22. Chronische Schmerzen / Muskelspannung bei ADHS
Autor: Ulrich Brennecke
Review (März 2024): Dipl.-Psych. Waldemar Zdero
Komplett überarbeitet: Dezember 2024
Monoamine, und hier insbesondere Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, sind maßgeblich an der Schmerzregulation beteiligt.1
1. Chronische Schmerzen und ADHS
ADHS-Betroffene zeigen häufig eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Hohe ADHS-Scores korrelierten mit erhöhten Schmerzen.2345 Kinder mit ADHS ein um 45 % erhöhtes Risiko für wöchentliche Schmerzen. Hyperaktivität/Impulsivität hatte ein um 133 % erhöhtes Risiko für häufige Schmerzen, Unaufmerksamkeit ein um 17 % erhöhtes Risiko. Mehrfachschmerzen traten bei Mädchen mit Hyperaktivität häufiger auf als bei Jungen mit Hyperaktivität (51,4 % gegenüber 27,9 %). 25 % der Mädchen mit ADHS-C und 20 % der Jungen mit ADHS-C hatten wöchentliche Kopfschmerzen und/oder Bauchschmerzen, verglichen mit 11 bis 13 % der Kinder ohne diese Symptome (+ 127 % bis + 53 %).6
An chronischen Schmerzen leiden
- Kinder und Jugendliche mit ADHS
- zwischen 66,9 % und 29,1 % (Metastudie, k = 11)7
- häufig muskuloskelettal oder multisegmental
- mindestens wöchentlicher Schmerz über mehr als 3 Monate
- Stimulanzienbehandlung verringerte die Rate chronischer Schmerzen
- zu 20,8 % (Metastudie, k = 19, n = 1.043.878)8
- Die Prävalenzraten chronischer Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen einer Metastudie variierten erheblich:10
- Kopfschmerzen: 8 % bis 83 %
- Bauchschmerzen: 4 % bis 53 %
- Rückenschmerzen: 14 % bis 24 %
- Skelettmuskel-Schmerzen: 4 % bis 40 %
- multiple Schmerzen: 4 % bis 49 %
- sonstige Schmerzen: 5 % bis 88 %.
- zu 20 %11
- zwischen 66,9 % und 29,1 % (Metastudie, k = 11)7
- Jugendliche und junge Erwachsene
- 66,5 % (9-jährige Längsschnittstudie, n = 263 mit ADHS, n = 8.200 Kontrollen) vs. 44,5 % bei den Kontrollen12
Ähnliche Symptome sind eine erhöhte Stressempfindlichkeit und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Strafen. Siehe hierzu unter Emotionale Dysregulation.
Mädchen haben häufiger chronische Schmerzen als Jungen, außer bei Rückenschmerzen und Skelettmuskelschmerzen (Metastudie, k = 19, n = 1.043.878).8
Von 100 Frauen mit ADHS oder ASS berichteten 76 % von chronischen Schmerzen.13 Bei ADHS war Chronic Widespread Pain (CWP), das Hauptsymptom von Fibromyalgie, mit 39 % fast doppelt so häufig wie bei ASS.
Die meistgenannten schmerzenden Körperregionen waren
- unterer Rücken (47 %)
- Nacken (37 %)
- Schulter (35 %)
- Kopf (32 %, bezogen auf ADHS)
- Magen (30 %)
- Arme / Hände (30 %)
- oberer Rücken (27 %)
- Knie (27 %)
- Hüfte / Schenkel (18 %)
- Waden / Füße (16 %)
- Brust (4 %)
ADHS korreliert mit erhöhtem Auftreten von14
- Fibromyalgie15
- chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich16
- idiopathischen orofazialen Schmerzen 17
- chronischen Bauchschmerzen13
- Burning-Mouth-Syndrom
- 92,2 % der Betroffenen von Burning-Mouth-Syndrom zeigten ADHS18
Möglicherweise sind chronische Schmerzen eher kausal für ADHS als ADHS für chronische Schmerzen. Es bestehen starke genetische Überschneidungen zwischen chronischen Schmerzen und ADHS.19
Schmerzen gehen mit einer verringerten tonischen Dopaminfeuerung einher, die eine erhöhte phasische Dopaminfeuerung im Nucleus accumbens bewirkt.20 Dies deckt sich mit dem von Grace entwickelten Modell einer verringerten tonischen und erhöhten phasischen Dopaminfeuerung bei ADHS. Siehe hierzu Tonisches und phasisches Dopamin in Erklärungsmodellen für ADHS im Abschnitt Dopamin im Kapitel Neurologische Aspekte.
Menschen mit chronischen Schmerzen zeigen eine verringerte Reaktionsfähigkeit innerhalb des mesolimbischen Dopaminsystems auf bedeutsame Reize, eine geringere D2-Rezeptorbindung, eine geringere präsynaptische Dopaminaktivität im Striatum in Ruhe und nach einem akuten Schmerzreiz.21 Bei Tieren führen chronische Schmerzen zu einer verminderten c-Fos-Aktivierung im VTA, zu einem verringerten Gesamtdopaminspiegel und zu einer Verringerung der D2-Rezeptoren im Striatum.21
Umgekehrt bewirkte eine Verringerung von Dopamin im Gehirn durch akute Verarmung der Dopaminpräkursoren Phenylalanin und Tyrosin eine erhöhte subjektive Schmerzempfindlichkeit (das Maß, in dem Schmerz unangenehm empfunden wurde), ohne die sensorische Schmerzwahrnehmung zu verändern.22
Bei 6-OHDA-Mäusen, bei denen die Dopaminsynthese chemisch geschädigt wird und die dadurch ein ADHS-Tiermodell darstellen, wurde eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit festgestellt. Die Schmerzempfindlichkeit wurde vermutlich durch α- und β-adrenerge sowie D2/D3-Rezeptoren vermittelt. Atomoxetin23 wie MPH24 konnte die erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei ADHS verringern.
Eine Stimulation der Substantia nigra, einer der beiden wichtigsten Dopaminquellen des Gehirns, bewirkt eine Schmerzlinderung, indem mittels dopaminerger Signalpfade Rückenmarksneuronen aktiviert werden.252627 Schmerzhafte Reize verursachen eine Dopaminausschüttung im dorsolateralen Striatum, die mit der subjektiven Wahrnehmung der Schmerzintensität korreliert. Ebenso steht das ventrale Striatum eindeutig mit der emotionalen Dimension des menschlichen Schmerzprozesses und der Schmerzerwartung in Verbindung.28
Erhöhte Schmerzempfindlichkeit korrelierte mit bestimmten dopaminergen Genvarianten (DAT1 und MAO-A, nicht jedoch DRD4).29
Wachsende Schmerzen bei Kindern könnten eine Vorstufe von Restless legs sein. Serotoninergere Dysfunktion, Eisenmangel und Vitamin-D-Mangel könnten gemeinsame Ursachen sein.30 Beide Störungsbilder und alle drei genannten Ursachenpfade sind eng mit ADHS verbunden.
Bei Kindern mit chronischen Schmerzen (ohne Kopfschmerzen) fand sich eine ADHS-Prävalenz von 15 bis 25 %, mithin 2- bis 5-fach erhöht (Metastudie).7
72,5 % der Erwachsenen, die wegen chronischer Schmerzen und einer wahrscheinlichen somatischen Syndromstörung in eine Schmerzklinik überwiesen wurden, erfüllten die diagnostischen Kriterien für ADHS.31 Von 60 Erwachsenen mit chronischen unspezifischen Schmerzen des unteren Rückens hatten 31,5 % ADHS.16
Psychiatrische Patienten mit chronischen Schmerzen zeigen eine höhere ADHS-Prävalenz als psychiatrische Patienten ohne chronische Schmerzen.9
Von jungen Frauen mit ADHS und/oder ASS berichteten 76,6 %13 bzw. 75,9 % über chronische Schmerzen, im Vergleich zu 45,7 % nicht betroffener junger Frauen12.
80 % der untersuchten ADHS-Betroffenen berichteten chronische Schmerzen.32
Eine Populationsstudie über 15 Jahre fand bei Kindern mit ADHS vor ihrer ADHS Diagnose signifikant häufiger verschiedene Schmerzzustände:33
- Kopfschmerzen (+ 16 %)
- Ohrenschmerzen (+ 30 %)
- Halsschmerzen (+ 8 %)
- Verstauchungen und Zerrungen (+ 23 %)
- häufigerer Gebrauch von Schmerzmitteln
- Paracetamol (+ 19 %)
- Ibuprofen (+ 37 %)
Eine Studie fand bei 25 von 30 Patienten mit refraktären orofazialen Schmerzen (83,3 %; Frauen: 20) ein ADHS.34
ADHS ging mit einem um 32 % erhöhten Migränerisiko einher, während das Risiko für Spannungskopfschmerzen unverändert war.3536 Kinder mit Migräne hatten ein 2,6-faches Risiko für ADHS, während die Prävalenz für Migräne bei Kindern allgemein bei 3,76 % lag. Migräne korrelierte insbesondere mit Hyperaktivität und Impulsivität, nicht mit Unaufmerksamkeit.37 Kinder mit ADHS haben ein 2,6-faches Risiko für Migräne bei ADHS, wobei die Prävalenz von Migräne bei Kindern allgemein in dieser Studie bei 9,9 % lag.36
Auch bei Parkinson, das ebenfalls durch Dopaminmangel gekennzeichnet ist, leiden 30 bis 50 % der Betroffenen an einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit.38 Diese kann durch dopaminerge Medikation verbessert werden39, z.B. durch Levodopa oder Deep Brain Stimulation.40
Umgekehrt ist bei Schizophrenie, die mit einem erhöhten Dopaminspiegel in Verbindung steht, die Schmerzempfindung herabgesetzt.41
Das ADHS-Tiermodell der SHR zeigt ein gestörtes noradrenerges Schmerzhemmungssystem.
In SHR war Gabapentin bei neuropathischen Schmerzen aufgrund segmentaler Spinalnervenligatur wirkungslos, während Duloxetin hilfreich war.42 Bei Wistar linderten Gabapentin wie Duloxetin die neuropathischen Schmerzen. Anders als Gabapentin erhöht Duloxetin das spinale Noradrenalin unabhängig von einer Aktivierung des Locus coeruleus. Demnach könnten Noradrenalinwiederaufnahmehemmer bei chronischen Schmerzen bei ADHS hilfreich sein.
2. Axiale Schmerzen und ADHS
Chronische Schmerzen bei Patienten mit ADHS sind durch weit verbreitete und axiale Schmerzen gekennzeichnet, die früh einsetzen. Dieser „ADHS-Schmerz“ unterscheidet sich qualitativ von chronischen Schmerzen bei Patienten ohne ADHS.9
Axiale Schmerzen traten bei 86,6 % der ADHS-Betroffenen, bei 50 % der nicht ADHS-Diagnose-Betroffenen und bei 21,4 % derjenigen auf, die auch kein subklinisches ADHS hatten.
Menschen mit subklinischem ADHS zeigten die gleichen muskulären Dysregulationen wie ADHS-Betroffene.9
Während ADHS ein Prädiktor für „axiale Schmerzen“ ist, waren affektive Störungen, Angstzustände oder Persönlichkeitsstörungen dies nicht.9
Die axialen Muskeln sind:
- Kopf- und Halsmuskeln
- Wirbelsäulenmuskeln
- Sonstige Rumpfmuskeln
- Beckenbodenmuskulatur
Axiale Muskeln regulieren und kontrollieren die Körperhaltung und sind für die Bewahrung der von Natur aus instabilen aufrechten Position ständig beansprucht. Muskuläre Dysregulationen haben hier erhebliche Auswirkungen und könnten den hohen Muskeltonus mit daraus folgenden weit verbreiteten Schmerzen und daraus folgenden Schmerzen des unteren Rückens43
- Erector spinae
- Latissimus dors
- Iliopsoas
- verbindet Lendenwirbelsäule mit den unteren Gliedmaßen
- Verkrampfungen des Iliopsoas können Lendenlordose und Lendenschmerzen verstärken44
Genvarianten, die mit Nacken- oder Schulterschmerzen korrelieren, erhöhen das ADHS-Risiko kausal.45
3. Medikamente gegen chronische Schmerzen
Siehe hierzu unter Chronische Schmerzen komorbid zu ADHS auf der Seite Wahl des Medikaments bei ADHS oder ADHS mit Komorbidität im Kapitel Behandlung
4. Erhöhte Muskelspannung bei ADHS
ADHS geht häufig mit einer erhöhten Muskelspannung einher. Dabei ist diese kein Ausdruck von Hyperaktivität oder einer grundsätzlichen motorischen Dysfunktion. Es gibt Hochleistungssportler mit ADHS; diesen dürfte keine schwerwiegende motorische Dysfunktion nachgesagt werden können. Gleichwohl ist auch bei diesen eine erhöhte Muskelspannung feststellbar.
Muskelverspannungen, insbesondere im Schulter-/Nacken-Bereich, treten bei ADHS deutlich häufiger auf.
Ein Orthopäde erläuterte uns, dass im Schlaf zuerst die vom Stamm (Wirbelsäule) entfernteren Muskeln entspannen, diejenigen an der Wirbelsäule dagegen zuletzt. Diese benötigen einen ungestörten Tiefschlaf, um zu entspannen. Demnach könnten Muskelverspannungen auch eine Folge des bei ADHS beeinträchtigten Schlafs sein.
Eine Studie fand, dass mit chronischen Schulter-Nacken-Schmerzen Computerarbeit und Schlafprobleme korrelierten.46
5. Ursachenpfade für chronische Schmerzen, erhöhten Muskeltonus und Fibromyalgie
Nach Stray sei die motorische Desinhibition und der erhöhte Muskeltonus bei ADHS unmittelbar mit der Dysregulation des Dopamin- und Noradrenalinsystems assoziiert.47
Dazu passt, dass bei ADHS der erhöhte Muskeltonus durch Methylphenidat reduziert wird48 und dass ein Noradrenalinwiederaufnahmehemmer (Orphenadrin, Norflex®) als Skelettmuskelrelaxans dient. Noradrenalinwiederaufnahmehemmer werden auch als ADHS-Medikation eingesetzt (Atomoxetin, Viloxazin).
Siehe hierzu unter Chronische Schmerzen und Muskelspannung bei ADHS - Neurophysiologische Korrelate
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