Liebe Leserinnen und Leser von ADxS.org, bitte verzeihen Sie die Störung.

ADxS.org benötigt in 2022 rund 12.500 €. In 2022 erhielten wir bis zum 31.10. Spenden Dritter von 11.166 €. Leider spenden 99,7 % unserer Leser nicht. Wenn alle, die diese Bitte lesen, einen kleinen Beitrag leisten, wäre unsere Spendenkampagne für das Jahr 2022 nach einigen Tagen vorbei. Dieser Spendenaufruf wird 4.000 Mal in der Woche angezeigt, jedoch nur 19 Menschen spenden. Wenn Sie ADxS.org nützlich finden, nehmen Sie sich bitte eine Minute Zeit und unterstützen Sie ADxS.org mit Ihrer Spende. Vielen Dank!

Seit dem 01.06.2021 wird ADxS.org durch den gemeinnützigen ADxS e.V. getragen. Spenden an den ADxS e.V. sind steuerlich absetzbar (bis 100 € genügt der Überweisungsträger als Spendenquittung).

11166€ von 12500€ - Stand 14.11.2022
89%
Header Image
15. Reaktionszeitveränderungen bei AD(H)S

Inhaltsverzeichnis

15. Reaktionszeitveränderungen bei AD(H)S

In einer Studie konnten die Reaktionszeit auf ein Stop-Signal, der Prozentsatz der fehlgeschlagenen Antwort-Hemmungen und die Standardabweichung der Reaktionszeit bis zum “Go”-Versuch (SDRT) AD(H)S-Betroffene und Nichtbetroffene erfolgreich unterscheiden. Die Ex-Gauß-Zerlegung der Reaktionszeit-Verteilung zeigte, dass sowohl ein größeres Tau als auch ein größeres Sigma die Ergebnisse für die SDRT beeinflussten. Die traditionellen Maße der hemmenden Kontrolle waren indes gleichwertige, wenn nicht sogar bessere Prädiktoren für den AD(H)S-Status als die ex-Gaußschen Parameter.1

15.1. Reaktionszeitvarianz bei AD(H)S erhöht

AD(H)S ist gekennzeichnet von einer erhöhten Varianz der Reaktionszeit in Reaktionstests.23456 Die erhöhte Reaktionszeitvariabilität soll insbesondere mit Problemen anhaltender Aufmerksamkeit korrelieren,789 was jedoch umstritten ist.510 Eine langsamere Reaktionszeit und eine größere Standardabweichung der Reaktionszeit scheint auch die Folge einer geringeren parieto-okzipitalen multivariaten Dekodiergenauigkeit zu sein, die etwa 240-340 ms nach Beginn der visuellen Suche auftrat.11
Offenbar ist die Reaktionszeitvarianz bei der Gruppe von AD(H)S-Betroffenen, die besonders viele commisson errors (falsch-positive Fehler) machen, besonders hoch.12 Erhöhte Cortisolantworten auf einen Stressor korrelierten mit einer erhöhte Varianz in der Antwortzeit.13 Erhöhte Cortisolstressantworten sind beim ADHS-I-Subtyp sehr häufig und für den ADHS-HI-Subtyp untypisch.
Weiter wurde von einer späteren und verringerten Verlangsamung der Reaktionszeiten nach Fehlern als bei Nichtbetroffenen berichtet.614
Erhöhte individuelle Reaktionsvarianz ist ein Zeichen von erhöhtem neuralem Rauschen. MPH verbessert dies.15 Neurales Rauschen wird durch arhythmische Signale im Cortex repräsentiert, die als “1/f-Rauschen” im EEG messbar sind. Dopaminmangel verschlechtert den Signal-Rauschabstand. AD(H)S ist von verringerten Dopaminspiegeln im PFC und Striatum gekennzeichnet. Stimulanzien wie z.B. MPH heben den Dopaminspiegel dort an. Ein bis zum optimalen Maß steigender Dopaminspiegel verbessert den Signal-Rauschabstand.
Erhöhte Reaktionszeit und erhöhte Reaktionszeitvariabilität scheinen mit einer hohen Verfügbarkeit von Dopaminrezeptoren („leere Rezeptoren“) zu korrelieren, was mit einem verringerten tonischen Dopaminspiegel einhergeht.16

Das Symptom der erhöhten Reaktionszeitvarianz unterscheidet AD(H)S zudem signifikant gegenüber anderen psychischen Störungen wie

  • Angst
  • Distress disorders (körperliche Stressstörungen, PTBS)
  • Oppositionelles Trotzverhalten (ODD)
  • Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD)
  • typische Entwicklungsstörungen

Wir testen derzeit einen Reaktionstest, um zu erforschen, ob die Reaktionszeitvariabilität zur AD(H)S-Diagnostik verwendet werden kann. Hier startet der ADxS.org – AD(H)S-Reaktionstest.

15.2. Reaktionszeitverkürzung bei AD(H)S?

Mehrere Untersuchungen und Berichte deuten auf eine kürzere Reaktionszeit bei AD(H)S hin.171819 96 Nach Barkley sei insbesondere bei SCT (Sluggish Cognitive Tempo) die Reaktionszeit durchgehend verringert.
Nach einer anderen Untersuchung unterscheiden sich die Reaktionszeiten von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen nicht, jedoch sehr wohl die Sorgfaltsleistung.
Eine weitere Untersuchung von AD(H)S-Betroffenen wurde festgestellt, dass Träger des DRD4-7R-Gen-Polymorphismus, der einer der Hauptkandidaten für erhöhte Sensibilität und AD(H)S ist, entgegen aller Erwartung keine schlechteren Reaktionszeiten als Nichtbetroffene hatten, wohl aber Träger anderer DRD4-Polymorphismen. Andere berichten von einer abweichenden audiovisuellen multisensorischen Verarbeitung.18
Eine Untersuchung fand eine Korrelation von verlängerten Reaktionszeiten mit ADHS-I.20


  1. Galloway-Long, Huang-Pollock, Neely (2021): Ahead of the (ROC) Curve: A Statistical Approach to Utilizing Ex-Gaussian Parameters of Reaction Time in Diagnosing ADHD Across Three Developmental Periods. J Int Neuropsychol Soc. 2021 Sep 7:1-14. doi: 10.1017/S1355617721000990. PMID: 34488917. n = 550

  2. Salum, Sato, Manfro, Pan, Gadelha, do Rosário, Polanczyk, Castellanos, Sonuga-Barke, Rohde (2019): Reaction time variability and attention-deficit/hyperactivity disorder: is increased reaction time variability specific to attention-deficit/hyperactivity disorder? Testing predictions from the default-mode interference hypothesis. Atten Defic Hyperact Disord. 2019 Mar;11(1):47-58. doi: 10.1007/s12402-018-0257-x.

  3. Machida, Johnson (2019): Integration and segregation of the brain relate to stability of performance in children and adolescents with varied levels of inattention and impulsivity. Brain Connect. 2019 Aug 23. doi: 10.1089/brain.2019.0671.

  4. Gilbert, Huddleston, Wu, Pedapati, Horn, Hirabayashi, Crocetti, Wassermann, Mostofsky (2019): Motor cortex inhibition and modulation in children with ADHD. Neurology. 2019 Aug 6;93(6):e599-e610. doi: 10.1212/WNL.0000000000007899.

  5. Epstein, Erkanli, Conners, Klaric, Costello, Angold (2003): Relations between Continuous Performance Test performance measures and ADHD behaviors. J Abnorm Child Psychol. 2003 Oct;31(5):543-54.

  6. Liu, Hanna, Hanna, Rough, Arnold, Gehring (2020): Behavioral and Electrophysiological Correlates of Performance Monitoring and Development in Children and Adolescents with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Brain Sci. 2020 Feb 2;10(2):E79. doi: 10.3390/brainsci10020079. PMID: 32024242.

  7. Paucke, Stibbe, Huang, Strauss(2019): Differentiation of ADHD and Depression Based on Cognitive Performance. J Atten Disord. 2019 Aug 13:1087054719865780. doi: 10.1177/1087054719865780.

  8. Saito, Kaga, Nakagawa, Okubo, Kohashi, Omori, Fukuda, Inagaki (2019): Association of inattention with slow-spindle density in sleep EEG of children with attention deficit-hyperactivity disorder. Brain Dev. 2019 Oct;41(9):751-759. doi: 10.1016/j.braindev.2019.05.004.

  9. Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 19:40

  10. Machida, Murias, Johnson (2019): Electrophysiological Correlates of Response Time Variability During a Sustained Attention Task. Front Hum Neurosci. 2019 Oct 15;13:363. doi: 10.3389/fnhum.2019.00363. eCollection 2019.

  11. Li D, Luo X, Guo J, Kong Y, Hu Y, Chen Y, Zhu Y, Wang Y, Sun L, Song Y (2022): Information-based multivariate decoding reveals imprecise neural encoding in children with attention deficit hyperactivity disorder during visual selective attention. Hum Brain Mapp. 2022 Oct 17. doi: 10.1002/hbm.26115. PMID: 36250701.

  12. Johnson, Kelly, Bellgrove, Barry, Cox, Gill, Robertson (2019): Response variability in attention deficit hyperactivity disorder: evidence for neuropsychological heterogeneity. Neuropsychologia. 2007 Mar 2;45(4):630-8.

  13. Lee, Shin, Stein (2010): Increased cortisol after stress is associated with variability in response time in ADHD children. Yonsei Med J 51:206–211

  14. Keute, Stenner, Mueller, Zaehle, Krauel (2019): Error-Related Dynamics of Reaction Time and Frontal Midline Theta Activity in Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) During a Subliminal Motor Priming Task. Front Hum Neurosci. 2019 Oct 29;13:381. doi: 10.3389/fnhum.2019.00381. eCollection 2019.

  15. Pertermann, Bluschke, Roessner, Beste (2019): The Modulation of Neural Noise Underlies the Effectiveness of Methylphenidate Treatment in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Biol Psychiatry Cogn Neurosci Neuroimaging. 2019 Aug;4(8):743-750. doi: 10.1016/j.bpsc.2019.03.011.

  16. Lou, Rosa, Pryds, Karrebaek, Lunding, Cumming, Gjedde (2004): ADHD: increased dopamine receptor availability linked to attention deficit and low neonatal cerebral blood flow. Dev Med Child Neurol. 2004 Mar;46(3):179-83. doi: 10.1017/s0012162204000313. PMID: 14995087. n = 6

  17. Roshani, Piri, Malek, Michel, Vafaee (2019): Comparison of cognitive flexibility, appropriate risk-taking and reaction time in individuals with and without adult ADHD. Psychiatry Res. 2019 Jul 25:112494. doi: 10.1016/j.psychres.2019.112494.

  18. McCracken, Murphy, Burkitt, Glazebrook, Yielder (2020): Audiovisual Multisensory Processing in Young Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Multisens Res. 2020 Jan 2:1-25. doi: 10.1163/22134808-20191472. n = 22

  19. Havenstein (2014): Arbeitsgedächtnisleistung und emotionale Interferenzkontrolle bei Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperativitätsstörung (ADHS); Dissertation, Seite 43, n = 80

  20. Ünsel-Bolat, Ercan, Bolat, Süren, Bacanlı, Yazıcı, Rohde (2019): Comparisons between sluggish cognitive tempo and ADHD-restrictive inattentive presentation phenotypes in a clinical ADHD sample. Atten Defic Hyperact Disord. 2019 Mar 25. doi: 10.1007/s12402-019-00301-y. n = 155