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12. Soziale Probleme bei AD(H)S

Inhaltsverzeichnis

12. Soziale Probleme bei AD(H)S

12.1. Impulsive Missachtung sozialer Regeln bei AD(H)S

AD(H)S-Betroffene mischen sich häufiger sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein. Dies korreliert mit Impulsivität und tritt daher häufiger bei ADHS-HI und ADHS-C auf.
Impulsive Missachtung von sozialen Normen und Regeln führt zu sozialer Ablehnung.

12.2. Sozialer Rückzug / soziale Phobie bei AD(H)S

12.2.1. Sozialer Rückzug als AD(H)S-Symptom

Sozialer Rückzug ist eine Einschränkung bei sozialen Kontakten, weil entweder keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (⇒ Rejection Sensitivity) oder das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)12

Ein sozialer Rückzug von AD(H)S-Betroffenen, der bis hin zu einer Sozialphobie vor Menschen gehen kann, korreliert offenbar nur bei Mädchen mit einem erhöhten Außenseiterdasein3 und hat mehrere Mechanismen als Ursache.

Erwachsene AD(H)S-Betroffene zeigten in einer Untersuchung zur Fähigkeit der sozialen Problemlösung gleich gute Leistungen in Bezug auf die Theory of Mind, die Erarbeitung der “besten” Lösung für problematische soziale Situationen und die Auswahl der optimalen Lösung aus verschiedenen Alternativen. Die allgemeine Fähigkeit, Problemlösungen flüssig und frei zu generieren, war nicht an die Exekutivfunktionen oder an den Trait der Empathie gebunden. Sie wurde lediglich durch Angst vor sozialer Interaktion beeinträchtigt.4
Angst vor sozialen Kontakten (Sozialphobie) hemmt die sozialen Fähigkeiten maßgeblich.
Eine andere Studie fand bei Erwachsenen mit AD(H)S dagegen herabgesetzte Fähigkeiten der Erkennung von Emotionen anderer (Probleme der Theory of Mind), die mit Exekutivproblemen korrelierten.5

Darüber hinaus führen die ablehnenden Reaktionen der Umwelt auf die eigenen Symptome zu einer negativen Bewertung von sozialen Kontakten.
Das Symptom der Sozialphobie tritt nach den Ergebnissen unseres Symptomtests zwar ungefähr gleich häufig bei 73 % der ADHS-HI-Betroffenen (mit Hyperaktivität) und 70 % der ADHS-I-Betroffenen auf, ist in seiner Ausprägungsstärke jedoch bei ADHS-HI-Betroffenen mit 0,63 deutlich schwächer als bei ADHS-I-Betroffenen mit 0,73 (auf einer Skala von 0 bis 1). Lediglich 15 % der Nichtbetroffenen erreichten die Schwelle des Symptoms. ADHS-I-Betroffene erreichten zudem zu 98 % den Cutoff des Symptoms Angst (mit einer Schwere von 0,89), gegenüber 93 % der ADHS-HI-Betroffenen mit einer Schwere von 0,84.

Daneben dürfte der zu weit offene Reizfilter mit der hieraus resultierenden erhöhte Sensibilität die Grenzen der ertragbaren Reize so weit reduzieren, dass ein Rückzug von den als anstrengend empfundenen Einflüssen Dritter einen plausiblen Abwehrmechanismus darstellt. Viele erhöht sensible Menschen berichten, dass sie auf Partys nach einer gewissen Zeit fliehen oder sich in ruhigere Räume zurückziehen (Küche, Balkon, WC).

Neurophysiologisch ist die Aktivierung von Oxytocin-Rezeptoren im ventralen Tegmentum für ein belohnungsgesteuertes Interesse an sozialen Kontakten essenziell.6

Interessanterweise scheint soziale Kompetenz bei Mädchen und Frauen mit AD(H)S höher zu sein als bei Jungen und Männern. Bei Autismusspektrumsstörungen war dieser Zusammenhang umgekehrt und altersabhängig.7

12.2.2. Sozialer Rückzug als Stresssymptom

Sozialer Rückzug ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.89 Eine Einschränkung der sozialen Kontakte bei Stress wird darauf zurückgeführt, dass:12

  • keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, Rejection Sensitivity)
  • das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)

Ein erhöhtes Rückzugsverhalten ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.1011
Eine zunehmende Einschränkung sozialer Kontakte ist ein typisches Symptome für einen Burnout.12

12.3. Einsamkeit als AD(H)S-Symptom

Einsamkeit ist häufig eine Folge des sozialen Rückzugs und geht bei AD(H)S eher mit erhöhten introvertierten Symptomen einher.13 Einsamkeit dürfte damit eher bei ADHS-I als bei ADHS-HI auftreten.


  1. Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl., S. 44 – 58

  2. Eckerle (2010): Neurobiologische Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Hochbegabung und psychischen Störungen (z.B. ADS) in der Adoleszenz.

  3. Becker, Kneeskern, Tamm (2019): Social anxiety is associated with poorer peer functioning for girls but not boys with ADHD. Psychiatry Res. 2019 Aug 17;281:112524. doi: 10.1016/j.psychres.2019.112524.

  4. Thoma, Sonnenburg, Marcinkowski, Juckel, Edel, Suchan (2019): Social problem solving in adult patients with attention deficit hyperactivity disorder. Psychiatry Res. 2019 Dec 6:112721. doi: 10.1016/j.psychres.2019.112721.

  5. Tatar, Cansız (2020): Executive function deficits contribute to poor theory of mind abilities in adults with ADHD. Appl Neuropsychol Adult. 2020 Mar 18:1-8. doi: 10.1080/23279095.2020.1736074. PMID: 32186409. n = 80

  6. Song, Borland, Larkin, O’Malley, Albers (2016): Activation of oxytocin receptors, but not arginine-vasopressin V1a receptors, in the ventral tegmental area of male Syrian hamsters is essential for the reward-like properties of social interactions; Psychoneuroendocrinology. 2016 Sep 9;74:164-172. doi: 10.1016/j.psyneuen.2016.09.001

  7. Mahendiran, Dupuis, Crosbie, Georgiades, Kelley, Liu, Nicolson, Schachar, Anagnostou, Brian (2019): Sex Differences in Social Adaptive Function in Autism Spectrum Disorder and Attention-Deficit Hyperactivity Disorder. Front Psychiatry. 2019 Sep 12;10:607. doi: 10.3389/fpsyt.2019.00607. eCollection 2019.

  8. Hebold (2004): Stress und Stressverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen, in: Schluchter, Tönjes, Elkins (Hrsg.) (2004): Menschenskinder! Zur Lage von Kindern in unserer Gesellschaft. Band zur Vortragsreihe des Humanökologischen Zentrums der BTU Cottbus, Seite 86

  9. Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID).

  10. Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Mensch im Stress; Psyche, Körper Moleküle, Seite 96, Seite 151

  11. Egle, Joraschky, Lampe, Seiffge-Krenke, Cierpka (2016): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung – Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen; 4. Aufl., S. 45

  12. Faust: Erschöpfungsdepression; Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln; PSYCHIATRIE HEUTE; Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit

  13. Smit, Mikami, Normand (2020): Correlates of Loneliness in Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Comorbidities and Peer Problems. Child Psychiatry Hum Dev. 2020 Jan 24;10.1007/s10578-020-00959-w. doi: 10.1007/s10578-020-00959-w. PMID: 31981083.