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Häufigkeit von AD(H)S (Prävalenz)

AD(H)S gibt es weltweit in allen Kulturen und Staaten.

1. Bevölkerungsprävalenz

1.1. Europa

Eine Kohortenstudie in Dänemark ergab bei Jungen unter 18 Jahren ein Prävalenz von 5,9 % nach ICD 10.(1)

In Finnland beobachtete eine nationale Kohortenstudie einen Anstieg der Gabe von AD(H)S-Medikamenten bei Kindern von 1,26 % in 2008 auf 4,42 % in 2018 und bei Jugendlichen von 0,93 % in 2008 auf 4,21 % in 2018. Zugleich stieg der Anteil von medikamentierten Frauen an.(2)

1.2. Nordamerika

1.2.1. USA

In den USA hat die Häufigkeit von allen Entwicklungsstörungen, darunter auch AD(H)S, in den Jahren von 2009 bis 2018 signifikant zugenommen:(3)(4)(5)

  • Kinder von 3 bis 17 Jahren mit AD(H)S-Diagnose
    • 2010: 8 %
    • 2017: 8,5 % bis 9,5 %(3)
    • 2018: 9,8 % 
    • Jungen
      • 2010: 11 %
      • 2018: 13 %
    • Mädchen
      • 2010: 6 %
      • 2018: 6,6 %
    • nach Alter (2018)
      • 3-4: Lernschwäche 3,2 %, AD(H)S 1,2 %
        5-11: Lernschwäche 6,7 %, AD(H)S 9 %
        12-17: Lernschwäche 9,4 %, AD(H)S 13,6 %
  • Hispanische Kinder hatten seltener eine AD(H)S-Diagnose (2010: 4 %; 2018: 2018: 6,9 %) als nicht-hispanische weiße (2010: 10 %; 2018: 10,9 %) oder nicht-hispanische schwarze (2010: 11 %; 2018: 13,1 %) Kinder. Kinder von Paaren mit einem weissen und einem indianischen Elternteil (American Indian / Alaska Native) hatten 2018 eine AD(H)S-Prävalenz von 26,4 %.
  • Kinder von alleinerziehenden Müttern hatten etwa doppelt so häufig Lernschwierigkeiten (1010: 12 %; 2018: 11,3 %) oder AD(H)S (2010: 13 %; 2018: 12,6 %) wie Kinder in Familien mit zwei Elternteilen (Lernschwierigkeiten 2010: 6 %, 2018: 5,9 %; AD(H)S 2010: 7 %, 2018: 8,8 %). Kinder alleinerziehender Väter hatten 2018 nur zu 5 % Lernschwierigkeiten und zu 6,7 % AD(H)S.
  • Kinder mit einem mittleren oder schlechten Gesundheitszustand rund fünfmal so häufig eine Lernschwäche (2010: 28% zu 6%; 2018: 32,3 % zu 5,9 %) und rund doppelt so häufig AD(H)S (2010: 18% zu 7%; 2018: 16,2 % zu 8,8 %) als Kindern mit einem ausgezeichneten oder sehr guten Gesundheitszustand. Ein guter Gesundheitszustand war 2018 mit 15,4 % AD(H)S kaum besser als ein mittlerer oder schlechter.
  • Kinder in Großstädten über 1 Million Einwohner hatten 2018 mit 8,2 % seltener AD(H)S als Kinder in Städten unter 1 Mio (12 %) oder ausserhalb von Großstädten (11,6 %).
  • Bei Veteranen wurde zwischen 2009 und 2016 ein Zuwachs der jährlichen AD(H)S-Prävalenz um rund 250 % von 0,23 auf 0,84 % beobachtet.(6)

1.2.2. Kanada

Bei kanadischen Kindern wurde AD(H)S diagnostiziert bei(7)

  • Mädchen
    • 2008: 3,1 %
    • 2015: 3,9 %
  • Jungen:
    • 2008: 8 %
    • 2015: 9,5 %

1.3. Südamerika

(folgt)

1.4. Asien

1.4.1. China

In China wurde bei Kindern und Jugendlichen eine Prävalenz von 6,26 % ermittelt (63 Studien von 1983 bis 2015, davon 70 % aus aus 2005 bis 2015), wobei sich erhebliche regionale Unterschiede ergaben.(8)

1.4.2. Japan

Unter japanischen Erwachsenen soll die AD(H)S-Prävalenz bei 1,7 % liegen.(9) 

Unter japanischen Studentinnen (∅ 19,2 Jahre) wurde bei 27,2 % ADHS und bei 1,1 % ADS gefunden.(10) Eine andere Studie berichtete von 27 % AD(H)S bei japanischen Studenten (29,7 % Männer, 25,3 % Frauen).(11)

Eine Studie berichtet von 31,1 % AD(H)S nach Elternreport (n = 7.566) und 4,3 % AD(H)S nach Lehrerreport (n = 9.9 56) bei einer Gesamtprävalenz von 7,2 bis 7,9 % unter japanischen Vorschulkindern. Möglicherweise sind Elternberichte in Japan aus kulturellen Gründen nicht belastbar.(12) Eine weitere Studie findet ebenfalls Hinweise auf überhöhte Elternratings für kleine Kinder in Japan.(13) Während dei Eltern der 4 bis 12-jährigen eine AD(H)S-Quote von 7,7 % ermittelten, ergaben die Lehrerratings der Kinder lediglich bei 3,19 % AD(H)S (nach DSM III). 

1.4.3. Taiwan

Eine große Studie stellte ein Ansteigen neuer AD(H)S-Diagnosen nach ICD 9 von 7,92/10000 Personenjahre in 2000 auf 13,92/10000 Personenjahre in 2011. Das Verhältnis von Männern zu Frauen sank von 3,61 auf 2,90. Der größte Anstieg wurde bei jungen Erwachsenen (19-30 Jahre) festgestellt, gefolgt von Vorschulkindern (0-6 Jahre).(14)

1.4.4. Indien

Eine große Studie benannte die Prävalenz von AD(H)S in Indien in 2017 mit 0,3 %.(15) Die Prävalenz von ASS wurde mit 3,2 % genannt. 

1.5. Afrika

1.5.1. Äthiopien

In Äthiopien wurde 2015 bei 6 bis 17-jährigen eine Prävalenz von 7,3 % ermittelt. Auch hier waren 80 % mehr Jungen als Mädchen betroffen, Kinder alleinerziehender Elternteile waren 5 mal so häufig und Kinde aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status 2,4 mal so häufig betroffen.(16)

1.5.2. Ghana

Eine Studie in Ghana fand 2016 bei Kindern von 7 bis 15 Jahren eine Prävalenz von 1,64 %.(17)

1.6. Mittlerer Osten

1.6.1. Iran

Im Iran fand eine 2019 veröffentlichte Studie eine Prävalenz von 4 % (5,2 % bei Jungen, 2,7 % bei Mädchen) zwischen 6 und 18 Jahren.(18)

2. Prävalenz in psychiatrischen Klniken

Bei erwachsenen psychiatrischen Klinikpatienten wurde bei 59 % ein AD(H)S diagnostiziert (12-Monats-Prävalenz).(19)

3. Unterschiede in verschiedenen Populationen 

Eine Studie an 5,2 Millionen Patienten kam zu dem Ergebnis, dass die Häufigkeit von AD(H)S von der Population abhängig ist.(20):

  • Weiße: 0,67%-1,42%
  • Indianer: 0,56%-1,14%
  • Hispanoamerikaner oder Latinos: 0,25%-0,65%
  • Farbige: 0,22%-0,69%
  • Asiatisch-Amerikanische Personen: 0,11%-0,35%
  • Pazifische Inselbewohner: 0,11%-0,39%
  • Individuen anderer Ethnien: 0.29%-0.71%

Es handelt sich hier nicht um die Lebenszeitprävalenz der Gesamtbevölkerung, sondern um die Häufigkeit der innerhalb eines Jahres gegebenen Diagnosen an Patienten, die ein bestimmtes Krankenaktensystem(21) nutzen.
Da AD(H)S zu einem großen Teil genetisch bedingt ist, ist eine unterschiedliche Prävalenz zwischen verschiedenen Ethnien nicht überraschend.

Unter Kindern der Paisa in Kolumbien fand eine Studie eine AD(H)S-Prävalenz von 16,4 % (Jungen 19,8 %, Mädchen 12,3 %).(22)

Anmerkungen zu den Begriffen Population und Rasse:(23) 

  • Der Begriff Rasse kennzeichnet die Menschheit insgesamt. Es gibt keine unterschiedlichen  Menschenrassen. 
  • Der englische Begriff Race (Rasse) benennt nicht einen genetischen sondern soziales Konstrukt.
  • Die Genetischen Unterschiede zwischen Kontinenten sind graduell. Beispielsweise gibt es Menschengruppen in Afrika (z.B. die San), die hellere Haut haben als Menschengruppen in Europa (z.B. in Andalusien). Die helle Hautfarbe der Europäer hat sich erst vor wenigen tausend Jahren ausgebildet. Davor waren alle Menschen mehr oder weniger “schwarz”.  
  • Über einen Stammbaum von 4000 Jahren ist jeder Mensch mit jedem anderen Menschen blutsverwandt

4. Prävalenz in bestimmten sozialen Gruppen

Unter Flüchtlingen und Asylsuchenden unter 18 Jahren fand eine Metastudie von 8 Untersuchungen eine AD(H)S-Prävalenz von 8,6 % (1 bis 16 %), wobei zugleich PTSD (22,71 %), Angststörungen (15,77 %), Depression (13,81 %) und ODD (1,77 %) festgestellt wurden.(24) Die hohen Werte von PTSD, Angststörungen und Depressionen könnten unserer Auffassung nach die tatsächliche Prävalenz von AD(H)S bei der untersuchten Zielgruppe verdeckt haben.

Zuletzt aktualisiert am 07.03.2020 um 21:20 Uhr


9.)
Nakamura, Ohnishi, Uchiyama (2013): Epidemiological survey of adult attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) in Japan, Jpn J Psychiatr Treat, 2013. Zitiert nach Takahashi Miyatake, Kurato, Takahashi (2016): Prevalence of attention deficit hyperactivity disorder and/or autism spectrum disorder and its relation to lifestyle in female college students. Environ Health Prev Med. 2016 Nov;21(6):455-459. - (Position im Text: 1)