Immunreaktionen und Entzündungen als AD(H)S-Ursache ?

ADHS (mit Hyperaktivität) und ADS stellen gegensätzliche Pole von Subtypen dar, die sich (spätestens bei Erwachsenen) prägend durch entgegengesetzte Abweichungen der HPA-Achsen-Aktivität vom Normalzustand unterscheiden. ADHS geht häufig mit einer Hyporeaktivität der HPA-Achse auf akute Stressoren einher, die sich unter anderem in einer abgeflachten Cortisolstressantwort zeigt, während ADS sehr häufig eine Hyperreaktivität der HPA-Achse (Stressachse) und der endokrinen Stressantwort aufweist.
Die Stresssysteme und insbesondere Cortisol als eines der Hormone der 3. Stufe der HPA-Achse haben entscheidende Auswirkung auf das Immunsystem. Während die ersten Stufen der HPA-Achse mittels CRH und ACTH die intrazelluläre Entzündungsbekämpfung durch proinflammatorische Zytokine fördern (Abwehr von Viren und internen Störfaktoren), bewirkt Cortisol eine Hemmung der Entzündungsbekämpfung und verstärkt stattdessen antiinflammatorische Zytokine, die das Immunsystem auf die Bekämpfung von extrazellulären Fremdkörpern umstellen (Bakterien, Fremdkörper). Diese Cortisolwirkung wird TH1-/TH2-Shift genannt. Wachstumhormon bewirkt dagegen einen TH2-/TH1-Shift.

1. Neuroinflammation bei AD(H)S

Es bestehen einige Hinweise auf eine Rolle der Neuroinflammation bei der AD(H)S-Pathophysiologie:(1)(2)(3)(4)

  • Es besteht eine häufige Komorbidität von AD/H)S mit Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen
    • Nicht betroffene Zwillinge von AD(H)S-Betroffenen haben ein um 19 % erhöhtes Risiko von Entzündungskrankheiten(5)
  • Erste Studien zeigen eine Assoziation von AD(H)S mit erhöhten Zytokinwerten in Serum und Gehirnflüssigkeit.
  • Studien zeigen Assoziationen zwischen Polymorphismen in Genen, die mit Entzündungspfaden assoziiert sind, und AD(H)S
  • Früher Stress erhöht das AD(H)S-Risiko mittels Entzündungsmechanismen.
  • Umgekehrt bewirkt eine pränatale Exposition mit Entzündungen Veränderungen in der Gehirnentwicklung, z.B. eine Volumenverringerungen im Kortex, wie sie auch bei AD(H)S auftreten sowie Veränderungen der bei AD(H)S involvierten Neurotransmittersysteme
  • In Tiermodellen der mütterlichen Immunaktivierung zeigen das Verhalten und die neuronalen Ergebnisse Übereinstimmungen mit AD(H)S
  • Verschiedene Untersuchungen zeigen erhöhte Zytokinwerte bei unbehandeltem AD(H)S, die sich bei behandeltem AD(H)S verringern.

Die Hypothese, AD(H)S sei eine (nicht)allergische Hochsensibilitätsreaktion(6) erkennt richtig, dass bei AD(H)S überdurchschnittlich häufig Entzündungen und oder Allergien auftreten und dass Hochsensibilität ein zentraler Faktor von AD(H)S ist. Unserer Auffassung nach ist die erhöhte Entzündungs- und Allergieneigung jedoch die Folge der bei ADHS häufig abgeflachten und bei ADS regelmässig erhöhten endokrinen Stressantwort, die aufgrund der entsprechend niedrigen bzw. hohen Cortisolspiegel zu einer Schieflage des Immunsystems in Form eines TH1-Übergewichts bei ADHS und eines TH2-Übergewichts bei ADS führt. Das erhöhte Auftreten von Entzündungen und Allergien betrachten wir mithin nicht als kausal, sondern als Reaktion des Immunsystems auf die endokrine Schieflage.

2. Untersuchungen zum Immunsystem und Zytokinen bei AD(H)S

2.1. Entzündungsmarker bei Menschen mit AD(H)S

Es gibt leider nur sehr wenige Untersuchungen, die Zytokine bei AD(H)S behandelt haben.(4)
Eine Untersuchung verglich Kinder mit Schizophrenie, Zwangsstörungen und AD(H)S auf IL-2, IFN-gamma, TNF-betaLT, IL-4, IL-5, IL-10 und TNF-alpha in der Hirnflüssigkeit.
Zwangsstörung korrelierte hoch mit TH-1-Zytokinen. IL-4 war selten vertreten, IL-10 gar nicht.
Schizophrenie korrelierte hoch mit TH-2- Zytokinen. IL-10 und IFN-Gamma waren selten.
AD(H)S hatte kein eindeutiges TH1 oder TH2-Bild.(7) Bei den Kindern mit AD(H)S fand sich(4)

  • bei 90%: IL-2 feststellbar
  • bei 70% TNF-β feststellbar
  • bei 62% IL-5 feststellbar
  • bei 60% IFN-γ feststellbar
  • bei 7% IL-10 feststellbar

Leider war uns der Artikel von Mittleman et al bislang nicht im Volltext zugänglich, weshalb wir nicht wissen, wie sich die AD(H)S-Probandengruppe zusammensetzte. Dass AD(H)S nicht eindeutig einem Lager zugeordnet werden kann verwundert unserer Ansicht nach jedoch nicht, wenn man bedenkt, dass ADHS von Hypocortisolismus und ADS von Hypercortisolismus geprägt ist, und Cortisol den TH-1/TH-2-Shift veranlasst, weshalb ADHS TH1-lastig und ADS TH2-lastig sein dürfte. Allerdings fanden auch andere Untersuchungen, die nach Subtypen differenzierten, bislang ebenfalls keine eindeutigen Korrelationen. Diese verwendeten allerdings Blutserum, was in Bezug auf die neuropsychologischen Effekte von Zytokinen möglicherweise irreführend ist.

Im Blutserum fand eine Studie erhöhte IL-6 und TNF-alpha Werte bei fettleibigen Kindern mit ADHS und hohen Hyperaktivitäts-/Impulsivitäts-Werten.(8)

Eine Studie fand BDNF im Blutserum bei Jungen mit AD(H)S erhöht (was mit einem schlechteren IQ-Testergebnis korrelierte) und bei Mädchen verringert (was mit mehr Auslassungsfehlern im Conners‘ Continuous Performance Test korrelierte). Contactin-1- (CNTN1)-Serumwerte waren bei AD(H)S unverändert.(9)

Eine Studie fand (anders als für Epilepsoie und Autismusspektrumsstörungen) kein erhöhtes Risiko für AD(H)S durch Gehirninfektionen, vornehmlich mit(10)

  • Enteroviren
  • Streptokokken Gruppe-B
  • Streptococcus pneumoniae
  • Herpes simplex

2.2. Entzündungsmarker im Tiermodell von AD(H)S

Im Tiermodell von ADHS (mit Hyperaktivität), der spontaneous hypertensive rat (SHR) fanden sich bei männlichen erwachsenen Tieren in den Gehirnregionen (nicht im peripheren Blut):(11)

  • erhöhte Werte reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) in Kortex, Striatum und Hippocampus
  • verringerte Glutathionperoxidase-Aktivität im PFC und Hippocampus
  • verringerte TNF-α-Spiegel im PFC, dem übrigen Kortex, Hippocampus und Striatum
  • verringerte IL-1β-Werte im Kortex
  • verringerte IL-10 Werte im Kortex

Ratten, die mit Taurin behandelt wurden, zeigten verringerte Serumwerte von C-reaktivem Protein (CRP) und IL-1β.(12) Während niedrige Taurin-Gaben die motorische Aktivität erhöhten, wurde diese durch hohe Tauringaben verringert.

Früher pränataler Stress (EPS) erhöht den Gehalt an Immunantwortgenen, einschließlich der pro-inflammatorischen Zytokine IL-6 und IL-1β, insbesondere in männlichen Plazentas. Männliche Kinder zeigen stressbedingte Bewegungshyperaktivität, ein Markenzeichen der dopaminergen Dysregulation, die durch eine Behandlung der Mutter mit nichtsterioidalen Entzündungshemmern verbessert wurde. Passend zu diesen Ergebnissen und unterstützend zur Beteiligung des Dopaminwegs wurde die Expression von Dopamin D1- und D2-Rezeptoren durch EPS beimännlichen Nachkommen verändert.(13)

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 15:02 Uhr