Faktoren für verspätete oder unterbliebene Diagnostik
Spätere oder unterbliebene Diagnose bei Kindern
In einer größeren Kohortenstudie wurden ADHS-Betroffene darauf untersucht, ob ihr ADHS frühzeitig (mit 5 bis 7) Jahren, verspätet (mit 11 bis 14) Jahren oder gar nicht diagnostiziert worden waren.1
Faktoren, die bei einer früheren bzw. überhaupt erfolgenden Diagnose häufiger waren:
- mehr Problemen mit Gleichaltrigen
- Verhaltensauffälligkeiten
- emotionale Probleme
- emotionaler Dysregulation
- geringeren kognitiven Fähigkeiten
- schwächeren prosoziale Kompetenzen
Bei diagnostiziertem ADHS wurde häufiger Autismus diagnostiziert, und die Betroffenen gaben weniger körperliche Aktivität an.
Diagnostizierte Männer hatten eine stärkere emotionale Dysregulation als nicht diagnostizierte Männer. Dieser Zusammenhang zeigte sich nicht bei Frauen.
Eine (an sich zu stellende) Diagnose unterblieb häufiger bei
- höheren kognitiven Fähigkeiten
- je höher die Begabung, desto mehr kann dies ein bestehendes ADHS verdecken (Coping)
- mehr körperlicher Aktivität
- Sport ist die effektivste nichtmedikamentöse Behandlungsform für ADHS
- besseren prosozialen Fähigkeiten
- keiner Autismusdiagnose
- obwohl Autismus bis zur Veröffentlichung des DSM 5 im Jahr 2013 (unrichtigerweise) als Ausschlusskriterium für eine ADHS-Diagnose galt
- weniger Verhaltensprobleme
- weniger emotionale Probleme
- weniger Peerprobleme
- weniger Disziplinprobleme
Kinder aus mit ADHS oder ASS belasteten Familien entwickelten sich im Alter von 6 bis 12 Jahren zu 50 % unauffällig.2 Wird für eine ADHS-Diagnose das Alter, bis zu dem die ersten Symptome aufgetreten sein müssen, auf 16 Jahre gesetzt, werden laut einer Studie 99 % der ADHS-Betroffenen erfasst.34 Selbst das würde allerdings bedeuten, dass immer noch bei jedem hundertstem Fall von ADHS die ersten Symptome erst nach dem 16. Lebensjahr entstehen. Legt man eine Prävalenz für ADHS von 8 % zugrunde, wären dies 64.000 Menschen in Deutschland, bei 5 % wären es 40.000 Menschen, die ein de-novo-late-onset-ADHS nach dem 16. Lebensjahr haben.
Meist zeigt sich, dass im Jugendalter mindestens ein Symptom hoch ausgeprägt vorhanden war.5
Barkley weist zurecht darauf hin, dass die Gehirnentwicklung erst Mitte 20 abgeschlossen ist.
Richtig definiert hat ICD-11 deshalb keine harte Altersgrenze zum Vorliegen erster Symptome für die ADHS-Diagnostik, so wie bereits auch die klinischen ADHS-Diagnosekriterien der ICD-10 dies nicht verlangten. Die anderslautenden Kriterien von DSM 5 und von den Forschungskriterien von ICD-10 sind daher überholt.
Zum Thema late-onset und de-novo-late-onset von ADHS ausführlich im Abschnitt Late Onset ADHS im Beitrag ADHS bei Erwachsenen.
Barclay I, Sayal K, Ford T, John A, Taylor MJ, Thapar A, Langley K, Martin J (2024): Investigating the reasons behind a later or missed diagnosis of attention-deficit/hyperactivity disorder in young people: A population cohort study. JCPP Adv. 2024 Dec 18;5(3):e12301. doi: 10.1002/jcv2.12301. PMID: 40979729; PMCID: PMC12446718. ↥
Charman T, Bazelmans T, Pasco G, Begum Ali J, Johnson MH, Jones EJH; BASIS/STAARS Team (2026): Mid-childhood developmental and behavioural outcomes in infants with a family history of autism and/or attention deficit hyperactivity disorder. J Child Psychol Psychiatry. 2026 Feb;67(2):282-295. doi: 10.1111/jcpp.70048. PMID: 40923413; PMCID: PMC12812788. n = 263 ↥
Kieling, Kieling, Rohde, Frick, Moffitt, Nigg, Tannock, Castellanos (2010): Am J Psychiatry. 2010 Jan;167(1):14-6. doi: 10.1176/appi.ajp.2009.09060796. ↥
Asherson P, Agnew-Blais J (2019): Annual Research Review: Does late-onset attention-deficit/hyperactivity disorder exist? J Child Psychol Psychiatry. 2019 Apr;60(4):333-352. doi: 10.1111/jcpp.13020. PMID: 30843223. REVIEW ↥
Kooij JJS, Bijlenga D, Salerno L, Jaeschke R, Bitter I, Balázs J, Thome J, Dom G, Kasper S, Nunes Filipe C, Stes S, Mohr P, Leppämäki S, Casas M, Bobes J, Mccarthy JM, Richarte V, Kjems Philipsen A, Pehlivanidis A, Niemela A, Styr B, Semerci B, Bolea-Alamanac B, Edvinsson D, Baeyens D, Wynchank D, Sobanski E, Philipsen A, McNicholas F, Caci H, Mihailescu I, Manor I, Dobrescu I, Saito T, Krause J, Fayyad J, Ramos-Quiroga JA, Foeken K, Rad F, Adamou M, Ohlmeier M, Fitzgerald M, Gill M, Lensing M, Motavalli Mukaddes N, Brudkiewicz P, Gustafsson P, Tani P, Oswald P, Carpentier PJ, De Rossi P, Delorme R, Markovska Simoska S, Pallanti S, Young S, Bejerot S, Lehtonen T, Kustow J, Müller-Sedgwick U, Hirvikoski T, Pironti V, Ginsberg Y, Félegyházy Z, Garcia-Portilla MP, Asherson P (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. Eur Psychiatry. 2019 Feb;56:14-34. doi: 10.1016/j.eurpsy.2018.11.001. PMID: 30453134. Page 20 ↥