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Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen

Dieser Beitrag wurde im Juni 2020 grundlegend überarbeitet.

Die in diesem Kapitel dargestellte Gesamtliste aller AD(H)S-Symptome ist von den Symptomen der diagnostischen Leitlinien nach DSM oder ICD zu unterscheiden.
DSM und ICD konzentrieren sich auf die diagnostisch relevanten Symptome, also diejenigen, die (hier:) AD(H)S besonders gut von anderen Störungsbildern unterscheiden. Dies erweckt zuweilen das Missverständnis, dass die von DSM oder ICD genannten Symptome die einzigen möglichen AD(H)S-Symptome wären.
Nachfolgend werden alle Symptome dargestellt, die durch AD(H)S originäre verursacht werden können. Diejenigen Symptome, die zu denjenigen von DSM und ICD hinzutreten, können originär aus AD(H)S resultieren, aber auch aus anderen Störungsbildern .
Beispiel: schnelleres Autofahren ist bei AD(H)S eines der häufigsten Symptome. Es ist jedoch wenig AD(H)S-spezifisch. Es tritt häufig auch bei Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen, auf. Ein Symptom alleine ist daher nicht aussagekräftig.
Welche Symptome bei AD(H)S besonders hervortreten ist auch unter Experten umstritten.(1)

Die nachfolgende Liste der insgesamt bei AD(H)S möglichen Symptome steht daher in einem von DSM und ICD abweichenden Diagnostikkontext. Die Diagnose von AD(H)S erfolgt nicht dadurch, dass eine spezielle Art von Symptomen vorliegt (kategorial), sondern durch die Menge der zutreffenden Symptome und deren Intensität (dimensional).(2)(3) Die Symptome müssen über einen längeren Zeitraum und in mehreren Lebensbereichen auftreten und vor dem 12. Lebensjahr erstmals sichtbar geworden sein.

In Bezug auf die 18 von Barkley genannten Symptome:(4)

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 1 bis 2 der 18 von Barkley genannten Symptome oft, also rund 5 %.
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 12 der 18 der genannten Symptome oft, also rund 66 %.
  • Kaum ein Betroffener hat alle Symptome “oft”, und es ist kaum typisierbar, welche Symptome gehäuft gemeinsam auftreten.

In Bezug auf die 35 in unserem ADxS.org-Online-Symptomtest Version 2  genannten Symptome 

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 9 der 35 genannten Symptome oft, also rund 26 %.
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 26 der 35 der genannten Symptome oft, also rund 74 %.
  • Kaum ein Betroffener hat alle Symptome “oft”, und es ist kaum typisierbar, welche Symptome gehäuft gemeinsam auftreten.
  • Würden* die Testergebnisse kategorial danach beurteilt, ob mehr als (9+26)/2 = 17,5 Symptome erreicht werden, würden* 94 % aller Probanden, die bereits eine ärztliche AD(H)S-Diagnose hatten, richtig erkannt.
    *Die Testergebnisse werden jedoch dimensional ausgegeben und nicht als einfaches ja/nein-Ergebnis.
    ⇒ AD(H)S-Online-Tests

In Bezug auf die 42 in unserem ADxS.org-Online-Symptomtest Version 3  genannten Symptome: 

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 12 der 42 genannten Symptome oft, also rund 28 %.
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 30 der 42 der genannten Symptome oft, also rund 72 %.

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.

Wichtiger als für die Diagnostik ist die Kenntnis aller möglicher Symptome von AD(H)S für Therapeuten und Betroffene selbst.

Eine wunderbar unterhaltsame und sympathische Sammlung von Berichten Betroffener über AD(H)S-typische Verhaltensweisen findet sich im Forum ADHS-Anderswelt (im Archiv der Waybackmachine).(5)

Inhalt dieser Seite

1. Motorische Symptome

1.1. Hyperaktivität 

Motorische Hyperaktivität ist ein sehr häufiges Symptom von AD(H)S. Hyperaktivität ist jedoch kein zwingendes Symptom von AD(H)S. Es gibt AD(H)S-Betroffene, die sehr an ihren Symptomen leiden, die weder als Kind hypermotorisch noch als Erwachsene voll innerer Unruhe waren / sind.

1.1.1. Motorische Hyperaktivität als AD(H)S-Symptom

Eine motorische Überaktivität ist ein Charakteristikum des Subtyps ADHS und des Mischtyps. Beim Subtyp ADS (überwiegende Aufmerksamkeitsprobleme) ist Hyperaktivität schwächer ausgeprägt.(6)
Hyperaktivität lässt in der Adoleszenz häufig nach. Die Fachliteratur beschreibt, dass sich Hyperaktivität bei Erwachsenen meist in eine Form ständiger innerer Unruhe umwandele. Dies wird zu diskutieren sein.

Das Zappeln und ständige Bewegen könnte als innere Korrektur der Vigilanz (innere Grundspannung) und des zu niedrigen Dopaminspiegels verstanden werden. Bewegung erhöht den Dopaminspiegel.(7)(8) Zappel-Betroffene, die gezwungen werden, stillzusitzen, geben (noch) häufiger falsche Antworten, als wenn sie sich bewegen dürfen.(7) Ebenso erhöht Sport vor der Schule (zum ausreagieren der motorischen Unruhe) die Lernerfolge.(7)

1.1.2. Erscheinungsformen von motorischer Hyperaktivität 

  • bei Kleinkindern:
    • ausgedehnte kindliche Trotzphase
    • ggf mit übermäßigen veritablen Wutanfällen
  • bei Kindern:
    • ständiges Zappeln mit Händen und Füßen oder Herumrutschen auf dem Stuhl (DSM IV/5)
    • steht in der Klasse und anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf (DSM IV/5)
    • läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben) (DSM IV/5)
    • hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen (DSM IV/5)
    • ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie „getrieben“ (DSM IV/5)
    • redet häufig übermäßig viel (DSM IV/5; in ICD-10 als Impulsivitätsmerkmal gewertet). Sprechdurchfall ist auch bei manchen Erwachsenen noch festzustellen
  • bei Erwachsenen:
    • Hyperaktivität (äußerlich/körperlich) lässt bei Erwachsenen bis zu 60 % nach(9)
    • körperliche Unruhe bei Erwachsenen ggf. nur noch in geringerem Maß
      • Fusswippen mit hoher Frequenz (jeweils auch wenn bewusst unterdrückt)(10)
      • Fingertrommeln (auch wenn bewusst unterdrückt)(10)
      • Nägel kauen(11)
      • Lippen beißen
      • Beine verknoten / um Stuhlbein schlingen, um Bewegung zu begrenzen(11)

1.1.3. Altersbedingtes Nachlassen von motorischer Hyperaktivität 

Die Daten des ADxS.org-Symptomtests zeigen folgende Veränderungen in den Altersgruppen:

Altersgruppe motorische Hyperaktivität Innere Unruhe Aufmerksamkeits-probleme
  5-   9 Jahre (n = 9) 0,70 0,80 0,75
10 – 14 Jahre (n = 15) 0,72 0,68 0,83
15 – 19 Jahre (n = 48) 0,45 0,62 0,81
20 – 29 Jahre (n = 373) 0,49 0,70 0,81
30 – 39 Jahre (n = 492) 0,49 0,74 0,83
40 – 49 Jahre (n = 301) 0,46 0,74 0,78
50 – 59 Jahre (n = 158) 0,46 0,72 0,80
60 – 75 Jahre (n = 32) 0,42 0,74 0,72
Männer (n = 630) 0,52 0,73 0,81
Frauen (n = 823) 0,45 0,72 0,80

Stand Juni 2020. Die angegebenen Werte geben die Stärke der Symptome relativ zueinander wieder.
Limitierungen der Aussagekraft:

  • Es sind wenige Datensätze mit Probanden unter 20 Jahren und deutlich zu wenige Datensätze mit Probanden unter 10 Jahren für eine belastbare Aussage vorhanden.
  • Es erfolgte keine Trennung nach ADS und ADHS, so dass das (zufällige) Verhältnis von ADS zur ADHS bei kleinen Gruppengrößen die Daten verzerren kann.
  • Es wurden lediglich die Datensätze ausgewertet, bei denen der Symptomtest Hinweise auf ein bestehendes AD(H)S fand. 
  • Es handelt sich um einen Online-Selbsttest (Screening). 

Die Daten stehen in Übereinstimmung mit der These, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Kindern bis 15 Jahren noch nicht vollständig ausgeprägt sind und dass motorische Hyperaktivität im Erwachsenenalter nachlässt. Sie deuten jedoch darauf hin, dass sich Hyperaktivität nicht in Innere Unruhe umwandelt, sondern dass Innere Unruhe auch bei Kindern besteht und sich lediglich weniger stark zurückbildet als Hyperaktivität. Nach der Rückbildung der motorischen Hyperaktivität scheint die Innere Unruhe lediglich besser sichtbar zu werden.  

Die innere Unruhe, das stetige Gedankenkreisen (Rumination), könnte man als den “kleinen Bruder” der Hyperaktivität bezeichnen. Das Symptom der körperlichen Hyperaktivität verringert sich bei Erwachsenen oder verliert sich sogar ganz. Es wandelt sich dafür von der körperlichen in eine innere Unruhe.

Innere Unruhe als eigenständiges Symptom neben Hyperaktivität ?

Eine interessante Überlegung ist, ob die nach den Daten möglicherweise bereits bei Kindern bestehende Innere Unruhe aufgrund der Tatsache, dass diese sich anders als Hyperaktivität nicht oder nur wenig zurückzubilden scheint, darauf hinweisen könnte, dass Innere Unruhe ein von Innerer Unruhe /  Innerem Getriebensein abzugrenzendes Symptom darstellen könnte.
Vom ursprünglichen (möglichen) Nutzen der Stresssymptome aus gedacht (ursprünglich = bevor die Menschen sesshaft wurden), könnte es hilfreich gewesen sein, wenn Kinder in einer Gefahrensituation eine erhöhte Bewegungsbereitschaft entwickeln, damit sie in Gefahrensituationen zusammen mit der Gruppe besser fliehen können. Erwachsene profitieren von einer Hyperaktivität weniger, denn sie sind es, die die Stressoren bekämpfen müssen. Beim Kampf gegen Stressoren ist ein erhöhter Bewegungsdrang nicht mehr so wichtig wie bei Kindern (die zum Kampf gegen die Stressoren wenig beisteuern können), dagegen tritt in den Vordergrund, alles zu tun, um den Stressor zu bekämpfen und keine Ruhe zu geben, bis die Gefahr bewältigt ist.

Eine Parallele hierzu ist, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen ebenfalls deutlich abnehmen oder sogar ganz remittieren können (wenn auch seltener bzw. schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität)(12), ohne dass bei diesen ein Wandel in ein anderes Symptombild beschrieben würde. Unsere Daten zeigen jedoch allenfalls nur eine sehr schwache Abnahme von Aufmerksamkeitsproblemen bei Erwachsenen.  

Zweifelhaft ist, ob Innere Unruhe / Inneres Getriebensein möglicherweise eher unter eine Überschrift “Antriebsprobleme” passen und dort den Gegenpart zu Antriebslosigkeit darstellen könnte, so wie Ablenkbarkeit (zu leichtes Wechseln des Aufmerksamkeitsfokus) und Taskwechselprobleme / Hyperfokus (erschwertes Wechseln des Aufmerksamkeitsfokus) innerhalb des Überbegriffs “Aufmerksamkeitsprobleme” Gegenparts bilden. Dagegen spricht, dass Antriebslosigkeit stark mit ADS und wenig mit ADHS korreliert, während Ablenkbarkeit und Taskwechselprobleme mit ADHS und ADS gleichermaßen korrelieren.

1.1.4. Hyperaktivität als Stresssymptom

Hyperaktivität, Zappeligkeit ist bei schwerem Stress als typisches Symptom bekannt, ebenso, dass sich bei Stress die Gedanken auf den Stressor konzentrieren (Gedankenkreisen, Rumination).
Stresssymptome sind:

  • Unruhe(13)(14)
    Innere Unruhe ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(15)
  • Rastlosigkeit(16)(17)
  • Bewegungsunruhe(18)

Das Stresshormon CRH, das in der ersten Stufe der HPA-Achse durch den Hypothalamus ausgeschüttet wird, vermittelt unmittelbar einen Bewegungsdrang. Eine erhöhte lokomotorische Aktivität ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(19)(20)(21)(18)(14)

Symptome, die durch Stresshormone selbst unmittelbar vermittelt werden, können gleichwohl auch AD(H)S-spezifischen Symptome sein. Chronischer Stress wie AD(H)S vermitteln ihre Symptome durch Dopamin- und Noradrenalinmangel im Gehirn.

1.2. Grobmotorische Probleme bei AD(H)S

Grobmotorische und feinmotorische Störungen sollten von motorischer Hyperaktivität getrennt betrachtet werden.

Erscheinungsformen:

  • Ungeschicklichkeit
    • häufig anstoßen/hängen bleiben
  • viele Unfälle (Ungeschick trifft auf Hektik)
    • häufige Verletzungen (insb. ADHS)
    • blaue Flecken
  • Koordinationsprobleme (Dyskoordination)
    • z.B. Rad fahren lernen erst mit 6 Jahren
    • z.B. Schwierigkeiten beim Gleichgewicht halten oder beim Einbeinstand(22)
  • Schwierigkeiten der Kraftdosierung

Die ersten Daten aus dem ADxS.org-Online-Symptomtest (Stand Oktober 2018) deuten darauf hin, dass grobmotorische Probleme beim ADHS-Subtyp mit Hyperaktivität weitaus häufiger auftreten als beim ADS-Subtyp. Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen grobmotorischen Problemen und Hyperaktivität/Impulsivität.(23)

1.3. Feinmotorische Probleme bei AD(H)S

Grobmotorische und feinmotorische Störungen sollten von motorischer Hyperaktivität getrennt betrachtet werden.

Erscheinungsformen:

  • krakelige Handschrift(24)
    • überproportional zunehmend bei Diktat unter Zeitdruck(25)
  • Bilder sauber ausmalen fällt Kindern schwer(25)
  • Feinmechanik ist schwierig (z.B. glatte Schnitte mit Schere, kleine Schrauben einsetzen)

Feinmotorische Probleme sind bei ADHS wie bei ADS in etwa gleich häufig.(24)

2. Antriebsprobleme

Antrieb ist eine weitgehend willensunabhängig wirkende aktivierende Kraft, die seelische Leistungen hinsichtlich Tempo, Intensität und Ausdauer bewirkt. Antrieb steuert ,,Lebendigkeit”, Schwung, Initiative, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Tatkraft, ,,Unternehmensgeist”. Der Antrieb zeigt sich in Ausdrucksverhalten und Psychomotorik.
Motivation dagegen bestimmt das angestrebte Ziel.(26)

2.1. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen

2.1.1. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen bei AD(H)S

Innere Unruhe / Getriebensein als AD(H)S-Symptom ist nur scheinbar ein Widerspruch zum zugleich bestehenden Symptom der Antriebslosigkeit.

Der vermeintliche Widerspruch löst sich auf, wenn man intrinsische und extrinsische Ziele / Motive differenziert.
Während Antriebslosigkeit vor allem bezüglich extrinsisch verordneter Ziele besteht, ist in Bezug auf intrinsisch selbst angestrebte Ziele meist ein ausreichender Antrieb gegeben. Eine mögliche Erklärung hierfür ist der Stressnutzen der beiden Symptome. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.1.1.1. Erscheinungsformen von Innerer Unruhe, Getriebensein 
  • Innere Unruhe,  Getriebensein
    • immer etwas tun müssen
    • keine innere Ruhe finden können
      • Gedankenkreisen (Rumination)
    • Verhaltensstrategien, um die innere Unruhe zu reduzieren
      ständig nebenher ausgeübte Tätigkeiten sein
      z.B.:
      • stricken
      • malen
      • kritzeln
    • Langstreckenflüge werden aufgrund der erzwungenen körperlichen Inaktivität häufig aversiv erlebt, ggf. auch lange Theater-, Kino-, Restaurantbesuche(11)
    • häufige Versuche, mehrere Arbeiten gleichzeitig zu erledigen (Form innerer Anspannung)(11)
  • was man gerade tut, meist in Hektik tun
    • wenn man mit etwas fertig ist, schon schauen, was als nächstes zu tun ist
    • wenig “sein”, viel “tun, um zu…”
    • weniger Hinwendung zum “die Sache tun” selbst als zum “fertig werden”
  • Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen
    Dies sei eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)
  • Gedankenkreisen (Rumination)
  • in Gedanken immer woanders
    Beziehungspartner beschreiben das innere Getriebensein auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders”
  • Schneller Autofahren als andere(10)
    Schneller Autofahren ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)
    • mehr Strafzettel
      Anmerkung: das schnellere Autofahren als andere ist auch ein Symptom für Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen. Wie bei fast alles AD(H)S-Symptomen ist ein Symptom alleine nicht aussagekräftig. Entscheidend ist der Kontext und das Zusammentreffen mit weiteren Symptomen.
2.1.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein typisch für ADHS-Subtyp 

Innere Unruhe tritt bei ADHS ganz erheblich häufiger und ausgeprägter auf als bei ADS
Eine Auswertung von 1889 Datensätzen der ADxS.org-Symptomtests zeigt folgende Korrelationen zu ADHS (dem Subtyp mit überwiegender Hyperaktivität und dem Mischtyp) und ADS. Die Korrelationen der genannten Unterskalen von DSM 5, ICD und Wender-Utah mit den Subtypen dienen der Veranschaulichung. 

Symptom Korrelation mit ADHS Korrelation mit ADS
Hyperaktivität 0,85 0,29
Innere Unruhe 0,83 0,32
Impulsivität 0,79 0,34
Erholungsunfähigkeit 0,75 0,35
Ungeduld 0,74 0,36
Frustrationsintoleranz 0,69 0,40
DSM 5 Hyperaktivität / Impulsivität 0,89 0,33
ICD 10 motorische Unruhe 0,81 0,25
Wender-Utah Hyperaktivität 0,82 0,39
Wender-Utah Impulsivität 0,71 0,27

Stand Juni 2020. n = 1889. Die Typisierung ADHS / ADS erfolgte anhand selbst ermittelter Kriterien. Die Zuordnung zu DSM, ICD, Wender-Utah erfolgte mittels Fragen, die den jeweiligen Kriterien nahe kamen.

2.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen als Stresssymptom

Als Stresssymptome sind bekannt

  • (Innere) Unruhe(16)
    Innere Unruhe ist ein typisches Symptom für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(15)
  • Rastlosigkeit(13)(28)(14)
  • Dauerhaftes Grübeln (Rumination)(29)(30)

2.2. Verzögerungsaversion (Delay Aversion)

Verzögerungsaversion (Delay Aversion) kann als das Spiegelbild von Abwertung späterer Belohnungen (Delay Discounting) beschrieben werden und den Gegenpol von Prokrastination im Sinne einer Regulationsstörung darstellen. Beides ist unserer Ansicht nach  Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen die Gefahr zu wehren, alles was auch noch später passieren kann, ist vorerst unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort in Angriff genommen werden. Alles was nicht so wichtig ist, dass es unbedingt sofort passieren muss, kann warten, bis der Stressor besiegt ist. 

2.2.1. Verzögerungsaversion bei AD(H)S

2.2.1.1. Ungeduld; Warten wird als unangenehm empfunden
  • wenn andere nur langsam verstehen, treibt das in den Wahnsinn
  • Eltern erregen sich bei langsamem Verständnis ihrer Kindern bei Hausaufgaben(10)
  • Aufgaben werden begonnen, ohne die vorher die Anweisung anzuhören oder die Anleitung zu lesen.
    Dies ist eines der 9 häufigsten Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen.(27)
    • Bedienungsanleitungen vor Inbetriebnahme von Geräten werden allenfalls diagonal gelesen
    • Aufbauanleitungen von Möbeln werden ungern gelesen
    • dürfte noch mehr ein Ausdruck für eine Abneigung gegen extrinsische Steuerung und für eine Dominanz der intrinsischen Steuerung sein
  • besonders starke Abneigung gegen Staus, Warteschlangen; bis hin dazu, dass diese aggressiv machen können(10), wobei letzteres wohl den ADS-Subtyp weniger betreffen dürfte
  • Schwierigkeiten zu warten bis man an der Reihe ist
  • innere Unruhe, wenn man nicht selbst handeln, sondern handeln anderer begleiten soll
    • z.B. Tendenz, Aufgaben anderer selbst auszuführen, statt es diese (ggf langsamer / schlechter, weil erst lernend) machen zu lassen
  • Tendenz, andere zu unterbrechen
  • Antworten erfolgen, bevor Frage zu Ende angehört wurde
  • Überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(10)
  • Schneller Autofahren als andere(10)
    Dies ist ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)

Anmerkung: Diese Verhaltensweisen finden sich auch bei Betroffenen von z.B. akuter (Hypo)Manie, narzisstischer oder zwanghafter Persönlichkeitsstörung.

  • Dass Langeweile als extrem unangenehm empfunden wird, dürfte eher einer Dysphorie bei Inaktivität zuzuschreiben sein

2.2.2. Korrelation von Verzögerungsaversion mit anderen Symptomen

Nach dem aktuellen Datenstand des ADxS-Symptomtests (Juni 2020, n = 1889) scheint Verzögerungsaversion nicht alleine aus einer Inhibitionsproblematik zu resultieren, wie sie Impulsivität zugrunde liegt, sondern korreliert deutlich stärker mit Innerer Unruhe und Frustrationsintoleranz als mit Impulsivität und als Impulsivität mit diesen. Ebenso scheint die Korrelation mit emotionaler Dysregulation im Vergleich zu Impulsivität erhöht.
Interessanterweise scheint die Korrelation von Verzögerungsaversion zu Prokrastination erheblich geringer als zu Impulsivität und die Korrelation von Prokrastination zu Impulsivität gleich zu der zu Verzögerungsaversion.

Symptome Verzögerungsaversion / Ungeduld Impulsivität
Innere Unruhe 0,85 0,69
Frustrationsintoleranz 0,79 0,57
Impulsivität 0,67  
Verzögerungsaversion / Ungeduld   0,67
Belohnungsaufschubprobleme 0,58 0,46
Erholungsunfähigkeit 0,57 0,45
Unaufmerksamkeit 0,56 0,53
Hyperaktivität 0,55 0,59
Hochsensibilität 0,53 0,43
Rejection Sensitivity 0,53 0,41
Prokrastination 0,34 0,34

Stand Juni 2020. n = Die angegebenen Werte geben die Korrelation der Symptome relativ zueinander wieder.
Limitierungen der Aussagekraft:  

  • Es handelt sich um einen Online-Selbsttest (Screening). 

2.2.2. Verzögerungsaversion als Stresssymptom

Verzögerungsaversion wird auch als Impulsivitätsreaktion verstanden. Es korreliert mit Impulsivität bei Stress, bei Frauen zugleich mit steigender Herzrate.(31)(32)

Stressverringernde Maßnahmen verringern zugleich die Verzögerungsaversion.(33)

2.3. Aversion gegen Inaktivität

2.3.1. Aversion gegen Inaktivität als AD(H)S-Symptom

Aversion gegen Inaktivität ist von Hyperaktivität abzugrenzen. Während Hyperaktivität als eine durch abnorme psychische Übererregbarkeit resultierende motorische Unruhe definiert wird, ist Aversion gegen Inaktivität eine intensive Abneigung dagegen, nicht aktiv zu sein. Der Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität unterscheidet sch deutlich von dem der Hyperaktivität. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

Achtsamkeit oder ähnliche Strategien werden häufig als aversiv erlebt.

2.3.1.1. Langeweile ist extrem unangenehm

Dies ist der Gegenpol zum Gedankenkreisen (Rumination). Inaktivität wird als unangenehm empfunden.
Stressnutzen: Kümmere Dich um Dein Problem. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.3.1.2. Dysphorie bei Inaktivität (passivitätsinduzierte Stimmungstiefs, abzugrenzen von Depression)

Die Wender-Utah-Kriterien beschreiben “Dysphorie bei Inaktivität” als spezifisches AD(H)S-Symptom. Eine – zeitlich begrenzt – abrutschende Stimmungslage bei Inaktivität ist ein klassisches Symptom von AD(H)S. Dysphorie bei Inaktivität wird häufig fälschlich mit Depression verwechselt.

Die bei Dysphorie auftretende gedrückte Stimmung kann

  • episodenhaft
  • kurzfristig oder
  • chronisch

sein.

Depression ist demgegenüber ein Muster von Symptomen, das eine dysphorische, traurige oder niedergeschlagene Stimmung als ein zentrales Symptom aufweist.

Mehr zu den neurophysiologischen Ursachen von Dysphorie / Dysthymie unter Depression und Dysphorie bei AD(H)S.

2.3.1.3. Erholungsunfähigkeit / nicht entspannen/genießen können  

Erscheinungsformen:

  • Erholungsunfähigkeit ist eingeschränkt(34)
    • Selbstwahrnehmung verringert, hier in Bezug auf die eigene Erholungsbedürftigkeit
    • Eingeschränkte Fähigkeit, sich von alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten zu distanzieren
    • Beziehungspartner beschreiben dies auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders.” oder “Er hat ständig sein Smartphone in der Hand, muss immer etwas nachschauen”, wie es bereits bei Innerem Getriebensein beschrieben wurde.
    • Arbeitssucht kann eine Erscheinungsform sein
  • Genussfähigkeit ist vermindert
    • Tätigkeit des Genießens ist eingeschränkt
    • Fähigkeit des Genießens technisch unbeeinträchtigt
      Eine ADS-Betroffene berichtet: Ich kaufe mir zuweilen Avocados, weil ich die sehr gerne mag. Ich schaffe es aber nur selten, sie auch zu essen – sie verderben im Kühlschrank. Als ich das in unserer ADHS-Erwachsenengruppe erzählte, erkannten sich viele darin wieder. Seither heißt das bei uns “Das Avocado-Prinzip”.

Erholungsunfähigkeit kann mit dem FABA-Test (Fragebogen zur Analyse belastungsrelevanter Anforderungsbewältigung) erfasst und diagnostiziert werden.(35)(36)

Erholungsunfähigkeit korreliert etwas stärker mit Hyperaktivität als mit Unaufmerksamkeit und sehr viel deutlicher mit den Hyperaktivitäts-Skalen als den Unaufmerksamkeitsskalen von DSM 5, ICD 10 und Wender-Utah. 

2.3.2. Aversion gegen Inaktivität als Stress-Symptom

Innere und äußere Unruhe sind bekannte Stresssymptome. Im noch extremeren Fall der Depression ist die innere Unruhe, das Getrieben sein als Agitiertheit bekannt, bei zugleich auftretender Motivationsschwäche.

2.4. Antriebslosigkeit

Antriebslosigkeit ist ebenso ein AD(H)S-Symptom wie das innere Getriebensein. Inneres Getriebensein und Antriebslosigkeit sind dabei nach diesseitigem Verständnis vergleichbar mit dem Gegensatzpaar, das von bestimmten Stadien einer atypischen Depression bekannt ist: ein gleichzeitiges nebeneinander Bestehen von Erschöpfung, Mattigkeit und Müdigkeit einerseits und innerer Unruhe und Anspannung andererseits. 
Zu Innerer Unruhe, Inneren Getriebensein siehe oben.

2.4.1. Antriebslosigkeit als AD(H)S-Symptom

Antriebslosigkeit wird häufig als AD(H)S-Symptom beschrieben.

Anders als bei reinen Depression stellt sich bei AD(H)S eine tiefe Depression (gemeint dürfte sein: ein tief deprimiertes Gefühl) und extreme Antriebslosigkeit in kurzer Zeit ein und vergeht rasch wieder.(37) Im Unterschied zu ADHS verlaufen Depressionen episodenhaft über Wochen, Monate oder auch Jahre (und variieren nicht tageweise oder stundenweise). Außerdem sind bei Depressionen nicht nur extrinsisch motivierte Aktivitäten betroffen, sondern auch solche, die die Person normalerweise als angenehm und positiv erlebt, für die sie also intrinsisch motiviert ist. Während einer Depression sind typischerweise alle Tätigkeiten uninteressant und nicht nur einige.

Dies deckt sich mit unserem Verständnis des Stressnutzens, dass Antriebslosigkeit bei Stress nur in Bezug auf Dinge besteht, die für die Bekämpfung des Stressors irrelevant sind. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

2.4.2. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist ein typisches Symptom von schwerem Stress(16)(38)(39) sowie einem nahenden Endzustand eines Burnouts.(15)

Antriebslosigkeit korreliert wesentlich stärker mit Unaufmerksamkeit als mit Hyperaktivität. 

3. Impulsivität / Inhibitionsprobleme

3.1. Impulskontrollprobleme / Inhibitionsprobleme als AD(H)S-Symptome

Zu den neurophysiologischen Ursachen von Impulsivitäts- und Inhibitionsproblemen Die neurophysiologischen Korrelate von Inhibitions- und Impulskontrollproblemen.

3.1.1. Erscheinungsformen von Inhibitionsproblemen bei Kindern

  • platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist (DSM IV/5)
  • unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein) (DSM IV/5)
  • kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist (DSM IV/5)
    Nur schwer warten zu können, bis man an der Reihe ist, betrachten wir nicht nur als Impulsivitätsproblem, sondern zugleich als Problem der Aversion gegen Inaktivität.

3.1.2. Erscheinungsformen von Inhibitionsproblemen bei Erwachsenen

  • spontane, unüberlegte Entscheidungen
    Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen(40), findet sich jedoch auch bei akut (hypo)manischen Betroffenen oder manchen Achse II Problemen.
    • Spontankäufe
      • Etwas kaufen, ohne es zu benötigen
      • Etwas kaufen, ohne Reflektion, ob das Geld dafür reicht
    • spontane Annahme / Kündigung eines Jobs
    • spontaner Beginn / spontane Beendigung einer Beziehung
    • Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen
      Ob dies tatsächlich ein Inhibitionsproblem ist, oder nicht eher eine Frage der Aufmerksamkeitslenkung, ist offen. Bei AD(H)S folgt nach diesseitigem Verständnis die Lenkung der Aufmerksamkeit dem Diktat der Stressmaxime, dass eine (überlebens-)bedrohende, unkontrollierbare Gefahr bestehe. Dies kann zu deutlich abweichenden Beurteilungen darüber führen, was gefährlich ist und was nicht.
  • überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(10)
  • überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(41) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
      • Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an
        • Alkoholkonsum
        • sexueller Aktivität
        • PTSD/PTBS
        • Angststörungen
        • Depressionen
  • Impulsivität bei AD(H)S und erhöhter BMI teilen sich genetische und neurophysiologische Korrelate(42)
  • Sprechweise wird von Umgebung häufig als aggressiv erlebt

Impulsivität alleine ist kein zwingender Hinweis auf AD(H)S. In einer Untersuchung impulsiver Probanden mit und ohne AD(H)S zeigten AD(H)S-Betroffene einen stärkeren Mangel an zwischenmenschlicher Interaktion, unentschlossenere Entscheidungen und geringere motorische Fähigkeiten als die nicht-AD(H)S-Probanden mit und ohne Impulsivität. Impulsivität ohne AD(H)S zeigte gute motorische Fähigkeiten, gute soziale 1:1-Interaktionen, gute Entscheidungsfindung bei Aufgaben der räumlichen Orientierung und eine vielseitigere Lateralität in den unteren Gliedmaßen.(43)

3.2. Impulskontrollprobleme als Stresssymptome

Als typische Stresssymptome sind bekannt:

4. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme 

Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)

4.1. Erscheinungsformen von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

  • Flüchtigkeitsfehler
    • bei Kindern:
      • Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten (DSM IV, DSM 5)
    • bei Erwachsenen:
      • Aversion gegen Handlungsanweisungen(47)
      • mangelnde Konzentration beim durchlesen längerer Aufgaben(47)
      • längere Anweisungen überfordern
  • Aufmerksamkeitsdauer verkürzt bzw. beeinträchtigt
    • bei Kindern:
      • Hat oft Schwierigkeit, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei einer Aufgabe / einem Spiel aufrecht zu erhalten (DSM IV / 5)
      • vermeidet häufig / hat eine Abneigung gegen / beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (DSM IV / 5)
    • bei Erwachsenen:
      • langweilige Aufgaben erhöhen Ablenkbarkeit(47)
  • Taskwechselprobleme
    • bei Kindern:
      • scheint nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen (DSM IV / 5)
      • in Gedanken noch woanders
    • bei Erwachsenen
      • Geschwindigkeit des Wechsels von Aufgaben (Taskwechsel) verringert
      • sind noch mit eigenen Gedanken aus vorangegangener Aufgabe beschäftigt(47)
      • kommen aus Gedankenschleifen nicht mehr heraus
  • Zuhören fällt schwer
    • Aufmerksamkeitsspanne ist zu kurz, um Anweisungen bis zum Ende zu folgen
      (Tendenz zu unterbrechen ist dagegen Impulsivitätsproblem)
  • Umsetzung von Anweisungen fällt schwer
    • Erwachsene: Überforderung aufgrund fehlender Fähigkeit, Aufgaben zu gliedern(48)
    • beim Aufgaben gliedern wandert die Aufmerksamkeit bereits in die Details
  • Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht
    • Kinder:
      • Führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • mitten in Aufgabe wechselt der Fokus auf eine andere Sache
        • Beispiel Putzen(49)
          • Der Boden wird gewischt, bis zum Tisch
          • dort wechselt der Fokus darauf, diesen leerzuräumen
          • Beim Gang in ein anderes Zimmer, um etwas wegzuräumen, findet man den offenen Kleiderschrank und die Kleider davor und beginnt diese einzuräumen.
          • Das Boden wischen fällt einem erst wieder ein, als man ins Wohnzimmer kommt und überrascht am Tisch auf den Eimer und den Mob trifft…
        • Während der Arbeit sucht man etwas im Internet und bleibt dort auf magische Art und Weise gefangen…
  • Konzentrationsprobleme
    • Aufmerksamkeit kann nicht lange aufrecht erhalten werden
    • Aufgaben mit kurzen und häufig wechselnden Anforderungen werden bevorzugt
    • Aufgaben, die länger andauernde Konzentration und Anstrengung erfordern, sind unangenehm und werden gerne vermieden

4.2. Gruppen von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

Wir unterteilen Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S ins 3 Gruppen:

  • Ablenkbarkeit: erhöhter Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus; Probleme, die Aufmerksamkeit bei einem Gegenstand zu belassen, wenn dies erforderlich ist  
  • Aufmerksamkeitswechselprobleme: Probleme, die Aufmerksamkeit von einem Gegenstand zu lösen, wenn es erforderlich ist
  • Konzentrationsprobleme: Probleme, die Aufmerksamkeit länger oder dauerhaft auf einen Gegenstand zu reichten, wenn dies erforderlich ist, selbst wenn keine Ablenkung erfolgt

Diese drei Gruppen repräsentieren unterschiedliche Ausformungen der Aufmerksamkeitsprobleme, die alle für AD(H)S typisch sind. Alle drei Gruppen treten bei AD(H)S häufiger auf als bei Nichtbetroffenen. 

4.2.1. Ablenkbarkeit 

Ablenkbarkeit ist je nach Ursache zu unterscheiden in solche

  • in Bezug auf externe, äußere Reize
    • Ablenkbarkeit
      • lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken (DSM IV / V)
      • Gespräche am Nachbartisch nicht überhören können
      • nicht wegkucken können, wenn in einer Kneipe ein Fernseher läuft
  • durch interne nebensächliche Gedanken (Gedankenwandern, Tagträumen, Wegdriften, Autopilot, zuweilen auch (medizinisch unrichtig) als Dissoziation bezeichnet)
4.2.1.1. Ablenkbarkeit durch äußere Reize

Ablenkbarkeit ist ein Wechsel der Aufmerksamkeit aufgrund eines äußeren Reizes. AD(H)S-Betroffene zeigen häufiger eine erhöhte Ablenkbarkeit als Nichtbetroffene.
Diese Form der Ablenkbarkeit durch äußere Reize scheint zunächst eine unmittelbare Folge des zu weit offenen Reizfilters (Hochsensibilität) zu sein. Vor dem Hintergrund des abweichenden Regimes der Aufmerksamkeitslenkung ist jedoch fraglich, ob die Reizfilterstörung die wesentliche Ursache ist. Da vornehmlich das Maß des intrinsischen Interesses bestimmt, ob die Aufmerksamkeit gerichtet oder ablenkbar ist, und nicht nur die Ablenkbarkeit, sondern auch die Gerichtetheit zeitweilig erhöht ist (Taskwechselprobleme) während zugleich die grundsätzlichen Mechanismen der Aufmerksamkeit und ihrer Lenkung technisch gesehen funktionieren, könnte dies eher darauf hindeuten, dass die Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S Folge einer Änderung der motivationalen Steuerung sind als echte Defizite der Aufmerksamkeit selbst oder bloße Folge einer verringerten Wahrnehmungsfilterung.   

Ablenkbarkeit ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(50)

AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit sei dagegen kaum beeinträchtigt.(51) Letzteres wird von den Ergebnissen unseres Symptomtests nur zum Teil gedeckt. Taskwechselprobleme (Probleme mit dem Wechsel / der Selektion von Aufmerksamkeit) treten bei AD(H)S zwar seltener auf als Ablenkbarkeit, sind jedoch bei Nichtbetroffenen ebenso seltener, so dass die Häufigkeitsdifferenz von Ablenkbarkeit und Taskwechselproblemen zwischen AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen ungefähr identisch ist.   

4.2.1.2. Tagträumen / Gedankenwandern / Gedankenabwesenheit

Tagträumen ist keine Form der Ablenkbarkeit durch externe Reize. Die Aufmerksamkeit wandert vielmehr ohne externen Anlass. Gedankenwandern oder Gedankenabwesenheit sind äquivalente Begriffe.

Tagträumen kann mit dem Mind Wandering Questionnaire (MWQ) gemessen werden.

255 erwachsene AD(H)S-Betroffene wurden nach dem MWQ Ergebnis von mehr oder weniger als 24 in Hi-Level-Gedankenwanderer und Lo-Level-Gedankenwanderer unterschieden. Tagträumen ist demnach nicht spezifisch mit dem ADS-Subtyp ohne Hyperaktivität (“Träumerle”) verbunden, sondern korreliert signifikant mit(52)

  • höherer Unaufmerksamkeit
  • höherer Hyperaktivität
  • schlechteren Exekutivfunktionen
  • mehr allgemeinen psychischen Problemen
  • höherer emotionaler Dysregulation
  • stärker beeinträchtigter Lebensqualität

also mit verstärkter AD(H)S-Symptomatik allgemein.

Bei Kindern mit AD(H)S wurde ebenfalls ein erhöhtes Mind wandering (Tagträumen) festgestellt. Tagträumen konnte AD(H)S eine einer Gruppe von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen mit einer Sensitivität von 0,71 und einer Spezifität von 0,81 ermitteln.(53)

Ein interessanter Bericht nennt ein partielles Schlafen des Gehirns als mögliche Ursache von manchen SCT-Symptomen oder dem Tagträumen.(54)

Eine Studie fand Tagträumen bei Erwachsenen als ein von AD(H)S unabhängiges Symptom, das mit Angst, nicht aber mit Depression korrelierte.(55)

4.2.2. Aufmerksamkeitswechselprobleme

4.2.2.1. Taskwechselprobleme

Taskwechselprobleme beschreiben eine Schwierigkeit, auf eine externe Anforderung hin die Aufmerksamkeit einem anderen Gegenstand zuzuwenden, also auf  eine extrinsische Anforderung hin eine gerade ausgeübte Tätigkeit oder Beschäftigung einzustellen, um sich der neuen Anforderung zu widmen. Folge ist die Schwierigkeit, eine Aktivität oder ein Verhalten zu beenden, wenn man es sollte.

Taskwechselprobleme sind ein AD(H)S-Symptom.(56) Von Dingen, die den Betroffenen besonders interessieren, oder für die er sich aus eigenem Antrieb (intrinsisch) interessiert hat, kann er seine Aufmerksamkeit nur schwer lösen(57) – und zwar ganz besonders, wenn die Anforderung zum Taskwechsel extrinsisch erfolgt und sich nicht mit dem eigenen intrinsischen Interesse des Betroffenen deckt.
Taskwechselprobleme sind daher eine Folge des veränderten Aufmerksamkeitslenkungsregimes.

Taskwechselprobleme sind eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)

Erscheinungsformen von Taskwechselproblemen bei AD(H)S:

  • Probleme, spontan etwas wegzulegen, was gerade beschäftigt und sich anderem zuzuwenden
  • Schwierigkeiten, nach externer Aufforderung den Task zu wechseln
  • Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit auf extern vorgegebenes neues Thema zu richten
  • Für eine neue Aktivität wird eine Vorankündigung bevorzugt
    • 10/15 Minuten Vorankündigungszeit können helfen
  • Schwierigkeiten, bisherige Tätigkeit aus dem Kopf zu bekommen
  • Schwierigkeiten, die Beschäftigung mit einem Gedanken/Thema/Problem abzuschließen
  • Neue Anforderung von außen, während man noch mit etwas anderem innerlich beschäftigt ist, löst leicht Stress / impulsive Reaktionen aus

Ein Betroffener bat seine Mitarbeiter, wenn sie zu ihm ins Büro kommen, ohne anklopfen einzutreten, ihn dann aber nicht anzusprechen, sondern einfach auf einem Stuhl neben der Tür Platz zu nehmen, aus dem Fenster zu sehen und zu warten, bis er das, was er gerade tut, beenden kann. 
Diese (ohne solche Absprache sicherlich unhöfliche) Verhaltensweise bewahrte ihn davor, unmittelbar reagieren zu müssen und ersparte ihm, wie früher kurz tief und genervt zu schnaufen, wenn Mitarbeiter hereinkamen und etwas von ihm wollten, obwohl er noch mit etwas anderem beschäftigt war. 
Die Symptomatik der Taskwechselprobleme blieb selbst unter Stimulanzien noch deutlich erhalten. 

4.2.2.2. Hyperfokus: extreme Konzentration

Hyperfokus ist eine sehr starke Konzentrationsfähigkeit bei der Ausübung von Tätigkeiten, die Dinge betreffen, die den Betroffenen intrinsisch sehr interessieren. Damit geht häufig eine herabgesetzte Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber ablenkenden Reizen einher.

Hyperfokussierung ist ein bekanntes Symptom von AD(H)S, das auch bei Autismus und Schizophrenie auftritt.(58)
Hyperfokus ist nicht wirklich ein Problem, soweit nicht eine stark mangelnde Wahrnehmung von externen Reizen in diesem Zustand besteht. Es ist durchaus von Vorteil, sich auf bestimmte Dinge besonders intensiv konzentrieren zu können. Gleichwohl ist es ein Spezifikum von AD(H)S, weshalb es ein Symptom darstellt. Zudem können die Betroffenen die Hyperfokussierung nicht steuern. 

AD(H)S-Betroffene können bei bestehendem intrinsischem Interesse eine sehr gute Aufmerksamkeit und Konzentration zeigen (bis hin zum Hyperfokus)(59), wenn sie einmal mit einer Tätigkeit begonnen haben, die ihnen Befriedigung verschafft, weil die dann sofort eingehende Belohnung das Verstärkungszentrum aktiv erhält. Dieses Interesse ist allerdings aufgrund der geringeren Anzahl von Dopamin D2- und D3-Rezeptoren im Striatum deutlich schwerer zu erreichen.(60)

Wer einmal einen AD(H)S-Betroffenen im Hyperfokus erlebt hat, in dem stundenlang auch höchst monotone Tätigkeiten höchst konzentriert ausgeübt werden, sofern das intrinsische Interesse des Betroffenen geweckt ist, und bei dem die für das aktuelle Interesse irrelevanten externen Reize sehr gut ausgeblendet werden, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass bei AD(H)S nicht die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an sich, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit gestört ist. Doch auch diese Beschreibung greift unserer Ansicht nach noch etwas zu kurz. Wir meinen, dass bei AD(H)S auch die Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung nicht beeinträchtigt sind, sondern dass die Steuerung der Aufmerksamkeitslenkung beeinträchtigt ist. Verglichen mit einem Auto ist weder das Fahren an sich (die Aufmerksamkeit) noch der Lenkmechanismus (wohin fährt es) beeinträchtigt, sondern der Fahrer ist das Problem – er steuert das (voll funktionierende) Auto (die Aufmerksamkeit) auf ein unpassendes Ziel zu. (Der Fahrer ist hier nicht der Betroffene, sondern ein Symbol für die bei AD(H)S beeinträchtigte Instanz der Aufmerksamkeitssteuerung des Betroffenen). Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit unterliegt einem unpassenden Regime: dem einer daseinsbedrohlichen Stresssituation. In einer solchen wäre die AD(H)S-typische Aufmerksamkeit nämlich hilfreich (Stressnutzen). Hierzu unten mehr.

Der so genannte Hyperfokus – eine andere Bezeichnung ist “Flow”(58) – ist ein Zustand, in dem sich AD(H)S-Betroffene (entgegen der typischen Symptome) ausdauernd, konzentriert und frei von Frustrationsintoleranz oder Ablenkbarkeit mit einem Thema beschäftigen können.

Hyperfokus ist der Zustand, aus dem sich Betroffene von Autismusspektrumsstörungen zu wenig lösen können und in den sich AD(H)S-Betroffene zu wenig hineinbringen können.(61) Die beiden Störungsbilder verbindet, dass die Selbstregulationsfähigkeit der Aufmerksamkeitslenkung beeinträchtigt ist.

Geht es um Themen, die den jeweiligen Betroffenen besonders faszinieren, können diese sich auf einmal stunden-, tage-, nächtelang mit einem ganz spezifischen Thema beschäftigen(62) und haben hier eine sehr steile Lernkurve. Bei weniger interessierenden Themen ist die Lernkurve bei AD(H)S dagegen typischerweise verlangsamt bzw. verzögert.(63)

Ein AD(H)S-Betroffener berichtete: “Ich war einmal in einem Großraumbüro mit einer Aufgabe befasst, die mich sehr  faszinierte. Dabei bekam ich nicht einmal mit, dass Kollegen mich mehrfach angesprochen hatten. Bei einer weniger spannenden Aufgabe wäre mir das ganz sicher nicht so passiert.”

Die von uns befragten weiteren ADHS-Betroffenen äußerten einstimmig, dass sie den Zustand des Hyperfokus, wenn sie etwas wirklich interessiert, sehr gut kennen. Sie bestätigten weiter, dass sie sich in diesem Zustand dauerhaft mit einem Thema beschäftigen können, ohne von Konzentrationsproblemen, Aufmerksamkeitsproblemen, Ablenkbarkeit oder Frustrationsintoleranz belastet zu sein. Das Problem ist, dass das erforderliche Interesse nicht ausreichend steuerbar ist.

Alle Menschen können sich auf Dinge, die sie interessieren, besser konzentrieren. Nichtbetroffene können sich jedoch sehr viel besser motivieren, sich auch auf weniger spannende Dinge zu konzentrieren als AD(H)S-Betroffene.(64) Dies ist keine Frage des Charakters oder des Bemühens, sondern schlicht eine Frage der Fähigkeit.(65) In dem Maße, wie diese Fähigkeit AD(H)S-Betroffenen fehlt, ist dies ein Symptom von AD(H)S. Brown zitiert einen Betroffenen mit dem schönen Bild einer geistigen erektilen Dysfunktion. Wenn etwas interessant ist, kann man agieren. Wenn kein intrinsisches Interesse besteht, kann man machen was man will – es wird nicht funktionieren.(64)

Die Interpretation von Barkley(66), Hyperfokus sei eine Form von Persevation(67), also eine Form von Begleitstörung, teilen wir nicht. Eine Begleitstörung befähigt nicht zu stundenlanger konzentrierter Arbeit, wenn das Thema nur spannend genug ist. Der Hyperfokus ist vielmehr eine gesunde Reaktion auf ein intensives Interesse. Es deutet viel mehr darauf hin, dass die Interessenintensität bei AD(H)S von Nichtbetroffenen abweicht. Sie kann deutlich geringer sein (Aufmerksamkeitsprobleme zur Folge hat) oder deutlich erhöht (was Taskwechselprobleme oder einen Hyperfokus zur Folge hat).

4.2.3. Konzentrationsprobleme als AD(H)S-Symptome

Konzentration ist die zielgerichtete Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand.

Konzentrationsprobleme können aus einer zu geringen Aufmerksamkeitsspanne resultieren. Diese zu geringe Aufmerksamkeitsspanne scheint unabhängig von den Problemen der Ablenkbarkeit zu bestehen. 

Konzentrationsprobleme sind ein Hauptsymptom von AD(H)S. Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27)

Eine Folge einer verkürzten Aufmerksamkeitsspanne kann sein, dass die Betroffenen es vermeiden oder eine Abneigung dagegen haben, sich mit Aufgaben zu beschäftigen, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern. Eine kurze Aufmerksamkeitsspanne erhöht zugleich die Schwierigkeiten, Anweisungen bis zum Ende zu folgen.

4.3. Ursache von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S – Motivationsprobleme ?

Die grundsätzliche (technische) Funktionalität der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitslenkung ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S sind Folge einer anderen Motiven folgenden Aufmerksamkeits- und Motivationslenkung. Das Regime, die Maßstäbe, anhand derer die Aufmerksamkeitslenkung erfolgt, ist verändert. Sie entspricht der von Menschen, die extremen, lebensbedrohlichen Stressoren unterliegen und ist insofern “technisch” gesund, als ein solches Reaktionsmuster bei existenzieller Bedrohung überlebenshilfreich ist. Man kann die veränderte Aufmerksamkeit als eine gesunde Reaktion auf starke Stressoren betrachten, so wie Fieber eine gesunde Immunantwort auf Erreger ist. Die Störung bei AD(H)S liegt darin, dass dieses Aufmerksamkeitsregime angewendet wird, obwohl keine adäquaten Stressoren bestehen. Vergleichbar wäre in diesem Bild eine Fieberreaktion ohne einen vorhandenen Erreger oder Auslöser.  

Kinder mit AD(H)S zeigen oft normale Aufmerksamkeitsfähigkeiten, wenn sie Dinge tun, die sie mögen, haben aber Schwierigkeiten bei extern gestellten Anforderungen, die nicht ihr Interesse wecken.(68) Die Steuerung unterliegt verstärkt intrinsischen Motiven. Nicht die grundsätzliche Fähigkeit zur Aufmerksamkeit ist gestört, sondern die Fähigkeit, diese zu steuern (auf etwas zu lenken ebenso wie von etwas zu lösen).(69) 

Ein Betroffener: “Der Satz – Siehst Du, Du kannst doch, wenn Du willst  – ist einer der meistgehörten Sätze meiner Kindheit und Jugend. Es war furchtbar: ich wollte ja, aber ich konnte einfach nicht. Erst ab einem bestimmten Level – sei es an Interesse oder sei es an Ärger mit meinen Eltern – brachte ich es endlich fertig, das zu tun, was ich ja eigentlich auch wollte, was mich aber zu meinem eigenen Leid so wenig interessierte: Hausaufgaben hinter mich bringen, oder andere langweilige Dinge erledigen. Und natürlich fühlte ich mich dafür unendlich schuldig.”

AD(H)S schwankt zwischen einer zeitweilig verringerten Ablenkbarkeit (Taskwechselprobleme oder, eher selten, der sogenannte Hyperfokus) und einer zeitweilig erhöhten Ablenkbarkeit. Wann welche Abweichung auftritt, hängt entscheidend davon ab, welches intrinsische Interesse an der gerade ausgeübten Tätigkeit oder Beschäftigung besteht. 

Unaufmerksamkeit kann – insbesondere bei Erwachsenen – durch Angst oder zwanghafte Copingstrategien maskiert sein.(70)

4.4. Altersentwicklung von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

Unaufmerksamkeit tritt nicht bereits im Kindergarten oder den ersten Schuljahren auf.(71) Manche Quellen nennen sogar 14 oder 15 Jahre für die Erstmanifestation.(72) Eine sehr frühe Erstmanifestation von Unaufmerksamkeit wird bei fetalem Alkoholsyndrom beschrieben.(73)
Unaufmerksamkeit remittiert im Erwachsenenalter seltener und schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität.(12) Die Ansicht allerdings, Unaufmerksamkeit würde im Erwachsenenalter stets unverändert hoch bleiben(71) wird zu diskutieren sein.

4.5. AD(H)S ohne Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme 

Aufmerksamkeitsprobleme sind eines der auffälligsten AD(H)S-Symptome nach Hyperaktivität.
Dennoch liegen diese nicht bei allen Betroffenen vor. DSM IV, der (anders als der aktuelle DSM 5) noch Subtypen definierte, beschrieb mit dem ADHS-Subtyp Betroffene, die vorwiegend hyperaktiv-impulsive Symptome und kaum Aufmerksamkeitsprobleme hatten. Dieser Subtyp ohne Aufmerksamkeitsprobleme ist vornehmlich bei Kindern anzutreffen und dürfte häufig eine Vorstufe zum Mischtyp sein. Denn grundsätzlich werden Aufmerksamkeitsprobleme aufgrund der Gehirnentwicklung des Menschen erst im Alter ab 7 Jahren,(71) nach mancher Auffassung sogar erst im Alter ab 14 oder 15 Jahren erkennbar,(74) es sei denn als Symptom anderer Störungen, z.B. bei fetalem Alkoholsyndrom.(75)
Dies wurde zuweilen so interpretiert, dass der reine ADHS-Subtyp (nur Hyperaktivität, keine Unaufmerksamkeit) nur bis zu diesem Alter auftrete.(76) Wahrscheinlicher dürfte sein, dass der reine ADHS-Subtyp zwar bei Kindern häufig eine Vorstufe zum Mischtyp darstellt, es unter Erwachsenen aber immer noch einen nennenswerten Anteil (knapp 10 %) an Betroffenen ohne starke Aufmerksamkeitsprobleme, jedoch mit erheblichen übrigen AD(H)S-Symptomen gibt.

Von 1433 Probanden unseres ADxS.org-Symptomtest mit einem positiven AD(H)S-Test(Screening)-Ergebnis (wovon 1390 20 Jahre und älter waren) wurden bei 102 keine Konzentrations-/Aufmerksamkeitsprobleme gefunden (davon 1 jünger als 20 Jahre), mithin 7,1 % (Stand Juni 2020). 21 zeigten keine Ablenkbarkeit (1,5 %), 162 keine Taskwechselprobleme (11,3 %).
Bei den Nicht-AD(H)S-Betroffenen war die Quote der von Ablenkbarkeit betroffenen deutlich höher als bei Konzentrationsproblemen oder Taskwechselproblemen, so dass die Diagnostikgenauigkeit (die Differenz der Maße von Konzentrationsproblemen, Ablenkbarkeit und Taskwechselproblemen) zwischen AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen jeweils ungefähr gleich war.  

Streitig ist, ob einmal aufgetretene relevante Probleme mit Unaufmerksamkeit im Erwachsenenalter wieder nachlassen oder remittieren können.(77)(78) Wenn AD(H)S nicht zwingend lebenslang fortbesteht, also bei 30 bis 50 % aller im Kindesalter Betroffenen im Erwachsenenalter vollständig remittiert, dann remittiert damit auch die Unaufmerksamkeit. Dies spricht dafür, dass Unaufmerksamkeit remittieren kann. Statistische Daten bestätigen, dass Unaufmerksamkeit seltener remittiert als Hyperaktivität bzw. dass das Nachlassen der Symptomschwere bei Unaufmerksamkeit niedriger ist. Gleichwohl wurde bei 18-20-jährigen, die noch ADHS hatten, bei 10 bis 15 % eine Remission der Aufmerksamkeitsprobleme festgestellt.(12) Eine Studie an 144 Erwachsenen, bei denen als Kinder AD(H)S diagnostiziert worden war, stellte bei 3,3 % eine rein hyperaktive AD(H)S-Form fest, also Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeitsprobleme.(79)
Möglicherweise ist die Unaufmerksamkeit als eines der stärksten Symptome dasjenige, das am längsten spürbar ist.

Diesseits sind etliche Betroffene bekannt, die zwar eine große Fülle der typischen AD(H)S-Symptome zeigen und auch auf Stimulanzien positiv ansprechen, im Bereich der Aufmerksamkeit jedoch wenig bis keine Probleme haben. Betroffene, die mehrere Symptomen eines überreagiblen (d.h. der äusseren Situation unangemessen überreagierenden) Stressreaktionssystems zeigen, leiden an den verbleibenden Symptomen auch dann, wenn Aufmerksamkeitsprobleme nicht darunter sind.

Zweifelsfrei gibt es (ehemals) Betroffene, bei denen die Unaufmerksamkeit und die Hyperaktivität ihrer Kindheit und Jugend remittiert sind. Denn nur bei etwa 50 % aller Betroffenen bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.
Unbestritten gibt es Betroffene, die keinerlei Hyperaktivität haben (ADS).

Anders herum:
Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter meist zu einen inneren Getriebensein. Dies ist etwas weniger unangenehm auffällig, jedoch für die Betroffenen nicht minder belastend.
Menschen, die als Kinder und Jugendliche eine reine ADHS (ohne Aufmerksamkeitsprobleme) hatten, und deren Hyperaktivität sich erwachsenentypisch zu einer reinen inneren Unruhe gewandelt hat und somit nun nicht mehr durch Hyperaktivität negativ auffallen, und seit jeher keine Aufmerksamkeitsprobleme hatten, mögen für ihre Umgebung angenehmer sein und stehen deshalb wahrscheinlich häufiger nicht im Verdacht einer belastenden Störung. Sofern die Belastung durch die übrigen Symptome jedoch weiterbesteht, haben auch diese Menschen ein Recht auf Hilfe und Behandlung.

Wir vertreten daher die Hypothese, dass es einen (kleinen) Kreis von AD(H)S-Betroffenen gibt, bei denen Aufmerksamkeitsprobleme eher schwach ausgeprägt sind oder auch ganz nachgelassen haben. Die von einigen Ärzten und Therapeuten betriebene Testdiagnostik, die alleine auf Daueraufmerksamkeitsfehler abzielt, oder die AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme ausschliesst(80) ist deshalb nach diesseitiger Auffassung irreführend und könnte knapp 10 % der Erwachsenen AD(H)S-Betroffenen nicht erfassen.

Entscheidend ist nach diesseitiger Auffassung nicht, ob bestimmte einzelne Symptome des Symptomclusters vorhanden sind, sondern ob

  • eine große Menge der Symptome aus der Symptomgesamtheit auftreten
    und
  • deren Auftreten unabhängig (ausserhalb) von akuten Stresssituationen (z.B. Mobbing, familiäre Probleme) eine Diagnose rechtfertigt.

Dies entspricht dem von Barkley(81) dargestellten Modell, wonach sich AD(H)S-Betroffene von Nichtbetroffenen recht zuverlässig anhand der Anzahl des häufigen Auftretens von 18 Symptomen identifizieren lässt. Siehe hierzu den Text in der Einleitung dieses Beitrages.

In aller Regel sind Aufmerksamkeitsprobleme ein zentrales Symptom von AD(H)S. Doch auch wenn dies eher die Ausnahme ist, sollte die Möglichkeit von AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme auch bei Erwachsenen nicht außer acht gelassen werden.
Neurophysiologische Korrelate von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

4.6. Aufmerksamkeitsprobleme als Stresssymptome

Ablenkbarkeit, Aufmerksamkeitsprobleme und Störanfälligkeit sind typische Symptome von schwerem Stress.(13)(38)(82)(83) Konzentrationsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress, auch ausserhalb von AD(H)S.(29)(13)(84)(38)(85)

Fast jede psychische Störung geht mit Aufmerksamkeitsproblemen einher(86), z.B.:

  • Depressionen
  • Psychose
  • Tourette
  • Manie
  • Panikstörungen
  • Zwangsstörungen

Stress verringert die willentliche Steuerungsfähigkeit der Aufmerksamkeit (das “searchlight of attention”). Im Extremfall eines Schocks ist die Steuerbarkeit nahezu aufgehoben.(87)

Eine verständliche Übersicht über Aufmerksamkeit findet sich unter http://www.neuropaedagogik.de/html/aufmerksamkeit.html.

5. Gedächtnisprobleme

5.1. Vergesslichkeit

  • Vergesslichkeit
    Vergesslichkeit kann aus Ablenkbarkeit resultieren, wenn ein anderer Reiz die Aufmerksamkeit so erregt hat, dass der bisherige Gegenstand er Aufmerksamkeit aus den Augen verloren wird.
    Vergesslichkeit kann auch aus Gedächtnisproblemen resultieren, wenn kein anderer Reiz die Aufmerksamkeitsfokus verändern oder den bisherige Thema aus dem Gedächtnis verdrängt.
    • Kinder:
      • Ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich (DSM IV / 5)
      • verliert häufig Gegenstände, die für Alltagstätigkeit benötigt werden (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • Unfähigkeit, sich an Handlungen/Vorkommnisse/Absprachen zu erinnern(47)
      • Ausgangssituationen werden nicht mehr erinnert(47) was das Gefühl bewirken kann, ständig in unvorhergesehenen Situationen zu befinden
      • subjektives Gefühl, an Alzheimer zu leiden(47)

5.2. Lernprobleme

Bei AD(H)S ist häufig die Lernfähigkeit beeinträchtigt.
Die AD(H)S-spezifischen Lernprobleme resultieren unter anderem aus einer verringerten Spiegeln von GABA, Wachstumshormon und BDNF, die für die Neuroplastizität (die Bildung neuer Synapsen) erforderlich sind. Mehr hierzu unter Neurophysiologische Korrelate von Lernproblemen. Lernprobleme resultieren auch aus Exekutivproblemen (Organisationsproblemen).(88)

  • Lernfähigkeit erfordert sofortige Rückmeldung
  • aus Strafe wird kaum gelernt
    Strafen werden prinzipbedingt meist zeitverzögert erteilt
    Strafen sind daher grundsätzlich schlechtere Lernverstärker.
    Strafen hemmen Verhalten, sie wirken nicht als Verhaltensverstärker.
    (Schulisches) Lernen ist (neurophysiologisch betrachtet) ein Prozess der Verstärkung, weniger der Hemmung.
    Auch Nichtbetroffene lernen über Lob und Motivation besser als über Strafen.
    AD(H)S-Betroffene lernen aus Strafen jedoch noch schlechter als Nichtbetroffene.
    Unabhängig davon reagierten AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(89)
  • Lernfähigkeit bei AD(H)S scheint unabhängig zu sein von Delay Aversion oder Arbeitsgedächtnisproblemen.(90)

5.3. Gedächtnisprobleme als Stresssymptome

Vergesslichkeit(13) und Gedächtnisprobleme(91)(13)(92) sind typische Stresssymptome.

Stress beeinträchtigt

  • das implizite Gedächtnis(93)
  • das deklarative Gedächtnis(93)
  • das Arbeitsgedächtnis(93)

Beeinträchtigungen aller dieser Gedächtnisbereiche werden auch bei AD(H)S beschrieben, wobei nicht jeder AD(H)S-Betroffene Beeinträchtigungen in allen Gedächtnisbereichen zugleich aufweist.(94)

Vergesslichkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(13)/ Gedächtnisprobleme(13)(85)

Zu den Beeinträchtigungen des Gedächtnisses durch Stress siehe oben unter Ablenkbarkeit und Aufmerksamkeitsprobleme sind Stresssymptome.

6. Denkblockaden / Entscheidungsfindungsprobleme

6.1. Denkblockaden als AD(H)S-Symptom

Denkblockaden sind eine phasenweise Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit, die meist durch eine große akute Stressbelastung hervorgerufen wird. 

Ein typisches Beispiel von Denkblockaden sind Prüfungsblackouts

  • Entscheidungsprobleme

Denkblockaden treten bei ADHS wie bei ADS etwa gleich häufig auf. 

6.2. Entscheidungsfindungsprobleme als AD(H)S-Symptom

Entscheidungsfindungsprobleme meint Probleme mit dem Treffen von Entscheidungen, nicht Probleme mit der Qualität oder  Richtigkeit getroffener Entscheidungen.

Entscheidungsprobleme scheinen bei ADS deutlich häufiger aufzutreten als bei AD(H)S. Dies deutet darauf hin, dass die verschiedenen Erscheinungsformen unterschiedliche neurophysiologische Korrelate haben. 

Während ADHS verstärkt mit einer zu spontanen, zu impulsiven Entscheidungsfindung korreliert, ist bei ADS die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen häufig massiv beeinträchtigt. Selbst einfache Entscheidungen können das Gefühl einer Überforderung auslösen.

Eine Studie fand, dass die Entscheidungsqualitätsprobleme von Jugendlichen mit AD(H)S weniger aus einer Risikoaffinität als aus einer suboptimalen, weil weniger komplex bewertenden Entscheidungsfindung resultierten, die nicht alle entscheidungsrelevanten Faktoren berücksichtigte.(95)

6.3. Neurophysiologische Korrelate von Denkblockaden und Entscheidungsfindungsproblemen

Hohe Noradrenalinspiegel blockieren den PFC via Alpha-1-Adrenozeptoren und verlagern die Verhaltenssteuerung auf posteriore Gehirnregionen.(96)(97)(98)(99) Da der PFC für die Abwägung multipler Entscheidungsoptionen sehr wichtig ist, führt eine Blockade des PFC naturgemäß zu erhöhten Entscheidungsfindungsproblemen.
Entscheidungsfindungsprobleme sind von Schwierigkeiten der Zeitwahrnehmung abzugrenzen.(100)

Genaueres hierzu siehe unter Neurophysiologische Korrelate von Denkblockaden und Entscheidungsproblemen

6.4. Denkblockaden als Stresssymptome

Denkblockaden sind auch als Symptome von schwerem Stress bekannt.(16)(92)

7. Exekutivprobleme / Planungs- und Organisationsschwierigkeiten

Exekutivfunktionen sind die Fähigkeiten der

  • Planung, Organisation und Problemlösung(101)
    und der
  • Inhibition(101)
    • Reaktionshemmung
    • Kontrolle der Ablenkbarkeit
      • Ablenkbarkeit
      • “Shifting”(101)
    • Selbstregulation
      • emotional(101)
      • motivational

Während Inhibition neurophysiologisch im Striatum reguliert wird (siehe hierzuNeurophysiologische Korrelate von Inhibitionsproblemen und Impulsivität bei AD(H)S), wird die Planung und Problemlösung durch den dlPFC bearbeitet.
Der dlPFC beherbergt die Funktion des Arbeitsgedächtnisses, das ein wichtiges Instrument der Planungs- und Problemlösung ist.

Bewusste Kontrolle (Effortful Control) scheint ein ähnliches Konstrukt zu beschreiben wie Exekutivfunktionen.(102)(103)

Exekutivprobleme haben nach einer Untersuchung einen größeren negativen Einfluss auf Quality of Life und die tägliche Funktionalität von Betroffenen als verzögerungsbedingtes Verhalten und emotionale Dysregulation.(104)

7.1. Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren

Für AD(H)S spezifisch ist die Beeinträchtigung, ein vorgedachtes zukünftiges gerichtetes Handeln durchzuführen. Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren seien eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(27) 

  • Desorganisation
  • Das Leben gleicht einer Aneinanderreihung unfertiger Projekte
  • Mangelhafter Überblick bei Organisation von Aufgaben (bei Kindern wie bei Erwachsenen)(47)
  • wichtig und unwichtig können schlecht getrennt werden (bei Erwachsenen)(47)
  • Unordnung in der Wohnung
    • ggf Überkompensation durch penible Ordnung, weil Unordnung der innere Feind ist (siehe hierzu auch Perfektionismus)
  • Dinge wegzuwerfen fällt schwer(105) (siehe hierzu auch  Messi-Tendenz, Hoarding)

7.2. Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können)

Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können) soll ein weiteres der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen sein.(27)

  • Termine/Zusagen werden vergessen (siehe auch Vergesslichkeit)
  • Termine/Absprache werden nicht erinnert
  • Leben ohne den (Handy-)Kalender wäre unmöglich
    • alles muss sofort notiert werden
    • was nicht sofort notiert ist, ist schon fast vergessen

7.3. Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun

Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun, soll ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen sein.(27)

7.4. Neurophysiologische Korrelate von Exekutivproblemen

Exekutivprobleme sind die Folge einer Dysfunktion des Arbeitsgedächtnisses, das im dorsolateralen PFC liegt.
Dopamin- / Noradrenalinmangel im dlPFC führt zu den beschriebenen Exekutivproblemen bei AD(H)S.

Mehr hierzu unter Neurophysiologische Korrelate von Arbeitsgedächtnisproblemen bei AD(H)S 

7.5. Exekutivprobleme als Stresssymptome

Chronischer Stress bewirkt verringerte Dopaminspiegel im PFC, welche die Funktion des Arbeitsgedächtnisses im dlPFC und damit der Exekutivfunktionen beeinträchtigen.(106) Akuter Stress bewirkt Einschränkungen der Exekutivfunktionen über erhöhte Dopaminspiegel, die den dlPFC beeinträchtigten.(107)

Mehr zur Entwicklung von Neurotransmitter- und Hormonsystemen durch chronischem Stress (Stressphasen) unter Veränderung des dopaminergen Systems durch chronischen Stress im AbschnittLanganhaltender, chronischer Stress im Beitrag Stressschäden durch frühen / langanhaltenden Stress im Kapitel Stress.
Mehr zur Veränderung von Hormon- und Neurotransmittersystemen über verschiedenen StressphasenZusammenbruch von Neurotransmittersystemen über die Stressphasen im Beitrag Die Stresssysteme des Menschen – Grundlagen von Stress im Kapitel Stress.
Mehr zur Beeinträchtigung von Gehirnfunktionen bei nicht optimalen Neurotransmitterspiegeln (reversed U) unter Optimaler Neurotransmitterspiegel = optimale Informationsübertragung im Beitrag Neurotransmitter bei Stress im Kapitel Stress.

8. Wahrnehmungssymptome

8.1. Hochsensibilität / zu weit offener Reizfilter

8.1.1. Hochsensibilität / zu weit offener Reizfilter als AD(H)S-Symptom

Reizoffenheit(10) ist ein Symptom von AD(H)S, das zuweilen auch Reizfilterschwäche genannt wurde. Diese Bezeichnung betrifft indes lediglich einen Teil von AD(H)S.

AD(H)S geht fast immer mit einer Hochsensibilität einher. In unserem ADxS-Online-Symptomtest fanden sich bei 87 % von 200 diagnostizierten AD(H)S-Betroffenen Anzeichen von Hochsensibilität. Dies entsprach in etwa dem Wert für Aufmerksamkeitsprobleme, ist also sehr hoch. Hochsensibilität ist eine erhöhte Wahrnehmungsintensität. Andere Untersuchungen fanden ebenfalls eine Korrelation von Hochsensibilität mit AD(H)S-Symptomen und zudem mit geringerer Lebensqualität(108), wobei Hochsensibilität bei AD(H)S häufig mit komorbider ODD oder Angst einhergeht und unabhängig vom Subtyp besteht.(109) Eine Auswertung von knapp 1900 Datensätzen des ADxS-Online-Symptomtests (Stand Juni 2020) fand ebenfalls, dass Hochsensibilität im gleichen Maße mit ADHS wie mit ADS korrelierte. Interessanterweise fand eine andere Untersuchung eine Korrelation von SOR (Sensory-Over-Responsivity) bei AD(H)S mit einer erhöhten Cortisolstressantwort (was unserer Auffassung nach beim ADS-Subtyp häufiger auftritt), während non-SOR-AD(H)S-Betroffene eine abgeflachte Cortisolstressantwort zeigten (wie es unserer Auffassung nach beim ADHS-Subtyp häufiger ist). SOR war nicht mit bestimmten externalisierenden Verhaltensweisen assoziiert, jedoch mit einer Vermeidung von sensorischen Reizen.(110)

Insbesondere taktile Hochsensibilität bei AD(H)S soll mit erhöhter Ängstlichkeit korrelieren.(111) Weiter fand sich eine Korrelation zwischen SOR und Ängstlichkeit.(112)

Etwa die Hälfte aller AD(H)S-Betroffenen erfüllt zugleich die Kriterien des Sensory-Over-Responsivity Tests.(113)(111) Hierzu wurde hypothetisiert, dass SOR mit einem GABA-Mangel korrelieren könnte. 

AD(H)S teilt mit Hochsensibilität den zu weit offenen Reizfilter, der wahrscheinlich vom Thalamus gesteuert wird.
Beispiele:

  • Lichtempfindlichkeit
    • visuelle Sensibilität
  • Lärm-/Geräuschempfindlichkeit
    • akustische Sensibilität
  • Schreckhaftigkeit
  • Emotionale Sensibilität
    • Gefühle anderer übertragen sich
    • Stimmungen anderer unangenehm intensiv empfinden
    • Filme
      • können leicht zum weinen bringen
      • (bestimmte) Filme nicht anschauen mögen, weil zu intensive Empfindungen
  • Gerüche intensiver wahrnehmen
    • olfaktorische Sensibilität
  • Taktile Sensibilität
    • raue Stoffe sind unangenehm
  • Temperaturempfindlichkeit
    • besondere Empfindlichkeit gegen hohe oder niedrige Temperaturen
    • früher als andere die Temperatur ändern wollen
  • Unterzuckerung / Hunger / Durst ist schwer erträglich
  • Schmerzempfindlichkeit
    • seltener als andere Merkmale

8.1.2. Hochsensibilität und Korrelation mit AD(H)S-Subtypen

Bach der Auswertung von knapp 1900 Datensätzen des ADxS.org-Symptomtests korreliert Hochsensibilität in der Summe mit ADHS wie ADS gleich hoch (0,50 zu 0,51). Betrachtet man die einzelnen Teilbereiche der Hochsensibilität getrennt, ergeben sich Hinweise auf unterschiedliche Korrelationen zu den Subtpen:

Hochsensibilitäts-Teilbereich Korrelation mit ADHS-Subtypen Korrelation mit ADS-Subtyp
Lichtempfindlichkeit 0,20 0,41
Geräuschempfindlichkeit 0,22 0,34
Schreckhaftigkeit 0,20 0,25
rauhe Stoffe unangenehm 0,18 0,20
Stimmung anderer überträgt sich 0,28 0,25
Temperaturempfindlichkeit 0,21 0,11
Nebentischgespräche nicht ausblenden können 0,35 0,30
Fernseher in Kneipe nicht ignorieren können 0,40 0,29
Ablenkbarkeit insgesamt (zum Vergleich) 0,50 0,38

Limitationen:
Die Frage zur Temperaturempfindlichkeit zielte darauf, ob man einer der ersten sei, die eine Änderung der Temperatur wünschten. Dies bezieht über das Empfinden hinaus die Bereitschaft der Äußerung ein, was das Ergebnis beeinflussen dürfte.  

8.1.3. Hochsensibilität als Stresssymptom

Eine (stressbedingt) erhöhter Noradrenalinspiegel löst unmittelbar eine erhöhte Wahrnehmungssensibilität aus.(114) Der Noradrenalinanstieg wird durch den Nucleus coeruleus vermittelt.(115) Der Nucleus coeruleus wird (u.a.) durch Stress aktiviert und aktiviert seinerseits weitere Stresssysteme wie z.B. den Sympathikus.(116) Eine erhöhte Sensibilität ist folglich auch ein mögliches Symptom von Stress.(117)

8.1.3.1. Schreckhaftigkeit als Stresssymptom

Das Stresshormon CRH bewirkt unmittelbar verstärkte Schreckreaktionen.(19)(118)

8.1.3.2. Erhöhte Wachheit / Aufmerksamkeit als Stresssymptom

Erhöhte Wachheit und Aufmerksamkeit können ebenfalls eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH sein.(19)(118)

8.1.3.3. Erhöhte akustische Wahrnehmung als Stresssymptom

Das Stresshormon CRH löst eine erhöhte akustische Wahrnehmung aus.(19)(119)

8.1.3.4. Reizüberflutung als Stresssymptom

Das Gefühl der Reizüberflutung wird als Stresssymptom betrachtet.(120)

8.2. Empathie bei AD(H)S

Empathie ist die Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzufühlen. Sie wird besteht aus Emotionserkennung, kognitiver und affektiver Empathie. Zur Emotionserkennung siehe dort.
Es gibt verschiedene Konzepte, die beschreiben, wie Empathie entsteht. Das multidimensionale Empathiekonzept unterscheidet kognitive Empathie (das Verstehen der emotionalen Zustände anderer, ähnlich der Theory of Mind) und emotionale Empathie (die emotionale Reaktion auf den Gemütszustand anderer).(121)   
Komorbide PTSD oder Intrusionen können kognitive Empathie verringern.(121)

8.2.1. Emotionserkennung beeinträchtigt ? 

Emotionserkennung ist ein Teilbereich von Empathie(122) und meint die Fähigkeit, Emotionen anhand von Sprache, Gesichtsausdruck oder Verhalten zu erkennen.(123)

Kinder mit ADHS, ASS oder Sprachentwicklungsstörung zeigten eine ähnlich Entwicklungsverzögerung hinsichtlich der Fähigkeiten zur Erkennung von Emotionen.(124) Jungen mit AD(H)S zeigten abweichende Gehirnaktivitäten bei der Wahrnehmung von Gesichtern von Familienangehörigen.(125) Eine weitere Studie bestätigte eine schlechtere Erkennung von Emotionen in Gesichtern bei ADHS-Betroffenen.(126)

Eine Metastudie fand in 16 von 17 Untersuchungen, dass ADHS-Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten zeigen, emotionale Informationen zu verarbeiten, die durch visuelle Szenen vermittelt werden.(127)

Dass bei AD(H)S die Wahrnehmung von Emotionen in gezeigten Gesichtern verändert scheint, selbst wenn die Betroffenen im Erwachsenenalter keine AD(H)S-Diagnose mehr erhalten(128), könnte ein interessanter Aspekt zur Veränderung von Empathie bei AD(H)S sein.
Ebenso zeigte sich bei Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil eine verringerte Fähigkeit, Emotionen aus Gesichtern zu lesen, die stärker mit ODD als mit AD(H)S korrelierte. Dies korrelierte zugleich mit erhöhter emotionaler Reaktion.(129) Dies ähnelt in gewisser Weise einem bei Borderline bekannten Muster. 

Dies  steht scheinbar im Kontrast zu unseren Daten aus dem ADxS.org-Symptomtest auf die Frage “Empfindest Du Stimmungen anderer manchmal unangenehm intensiv ?”, die von AD(H)S-Betroffenen deutlich häufiger bejaht wurde als von Nichtbetroffenen. Auf einer 5-stufigen Skala (-2 recht wenig, -1 eher wenig, 0 weder noch, 1 eher deutlich, 2 recht deutlich) erzielten AD(H)S-Betroffene einen Durchschnittswert von 1,0, Nichtbetroffene einen Durchschnittswert von 0,4. (n = 1889, Stand Juni 2020). Bei genauerer Betrachtung dürfte jedoch zwischen der Fähigkeit, Emotionen anderer erkennen zu können und der Selbstabgrenzung gegen Emotionen anderer (worauf die Frage des Symptomtests zielt) zu unterscheiden sein. 

8.2.2. Empathiefähigkeit bei AD(H)S beeinträchtigt ?

Eine Untersuchung (mit lediglich 30 Probanden) fand eine verringerte Empathiefähigkeit bei AD(H)S.(130) Andere Quellen sprechen von einer erhöhten Empathiefähigkeit bei AD(H)S.(131)

Unserem Eindruck nach scheint bei AD(H)S die Empathiefähigkeit häufig beeinträchtigt, jedoch nicht grundsätzlich gestört zu sein. 
Es scheint vielmehr, also könnten AD(H)S-Betroffene ihre Empathiefähigkeit häufig nicht abrufen oder einsetzen 
Dass die Empathiefähigkeit bei AD(H)S nicht inexistent, sondern eher verschüttet ist, zeigt sich in 1:1 Begegnungen in ruhiger Umgebung oder im Hyperfokus – z.B. bei Verliebtheit. Auch Betroffene vom ADHS- und Mischtyp werden hier als sehr charmant, empathisch und zuvorkommend beschrieben. Bei einzelnen Betroffenen, insbesondere bei einer bestehenden Komorbidität aus dem Aggressionsspektrum, mag dies anders wirken. Dies scheint jedoch eher auf die Komorbidität zurückzuführen sein.

Es wird zwar von auffällig hohen μ-Frequenzen im EEG von AD(H)S-Betroffenen berichtet.(132) Diese hohe Aktivität an Gehirnwellen im μ-Frequenzbereich sei repräsentativ für eine Unterfunktion der Spiegelneuronen, die für das mitfühlen-können mit einem Gegenüber verantwortlich sind. Das Phänomen der fehlenden μ-Frequenz-Supression bei der Beobachtung Dritter trete ebenso bei Autisten auf (Spiegelneuron-Hypothese).(133)
μ-Rhythmen seien durch Ballen der Faust unterdrückbar. Bislang wurde jedoch nicht beobachtet, dass ein Ballen der Fäuste Einfluss auf die Empathiefähigkeit bei AD(H)S oder bei Nichtbetroffenen hätte. Daher scheint die Aktivität der μ-Frequenzen mit Empathiefähigkeit eher korrelierend als kausal verbunden zu sein. Zudem zeigen die Daten aus dem ADxS.org-Symptomtest, dass die Aussage “Stimmungen anderer übertragen sich auf mich” bei AD(H)S deutlich stärker zutrifft als bei Nichtbetroffenen. Auch dies widerspricht der Annahme, dass bei AD(H)S die Empathiefähigkeit an sich beeinträchtigt wäre.  

8.2.3. Empathieausübung – besonders bei ADHS-Subtyp – beeinträchtigt ? 

Es scheint also weniger an einer fehlenden “technischen” Fähigkeit der Empathie zu liegen, sondern daran, dass die Ausübung von Empathie durch andere Dinge (innere Unruhe, Reizüberflutung) verschüttet ist. Trotzdem ist eine verringerte Ausübung von Empathie ein Symptom, das bei AD(H)S häufig auftritt. Wir haben den (subjektiven) Eindruck, dass eine verringerte Empathie(ausübung) häufiger bei ADHS-Betroffenen und eine erhöhte Empathie häufiger bei ADS-Betroffenen auftritt. Der hyperaktiv/impulsive ADHS- und Mischtyp erscheint nach außen häufig wenig empathisch. Gesichert ist, dass AD(H)S fast immer mit einer Hochsensibilität einhergeht. In unserer Onlineuntersuchung fanden wir bei 87 % von 200 diagnostizierten AD(H)S-Betroffenen Anzeichen von Hochsensibilität. Dies entspricht in etwa dem Wert für Aufmerksamkeitsprobleme, ist also sehr hoch. Hochsensibilität ist eine intensiver Wahrnehmung äusserer Reize. Empathie ist, die Empfindungen anderer intensiv mitzufühlen. Die Daten zur Korrelation einzelner Teile von Hochsensibilität mit den AD(H)S-Subtypen (siehe oben unter Hochsensibilität) deuten darauf hin, dass die Aussage “Stimmungen anderer übertragen sich auf mich” bei AD(H)S deutlich stärker zutrifft als bei Nichtbetroffenen, wobei dies den ADHS-Subtyp sogar ein klein wenig stärker betrifft als den ADS-Subtyp, was auf eine mindestens gleich hohe Empathiefähigkeit der Subtypen hindeuten könnte.

Je schlechter es einem Menschen geht, je höher seine innere Anspannung oder Angst ist, je höher der Stresspegel ist, desto geringer ist die gezeigte Empathie.(134) Dies könnte als eine recht gesunde Stressreaktion betrachtet werden: Wenn es ums überleben geht, ist jeder sich selbst der nächste. Ist der Stress, die Angst dann weg, ist es wieder möglich, für andere zu fühlen. Befunde, wonach eine Blockade von Glucocorticoidrezeptoren Empathie erhöht, deuten ebenfalls in diese Richtung.(135)

Die bei den ADHS-Subtypen dauerhaft andauernde innere Überaktivierung, die dauerhafte innere Unruhe (die sich nach den Daten des ADxS-Online-Symptomtests in einer bei ADHS stark erhöhten Erholungsunfähigkeit zeigt, welche bei ADS zwar ebenfalls gegenüber Nichtbetroffenen erhöht, ist, jedoch nicht so stark wie bei ADHS) scheint derart viele Ressourcen der Betroffenen zu fordern, dass sie ihre – eigentlich vorhandene, wenn auch mangels Nutzung zuweilen ausserdem untrainierte – Fähigkeit zur Empathie kaum ausüben können. ADS-Betroffene scheinen dagegen ihre Empathiefähigkeiten im besondere Masse ausleben zu können. Denkbar wäre, dass dies weniger eine Folge unterschiedlicher Persönlichkeitsaspekte bei ADHS und ADS ist, sondern dass dies eher daraus resultiert, dass ADHS von einer chronisch aktivierten HPA-Achse gekennzeichnet ist (aufgrund fehlender Erholungsfähigkeit wegen einer typischerweise abgeflachten Cortisolstressantwort, die nicht mehr in der Lage ist, die HPA-Achse abzuschalten), während ADS von einer überhöhten endokrinen Stressantwort geprägt ist, deren hohe Cortisolstressantwort eine stressbedingte Aktivierung der HPA-Achse zuverlässig wieder herunterfährt. Diese endokrinologischen Muster könnten nach unserem Verständnis möglicherweise eine unterschiedliche Empathie-Häufigkeit bei ADHS und ADS erklären.

Dass akuter Schmerz die Empathie eher erhöht könnte ein interessanter Aspekt in Bezug auf Selbstverletzungsverhalten bei Borderline sein.(136)(137) Dann könnte zwischen kurzfristigem Stress (empathieerhöhend) und chronischem Stress (empathieverringernd) zu unterscheiden sein. So ist auch bei Ratten bei niedrigem akuten Schmerzstress die Empathie erhöht, während sie bei schwerem Schmerzstress verringert ist.(138) Weiter geht frühkindliche Stressbelastung wohl mit einer verringerten emotionalen, nicht aber einer verringerten kognitiven Empathie einher.(139)

8.3. Zeitwahrnehmungsprobleme bei AD(H)S (Chronasthenie)

Bei AD(H)S ist sehr häufig die Zeitwahrnehmung gestört. 

Barkley(9) sieht in der Zeitwahrnehmungsproblematik ein eigenes und signifikantes Symptom von AD(H)S. Studien berichten, dass AD(H)S-Betroffene schlechter abschätzen können, wie lange sie für eine Aufgabe benötigen – und in der Folge, was sie innerhalb einer Zeitspanne an Aufgaben bewältigen können. Unter Medikamentierung normalisiert sich dies.(140) Dabei wurden keine Unterschiede zwischen den AD(H)S-Subtypen gefunden.(141) Zeitwahrnehmungs- und Zeitverarbeitungsprobleme betreffen Kinder wie Erwachsene mit AD(H)S.(142)

Zeitwahrnehmungsprobleme bewirken häufig eine frustrierende negative Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit, die damit zumindest teilweise lediglich einen Folgefehler der fehlerhaften Zeitwahrnehmung darstellen könnte. Diese verstärkt wiederum eine negative Eigenwahrnehmung. (Siehe auch: Leistungsprobleme als AD(H)S-Symptom)

Veränderte Zeitwahrnehmung als Stressnutzen ?
Eine veränderte Zeitwahrnehmung könnte einen Stressnutzen darstellen. In akuter Gefahr ist es sinnvoll, Dinge, die nicht überlebensnotwendig sind, als weniger wichtig zu priorisieren. Eine Veränderung der Zeitwahrnehmung könnte die Priorisierung der überlebensnotwendigen Dinge unterstützen. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.
Ein Individuum, das in akuter Gefahr ist (überlebensbedrohlicher Stress), hat eine größere Überlebenschance, wenn es alle weiter entfernt liegenden Dinge als unwichtiger und alle unmittelbar anstehenden Dinge als wichtiger behandelt. Da im Notbetrieb des Überlebenssicherungsprogramms alles, was weiter entfernt ist, nicht so wichtig ist, könnte es auch weniger wichtig sein, die zeitliche Entfernung und den Zeitbedarf von weiter entfernt liegenden Aufgaben genau abschätzen zu können.
Zeitverständnis von Hochindustriestaaten als Mitursache ?
Rossi(143) merkt an, dass das Zeitverständnis der Hochindustriestaaten kulturell bedingt sehr streng ist. Schon in hochentwickelten Mittelmeerstaaten begegne einem ein anderes Zeitverständnis als in Deutschland oder den USA. Erst recht gelte das für große Teile der Welt. Er stellt daher infrage, ob hier wirklich bereits ein pathologisches Symptom vorliegt.
Da jedoch empirisch erwiesen ist, dass AD(H)S-Betroffene signifikant häufiger Zeitwahrnehmungs- und Terminprobleme haben, als andere Mitglieder des jeweils selben Kulturkreises, ist das Phänomen durchaus ein relevantes AD(H)S-Problem und nicht eine Frage der Kulturkreispassung.
AD(H)S tritt zudem in den von Rossi genannten Ländern mit einem solchen anderen Zeitempfinden ebenso auf.
Zugleich nennt Rossi selbst ein mangelndes Zeitgefühl als Symptom von ADS (ohne Hyperaktivität).(144)

8.3.1. Zeitaufwand-Schätzfehler bei AD(H)S

Bei AD(H)S ist die Fähigkeit eingeschränkt, abzuschätzen, wie viel Zeit eine Maßnahme oder Aufgabe benötigt.(145)(146)(147)

AD(H)S-Betroffene können längere Zeitabstände weniger gut abschätzen als Nichtbetroffene.

Erscheinungsformen:

  • Arbeiten zu spät abschliessen
  • Ständiges zu spät kommen
    • multiple Ursachen:
      • Zeitabschätzungsfehler
      • Warten ist unerträglich (Delay Aversion)
      • Warten ist Ruhe und Inaktivität (mit der Folge von Dysphorie bei Inaktivität)
        Jedes Lebewesen steuert sich ganz zentral danach, die Stimmung möglichst gut zu erhalten
        Die Zeit bis zum X wird vollständig für Aktivitäten ausgenutzt. Da meistens etwas schief geht, und Zeiteinschätzung ein Problem bei AD(H)S ist, kommen Betroffene häufig zu spät. Lieber noch schnell dies oder jenes mit erledigen, als das Risiko eingehen, zu früh zu kommen und dann warten zu müssen. Aus der Summe resultiert häufiges zu spät kommen.
      • jetzt ist immer
        • Die Wahrnehmung, was wichtig ist, ist in Richtung Gegenwart verschoben
  • bei interessierenden Dingen / Arbeiten vergeht Zeit gefühlt extrem schnell
    • andere werden warten gelassen 

In der Folge fühlen sich andere respektlos behandelt (auch wenn das nicht das Motiv des Betroffenen war) und reagieren verständlicherweise zurückweisend. Dies triggert das ohnehin bereits miniaturisierte Selbstwertgefühls des Betroffenen.

8.3.2. Zeitverarbeitung bei AD(H)S verändert

Um die Länge von zwei Zeitintervallen zu unterscheiden, von denen eines 1 Sekunde dauerte, musste das andere für Nichtbetroffene 1,184 Sekunden dauern, während dieses für AD(H)S-Betroffene 1,238 Sekunden andauern und damit 30 % länger sein musste.(148) Weitere Untersuchungen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.(149) Bei AD(H)S ist weiter die Fähigkeit, ein Zeitintervall in der korrekten Länge zu reproduzieren, beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung korreliert mit Impulsivität.(150)

Zeitwahrnehmung bei AD(H)S auf Gegenwart und positive Zukunft fokussiert ?

8.3.3. Zeitwahrnehmung bei AD(H)S auf Gegenwart / positive Zukunft fokussiert ?

Zu diesem Aspekt gibt es noch zu wenige Studien um eine verlässliche Aussage in Bezug auf AD(H)S treffen zu können.

Etliche Studien haben haben die individuellen Unterschiede in der Zeitwahrnehmung thematisiert, insbesondere die Verteilung der Aufmerksamkeit auf Zeitperspektiven wie Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart.(151) Ein Standard zur Beurteilung der Zeitperspektive ist das Zimbardo Time Perspective Inventory (ZTPI). Das ZTPI schätzt die Intensität, mit der die Wahrnehmung auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fokussieren und ob die Zeitperspektive tendenziell positiv oder negativ wahrgenommen wird.(140) Verschiedene Arten von Störungen können auf Ungleichgewichte in der Zeitwahrnehmung zurückgeführt werden.

Die fünf Dimensionen des ZTPI umfassen:

  • vergangene positive Dimension
    • positive Erinnerungen an die Vergangenheit
  • vergangene negative Dimension
    • unangenehme oder traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit
    • typisch z.B. bei PTSD
  • Dimension des gegenwärtigen Hedonismus
    • das Leben im Augenblick und die Suche nach Vergnügen
    • typisch z.B. bei
      •  AD(H)S
        • in Bezug auf impulsives Spielen, Süchte(152)
      • Bipolar(153)
  • Dimension des gegenwärtigen Fatalismus
    • Überzeugung, dass das Leben nicht vom freien Willen, sondern von Schicksal und Glück gesteuert wird
    • Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit(154)(155)
    • typisch z.B. bei
      • Depression(156)
      • jüngeren Alzheimer-Betroffenen(154)
  • Dimension der Zukunft
    • Grad der Zielorientierung des Individuums; Leistungen und Verantwortlichkeit gegenüber anderen Menschen
    • typisch z.B. bei
      • AD(H)S
        Eine Studie fand, dass bei AD(H)S-Betroffenen die Positive Zukunft (Future Positive Scale) der primäre Prädiktor für den AD(H)S-Status war.(157)
      • älteren Alzheimer-Betroffenen(154)

Wie Eingangs erwähnt gibt es zu diesem Aspekt noch zu wenige Studien in Bezug auf AD(H)S um eine belastbare Aussage treffen zu können.

Ein (bislang nicht verifizierter) Gedanke dazu ist, dass eine veränderte Zeitwahrnehmung im Sinne einer Gegenwartsfokussierung (im Sinne eines wahrgenommenen “jetzt ist immer”) die subjektive Wahrnehmung von Belastungen durch eine erhöhte Hilflosigkeit verstärken könnte. Wenn die Perspektive fehlt, dass ein unangenehmer Zustand, ein Schmerz, auch wieder vergehen wird, dürfte das die subjektive Belastung durch diese Wahrnehmung deutlich erhöhen. Dies könnte die bei AD(H)S erhöhte subjektive Stresswahrnehmung erklären helfen.  

8.4. Chronische Schmerzen, erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei AD(H)S

Von 77 erwachsenen Frauen mit AD(H)S oder ASS berichteten jeweils 76 % von chronischen Schmerzen.(158) Bei AD(H)S war Chronic Widespread Pain (CWP), das Hauptsymptom von Fibromyalgie, mit 39 % fast doppelt so häufig wie bei ASS.
Die meistgenannten schmerzenden Körperregionen waren

  • unterer Rücken (47 %)
  • Nacken (37 %)
  • Schulter (35 %)
  • Kopf (32 %, bezogen auf AD(H)S)
  • Magen (30 %)
  • Arme / Hände (30 %)
  • oberer Rücken (27 %)
  • Knie (27 %)
  • Hüfte / Schenkel (18 %)
  • Waden / Füsse (16 %)
  • Brust (4 %)

Eine Studie an englischen Erwachsenen kam 2007 zu dem Ergebnis, dass hohe AD(H)S-Scores mit hohen Schmerzen korrelieren und die Schmerzempfindlichkeit bei AD(H)S erhöht sei.(159)

Ähnliche Symptome sind eine erhöhte Stressempfindlichkeit und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Strafen. Siehe hierzu unten unter Emotionale Dysregulation.   

9. Motivationsprobleme

Motivation ist eine Handlungsbereitschaft als aktivierendes Moment zur Erreichung eines bestimmten Ziels. Die Umsetzung der Motivation (Handlungsbereitschaft) zur Handlung erfolgt durch den Antrieb.(160) Eine weitere Definition von Motivation ist der Prozess der Initiierung, Steuerung und Aufrechterhaltung physischer und psychischer Aktivitäten, einschließlich der Mechanismen zur Bevorzugung einer Aktivität und zur Steuerung der Stärke und Beharrlichkeit von Reaktionen.(161)  

Motivationsprobleme der intrinsischen wie extrinsischen Motivation sind ein typisches Symptom von AD(H)S.(162)

9.1. Abwertung späterer Belohnung (Delay Discounting / Reward Discounting)

Weitere Bezeichnungen von “Delay discounting” sind “Temporal Discounting”, “Intertemporal Choice” oder “Impulsive Choice”.(163)

Abwertung späterer Belohnungen / Delay Discounting kann als eine Umkehrung von Verzögerungsaversion / Delay Aversion (Abneigung gegen Warten, Ungeduld) betrachtet werden. Beides kann als Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage aufgefasst werden. Die Kernbotschaft lautet: Überleben ist jetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen relevante Gefahren zu wehren, alles was später ist, ist derzeit unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort passieren, Alles was nicht so wichtig ist, dass es nicht sofort passieren muss, kann warten, bis der Stressor besiegt ist.

9.1.1. Abwertung späterer Belohnung als AD(H)S-Symptom

AD(H)S-Betroffene leiden typischerweise an einer Belohnungsaufschub-Aversion: Lieber eine kleinere Belohnung sofort als die größere Belohnung später.(164)

Für jeden Menschen sind sofortige Belohnungen intuitiv lohnenswerter als spätere Belohnungen. Die Abnahme des Wertes von späteren, zeitlich verzögerten Belohnungen ist jedoch bei AD(H)S-Betroffenen erheblich höher als bei Nichtbetroffenen. Während sofortige Belohnungen von AD(H)S-Betroffenen genau so bewertet werden wie von Nichtbetroffenen, bewerten AD(H)S-Betroffene später eintretende Belohnungen als erheblich niedriger bzw. weniger attraktiv als Nichtbetroffene.

AD(H)S-Betroffene zeigen daher eine signifikant schwächere Motivation durch Belohnungen, die in der Zukunft liegen. Es besteht ein stärkerer Anreiz durch sofort verfügbare Belohnungen.

Erscheinungsformen der Bevorzugung sofortiger Belohnung / Abwertung verzögerter Belohnung sind:

  • Suchtprobleme
    Details
    Der stärkere Anreiz von Sofortbelohnung scheint mit einer Suchtaffinität zusammenzuhängen.
    AD(H)S-Betroffene haben im Verstärkungszentrum des Gehirns (dem Striatum) möglicherweise signifikant weniger Dopamin D2 und D3 Rezeptoren als Nichtbetroffene. Die Anzahl dieser Rezeptoren korrelierte dabei in einer Studie mit Aufmerksamkeit: je weniger D2 und D3 Rezeptoren im Belohnungszentrum, desto geringer ist die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Betroffenen.(165)  Aufmerksamkeitsprobleme könnten danach die selbe Ursache haben wie die Probleme des Belohnungssystems.
    Eine andere Studie deutet dagegen auf eine erhöhte D2-Rezeptordichte im Striatum bei AD(H)S-Betroffenen hin.(166)
  • Prokrastination
    Die Abwertung von Aufgaben, die nicht unmittelbar wichtig sind, ist eine verwandte Reaktion.

9.1.2. Delay Discounting / Reward Discounting / Abwertung späterer Belohnung als Stresssymptom

Auch Discounting of Delayed Rewards oder Temporal discounting genannt(33)(167)(168)(169)

Belohnungen, die sofort erfolgen, werden von Stress-Betroffenen genau so bewertet wie von Menschen ohne Stress.
Belohnungen, die zeitlich weiter entfernt sind, werden als noch unattraktiver betrachtet als von Menschen ohne Stress.

Ausdrucksformen:

  • Prokrastination
  • Suchttendenzen
  • Unordnung
  • schlechtere Selbstregulationsfähigkeit
    • Selbstregulationsfähigkeit ist ein noch besserer Prädikator (Vorhersageindikator) für beruflichen Erfolg als Intelligenz

Suchtprobleme stehen in engem Zusammenhang mit der Bevorzugung sofortigere Belohnung. Suchtprobleme sind typische Stresssymptome

  • Medikamenten- / Nikotin- / Alkoholmissbrauch (Sucht)(170)(29)
  • Rauchen korreliert mit Stress(167)

 

9.2. Prokrastination (Aufschieberitis)

9.2.1. Prokrastination (Aufschieberitis) als AD(H)S-Symptom

Wir betrachten Prokrastination als eine Folge der Abwertung von entfernteren Belohnungen (Delay Discounting). Prokrastination könnte den Gegenpol von Verzögerungsaversion im Sinne einer Regulationstörung darstellen. 

9.2.2. Prokrastination: Dinge erst in letzter Minute erledigen können

Dinge erst in letzter Minute erledigen können ist eine andere Beschreibung von Prokrastination. Die Erklärung ergibt sich aus dem Stressnutzen von Prokrastination, dass bei existenzbedrohendem Stress Dinge, die nicht unmittelbar sofort erforderlich sind, ausgeblendet werden, um die Konzentration auf die Dinge zu lenken, die jetzt akut wichtig sind. Wer in akuter Not unwichtige Dinge von wichtigen unterscheiden kann, hat einen Überlebensvorteil. Es war nun einmal nicht so hilfreich beim Überleben, während der Flucht vor dem Säbelzahntiger die schönen Blumen am Wegesrand zu bewundern oder die reifen Früchte vom Busch dahinter als Vorrat für den Winter mitnehmen zu wollen.

Das Problem bei AD(H)S ist nicht eine grundsätzlich falsche Priorisierung (im Sinne einer generellen “technischen” Unfähigkeit dazu), sondern ein unpassendes Priorisierungsprogramm (Stressreaktionen ohne adäquate Stressoren). Bei AD(H)S-Betroffenen ist nicht die neurophysiologische Fähigkeit beeinträchtigt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden, sondern es ist ein Notprogramm aktiviert, ohne dass hierfür ein angemessener Anlass bestünde. Dieses Notprogramm ist (für alle höheren Lebewesen) bei akutem überlebensbedrohlichem Stress sinnvoll, In diesem Fall wird der Fokus auf die Dinge verschoben, die im unmittelbaren Hier und Jetzt wichtig sind – alles andere wird ausgeblendet bzw. verschoben.

Die eigentliche Fähigkeit zu Konzentration und Aufmerksamkeit ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Es ist die Lenkbarkeit der Aufmerksamkeit, die bei Betroffenen anders funktioniert als bei Nichtbetroffenen.

9.2.3. Prokrastination als Stresssymptom

Viele Quellen, insbesondere aus der Managementliteratur, berichten davon, dass Prokrastination über den dadurch entstehenden Zeitdruck Stress verursacht.
Medizinische Untersuchungen belegen jedoch, dass Prokrastination auch eine Folge von Stress sein kann(171), wenn auch die Korrelation etwas schwächer ist als die von Angst, Depression oder Fatigue.(172)(173)

Der evolutionsbiologische Stressnutzen von Prokrastination ist unserer Ansicht nach wie bei der Genussunfähigkeit eine Konzentration auf den wichtigsten Stressor. Unwichtigere Dinge werden in ihrer Bedeutung abgewertet, die unmittelbar wichtigen Dinge werden aufgewertet, wie es in überlebensrelevanten Situationen richtig wäre. Die Bewertung, was für das eigene Überleben wichtig und was unwichtig ist, muss zwangsläufig stets durch das betroffene Lebewesen selbst vorgenommen werden. In überlebensbedrohlichen Situationen ist es hilfreich, die eigenen Bedürfnisse (intrinsische Motive) stärker zu bewerten als die Bedürfnisse und Anforderungen anderer (extrinsische Motive). Daher folgt die Aufmerksamkeit den intrinsischen Interessen während extrinsische Anforderungen abgewertet werden. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.
In der Folge werden alle Dinge, die nicht jetzt sofort ganz zwingend erledigt werden müssen, von Stressbelasteten wie von AD(H)S-Betroffenen als weniger wichtig und lohnenswert empfunden werden als von Nichtbetroffenen.
Subjektiv unangenehme Dinge werden dadurch verhältnismäßig stärker aufgeschoben und oft erst in letzter Minute erledigt – erst dann rutschen sie in den stressbedingt auf das Hier und Jetzt verschobenen Fokus. Bis dahin sind sie zu weit weg um interessant zu sein.
Starker Stress sagt: jetzt erst mal überleben – genießen und erholen kannst Du Dich später.
Bei einer gesunden (kurzzeitigen) Stressreaktion ist dies richtig und hilfreich.

 

10. Emotionale Dysregulation / Emotionssymptome

Emotionale Dysregulation ist ein originäres Symptom von AD(H)S.(174)(175)(176)(177)(178)(179)(180)(181) Emotionale Labilität wird ebenfalls als häufiges (komorbides) Symptom bei AD(H)S beschrieben.(182)

Originär meint, dass AD(H)S das Symptom unmittelbar und direkt auslösen kann. Nicht gemeint ist, dass das Symptom ausschließlich / exklusiv bei AD(H)S auftritt. Emotionale Dysregulation kann also originär aus AD(H)S resultieren, kann aber auch durch andere Störungsbilder hervorgerufen werden. 

Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen Hyperaktivität/Impulsivität und emotionaler Dysregulation, nicht aber zwischen Unaufmerksamkeit und emotionaler Dysregulation.(181) Diese Studie berichtete weiter, dass Defizite des Arbeitsgedächtnisses zu emotionaler Dysregulation beitragen. Dies deckt sich nicht ohne weiteres mit den Daten unsere ADxS-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1889). Nach diesem korreliert emotionale Dysregulation eher mit Aufmerksamkeitsproblemen (0,57: Taskwechselprobleme 0,46, Konzentrationsprobleme 0,63, Ablenkbarkeit 0,61) als mit Hyperaktivität (0,49). Impulsivität (0,57) korrelierte gleich stark wie Aufmerksamkeitsprobleme. Die stärkste Korrelation fanden wir zu Ungeduld (0,79) und Innerer Unruhe (0,76). Organisationsprobleme als ein Element von Arbeitsgedächtnisproblemen korrelierten mit 0,56. Insgesamt korrelierte emotionale Dysregulation stärker mit ADHS (0,69) als mit ADS (0,40).

10.1. Dysphorie bei Inaktivität

Siehe hierzu Dysphorie bei Inaktivität (passivitätsinduzierte Stimmungstiefs, abzugrenzen von Depression) unter Antriebsprobleme.

10.2. Stimmungsschwankungen

Zeitlich begrenzte, jedoch häufig auftretende Stimmungseinbrüche sind eine typische Folge einer Inaktivität (siehe hierzu unter Dysphorie bei Inaktivität). Zwar ist eine Dysphorie gegenüber einer Depression durch schwächere Intensität gekennzeichnet; da die AD(H)S-typische Dysphorie jedoch nur bei Inaktivität auftritt, bewirkt dies häufige Stimmungswechsel, da jede Inaktivitätsphase eine Stimmungsveränderung in Richtung leichter Depression bewirkt und jede daraus neu begonnene Aktivität die Stimmung wieder aus der Dysphorie heraus anhebt.

AD(H)S-Betroffene berichten häufig, dass sie intensivere Emotionen und Stimmungen haben als ihre Umgebung und dass diese wesentlich schneller wechseln. Dies betrifft nicht nur Stimmungseinbrüche, sondern auch Stimmungshochs.(183)(184) 

Die Stimmung von AD(H)S-Betroffenen scheint durch das unmittelbare momentane Erleben überdurchschnittlich beeinflussbar zu sein, also eher auf kürzere Zeitabschnitte zu referieren als bei Nichtbetroffenen. Dies trifft übrigens auch für Borderline-Betroffene zu. Bei AD(H)S ist häufig die Zeitwahrnehmung verändert. 

10.2.1. Stimmungsschwankungen als Stresssymptome

Stimmungsschwankungen sind als Stresssymptomed bekannt:

  • Häufige Traurigkeit(39), häufiges deprimiert sein, Depressionen.(185)(13)(170)(13)
  • Verzweiflung(186)
    • Verzweiflung ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(187)

10.3. Reizbarkeit und Aggression

Affektdurchbrüche / Reizbarkeit / Gereiztheit / Wutausbrüche können als momentane, situative Erscheinungsform von Aggression im weiteren Sinne betrachtet werden. Aggression im engeren Sinne kann zugleich als eine intensivere Variante von Affektdurchbrüchen / Reizbarkeit / Gereiztheit / Wutausbrüchen bezeichnet werden.
Eine enge Verwandtschaft besteht mit Impulsivität. Affektdurchbrüche sind einerseits durch Aggression und andererseits durch einen impulsiven (ungebremsten) Ausbruch derselben gekennzeichnet.

Zu den neurophysiologischen Korrelaten und Hintergründen von Aggression und deren Unterscheidung in heisse und kalte Aggression siehe unter ⇒ Neurophysiologische Korrelate von Aggression.

10.3.1. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche

10.3.1.1. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche als AD(H)S-Symptom

Reizbarkeit ist bei AD(H)S ein häufiges (komorbides) Symptom.(182)(184) 

Diese Symptome treten insbesondere beim ADHS-Subtyp und beim Mischtyp auf.

  • Wutausbrüche
    meist kurz und heftig, nach 5 Minuten ist alles vorbei
  • emotionale Kurzzeit-Intensivreaktionen
  • Zusammenhang mit ODD-Tendenzen ?
10.3.1.2. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche als Stresssymptom

Reizbarkeit ist ein häufiges Symptom bei Stress(16)(38), ebenso Ärger und Wut.(38)

Reizbarkeit ist ein typisches Symptome für einen drohenden Burnout.(188)

10.3.2. Aggression

10.3.2.1. Aggression als AD(H)S-Symptom

Aggressionen können als Äußerungsform von Stress betrachtet werden (Nachweise dazu im folgenden Absatz). Es handelt sich jedoch um ein Stresssymptom, das nicht alle Menschen gleichermaßen ausprägen. Wir gehen davon aus, dass sich Menschen nach ihrer phänotypischen Stressäußerungsreaktion unterscheiden, die externalisierend sein kann (Aggression, Wut, motorische Hyperaktivität) – wobei die Reaktionen externalisierend (ADHS-/Mischtyp = fight) oder internalisierend sein kann (ADS-Subtyp = flight/freeze). Mit internalisierend ist an dieser Stelle nicht ein psychoanalytisches Konzept gemeint, sondern dass Stress wesentlich weniger nach außen ausagiert wird. Die hier gemeinten Subtypengruppen unterscheiden sich tendenziell anhand des Biomarkers der Cortisolstressantwort. Mehr hierzu im Beitrag AD(H)S-Subtypen – Die unterschiedlichen Arten – ADHS, ADS und andere.

Höhere reaktive Aggressionstendenz bei AD(H)S “als Folge einer veränderten Wahrnehmung”.

Dietrich beschreibt bei AD(H)S-Betroffenen eine höhere Aggressionstendenz (auch bei Betroffenen, die nicht an einer komorbiden ODD oder Verhaltensstörung leiden).(189) Aggressivität entsteht bei AD(H)S-Betroffenen häufig aus einer Fehleinschätzung der Situationen, wonach sie sich (subjektiv “zu recht”) verteidigen. AD(H)S-Betroffene zeigen also eine reaktive (heiße) und keine proaktive (kalte) Aggressivität.(190) Diese Ansicht teilen wir vollständig. Siehe hierzu “Aggression als Stresssymptom”.

Dietrich sieht dies als Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses, was bei ADHS in Form einer unangemessen aggressiven Abwehr von Verletzungen dieser Autonomie und bei ADS in Form einer unangemessen starken Kooperation mit den Eltern erfolge, um eine mögliche Auseinandersetzung zu vermeiden.(191) Die Ansicht, dass AD(H)S eine Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses sei, teilen wir nur bedingt. Wir sehen eher einen Zusammenhang mit Rejection Sensitivity.

In Bezug auf das übermäßig konfliktscheue Verhalten von AD(H)S-Betroffenen scheint eine Konfliktvermeidung durch Rejection Sensitivity gut erklärbar.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom.
Nach unserem Eindruck dient diese jedoch nicht primär einer Autonomieverteidigung im Sinne einer motivgetriebenen (bewussten oder unbewussten) Reaktion, sondern ist die Folge einer inneren Blockade bei zu vielen Reizen und Möglichkeiten (die als Stress wahrgenommen werden) in Form einer neurophysiologische Folge eines überhöhten Noradrenalinspiegels, der den PFC deaktiviert.
Nach den Daten unseres ADxS-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1889) korreliert Rejection Sensitivity am stärksten mit Frustrationsintoleranz (0,56) sowie Aggression und Ungeduld (je 0,53). In den DSM-/ICD-/Wender-Utah-Skalen korreliert Rejection Sensitvity am stärksten mit der Wender-Utah-Skala von emotionaler Dysregulation (0,47).

10.3.2.2. Aggression als Stresssymptom

Aggression ist ein häufiges Symptom bei Stress.(13)(38)

Stress verändert das Muster der Wahrnehmung. Die Verhaltenssteuerung des Individuums steht bei schwerem Stress unter dem Leitbild, dass das Überleben akut bedroht ist. Bei AD(H)S sind nach diesseitiger Ansicht die Schwellwerte der Stresssysteme so verändert, dass sie viel zu häufig aktiviert und wieder abgeschaltet werden (ADS) oder dauerhaft aktiviert bleiben (ADHS). Selbst wenn kein akuter Stressor existiert, der eine unkontrollierbare (existenzbedrohende) Bedrohung bewirken könnte, sind die für diese Bedrohungen gedachten Stresssysteme aktiv.
Stress wird von Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort unbewusst als Bedrohung wahrgenommen. Auf Bedrohung reagieren Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort häufiger aggressiv als andere.

Wir sind der Ansicht, dass alle typischen AD(H)S-Symptome typische Stresssymptome sind, dass aber nicht alle typischen Stresssymptome zugleich AD(H)S-Symptome sind.

10.4. Frustrationsintoleranz

Frustrationsintoleranz ist ein anerkanntes AD(H)S-Symptom bei Kindern, das bei Erwachsenen eher als verschlechtere Selbstkontrolle auffalle.(192) Die Daten des ADxS-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1889) zeigen dagegen gleichbleibend hohe (eher sogar steigende) Werte der Frustrationsintoleranz bei Erwachsenen in den 10-Jahres-Altersgruppen von 20 bis 60.
Stimulanzien verbessern durch ihre unmittelbar dopaminerge Wirkung auf den Nucleus accumbens die Symptomatik. Kinder mit AD(H)S zeigen bei frustrierenden, stressauslösenden Aufgaben emotional intensivere Reaktionen und eine verringerte Kompetenz im Umgang mit Wut.(193)(194)(195)

Die Auswertung von knapp 2000 Datensätzen des ADxS.org-Symptomtests zeigte, dass Frustrationsintoleranz deutlich stärker mit ADHS als mit ADS korreliert.   

10.4.1. Frustrationsintoleranz als Stresssymptom

Frustrationsintoleranz ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts.(196) Burnouts resultieren regelmäßig aus einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer nicht bewältigbaren Stresssituation.

10.5. Selbstwahrnehmungsstörungen

10.5.1. Selbstwahrnehmungsstörungen als AD(H)S-Symptom

Selbstwahrnehmungsstörungen werden als häufiges Symptom bei AD(H)S beschrieben.(197)(198)

AD(H)S-Betroffene haben häufig nicht nur eine verringerte Achtsamkeit, sondern auch eine massive Abneigung gegen Achtsamkeitstechniken aller Art, wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitstraining (MBSR) oder ähnlichem.

10.5.2. Erscheinungsformen von Selbstwahrnehmungsstörungen bei AD(H)S

10.5.2.1. Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung)

Alexithymie ist die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen.

In der Extremform fehlt den Betroffenen jede emotionale Wahrnehmung. Übelkeit und Magenschmerzen werden als rein körperliche Symptome gedeutet, nicht jedoch als mögliche Angst. Wie bei Psychopathie (der Unfähigkeit, Emotionen anderer wahrzunehmen) erfolgt dies ohne jede Absicht.
In der Extremform der komplett fehlenden Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, ist Alexithymie recht selten. Betroffene der Extremform werden von anderen als eiskalt wahrgenommen und ihr Verhalten löst in anderen sehr schnell Aggression und Ablehnung aus.

Die bei AD(H)S häufig auftretende (leichte) Verringerung der Wahrnehmung der eigenen Emotionen dürfte in aller Regel keine “echte” Alexithymie im Sinne einer tatsächlich beeinträchtigten sensorischen Fähigkeit der Gefühlswahrnehmung  an sich darstellen, sondern lediglich eine durch eine ständige gedankliche Beschäftigung verursachte Überlagerung oder Verdrängung der emotionalen Wahrnehmung in Form eines Abwehrmechanismus. 
Entsprechend dem unter Empathie dargestellten Mechanismus vermuten wir eine funktionale sensorische Gefühlswahrnehmungsfähigkeit bei einer  gleichzeitig bestehenden Verarbeitungsproblematik. 

10.5.2.2. Anhedonie (verringerte Freudewahrnehmung)

Anhedonie ist eine Beeinträchtigung oder Unfähigkeit, Freude oder Vergnügen an normalerweise schönen oder angenehmen Situationen zu empfinden. 

Nach den Daten aus dem ADxS.org-Symptomtest nehmen AD(H)S-Betroffene negative Gefühle deutlich stärker wahr als positive Gefühle. Die Daten zeigen eine solche Tendenz auch bei Nichtbetroffenen, doch ist dieses Phänomen bei AD(H)S-Betroffenen erheblich ausgeprägter.

Anhedonie ist ein Kernmerkmal von Depression und beschreibt dort eine Verringerung der Anzahl und Stärke positiver  und freudiger Reaktionen.
Beim Überlebensschuld-Syndrom (eine PTBS-Form) wird als Anhedonie die überdauernde Unfähigkeit bezeichnet, Zerstreuungen zu genießen. Letzteres erinnert stark an das beim ADHS-Subtyp typische Symptom der Erholungs- und Genussunfähigkeit. Das Symptom der Anhedonie bei AD(H)S korreliert indes deutlich stärker mit dem Subtyp ADS als mit den hyperaktiven ADHS-Subtypen.     
Anhedonie wird bei weiteren Störungsbildern wie Schizophrenie (Negativsymptomatik), schizoiden, schizotypischen, ängstlich-vermeidenden oder dissozialen Persönlichkeitsstörungen, Psychosen, Suchterkrankungen und Psychosomatosen beobachtet.

Es wird vermutet, dass eine Alexithymie stets eine Anhedonie auslöst, während eine Anhedonie eine Alexithymie auslösen kann, jedoch nicht muss..(199) Jedenfalls scheint eine Korrelation zwischen Anhedonie und Alexithymie bei psychischen Störungen zu bestehen.(200) 

10.5.2.3. Innere Leere (bei Inaktivität) / Langeweile

AD(H)S-Betroffene beschreiben häufig, von Langeweile und innerer Leere geplagt zu sein. Langeweile kann ein originäres AD(H)S-Symptom sein und wird bei AD(H)S soll durch MPH-Medikamentierung verringert werden.(201)

Innere Leere und Langeweile könnten sich möglicherweise schlüssig als Folge der massiv einbrechenden Aktivierung des frontalen Kortex bei Inaktivität erklären lassen.

Um diesen Mechanismus zu verstehen hilft ein Blick auf das Phänomen des Hyperfokus.

AD(H)S unterliegt einer Abwertung entfernterer Belohnungen (Reward Discounting): Belohnungen, die weiter entfernt sind, sind für AD(H)S-Betroffene weniger interessant als für Nichtbetroffene. Daher sind AD(H)S-Betroffene nur bei sofort verfügbaren Belohnungen genauso motivierbar wie Nichtbetroffene. Dies ist der Gegeneffekt der Hyperfokussierung: AD(H)S-Betroffene können sich sehr wohl auf etwas konzentrieren, wenn sie einmal mit einer Tätigkeit begonnen haben, die ihnen Befriedigung verschafft, weil die dann sofort eingehende Belohnung das Verstärkungszentrum aktiv erhält. Dieses Interesse ist allerdings aufgrund der geringeren Anzahl von Dopamin D2- und D3-Rezeptoren im Striatum deutlich schwerer zu erreichen.(60)
Dieses latente Desinteresse bei mangelnder Belohnung währen der Ausführung uninteressanter Tätigkeiten und die  beeinträchtigte Fähigkeit, selbst eine interessante Tätigkeit zu beginnen (nur die Aufrechterhaltung einer begonnenen interessanten Tätigkeit wird durch entsprechende Dopaminausschüttung gefördert) könnte dem Symptom der Inneren Leere (bei Inaktivität) entsprechen, das von vielen AD(H)S-Betroffenen geschildert wird. Das Gefühl der Inneren Leere und Dysphorie bei Inaktivität scheinen eng zusammen zu gehören.

10.5.2.4. Überschätzung der eigenen sozialen Kompetenzen

Dieses Symptom ist nicht so gravierend, als dass es für AD(H)S als tragend bezeichnet werden könnte.

In einer Testgruppe von n = 82 Mädchen von 9-12 Jahren überschätzten die n = 42 AD(H)S-Betroffenen ihre sozialen Kompetenzen im Vergleich zu Fremdbeurteilungen (Lehrer, Eltern und Drittbeobachtern) deutlich mehr als Nichtbetroffene. Trat oppositionelles Trotzverhalten hinzu, verstärkte sich dies noch weiter, ebenso bei verringerter Depressionssymptomatik. Die Selbstüberschätzung korrelierte nur bei den AD(H)S-Betroffenen mit der Tendenz der Betroffenen, Antworten in Richtung Sozialer Erwünschtheit zu verzerren (socially desirable reporting bias). Bei AD(H)S-Betroffenen war die Selbstüberschätzung sozialer Kompetenz an das Maß der Unausgeglichenheit gekoppelt. Mit zunehmender Ausgeglichenheit nahm die Selbstüberschätzung ab, während es dagegen bei Nichtbetroffenen mit Ausgeglichenheit zunahm.

Wir interpretieren dies, insbesondere aufgrund des Bias in Richtung sozialer Erwünschtheit, als eine Auswirkung der AD(H)S-typischen Rejection Sensitivity.

10.5.2.5. Jetzt ist immer

Wer das jetzt und hier nicht positiv wahrnehmen kann, für den ist “Jetzt ist immer” Ausdruck eines Schmerzzustands.

Wir nehmen bei AD(H)S-Betroffenen eine Art zeitliche Digitalisierung wahr. Fühlt sich etwas im Moment schlecht an, wird dies so interpretiert, als wäre das nun für immer und ewig und alle Zeiten so, also gäbe es keinen Ausweg mehr. 
Es könnte ein wenig mit dem bei Borderline oft stark vertretenen Schwarz-Weiss-Denken vergleichbar sein: Alles oder Nichts, jetzt ist sofort, es gibt kein Grau, es gibt kein nachher oder später.

10.5.2.6. Erhöhte subjektive Stresswahrnehmung bei AD(H)S

Zusätzlich zu den AD(H)S-typischen Symptom, die zugleich Stresssymptome darstellen, ist bei AD(H)S die subjektive Wahrnehmung von Stress erhöht. Auf den selben physiologischen (messbaren) erlittenen Stress erfolgt eine höhere (subjektive) Stresswahrnehmung als bei Nichtbetroffenen.
Eine erhöhte Stresswahrnehmung könnte eine Folge einer erhöhten “Jetzt ist Immer” Wahrnehmung sein. Wenn ein Stresszustand zugleich als niemals endend wahrgenommen wird, kann dies einer verringerte Wahrnehmung von Kontrolle und eine erhöhte Wahrnehmung von Hilflosigkeit (und in der Folge von Hoffnungslosigkeit) bewirken, was bekanntlich stark stresserhöhende Faktoren sind. 
Siehe hierzu unten sowie unterSubjektive Stressreaktion bei AD(H)S erhöht

10.5.3. Selbstwahrnehmungsstörungen als Stresssymptome

Selbstwahrnehmungsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress. Es tritt eine verschlechterte Eigenwahrnehmung auf, die bis zur Erholungsunfähigkeit führen kann.

10.5.3.1. Alexithymie als Stresssymptom

Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung) kann ein Symptom und eine Folge von Stress sein:

  • Verringerte Wahrnehmung der eigenen Gefühle(202)
  • Vermeiden von Gefühlen (Coolness)(203)
  • Geringe emotionale Selbststeuerung und Spontaneität der Gefühle(169)
  • Gefühlsverflachung (bei bestehen bleibender Kränkbarkeit) ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts(188)
10.5.3.2. Anhedonie als Stresssymptom

Anhedonie kann durch Stress ausgelöst werden (Stress-induzierte Anhedonie).(204)(Markov, Yatsenko, Inozemtseva, Grivennikov, Myasoedov, Dolotov (2017): Systemic N-terminal fragments of adrenocorticotropin reduce inflammation- and stress-induced anhedonia in rats. Psychoneuroendocrinology. 2017;82:173-186. doi:10.1016/j.psyneuen.2017.04.019)) 

In Tierversuchen zeigte sich, dass der MAO-A-Inhibitor Moclobemid die Entwicklung von Anhedonie unter Stress vermeiden(205) und dass das SSRI Escitalopram stressinduzierte Anhedonie verringern konnte, wobei Escitalopram das dabei verringerte Gen-Expressions-Niveau für BDNF im Hippocampus, nicht aber das verringerte Gen-Expressions-Niveau des D2-Rezeptor-Gens im Striatum normalisierte.(206) 

10.6. Selbstwertprobleme

AD(H)S-Betroffene haben ausgeprägte Selbstwertprobleme.(207)

Eine umfassende Darstellung zu Selbstwertproblemen bei AD(H)S findet sich bei adhspedia.de.(208)

Die Stärke der AD(H)S-Symptome korreliert mit Selbstwert, Lebenszufriedenheit und Depressionsmerkmalen.

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen(209)

  • ADHS-Symptomen
    (ermittelt mit ADHS-Screening für Erwachsene [ADHS-E])
  • einer herabgesetzten Lebenszufriedenheit
    (ermittelt mit der Satisfaction With Life Scale [SWLS]; vgl. Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985) und
  • dem Anstieg der Ausprägung von Depressionssymptomen
    (ermittelt mit dem Depressionsmodul des Patient-HealthQuestionnaire [PHQ-9]; vgl. Kroenke, Spitzer & Williams, 2001)

Bei einer Kombination von ADHS und Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD) oder aggressivem Verhalten oder oppositionellem Trotzverhalten (ODD) ist das Selbstwertgefühl signifikant geringer als bei ADHS allein oder Nichtbetroffenen.(210)

10.6.1. Kränkbarkeit und Angst vor Zurückweisung (Rejection Sensitivity)

Für Rejection Sensitivity sind kennzeichnend:

  • Kränkbarkeit
  • ängstliche Erwartung von Ablehnung
  • bereitwillige Entgegennahme von Ablehnung und
  • intensive Reaktion auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ablehnung

Bei Rejection Sensitivity (RS), die bei etlichen psychischen Störungen bekannt ist, besteht keine allgemeine Kritikunfähigkeit oder narzisstische Neigung, sondern eine besondere Empfindlichkeit im Sinne einer Angst vor Zurückweisung oder Zurücksetzung.
Nahezu jeder von uns befragte AD(H)S-Betroffene berichtete eine Rejection Sensitivity. Ebenso wurde nahezu übereinstimmend berichtet, dass dieses Symptom durch Stimulanzien (während der Wirkzeit) verbessert wurde. Dodson berichtet von unmittelbarer Wirkung von Clonidin und Guanfacin.
Dass AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher reagierten als Nichtbetroffene(89), könnte ein Ausdruck von RS sein.

Rejection Sensitivity könnte als unmittelbarer Ausdruck einer unsicheren Bindung verstanden werden. Unsichere Bindung
ist als Risikofaktor für AD(H)S bekannt. Mehr hierzu unter Bindungsstile im Kapitel Prävention.

Rejection Sensitivity korreliert nach dem ADxS.org-Symptomtest (Stand Jun 2020, n = 1889) vornehmlich mit Frustrationsintoleranz (0,56) sowie Ungeduld und Aggression (je 0,53). Die Korrelation zu externalisierender Stressphänotypik (0,42) (ADHS) ist deutlich ausgeprägter als zu internalisierender Stressphänotypik (0,26) (ADS). Dies deckt sich damit, dass Rejection Sensitivity grundsätzlich eher mit hypocortisolergen Zuständen wie atypischer Depression korreliert.(211) Rejection Sensitivity korrelierte weiter mit einer abgeflachten Alpha-Amylase-Stressantwort sowie negativeren Affekten bei gesunden Jugendlichen.(212)

Wir betrachten Rejection Sensitivity als originäres neurophysiologisches Symptom von AD(H)S.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom

10.6.1.1. Rejection Sensitivity / Kränkbarkeit und Stress

Eine erhöhte Kränkbarkeit ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts(188) und einer atypischen Depression.(213) Dass Burnout aus einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer nicht bewältigbaren Stresssituation resultieren kann, ist gesichert.
Weitere Beschreibungen von Kränkbarkeit / Rejection Sensitivity als unmittelbares Stresssymptom konnten wir bislang nicht finden. Dagegen deuten Untersuchungen darauf hin, dass Rejection Sensitivity einen erheblichen Einfluss auf empfundenen Stress hat.(214)(215)(216) Schizophrenie-Betroffene, die sehr besorgt darüber sind, von Nachbarn oder Arbeitskollegen abgelehnt zu werden, erschienen als anfälliger dafür, Stigmatisierung als Stressor wahrzunehmen.(217)
Stress scheint ein Mediator zu sein, der Rejection Sensitvity und Depression verbindet.(218)

10.6.2. Tend and Befriend

Das gegenteilige Stresssymptom zu Rejection Sensitivity ist eine besondere Annäherung an andere. Dieses Verhalten ist bei Frauen deutlich ausgeprägter als bei Männern und stellt eine weitere Verhaltensalternative zu fight, flight oder freeze dar.
Der biobehaviorale Mechanismus des tend-and-befriend-Mechanismus ist vermutlich im Bindungs-Versorgungssystem verankert. Neuroendokrine Befunde legen nahe, dass Oxytocin in Verbindung mit weiblichen Fortpflanzungshormonen und endogenen Opioid-Peptidmechanismen an endokrinologischen Korrelaten beteiligt sein könnten.(219)

10.6.3. Perfektionismus als AD(H)S-Symptom

Perfektionismus wird von AD(H)S-Betroffenen häufig als Symptom beschrieben.

AD(H)S-Betroffene leiden aufgrund ihrer Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme häufig an einer beeinträchtigten Leistungsfähigkeit. Darüber hinaus scheint die Selbstwahrnehmung von AD(H)S-Betroffenen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit oft erheblich negativer als es der Realität angemessen wäre. Dieses Symptom einer (über die tatsächlich bestehenden Leistungsbeeinträchtigung hinausgehenden) eingebildeten Minderleistung könnte Folge eines bei AD(H)S durchaus häufig anzutreffenden dysfunktionalen perfektionistischen Anspruchs sein.

10.6.3.1. Erscheinungsformen von Perfektionismus

Funktionaler (in einem gesunden Maße bestehender) Perfektionismus deckt sich stark mit Gewissenhaftigkeit. Dysfunktionaler (übermäßiger) Perfektionismus korreliert mit Neurotizismus. Perfektionismus  kann sich in einem (übermäßigen) Anstreben von Vollkommenheit (als Annäherungsziel) und/oder in einem (übermäßigen) Streben nach Fehlervermeidung (als Vermeidungsziel) äußern.

Symptome von dysfunktionalem Perfektionismus:

  • Übergroßes Gefühl, Minderleister zu sein
  • sich selbst für faul halten, obwohl dies objektiv nicht gerechtfertigt ist
  • Handlungen werden übertrieben ausgeführt, um Fehler sicher auszuschließen
    (weniger AD(H)S-typisch, tritt zuweilen als Copingmechanismus auf)
    • viel zu früh auf den Weg machen, um nicht zu spät zu kommen, trotz bekannter Strecke 
    • Extrem aufgeräumte Wohnung (reduziert zudem die Ablenkbarkeit durch Reizminimierung)
  • Exzessives Kontrollieren
    • mehrfache Kontrolle eigener und fremder Handlungen zur Absicherung vor Fehlern
  • Wiederholen und Verbessern
    • Wiederholung von Handlungen bis perfektes Ergebnis erreicht ist (weniger AD(H)S-typisch)
    • Verbessern anderer, wenn Ergebnis nicht optimal
  • Intensives Planen und Organisieren
    • Faible für (Check-)Listen / To-Do-Listen
  • Entscheidungsprobleme
    • Angst davor, die nicht optimale Wahl / Entscheidung zu treffen
  • Schwierigkeiten, Projekte zu beenden
    • Bearbeitung nicht abschließen können, weil Ergebnis noch nicht perfekt genug scheint
    • Vermeidung der Aufnahme / Fortführung von Tätigkeiten
      • bei denen Ergebnis nicht perfekt sein könnte
      • bei denen Ziel nicht erreicht werden könnte
  • Probleme, Aufgaben zu delegieren
    • lieber selbst machen, damit Ergebnis optimal wird.


Dysfunktionaler Perfektionismus kann Ausdruck einer erhöhten Angst sein, fremden Ansprüchen nicht zu genügen. Dieses Symptom erinnert damit an Rejection Sensitivity, die eine Wahrnehmungsverschiebung in Richtung einer erhöhten Angst vor vermeintliche oder tatsächlicher Ablehnung durch Dritte besteht.

Es gibt auch andere Störungsbilder mit einer fehlerhaften Eigenwahrnehmung, z.B. Magersucht, die eine Körperschemastörung beinhaltet.
Magersucht wird mit Abweichungen in ventralen und dorsalen Gehirnbereichen (unter anderem Insula und Striatum) sowie mit Abweichungen im Serotonin und Dopaminhaushalt in Verbindung gebracht.(220)
Das Striatum sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin sind auch in die Entstehung von AD(H)S-Symptomen involviert. Gleichwohl ist Magersucht eher selten eine Komorbidität von AD(H)S

10.6.3.1. Perfektionismus und Stress

Perfektionismus scheint die Stressreaktion auf einen bestehenden Stressor zu moderieren.(221)

10.6.4. Selbstwertprobleme als Stresssymptome

Selbstwertprobleme sind typische Symptome von schwerem Stress.(222)(169)
Niedriger Selbstwert korreliert häufig mit

  • Selbsthass
  • suizidalen Tendenz
  • Schuld und Scham

Dies gilt ebenso für Lustlosigkeit(13)(170), die man als Äquivalent der Dysphorie bei Inaktivität betrachten könnte und dem Gefühl, deprimiert zu sein.(13)(170)

Insbesondere eine als unkontrollierbar wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes triggert eine Cortisolausschüttung.(223)(224)

Minderwertigkeits- und Versagensgefühle sind typische Symptome für den Endzustand eines Burnouts.(15)

10.7. Ängstlichkeit

10.7.1. Erhöhte Ängstlichkeit als AD(H)S-Symptom

AD(H)S geht häufig mit einer erhöhten Ängstlichkeit einher.(225)(226)

Angst/Ängstlichkeit soll nach manchen anderen  Stimmen kein originäres AD(H)S-Symptom sein. Dies ist insofern fraglich, da Angst/Ängstlichkeit ein durch das Stresshormon CRH unmittelbar vermitteltes Symptom ist (gespritztes CRH erhöht die Ängstlichkeit). Bei AD(H)S besteht zumindest eine hohe Komorbidität zu Angststörungen, die bei 34 % der AD(H)S-Betroffenen auftreten.

10.7.2. Katastrophisieren

Viele Betroffene berichten davon, gedanklich häufig die schlimmsten Annahmen zu treffen. Die einschlägigen Foren behandeln dieses Thema intensiv.
Die Fachliteratur hat dies bislang nicht als spezifisches AD(H)S-Symptom erörtert.

Wenn die Gedanken sich häufig um worst-case-Szenarien drehen, hat dies in einer überlebensbedrohlichen Situation den Vorteil, besser auf verschiedene gefährliche Alternativen vorbereitet zu sein.

Angstsymptomatik bei AD(H)S steht im Spannungsverhältnis zu einer bei AD(H)S häufig erhöhten Risikobereitschaft. Die Daten des ADxS.org-Symptomtests zeigen, dass Angstsymptomatik bei AD(H)S vor allem mit Rejection Sensitivity und Selbstwertproblemen korreliert. Weiter korreliert Angst mit dem ADS-Subtyp deutlich stärker ist als mit den ADHS-Subtypen, wobei dieses Ungleichgewicht nicht so ausgeprägt ist wie bei der Risikobereitschaft, die noch deutlicher mit den ADHS-Subtypen und noch weniger mit den ADS-Subtypen korreliert. (n = 1889, Stand Juni 2020). 

10.7.3. Erhöhte Ängstlichkeit als Stresssymptom

Angst/Ängstlichkeit ist ein Stresssymptom.(170)(14)

Verstärkte Ängstlichkeit, erhöhte Furchtkonditionierbarkeit sowie erhöhte Vorsicht in unbekannten Umgebungen, im Offenfeld, im elevated plus maze und bei Konflikten sind eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(227)(20)

Ängstlichkeit hängt vom Stressphänotyp ab. Ängstlichkeit wird vornehmlich bei Menschen beobachtet, die Stress internalisieren (ADS). Wollte man derartige Symptome, die lediglich bei bestimmten Stressphänotypen auftreten, nicht als originäre AD(H)S-Stresssymptome betrachten, müsste Hyperaktivität als spezifisches Stresssymptom des externalisierenden Stressphänotyps ebenso aus dem Kanon ausscheiden.

10.8. Erhöhte Risikobereitschaft als AD(H)S-Symptom

Eine Untersuchung berichtet deutlich erhöhtes Risikoverhalten von AD(H)S-Betroffenen.(228)

Eine umfangreiche Untersuchung an 2.434 Arbeitern im Iran fand eine Risikoverteilung von:

  • sehr geringes Risiko (65.6%)
  • niedriges Risiko (27.8%)
  • moderates Risiko (4.1%)
  • hohes Risiko (2.5%)

AD(H)S erhöhte die Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit moderatem oder hohem Risikoverhalten anzugehören um das 3,4 und 3,1-fache. Eine Angststörung erhöhte das Risiko um das  2,1 und das 2-fache., jeweils im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit dem niedrigsten Risiko anzugehören.(229)

Nach anderen Quelle gebe es keine sicheren Belege für eine erhöhte Risikobereitschaft von AD(H)S-Betroffenen.(230)(231)

Manche AD(H)S-Betroffene betreiben gerne Risikosportarten (Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Moto-Cross, Mountainbiken).(10) Möglicherweise könnte die dafür erforderliche oder dadurch ausgelöste Konzentration wie ein Hyperfokus wirken.
Erhöhte Risikobereitschaft scheint mit spontanen und impulsiven Entscheidungen zu korrelieren. Hiergegen könnte allerdings die oben genannte erhöhte Risikobereitschaft von Menschen mit Angststörungen sprechen.

Erhöhte Risikobereitschaft bei AD(H)S steht im Spannungsverhältnis zu einer bei AD(H)S häufig erhöhten Angst. Die Daten des ADxS.org-Symptomtests zeigen, dass eine erhöhte Risikobereitschaft vor allem mit Impulsivität und den ADHS-Subtypen korreliert während mit dem Symptom Angst keine Korrelation besteht (Stand Juni 2020, n = 1889). 

10.8.1. Erhöhte Risikobereitschaft als Stresssymptom

Erhöhte Risikobereitschaft ist ein Stresssymptom.(232) Diese erhöhte Risikobereitschaft endete 40 bis 80 Minuten nach Ende der Stresssituation und verringerte sich dann sogar unter das Niveau von nicht gestressten Personen.(233)

Eine erhöhte Risikobereitschaft soll ein Stresssymptom bei Menschen sein, die eine robuste Cortisolerhöhung auf einen akuten Stressor zeigen. Junge Männer ohne eine deutliche Cortisolantwort auf einen Stressor zeigten keine erhöhte Risikobereitschaft. Dies kann so gedeutet werden, dass die Stressreaktion der Risikobereitschaftserhöhung nur bei denjenigen Menschen auftritt, die auf Stress mit einem Cortisolanstieg reagieren, oder dahingehend, dass die Probanden, bei denen kein Cortisolanstieg auf den TSST gemessen wurde, auf diesen nicht mit Stress reagierten.(234) 

10.9. Novelty Seeking / Sensation Seeking

Novelty Seeking (früher Sensation Seeking) bedeutet, dass Betroffene nach ständig neuen Reizen suchen. Im Extremfall (Sensation Seeking) wird nach dem besonderen Kick, nach intensiven, neuen Erfahrungen gesucht. Novelty seeking soll mit Impulsivität verknüpft sein. Nach den Daten des ADxS.org-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1889) korrelierte Novelty Seeking am stärksten mit Innerer Unruhe (0,42), Ungeduld (0,39), Impulsivität (0,38), Frustrationsintoleranz (0,36), Erholungsunfähigkeit (0,34) sowie Hyperaktivität (0,31). Damit korrelierte es mit typischen ADHS-Subtypen-Symptomen stärker als mit Aufmerksamkeitsproblemen (0,31) und Belohnungsaufschubproblemen (0,31). Dies deckt sich mit den Ergebnissen weiterer Untersuchungen.(235)(236)

Novelty Seeking könnte auch für Betroffene typisch sein, die ein niedriges Arousal haben, bzw. ein höheres Arousal für eine optimale Leistungsfähigkeit benötigen.
Dieser Zusammenhang ließe sich mit dem unter Innere Leere beschriebenen Ansatz ebenfalls schlüssig erklären: Es bedarf starker neuer Reize, damit das Belohnungszentrum anspringt und Interesse für etwas geweckt wird. Die bei kortikaler Inaktivität aufgrund des dadurch entstehenden Absinkens des Dopaminspiegels entstehende Dysphorie wird als unangenehm wahrgenommen und soll vermieden werden. Intensive neue Reize und hohe Risiken führen zu einer Art willentlich hervorgerufenem Hyperfokus.
Wir kennen etliche Betroffene, die ihre Dysphorie bei Inaktivität dadurch vermeiden, dass sie immer aktiv bleiben, z.B. einen Aktivurlaub einem “faulen” Badeurlaub vorziehen.

Reward Discounting soll nur bei konditionierten Reizen entstehen, da eine konditionierte Ergebniserwartung erforderlich sei. Bei neuen Reizen wäre das unangenehme Desinteresse, das aus der Belohnungsverzögerung entsteht, nicht möglich.

Novelty seeking wird mit der Genvariante DRD4-7R assoziiert, die ein Kandidatengen für AD(H)S ist.

10.10. Empfindlichere Reaktion auf Strafen

AD(H)S-betroffene Kinder reagierten auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(89)

10.11. Stressintoleranz / empfindlichere Reaktion auf Stress

AD(H)S-Betroffene empfinden Stress intensiver.(69)(237)

Siehe hierzu unterSubjektive Stressreaktion bei AD(H)S erhöht

Wir halten Stressintoleranz für ein zentrales Symptom von AD(H)S. Wir vermuten, AD(H)S mit einer dauerhaften Schädigung der Stressregulationssysteme (vornehmlich der HPA-Achse) einhergeht. Dis besagt nicht, dass AD(H)S eine kausale Folge davon wäre; vermutlich vermittelt AD(H)S jedoch etliche Symptome über Störungen der Stressreaktionssysteme.
⇒ AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung
⇒ AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome
⇒ Stressschäden – Auswirkungen von langanhaltendem Stress

Die dieser Sicht zu Grunde liegenden Erkenntnisse aus der Stressforschung wurden erstmals in den 1990er Jahren verstanden und haben sich in den letzten Jahren immer deutlicher herauskristallisiert und verdichtet. Zum Verständnis, wie weit reichend diese Erkenntnisse sind und wie sehr sie nicht nur die Behandlung von psychischen Störungen, sondern vor allem die Prophylaxe hierfür noch verändern werden, empfehlen wir die deutschsprachigen Standardwerke zur Stressmedizin

11. Kommunikationsprobleme

11.1. Sprachprobleme bei AD(H)S

  • Sprechdurchfall, Redelust, Wortschwemme (Logorrhö, Polyphrasie)(238)
    • Antworten (z.B. Mails) werden zuweilen ausufernd
    • Antworten schweifen vom Thema ab
    • Gesprächspartner kommen kaum zu Wort (ADHS-Subtypen)
  • Sprechweise schnell und undeutlich(10)
  • Sprachausdruck häufig “verwirrt”(239)(240)
    • gefüllte Pausen
    • Wiederholungen
    • Überarbeitungen
    • abgebrochene Äußerungen

11.2. Kommunikationsstil bei AD(H)S interessenfokussiert  

  • Smalltalk wird als langweilig empfunden(10)
  • Betroffene hyperfokussieren schnell auf sie interessierende Themen(10)

12. Soziale Probleme

12.1. Impulsive Missachtung sozialer Regeln bei AD(H)S

AD(H)S-Betroffene mischen sich häufiger sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein. Dies korreliert mit Impulsivität und tritt daher häufiger bei den ADHS-Subtypen auf. 
Impulsive Missachtung von sozialen Normen und Regeln führt zu sozialer Ablehnung. 

12.2. Sozialer Rückzug / soziale Phobie bei AD(H)S

12.2.1. Sozialer Rückzug als AD(H)S-Symptom

Sozialer Rückzug ist eine Einschränkung bei sozialen Kontakten, weil entweder keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (⇒ Rejection Sensitivity) oder das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)(241)(169)

Ein sozialer Rückzug von AD(H)S-Betroffenen, der bis hin zu einer Sozialphobie vor Menschen gehen kann, korreliert offenbar nur bei Mädchen mit einem erhöhten Außenseiterdasein(242) und hat mehrere Mechanismen als Ursache.

Erwachsene AD(H)S-Betroffene zeigten in einer Untersuchung zur Fähigkeit der sozialen Problemlösung gleich gute Leistungen in Bezug auf die Theory of Mind, die Erarbeitung der “besten” Lösung für problematische soziale Situationen und die Auswahl der optimalen Lösung aus verschiedenen Alternativen. Die allgemeine Fähigkeit, Problemlösungen flüssig und frei zu generieren, war nicht an die Exekutivfunktionen oder an den Trait der Empathie gebunden. Sie wurde lediglich durch Angst vor sozialer Interaktion beeinträchtigt.(243)
Angst vor sozialen Kontakten (Sozialphobie) hemmt die sozialen Fähigkeiten maßgeblich.

Darüber hinaus führen die ablehnenden Reaktionen der Umwelt auf die eigenen Symptome zu einer negativen Bewertung von sozialen Kontakten.
Das Symptom der Sozialphobie tritt nach den Ergebnissen unseres Symptomtests zwar ungefähr gleich häufig bei 73 % der ADHS-Betroffenen (mit Hyperaktivität) und 70 % der ADS-Betroffenen auf, ist in seiner Ausprägungsstärke jedoch bei ADHS-Betroffenen mit 0,63 deutlich schwächer als bei ADS-Betroffenen mit 0,73 (auf einer Skala von 0 bis 1). Lediglich 15 % der Nichtbetroffenen erreichten die Schwelle des Symptoms. ADS-Betroffene erreichten zudem zu 98 % den Cutoff des Symptoms Angst (mit einer Schwere von 0,89), gegenüber 93 % der ADHS-Betroffenen mit einer Schwere von 0,84. 

Daneben dürfte der zu weit offene Reizfilter mit der hieraus resultierenden Hochsensibilität die Grenzen der ertragbaren Reize so weit reduzieren, dass ein Rückzug von den als anstrengend empfundenen Einflüssen Dritter einen plausiblen Abwehrmechanismus darstellt. Viele Hochsensible berichten, dass sie auf Partys nach einer gewissen Zeit fliehen oder sich in ruhigere Räume zurückziehen (Küche, Balkon, WC).

Neurophysiologisch ist die Aktivierung von Oxytocin-Rezeptoren im ventralen Tegmentum für ein belohnungsgesteuertes Interesse an sozialen Kontakten essenziell.(244)

Interessanterweise scheint soziale Kompetenz bei Mädchen und Frauen mit AD(H)S höher zu sein als bei Jungen und Männern, während sich dieser Zusammenhang bei Autismusspektrumsstörungen umgekehrt zeigte und altersabhängig war.(245)

12.2.2. Sozialer Rückzug als Stresssymptom

Sozialer Rückzug ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(246)(39) Eine Einschränkung der sozialen Kontakte bei Stress wird darauf zurückgeführt, dass:(241)(169)

  • keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, Rejection Sensitivity)
  • das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)

Ein erhöhtes Rückzugsverhalten ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(19)(118)
Eine zunehmende Einschränkung sozialer Kontakte ist ein typisches Symptome für einen Burnout.(188)

12.3. Einsamkeit als AD(H)S-Symptom

Einsamkeit ist häufig eine Folge des sozialen Rückzugs und geht bei AD(H)S eher mit erhöhten introvertierten Symptomen einher.(247) Einsamkeit dürfte damit eher bei ADS als bei ADHS auftreten. 

13. Schlafprobleme

Etwa 70 bis 80 % aller AD(H)S-betroffenen Kinder(248) und 11,3 %(249) bis 29 % der AD(H)S-Betroffenen Erwachsenen (gegenüber 2,3 % der Nichtbetroffenen(249) = das 5-fache bis 12-fache Risiko) haben Schlafprobleme. Wir schätzen das Auftreten von Schlafproblemen bei Erwachsenen AD(H)S-Betroffenen ungefähr gleich.

75 % aller AD(H)S-Betroffenen sollen Probleme des circadianen Schlafrhythmus haben.(250) Der Schlussfolgerung, dass AD(H)S eine bloße Folge von Schlafproblemen sei, können wir gleichwohl nicht folgen. Wir gehen davon aus, dass AD(H)S Schlafprobleme verursacht und Schlafprobleme AD(H)S-Symptome verstärken. Schlafprobleme alleine können jedoch kein AD(H)S verursachen.

Eine große Studie (n = 4109) an Kindern von 0 bis 7 Jahren stellte fest, dass AD(H)S-Betroffene mehr Schlafprobleme und in der Folge mehr Probleme mit emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeit haben als Nichtbetroffene. Zugleich wurde festgestellt, dass Schlafprobleme auch bei Nichtbetroffenen zu emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeitsproblemen führen. Schlafprobleme sind jedoch nicht der Auslöser späterer Aufmerksamkeitsprobleme.(251)

Bei Depressionen sind Durchschlafprobleme ein typisches Symptom der internalisierenden Depressions-Subtypen (melancholische oder psychotische Depression) während Tagesmüdigkeit stark mit dem externalisierenden Subtyp der atypischen Depression korreliert. Bei AD(H)S scheinen die die verschiedenen Schlafprobleme nicht so deutlich mit bestimmten AD(H)S-Subtypen zu korrelieren. Die Daten des ADxS-Symptomtests (Stand Juni 2020, n = 1889) zeigen, dass Tagesmüdigkeit bei Erwachsenen mit AD(H)S das häufigste Schlafproblem ist (ungefähr doppelt so häufig wie Einschlafprobleme oder Durchschlafprobleme) und etwas häufiger bei ADS als bei den ADHS-Subtypen auftritt. Einschlafprobleme treten häufiger auf als Durchschlafprobleme. Einschlaf- wie Durchschlafprobleme sind zudem häufiger bei ADHS-Subtypen als beim ADS-Subtypen anzutreffen.

Schlafprobleme sollten bei AD(H)S mit besonderer Aufmerksamkeit und Priorität behandelt werden. Treten Schlafprobleme zusammen mit (oder verursacht durch) AD(H)S auf, entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Teufelskreis.
Näheres unter AD(H)S – Behandlung und Therapie.

13.1. Einschlafprobleme

Einschlafprobleme bei AD(H)S sind häufig eine Folge eines stetigen Gedankenkreisens (Rumination), eines nicht abreißenden Gedankenstroms. Dies dürfte mit Innerer Unruhe korrelieren.
Etliche Betroffene berichten, dass sie mit Hörbüchern besser einschlafen können. Weiter kann eine geringe unretardierte Stimulanziendosis (1/4 bis 1/2 einer Tages-Einzeldosis) kann einem kleinen, aber nicht unerheblichen Teil der Betroffenen beim einschlafen helfen.
Zuweilen treten auch Gliedmassenzuckungen (ruhelose Beine) auf, die an restless legs erinnern.

13.2. Durchschlafprobleme

Durchschlafprobleme sollen mit die häufigsten Schlafprobleme bei AD(H)S sein.(252) Nach unserem persönlichen Eindruck sowie nach den Daten des ADxS.org-Symptomtests sind jedoch Einschlafprobleme etwas häufiger und Tagesmüdigkeit tritt (zumindest bei Erwachsenen) ungefähr doppelt so häufig auf. 
Durchschlafprobleme bei Kleinkindern von 1 bis 3 Jahren waren ein stärkerer Prädiktor für eine spätere AD(H)S-Diagnose als die Schlafdauer.(253)

Durchschlafprobleme können von erhöhtem Alkoholkonsum hervorgerufen werden, der bei AD(H)S häufiger ist, unter anderem um das Einschlafen zu fördern. Im Übrigen scheinen Durchschlafprobleme wie Kreuzschmerzen oder Zähneknirschen von einer übergroßen inneren Anspannung beeinflusst zu werden.

13.3. Schlafprobleme als Stresssymptome

Schlafstörungen sind sehr häufige Symptome bei schwerem Stress.(254)(20)(38)(29)(14)

Erhöhte Wachheit und verringerter Tiefschlaf ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(19)(20)

Als Stresssymptom werden auch häufige Alpträume genannt.(29)(255)

14. Leistungsfähigkeit beeinträchtigt 

14.1. Leistungsbeeinträchtigung als AD(H)S-Symptom

Andere Formulierungen für die bei AD(H)S verringerte Leistungsfähigkeit sind “In eigener Anstrengung beeinträchtigt” oder “In der Anstrengung behindert”.

Aufgrund der eigenen Desorganisation (siehe Exekutivprobleme) ist häufig bereits eine Erwartung gewachsen, dass das eigene Bemühen ohnehin keinen (adäquaten) Erfolg haben werde. Dies behindert die eigene Anstrengung. Es kommt zu Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung.(241)(169)

  • Mangelnde Fähigkeit zur Gliederung von Arbeitsabläufen bewirkt Überforderungsgefühl (bei Erwachsenen)(47) und verstärkt Selbstentwertung
  • Stimmungsschwankungen verhindern konstante Arbeitsleistung (bei Erwachsenen)(47), dies verstärkt Selbstentwertung
  • Neue Projekte werden vermieden, weil sie ohnehin nicht fertiggestellt würden (zur Abgrenzung siehe auch Perfektionismus)

14.2. Leistungsbeeinträchtigung als Stresssymptome

Bei schwerem Stress ist die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.(38)(85)
Es besteht eine Behinderung von Anstrengung wegen mangelnder Zufriedenheit durch Erfolg oder fehlender Erwartung von Erfolg (Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung).(169)
Leichte Erschöpfbarkeit, Kraftlosigkeit und Tagesmüdigkeit sind typische Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(15)

Das Gefühl der Überforderung ist ein bekanntes Stresssymptom.(256)(38)

15. Reaktionszeitveränderungen

15.1. Reaktionszeitvarianz bei AD(H)S erhöht

AD(H)S ist gekennzeichnet von einer erhöhten Varianz der Reaktionszeit in Reaktionstests.(257)(258)(259)(260)(261) Die erhöhte Reaktionszeitvariabilität soll insbesondere mit Problemen anhaltender Aufmerksamkeit korrelieren(262)(263)(264), was jedoch nicht uumstritten ist.(260)(265) Offenbar ist die Reaktionszeitvarianz bei der Gruppe von AD(H)S-Betroffenen, die besonders viele commisson errors (falsch-positive Fehler) machen, besonders hoch.(266)
Weiter wurde von einer späteren und verringerten Verlangsamung der Reaktionszeiten nach Fehlern als bei Nichtbetroffenen berichtet.(261)(267)
Erhöhte individuelle Reaktionsvarianz ist ein Zeichen von erhöhtem neuralem Rauschen. MPH verbessert dies.(268) Neurales Rauschen wird durch arhythmische Signale im Cortex repräsentiert, die als “1/f-Rauschen” im EEG messbar sind.  Dopaminmangel verschlechtert den Signal-Rauschabstand. AD(H)S ist von verringerten Dopaminspiegeln im PFC und Striatum gekennzeichnet. Stimulanzien wie z.B. MPH heben den Dopaminspiegel dort an. Ein bis zum optimalen Maß steigender Dopaminspiegel verbessert den Signal-Rauschabstand.

Das Symptom der erhöhten Reaktionszeitvarianz unterscheidet AD(H)S zudem signifikant gegenüber anderen psychischen Störungen wie

  • Angst
  • Distress disorders (körperliche Stressstörungen, PTBS)
  • Oppositionelles Trotzverhalten (ODD)
  • Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD)
  • typische Entwicklungsstörungen

Wir testen derzeit einen Reaktionstest, um zu erforschen, ob die Reaktionszeitvariabilität zur AD(H)S-Diagnostik verwendet werden kann. Hier startet der ADxS.org – AD(H)S-Reaktionstest.

15.2. Reaktionszeitverkürzung bei AD(H)S ?

Mehrere Untersuchungen und Berichte deuten auf eine kürzere Reaktionszeit bei AD(H)S hin.(269)(270)(271)(264)(261) Nach Barkley sei insbesondere bei SCT (Sluggish Cognitive Tempo) die Reaktionszeit durchgehend verringert.
Nach einer anderen Untersuchung unterscheiden sich die Reaktionszeiten von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen nicht, jedoch sehr wohl die Sorgfaltsleistung.
Eine weitere Untersuchung von AD(H)S-Betroffenen wurde festgestellt, dass Träger des DRD4-7R-Gen-Polymorphismus, der einer der Hauptkandidaten für Hochsensibilität und AD(H)S ist, entgegen aller Erwartung keine schlechteren Reaktionszeiten als Nichtbetroffene hatten, wohl aber Träger anderer DRD4-Polymorphismen. Andere berichten von einer abweichenden audiovisuellen multisensorischen Verarbeitung.(270)

16. Sexualverhalten / Fortpflanzung

Frauen mit AD(H)S haben signifikant(272)

  • früher ihren ersten Geschlechtsverkehr
  • früher ihre erste Lebendgeburt
  • früher ihre Menopause

AD(H)S ist mit einem riskanteren Sexualverhalten verbunden.(273)
Eine Untersuchung berichtet von signifikant verringerten Werten bei erwachsenen Frauen mit AD(H)S in Bezug auf(274)

  • Begehren
  • Erregung
  • Orgasmus
  • Befriedigung
  • Schmerz
  • Lubrikation

Bei erwachsenen Männern mit AD(H)S berichtet die Studie von signifikant geringeren Werten von

  • Orgasmus
  • erektiler Funktion
  • Geschlechtsverkehrszufriedenheit
  • allgemeine Zufriedenheit

Lediglich das Begehren war nicht beeinträchtigt  

17. Suchtprobleme

Suchtprobleme sind ein mögliches Symptom von AD(H)S.

17.1. Stoffgebundene Süchte bei AD(H)S

17.1.1. Alkoholsucht bei AD(H)S

Kurzfristiger Alkoholkonsum verringert Stresssymptome. Langfristiger Alkoholkonsum erhöht sie dagegen.

Bestand neben einer Alkoholsucht eine weitere stoffgebundene Sucht, war bei jungen Männern die Wahrscheinlichkeit von AD(H)S 5,3 fach erhöht.(275)

17.1.2. Cannabiskonsum und AD(H)S

Cannabis kann bei AD(H)S eine selbstmedikamentierende Komponente haben. Diese tritt bereits bei Dosen ein, die keine Rauschwirkung haben (Microdosing). Gleichwohl ist nichtmedizinischer Cannabis keine angemessene Behandlung und medizinischer Cannabis nur in sehr seltenen Konstellationen eine mögliche Medikamentierung.
Doseierungen, die eine Rauschwirkung verursachen, stellen keine seriöse medizinische Bedeutung dar. Bei nichtmedizinischem Cannabis ist aufgrund der hohen Wirkstoffschwankungen eine medizinische Nutzbarkeit grundsätzlich fraglich.
Mehr hierzu unter Cannabinoiderge Medikamente bei AD(H)S und ⇒ Substanzmissbrauch mit Selbstmedikationswirkung bei AD(H)S.

17.2. Nicht stoffgebundene Süchte

17.2.1. Videospielsucht bei AD(H)S

AD(H)S scheint eine höhere Videospielzeit auszulösen, während mehr Videospielzeit keine Erhöhung von AD(H)S bewirkt.(276)
Wir vermuten, dass das durch AD(H)S bewirkte geringere Interesse für entferntere Belohnungen eine höhere Affinität zu Videospielen auslöst, da diese häufig mittels kurzfristiger Belohnungen motivieren. 
Internetspielsucht und AD(H)S scheinen die selbe verringerte funktionelle Konnektivität zwischen PFC und subkortikalen Gehirnregionen aufzuweisen, die jeweils nach 1 Jahr medikamentöser Behandlung zurückging.(277)
Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen Internetspielsucht und Unaufmerksamkeit. Sie fand außerdem, dass dieser Zusammenhang durch eine vertikaler individualistische kulturelle Orientierung ohne signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschied verstärkt wurde.(278)

17.2.2. Internetsucht und AD(H)S

Von 650 Jungen einer High-School zeigten 12 bis 15 % eine ausgeprägte Internetsucht. Diese ging mit erhöhter AD(H)S-Symptomatik einher.(279)
Internetsucht wurde durch eine Studie in zwei Subtypen unterschieden: einen Subtyp, der mit Impulsivität und ADHS korrelierte und einen anderen Subtyp, der mit Zwanghaftigkeit korrelierte.(280)
Eine Studie fand, dass Internetsucht bei AD(H)S mit motivationaler Dysfunktion, nicht aber mit exekutiver Dysfunktion korrelierte.(281)

17.2.3. Handysucht bei AD(H)S

Überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(41) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an

  • Alkoholkonsum
  • sexueller Aktivität
  • PTBS/PTSD
  • Angststörungen
  • Depressionen

Handysucht korrelierte in einer Studie unmittelbar mit AD(H)S, Depression, Angst und Stress, nicht aber mit Schlafdauer.(282)

18. Messi-Tendenz / Hoarding

Bei AD(H)S ist die Unfähigkeit, Dinge wegzuwerfen und die Tendenz, Dinge zu horten, ausgeprägter als bei Nichtbetroffenen. Hoarding-Betroffene zeigten zu 40,7 % AD(H)S-Traits, gegenüber 21,7 % bei Nicht-Hoarding-Betroffenen.(283)
Es muss erwähnt werden, dass es AD(H)S-Betroffene gibt, die eine extreme Ordnung als Copingmechanismus gegen eine durch Unordnung erhöhte Reizbelastung entwickeln.  

19. Kreativität erhöht (?)

Es wird diskutiert, ob AD(H)S-Betroffene eine höhere Kreativität zeigen als Nichtbetroffene. Es wird erörtert, dass dies eine Störungsfolge sein könnte und kein Charaktertrait.(284)

Unsere Fragen nach Kreativität im ADxS.org-Symptomtest V2 zeigten keine signifikant erhöhten Werte von Kreativität (und Intuition) bei (erwachsenen) AD(H)S-Betroffenen. Möglicherweise war die Fragestellung zu vereinfacht. 

20. Regulationsprobleme

Etliche AD(H)S-Symptome werden auch als Regulationsprobleme beschrieben.
Regulationsprobleme sind daher kein eigenes, zusätzliches Symptom von AD(H)S, sondern beschreiben einen Mechanismus, der bei verschiedenen Symptomen auftritt.

Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S wechseln zwischen einer erhöhten Ablenkbarkeit und einer erhöhten  Schwierigkeit, den Aufmerksamkeitsfokus zu wechseln, wenn dies erforderlich ist. Während die Aufmerksamkeitsfähigkeit an sich nicht beeinträchtigt ist, besteht ein deutliches Problem darin, dass die Regulierung der Aufmerksamkeit einem anderen Regime, Modus, Profil unterliegt: die Aufmerksamkeitslenkung unterliegt stärker einer Lenkung durch intrinsisch als relevant empfundene Reize, während extrinsische Anforderungen schwerer beantwortet werden können als bei Nichtbetroffenen. 

Wahrnehmungsprobleme verbinden die bei AD(H)S nahezu immanente Hochsensibilität mit einem häufig gleichzeitig bestehenden partiellen Empathiedefizit, das ein Abwehrmechanismus gegen Überforderung und Reizüberflutung sein kann.

Beispiele für Symptompaare, die durch Regulationsprobleme verbunden sein könnten:

  • Stimmungsschwankungen
    Der Wechsel zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt
  • Prokrastination / Ungeduld
    Das möglichst lange Aufschieben von uninteressanten oder angstbesetzten Tätigkeiten gegenüber der AD(H)S-typischen Ungeduld 
  • Antriebslosigkeit / Aversion gegen Inaktivität 
  • Impulsivität / Entscheidungsprobleme 

Daneben gibt es Symptome, die möglicherweise eher kausale Folge sein könnten, als durch Regulationsprobleme untereinander verknüpft zu sein:

  • Selbstwertprobleme gehen häufig mit einem dysfunktionalen Perfektionismus einher. Dies dürfte indes kein Regulationsproblem, sondern eher kausale Folge der Selbstwertprobleme sein.  
  • Hochsensibilität / Gefühls- und Empathieschwäche
    Gefühlsarmut (unechte Alexithymie) könnte eine Reaktion oder Abwehrmechanismus gegen die hochsensibilitätsbedingte Reizüberflutung sein

Manche Symptompaare sind eher den typischen Stressreaktionsphänotypen von ADHS und ADS zuzuordnen, als dass es sich um Regulationsprobleme handelt.

  • Eine erhöhte Ängstlichkeit (bei ADS) und eine erhöhte Risikobereitschaft (bei ADHS) scheinen kein Symptompaar zu sein, das durch Regulationsprobleme verknüpft ist. Diese Symptome scheinen eher den jeweiligen Stressphänotypen ADHS (als externalisierender Stressreaktionsphänotyp) und ADS (als internalisierender Stressreaktionsphänotyp) zuzuordnen zu sein. Allerdings soll eine Angststörung offenbar auch die Wahrscheinlichkeit eines erhöhten Risikoverhaltens erhöhen, was allerdings die Daten der ADxS.org-Symptomtests nicht bestätigten (siehe oben).
  • Gleiches dürfte für impulsive Einmischung in Konversationen anderer (ADHS) versus sozialem Rückzug (ADS) gelten.

21. Abgrenzung von AD(H)S-Symptomen: Komorbidität und Differentialdiagnostik

Weitere häufig auftretende Symptome stammen nicht aus AD(H)S selbst, sondern aus Störungen, die häufig zusammen mit AD(H)S auftreten, sogenannte typische Komorbiditäten.
Näheres hierzu auf der Seite ⇒ AD(H)S – Komorbidität und den Unterseiten zu einzelnen Komorbiditäten.

Etliche Symptome können originär aus AD(H)S und ebenso originär aus anderern psychischen oder körperlichen Störungen resultieren. Um zu bestimmen, ob ein Symptom aus AD(H)S oder einer anderen Störung resultiert, bedarf es einer Differentialdiagnostik. 
Näheres hierzu auf der Seite Differentialdiagnostik bei AD(H)S und den Unterseiten zu einzelnen Differentialdiagnosen.

 

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich, sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.
Einen Hinweis auf ein mögliches AD(H)S anhand der Anzahl bestehenden Symptome liefert unser Onlinetest unter
AD(H)S-Online-Tests und Umfragen.

 

Zuletzt aktualisiert am 09.08.2020 um 14:19 Uhr


3.)
so auch Barkley, Steinhausen, Krause und viele andere - (Position im Text: 1)
4.)
7.)
Studie des MIND Institute der Universität California, zitiert nach Winkler in http://web4health.info/de/answers/adhd-menu.htm - (Position im Text: 1, 2, 3)
8.)
10.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 61 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13)
11.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 61 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4)
18.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 113 - (Position im Text: 1, 2)
19.)
25.)
27.)
29.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5)
35.)
37.)
39.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2, 3)
47.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 60 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11)
52.)
Biederman, Lanier, DiSalvo, Noyes, Fried, Woodworth, Biederman, Faraone (2019): Clinical correlates of mind wandering in adults with ADHD. J Psychiatr Res. 2019 Oct;117:15-23. doi: 10.1016/j.jpsychires.2019.06.012. - (Position im Text: 1)
61.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 21:30 - (Position im Text: 1)
62.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter. In 3. Auflage: S. 64. - (Position im Text: 1)
63.)
64.)
Brown (2015): ADHD – From Stereopypic to Science in Educational Leadership, 10/2015, S. 52 – 56, Seite 54; Brown ist Leiter der Yale Clinic for Attention and Related Disorders in New Haven, Connecticut - (Position im Text: 1, 2)
67.)
69.)
71.)
Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment in Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1, 2, 3)
72.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 7 mit Nachweisen - (Position im Text: 1)
73.)
74.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 7 mit Nachweisen - (Position im Text: 1)
78.)
Dagegen: Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment. In: Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1)
80.)
86.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 24:10 - (Position im Text: 1)
91.)
93.)
Dickerson, Kemeny (2004) und Kudielka et. al (2009), zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2 Seite 32, mwN - (Position im Text: 1, 2, 3)
105.)
121.)
Vater, Röpke, Renneberg (2011): Kognition und soziale Wahrnehmung. In: Dulz, Herpertz, Kernberg, Sachsse (Herausgeber) (2011): Handbuch der Borderline-Störungen. - (Position im Text: 1, 2)
122.)
132.)
Strehl (Hrsg.) (2013): Neurofeedback, Kohlhammer, Kapitel 6.2.3. - (Position im Text: 1)
133.)
Strehl (Hrsg.) (2002): Neurofeedback, Kapitel 6.2.3. unter Verweis auf Kropotov 2009 - (Position im Text: 1)
143.)
Rossi (2012): ADHS-Buch, heute leider nicht mehr frei downloadbar, Seite 359 - (Position im Text: 1)
144.)
161.)
168.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl, S. 44 – 58 - (Position im Text: 1)
187.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2005): Mensch im Stress; Elsevier (jetzt Springer), Seiten 151. Zu weiteren Wirkungen von CRH siehe auch Seite 96 - (Position im Text: 1)
189.)
Dietrich (2010): Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, Seite 8 - (Position im Text: 1)
191.)
203.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl., S. 44 – 58, zitiert nach Eckerle (2010): Neurobiologische Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Hochbegabung und psychischen Störungen (z.B. ADS) in der Adoleszenz. - (Position im Text: 1)
222.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl.. S. 44 – 58 - (Position im Text: 1)
224.)
Kudielka et. al (2009), S. 129 zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2, Seite 2, Seite 129, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1)
227.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2005): Mensch im Stress, Seiten 96, 117, 151 - (Position im Text: 1)
230.)
238.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, S. 85, 61 - (Position im Text: 1)
241.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl., S. 44 – 58 - (Position im Text: 1, 2, 3)
254.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Mensch im Stress; Psyche, Körper Moleküle, Seite 96, Seite 151, Seite 156 - (Position im Text: 1)
264.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 19:40 - (Position im Text: 1, 2)

Ein Gedanke zu „Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen“

  1. Danke für diese ausführliche und liebevoll begründete Symptomliste!
    Bei manchen Erklärungen mit Situationen aus der Steinzeit musste ich wirklich lachen.
    Aber es ist sehr befreiend, die Vor- und Nachteile zu bedenken.

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