
      • medialer präoptischer Nucleus (mnPOA)
      • Organum vasculosum laminae terminalis (OVLT)
    • Weiterleitung von Afferenzen des autonomen Nervensystems und des Immunsystems
      • Noradrenalin
      • Adrenalin
      • Glucagonähnliches Peptid 1 (GLP-1)
      • Somatostatin
      • Substanz P
      • Enkephalin
      • Neuropeptiderge Neuronen im Nucleus tractus solitarii (NTS)
      • Neuropeptiderge Neuronen in den Parabrachialkernen (PBN)
    • hypothalamische Kerne (GABAerg, direkt an CRH-Neuronen des PVN; Gabe des GABA-A-Antagonisten Muscimol in den PVN unterbrindet die Stressreaktion der HPA-Achse), die autonome, metabolische Immunologische und Arousal-Signale unterdrücken, u.a.
      • dorsomedialer Hypothalamus (DMH)
      • mediales präoptisches Areal (mPOA)
        • medial: GABAerg = Stress inhibierend auf PVN und damit auf HPA-Achse(7)
        • laterales präoptisches Areal = glumaterg = anregend auf PVN und damit auf HPA-Achse(7)
        • medial: vermittelt möglicherweise die stresserhöhende Wirkung von Östrogenen, während in das mesiale präoptische Areal appliziertes Testosteron die HPA-Achsen-Reaktion verringert(7)
      • Lateraler Hypothalamus (LHA)
      • Nucleus arcuatus (ARC)
        • dieser ist sensitiv für Glucose, Leptin und Insulin und könnte dei HPA-Achse mittels des PVN bei zu niedriger wie bei zu hoher Energiebilanz aktivieren
        • medialer ARC: GABAerg
      • Periventrikulärer Kern
      • vorderer hypothalamischer Nucleus (AHN)
      • ventraler Corpus mamillare (PMV, ventraler Mammilarkörper)
        • moderiert PVN bei Krankheiten
        • reaktiv wie antizipatorisch
        • wird von limbischen Vorderhirnstrukturen innerviert
    • Nucleus striae terminalis (Bed nucleus of the stria terminalis, externe Amygdala)
      • vornehmlich GABAerg, mithin hemmend auf PVN
  • Der PVN wird durch aufsteigende Signale von Pons und Mittelhirn adressiert, die für die Integration von reflexivem Stress relevant sind und die eng mit dem Autonomen Nervensystem verbunden(7)
    • parabrachiale Kerne (Teil des Pons, im Hinterhirn)
      • diese vermitteln
        • Erregung
        • Wachzustand (glutamaterg)
        • Blutzuckerkontrolle
        • Thermoregulierung
        • Geschmack
        • Vergnügen
    • periaquäduktales Grau (Teil des Tegmentum)
      • koordiniert Angst- und Fluchtreflexe
      • das ventrolaterale periaqäduktale Grau adressiert den medialen PVN, das bei etlichen Stressoren c-fos Signale erhält
GABA und der dorsomediale Hypothalamus
Der mediodorsale Hypothalamus
  • besitzt GABAerge und glutamaterge Neuronen, mittels der er die Stressreaktionen im PVN inhibieren oder anregen kann, je nach dem, welche Neuronen angesprochen werden.(7)
  • zeigt erhöhte c-fos-Werte auf Schwimmstress (besonders ventrolaterale GABAerge Neuronen)(13)
  • sendet GABAerg an den medialen PVN(14)
  • Läsionen des ventrolateralen mediodorsalen Hypothalamus erhöhen die Stressreaktionen der HPA-Achse, da der hemmende GABAerge Einfluss auf den PVN entfällt(15)(16)
  • Stimulation GABAerger Neuronen im ventrolateralen mediodorsalen Hypothalamus wirkt dagegen stresshemmend auf den PVN(17)
  • Die Gabe von Kynureninsäure (ein Glutamat-NMDA-Rezeptor-Antagonist) in den ventrolateralen mediodorsalen Hypothalamus verlängert dagegen die Cortisolstressantwort, weshalb angenommen wird, dass Glutamat aus dem ventrolateralen mediodorsalen Hypothalamus die HPA-Achse hemmt(7)
  • Glutamat aus dem dorsalen Ende des mediodorsalen Hypothalamus scheint dagegen die ACTH-Ausschüttung erhöhen.(18)

Der Hypothalamus bildet daraufhin folgende Stresshormone:

1.1.1.1. CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon)

CRH wird auch corticotropin-releasing factor (CRF) genannt.

Ausführliche Darstellung unter ⇒ CRH.

1.1.1.2. POMC (Proopiomelanocortin)
  • POMC aktiviert in der Hypophyse die Generierung weiterer Hormone,  z.B.
    • ACTH
    • Lipotropin
  • POMC ist Vorstoff von Beta-Endorphin
1.1.1.3. Beta-Endorphin
  • wird aus POMC synthetisiert
  • biologisches Äquivalent zu Morphin
  • hohe Bindungsaffinität zu M-Opioidrezeptoren
  • deutlich geringere Bindung an K-Opioidrezeptoren
  • wird durch Glucocorticoide (Cortisol) gehemmt(9)
1.1.1.4. TRH

Auch Thyreoliberin, Thyrotropin Releasing Hormon, Protirelin genannt.

Eine zu geringe Produktion von TRH kann eine (tertiäre) Schilddrüsenunterfunktion auslösen (ebenso wie eine Unterbrechung des Portalgefäßsystems zwischen Hypothalamus und Hypophyse, sog. Pickardt-Syndrom.(19)

Serotonin und Adrenalin aktivieren die TRH-Produktion.

1.1.2. Hypophyse (2. Stufe): ACTH

Wird die Hypophyse durch Botenstoffe des Hypothalamus angeregt, bildet sie ebenfalls verschiedene Hormone.

1.1.2.1. Sekrete der Hypophyse
1.1.2.1.1. ACTH (Adrenocorticotropes Hormon)

Das wichtigste Hormon der Hypophyse ist ACTH.
Eine umfassende Darstellung des beim Menschen im Rahmen der HPA-Achse wichtigen Stresshormons ACTH findet sich unter ⇒ ACTH.

ACTH stimuliert die Freisetzung von

  • Cortisol in der Nebennierenrinde
  • DHEA in der Nebennierenrinde
1.1.2.1.2. Beta-Endorphin
  • verringert Schmerzempfindung
  • erhöht Körpertemperatur
  • wird durch Glucocortidoide (Cortisol) gehemmt(9)
1.1.2.1.3. TSH, Thyroxin stimulierendes Hormon

Eine Unterfunktion der Hypophyse kann durch mangelnde TSH-Produktion eine (sekundäre) Schilddrüsenunterfunktion bewirken.(19)

1.1.2.2. Einflüsse auf die Hypophyse
1.1.2.2.1. Aktivierende Einflüsse auf die Hypophyse
  • Glutamat
  • Azetylcholin
  • Dopamin
  • Noradrenalin
    • insbesondere Oxytocinausschüttung während der Geburt
  • Adenosintriphosphat (ATP)
  • Cholecystokinin (CCK)
1.1.2.2.2. Hemmende Einflüsse auf die Hypophyse
  • GABA
  • Glyzin
  • Dopamin
  • Somatostatin
  • Endocannabinoide
    • insbesondere Oxytocinausschüttung während der Geburt

1.1.3. Nebennierenrinde (3. Stufe): Korticoide (u.a. Cortisol)

Die Nebennierenrinde bildet unter anderem

  • die Glucokorticoide
    • Cortisol und
    • Kortikosteron,
  • das Mineralocorticoid Aldosterol,
  • das Steroidhormon DHEA
1.1.3.1. Kortikosteron

Kortikosteron ist bei Menschen wesentlich weniger relevant als Cortisol.

  • wirkt hemmend auf die Pyramidenzellen des Hippocampus
  • bildet als Gegenpol zu CRH mit diesem ein Erregungsgleichgewicht.(20)
  • hat beim Menschen eine nur schwache mineralocorticoide und glucocorticoide Wirkung
1.1.3.2. Cortisol

Eine umfassende Darstellung des beim Menschen im Rahmen der HPA-Achse überaus bedeutsamen Stresshormons Cortisol findet sich unter ⇒ Cortisol.

1.2. Veränderungen der HPA-Achse nach Geschlecht und Alter

1.2.1. Funktionsunterschiede der HPA-Achse nach Geschlecht

Die physiologische Funktionsweise der HPA-Achse ist geschlechtsspezifisch.

Eine Studie untersuchte die cholinerge Stimulation der HPA-Achse.(21)
Sind die nikotinergen Acetylcholinrezeptoren gehemmt, wirkt Acetylcholin bei Männchen Vasopressin-verringernd, bei Weibchen Vasopressin-erhöhend. Zudem erhöht Acetylcholin bei Männchen die Ausschüttung von Vasopressin und ACTH stärker als bei Weibchen.

Untersuchungsdetails
Männliche und weibliche Ratten wurden
  1. mit dem Acetylcholinesteraseinhibitor Physostigmin behandelt.
  2. zuerst mit Scopolamin, einem Antagonisten der muscarinischen Cholinrezeptoren und nachfolgend mit dem Acetylcholinesteraseinhibitor Physostigmin behandelt.
  3. zuerst mit Mecamylamin, einem Antagonisten der nikotinergen Cholinrezeptoren und nachfolgend mit dem Acetylcholinesteraseinhibitor Physostigmin behandelt.

Ein Acetylcholinesteraseinhibitor hemmt die Umwandlung von Acetylcholin in andere Stoffe, so dass mehr Acetylcholin vorhanden ist. Rezeptorantagonisten hemmen die jeweiligen Rezeptoren.

Physostigmin bewirkt:

  • Vasopressin erhöht (bei Männchen signifikant stärker als bei Weibchen)
  • ACTH erhöht (bei Männchen signifikant stärker als bei Weibchen)
  • Cortisol  erhöht (bei Männchen wie bei Weibchen; Anstieg bei Männchen höher im vergleich zum basalen Wert, bei Weibchen höherer absoluter Wert)

Physostigmin bei vorheriger Scolopamingabe bewirkt:

  • Vasopressin erhöht (bei Männchen signifikant stärker als bei Weibchen)
  • ACTH erhöht (bei Männchen signifikant stärker als bei Weibchen)
  • Cortisol erhöht (bei Männchen wie bei Weibchen)

Physostigmin bei vorheriger Mecamylamingabe bewirkt:

  • Vasopressin bei Männchen verringert, bei Weibchen erhöht 
  • ACTH verringert (bei Männchen wie bei Weibchen)
  • Cortisol verringert (bei Männchen wie bei Weibchen)

1.2.2. Cortisolwertunterschiede nach Geschlecht

Cortisolwerte unterscheiden sich geschlechtsspezifisch.

Zum Beispiel sind die basalen Cortisolspiegel bei gesunden Mädchen niedriger als bei gesunden Jungen, während bei Disruptive-Behaviour-Disorder-Betroffenen der basale Cortisolspiegel bei Jungen niedriger ist als bei Mädchen.(22)

1.2.3. HPA-Achse und Alter

Mit zunehmendem Alter steigt die Aktivität der HPA-Achse an, wobei sie bei gesunden älteren Menschen einen höheren nächtlichen Cortisolanstieg zeigt und bei depressiven älteren Menschen einen höheren Cortisolanstieg aufweist.(23)(24)(25)(26) Dies könnte durch eine Abnahme des durch den Mineralcorticoidrezeptor (MR) gesteuerten Cortisolfeedbacks verursacht werden.(27)

1.3. Modi der HPA-Achse: Tagesgeschäft und Notfallreaktion (Stress)

Die HPA-Achse und ihre Sekretion von Stresshormonen, insbesondere Cortisol, kennt zwei verschiedene Modi. Der eine ist der Tagesrhythmus, auch circadianer Rhythmus genannt, der den Alltag moderiert, der andere die Reaktion auf erwarteten oder eingetretene Stressoren, die Stressreaktion.

1.3.1. Circadianer Tagesrhythmus der HPA-Achse

ACTH und Cortisol sind etwa 20 Minuten nach dem Aufwachen am höchsten (CAR, Cortisol-Aufwach-Reaktion). Der Tagesspiegel nimmt dann kontinuierlich ab, mit einem kleinen Zwischenhoch zur Mittagszeit, bis kurz nach Mitternacht. Dann steigt er langsam wieder an um nach dem Aufwachen kurz sprunghaft anzusteigen.

Der hohe CAR nach dem Aufwachen bewirkt, dass die Glukokortikoidrezeptoren teilweise belegt werden(7)(28), was für die Funktion etlicher Systeme wichtig ist.(29) Beispielsweise ist eine teilweise Besetzung der Glukokortikoidrezeptoren des von Hippocampus für eine effiziente Durchführung von Lern- und Gedächtnisaufgaben (bei Ratten) erforderlich(29)(30), weshalb angenommen wird, dass Glukokortikoide den Tonus der Informationsverarbeitung im Gehirn bestimmen können.(7) Die Kontrolle dieser rhythmischen Aktivität wird durch Beiträge aus dem suprachiasmatischen Kern(29)(30) koordiniert, dem kritischen Schrittmacher zahlreicher Körperrhythmen.

1.3.2. Stressreaktionen der HPA-Achse

Der zweite Modus der HPA-Achse ist eine sehr intensive Reaktion mit hohen Ausschüttungen der Sresshormone in Notfallsituationen: die Stressreaktion auf potenziell existenzbedrohliche Gefahren. Dieses Kapitel behandelt vornehmlich diese Stressreaktion. Diese kann in zwei Varianten auftreten: als Reaktion auf tatsächlich bestehende Stressoren oder als antizipierte Reaktion auf befürchtete Stressoren.(7)

1.3.2.1. Reaktion auf tatsächliche Stressoren

Die Reaktion auf tatsächliche Stressoren dient der Bewältigung von tatsächlich bestehenden / eingetretenen potenziell lebensbedrohlichen Umständen – den Stressoren.

1.3.2.2. Antizipierte Reaktion auf befürchtete Stressoren

Diese Reaktion dient als Vorsichtsmassnahme, um erwarteten Stressoren adäquat begegnen zu können.

Als Trigger für derartige antizipatorische Reaktionen der HPA-Achse werden genannt:(7)

  • Angeborene Programme
    • Fressfeinde
    • Unbekannte Umgebungen/Situationen
    • Soziale Herausforderungen
    • Spezies-spezifische Bedrohungen (z.B. beleuchtete Räume für Nagetiere, dunkle Räume für Menschen)
  • erlernte Programme
    • Klassisch konditionierte Reize
    • Kontextabhängig konditionierte Reize
    • Negative Verstärkung/Frustration

Nach unserer Hypothese resultieren die AD(H)S-Symptome aus Stressreaktionen, für die keine adäquaten Stressoren existieren. Vor diesem Hintergrund könnte eine aus dem Ruder laufende antizipierte Stressreaktion der HPA-Achse eine mögliche Erklärung für AD(H)S darstellen.

Die Reaktion der HPA-Achse stellt eine deutliche Belastung des Körpers dar, die erhebliche Energieressourcen verbraucht.(31) Dies erklärt, warum unbehandeltes AD(H)S als Präkursor nachfolgender schwerwiegenderer psychischer Störungen dient, so das sich das Risiko von Angststörungen verdreifacht und das Risiko von Depressionen vervierfacht.

Das Gehirn erinnerungsgesteuert hemmende und anregende Pfade erzeugen, um die Glukokortikoidreaktionen zu kontrollieren. Beispielsweise können Gedächtnisschaltungen die Reaktionsfähigkeit auf kontextuelle Reize bei wiederholter Exposition verringern (Gewöhnung) oder Reaktionen auf harmlose Hinweise aktivieren, die eigentlich mit einer auftretenden Bedrohung verbunden sind. Das breite Spektrum dieser Reaktionen wird durch limbische Hirnregionen wie Hippocampus, Amygdala und präfrontalen Kortex kontrolliert.(7)

1.4. Aktivierung, Deaktivierung und Regulation der HPA-Achsen-Stressreaktion

1.4.1. Aktivierung der HPA-Achse

1.4.1.1. nach Quellen
1.4.1.1.1. Amygdala

Die Amygdala ist der Dirigent der Stressregulation, wobei die Aktivierung der Stresssysteme im Vordergrund steht.
Die Amygdala ist die zentrale Stelle zur Vermittlung von Emotionen.

Die Amygdala erhält Informationen aus vielen anderen Bereichen und ist die zentrale Instanz zur Bewertung dieser Informationen auf ihr Gefährdungspotential. Die Amygdala definiert damit, ob eine Situation ungefährlich ist (keine Stressreaktion), eine kleine Herausforderung ist (Aktivierung des vegetativen Nervensystems) oder eine potentielle Gefahr darstellt (Aktivierung der HPA-Achse). Da die Amygdala die Aktivität der HPA-Achse regelt, führt eine überaktivierte Amygdala, wie sie insbesondere bei Angststörungen häufig ist, zu einer Überaktivierung der HPA-Achse.

1.4.1.1.2. Sympathikus

Der Sympathikus (Teil des aus Sympathikus und Parasympathikus bestehenden autonomen Nervensystems) beeinflusst die HPA-Achsenaktivität, indem er die Reaktionsfähigkeit der Nebennierenrinde auf ACTH moduliert.(32)(33)(34)

1.4.1.1.3. Hirnstamm

Dopaminerge und noradrenerge Bahnen aus dem Hirnstamm stimulieren die CRH-Produktion im Hypothalamus (Startpunkt der HPA-Achse).(35)(7)

1.4.1.1.4. Nucleus solitarius (NTS, Kern des Tractus solitarius im Markhirn, Medulla oblongata)

Der Nucleus solitarius reguliert die HPA-Achse mittels(36)(37)(38)(39)

  • Neuropeptid Y
  • Glucagon-ähnliches Peptid 1 (GLP-1)
    • psychischer und homöostatischer Stress
    • GLP-1 wird nur im NTS gebildet
    • GLP-1-Rezeptor-Antagonisten verhindern eine ACTH- und Corticosteronausschüttung auf Stress bei Nagetieren im Freifeld.(40)
      Dies deutet darauf hin, dass GLP-1 für eine antizipierte Stressreaktion der HPA-Achse erforderlich ist.(7)
  • Inhibin-β
  • Somatostatin
  • Enkephalin und seine Analogons(41)
  • Nordrenalin (direkt am paraventrikulären Nucleus des Hypothalamus)(7)
  • Adrenalin (direkt am paraventrikulären Nucleus des Hypothalamus)(7)

Der Nucleus solitarius ist zudem wohl an der Regulierung des Parasympathikus durch den Nucleus ambiguus und den dorsalen motorischen Kern des Vagusnervs beteiligt.(36)

Darüber hinaus werde der NTS stark durch die Area postrema angeregt, die eine geschwächte Blut-Hirn-Schranke für Zytokine (hier: IL-1-β) aufweisen soll und zumindest teilweise für die Aktivierung der HPA-Achse durch Zytokine verantwortlich gemacht wird.(7)(42)

1.4.1.1.5. Entzündungen

Bei (vermutlich melancholischen und psychotischen, nicht aber atypischen und bipolaren) Depressionen und Anorexie wird die HPA-Achse dauerhaft durch proinflammatorische Zytokine aus entzündlichen Prozessen aktiviert. Bei den genannten Depressionen sind in den depressiven Phasen erhöhte Cortisolblutwerte feststellbar.(1)

1.4.1.1.6. Absinkender Glukosespiegel (Unterzucker)

Absinkender Glukosespiegel (Unterzuckerung) aktiviert die HPA-Achse ebenfalls.(1)

1.4.1.2. nach Stresshormonen / Neurotransmittern
1.4.1.2.1. CRH (Hypothalamus)

Die Bildung von CRH wird verstärkt durch

  • Noradrenalin (vornehmlich)(43)
    • Noradrenalin aktiviert den paraventrikulären Kern des Hypothalamus mittels α1 Adrenozeptoren, nicht via beta-adrenerge Rezeptoren(7)(44)(45)
    • jedoch moduliert durch weitere Botenstoffe(7)
      • Hohe Noradenalinwerte können hemmende Auswirkungen auf ACTH haben, was durch beta-adrenerge Rezeptoren vermittelt wird(44)
      • die Auswirkungen von Noradrenalin auf die Aktivität von parvozellulären neurosekretorischen Neuronen kann mit Tetrodotoxin oder Glutamatrezeptor-Antagonisten blockiert werden, was darauf hindeutet, dass Noradrenalinwffekte eher durch Glutamat  vermittelt werden als unmittelbar durch CRH(46)
      • Eine Studie deutet an, dass Reize, die die HPA-Stressreaktionen sensibilisieren, die Noradrenalin- und Adrenalin-Innervation der kleine Zellgruppen (= parvozelluläre Neuronen) im paraventrikulären Kern des Hypothalamus (PVN) verringern, was darauf hindeutet, dass eine erhöhte Erregbarkeit mit einem Rückgang von Katecholaminen im PVN einhergeht.(47)
  • Adrenalin(48)
  • Neuropeptid Y(43)
  • Serotonin(49)(43), durch Aktivierung von Serotonin-2A-Rezeptoren im paraventrikulären Kern des Hypothalamus(50)(36)
  • Acetylcholin(43)
  • durch stressinduzierte POMC-Peptide (Propiomelanocorticotropine: ß-Endorphin, MSH) aus dem Nucleus arcuatus des Hypothalamus(43)
1.4.1.2.2. ACTH (Hypophyse)

Die Bildung von ACTH wird verstärkt durch

  • CRH (vornehmlich)
    • Noradrenalin (via CRH)(48)
    • Adrenalin (via CRH)(48)
  • Vasopressin(51)
  • Interleukin-2 (IL-2)
  • Tumor Nekrose Faktor (TNF)
  • Delta(9)-tetrahydrocannabinol
  • chronische Hemmung der Stickstoffmonoxid-Synthase
  • Glucagon-like peptide 1 (GLP-1), in den paraventrikulärenKern des Hypothalamus (PVN) gespritzt, erhöht ACTH, anders wenn in Amygdala gespritzt.(40)

Mehr hierzu unter ⇒ ACTH.

1.4.1.2.3. Cortisol (Nebennierenrinde)

Die Wirkung von Cortisol wird verringert durch Cortisolantagonisten:

  • FKBP51
    • FKBP51 ist ein funktioneller Antagonist des Glucocorticoidrezeptors (GR)(52)
    • Die FKBP5-Gen-Polymorphismen rs1360780, rs4713916 und rs3800737 bewirken erhöhte FKBP51-Konzentrationen im Blut und damit eine verstärkte Cortisolreaktion auf psychosozialen Stress. Die Herunterregulierung der HPA-Achse ist verlangsamt und bleibt für längere Zeit unvollständig, auch bei wiederholter Stressexposition. Der FKBP5-Gen-Polymorphismus Bcl1 zeigt dagegen eine vorauseilende Cortisolantwort auf psychosozialen Stress.(53)

1.4.2. Deaktivierung der HPA-Achse

1.4.2.1. Deaktivierende Ursachen

Diese Darstellung ist unvollständig und nennt nur einzelne mögliche Ansätze.

1.4.2.1.1. Cortisol

Cortisolwirkung auf akuten Stress: Hemmung der HPA-Achse.

Auf langanhaltenden Stress verstärkt Cortisol die Aktivität der HPA-Achse weiter (siehe oben zur Aktivierung der HPA-Achse).

  • Cortisol hemmt nach kurzzeitigem Stress Hypothalamus und Hypophyse, was die Freisetzung von CRH und ACTH hemmt und damit die weitere Cortisolproduktion wieder reduziert (negative Rückkopplung der HPA-Achse).(2)(54)(55)(56) Dadurch wird ein gesundes Stresssystem nach kurzzeitiger Aktivierung wieder heruntergeregelt.
  • Cortisol
    • hemmt die POMC Gentranskription(57)
    • senkt die Expression von Vasopressin(57)
    • blockiert die stimulatorischen Effekte von CRH(57)
    • hemmt die Expression der CRH-Rezeptoren in der Hypophyse(57)
    • Hydrocortisol hemmt (binnen 3 Stunden) nicht die Freisetzung von ACTH(58)
  • Cortisol hemmt den Locus coeruleus und damit die Noradrenalin-Ausschüttung im ZNS.
    Noradrenalin ist das Stresshormon des ZNS. Cortisol hemmt die Noradrenalinausschüttung im PVN (diw vornehmlich aus der Medulla, weniger aus dem Locus coeruleus gespeit wird).(59) Ist diese Hemmung (durch Hypocortisolismus) eingeschränkt, fehlt dem Betroffenen eine wichtige „Stressbremse“.(60)(56). Dem entgegengesetzt fand eine Untersuchung an Ratten, dass Cortisol den Noradrenalinspiegel im Locus coeruleus (wie auch im PFC und im Striatum) erhöht.(61) Ein Unterschied liegt also im Ursprungsort des Noradrenalins. Wir hypothetisieren, dass dieser Widerspruch sich möglicherweise weiter auflösen könnte, wenn zwischen unterschiedlich hohen Cortisolspiegeln und unterschiedlich langer Cortisoleinwirkung differenziert wird.
  • Bei ADS ist die Cortisolreaktion auf akuten Stress sehr häufig überhöht, bei ADHS ist sie häufig verringert, weshalb das (ohnehin geschädigte) Stresssystem überlastet wird (Tendenz bei ADHS) oder nicht wieder heruntergeregelt wird (Tendenz bei ADS).

Daraus ergibt sich diesseits die spannende Frage (These), ob bei ADHS-Betroffenen (nicht: ADS-Betroffene) eine phasische (nicht: dauerhafte) Cortisolgabe eine kurzfristige Beruhigung und mittelfristig eine Regeneration der HPA-Achse bewirken könnte. Für eine solche Stoßtherapie müsste allerdings Dosen verwendet werden, die weit über denjenigen liegen, wie sie zur Substitution des basalen Cortisolspiegels verwendet werden.

1.4.2.1.2. PFC

Die HPA-Achse wird durch verschiedene andere Gehirnteile kontrolliert und reguliert. Der PFC hat hemmende Wirkung auf die HPA-Achse.(35) Der PFC wird durch leicht erhöhte Noradrenalin- und Dopaminspiegel aktiviert und durch sehr hohe Noradenalinspiegel deaktiviert(62)(63)(64)(65), wodurch der hemmende Einfluss auf die HPA-Achse entfällt. Ebenso hemmt CRH dosisabhängig die Leistungsfähigkeit des PFC (vor allem des Arbeitsgedächtnisses). CRH-Antagonisten heben diese Wirkung auf.(66)(67)

Der PFC ist (neben dem Hippocampus) in der Lage, die Cortisolausschüttung zu kontrollieren(68). Folglich führt eine Blockade des PFC zu einer unkontrollierten Cortisolstressantwort.

1.4.2.1.3. Hippocampus

Der Hippocampus ist ebenfalls an der Hemmung der HPA-Achse beteiligt.(35)(68)

Der Hippocampus wird durch langanhaltend hohe Cortisolspiegel geschädigt. Langanhaltend hohe Cortisolspiegel schädigen somit zugleich die Hemmung der HPA-Achse (Teufelskreis).

Weiter bestehen Wechselwirkungen zwischen Hippocampus und Amygdala, was insgesamt die Stresssysteme beeinflusst.(9)

Wird die Amygdala durch den PFC aktiviert, hemmt sie den PFC und Hippocampus, deren hemmende Wirkungen auf die HPA-Achse dadurch abgeschwächt werden.

1.4.2.1.4. Oxytocin

Oxytocin (OXT) ist ein Neuropeptid und wirkt als Hormon im Körper und als Neurotransmitter im Gehirn.

Oxytocinerge Bahnen führen aus dem Hypothalamus zum Vorderhirn. Oxytocin wirkt von dort aus hemmend auf Amygdala und HPA-Achse und wirkt damit angst- und stressreduzierend.(69) Oxytocin und Vasopressin fördern die soziale Zugehörigkeit und Bindungsbildung.(70)(71)(72)(73). Die Erhöhung der Stressresistenz durch enge soziale Interaktionen wird durch einen erhöhten Oxytocinspiegel im paraventrikulären Kern des Hypothalamus vermittelt. Eine dortige Oxytocinerhöhung verringert die Cortisolausschüttung auf akuten Stress. Dies eröffnet möglicherweise den Einsatz von Oxytocin bei stressinduzierten Störungen.(74). Oxytocin vermittelt die angstverringernde Wirkung sexueller Interaktionen.(75).

Bei sozioemotionalen Dysfunktionen wie Autismus-Spektrum-Störung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Angststörungen, PTSD und Schizophrenie wird insbesondere die soziale Angststörung durch Störungen der Oxytocin- / Argonin-Vasopressinbalance im Gehirn verursacht.(76)(77)(78)
Oxytocin wirkt dabei angsthemmend und antidepressiv, Vasopressin fördert dagegen Ängstlichkeit und depressives Verhalten.(79) Oxytocin hemmt insbesondere soziale Ängste.(78) Sozialphobien können die Folge einer Downregulation von Oxytocinrezeptoren aufgrund langanhaltender Behandlung mit Oxytocin sein.(78)

Oxytocin (OXT) verringert die ACTH-Bildung.(80)(81)

Singen im Chor erhöht ebenfalls den Oxytocinspiegel im Gegensatz zu Singen alleine, während beide Gesangsarten das Wohlbefinden erhöhten und den Cortisolspiegel senkten. Dabei scheint weniger die Tätigkeit des Singens den Oxytocinspiegel zu erhöhen als die stress- und arousalreduzierende Erfahrung des gemeinsamen Singens.(82)

Im Ergebnis sind soziale Kontakte und vertrauensvolle Zärtlichkeit Stresshemmer, indem sie den Oxytocinspiegel erhöhen.

1.4.2.1.4. Melatonin

Melatonin ist ein Hormon.
Eine Untersuchung an Ratten, die durch atopische Dermatitis (Neurodermitis) induzierten psychischen Stress hatten, fand Hinweise, dass hochdosiertes Melatonin (20 mg / kg) die Stresswirkung auf die HPA-Achse, das autonome Nervensystem sowie die stressbedingten Veränderungen des Dopamin- und Noradrenalinspiegels egalisieren konnte und im Ergebnis die AD(H)S-Symptomatik beseitigte.(61) Bei Menschen wird Melatonin in Dosierungen von 1 bis 5 mg (und nicht pro kg) insgesamt gegeben, so dass die in der Untersuchung verwendete Menge ein mehrhundertfaches der bei Menschen üblicherweise verwendeten Dosierung betrug. Eine Nutzung von Melatonin als Stressbremse ist daher vorerst nicht absehbar.

Dennoch würde es sich lohnen, die Frage einer Stressverringerung durch Melatonin näher zu untersuchen.

Melatonin verringert die Wirkungen von Cortisol in Bezug auf Dopamin und Noradrenalin:

Melatoninwirkung auf Dopamin:
Cortisol verringert den Dopaminspiegel im Locus coreuleus, im präfrontalen Cortex sowie im Striatum.
20 mg/kg Melatonin wirkte in allen drei Gehirnbereichen der Dopaminverringerung durch Cortisol entgegen.(61)

Melatoninwirkung auf Noradrenalin:
Cortisol erhöht den Noradrenalinspiegel im Locus coreuleus, im präfrontalen Cortex sowie im Striatum.
20 mg/kg Melatonin wirkte in allen drei Gehirnbereichen der Noradrenalinerhöhung durch Cortisol entgegen.(61)

Bei AD(H)S-Betroffenen wie bei Menschen mit Schlafproblemen ist der abendliche Anstieg von Melatonin verzögert.(83) Bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren mit AD(H)S und Schlafproblemen war der Schlafbeginn um 50 Minuten verzögert, was der Verzögerung des Melatoninsanstiegs entsprach. Im übrigen unterschied sich der Schlaf nicht erheblich.
Da im Alltag der Schulbeginn für alle Kinder gleich ist, erklärt dies, dass AD(H)S-Betroffene mit Schlafproblemen erheblich größere Schwierigkeiten im Alltag haben.

Der nächtliche Melatoninanstieg korreliert mit dem nächtlichen Abbau von Cortisol(84) und erfolgt bei Kindern später als bei älteren Menschen. Ausserdem verschiebt sich der Schlafenszeitpunkt bei älteren Menschen im Verhältnis zum Zeitpunkt des abendlichen Melatoninanstiegs nach vorne.(85)

Bei AD(H)S wurde ein erhöhter Serummelatoninspiegel festgestellt.(86)

1.4.2.2. Deaktivierungswirkung auf Stresshormone
1.4.2.2.1. CRH

Bildung wird abgeschwächt durch

  • autoregulatorische noradrenerge und autoregulatorische CRH-Neurone über präsynaptische CRH1- bzw. α2-Rezeptoren(43)
  • GABA (Gamma-Aminobuttersäure)(43)
  • Substanz P, die in erster Linie über periphere Afferenzen aktiviert wird(43)
    • Hemmt stressinduzierte Aktivierung der HPA-Achse(87)(88) via Neurokinin-1-Rezeptoren(89)
  • Cortisol
1.4.2.2.1. ACTH

Bildung wird abgeschwächt durch

  • Cortisol
  • Oxytocin
1.4.2.2.1. Cortisol

Bildung wird abgeschwächt durch

  • Oxytocin

1.5. Prävention der HPA-Achsen-Aktivierung

Diese Darstellung ist unvollständig und nennt nur einzelne mögliche Ansätze.

1.5.1. Sport ist stresspräventiv

Trainierte Männer zeigen auf psychische Stressoren (TSST) im Vergleich zu untrainierten Männern(90)

  • erheblich geringere Cortisolantwort (bei etwas geringerem basalen Cortisolniveau)
  • erheblich geringerer Herzratenanstieg
  • deutlich höhere Ruhe, bessere Stimmung und tendenziell geringere Ängstlichkeitsreaktionen auf die psychische Stressbelastung

1.5.2. Massagen sind stresspräventiv

Massagetherapie bewirkt eine um 31 % verringerte Cortisolantwort auf Stress und einen Anstieg von Dopamin und Serotonin um rund 30 %.(91)

Es ist anzunehmen, dass dies vornehmlich durch die Ausschüttung von Oxytocin vermittelt wird.

1.5.3. Singen (insbesondere im Chor) könnte stresspräventiv sein

Die stressreduzierende Wirkung von Singen im Chor, die (anders als Singen alleine) eine Oxytocinerhöhung und dadurch eine Cortisolverringerung bewirkt, könnte auch stresspräventiven Charakter haben. Sologesang reduziert den Oxytocinspiegel nicht, wohl aber den Cortisolspiegel.(82)

1.5.4. Soziale Unterstützung ist stresspräventiv

Probanden, die vor und beim TSST durch einen Freund begleitet wurden, hatten verringerte Cortisolwerte als Stressantwort.(92)

1.5.5. Oxytocin ist stresspräventiv

Probanden, die vor dem TSST Oxytocin als Nasenspray erhielten, wiesen geringere Stress- und Angstwerte auf. Die höchste Reduzierung von Angst und Cortisolreaktion ergab sich bei einer Kombination aus Begleitung durch einen Freund und Oxytocingabe.(92)

Weitere Ansätze, wie z.B. das besonders empfehlenswerte Achtsamkeitstraining, finden sich unter ⇒ AD(H)S – Behandlung und Therapie.

2. Veränderungen der HPA-Achse durch chronischen Stress

Chronischer Stress bewirkt typische Veränderungen an der HPA-Achse.
Bei den nachfolgenden Darstellungen ist zu bedenken, dass es sich nur um Darstellungen momentaner Zustände handelt. Chronischer Stress ist jedoch von einer zeitlichen Veränderungskomponente geprägt – wie jeder Zustand, der durch einen langanhaltend erhöhten oder verringerten Spiegel von bestimmten Neurotransmittern, Hormonen, Peptiden  oder anderen an Rezeptoren bindenden Stoffen bewirkt. Langanhaltende Spiegelveränderungen solcher Stoffe können Rezeptor- und Transporter-Down- oder Upregulationen auslösen. Die langanhaltende Gabe von Stoffen kann Gehirnbereiche, die bisher für die Produktion dieser Stoffe verantwortlich waren, deaktivieren.
Je nach Dauer des Stresses können die dargestellten Folgen daher verstärkt oder ins Gegenteil verkehrt werden.

2.1. Veränderungen an CRH durch chronischen Stress

  • ist erhöht im paraventrikulären Kern (PVN) des Hypothalamus(93)(94)(95)
  • erhöhte Anzahl von CRH-immunreaktiven Zellen, die Arginin-Vasopressin im PVN exprimieren(96)(97)(98)
  • CRH-Rezeptoren in der Hypophyse verringert(99)

2.2. Veränderungen an Vasopressin durch chronischen Stress

2.3. Veränderungen an Proopiomelanocortin durch chronischen Stress

  • in der Hypophyse erhöht(100)

2.4. Veränderungen an ACTH durch chronischen Stress

2.5. Veränderungen an Cortisol durch chronischen Stress

  • Cortisolantwort auf ACTH erhöht(105)(108)
  • basale Blut-Cortisolspiegel erhöht (siehe unten: Hypercortisolismus)
  • Glucocorticoid-Rezeptoren (GRs) im Hippocampus durch Downregulaton verringert(109)(110)
    • dadurch verringertes Herunterfahren der HPA-Achse durch Cortisol (Feedbackschleife gestört)(111)(112)
  • GR-mRNA verringert(93)(113)
  • Mineralocorticoid-Rezeptor (MR) mRNA-Spiegel verringert(113)
  • Aktivierung zentraler Neurotransmittersysteme(56)(114)(115)
  • Verstärkung der Aktivität der HPA-Achse.(56)(114)(115)
  • Cortisol erhöht die mRNA-Expression von CRH in der zentralen Amygdala.(116)
  • Cortisol erhöht den Erfolg von angenehmen oder zwanghaften Aktivitäten (Einnahme von Saccharose, Fett und Drogen oder Radrennen). Dies motiviert die Einnahme von „Komfortnahrung“.(116)
  • Cortisol erhöht systemisch die Fettdepots im Bauchraum. Dies bewirkt(116)
    • eine Hemmung von Katecholaminen im Hirnstamm und
    • eine Hemmung der CRH-Expression im Hypothalamus, die Adrenocorticotropin regulieren.
  • Während chronischer Stress und hohe Glukocorticoide bei Ratten die Körpergewichtszunahme erhöhen, bewirkt dies bei Menschen entweder eine erhöhte Nahrungszufuhr und Gewichtszunahme oder eine verminderte Nahrungsaufnahme und Gewichtsabnahme.(116)(117)
  • Eine signifikanter Cortisolanstieg auf akuten Stress ist mit einer Deaktivierung des limbischen Systems verbunden.(118)

3. Hypercortisolismus und Hypocortisolismus

Die HPA-Achse kann bei einer dauerhaften Überaktivierung auf zwei Arten fehlreagieren – es entsteht

  • Hypercortisolismus (75 % – 80 %)
    oder
  • Hypocortisolismus. (20 % – 25 %)

Hypercortisolismus ist ein Überschuss an den Stresshormonen Cortisol, ACTH oder CRH
Hypocortisolismus ist dagegen ein Mengen- oder Wirkungs-Mangel der Stresshormone Cortisol, ACTH oder CRH an der HPA-Achse.(119)

3.1. Hypercortisolismus

  • zu viel Cortisol, ACTH oder CRH oder rezeptorseitiger Wirkungsüberschuss

3.1.1. Störungen des Hypercortisolismusspektrums

Quelle(120)

  • Depression
    • melancholische Depression
    • psychotische Depression
    • Depressionsschmerz vornehmlich morgens, wenn der Cortisolspiegel relativ am höchsten ist (entsprechend zur überhöhten Cortisolstressantwort)
    • nicht: atypische Depression
    • nicht: bipolare Depression
  • Angststörung
  • Anorexie
  • Zwangsstörung
  • Panikstörung
  • Alkoholismus
    Exzessiver Alkoholkonsum verändert die HPA-Achse(121), wobei die Änderungen bereits auf der CRH und ACTH-Stufe der HPA-Achse in Form von verringerten Hormonreaktionsspiegeln erfolgen.(122)
  • Metabolisches Syndrom
    • Abdominelle Fettleibigkeit
    • Bluthochdruck
    • Fettstoffwechselstörung
      • Hypertriglyzeridämie
        • Fettstoffwechselstörung mit erhöhten Triacylglyceridblutspiegeln über 2 mmol/l (180 mg/dl)
      • verringertes HDL-Cholesterin
    • Insulinresistenz bzw. gestörte Glukosetoleranz (erhöhte Glukosekonzentration im Blut)
      Hauptursache für Diabetes mellitus Typ 2 (Altersdiabetes)
  • Immunsystem: TH1-/TH2-Shift
    • Cortisol hemmt die durch CRH ausgelösten Entzündungsbereitschaft (weniger TH1)
      • dadurch verringerte Entzündungsanfälligkeit(123)
    • Cortisol erhöht die Fremdkörperbekämpfung (mehr TH2)
      • dadurch erhöhtes Risiko von Allergien(124)

3.2. Hypocortisolismus

  • zu wenig Cortisol, ACTH oder CRH oder rezeptorseitiger Wirkungsmangel

3.2.1. Auslöser von Hypocortisolismus

3.2.1.1. Gene und Umwelt
  • genetische Ursachen, (z.B. bestimmte FKBP-Gen-Polymorphismen)
  • Chronischer psychischer Stress
  • Psychisches Trauma (z.B. Missbrauch, Misshandlung, Kriegsopfer)
  • Intensiver körperlicher Stress (z.B. Infektionserkrankung)
  • Körperliches Trauma (z.B. Verkehrsunfall)
3.2.1.2. Neurophysiologische Mechanismen
  • Verringerte Ausschüttung von CRH oder ACTH oder Cortisol(125)
  • Übermässige Ausschüttung von CRH, ACTH oder Cortisol mit folgender Down-Regulation der Zielrezeptoren
    und in der Folge verringerte Empfindlichkeit auf negatives Feedback der Hormone
  • Verringerte Verfügbarkeit von freiem Cortisol
  • Cortisolresistenz der Zielzellen(125)

3.2.2. Mögliche Symptome von Hypocortisolismus

Die Symptome unterscheiden sich, je nach dem, auf welcher Ebene der Hypocortisolismus sich manifestiert hat.(125)

  • Schmerzen
    • Schmerzempfindlichkeit(125)
      • Fibromyalgie(120)
      • Chronische Unterbauchschmerzen(120)
    • Krankheitsgefühl(125)
  • Müdigkeit
    • Chronic Fatigue Syndrome
    • Burnout
    • Hypersomnie (Schlafsucht, Tagesschläfrigkeit)
  • Lethargie
  • Hyperphagie
    • Essstörung
    • übermässiges Essen auch ohne Hungergefühl
  • Depressivität
    • Atypische Depression(125)(120)
      möglicherweise verursacht durch CRF-Rezeptor-Mangel
      Symptome treten insbesondere in der 2. Tageshälfte auf, wenn der Cortisolspiegel niedrig ist (entsprechend der Cortisolantwortschwäche)
    • bipolare Depression
  • Stressintoleranz
    • Reizbarkeit(125)
    • Hochsensibilität(125)
      • Lärm
      • Temperaturen
      • Licht
      • Bewegung (auch: zu viele Menschen)
    • Posttraumatische Belastungsstörung
      • Intrusionen bei PTSD(125)
        Verringerte CRF- und Noradrenalinaktivität
    • Angstzustände(125)
  • erhöhte Herz-Kreislauf-Reaktivität(125)
  • fehlende Hemmung der durch CRH erhöhten Entzündungsbereitschaft
    • Folge: Entzündungsprobleme(124) / chronisch entzündliche Prozesse(123)(126)
      • Neurodermitis(127)
      • ungehemmte Aktivierung von NF-kappa B(123)
      • Autoimmunkrankheiten(123)(128)
      • Fibromyalgie (?)
      • Darmentzündungsstörungen
      • Asthma
        • chronische Entzündlichkeit der Atemwege

Cortisol wirkt inhibierend (dämpfend) u.a. auf den Hypothalamus und verringert dadurch die CRH-Ausschüttung. Da CRH den Locus coeruleus aktiviert und so dessen Noradrenalinausschüttung erhöht, bewirkt Cortisol mittelbar eine Verringerung des (aufgrund der vorangegangenen Stressreaktion typischerweise stark erhöhten) Noradrenalinspiegels.(129)(130)
Weiter wirkt Cortisol beruhigend auf die Hypophyse (was die ACTH-Ausschüttung verringert).
Cortisol bremst damit insgesamt die Aktivierung der HPA-Achse und die Produktion von weiterem Cortisol.
Cortisol ist dadurch eine Art „Stressbremse“ im Zentralen Nervensystem.
Diese Stressbremse ist bei Hypocortisolismus aufgrund der zu niedrigen Cortisolantwort auf Stress gestört.(125)

3.3. Beispiel: Traumata

Bei traumatischen Erfahrungen werden die Gehirnfunktionen, die bei Stressbelastung für überlebenswichtige Reaktionen erforderlich sind, regelrecht so überlastet, dass sie zusammenbrechen. Die massive Überlastung mit Cortisol bewirkt, dass bisherige Abläufe, die sich offenbar als nicht ausreichend zur Sicherung des Überlebens gezeigt haben, leichter gelöscht werden können, um durch neue (funktionalere) Abläufe ersetzt zu werden.(131)

4. Vermessung der HPA-Achse

Es gibt etliche endokrine Stimulations- und Suppressionstests, mit denen gemessen werden kann, ob die HPA-Achse sauber funktioniert.

Mehr hierzu unter Pharmakologische endokrine Funktionstests.

Verwandte Themen:

⇒ Cortisol bei AD(H)S
⇒ Cortisol bei anderen Störungsbildern
⇒ 
Das vegetative Nervensystem: Sympathikus / Parasympathikus⇒ Die Amygdala – der Stressdirigent

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 16:02 Uhr


20.)
Aldenhoff, Erregungsungleichgewicht als mögliche Ursache seelischer Erkrankungen (1990) in Beckmann, Osterheider: Neurotransmitter und psychische Erkrankungen, Springer, Seite 183 - (Position im Text: 1)
43.)
Bieger (2011): Neurostress Guide, Seite 5 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8)
60.)
Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA), Biopsychologie Vertiefung SS 2007 - (Position im Text: 1)
114.)
Dallmann, Alkana, Cascio, Darlington, Jacobson, Levin (1987): Regulation of ACTH Secretion: Variation on a theme of B. Recent progress in hormone research:43:133-173, zitiert nach Seitz (2010): Cortisol – Aufwachreaktion bei gesunden Kindern und Kindern mit ADHS, Dissertation, Seite 20 - (Position im Text: 1, 2)
119.)
Skript Biopsychologie 2007, Seite 44 - (Position im Text: 1)
120.)
Skript Biopsychologie 2007, Seite 35 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4)
129.)
Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA), Biopsychologie Vertiefung SS 2007 - (Position im Text: 1)

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