×

Wir hoffen, ADxS.org gefällt Dir und Du findest hilfreiche Informationen zu AD(H)S. Um die Erstellung und den Betrieb von ADxS.org finanzieren zu können, sind wir auf (derzeit noch steuerlich nicht absetzbare) Spenden angewiesen. Unsere Kosten betragen rund 10.000€ im Jahr – zusätzlich zu aller investierter Arbeit in die Erstellung von AdxS.org. Unsere Spenden betragen im Schnitt 25,83€. Wenn alle unserer derzeit monatlich rund 6.500 unterschiedlichen Leser lediglich den Gegenwert eines Mineralwassers spenden würden, hätten wir diesen Betrag innerhalb weniger Wochen erreicht. Leider spenden 99,99% aller Leser nicht.

Wir wollen weiterhin unabhängig von Werbung bleiben und ein kostenloses und freies Informationsportal zum Thema AD(H)S anbieten. Wenn Du ADxS hilfreich findest, wären wir Dir sehr dankbar, wenn auch Du uns unterstützen könntest.

Ich möchte via PayPal spenden
Mehr Infos über Spenden

Prokrastination (Aufschieberitis) bei AD(H)S

1. Prokrastination – was ist das?

Prokrastination ist das Phänomen des stetigen Aufschiebens von Aufgaben. Jeder Mensch schiebt zuweilen etwas vor sich her, das er eigentlich erledigen müsste. AD(H)S-Betroffene prokrastinieren deutlich häufiger und wesentlich stärker als Nichtbetroffene.
Das Symptom Prokrastination kann dabei extreme Züge annehmen – Post wird nicht mehr geöffnet, die Steuererklärung wird gar nicht mehr abgegeben und die Müllsäcke stapeln sich in der Küche.
Dieser Beitrag meint Prokrastination in einem Maße, wie es für AD(H)S relevant ist: nicht die “jeder-verschiebt-mal-was” Prokrastination, sondern die “ich habe ein Problem” – Prokrastination. Diese beginnt indes bereits deutlich unterhalb von Mülltütenhaufen und Vollstreckungsmaßnahmen des Finanzamtes.

2. Prokrastination bei AD(H)S das häufigste Symptom

Prokrastination ist nach den Daten des ADxS.org-Online-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1.889) durch Betroffene am häufigsten genannte Symptom mit der höchsten Symptomstärke. Es wurde häufiger genannt als Aufmerksamkeitsprobleme bei ADS-Betroffenen oder als Probleme der Hyperaktivität, Impulsivität oder der Inneren Unruhe bei ADHS-Betroffenen.

3. Prokrastination in der wissenschaftlichen Forschung

Prokrastination korreliert deutlich und konsistent mit den Eigenschaften Impulsivität, task aversiveness, task delay, Selbstwirksamkeit (self-efficacy) und Gewissenhaftigkeit mit ihren Facetten Selbstkontrolle, Ablenkbarkeit, Organisation und Leistungsmotivation. Neurotizismus, Widerstandsgeist und Sensation seeking zeigten dagegen schwache Korrelationen.(1)(2)

Diese Ergebnisse decken sich (mit Ausnahme von Impulsivität) im Wesentlichen mit den Daten des ADxS.org-Online-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1.889). Diese zeigen eine stärkere Korrelation von Prokrastination (bei AD(H)S) mit internalisierender Stressphänotypik (ADS, 0,33) als mit externalisierender Stressphänotypik (ADHS, 0,13). In Bezug auf die AD(H)S-Einzelsymptome korrelierte Prokrastination vor allem mit Organisationsproblemen (0,64), Antriebs- und Konzentrationsproblemen (je 0,58), Ablenkbarkeit (0,52), Leistungsunfähigkeit (0,49), Zeitproblemen (0,48), Frustrationsintoleranz (0,45), Anhedonie (0,40), Lernschwierigkeiten (0,39), Impulsivität und Ungeduld (je 0,34) und Taskwechselproblemen (0,33).

Andere Quellen beschreiben Prokrastination als Auswirkung einer mangelhaften Selbststeuerungsfähigkeit bei gleichzeitiger Bevorzugung kurzfristiger Belohnungen.(3)

Ohne in ihren Veröffentlichungen das Thema AD(H)S auch nur zu erwähnen, zählen die hier zitierten Autoren etliche AD(H)S-Symptome auf, wie Ablenkbarkeit, Selbststeuerungsprobleme, Organisationsprobleme oder Belohnungsaufschubaversion. Dies alles deutet auf einen starken Zusammenhang zwischen Prokrastination und AD(H)S hin.

Wenn Prokrastination eine Vermeidung unangenehmer Aufgaben darstellt (im Sinne einer Abwertung von deren Relevanz, entsprechend einer Abwertung von entfernteren Belohnungen), ist dies der Ausfluss einer veränderten Motivation und eines verringerten Antriebs. Dies könnte durch Dopaminmangel im Striatum induziert sein.
Prokrastination korreliert negativ mit einer subjektiv positiven Zukunftsperspektive und korreliert positiv mit einer gegenwartsbezogenen hedonistischen und fatalistischen Einstellung.(4) Die negative Einschätzung der Zukunftsperspektive könnte als eigene Ausdrucksform des Symptoms der geringeren Wertschätzung von Genuss oder von entfernterer Belohnung verstanden werden.

Prokrastination korreliert weiterhin negativ mit Achtsamkeit, also gegenwartsorientierter Wahrnehmung.(5). Achtsamkeitsübungen sind eine bei AD(H)S sehr hilfreiche Therapieform, die das subjektive Wohlbefinden steigern, Stress abbauen und den Serotoninspiegel langfristig anheben kann.

Ein weiterer faszinierender Aspekt von Prokrastination ist, dass es ADHS-Betroffenen wesentlich leichter fällt, diejenige Tätigkeit, die sie für sich selbst nicht ausüben können, für einen anderen auszuüben. Dies geht so weit, dass Passig, Lobo als Copingstrategie für Prokrastination empfehlen, dass Betroffene die von Ihnen prokrastinierten Tätigkeiten gegenseitig füreinander erledigen.(6)

Diese auf den ersten Blick sehr verwunderlich erscheinende Vorgehensweise könnte sich nachvollziehbar und schlüssig durch die besondere Affinität von ADHS-Betroffenen zum (dopaminerg gesteuerten) Zugehörigkeitsmotiv erklären.(7)

Zuletzt aktualisiert am 30.06.2020 um 23:42 Uhr


6.)
Passig, Lobo (2010): Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin. Äußerst unterhaltsames und lesenswertes Buch über Prokrastination für Betroffene. - (Position im Text: 1)

Schreibe einen Kommentar