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Symptomentwicklung bei Kindern nach Alter und Häufigkeit

1. Symptomentwicklung von ADHS (mit Hyperaktivität) nach Alter

1.1. Säuglingsalter

Eine Studie konnte bei Kindern mit 1 Monaten anhand des Verhaltens (vornehmlich erhöhter Aktivität und Impulsivität und häufiger berichteten Verhaltens- und Temperamentsproblemen) diejenigen mit einem hohen genetischen AD(H)S-Risiko (ältere Geschwister oder Eltern mit AD(H)S) von denjenigen ohne genetisches AD(H)S-Risiko unterscheiden.(1)

1.2. Kleinkindalter (1 – 3 Jahre)

  • Vermehrte Aggressionen(2)
  • Unkontrollierbare Wutanfälle(2)
  • Chaotisches und destruktives, wenig zielgerichtetes Spielverhalten(2)
  • Durchschlafprobleme bei Kleinkindern von 1 bis 3 Jahren waren ein stärkerer Prädiktor für ein späteres AD(H)S als die Schlafdauer.(4)
  • Grobmotorische Probleme
    • fällt häufig über die eigenen Beine(5)
    • Mundmotorit auffällig(5)
      • Mund steht häufig offen
      • sabbert leicht
  • Spielausdauer verkürzt(5)
    • wechselt häufig Beschäftigung
    • führt Spiel nicht zuende
  • Lernprobleme
    • Kein Lernzuwachs durch negative Erfahrungen(2)
    • lernt schwer, sich anzuziehen(5)
    • Sprachentwicklung verzögert(5)(6)
    • Umstellungsprobleme(5)
    • Anpassungsprobleme(5)
  • nicht warten können(5)
    • bis an der Reihe
  • Sensibilitätsveränderungen
    • hochsensibel oder hyposensibel gegenüber Aussenreizen(5)
  • ADHS-spezifisch:
    • Gruppenunfähigkeit und Störverhalten, Außenseiterrolle(2)
    • Ständiges Herumzappeln und Dazwischenreden im Stuhlkreis(2)
    • Starker Bewegungsdrang führt zu Selbst- und Fremdgefährdung(2)
    • Kein Gefahrenbewusstsein(2)
  • ADS-spezifisch:
    • auffallend ruhig und brav(5)
    • überängstlich, klammernd, sehr anhänglich(5)

1.3. Vorschulalter (4 – 6 Jahre)

1.3.1. ADS im Vorschulalter (ohne Hyperaktivität)

  • häufig ängstlich(5)
  • häufig unsicher(5)
  • Lernschwierigkeiten
    • Probleme, zuzuhören(5)
    • langsames begreifen(5)
    • glaubt häufig, Aufgabe nicht zu schaffen(5)
    • langsamer Spracherwerb, verwechselt Buchstaben(5)
  • Grobmotorik
    • auffällige Mundmotorik(5)
    • spricht undeutlich(5)
    • malt und bastelt nicht gerne(5)
    • motorische Probleme(5)
    • Schwierigkeiten, schwimmen zu lernen(5)
    • Schwierigkeiten beim Fahrradfahren lernen
    • Gleichgewichtsprobleme
    • Tätigkeiten verlangsamt oder überschnell(5)
  • zurückgezogenes Sozialverhalten
    • spielt häufig alleine(5)
    • wenig Kontakte zu gleichaltrigen Kindern(5)
    • Rückzugstendenzen in Gruppen(5)
      • Kindergarten
      • Stuhlkreis
    • langweilt sich schnell(5)
  • verliert und vergisst häufig Sachen(5)

1.3.2. AHDS im Vorschulalter (mit Hyperaktivität)

  • motorische Hyperaktivität
    • motorische Unruhe(5)
    • immer in Bewegung(5)
  • Impulsivität
    • regt sich schnell und stark auf(5)
    • reagiert spontan und unüberlegt(5)
    • fragt viel(5)
      • wartet Antworten oft nicht ab(5)
    • hält sich nicht an Regeln(5)
      • vergisst Regeln häufig wieder(7)
    • motzt schnell(5)
  • Aufmerksamkeitsprobleme
    • zeigen sich häufig erst in höherem Alter (Schulzeit)
    • kann nicht lange zuhören(5)
    • vergisst schnell(5)
    • verliert viel(5)
  • Aggression
    • häufig als Komorbidität
    • insbesondere bei Unsicherheit(5)
  •  Grobmotorik
    • auffällige Mundmotorik(8)
    • Sprachprobleme
      • spricht undeutlich(5)
      • stammeln(5)
      • Schwierigkeiten mit manchen Konsonanten
    • malt und bastelt nicht gerne(8)
    • hält Stifte verkrampft(5)
    • drückt zu fest auf(5)
    • Formen ausmalen oder ausschneiden erschwert(5)
    • Schwierigkeiten, schwimmen zu lernen
    • Schwierigkeiten beim Fahrradfahrenlernen
    • Gleichgewichtsprobleme
  • Sozialverhalten
  • Ungeduld
  • nässt häufiger noch ein(5)
    • tagsüber häufiger als nachts
  • Schlaf
    • häufig spätes einschlafen(5)
    • braucht wenig Schlaf(5)

1.4. Schulzeit (6 bis 15 Jahre)

AD(H)S-Symptome treten jetzt voll zu Tage.(2)

1.4.1. ADS im Schulalter (ohne Hyperaktivität)

  • emotionale Probleme
    • häufig ängstlich(5)
    • häufig unsicher(5)
    • traut sich nichts zu(5)
    • Rejection Sensitivity
      • leicht kränkbar(5)
      • weint schnell(5)
      • emotional empfindlich(5)
      • verträgt Kritik schlecht(5)
      • fühlt sich ungeliebt(5)
      • fühlt sich missverstanden(5)
  • Aufmerksamkeits- und Lernschwierigkeiten
    • Probleme, zuzuhören(5)
    • leicht ablenkbar(5)
    • vergisst viel(5)
    • überhört viel(5)
    • unkonzentriert(5)
      • ausser etwas interessiert besonders
    • verträumt(5)
    • langsam(5)
    • unflexibles denken(5)
    • benötigt sehr lange für die Hausaufgaben(5)
    • kann Hausaufgaben nicht alleine machen(5)
  • Grob- und Feinmotorische Probleme
    • Schriftprobleme
    • unsauberes ausmalen(5)
    • spricht undeutlich(5)
  • Sozialverhalten
    • lässt sich leicht ärgern(5)
    • kann sich schlecht wehren(5)
    • verzögerte Entwicklung der sozialen Reife(5)
    • langweilt sich schnell(5)
  • verliert und vergisst häufig Sachen
  • Somatisierungstendenzen
    • häufige Kopfschmerzen(5)
    • häufige Bauchschmerzen(5)

1.4.2. ADHS im Schulalter (mit Hyperaktivität)

  • Sozialverhalten
    • Einfügen in den Klassenverband sehr erschwert(2)
  • Aggression
    • schlägt häufig, wird häufig von anderen geschlagen(2)
  • Risikoverhalten
    • kann Gefahren schlecht einschätzen(5)
    • 85% der Schulwegunfälle(2)
  • Aufmerksamkeitsprobleme werden erstmals erkennbar
    • frühestens im Alter ab 7 Jahre
    • bis zum Alter von 14, 15 Jahren
  • motorische Hyperaktivität
    • motorische Unruhe(5)
    • immer in Bewegung(5)
    • zappelt viel(5)
  • Grobmotorik
    • schlechte Kraftdosierung(5)
  • Impulsivität
    • regt sich schnell und stark auf(5)
    • reagiert spontan und unüberlegt(5)
    • unterbricht andere
    • antwortet, bevor Frage zuende gestellt ist(5)
    • ist häufig laut(5)
  • Hochsensibilität
    • ist oft selbst Lärmempfindlich(7)
  • Aufmerksamkeitsprobleme
    • zeigen sich häufig erst in höherem Alter (Schulzeit)
    • kann nicht lange zuhören(5)
    • vergisst schnell(5)
    • verliert viel(5)
    • Konzentrationsspanne begrenzt
      • wechselt häufig zwischen Aufgaben / Tätigkeiten hin und her(5)
    • malt häufig nebenher
    • Schwierigkeiten, mit den Hausaufgaben zu beginnen(5)
    • unterbricht Hausaufgaben häufig(5)
    • gute Beobachtungsgabe(5)
      • bemerkt vieles(5)
      • kann andere gut durchschauen(5)
  • Lernprobleme
    • macht Fehler immer wieder
    • lernt aus Fehlern nicht(5)
  • Grobmotorik
    • auffällige Mundmotorik(8)
    • Sprachprobleme
      • spricht undeutlich(5)
      • stammeln(5)
      • Schwierigkeiten mit manchen Konsonanten
    • malt und bastelt nicht gerne(8)
    • hält Stifte verkrampft(5)
    • drückt zu fest auf(5)
    • Formen ausmalen oder ausschneiden erschwert(5)
    • Schwierigkeiten, schwimmen zu lernen
    • Schwierigkeiten beim Fahrradfahrenlernen
    • Gleichgewichtsprobleme
  • emotionale Dysregulation
    • Rejection Sensitivity
      • fühlt sich schnell ungerecht behandelt(5)
  • Sozialverhalten
    • starker Gerechtigkeitssinn(5)
      • altruistisches Verhalten
    • will häufig bestimmen(5)
    • kommt mit Gleichaltrigen schlechter zurecht als mit Jüngeren oder Älteren(5)
  • sammelt nutzlose Dinge(5)
  • Schlaf
    • häufig spätes einschlafen

1.5. Jugendalter (ab 15 Jahre)

  • motorische Hyperaktivität verringert sich(2)
  • innere und äußere Unruhe(5)
  • Impulsivität und verminderte Aufmerksamkeit bleiben erhalten(2)
  • Orientierung an sozialen Randgruppen(2)
  • Risiko, eine Suchtbereitschaft zu entwickeln(2)
  • Bereitschaft zum Hochrisikoverhalten(2)
  • Häufige Unfälle(2)
  • Leistungsabfall unter Stress(5)
  • Organisationsprobleme(5)
  • geringe Zielstrebigkeit(5)
  • Krakelige Handschrift(5)

1.6. Erwachsenenalter

  • kaum noch motorische Hyperaktivität, stattdessen innere Unruhe, Getriebensein(9)
  • Aufmerksamkeitsprobleme lassen etwas nach
  • Emotionale Probleme / Affektive Komorbiditäten nehmen zu
    • Depressionen
    • Angststörungen
  • Erhöhtes Suchtrisiko, Störungen im Sozialverhalten(10)
  • Angstsymptome, Alkoholprobleme(11)
  • Strafauffälligkeiten(12)
  • Erhöhte Unfallneigung(13)
  • Schlechtere berufliche Position(14)

2. Symptomhäufigkeit und Symptomintensität bei AD(H)S

Die Diagnose von AD(H)S erfolgt nicht dadurch, dass eine spezielle Art von Symptomen vorliegt, die es ausschließlich bei AD(H)S gibt (kategorial), sondern durch die Menge an Symptomen, die originär aus AD(H)S stammen können und deren Intensität (dimensional).(15)(16)

  • In einer von Barkley(17) vorgestellten Symptomsammlung haben
    • Nichtbetroffene im Schnitt 1 bis 2 der 18 Symptome oft, also rund 5 %
    • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 12 der 18 der genannten Symptome oft, also rund 66 %.(17)
  • In dem von uns selbst gestalteten Onlinetest AD(H)S-Online-Tests
    haben
    • nach ihrer eigenen Einschätzung nicht betroffene Probanden im Schnitt knapp 8 von 32 möglichen Symptomen (25 %)
    • Probanden mit einer gesicherten AD(H)S-Diagnose rund 24 der 32 möglichen Symptome (75 %)
  • Kaum ein Betroffener hat alle Symptome “oft”, und es ist kaum typisierbar, welche Symptome gehäuft gemeinsam auftreten.

Die Symptome müssen über einen längeren Zeitraum und in mehreren Lebensbereichen auftreten. Meist sind sie vor dem 12. Lebensjahr erstmals sichtbar geworden. Es werden allerdings immer mehr Fälle eines Late Onset AD(H)S erkannt, bei dem im Jugendalter keine ausreichend starke Symptomatik bestand, die eine Diagnose gerechtfertigt hätte. Des betrifft vor allem Frauen ab Ende 30.
Dass Symptome länger und in verschiedenen Lebensbereichen bestehen müssen, dient dazu, AD(H)S als dauerhafte Störung von den Symptomen einer lediglich vorübergehenden (Stress-)Belastung durch zeitlich begrenzt bestehende Stressoren abzugrenzen.

3. Ethnische und kulturelle Unterschiede

Bei der Diagnose von AD(H)S bei Kindern durch Erwachsene sollten die unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Hintergründe berücksichtigt werden.(18)

Zuletzt aktualisiert am 17.07.2020 um 00:27 Uhr


3.)
Simchen (2015): Die vielen Gesichter des ADS, 4. Aufl., S. 11 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8)
5.)
Simchen (2015): 1.1. Viele fragen: “Woran erkenne ich ADS ?” In: Die vielen Gesichter des ADS, 4. Aufl. - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 109, 110, 111, 112, 113, 114, 115)
7.)
Simchen (2015): 1.1. Viele fragen: “Woran erkenne ich ADS ?” In: Die vielen Gesichter des ADS, 4. Aufl. - (Position im Text: 1, 2)
8.)
10.)
www.sonderpaedagogik-k.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06040400/downloads/sopaed2_ws0304_ads-adhs.pdf unter Verweis auf New York-Studie 1985 -1991 - (Position im Text: 1)
11.)
www.sonderpaedagogik-k.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06040400/downloads/sopaed2_ws0304_ads-adhs.pdf unter VerweisVerweis auf Shekim et al. 1990 - (Position im Text: 1)
12.)
www.sonderpaedagogik-k.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06040400/downloads/sopaed2_ws0304_ads-adhs.pdf unter Verweis Verweis auf Iowa-Studie 1983 - (Position im Text: 1)
13.)
14.)
www.sonderpaedagogik-k.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06040400/downloads/sopaed2_ws0304_ads-adhs.pdf unter Verweis auf Warnke & Remschmidt 1990 - (Position im Text: 1)
16.)
so auch Barkley, Steinhausen, Krause und viele andere - (Position im Text: 1)
17.)

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