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AD(H)S bei Erwachsenen

AD(H)S endet nicht, wie man bis zum Ende des letzten Jahrtausends annahm(1), automatisch mit dem erwachsen werden.

1. Prävalenz des Fortbestehens von AD(H)S bis ins Erwachsenenalter

In 66 % der Fälle bleibt es – mit veränderten Symptomen – ein Leben lang bestehen.(2) Eine andere große internationale Untersuchung fand sogar eine höhere Prävalenz von AD(H)S bei Erwachsenen (2,8 %) als bei Kindern (2,2 %).(3) Dies könnte sich damit decken, dass die Erblichkeit von AD(H)S bei Erwachsenen möglicherweise geringer ist als bei Kindern, dass der Anteil von Umwelteinflüssen auf AD(H)S-Entstehung bei Erwachsenen also höher sein könnte als bei Kindern.(4)
Von 55 Teilnehmern unseres ADxS.org-Online-Symptomtests (Stand 2020), die angaben, als Kind ADHS (mit überwiegender Hyperaktivität) gehabt zu haben, wurden bei 49 (89 %) Hinweise auf ein persistierendes AD(H)S festgestellt. Bei den 34 Teilnehmern, die angaben, als Kind ADS (überwiegende Unaufmerksamkeit) gehabt zu haben, fand der Test bei 31 (91 %) Hinweise auf ein persistierendes AD(H)S. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die freiwillige Teilnahme am Onlinetest ein gewisses akutes Interesse an der Frage voraussetzt, was ein Bias in Richtung einer zu hohen Quote an persistierendem AD(H)S bewirken dürfte.

Laut dem aktualisierten europäischen Konsens zur Behandlung und Diagnose von AD(H)S bei Erwachsenen von 2019(5) haben 65 % aller Kinder mit AD(H)S auch als Erwachsene weiterhin mindestens einige AD(H)S-Symptome.(6) Knapp 22 % erfüllten auch mit 18 Jahren noch die (auf Kinder ausgerichteten) DSM 5 – Kriterien vollständig.(7)
Von den rund 5 % aller Kinder mit AD(H)S (bei weiteren 5 % besteht ein AD(H)S-Verdacht)(8) bleiben nach anderer Quelle 30 bis 80 % bis ins Erwachsenenalter betroffen, wobei die Symptome sich gegenüber der Kindheit verändern. In den USA sind etwa 4,4 % aller Erwachsenen von AD(H)S betroffen.(9) Weitere Untersuchungen finden sich bei Krause.(10)

2. Mögliche Gründe für Fortbestehen von AD(H)S bis ins Erwachsenenalter

Es kann nicht vorhergesagt werden, bei welchen Betroffenen AD(H)S im Erwachsenenalter verschwindet. Ob AD(H)S-Betroffene bis zum Alter von 27 Jahren ihr AD(H)S verlieren ist unabhängig von

  • der Schwere der Störung(11)
  • dem Alter beim ersten Auftretens von AD(H)S(11)
  • dem IQ der Kindheit(11)
  • Verhaltensproblemen bei der Kindheit(11)
  • dem Schweregrad von ADHS, ODD oder CD(11)
  • der Dauer der Stimulanzienbehandlung nach der Adoleszenz(11)

Es gibt verschiedene Theorien, warum AD(H)S in der Kindheit bei manchen Erwachsenen verschwindet und bei anderen fortbesteht.

  • Es wurde berichtet, dass Kinder mit AD(H)S aus einem niedrigen sozioökonomischen Hintergrund von einer besonderen schulischen Förderung profitierten, während Kinder aus höheren Schichten dies weniger taten.(12) Dies deutet in unseren Augen darauf hin, dass Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status weniger in der Lage sind, die Defizite ihrer Kinder auszugleichen.
  • Eine Untersuchung der Stressbelastung von Kindern mit AD(H)S fand, dass starke Stressbelastung in der Kindheit und Jugend mit schwerem ADHS-bzw. ADS-Verlauf bis ins Erwachsenenalter einherging, während Kinder mit einer schwachen Stressbelastung häufig ein remittierendes AD(H)S (ADHS wie ADS) zeigten.(13) Eine große Kohortenstudie in Schweden bestätigt dies.(14)
  • Angstsymptome im Alter von 15 Jahren machen psychische Störungen im frühen Erwachsenenalter wesentlich wahrscheinlicher:(15)
    • Angststörung:  4,9 fach
    • Depression:  4,8 fach
    • AD(H)S, ASS oder Entwicklungsstörung:  3,4 fach
      Dies könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die mittlere Jugend neben der frühen Kindheit ein zweites besonders verletzliche  Entwicklungszeitfenster darstellt.
  • Eine Theorie geht von einer Nachreifung von Gehirnfunktionen aus. Doch nicht jede Verzögerung der Gehirnreifung ist zugleich ein Zeichen für AD(H)S. Bei Hochbegabung besteht eine Verzögerung der Entwicklung des Cortex, die exakt der Verzögerung bis zum Entstehen des ersten Cortexdickemaximums bei AD(H)S entspricht.
    ⇒ AD(H)S und Hochbegabung.
  • Eine andere Theorie besagt, dass bestimmte Gehirnregionen kompensatorische Aufgaben übernehmen, so dass die kindlichen AD(H)S-Defizite hierdurch korrigiert werden können.(16)
  • Ein weiteres Modell geht davon aus, dass bestimmte kindliche AD(H)S-Defizite lebenslänglich weiterbestehen.(16)
  • Eine Untersuchung bei Erwachsenen, bei denen AD(H)S fortbestand, fand ein Ungleichgewicht zwischen den Verbindungen im Gehirn innerhalb des Default-Mode-Networks einerseits und denjenigen zwischen dem Default-Mode-Networks und jenen Bereichen, die Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle unterstützen andererseits. Bei Erwachsenen, deren AD(H)S remittiert war, gab es diese Unterschiede nicht.(17)(18)
  • Eine andere Untersuchung fand eine bis zu 11,8-fache erhöhte Anzahl von Traumata bei late-onset AD(H)S. Neurophysiologisch unterschied sich das late-onset-AD(H)S nicht von dem AD(H)S bei Betroffenen, die seit der Kindheit hatten. Die Auswirkungen waren allerdings deutlich stärker. Zugleich wurde bei 1/3 der late-onset-AD(H)S-Betroffenen nach einem Jahr kein AD(H)S mehr festgestellt.(19)

3. Late Onset AD(H)S: erstmaliges Auftreten im Erwachsenenalter

Neue Forschungsergebnisse aus mehreren Langzeitstudien zeigen zudem, dass AD(H)S auch im Erwachsenenalter erstmals diagnostiziert werden kann. Je nach Studie trete dies bei 0,4 bis 10 % der AD(H)S-Fälle auf. So fand eine Untersuchung bei jungen Erwachsenen mit AD(H)S, dass nur bei 12,6 % bereits ein AD(H)S in der Kindheit diagnostiziert wurde.(20) Demnach könnte AD(H)S sehr viel häufiger als bisher angenommen auch noch nach dem 6. oder 12. Lebensjahr erstmals diagnostiziert werden.
Wir sind skeptisch, ob AD(H)S dabei tatsächlich erstmals im Erwachsenenalter auftritt (late onset). Wir gehen davon aus, dass es vielmehr bis dahin durch intensives Coping überspielt wurde. Derartiges Coping kostet viel Kraft und ist nicht immer auf Dauer zu leisten. Ist die Kraft dann aufgebraucht, bricht die Coping-Fassade zusammen, wird das AD(H)S sichtbar. Bei Erwachsenen ist das Geschlechterverhältnis der AD(H)S-Betroffenen (nahezu) ausgeglichen.(21)
Insbesondere Frauen mit später Diagnose leiden an den schwersten Symptomen und häufig an Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen, die eine typische Folge eines lange unbehandelten AD(H)S sind.

3.1. Late-Onset AD(H)S: spät entstehendes oder spät diagnostiziertes AD(H)S ?

Die Kriterien der Diagnostik von AD(H)S sahen bis DSM IV vor, dass die ersten Symptome bis zum Alter von 7 Jahren aufgetreten sein müssen. Mit DSM 5 wurde dies auf ein Alter von 12 Jahren erhöht.

Jüngste Erkenntnisse aus bevölkerungsbezogenen Längsschnittstudien deuten darauf hin, dass bei einer Teilgruppe der AD(H)S-Betroffenen die AD(H)S-Symptome erst nach der Kindheit zunehmen und sie erstmals in der späteren Jugend oder im frühen Erwachsenenalter die Kriterien für AD(H)S erfüllen.(22)(23)(24)(25)(26)(27)(20)(28)(29)

Der aktualisierte europäische Konsens zur Behandlung und Diagnose von AD(H)S bei Erwachsenen von 2018(30) weist darauf hin, dass viele AD(H)S-Betroffene ein schlechtes Gedächtnis haben und daher Ereignisse und Einzelheiten ihrere Kindheit nur sehr schwer erinnern können und dass es Berichte von Erwachsenen gibt, die ein erstes Auftreten der ersten Symptome erst nach dem 12. Lebensjahr dokumentieren.(31)(32)

Wird das Alter, bis zu dem die ersten Symptome aufgetreten sein müssen, auf 16 Jahre gesetzt, werden laut einer Studie 99 % der AD(H)S-Betroffenen erfasst.(33)

Demnach hat immer noch jeder hundertste Fall von AD(H)S einen Entstehungszeitpunkt der ersten Symptome nach dem 16. Lebensjahr. Legt man eine Prävalenz für AD(H)S von 8 % zugrunde, wären dies 64.000 Menschen in Deutschland, bei 5 % wären es 40.000 Menschen, die ein late-onset AD(H)S nach dem 16. Lebensjahr haben.
Meist zeigt sich, dass im Jugendalter mindestens ein Symptom hochausgeprägt vorhanden war, was auf fehlerhafte Diagnostik in der Jugend hinweisen könnte.(34)

Eine andere Studie fand bei einer Untersuchung bei jungen Erwachsenen mit AD(H)S, dass nur bei 12,6 % bereits ein AD(H)S in der Kindheit bestand.(35) Demnach könnte AD(H)S sehr viel häufiger als bisher angenommen auch noch nach dem 6. oder 12. Lebensjahr erstmals “auftreten” (late onset). Inzwischen gibt es deutliche Hinweise aus umfangreichen Kohortenstudien in verschiedenen Ländern, dass AD(H)S auch im Erwachsenenalter erstmals “auftreten” kann.(36) Eine Studie zeigte, das bei Kindern mit AD(H)S die Symptome bei bis zu 95 % der Betroffenen im Erwachsenenalter verschwanden, während die Erwachsenen mit AD(H)S zu einem signifikanten Teil als Kinder kein AD(H)S “hatten”.(37) Mehrere Langzeitstudien über 20 bis 40 Jahre zeigen, dass AD(H)S bei Kindern und AD(H)S bei Erwachsenen häufig getrennte Personenkreise betrifft. Bei Erwachsenen war zudem die Geschlechterbeteiligung ausgeglichen, während bei Kindern noch eine männliche Dominanz bestand. Auch dies könnte eine Trennung der Personengruppen andeuten.(38)(39)(40)(41)(21)
Wir gehen jedoch davon aus, dass das AD(H)S in aller Regel bereits früher bestand und nur nicht diagnostiziert wurde – sei es aus Unkenntnis der Ärzte oder Therapeuten oder aufgrund eines intensiven Copings. Gleichwohl bleiben einige Fragen dazu offen.(42)

Eine Veröffentlichung berichtet, dass bei später auftretendem AD(H)S die Ausprägung milder sein solle.(25) Dies steht im Gegensatz zu Berichten, dass insbesondere bei spät diagnostizierten Frauen eine eher schwere Symptomatik mit starker Komorbidität (Depression, Angst) vorliegt.(41)
Das Risiko, erstmals im Erwachsenenalter AD(H)S (diagnostiziert) zu bekommen, scheint zudem mit Komorbiditäten zusammenzuhängen. Im Kindesalter bestehende (AD(H)S)-typische Komorbiditäten scheinen das Risiko zu erhöhen, im Alter AD(H)S zu entwickeln – ebenso wie (was bereits länger bekannt ist) umgekehrt AD(H)S im Kindesalter das Risiko erhöht, im Erwachsenenalter typische Komorbiditäten zu entwickeln.(43)(44)

Eine Langzeitstudie fand, dass von 318 Kindern mit Geburtsproblemen, im Alter von 40 Jahren diejenigen, die schon als Kind AD(H)S entwickelt hatten, nur zu 21 % AD(H)S zeigten, jedoch ein schlechteres Bildungsniveau, mehr AD(H)S-Symptome und exekutive Probleme hatten. Diejenigen, die als Kind Aufmerksamkeitsprobleme, aber kein AD(H)S-Vollbild hatten, hatten mit 40 Jahren zu 6,6 % AD(H)S, diejenigen, die als Kind keine Aufmerksamkeitsprobleme zeigten, hatten zu 6 % AD(H)S. Kontrollen ohne Geburtsprobleme hatten mit 40 zu 1,6 % AD(H)S.(45) Demnach könnten rund 6 bis 6,6 % derjenigen Kinder mit Geburtsproblemen und 1,6 % derjenigen ohne mit 40 Jahren erstmals eine AD(H)S-Diagnose erhalten.

4. AD(H)S-Symptome bei Erwachsenen verändert

Die DSM IV-Kriterien für AD(H)S beschreiben die Symptome von Kindern und nicht spezifisch diejenigen von Erwachsenen.(46)
Die Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen ändern sich gegenüber denen von AD(H)S bei Kindern erheblich.(47)(48) Vor allem Hyperaktivität geht erheblich zurück. Symptome wie Innere Unruhe, Erholungsunfähigkeit und “Ständig Aktiv Sein Müssen” treten in den Vordergrund.

Eine Studie berichtet einen linearen Rückgang der Hyperaktivität von 6 auf 2,9 Punkte von 8 bis 16 Jahren.(49) Unaufmerksamkeit gehe im selben Zeitraum lediglich von 5,8 auf 4,9 Punkte zurück.

Erwachsene haben eine weitaus größere Möglichkeit, ihr Leben so einzurichten, dass die Eigenheiten von AD(H)S (kurze Aufmerksamkeitsspanne, hohe Ablenkbarkeit, Bevorzugung schneller Taskwechsel) nicht mehr Belastung, sondern Vorteil sind. Kinder müssen sich – insbesondere in der Schule – einer strikten Fremdbestimmung unterwerfen. Der Charakterzug von AD(H)S-Betroffenen (und ganz besonders der ADHS-Betroffenen) einer erhöhten intrinsischen und verringerten extrinsischen Motivierbarkeit ist bei der rein extrinsisch motivierenden Schulumgebung hinderlich.(50)

Der Vollständigkeit halber muss zu Friedman angemerkt werden, dass der Frust der Betroffenen, etwas zu tun, was sie nicht wirklich interessiert und was sie in der Folge naturgemäß auch nicht besonders gut können (was für alle Menschen gilt, für AD(H)S-Betroffene aber in ganz besonderem Maße) einen erheblichen Stress auslöst. Dass AD(H)S-Betroffene intensiver auf Stress reagieren, ist bekannt. Alle AD(H)S-Symptome sind klassische Stresssymptome. AD(H)S-Betroffene haben ein überreagibles Stressreaktionssystem.
⇒ AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung

Barkley hat eine Liste typischer Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen erstellt und durch Untersuchungen verifiziert. Körperliche Hyperaktivität nimmt stark ab, Innere Unruhe wird sichtbarer. Ebenso nehme Unaufmerksamkeit deutlich ab.

Die bei Erwachsenen herrschen folgende Symptome vor:

  • Unaufmerksamkeit (gegenüber Kindern um bis zu 40 % verringert)
    Aufmerksamkeitsprobleme nehmen bei Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen um bis zu 40 % ab (die Abnahme ist damit geringer als die der anderen Hauptsymptome).(51) Die Angaben stammen aus den Daten in der Veröffentlichung von Biedermann. Warum die Fachliteratur diese anders interpretiert können wir nicht nachvollziehen. Der aus den Daten ablesbare Rückgang von Aufmerksamkeitsproblemen bei Erwachsenen deckt sich jedoch mit unserer Wahrnehmung (zumindest bei etlichen Betroffenen). Eine Studie berichtet einen linearen Rückgang der Unaufmerksamkeit von 5,8 auf 4,9 Punkte im Alter von 8 bis 16 Jahren.(49)
    Andere Quellen berichten dagegen ein Ansteigen der Unaufmerksamkeit im Alter(52) sowie im Alter zwischen 60 und 94 Jahren gleichbleibende Aufmerksamkeitsprobleme und Exekutivprobleme aus dem Arbeitsgedächtnis, wobei diese teilweise aus Depression stammten.(53)
  • Überaktivität (gegenüber Kindern um bis zu 60 % verringert)
    Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter zu Innerer Unruhe (Barkley) und nimmt gegenüber Kindern / Jugendlichen um bis zu 60 % ab(51)(49)
  • Impulsivität (gegenüber Kindern um bis zu 60 % verringert)
    Impulsivität soll nach verschiedenen Quelle im Vergleich zu Kindern / Jugendlichen um bis zu 60 % abnehmen(51)(54)(49)
    Eine andere Untersuchung stellte keine Veränderung der Impulsivität im Alter fest.(52)
  • emotionale Überreagibilität (bei Erwachsenen verstärkt)(55)
  • Affektlabilität(56)
  • Desorganisation(56)

Einige Veränderungen sind auch neurophysiologisch messbar.

Während bei Kindern mit Hyperaktivität eine Erniedrigung der striatalen und präfrontalen Dopa-Decarboxylaseaktivität bestehe(57), sei dies bei Erwachsenen mit ADHS nicht reproduzierbar.(58) Weiter sei bei Erwachsenen mit ADHS keine Erhöhung der HVA im Liquor nachweisbar. Dies deute ebenfalls darauf hin, dass eine fortbestehende AD(H)S im Erwachsenenalter eine veränderte pathophysiologische Grundlage besitzt.(59) Der HVA-Wert ist allerdings lediglich ein globaler Wert für den Dopaminmetabolismus, während bei AD(H)S das Dopaminniveau verschiedener Gehirnregionen unterschieden werden muss.

Erwachsene haben offenbar eine wesentlich geringere Anzahl von Dopamintransportern im Striatum als Kinder. Je 10 Jahre Lebensalter ergebe sich ein Rückgang um 7 %, wobei die Abnahme im Alter bis etwa 40 Jahre deutlich höher sei als danach. Bei 50-jährigen sei die Anzahl der DAT nur noch etwa halb so hoch wie bei 10-Jährigen.(60)(61)

Die Probleme und die Lebensqualitätseinschränkungen von älteren Erwachsenen mit AD(H)S gleichen nach einer Studie denen von jüngeren Erwachsenen mit AD(H)S. Dies deutet darauf hin, dass es keine langfristigen Verbesserung durch das weitere Altern während der Erwachsenenzeit gibt.(62)

5. Behandlung bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen sind üblicherweise deutlich geringere Mengen an Stimulanzien erforderlich, um das Dopamin- und Noradrenalindefizit im Verstärkungssystem und im dlPFC zu beheben, was damit zusammenhängen könnte, dass sich die Überzahl der Dopamintransporter gegenüber Kindern offenbar teilweise zurückbildet.
Eine (Start-)Dosierung von Stimulanzien wie bei Kindern wäre daher ein ärztlicher Kunstfehler. Unabhängig davon sollte eine Stimulanzienbehandlung stets mit Dosierungen unterhalb der kleinsten Verpackungsdosierungsgrößen eingeschlichen werden

Zuletzt aktualisiert am 01.07.2020 um 00:45 Uhr


10.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, Kapitel Prävalenz, S. 9 ff - (Position im Text: 1)
46.)
Barkley, der an der Kriterienerstellung des DSM IV mitgewirkt hat, in Barkley, Benton (2012, 2017): Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS - (Position im Text: 1)
60.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, Seite 232, mit etlichen Nachweisen - (Position im Text: 1)

Ein Gedanke zu „AD(H)S bei Erwachsenen“

  1. Hallo,
    Ihr Gesamtwerk ist einfach nur großartig… Hut ab und danke für die hier hinter steckende Arbeit!
    Auch als Mutter eines nicht betroffenen Kindes bekommt man durch Kindergartenkontakte oder anderes soziales Umfeld immer wieder Bruchstücke zu dieser Thematik mit. Viel Quacksalberei wird dort betrieben, dabei könnte man Betroffene viel besser verstehen und unterstützen, wenn man die Komplexität des Themas einmal annähernd begriffen hat und dazu muss man hier nicht bis in die tiefsten medizinischen Unterverzeichnisse verzweigen.
    Ich finde – anders als in anderen Kommentaren gelesen – übrigens durchaus, dass die Sprache – von den rein medizinischen und pharmakologischen Details – absolut laienverständlich ist.
    Der Grund für meine intensiven Recherchen zu diesem Thema war letztlich jedoch gar kein Kind, sondern ein sehr geliebter erwachsener Mensch, mit großen Problemen in der Interaktion mit seinem nahstehenden sozialen Umfeld, ganz vorne HSP, Rejection Sensivity mit regelmäßigem Abwärtsstrudel und Depression, Sozialphobie etc. Durch die erwiesene Hochbegabung wurden Coping Fähigkeiten entwickelt, mit denen immer wieder ein zeitweises Zurechtkommen in neuen Umgebungen (-> regelmäßige “Flucht”) möglich war, so dass man sich irgendwann mit diesem Zyklus mehr oder weniger “abgefunden” hatte.
    Die grobe Kenntnis seiner Lebenshistorie und die sehr gut beschriebene Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen wie Borderline, Narzissmus u.a. unterstreichen meinen starken Verdacht von ADHS, bzw. den eher im Erwachsenenalter auftretenden “Spätfolgen” (emotionale Überreagibilität, Affektlabilität, Desorganisation!), wobei nicht einmal die Hyperaktivität gänzlich weg ist.

    Wir sind 70ger Baujahr und wie im Artikel beschrieben, hat man sich in unserer Kindheit mit “so etwas” nicht auseinandergesetzt. Diese Kinder waren halt unbequem und schlecht erzogen…

    Was mich z.B. noch sehr interessiert, weil nicht so differenziert beschrieben, ist: Es macht sicher einen Unterschied aus, ob man mit dem Wissen um diese Störung und auch in “Behandlung” erwachsen wird, oder ob man erst im sogar späteren Erwachsenenalter plötzlich damit konfrontiert wird, dass hinter den fast lebenslangen Problemen ganz platt ausgedrückt ursächlich eine Fehlfunktion von neurophysiologischen Mechanismen steht. Auf einer der anderen Seiten ist beschrieben, dass die Störung an sich der Selbsterkenntnis im Weg steht, weil man nun einmal selbst das Maß aller Dinge ist und z.B. seine eigenen negativen Emotionen auf für nicht-betroffene verhältnismäßig harmlose Gegebenheiten für normal hält und sich gar nicht die Frage stellt, ob es auch “etwas weniger schlimm” ginge. (So habe ich das jedenfalls verstanden und leuchtet auch ein).

    Ich kann absolut verstehen, dass es auf diesen Seiten keine Therapeutenliste gibt… Aber sicher darf ich trotzdem sagen: Die fehlt mir jetzt am meisten, denn jemanden zu finden, von dem man sicher sein kann, dass er sich auf genau dieses Thema und seine Differentialdiagnostik mit der Besonderheit, dass wir hier kein Kind haben, versteht, gestaltet sich fast unmöglich und wenn wir hier an den Falschen geraten oder x verschiedene ausprobieren müssten, da weiss ich jetzt schon, dass der Schuss nach hinten los geht… Die RS ist leider überdimensional ausgeprägt und damit einhergehend ein absolutes Grundmisstrauen in alles und jeden.

    Dennoch bin ich ein Riesenstück weiter und von Herzen dankbar dafür!

    Viele Grüße!

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