Prokrastination (Aufschieberitis) bei AD(H)S

1. Prokrastination – was ist das?

Prokrastination ist das Phänomen des stetigen Aufschiebens von Aufgaben. Jeder Mensch schiebt zuweilen etwas vor sich her, das er eigentlich erledigen müsste. AD(H)S-Betroffenen prokrastinieren deutlich häufiger und wesentlich stärker als Nichtbetroffene.
Das Symptom Prokrastination kann dabei extreme Züge annehmen – Post wird nicht mehr geöffnet, die Steuererklärung wird gar nicht mehr abgegeben und der Müll stapelt sich tütenweise in der Küche.
Diese Seite meint Prokrastination in einem Maße, wie es für AD(H)S relevant ist: nicht die „jeder-verschiebt-mal-was“ Prokrastination, sondern die „ich habe ein Problem“ – Prokrastination. Diese beginnt indes bereits deutlich unterhalb von Mülltütenstapeln und Vollstreckungsmassnahmen des Finanzamtes.

2. Prokrastination bei AD(H)S das häufigste Symptom

Prokrastination ist das in unserem Online-Symptomtest durch Betroffene am häufigsten genannte Symptom. Es wurde häufiger genannt als Aufmerksamkeitsprobleme bei ADS-Betroffenen oder als Probleme der Hyperaktiviät, Impulsivität oder inneren Unruhe bei ADHS-Betroffenen.

3. Prokrastination in der wissenschaftlichen Forschung

Prokrastination korreliert deutlich und konsistent mit den Eigenschaften Impulsivität, task aversiveness, task delay, Selbstwirksamkeit (self-efficacy) und Gewissenhaftigkeit mit ihren Facetten Selbstkontrolle, Ablenkbarkeit, Organisation und Leistungsmotivation. Neurotizismus, Widerstandsgeist und Sensation seeking zeigten dagegen schwache Korrelationen.(1)(2) Die genannten Eigenschaften korrelieren mit etliche AD(H)S-Symptomen.
Vor allem aber wird es als Auswirkung einer mangelhaften Selbststeuerungsfähigkeit bei gleichzeitiger Bevorzugung kurzfristiger Belohnungen beschrieben.(3)

Ohne in ihren Veröffentlichungen das Thema AD(H)S auch nur zu erwähnen, zählen die hier zitierten Autoren etliche AD(H)S-Symptome auf: Impulsivität, Ablenkbarkeit, mangelhafte Selbststeuerung, Belohnungsaufschubaversion.

Wenn Prokrastination eine Vermeidung unangenehmer Aufgaben darstellt (im Sinne einer Abwertung von deren Relevanz, entsprechend einer Abwertung von entfernteren Belohnungen), ist dies der Ausfluss einer veränderten Motivation und eines verringerten Antriebs. Dies könnte durch Dopaminmangel im Striatum induziert sein.

Prokrastination korreliert negativ mit einer subjektiv positiven Zukunftsperspektive und korreliert positiv mit einer gegenwartsbezogenen hedonistischen und fatalistischen Einstellung.(4)

Die negative Einschätzung der Zukunftsperspektive könnte als eigene Ausdrucksform des Symptoms der geringeren Wertschätzung von Genuss oder von entfernterer Belohnung verstanden werden.

Prokrastination korreliert weiterhin negativ mit Achtsamkeit, also gegenwartsorientierter Wahrnehmung.(5). Achtsamkeitsübungen sind eine bei AD(H)S sehr hilfreiche Therapieform, die das subjektive Wohlbefinden steigern, Stress abbauen und den Serotoninspiegel langfristig anheben kann.

Ein weiterer faszinierender Aspekt von Prokrastination ist, dass es ADHS-Betroffenen wesentlich leichter fällt, diejenige Tätigkeit, die sie für sich selbst nicht ausüben können, für einen anderen auszuüben. Dies geht so weit, dass Passig, Lobo als Copingstrategie für Prokrastination empfehlen, dass sich Betroffene die von Ihnen prokrastinierten Tätigkeiten gegenseitig erledigen.(6)

Diese auf den ersten Blick sehr verwunderlich erscheinende Vorgehensweise liesse sich nachvollziehbar und schlüssig durch die besondere Affinität von ADHS-Betroffenen zum (dopaminerg gesteuerten) Zugehörigkeitsmotiv.(7)

Zuletzt aktualisiert am 02.01.2020 um 01:14 Uhr


6.)
Passig, Lobo (2010): Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin. Äußerst unterhaltsames und lesenswertes Buch über Prokrastination für Betroffene. - (Position im Text: 1)

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