Symptome

Dieses Kapitel beschreibt die Gesamtheit der AD(H)S-Symptome, also die subjektiven oder beobachtbaren Auswirkungen von AD(H)S in den Bereichen Verhalten, Wahrnehmung und Empfinden.
Wir haben rund 40 Symptome gesammelt, die unmittelbar von einer AD(H)S ausgelöst werden können.
⇒  Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen.

AD(H)S wird oft missverstanden, weil es keine zu 100 % spezifische Symptome hat. Hätten alle AD(H)S-Betroffenen rot-weiss gestreifte Ohrläppchen, oder wäre die Stressreaktion durch ganz spezifische Reize reproduzierbar (wie z.B. bei PTBS), wäre AD(H)S einfacher zu diagnostizieren.
Alle AD(H)S-Symptome sind jedoch zugleich Symptome von „bloßem“ schwerem akutem Stress und werden vornehmlich durch das Stresshormon CRH aus der ersten Stufe der HPA-Achse vermittelt. Dagegen sind nicht alle Stresssymptome zugleich AD(H)S-Symptome. Mehr hierzu unter AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome.

Von der hier dargestellten Gesamtzahl der Symptome von AD(H)S sind die diagnoserelevanten Symptome nach DSM oder ICD zu unterscheiden. DSM 5 nennt lediglich 8 Symptome:

  1. Unaufmerksamkeit (Ablenkbarkeit und Konzentrationsprobleme, nicht aber Taskwechselprobleme)
  2. Vergesslichkeit
  3. Desorganisation
  4. Hyperaktivität
  5. Impulsivität
  6. Ungeduld
  7. inneres Getriebensein
  8. übermäßiges reden

Dies sind diejenigen Symptome, die AD(H)S besonders von Nichtbetroffenen und von anderen Störungsbildern unterscheiden. Es handelt sich dabei weder um die Symptome, die bei AD(H)S am häufigsten auftreten (nach unseren Daten berichten Betroffene häufiger von Prokrastination häufiger als von Hyperaktivität bei ADHS und als von Unaufmerksamkeit bei ADS; es handelt sich jedoch überwiegend um Erwachsene) noch sind es die Symptome, die am deutlichsten von Nichtbetroffenen alleine (also ohne andere Störungsbilder) unterscheiden (nach unseren Daten wären dies Lernprobleme).
Dass DSM 5 wie ICD 10 nicht alle Symptome von AD(H)S erfassen, ist unstreitig. Beispielsweise werden einige Wender-Utah-Kriterien völlig außer Acht gelassen. Bis DSM IV waren die Kriterienkataloge ausschließlich auf Kinder zugeschnitten, obwohl lange schon bekannt war, dass sich die Symptome bei Erwachsenen verändern (Hyperaktivität lässt nach oder verschwindet, inneres Getriebensein nimmt zu).
AD(H)S bei Erwachsenen

Es gibt kein Symptom, von AD(H)S, das bei allen Betroffenen auftritt. Es gibt AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme (Kinder: ADHS mit überwiegender Hyperaktivität; Erwachsene: ADHS mit überwiegender innerer Unruhe und Erholungsunfähigkeit) und es gibt AD(H)S ohne Hyperaktivität (ADS mit überwiegender Unaufmerksamkeit). Der Mischtyp (Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität / innerer Unruhe) ist am häufigsten.
AD(H)S ist deshalb nicht vom Auftreten einiger bestimmter Symptome, sondern vom häufigen Auftreten einer großen Anzahl von Symptomen aus einem wesentlich größeren Symptomcluster gekennzeichnet. Dabei können die von DSM / ICD genannten Symptome dabei sein, oder eben auch nicht.

Weniger versierte Ärzte und Therapeuten erkennen AD(H)S manchmal nicht, weil die Betroffenen eine andere Symptomzusammensetzung haben. Wenn dies dazu führt, dass Betroffenen eine adäquate Behandlung verwehrt bleibt, ist dies tragisch.
DSM und ICD sind zwar wichtige Qualitätssicherungsinstrumente für die ärztliche Diagnose. Dennoch sind es in erster Linie diagnostische Leitlinien und dürfen nicht als ausschließliche Diagnosemaßgaben missverstanden werden (so auch Allen Frances, der Vorsitzende der DSV-IV-Kommission).
DSM und ICD – Statistiktools, nicht Diagnosemaßstäbe.

Die Diagnose von AD(H)S darf nicht dadurch erfolgen, dass ein bestimmtes Symptom vorliegt (kategorial), sondern durch die Menge der zutreffenden Symptome und deren Intensität (dimensional).(1)(2)

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 1 bis 2 von 18 Symptomen oft (rund 5 %)(3)
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 12 dieser 18 Symptome oft (rund 66 %)(3)

Während bei „bloß“ schwerem akuten Stress die dadurch verursachten Symptome nach Entfall der Stressauslöser wieder verschwinden, ist AD(H)S unserer Auffassung nach eine (genetisch oder durch Gen-Umwelt-Interaktionen ausgelöste) chronische Überreagibilität der Stressregulationssysteme, so dass die AD(H)S-Symptome auch dann auftreten, wenn der Betroffene keine akute schwere Stressbelastung erfährt. Diese Unterscheidung ist – insbesondere für weniger spezialisierte Ärzte und Therapeuten – oft nicht leicht zu treffen.
Dies ist der Grund, warum für eine AD(H)S-Diagnose ein Auftreten der Symptome über einen längeren Zeitraum und in mehreren Lebensbereichen auftreten müssen. Ob die von ICD hierfür geforderten 6 Monate bereits ausreichend sind, bezweifeln wir allerdings.

Jemand, der seit einiger Zeit in einer schweren Lebenskrise steckt, also seit ein oder zwei Jahren schweren selbstwert- oder existenzbedrohenden (= cortisolergen) Stress hat, wird typischerweise während dieser ganzen langen Zeit Stresssymptome in einer Schwere und Häufigkeit haben, dass dies mit AD(H)S verwechselt werden kann.

Um AD(H)S als überreagible Stressregulationssysteme zu erkennen und von Symptomen akuten Stresses zu unterscheiden, muss die Lebensgeschichte desjenigen angeschaut werden. AD(H)S wird durch frühkindliche Stressbelastung verursacht, die eine genetische Disposition aktiviert/manifestiert. Hat derjenige bereits in der Kindheit / Schulzeit überdauernd die (damals noch kindes-)typischen Symptome von massivem cortisolergem Stress gehabt, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit von AD(H)S auszugehen. Sind die Symptome jedoch in den ersten 12 Lebensjahren nicht erkennbar gewesen, dürfte „lediglich“ eine akute Stressüberlastung bestehen.

Während bei Erwachsenen AD(H)S oft verkannt wird, weil noch immer viele Therapeuten und Ärzte lediglich die kindestypischen AD(H)S-Symptome kennen und DSM und ICD deshalb fälschlich unmodifiziert auch auf Erwachsene anwenden, ist bei Kindern sehr viel schwerer zu unterscheiden, ob sie an AD(H)S oder an einer (länger andauernden) akuten Stressbelastung leiden (die aus dem schulischen Umfeld oder aus dem Elternhaus kommen kann), weil man nicht auf eine komplette Schulzeit und weitere Jahre zurückblicken kann. AD(H)S-Diagnosemethoden.
Unabhängig davon sind bei Stresssymptomen bei jüngeren Kindern verhaltenstherapeutischen Maßnahmen für die Eltern oder die Schule erwiesenermaßen hilfreich, während Therapien für das Kinde sich als wenig hilfreich gezeigt haben. Je jünger das Kind, desto dringender sind Hilfestellungen für die Eltern und Bezugspersonen angezeigt, um eine Manifestation einer AD(H)S zu vermeiden. AD(H)S – Behandlung und Therapie

Auch die Frage nach AD(H)S-Subtypen hilft bei der Diagnose nicht weiter. Die klassischen Subtypen ADHS (mit Hyperaktivität/Impulsivität, ohne Aufmerksamkeitsprobleme), der Mischtyp (mit Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit), ADS (Aufmerksamkeitsprobleme ohne Hyperaktivität) der SCT (besonders verlangsamte Entscheidungsprozesse als Unterfall von ADS) sind nach diesseitiger Auffassung nichts anderes als phänotypische Reaktionen auf den durch die dysfunktionalen Stresssysteme ausgelösten intensiven Stress. Der ADHS-Subtyp muss Stress nach außen abbauen, der ADS-Subtyp frisst den Stress in sich hinein und blockiert innerlich. Beim SCT-Subtyp schaltet Stress das klare Denken aus (nach diesseitiger Vermutung, weil zu hohe Noradrenalinspiegel im Gehirn den PFC lähmen).(4) Bei manchen Betroffenen tritt je nach Situation (und Stressor) mehr das eine oder das andere in den Vordergrund. Auch das unterscheidet AD(H)S nicht von massivem Stress. Mehr hierzu unter AD(H)S-Subtypen – die unterschiedlichen Arten von AD(H)S. Erfreulicherweise hat das DSM 5 die Unterscheidung von Subtypen wieder aufgegeben.

Und doch gibt es AD(H)S.

AD(H)S ist nach unserem Verständnis eine chronische Überreagibilität der Stressregulationssysteme.
Die bei AD(H)S dauerhaft geschädigten Stresssysteme antworten auch auf Lebensumstände, die für Nichtbetroffene nicht belastend sind, mit einer Stressreaktion.
AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung

AD(H)S-Betroffene zeigen also auch dann (tatsächlich erlittene) Stressreaktionen, wo andere sich unbelastet des Lebens freuen.

Bei AD(H)S ist ein ganz normaler Bürotag so, als ob der Schreibtisch mitten in der belebtesten Fußgängerzone steht, und direkt daneben alle 3 Minuten eine Straßenbahn entlangfährt.
Dabei ist es gar nicht so einfach, herauszufinden, ob einen das betreffen könnte. Mit was sollte man es vergleichen, wenn man gar kein anderes Leben kennt ?
Dabei ist AD(H)S mehr als nur eine Störung des Reizfilters, wie er unter anderem auch bei Schizophrenie, Manie oder Autismusspektrumsstörungen diskutiert wird. Neben der (bei AD(H)S stets enthaltenen) Hochsensibilität (die als Reizfilterstörung verstanden werden kann) ist weiter die Informationsverarbeitung (vor allem das Arbeitsgedächtnis im dlPFC, das exekutive Funktionen (geplante Aufgaben) steuert und das Verstärkungssystem im Striatum, das Motivation, Antrieb und Inhibition reguliert, und damit auch die Hyperaktivität) und die Stressregulation beeinträchtigt.

Die Symptome von AD(H)S in der Gesamtsammlung sind nach den Art der Wahrnehmbarkeit von Außen gegliedert, nicht anhand ihrer neurophysiologischen Korrelate. Bei einigen Symptomen findet sich ein Verweis auf die Beschreibung der ursächlichen neurophysiologischen Mechanismen.

Um zu verdeutlichen, dass AD(H)S-Symptome zugleich Stresssymptome sind, werden bei den meisten Symptomen der Gesamtsammlung Fundstellen dafür beigefügt, dass es zugleich ein Symptom von schwerem Stress darstellt. Um den Zusammenhang plastisch nachvollziehbar zu machen, wird zugleich der jeweilige Vorteil beschrieben, die die jeweilige Stressreaktion evolutionsbiologisch gehabt haben könnte. Um diesen kurz und prägnant zu bezeichnen, wird im Folgenden der Begriff „Stressnutzen“ verwendet.
Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stresssymptomen
Die Beschreibung von Stressnutzen ist deshalb schwierig, weil diese bislang nicht systematisch wissenschaftlich untersucht wurden, sondern in der Fachliteratur allenfalls am Rande erwähnt wurden. Die diesseitigen Darstellungen sind daher weithin hypothetischer Natur.

Symptome

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 13:25 Uhr


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