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2. Antriebsprobleme bei AD(H)S

Inhaltsverzeichnis

2. Antriebsprobleme bei AD(H)S

Antrieb ist eine weitgehend willensunabhängig wirkende aktivierende Kraft, die seelische Leistungen hinsichtlich Tempo, Intensität und Ausdauer bewirkt. Antrieb steuert ,,Lebendigkeit“, Schwung, Initiative, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Tatkraft, ,,Unternehmensgeist“. Der Antrieb zeigt sich in Ausdrucksverhalten und Psychomotorik.
Motivation dagegen bestimmt das angestrebte Ziel.1

2.1. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen

2.1.1. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen bei AD(H)S

Innere Unruhe / Getriebensein als AD(H)S-Symptom ist nur scheinbar ein Widerspruch zum zugleich bestehenden Symptom der Antriebslosigkeit.

Der vermeintliche Widerspruch löst sich auf, wenn man nach der Motivationslage differenziert.
Während Antriebslosigkeit vor allem bezüglich Zielen besteht, die persönlich nicht interessant genug sind, um zu motivieren, ist in Bezug auf persönlich motivierende Ziele meist ein ausreichender Antrieb gegeben. Eine mögliche Erklärung hierfür ist der Stressnutzen der beiden Symptome. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.1.1.1. Erscheinungsformen von Innerer Unruhe, Getriebensein
  • Innere Unruhe, Getriebensein
    • immer etwas tun müssen

    • keine innere Ruhe finden können

      • Gedankenkreisen (Rumination)
    • Verhaltensstrategien, um die innere Unruhe zu reduzieren
      ständig nebenher ausgeübte Tätigkeiten
      z.B.:

      • stricken
      • malen
      • kritzeln
    • Langstreckenflüge werden aufgrund der erzwungenen körperlichen Inaktivität häufig aversiv erlebt, ggf. auch lange Theater-, Kino-, Restaurantbesuche2

    • häufige Versuche, mehrere Arbeiten gleichzeitig zu erledigen (Form innerer Anspannung)2

  • was man gerade tut, meist in Hektik tun
    • wenn man mit etwas fertig ist, schon schauen, was als nächstes zu tun ist
    • wenig “sein”, viel “tun, um zu…”
    • weniger Hinwendung zum “die Sache tun” selbst als zum “fertig werden”
  • Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen Dies sei eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.3
  • Gedankenkreisen (Rumination, Mind wandering, Off-Task Thoughts)4
  • in Gedanken immer woanders Beziehungspartner beschreiben das innere Getriebensein auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders”
  • Schneller Autofahren als andere5 Schneller Autofahren ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.3
    • mehr Strafzettel
      Anmerkung: das schnellere Autofahren als andere ist auch ein Symptom für Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen. Wie bei fast alles AD(H)S-Symptomen ist ein Symptom allein nicht aussagekräftig. Entscheidend ist der Kontext und das Zusammentreffen mit weiteren Symptomen.
2.1.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein typisch für ADHS-HI-Subtyp

Innere Unruhe tritt bei ADHS-HI und ADHS-C ganz erheblich häufiger und ausgeprägter auf als bei ADHS-I.
Eine Auswertung von 1889 Datensätzen der ADxS.org-Symptomtests zeigt folgende Korrelationen zu ADHS-HI und ADHS-C (den Subtypen mit Hyperaktivität) und ADHS-I. Die Korrelationen der genannten Unterskalen von DSM 5, ICD und Wender-Utah mit den Subtypen dienen der Veranschaulichung.

Symptom Korrelation mit ADHS-HI / ADHS-C Korrelation mit ADHS-I
Hyperaktivität 0,85 0,29
Innere Unruhe 0,83 0,32
Impulsivität 0,79 0,34
Erholungsunfähigkeit 0,75 0,35
Ungeduld 0,74 0,36
Frustrationsintoleranz 0,69 0,40
DSM 5 Hyperaktivität / Impulsivität 0,89 0,33
ICD 10 motorische Unruhe 0,81 0,25
Wender-Utah Hyperaktivität 0,82 0,39
Wender-Utah Impulsivität 0,71 0,27

Stand Juni 2020. n = 1889. Die Typisierung ADHS-HI und ADHS-C versus ADHS-I erfolgte anhand selbst ermittelter Kriterien. Die Zuordnung zu DSM, ICD, Wender-Utah erfolgte mittels Fragen, die den jeweiligen Kriterien nahekamen. Es handelt sich um einen nicht validierten Online-Selbsttest (Screening).

2.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen als Stresssymptom

Als Stresssymptome sind bekannt

  • (Innere) Unruhe6
    Innere Unruhe ist ein typisches Symptom für den nahenden Endzustand eines Burnouts.7
  • Rastlosigkeit8910
  • Dauerhaftes Grübeln (Rumination)1112

2.2. Aversion gegen Inaktivität

2.2.1. Aversion gegen Inaktivität als AD(H)S-Symptom

Aversion gegen Inaktivität ist von Hyperaktivität abzugrenzen. Während Hyperaktivität als eine durch abnorme psychische Übererregbarkeit resultierende motorische Unruhe definiert wird, ist Aversion gegen Inaktivität eine intensive Abneigung dagegen, nicht aktiv zu sein. Der Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität unterscheidet sch deutlich von dem der Hyperaktivität. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

Achtsamkeit oder ähnliche Strategien werden häufig als aversiv erlebt.

2.2.1.1. Langeweile ist extrem unangenehm

Dies ist der Gegenpol zum Gedankenkreisen (Rumination). Inaktivität wird als unangenehm empfunden.
Stressnutzen**:** Kümmere Dich um Dein Problem. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.2.1.2. Dysphorie bei Inaktivität (passivitätsinduzierte Stimmungstiefs, abzugrenzen von Depression)

Die Wender-Utah-Kriterien beschreiben “Dysphorie bei Inaktivität” als spezifisches AD(H)S-Symptom. Eine – zeitlich begrenzt – abrutschende Stimmungslage bei Inaktivität ist ein klassisches Symptom von AD(H)S. Dysphorie bei Inaktivität wird häufig fälschlich mit Depression verwechselt.

Die bei Dysphorie auftretende gedrückte Stimmung kann

  • episodenhaft
  • kurzfristig oder
  • chronisch

sein.

Depression ist demgegenüber ein Muster von Symptomen, das eine dysphorische, traurige oder niedergeschlagene Stimmung als ein zentrales Symptom aufweist.

Mehr zu den neurophysiologischen Ursachen von Dysphorie / Dysthymie unter Depression und Dysphorie bei AD(H)S.

2.2.1.3. Erholungsunfähigkeit / nicht entspannen/genießen können

Erscheinungsformen:

  • Erholungsunfähigkeit ist eingeschränkt13
    • Selbstwahrnehmung verringert, hier in Bezug auf die eigene Erholungsbedürftigkeit
    • Eingeschränkte Fähigkeit, sich von alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten zu distanzieren
    • Beziehungspartner beschreiben dies auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders.” oder “Er hat ständig sein Smartphone in der Hand, muss immer etwas nachschauen”, wie es bereits bei Innerem Getriebensein beschrieben wurde.
    • Arbeitssucht kann eine Erscheinungsform sein
  • Genussfähigkeit ist vermindert
    • Tätigkeit des Genießens ist eingeschränkt
    • Fähigkeit des Genießens technisch unbeeinträchtigt
      Eine ADHS-I-Betroffene berichtet: Ich kaufe mir zuweilen Avocados, weil ich die sehr gerne mag. Ich schaffe es aber nur selten, sie auch zu essen – sie verderben im Kühlschrank. Als ich das in unserer AD(H)S-Erwachsenengruppe erzählte, erkannten sich viele darin wieder. Seither heißt das bei uns “Das Avocado-Prinzip”.

Erholungsunfähigkeit kann mit dem FABA-Test (Fragebogen zur Analyse belastungsrelevanter Anforderungsbewältigung) erfasst und diagnostiziert werden.1415

Erholungsunfähigkeit korreliert bei Erwachsenen am deutlichsten mit Innerer Unruhe sowie stärker mit Hyperaktivität als mit Unaufmerksamkeit. Erholungsunfähigkeit korreliert sehr viel deutlicher mit den Hyperaktivitäts-Skalen als den Unaufmerksamkeitsskalen von DSM 5, ICD 10 und Wender-Utah, ist also bei ADHS-HI und ADHS-C erheblich stärker vertreten als bei ADHS-I.

Symptome Erholungsunfähigkeit
Innere Unruhe 0,78
Ungeduld 0,58
Hyperaktivität 0,54
Frustrationsintoleranz 0,54
Dysphorie bei Inaktivität 0,49
Unaufmerksamkeit 0,48
Impulsivität 0,46
Taskwechselprobleme 0,45
erhöhte Sensibilität 0,43
ADHS-HI/ADHS-C 0,75
ADHS-I-Subtyp 0,34

Stand August 2020. n = 2059. Die angegebenen Werte geben die Korrelation der Symptome relativ zueinander wieder.Es handelt sich um einen nicht validierten Online-Selbsttest (Screening).

2.2.2. Aversion gegen Inaktivität als Stress-Symptom

Innere und äußere Unruhe sind bekannte Stresssymptome. Im noch extremeren Fall der Depression ist die innere Unruhe, das Getrieben sein, als Agitiertheit bekannt, bei zugleich auftretender Motivationsschwäche.

2.3. Antriebslosigkeit

Antriebslosigkeit ist ebenso ein AD(H)S-Symptom wie das innere Getriebensein. Inneres Getriebensein und Antriebslosigkeit sind dabei nach diesseitigem Verständnis vergleichbar mit dem Gegensatzpaar, das von bestimmten Stadien einer atypischen Depression bekannt ist: ein gleichzeitiges nebeneinander Bestehen von Erschöpfung, Mattigkeit und Müdigkeit einerseits und innerer Unruhe und Anspannung andererseits.
Zu Innerer Unruhe, Inneren Getriebensein siehe oben.

2.3.1. Antriebslosigkeit als AD(H)S-Symptom

Antriebslosigkeit wird häufig als AD(H)S-Symptom beschrieben.

Anders als bei reiner Depression stellt sich bei AD(H)S eine tiefe Depression (gemeint dürfte sein: ein tief deprimiertes Gefühl) und extreme Antriebslosigkeit in kurzer Zeit ein und vergeht rasch wieder.16 Im Unterschied zur Dysphorie bei Inaktivität bei AD(H)S verlaufen Depressionen episodenhaft über Wochen, Monate oder auch Jahre (und variieren nicht tageweise oder stundenweise). Außerdem sind bei Depressionen nicht nur extrinsisch motivierte Aktivitäten betroffen, sondern auch solche, die die Person normalerweise als angenehm und positiv erlebt, bzw. die für die sie früher durchgängig persönlich motiviert oder leicht motivierbar war. Während einer Depression sind typischerweise alle Tätigkeiten uninteressant und nicht nur einige.

Dies deckt sich mit unserem Verständnis des Stressnutzens, dass Antriebslosigkeit bei Stress nur in Bezug auf Dinge besteht, die für die Bekämpfung des Stressors irrelevant sind. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.3.2. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist ein typisches Symptom von schwerem Stress61711 sowie einem nahenden Endzustand eines Burnouts.7

Antriebslosigkeit korreliert wesentlich stärker mit Unaufmerksamkeit als mit Hyperaktivität.

Verzögerungsaversion siehe unter Motivationsprobleme.


  1. Mayer: Glossar Psychiatrie / Psychosomatik / Psychotherapie / Neurologie / Neuropsychologie: Antrieb

  2. Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 61

  3. Barkley, Benton (2010): Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS, Seite 22

  4. Alperin, Christoff, Mills, Karalunas (2021): More than off-task: Increased freely-moving thought in ADHD. Conscious Cogn. 2021 Jun 10;93:103156. doi: 10.1016/j.concog.2021.103156. Epub ahead of print. PMID: 34119895.

  5. Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 61

  6. Merkle (2013): Stress – was versteht man darunter?

  7. Prof. Dr. med. Volker Faust: Erschöpfungsdepression; Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln; PSYCHIATRIE HEUTE; Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit

  8. Dr. Rolf Merkle, Diplom-Psychologe: Stress – was versteht man darunter?

  9. Hebold (2004): Stress und Stressverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen, in: Schluchter, Tönjes, Elkins (Hrsg.): Menschenskinder! Zur Lage von Kindern in unserer Gesellschaft. Band zur Vortragsreihe des Humanökologischen Zentrums der BTU Cottbus, Seite 86

  10. Gruber: Fragebögen zur Stressdiagnostik; Fragebogen 1: Streß-Folgen

  11. Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID).

  12. Prof. Dr. med. Volker Faust: Grübeln – wissenschaftlich gesehen; Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln; Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit; PSYCHIATRIE HEUTE; Seite 4

  13. Hartig (2015): Stress- und Ressourcen-Diagnostik mit internetbasierter Testung, Seite 176

  14. Faba-Test zur Erholungsunfähigkeit

  15. Emmermacher (2009): Gesundheitsmanagement und Weiterbildung: Eine praxisorientierte Methodik zur Steuerung, Qualitätssicherung und Nutzenbestimmung; Seite 112

  16. Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 320

  17. Hebold (2004): Stress und Stressverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen, in: Schluchter, Tönjes, Elkins (Hrsg.), (2004): Menschenskinder! Zur Lage von Kindern in unserer Gesellschaft. Band zur Vortragsreihe des Humanökologischen Zentrums der BTU Cottbus, Seite 86