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Diagnostische ADHS-Symptome nach DSM, ICD, Wender-Utah u.a.

Diagnostische ADHS-Symptome nach DSM, ICD, Wender-Utah u.a.

Autor: Ulrich Brennecke
Review 10/2024: Dipl.-Psych. Waldemar Zdero

Die nachfolgend aufgelisteten Symptomkataloge sind alternative Klassifikationen von ADHS. Sie dürfen nicht schematisch angewendet werden, was sich bereits aus der Tatsache ergibt, dass mehrere alternative Symptomlisten bestehen.
Es handelt sich nicht um Behandlungsleitfäden.

Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein erstmals 1952 (damals entstanden als Alternative zu ICD 6)1 herausgegebener Katalog der American Psychiatric Association (APA), der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft. Die 5. Ausgabe, DSM 5, erschien im Mai 2013. Die überarbeitete Fassung DSM-5-TR vom März 2022 veränderte die ADHS-Kriterien nicht und ergänzte im Übrigen nur einige wenige Sätze und Klarstellungen.23

ICD ist der Katalog der World Health Organization (WHO), der internationalen Gesundheitsorganisation. Aktuell ist ICD-10. Das im Januar 2022 in Kraft getretene ICD-11 lag im September 2024 noch nicht in deutscher Übersetzung vor.4
Der DSM IV nahm dabei die Katalognummern des ICD-9 zu psychiatrischen Krankheiten auf und ist insoweit ein eigener Teil des ICD. DSM und ICD entstanden aus dem Bedürfnis, statistisch zu erfassen, welche Krankheiten wie häufig auftreten.

DSM und ICD sind daher nicht wirklich Instrumente zur Diagnose von Krankheiten, sondern dienen mehr der statistischen Erfassung und Einordnung von Diagnosen. Insbesondere gegenüber Krankenkassen sind derartige statistische Einordnungen von hoher Bedeutung. In Bezug auf die medizinische Diagnose aus dem Blickwinkel einer optimalen Behandlung darf ihnen dagegen nicht die gleiche Bedeutung zugemessen werden.

ACHTUNG: DSM und ICD benennen lediglich die diagnoserelevanten Symptome. Daneben gibt es jedoch noch weitere Symptome, die häufig originär aus einer Störung (hier: aus ADHS) resultieren, die aber auch aus anderen Störungsbildern entstehen können, sodass sie weniger gut geeignet sind, um damit Störungsbilder unterscheiden zu können.

Behandlungsrelevant ist indes die Gesamtheit aller Symptome. Bei der Behandlung allein auf die Symptome von DSM oder ICD abzustellen, wäre daher ein ärztlicher bzw. therapeutischer Kunstfehler.
Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen

1. DSM

Während DSM-IV ADHS noch in die Gruppe der Verhaltensstörungen einordnete, hat DSM 5 ADHS der Gruppe der neurologischen Entwicklungsstörungen (Neurodevelopmental Disorders) zugeordnet. Bei DSM 5 wurde weiter das Alter, bis zu dem erste Symptome aufgetreten sein müssen, auf 12 Jahre angehoben, die Anzahl der erforderlichen Symptome ab dem Alter von 17 Jahren von 6 auf 5 verringert und ASS gilt nun nicht mehr als Ausschlussdiagnose. Anstelle des Begriffs der Subtypen trat der Begriff der Präsentationsformen (Erscheinungsformen). Weiter betont DSM 5 stärker, dass die Symptome in verschiedenen Lebensbereichen auftreten müssen und mehrere (Fremd-)Beurteiler einbezogen werden sollten.

1.1. DSM 5 / DSM 5 TR

Unaufmerksamkeit

  • Achtet oft nicht genau auf Details oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schulaufgaben, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten (z.B. übersieht oder verpasst Details, Arbeit ist ungenau).
  • Hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Spielaktivitäten aufrechtzuerhalten (z.B. hat Schwierigkeiten, bei Vorträgen, Gesprächen oder längeren Leseaufgaben konzentriert zu bleiben).
  • Scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen wird (z. B. scheint mit den Gedanken woanders zu sein, auch wenn keine offensichtliche Ablenkung vorliegt). .
  • Befolgt Anweisungen oft nicht und bringt Schularbeiten, Hausarbeiten oder Aufgaben am Arbeitsplatz nicht zu Ende (z.B. beginnt Aufgaben, verliert aber schnell die Konzentration und lässt sich leicht ablenken).
  • Hat oft Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren (z.B. Schwierigkeiten, aufeinanderfolgende Aufgaben zu bewältigen; Schwierigkeiten, Materialien und Gegenstände in Ordnung zu halten; unordentliche, unorganisierte Arbeit; schlechtes Zeitmanagement; Nichteinhaltung von Fristen).
  • Vermeidet, mag nicht oder zögert oft, Aufgaben zu übernehmen, die anhaltende geistige Anstrengung erfordern (z.B. Schularbeiten oder Hausaufgaben; bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen das Erstellen von Berichten, Ausfüllen von Formularen, Durchsehen langer Dokumente)
  • Verliert häufig Dinge, die für Aufgaben oder Aktivitäten notwendig sind (z.B. Schulmaterialien, Stifte, Bücher, Werkzeuge, Geldbörsen, Schlüssel, Unterlagen, Brillen, Mobiltelefone).
  • Lässt sich häufig leicht durch äußere Reize ablenken (bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen können dies auch Gedanken sein, die nichts mit der Aufgabe zu tun haben).
  • Ist oft vergesslich bei alltäglichen Aktivitäten (z.B. Hausarbeit, Besorgungen machen; bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen: Rückrufe tätigen, Rechnungen bezahlen, Termine einhalten).

Hyperaktivität/Impulsivität

  • Zappelt oft mit Händen oder Füßen oder windet sich auf seinem Sitz
  • Verlässt oft den Sitzplatz in Situationen, in denen man erwartet, dass man sitzen bleibt (z.B. verlässt den Platz im Klassenzimmer, im Büro oder an einem anderen Arbeitsplatz oder in anderen Situationen, in denen man an seinem Platz bleiben muss)
  • Läuft oft herum oder klettert in Situationen, in denen dies unangemessen ist. (Bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann sich dies auf ein Gefühl der Unruhe beschränken.)
  • Oftmals unfähig, ruhig zu spielen oder Freizeitaktivitäten nachzugehen
  • Oftmals „unterwegs” und verhält sich, als würde es „von einem Motor angetrieben” (z.B. unfähig, länger stillzusitzen, wie in Restaurants oder Besprechungen; kann von anderen als unruhig oder schwer zu begleiten empfunden werden)
  • Spricht oft übermäßig viel
  • Unterbricht oft andere, bevor die Frage gestellt wurde (z. B. beendet die Sätze anderer; kann in Gesprächen nicht warten, bis man selbst an der Reihe ist)
  • Hat oft Schwierigkeiten, zu warten, bis man selbst an der Reihe ist (z. B. beim Anstehen)
  • Unterbricht oder stört oft andere (z. B. mischt sich in Gespräche, Spiele oder Aktivitäten ein; beginnt möglicherweise, die Sachen anderer zu benutzen, ohne zu fragen oder um Erlaubnis zu bitten; bei Jugendlichen und Erwachsenen kann sich dies auf das Gefühl der Unruhe oder der Schwierigkeit, mit anderen Schritt zu halten, beschränken)
  • Unterbricht oder stört andere häufig (z. B. mischt sich in Gespräche, Spiele oder Aktivitäten ein; beginnt möglicherweise, die Sachen anderer zu benutzen, ohne zu fragen oder um Erlaubnis zu bitten; bei Jugendlichen und Erwachsenen kann dies dazu führen, dass sie sich in die Aktivitäten anderer einmischen oder diese übernehmen).

Eine ADHS-Diagnose ist nur dann möglich, wenn zudem alle allgemeinen und speziellen Beobachtungen vorliegen:

Notwendige allgemeine Beobachtungen

  • Es handelt sich um ein durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität/Impulsivität, welches das Funktionsniveau oder die Entwicklung beeinträchtigt
  • Mehr als ein Symptom von Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität/Impulsivität trat bereits vor dem Alter von 12 Jahren auf
    • Barkley empfiehlt, diese Anforderung zu ignorieren, und berichtet aus seinen Longitudinalstudien, bei denen Betroffene teils noch im Alter zwischen 18 und 24 erstmals ADHS-Symptome zeigten.5 Wenn der Durchschnitt der Betroffenen im Alter von 12 Jahren ADHS-Symptome entwickelt, bedeutet dies, dass die Hälfte der Betroffenen die ersten ADHS-Symptome erst nach diesem Alter zeigt.6 Auch nach unserer Beobachtung gibt es viele Betroffene, bei denen die Symptome erstmals im Erwachsenenalter auffällig wurden (besonders bei Frauen auch noch nach dem 30. Lebensjahr); ICD 11 lässt - zurecht - Ausnahmen von der Altersgrenze zu).
  • Mehrere Symptome von Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität/Impulsivität bestehen in zwei oder mehr verschiedenen Lebensbereichen (z.B. zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit; mit Freunden oder Verwandten; bei anderen Aktivitäten)
  • Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren
  • Die Symptome können nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt werden (z.B. Schizophrenie oder psychotische Störung, affektive Störung, Angststörung, dissoziative Störung, Persönlichkeitsstörung, Substanzintoxikation oder -entzug)
    • Barkley weist darauf hin, dass diese Störungsbilder häufig komorbid zu ADHS auftreten.7

Notwendige spezielle Beobachtungen

  • Für Unaufmerksamkeit und für Hyperaktivität/Impulsivität müssen jeweils mindestens vorliegen:
    • für Kinder und Jugendliche (bis 16 Jahren): sechs von neun Symptomen
    • für Jugendliche (ab 17 Jahren) und Erwachsene: fünf von neun Symptomen .
      (siehe hierzu Anmerkungen; ICD 11 verzichtet auf eine feste Anzahl)
  • Die Symptome sind während der letzten 6 Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand nicht zu vereinbarenden Ausmaß aufgetreten
  • Die Symptome wirken sich direkt negativ auf soziale und schulische oder berufliche Aktivitäten aus
  • Die Symptome sind nicht ausschließlich ein Ausdruck von Trotz, Feindseligkeit oder Verständnisschwierigkeiten.

Stimmungsstabilität und emotionale Fehlregulierung werden von DSM 5 als assoziierte Merkmale betrachtet, die die Diagnose unterstützen.8

Anmerkungen:
Der aktualisierte europäische Konsens zur Behandlung und Diagnose von ADHS von 2018 weist darauf hin, dass inzwischen Studien vorliegen, wonach ein cut-off von 4 Symptomen bei Erwachsenen für eine korrekte ADHS-Diagnose richtiger wäre.8910

1.2. DSM IV (veraltet, betraf nur Kinder)

  • Mindestens 6 Symptome
    • aus dem Bereich Unaufmerksamkeit
      oder
    • dem Bereich Hyperaktivität/Impulsivität
      oder
    • aus beiden Bereichen zusammen.
  • Einige der Symptome vor dem 7. Lebensjahr.
  • Aufgrund der Symptomatik Beeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen.
  • Symptome nicht besser durch eine andere psychische Störung oder eine medizinische Erkrankung erklärbar.

Unaufmerksamkeit

  • Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler
  • Hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten
  • Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere sie/ihn ansprechen
  • Hält häufig Anweisungen anderer nicht durch und kann Arbeiten nicht zu Ende bringen
  • Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben zu organisieren
  • Hat eine Abneigung gegen Aufgaben, die länger dauernde geistige Anstrengung erfordern
  • Verliert häufig Gegenstände, der sie/er für Aktivitäten benötigt
  • Lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken
  • Ist bei Alltagsaktivitäten häufig vergesslich

Hyperaktivität

  • Zappelt häufig mit Händen oder Füßen und rutscht auf dem Stuhl herum
  • Steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf
  • Läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben)
  • Hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen
  • Ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie getrieben
  • Redet häufig übermäßig viel

Impulsivität

  • Platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
  • Kann nur schwer warten, bis sie/er an der Reihe ist.
  • Unterbricht und stört andere häufig (platzt z. B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

1.3. ADHS und Subtypen im DSM

  • DSM III-R unterschied nicht nach Subtypen.
  • DSM IV unterschied ADHS nach Subtypen.
  • DSM V (Mai 2013) hat die Unterteilung in Subtypen wieder aufgegeben, da diese unterschiedliche ADHS-Arten suggerieren. Es sind jedoch nur unterschiedliche Erscheinungsformen (Präsentationsformen).
  • ICD unterscheidet ebenfalls nicht nach Subtypen.

Nach diesseitiger Auffassung ist eine Unterscheidung nach Subtypen für die Diagnose und das Verständnis von ADHS essentiell; für die Behandlung sind die Unterschiede dagegen zumindest derzeit noch nicht durchgreifend. Wir betrachten die Subtypen mit Hyperaktivität/Impulsivität (ADHS-HI, ADHS-C) und Träumerle, überwiegend unaufmerksam (ADHS-I) als unterschiedliche Symptomatik ein und derselben zugrunde liegenden Störung, je nach der individueller Stressphänotypik (der Art, wie Stress sich manifestiert) der Betroffenen.
SCT, Sluggish Cognitive Tempo wird heute als eigenständiges Störungsbild begriffen, auch wenn dieses eine sehr hohe Überdeckung mit ADHS aufweist.
Da sich Aufmerksamkeitssymptome beim Menschen entwicklungsbedingt frühestens im Alter von 6 bis 7 Jahren und spätestens im Alter von 14 bis 15 Jahren feststellen lassen, ist ADHS-C (Hyperaktivität/Impulsivität + Aufmerksamkeitsprobleme) häufig lediglich die alters- und entwicklungsbedingte Folgestufe des ADHS-HI-Subtyps (reine Hyperaktivität).
Die Subtypen von ADHS: ADHS-HI, ADHS-I, SCT und andere

2. ICD-10

Unsere bisherige (bis 23.01.2026) Darstellung der Kriterien von ICD-10 war unrichtig.

Befremdlicherweise sind die Diagnosekriterien von “Hyperkinetischen Störungen”, wie ADHS in ICD-10 heißt, nicht frei zugänglich. In Anbetracht der Qualität der Diagnosedefinition nach ICD-10 ist dies allerdings auch kein großer Verlust. Das DSM-10 wurde 1992 veröffentlicht. Von 1952 bis 1991 finden sich bei PubMed insgesamt 2.940 wissenschaftliche Artikel zum Thema “ADHD”. 30 Jahre später, im Jahr vor dem in 2022 verabschiedeten ICD-11, waren es bereits 44.105 wissenschaftliche Artikel, mithin das 15-fache. Das ICD-10 basiert somit auf einem wissenschaftlich völlig veralteten Wissensstand und sollte von Diagnostikern inhaltlich allenfalls noch aus einem historischen Interesse betrachtet werden. Beispielsweise wird Impulsivität nicht als ADHS-Symptom im engeren Sinne betrachtet.
Dass europäische Krankenkassen Leistungen nur erstatten, wenn die Diagnose auf der Basis eines inzwischen vor mehr als drei Jahrzehnten erschienenen Diagnosemanuals erfolgte, und eine Diagnose weder nach DSM 5 noch nach ICD-11 zulassen, spricht seine eigene Sprache.
Die Forschung zu ADHS kommt allerdings immer mehr in Gang. In den 3 Jahren von 2022 bis 2025 verzeichnet PubMed bereits 13.443 neue wissenschaftliche Arbeiten zum Stichwort “ADHD”. Das sind jährlich mehr Artikel, als bis zur Verabschiedung von ICD-10 insgesamt erschienen waren.

ICD-10 kennt, anders als DSM 5, keine Mindestanzahl von Symptomen. Zwar stellt ICD-10 auf ein Auftreten der Symptomatik vor dem 6. Lebensjahr ab, macht dies jedoch nicht zu einem zwingenden “harten” Kriterium.
In der Praxis empfiehlt es sich, die sehr viel besseren und wissenschaftlich aktuellen Kriterien des ICD-11 zugrunde zu legen.

F90 Hyperkinetische Störungen

  • Erstes Auftreten in früher Entwicklung

    • normalerweise (= nicht zwingend) vor dem 6. Lebensjahr
  • Kombination aus Aufmerksamkeitsstörungen und Überaktivität

    • überaktives, schlecht moduliertes Verhalten
    • ausgeprägte Unaufmerksamkeit
    • mangelnde anhaltende Beteiligung an einer Aufgabe
  • Aufmerksamkeitsstörung:

    • Aufgaben werden vorzeitig abgebrochen
    • Tätigkeiten werden nicht zu Ende geführt
    • Kinder wechseln häufig von einer Aktivität zur anderen
    • Verlust des Interesses an einer Aufgabe aufgrund von Ablenkung durch andere Aufgabe (idR ohne ungewöhnliches Ausmaß sensorischer oder perzeptiver Ablenkbarkeit)
    • Defizite bei Ausdauer und Aufmerksamkeit sind für Alter und IQ des Kindes übermäßig
      • Hyperkinese bei Vorschulkindern nur bei extremen Werten anzunehmen
  • Überaktivität:

    • übermäßige Unruhe
      • insbesondere in Situationen, die relative Ruhe erfordern
      • Kind läuft / springt herum
      • Aufstehen vom Sitz, obwohl Kind eigentlich sitzen bleiben sollte
    • übermäßig redselig und laut
      oder
    • hampelt und zappelt
    • am deutlichsten in strukturierten, organisierten Situationen, die hohes Maß an Verhaltensselbstkontrolle erfordern
    • Aktivität exzessiv im Vergleich zu
      • erwartetem Verhalten in der Situation
      • anderen Kindern desselben Alters und IQ
  • Auftreten

    • idR in verschiedenen Situationen
      • (z.B. zu Hause, im Klassenzimmer, in der Klinik)
    • dauerhaft
    • bei Jungen um ein Vielfaches häufiger als bei Mädchen

Hauptmerkmale:

  • mangelnde Ausdauer bei Aktivitäten, die kognitive Beteiligung erfordern
  • Tendenz, von einer Aktivität zur nächsten zu wechseln, ohne eine abzuschließen
  • unorganisierte, schlecht regulierte und exzessiver Aktivität
  • Probleme dauerhaft
    • in der Regel während der Schulzeit
    • und sogar bis ins Erwachsenenalter
    • allmähliche Verbesserung der Aktivität und Aufmerksamkeit bei vielen Betroffenen

Mögliche verbundene Anomalien (für Diagnose weder ausreichend noch notwendig, stützt sie aber)

  • sind oft rücksichtslos
  • sind oft impulsiv
  • impulsive Missachtung sozialer Regeln
    • sich in Aktivitäten anderer einmischen oder sie unterbrechen
    • Fragen vorzeitig beantworten, bevor sie ganz gestellt sind
    • Schwierigkeiten, zu warten, bis sie an der Reihe sind
  • neigen zu Unfällen
  • Rücksichtslosigkeit in Situationen, die eine gewisse Gefahr bergen
  • disziplinarische Schwierigkeiten wegen Regelverstößen
    • aufgrund unüberlegten Handelns
    • nicht weil absichtlich trotzig
  • Beziehungen zu Erwachsenen
    • oft sozial enthemmt
    • normale Vorsicht und Zurückhaltung fehlen
  • Beziehungen zu anderen Kindern
    • Betroffene sind unbeliebt
    • können isoliert werden
  • häufig
    • kognitive Beeinträchtigungen
    • spezifische Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung
    • Leseschwierigkeiten und andere schulische Probleme

Sekundäre Komplikationen / häufige Komorbiditäten (kein Teil der Diagnose):

  • dissoziales Verhalten
  • geringes Selbstwertgefühl
  • beträchtliche Überschneidungen mit anderen störenden Verhaltensmustern wie „unsoziale Verhaltensstörung“
  • Lernstörungen, motorische Ungeschicklichkeit (F80 bis F89)

Diagnose bei Erwachsenen:

  • Aufmerksamkeit und Aktivität sind anhand entwicklungsangemessener Normen zu beurteilen
  • Bestand Hyperkinese in der Kindheit und ist nun verschwunden und von anderer Störung abgelöst (z. B. dissoziale Persönlichkeitsstörung oder Substanzmissbrauch), ist aktuelle Störung und nicht die frühere zu kodieren

Differentialdiagnostik:
Gemischte Störungen sind häufig

  • Vorhandene pervasive Entwicklungsstörungen haben Vorrang
  • Abgrenzung zur Verhaltensstörung (Conduct disorder, CD):
    • Ist beides gegeben, wird hyperkinetische Störung vor CD diagnostiziert als „hyperkinetische Verhaltensstörung“ (F90.1)
    • Leichte Überaktivität und Unaufmerksamkeit sind bei CD üblich.
  • Angstzustände oder depressiven Störungen können Überaktivität und Unaufmerksamkeit beinhalten, unterscheiden sich dort jedoch auf charakteristische Art
  • Spontanes Neuauftreten von hyperaktivem Verhalten bei Kind im Schulalter deutet auf reaktive Störung (psychogen oder organisch), manischen Zustand, Schizophrenie oder neurologische Erkrankung (z. B. rheumatisches Fieber) hin
  • Ausgeschlossen bei:
    • Angststörungen (F41.- oder F93.0)
    • Stimmungsstörungen [affektive] Störungen (F30 bis F39)
    • tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84.-)
    • Schizophrenie (F20.-)

F90.0 Störung der Aktivität und Aufmerksamkeit

Wenn die allgemeinen Kriterien für eine hyperkinetische Störung (F90.-) erfüllt sind, die für F91.- (Verhaltensstörungen) jedoch nicht.

  • Einschließlich:
    • Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder Syndrom mit Hyperaktivität
    • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
  • Ausgeschlossen:
    • Hyperkinetische Störung in Verbindung mit Verhaltensstörung (F90.1)

F90.1 Hyperkinetische Verhaltensstörung

Wenn sowohl die Gesamtkriterien für hyperkinetische Störungen (F90.-) als auch die Gesamtkriterien für Verhaltensstörungen (F91.-) erfüllt sind.

F90.8 Sonstige hyperkinetische Störungen

F90.9 Hyperkinetische Störung, nicht spezifiziert

Nur wenn Differenzierung zwischen F90.0 und F90.1 nicht möglich ist, aber die allgemeinen Kriterien für F90. erfüllt sind.

  • Eingeschlossen sind: Hyperkinetische Reaktion oder Syndrom des Kindes- oder Jugendalters NOS

3. ICD-11

ICD-11 wurde im Januar 2022 verabschiedet, liegt jedoch (Stand Januar 2026) bisher nicht in deutscher Übersetzung vor.4 Die Entwurfsfassung der ICD 11 in Bezug auf ADHS lehnt sich eng an DSM 5 an11, was wir begrüßen.

ICD 11 übernimmt fast alle Kriterien von DSM 5, insbesondere die Präsentationsformen des überwiegend hyperaktiven/impulsiven Typs, des überwiegend unaufmerksamen Typs und des Mischtyps, die Symptomstruktur und die Altersgrenze von 12 Jahren. ICD-11 weicht jedoch in zwei wichtigen Punkten von DSM 5 ab:

  • ICD 11 verzichtet auf eine feste Mindestanzahl an Symptomen (stattdessen: “Anhaltende Symptome mit funktioneller Beeinträchtigung.”
  • ICD 11 verzichtet auf eine feste Altersgrenze (stattdessen: “Typischer Beginn: frühe bis mittlere Kindheit“).

Beide Abweichungen sind aus unserer Sicht ausdrücklich zu begrüßen, da diagnostische Manuale nicht zu einer Checklisten-Psychiatrie führen sollten (siehe Zitat Frances Allen).

Dass ICD 11 in Deutschland erst ab 2027 angewendet wird, liegt an einer immer noch laufenden Qualitätssicherung der deutschen Übersetzung durch die Fachgesellschaften12 und an der verzögerten Implementierung durch die deutschen Krankenkassen. In Anbetracht der Tatsache, dass ICD im Entwurf bereits seit 2018 vorliegt, sind diese Verzögerungen aus unserer Sicht völlig inakzeptabel, da damit Menschen einer veralteten Diagnostik ausgesetzt sind.

Das ICD-11 Grundwerk selbst definiert ADHS nur sehr grob, wie auch bereits ICD-10.
Die genaueren diagnostischen Kriterien ergeben sich bei ICD-11 aus den Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 (CDDR):

  • Ein anhaltendes Muster (z.B. über mindestens 6 Monate) von Unaufmerksamkeitssymptomen und/oder einer Kombination aus Hyperaktivitäts- und Impulsivitätssymptomen
  • das außerhalb der für das Alter und den Grad der intellektuellen Entwicklung zu erwartenden normalen Schwankungsbreite liegt. Die Symptome variieren je nach chronologischem Alter und Schweregrad der Störung.

Unaufmerksamkeit:
Wesentliche Komponenten sind u.a. mehrere Symptome der Unaufmerksamkeit, die so anhaltend und schwerwiegend sind, dass sie sich direkt negativ auf die schulische, berufliche oder soziale Funktionsfähigkeit auswirken. Die Symptome stammen in der Regel aus den folgenden Gruppen:

  1. Gruppe
    • Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit auf Aufgaben zu richten, die keine hohe Stimulation oder Belohnung bieten oder eine anhaltende geistige Anstrengung erfordern
    • mangelnde Aufmerksamkeit für Details
    • Flüchtigkeitsfehler in der Schule oder bei Arbeitsaufgaben
    • Nichtbeendigung von Aufgaben
  2. Gruppe
    • leichte Ablenkbarkeit durch äußere Reize oder Gedanken, die nichts mit der aktuellen Aufgabe zu tun haben
    • oft den Eindruck erwecken, nicht zuzuhören, wenn man direkt angesprochen wird
    • häufiges Tagträumen oder mit den Gedanken woanders sein
  3. Gruppe
    • Dinge verlieren
    • Vergesslichkeit bei alltäglichen Aktivitäten
    • Schwierigkeiten, sich an anstehende tägliche Aufgaben oder Aktivitäten zu erinnern
    • Schwierigkeiten bei der Planung, Verwaltung und Organisation von Schularbeiten, Aufgaben und anderen Aktivitäten

Unaufmerksamkeit ist möglicherweise nicht offensichtlich, wenn die Person Aktivitäten nachgeht, die intensive Stimulation und häufige Belohnungen bieten.

Hyperaktivität/Impulsivität
Wesentliche Komponenten sind u.a. mehrere Symptome von Hyperaktivität/Impulsivität, die so anhaltend und schwerwiegend sind, dass sie sich direkt negativ auf die schulische, berufliche oder soziale Funktionsfähigkeit auswirken. Diese treten in der Regel am deutlichsten in strukturierten Situationen auf, die Selbstkontrolle im Verhalten erfordern.
Die Symptome stammen in der Regel aus den folgenden Gruppen:

  1. Gruppe
  • übermäßige motorische Aktivität
  • Verlassen des Sitzplatzes, wenn still sitzen erwartet wird
  • häufiges Herumlaufen
  • Schwierigkeiten, stillzusitzen, ohne zu zappeln (jüngere Kinder)
  • körperliche Unruhe und Unbehagen, wenn man still sein oder still sitzen muss (Jugendliche und Erwachsene)
  1. Gruppe
  • Schwierigkeiten, sich ruhig an Aktivitäten zu beteiligen
  • zu viel reden
  1. Gruppe
  • in der Schule Antworten oder am Arbeitsplatz Kommentare herausplatzen lassen
  • Schwierigkeiten haben, in Gesprächen, Spielen oder Aktivitäten zu warten, bis man an der Reihe ist
  • andere in Gesprächen oder Spielen unterbrechen oder sich einmischen
  1. Gruppe
  • dazu neigen, auf unmittelbare Reize ohne Überlegung oder Abwägung von Risiken und Konsequenzen zu reagieren, z.B.:
    • Verhaltensweisen mit Potenzial für körperliche Verletzungen
    • impulsive Entscheidungen
    • rücksichtsloses Fahren

Weitere Voraussetzungen:

  • Anzeichen für erhebliche Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität vor dem 12. Lebensjahr, obwohl manche Personen erst später in der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter klinisch auffallen, oft wenn die Anforderungen die Fähigkeit der Person, ihre Einschränkungen zu kompensieren, übersteigen.
  • Die Manifestationen von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität müssen in verschiedenen Situationen oder Umgebungen (z. B. zu Hause, in der Schule, bei der Arbeit, mit Freunden oder Verwandten) offensichtlich sein, können jedoch je nach Struktur und Anforderungen der Umgebung variieren.
  • Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären (z. B. eine Angst- oder Furchtstörung, eine neurokognitive Störung wie Delirium).
  • Die Symptome sind nicht auf die Auswirkungen einer Substanz (z. B. Kokain) oder eines Medikaments (z. B. Bronchodilatatoren, Schilddrüsenersatzmedikamente) auf das zentrale Nervensystem zurückzuführen, einschließlich Entzugserscheinungen, und sind nicht auf eine Erkrankung des Nervensystems zurückzuführen.

4. Wender-Utah-Kriterien für Erwachsene

Wender-Utah ist ein spezieller Symptomkatalog zu ADHS im Erwachsenenalter

Für eine Diagnose im Erwachsenenalter müssen die Symptome Aufmerksamkeitsstörung und motorische Hyperaktivität sowie zwei weitere der insgesamt 7 Symptomgruppen gegeben sein.13

Aufmerksamkeitsstörung

  • Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
  • Erhöhte Ablenkbarkeit
  • Vergesslichkeit

Motorische Hyperaktivität

  • Innere Unruhe
  • Unfähigkeit, sich zu entspannen
  • Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuführen
  • Dysphorie bei Inaktivität

Affektlabilität

  • Wechsel zwischen neutraler und niedergeschlagener
    Stimmung
  • Dauer von einigen Stunden bis maximal einigen Tagen

Desorganisiertes Verhalten

  • Unzureichende Planung und Organisation von Aktivitäten
  • Aufgaben werden nicht zu Ende gebracht

Affektkontrolle

  • Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
  • Verminderte Frustrationstoleranz und kurze Wutausbrüche

Impulsivität

  • Unterbrechen anderer im Gespräch
  • Ungeduld
  • Impulsiv ablaufende Einkäufe
  • Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu verzögern

Emotionale Überreagibilität

  • Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen, Reizüberflutung, Black-Outs

5. Erwachsenenkriterien nach Hallowell / Ratey

Die Autoren des Buches “Zwanghaft zerstreut”, Edward M. Hallowell und John Ratey, haben die nachfolgenden Merkmale zur Erkennung von ADHS bei Erwachsenen vorgeschlagen. Die Merkmale werden dort anhand von Beispielen plastisch erläutert.14

Grundvoraussetzung ist, dass die Symptome bereits seit der Kindheit auftreten und andere organische oder psychische Störungen nicht besser geeignet sind, die Symptome zu erklären.

  • Gefühl von Leistungsschwäche bzw. davon, die gesteckten Ziele nicht erreicht zu haben
  • Schwierigkeiten mit der Organisation des Alltags
  • Chronisches Aufschieben von Dingen,
    • Mühe, eine Sache anzufangen
  • Viele Projekte gleichzeitig verfolgen,
    • Schwierigkeiten, eine Sache durchzuziehen
  • Neigung, zu sagen, was einem in den Sinn kommt, ohne nötige Überlegung, ob Zeitpunkt oder Gegebenheiten hierfür passend sind
  • Häufige Jagd nach hochgradiger Stimulierung
  • Mangelnde Toleranz gegenüber Langeweile
  • Leichte Ablenkbarkeit,
    • Probleme, Aufmerksamkeit zu fokussieren,
    • Neigung, mitten auf einer Seite oder in einem Gespräch abzuschalten oder in Gedanken abzuschweifen
    • nicht selten verbunden mit Fähigkeit, auch zu hyperfokussieren
  • Probleme, sich an Verfahrensregeln oder Prozedere zu halten
  • Ungeduld, geringe Frustrationstoleranz
  • Impulsivität beim Reden wie beim Handeln
  • Neigung, sich unaufhörlich Sorgen zu machen, Suche nach Themen der Besorgnis, während zugleich wirkliche Gefahren missachtet oder übersehen werden
  • Unsicherheitsgefühl
  • Stimmungsschwankungen / Stimmungslabilität
  • Motorische oder innere Unruhe
  • Verringertes Selbstwertgefühl
  • Unzutreffende Selbstbeurteilung
  • Familiär gehäuftes Auftreten von ADHS

Häufig kreativ, intuitiv, intelligent (kein Symptom, aber oft typisch).

6. Grenzen von DSM und ICD

6.1. DSM und ICD benennen lediglich diagnostische Symptome, nicht alle Symptome

Häufig ist von einer Diagnose nach DSM IV, DSM 5 oder IDC-10 / ICD-11 die Rede.
Diese Bezeichnung führt ein Stück weit in die Irre. DSM und ICD sind mindestens ebensosehr Statistikkataloge wie Diagnosemanuale. Keinesfalls sind sie bindende oder allein gültige Diagnosemaßstäbe, auch wenn sie häufig als solche missverstanden werden.

DSM und ICD nennen ausschließlich diejenigen Symptome von ADHS, die besonders gut geeignet sind, um ADHS von anderen Störungsbildern und von Nichtbetroffenen zu unterscheiden.
Für die Behandlung und Therapie von ADHS ist es unerlässlich, die gesamten Symptome zu kennen, die ADHS verursachen kann.
Eine Liste mit über 40 ADHS-Symptomen findet sich unter Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen.

Wir erleben es leider immer wieder, dass Ärzte oder Therapeuten nicht einmal Prokrastination, das am häufigsten durch ADHS verursachte Symptom, als ein von ADHS verursachbares Symptom erkennen. Prokrastination kann richtigerweise auch durch andere Störungsbilder verursacht werden, so wie Aufmerksamkeitsproblem auch als Folge anderer Störungen auftreten können. Das entschuldigt indes nicht, zu negieren, dass ADHS Prokrastination verursachen kann.
Wenn Ärzte oder Therapeuten nicht alle Symptome kennen, die aus einer Störung (hier: ADHS) originär verursacht werden können, kann das dazu führen, dass ihnen solche Symptome ihrer Störung als von ihnen persönlich zu verantwortende Fehler vorgeworfen werden, anstatt mit ihnen daran zu arbeiten, das Symptom der Störung zu bekämpfen. In der Folge besteht die Gefahr, dass Betroffene aus einer (ADHS-)Therapie noch zerstörter herauskommen, als sie hineingingen - was wir bereits mehrfach beobachten mussten.
Das Gleiche gilt für viele weitere Symptome, wie Rejection Sensitivity (Kränkbarkeit; gibt sich bei vielen ADHS-Betroffenen unmittelbar mit Wirkungseintritt von Stimulanzien), emotionale Dysregulation, Ängstlichkeit, die ebenfalls originäre (gemeint ist: kann unmittelbar durch ADHS ausgelöst werden) Symptome von ADHS sein können.
Sehr häufig wird auch das originäre ADHS-Symptom der Dysphorie bei Inaktivität, das häufig zusammen mit den ADHS-Symptomen Anhedonie und Antriebslosigkeit auftritt, als Depression fehldiagnostiziert. Es gibt viele ADHS-Betroffene mit einer Leidensgeschichte jahrzehntelanger behandlungsresistenter Depressionen, die mit Beginn einer Behandlung mit Stimulanzien ihre Depression nahezu schlagartig verloren haben.

6.2. Statistik ändert keine Krankheiten

Die Änderungen von DSM I bis DSM 5 haben die statistische Erfassung von Krankheiten verändert, aber nicht deren Existenz. Krankheit ist nach unserem Verständnis eine subjektive Beeinträchtigung des Wohlbefindens von Menschen, die so stark ist, dass entweder der Betroffene für sich daran etwas ändern möchte, was eine Behandlung rechtfertigt, oder die Dritte so sehr in Mitleidenschaft zieht, dass eine Behandlung objektiv geboten erscheint.
Ob die Beeinträchtigung des Wohlbefindens im DSM oder ICD aufgeführt ist oder bei einer Krankenkasse eine Abrechnungsnummer hat, ist für das Krankheitsempfinden der Betroffenen oder die Beeinträchtigung der Umwelt herzlich irrelevant. Umgekehrt ist unserer Ansicht nach nicht entscheidend, ob Symptome, die ein Mensch hat, in DSM oder ICD aufgeführt sind, wenn weder der Betroffene noch Dritte damit ein Problem haben.

Krause & Krause (2014) zitieren den Vorsitzenden der Redaktion des DSM IV, den Psychiater Allen J- Frances, mit der überaus richtigen und wichtigen kritischen Feststellung: Das DSM muss einfach bleiben, aber die Psychiatrie muss es nicht. Die DSM-Diagnostik sollte nur einen kleinen Teil der Gesamtbeurteilung ausmachen”. Und weiter kritisiert Allen: Aus einer nuancierten Psychiatrie ist eine Checklisten-Psychiatrie geworden, die individuelle Unterschiede einebnet…“.15

6.3. DSM / ICD sind Hilfen, keine Bibeln

Die Diagnosekriterien von DSM und ICD sind wertvolle Hilfen bei der Feststellung, zu welcher Gruppe die Beeinträchtigung des Betroffenen gehört. Wer aber nur die DSM- oder ICD-Symptome abfragt und zum alleinigen Maßstab einer Behandlung macht, zeigt damit, dass er sich mit dem eigentlichen Problem nicht wirklich auskennt oder aber den Patienten nicht ernst nimmt.

Dass DSM und ICD nur Statistiktools und Diagnosemanuals sind und nicht als allein entscheidende Diagnosekriterien herangezogen werden können, ergibt sich, wie bereits erwähnt, daraus, dass die beiden Systeme schon viele Iterationen mit recht unterschiedlichen Kriterien hinter sich haben und sich zudem untereinander unterscheiden. Dabei hat sich nicht das ADHS an sich verändert, sondern lediglich die jeweiligen Verständniskonzepte von DSM und ICD. Zudem fehlen in DSM wie ICD nach wie vor wichtige Symptome, wie z.B. Dysphorie bei Inaktivität, die nach wie vor nur bei Wender/Utah genannt wird.
Ohnehin waren DSM IV und ICD 10 immer nur auf ADHS bei Kindern und Jugendlichen zugeschnitten.16
Die Symptome von Erwachsenen unterscheiden sich jedoch erheblich. ADHS bei Erwachsenen

Für die Betroffenen zählt allein die Beschwernis, die sie durch ihre Krankheit erleiden, egal ob diese von einem Kriterienkatalog erfasst wird oder nicht.


  1. Thomas Murray (2023): DSM HIstory

  2. Thomas Murray (2023): DSM History

  3. Koutsoklenis A, Honkasilta J (2023): ADHD in the DSM-5-TR: What has changed and what has not. Front Psychiatry. 2023 Jan 10;13:1064141. doi: 10.3389/fpsyt.2022.1064141. PMID: 36704731; PMCID: PMC9871920.

  4. BfArM: ICD 11

  5. Barkley (2023): Assessment of ADHD in Children and Teens. Youtube. 05:00 / 01:33:00

  6. Barkley (2023): Assessment of ADHD in Children and Teens. Youtube. 01:06:30 / 01:33:00

  7. Barkley (2023): Assessment of ADHD in Children and Teens. Youtube. 07:30 / 01:33:00

  8. Kooij, Bijlenga, Salerno, Jaeschke, Bitter, Balázs, Thome, Dom, Kasper, Filipe, Stes, Mohr, Leppämäki, Brugué, Bobes, Mccarthy, Richarte, Philipsen, Pehlivanidis, Niemela, Styr, Semerci, Bolea-Alamanac, Edvinsson, Baeyens, Wynchank, Sobanski, Philipsen, McNicholas, Caci, Mihailescu, Manor, Dobrescu, Krause, Fayyad, Ramos-Quiroga, Foeken, Rad, Adamou, Ohlmeier, Fitzgerald, Gill, Lensing, Mukaddes, Brudkiewicz, Gustafsson, Tania, Oswald, Carpentier, De Rossi, Delorme, Simoska, Pallanti, Young, Bejerot, Lehtonen, Kustow, Müller-Sedgwick, Hirvikoski, Pironti, Ginsberg, Félegeházy, Garcia-Portilla, Asherson (2018): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD, European Psychiatrie, European Psychiatry 56 (2019) 14–34, http://dx.doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.11.001, Seite 17

  9. Solanto, Wasserstein, Marks, Mitchell (2012): Diagnosis of ADHD in adults: what is the appropriate DSM-5 symptom threshold for hyperactivity-impulsivity? J Atten Disord. 2012 Nov;16(8):631-4. doi: 10.1177/1087054711416910.

  10. Kooij, Buitelaar, van den Oord, Furer, Rijnders, Hodiamont (2005): Internal and external validity of attention-deficit hyperactivity disorder in a population-based sample of adults. Psychol Med. 2005 Jun;35(6):817-27.

  11. Gomez R, Chen W, Houghton S (2023): Differences between DSM-5-TR and ICD-11 revisions of attention deficit/hyperactivity disorder: A commentary on implications and opportunities. World J Psychiatry. 2023 May 19;13(5):138-143. doi: 10.5498/wjp.v13.i5.138. PMID: 37303925; PMCID: PMC10251354. REVIEW

  12. Broich K, Callhoff J, Kaskel P, Kowalski C, Malzahn J, Mundlos C, Schöbel C (2024): Introduction of ICD-11 in Germany: Seizing opportunities together. Gesundheitswesen. 2024 Sep;86(S 04):S290-S298. English, German. doi: 10.1055/a-2342-4453. PMID: 38863176.

  13. Würdemann (2010): ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bei jungen Erwachsenen, Dissertation, Seite 26

  14. Hallowell, Ratey (1999): Zwanghaft zerstreut oder Die Unfähigkeit, aufmerksam zu sein, Seite 119 ff

  15. Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Seite 65

  16. Eigene Aussage von Barkley, der an DSM IV mitgewirkt hat