Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen

Die in diesem Kapitel dargestellte Gesamtliste aller AD(H)S-Symptome ist von den Symptomen der diagnostischen Leitlinien nach DSM oder ICD zu unterscheiden.
DSM und ICD konzentrieren sich auf diejenigen Symptome, die (hier) AD(H)S von anderen Störungsbildern unterscheiden. Dies erweckt zuweilen das Missverständnis, dass die nach DSM oder ICD genannten Symptome die jeweils einzigen Symptome von AD(H)S oder eines anderen beschriebenen Störungsbildes wären.
Nachfolgend werden alle Symptome dargestellt, die im AD(H)S-Spektrum auftreten können. Diejenigen Symptome, die zu denjenigen von DSM und ICD hinzutreten, kommen typischerweise nicht nur bei AD(H)S vor, sondern können jeweils auch bei anderen Störungsbildern auftreten.
Beispiel: schnelleres Autofahren ist bei AD(H)S eines der häufigsten Symptome. Es ist jedoch wenig AD(H)S-spezifisch. Es tritt häufig auch bei Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen, auf. Das Symptom alleine ist daher nicht aussagekräftig.

Welche Symptome bei AD(H)S besonders hervortreten ist auch unter Experten umstritten.(1)

Die nachfolgende Liste der insgesamt bei AD(H)S möglichen Symptome steht daher in einem von DSM und ICD abweichenden Diagnostikkontext. Die Diagnose von AD(H)S erfolgt nicht dadurch, dass eine spezielle Art von Symptomen vorliegt (kategorial), sondern durch die Menge der zutreffenden Symptome und deren Intensität (dimensional)(2)(3).

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 1 bis 2 der 18 Symptome oft, also rund 5 %.(4)
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 12 der 18 der genannten Symptome oft, also rund 66 %.(5)
  • Kaum ein Betroffener hat alle Symptome “oft”, und es ist kaum typisierbar, welche Symptome gehäuft gemeinsam auftreten.

Die Symptome müssen über einen längeren Zeitraum und in mehreren Lebensbereichen auftreten und vor dem 12. Lebensjahr erstmals sichtbar geworden sein.

Die ersten Ergebnisse unseres Onlinetests (Version 2.0 mit 202 Fragen, die auf 35 Symptomcluster laden) zeigen, dass Nichtbetroffene 9 der 35 Symptome (26 %) häufig haben, während Betroffene 26 der 35 Symptome (74 %) häufig haben.
Würden* die Testergebnisse kategorial danach beurteilt, ob mehr als (9+26)/2 = 17,5 Symptome erreicht werden, würden* 94 % aller Probanden, die bereits eine AD(H)S-Diagnose hatten, richtig erkannt.
*Die Testergebnisse werden jedoch dimensional ausgegeben und nicht als einfaches ja/nein-Ergebnis.
⇒ AD(H)S-Online-Tests

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.

Unabhängig von der diagnostischen Fragestellung ist die Kenntnis aller möglicher Symptome von AD(H)S für Betroffene wie für Diagnostiker und Behandler eine unerlässliche Information.

Eine wunderbar unterhaltsame und sympathische Sammlung von Berichten Betroffener über AD(H)S-typische Verhaltensweisen findet sich im Forum ADHS-Anderswelt.(6)

Inhalt dieser Seite

1. Motorische Symptome

1.1. Hyperaktivität (bei Kindern) / Innere Unruhe, Getriebensein (bei Erwachsenen) als AD(H)S-Symptom

Hyperaktivität ist ein sehr häufiges (oder auch, weil ohne eindeutige organopathologische Ursache nicht begründbar, häufig diagnostiziertes) Symptom von AD(H)S. Hyperaktivität ist jedoch kein zwingendes Symptom von AD(H)S. Es gibt AD(H)S-Betroffene, die sehr an ihren Symptomen leiden, die weder als Kind hypermotorisch noch als Erwachsene voll innerer Unruhe waren / sind.

1.1.1. Bei Kindern: motorische Hyperaktivität

Tritt nur bei Subtyp ADHS und (im späteren Alter) beim Mischtyp auf, nicht bei Subtyp ADS.(7)
Lässt in der Adoleszenz nach, tritt dort stattdessen in Form ständiger innerer Unruhe auf.

Das Zappeln und ständige Bewegen könnte als innere Korrektur der Vigilanz (innere Grundspannung) und des zu niedrigen Dopaminspiegels verstanden werden. Bewegung erhöht den Dopaminspiegel(8)(9). Zappel-Betroffene, die gezwungen werden, stillzusitzen, geben (noch) häufiger falsche Antworten, als wenn sie sich bewegen dürfen.(8) Ebenso erhöht Sport vor der Schule (zum ausreagieren der motorischen Unruhe) die Lernerfolge(8).

Erscheinungsformen:

  • bei Kleinkindern:
    • ausgedehnte kindliche Trotzphase
    • ggf mit übermässigen veritablen Wutanfällen
  • bei Kindern:
    • ständiges Zappeln mit Händen und Füßen oder Herumrutschen auf dem Stuhl (DSM IV/5)
    • steht in der Klasse und anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf (DSM IV/5)
    • läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben) (DSM IV/5)
    • hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen (DSM IV/5)
    • ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie „getrieben“ (DSM IV/5)
    • redet häufig übermäßig viel (DSM IV/5; in ICD-10 als Impulsivitätsmerkmal gewertet). Sprechdurchfall ist auch bei manchen Erwachsenen noch festzustellen
  • bei Erwachsenen:
    Hyperaktivität (äußerlich/körperlich) lässt bei Erwachsenen bis zu 60 % nach(10)
  • körperliche Unruhe im Kindesalter verwandelt sich bei Erwachsenen zu
    • innerer Unruhe
    • immer etwas tun müssen
  • keine innere Ruhe finden können
    • Gedankenkreisen (Rumination)
  • körperliche Unruhe ggf. nur noch in geringem Mass
    • Fusswippen mit hoher Frequenz (jeweils auch wenn bewusst unterdrückt)(11)
    • Fingertrommeln (auch wenn bewusst unterdrückt)(11)
    • Nägel kauen(11)
    • Lippen beissen
    • Beine verknoten / um Stuhlbein schlingen, um Bewegung zu begrenzen(11)
  • Verhaltensstrategien, um die innere Unruhe zu reduzieren können ständiges stricken / malen / andere nebenher ausgeübte Tätigkeiten sein
  • Langstreckenflüge werden aufgrund der erzwungenen körperlichen Inaktivität häufig aversiv erlebt, ggf. auch lange Theater-, Kino-, Restaurantbesuche(11)
  • versucht oft, mehrere Arbeiten gleichzeitig zu erledigen (Form innerer Anspannung)(11)

1.1.2. Grob- / Feinmotorische Störungen

Man kann grobmotorische und feinmotorische Störungen als von Hyperaktivität getrennt auftretende Probleme betrachten.

  • Grobmotorische Probleme:
    • Ungeschicklichkeit
      • häufig anstoßen/hängen bleiben
    • viele Unfälle (Ungeschick trifft auf Hektik)
      • häufige Verletzungen (insb. ADHS)
      • blaue Flecken
    • Koordinationsprobleme (Dyskoordination)
      • z.B. Rad fahren lernen erst mit 6 Jahren
      • z.B. Schwierigkeiten beim Gleichgewicht halten oder beim Einbeinstand(12)
  • Feinmotorische Probleme
    • krakelige Handschrift(13)
      • überproportional zunehmend bei Diktat unter Zeitdruck(14)
    • Bilder sauber ausmalen fällt Kindern schwer(14)
    • Feinmechanik ist schwierig (z.B. glatte Schnitte mit Schere, kleine Schrauben einsetzen)
    • Die feinmotorischen Probleme bestehen bei ADHS wie bei ADS gleichermaßen.(13)

1.1.3. Bei Erwachsenen: Innere Unruhe, Getriebensein 

Die innere Unruhe, das stetige Gedankenkreisen (Rumination), könnte man als den “kleinen Bruder” der Hyperaktivität bezeichnen. Das Symptom der körperlichen Hyperaktivität verringert sich bei Erwachsenen oder verliert sich sogar ganz. Es wandelt sich dafür von der körperlichen in eine innere Unruhe.
Diese innere Unruhe tritt bei ADHS wie auch bei ADS auf. Dies spricht allerdings gegen die Annahme, dass innere Unruhe lediglich eine bei Erwachsenen abgeschwächte Form körperlicher Hyperaktivität sei, denn dann müsste sie ADHS-spezifisch sein, weil Hyperaktivität innerhalb des AD(H)S-Spektrums für den ADHS-Subtyp und Mischtyp spezifisch ist. Über innere Unruhe klagen Betroffene des ADS-Subtyps jedoch genau so wie Betroffene des ADHS-Subtyps.

Die diesseits vertretene Hypothese ist, dass Hyperaktivität bei Kindern möglicherweise ein vom inneren Getriebensein bei Erwachsen abzugrenzendes Stresssymptom darstellt. Vom ursprünglichen (möglichen) Nutzen der Stresssymptome aus gedacht (ursprünglich = vor mehr als 10000 Jahren, also bevor die Menschen sesshaft wurden), ist es hilfreich, wenn jüngere Kinder in einer Gefahrensituation eine erhöhte Bewegungsbereitschaft entwickeln, damit sie in Gefahrensituationen zusammen mit der Gruppe besser fliehen können. Erwachsene profitieren von einer Hyperaktivität weniger, denn sie sind es, die die Stressoren bekämpfen müssen. Beim Kampf gegen Stressoren ist ein erhöhter Bewegungsdrang nicht mehr so wichtig wie bei Kindern (die zum Kampf gegen die Stressoren wenig beisteuern können), dagegen tritt in den Vordergrund, alles zu tun, um den Stressor zu bekämpfen und keine Ruhe zu geben, bis die Gefahr bewältigt ist. Eine Parallele hierzu ist, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen ebenfalls deutlich abnehmen oder sogar ganz remittieren können (wenn auch seltener bzw. schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität)(15), ohne dass bei diesen ein Wandel in ein anderes Symptombild beschrieben würde.
Vor diesem Hintergrund könnte das innere Getriebensein möglicherweise eher unter eine Überschrift “Antriebsprobleme” passen und dort zusammen mit den Motivationsproblemen jeweilige Ausformungen von Antriebsproblemen darstellen, so wie dies Taskwechselprobleme und Ablenkbarkeit innerhalb des Überbegriffs “Aufmerksamkeitsprobleme” tun.

Aus diesen Gründen wird die innere Unruhe und das innere Getriebensein bei Erwachsenen weiter unten unter der Überschrift Antriebsprobleme dargestellt.

Die ersten Daten aus dem ADXS-Onlinetest (Stand Oktober 2018) deuten darauf hin, dass grobmotorische Probleme beim ADHS-Subtyp mit Hyperaktivität weitaus häufiger auftreten als beim ADS-Subtyp. Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen grobmotorischen Problemen und Hyperaktivität/Impulsivität.(16)

1.2. Hyperaktivität als Stresssymptome

1.2.1. Zappeligkeit, Unruhe als Stresssymptome

Hyperaktivität, Zappeligkeit ist bei schwerem Stress als typisches Symptom bekannt, ebenso, dass sich bei Stress die Gedanken auf den Stressor konzentrieren (Gedankenkreisen, Rumination).
Stresssymptome sind:

  • Unruhe(17)(18)
    Innere Unruhe ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)
  • Rastlosigkeit(17)(20)
  • Bewegungsunruhe(21)

Das Stresshormon CRH, das in der ersten Stufe der HPA-Achse durch den Hypothalamus ausgeschüttet wird, vermittelt unmittelbar einen Bewegungsdrang. Eine erhöhte lokomotorische Aktivität ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)(24)(21)(18)

Symptome, die durch Stresshormone selbst unmittelbar vermittelt werden, können per se keine AD(H)S-spezifischen Symptome sein.

 

2. Inhibitionsprobleme / Impulsivität

2.1. Inhibitionsprobleme / Impulskontrollprobleme als AD(H)S-Symptome

Zu den neurologischen Ursachen Die neurphysiologischen Korrelate von Inhibitions- und Impulskontrollproblemen.

2.1.1. Erscheinungsformen bei Kindern

  • platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist (DSM IV/V)
  • unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein) (DSM IV/V)
  • kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist (DSM IV/V)
    Nur schwer warten zu können, bis man an der Reihe ist, wird diesseits nicht nur als Impulsproblem, sondern zugleich als Problem der Aversion gegen Inaktivität betrachtet.

2.1.2. Erscheinungsformen bei Erwachsenen

  • Sprechweise schnell und verwaschen
  • Sprechweise wird von Umgebung häufig als aggressiv erlebt
  • überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)
  • spontane, unüberlegte Entscheidungen
    Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen(25), findet sich jedoch auch bei akut (hypo)manischen Betroffenen oder manchen Achse II Problemen:
    • Spontankäufe
      • Etwas kaufen, ohne es zu benötigen
      • Etwas kaufen, ohne Reflektion, ob das Geld dafür reicht
    • spontane Annahme/Kündigung eines Jobs
    • spontane/r Beginn/Beendigung einer Beziehung
    • Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen
      Ob dies tatsächlich ein Inhibitionsproblem ist, oder nicht eher eine Frage der Aufmerksamkeitslenkung, ist offen. Bei AD(H)S folgt nach diesseitigem Verständnis die Lenkung der Aufmerksamkeit dem Diktat der Stressmaxime, dass eine (überlebens-)bedrohende, unkontrollierbare Gefahr bestehe. Dies kann zu deutlich abweichenden Beurteilungen darüber führen, was gefährlich ist und was nicht.
  • überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(26) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
    • Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an
      • Alkoholkonsum
      • sexueller Aktivität
      • PTSD
      • Angststörungen
      • Depressionen
  • Impulsivität bei AD(H)S und erhöhter BMI teilen sich genetische und neurophysiologische Korrelate(27)

In einer Untersuchung impulsiver Probanden mit und ohne AD(H)S zeigten AD(H)S-Betroffene einen Mangel an zwischenmenschlicher Interaktion, unentschlossene Entscheidungen und geringere motorische Fähigkeiten als die nicht-AD(H)S-Probanden mit und ohne Impulsivität. Impulsivität ohne AD(H)S zeigte gute motorische Fähigkeiten, gute soziale 1:1-Interaktionen, gute Entscheidungsfindung bei Aufgaben der räumlichen Orientierung und eine vielseitigere Lateralität in den unteren Gliedmaßen.(28)

2.2. Impulskontrollprobleme als Stresssymptome

2.2.1. Impulsivität als Stresssymptom

Impulsivität tritt bei Stress häufiger auf.(29)

2.2.2. Riskantere Entscheidungen als Stresssymptom

Unter schwerem Stress werden riskantere Entscheidungen getroffen.(30)

2.2.3. Entscheidungsprobleme als Stresssymptome

  • Entscheidungsprobleme sind bekannte Stresssymptome.(29)(31)(32)

 

3. Wahrnehmungssymptome

3.1. Unaufmerksamkeit

Unaufmerksamkeit ist je nach Ursache zu unterscheiden in solche

  • in Bezug auf externe, äußere Reize
    • Ablenkbarkeit
      • lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken (DSM IV / V)
      • Gespräche am Nachbartisch nicht überhören können
      • nicht wegkucken können, wenn in einer Kneipe ein Fernseher läuft
    • Taskwechselprobleme
      • Einschränkung der Fähigkeit, auf eine extrinsische Anforderung hin eine gerade ausgeübte Tätigkeit oder Beschäftigung einzustellen, um sich der neuen Anforderung zu widmen.
  • durch interne nebensächliche Gedanken (Gedankenwandern, Tagträumen, Wegdriften, Autopilot, zuweilen auch (medizinisch unrichtig) als Dissoziation bezeichnet)

Unaufmerksamkeit tritt nicht bereits im Kindergarten oder den ersten Schuljahren auf.(33) Manche Quellen nennen sogar 14 oder 15 Jahre für die Erstmanifestation.(34) Eine sehr frühe Erstmanifestation von Unaufmerksamkeit wird bei fetalem Alkoholsyndrom beschrieben.(35)
Unaufmerksamkeit remittiert im Erwachsenenalter seltener und schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität.(15) Die Ansicht, Unaufmerksamkeit würde im Erwachsenenalter stets unverändert hoch bleiben(33) teilen wir nicht.
Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)

Die grundsätzliche (technische) Funktionalität der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitslenkung ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S sind Folge einer anderen Motiven folgenden Aufmerksamkeits- und Motivationslenkung. Das Regime, die Maßstäbe, anhand derer die Aufmerksamkeitslenkung erfolgt, ist verändert. Sie entspricht der von Menschen, die extremen, lebensbedrohlichen Stressoren unterliegen und ist insofern “technisch” gesund. Die Störung liegt darin, dass dieses Regime angewendet wird, obwohl keine adäquaten Stressoren bestehen,

Kinder mit AD(H)S zeigen oft normale Aufmerksamkeitsfähigkeiten, wenn sie Dinge tun, die sie mögen, haben aber Schwierigkeiten bei extern gestellten Anforderungen, die nicht ihr Interesse wecken.(36) Die Steuerung unterliegt verstärkt intrinsischen Motiven. Nicht die grundsätzliche Fähigkeit zur Aufmerksamkeit ist gestört, sondern die Fähigkeit, diese zu steuern (auf etwas zu lenken ebenso wie von etwas zu lösen).(37) AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(38)

Ein Betroffener: “Der Satz – Siehst Du, Du kannst doch, wenn Du willst  – ist einer der meistgehörte Satz meiner Kindheit und Jugend. Es war furchtbar: ich wollte ja, aber ich konnte einfach nicht. Erst ab einem bestimmten Level – sei es an Interesse oder sei es an Ärger mit meinen Eltern – brachte ich es endlich fertig, das zu tun, was ich ja eigentlich auch wollte, was mich aber zu meinem eigenen Leid so wenig interessierte: Hausaufgaben hinter mich bringen, oder andere langweilige Dinge erledigen. Und natürlich fühlte ich mich dafür unendlich schuldig.”

AD(H)S schwankt zwischen einer zeitweilig verringerten Ablenkbarkeit (Taskwechselprobleme oder, eher selten, der sogenannte Hyperfokus) und einer zeitweilig erhöhten Ablenkbarkeit (häufiger). Wann welche Abweichung auftritt, hängt entscheidend davon ab, welches intrinsische Interesse an der gerade ausgeübten Tätigkeit oder Beschäftigung besteht. 

Unaufmerksamkeit kann – insbesondere bei Erwachsenen – durch Angst oder zwanghafte Copingstrategien maskiert sein.(39)

3.1.1. Ablenkbarkeit durch äussere Reize

Ablenkbarkeit ist ein Wechsel der Aufmerksamkeit aufgrund eines äußeren Reizes.
Diese Form der Ablenkbarkeit scheint zunächst eine unmittelbare Folge des zu weit offenen Reizfilters (Hochsensibilität) zu sein. Vor dem Hintergrund des abweichenden Regimes der Aufmerksamkeitslenkung ist dies jedoch fraglich.

Ablenkbarkeit ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)
Für AD(H)S spezifisch ist die (Aufmerksamkeits-)Beeinträchtigung, ein vorgedachtes zukünftiges gerichtetes Handeln durchzuführen. AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(38)

3.1.2. Taskwechselprobleme: Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeitswechsel

Taskwechelprobleme beschreiben eine Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit auf externe Anforderung auf einen anderen Gegenstand zu richten. Folge ist die Schwierigkeit, eine Aktivität oder ein Verhalten zu beenden, wenn man es sollte, ist ein AD(H)S-Symptom.(40) Von Dingen, die den Betroffenen besonders interessieren, oder für die er sich aus eigenem Antrieb (intrinsisch) interessiert hat, kann derjenige nur schwer seine Aufmerksamkeit lösen (Taskwechselprobleme)(41) – und zwar ganz besonders, wenn die Anforderung zum Taskwechsel extrinsisch erfolgt und sich nicht mit dem eigenen intrinsischen Interesse des Betroffenen deckt.
Taskwechselproblem sind daher eine Folge der veränderten Aufmerksamkeitslenkungsmaßstäbe.

Taskwechselprobleme sind eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(42)

  • Probleme, spontan etwas wegzulegen, was gerade beschäftigt und sich anderem zuzuwenden
  • Schwierigkeiten, nach externer Aufforderung Task zu wechseln
  • Aufmerksamkeit auf neues Thema zu wechseln ist mühsam
  • Für eine neue Aktivität wird eine Vorankündigung bevorzugt
    • 10/15 Minuten Vorankündigungszeit helfen
  • Schwierigkeiten, bisherige Tätigkeit aus dem Kopf zu bekommen
  • Schwierigkeiten, die Beschäftigung mit einem Gedanken/Thema/Problem abzuschliessen
  • Neue Anforderung von außen, während man noch mit etwas anderem innerlich beschäftigt ist, löst leicht Stress / Impulsive Reaktionen aus

Ein Betroffener bat seine Mitarbeiter, wenn sie zu ihm ins Büro kommen, ohne anklopfen einzutreten, ihn dann aber nicht anzusprechen, sondern einfach auf einem Stuhl Platz zu nehmen, aus dem Fenster zu sehen und zu warten, bis er das, was er gerade tut, beenden kann. 
Diese (ohne solche Absprache sicherlich unhöfliche) Verhaltensweise bewahrte ihn davor, unmittelbar reagieren zu müssen und ersparte ihm, wie früher kurz tief und genervt zu schnaufen, wenn Mitarbeiter hereinkamen und etwas von ihm wollten, obwohl er noch mit etwas anderem beschäftigt war. 
Die Symptomatik der Taskwechselprobleme blieb selbst unter Stimulanzien noch deutlich erhalten. 

3.1.3. Gedankenwandern

Gedankenwandern ist keine Form der Ablenkbarkeit durch externe Reize. Die Aufmerksamkeit wandert vielmehr ohne externen Anlass. Sie ist mit Tagträumen oder Gedankenabwesenheit besser beschrieben.

Gedankenwandern kann mit dem Mind Wandering Questionnaire (MWQ) gemessen werden.

255 erwachsene AD(H)S-Betroffene wurden nach dem MWQ Ergebnis von mehr oder weniger als 24 in Hi-Level-Gedankenwanderer und Lo-Level-Gedankenwanderer unterschieden. Gedankenwandern ist demnach nicht spezifisch mit dem ADS-Subtyp ohne Hyperaktivität (“Träumerle”) verbunden, sondern korreliert signifikant mit(43)

  • höherer Unaufmerksamkeit
  • höherer Hyperaktivität
  • schlechteren Exekutivfunktionen
  • mehr allgemeinen psychischen Problemen
  • höherer emotionaler Dysregulation
  • stärker beeinträchtigter Lebensqualität

also mit verstärkter AD(H)S-Symptomatik allgemein.

Bei Kindern mit AD(H)S wurde ebenfalls ein erhöhtes Mind wandering (Gedankenwandern) festgestellt. Gedankenwandern konnte AD(H)S eine einer Gruppe von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen mit einer Sensitivität von 0,71 und einer Spezifität von 0,81 ermitteln.(44)

Ein interessanter Bericht nennt ein partielles Schlafen des Gehirns als mögliche Ursache von manchen SCT-Symptomen oder dem Gedankenwandern.(45)

Eine Studie fand Gedankenwandern bei Erwachsenen als ein von AD(H)S unabhängiges Symptom, das mit Angst, nicht aber mit Depression korrelierte.(46)

3.1.4. Hyperfokus

Hyperfokussierung ist ein bekanntes Symptom von AD(H)S, das auch bei Autismus und Schizophrenie auftritt.(47)

AD(H)S-Betroffene können bei bestehendem intrinsischem Interesse eine sehr gute Aufmerksamkeit und Konzentration zeigen (bis hin zum Hyperfokus)(48). Wer einmal einen AD(H)S-Betroffenen im Hyperfokus erlebt hat, in dem stundenlang auch höchst monotone Tätigkeiten höchst konzentriert ausgeübt werden, sofern das intrinsische Interesse des Betroffenen geweckt ist, und bei dem die für das aktuelle Interesse irrelevanten externen Reize sehr gut ausgeblendet werden, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass bei AD(H)S nicht die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an sich, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit gestört ist. Doch auch diese Schlussfolgerung greift unserer Ansicht nach noch etwas zu kurz. Wir meinen, dass bei AD(H)S auch die Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung nicht beeinträchtigt sind, sondern dass die Steuerung der Aufmerkamkeitslenkung beeinträchtigt ist. Verglichen mit einem Auto ist weder das Fahren an sich (die Aufmerksamkeit) noch der Lenkmechanismus (wohin fährt es) beeinträchtigt, sondern der Fahrer steuert das Auto (die Aufmerksamkeit) auf ein unpassendes Ziel zu. Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit unterliegt einem unpassenden Regime: dem einer daseinsbedrohlichen Stresssituation. In einer solchen wäre die AD(H)S-typische Aufmerksamkeit nämlich hilfreich. Hierzu unten mehr.

Der so genannte Hyperfokus – der in verschiedenen Zuständen auftreten kann; einer davon ist  als Flow bekannt(47)  – ist ein Zustand, in dem sich AD(H)S-Betroffene (entgegen der typischen Symptome) ausdauernd, konzentriert und frei von Frustrationsintoleranz oder Ablenkbarkeit mit einem Thema beschäftigen können.

Hyperfokus ist im Extremum der Zustand, aus dem sich Betroffene von Autismusspektumsstörungen zu wenig lösen können und in den sich AD(H)S-Betroffene zu wenig hineinbringen können.(49) Die beiden Störungsbilder eint insofern, das die Selbstregulationsfähigkeit der Aufmerksamkeitslenkung beeinträchtigt ist.

Es handelt sich um Themen, die den jeweiligen Betroffenen besonders faszinieren. Betroffene können sich auf einmal stunden-, tage-, nächtelang mit einem ganz spezifischen Thema beschäftigen(50) und haben hier eine sehr steile Lernkurve.  (Zur bei AD(H)S ansonsten typischerweise verzögerten Lernkurve:(51).)

Ein AD(H)S-Betroffener berichtete uns, dass er einmal in einem Großraumbüro mit einer Aufgabe befasst war, die ihn besonders faszinierte. Dabei kam er es nicht einmal mit, dass er von einem Dritten mehrfach angesprochen wurde. Er  berichtete weiter, dass dies bei einer Aufgabe, die ihn nicht so sehr fasziniert hätte, ganz sicher nicht der Fall gewesen wäre.

Die von uns befragten ADHS-Betroffenen äußerten einstimmig, dass sie den Zustand des Hyperfokus, wenn sie etwas wirklich interessiert, sehr gut kennen. Sie bestätigten weiter, dass sie sich in diesem Zustand dauerhaft mit einem Thema beschäftigen können, ohne von Konzentrationsproblemen, Aufmerksamkeitsproblemen, Ablenkbarkeit oder Frustrationsintoleranz belastet zu sein. Das Problem ist, dass die Steuerbarkeit des Interesses mangelhaft ist.

Alle Menschen können sich auf Dinge, die sie interessieren, besser konzentrieren. Nichtbetroffene können sich jedoch sehr viel besser motivieren, sich auch auf weniger spannende Dinge zu konzentrieren als AD(H)S-Betroffene.(52). Dies ist keine Frage des Charakters oder des Bemühens, sondern schlicht eine Frage der Fähigkeit.(53) In dem Maße, wie diese Fähigkeit AD(H)S-Betroffenen fehlt, ist dies ein Symptom von AD(H)S. Brown zitiert einen Betroffenen mit dem schönen Bild einer geistigen erektilen Dysfunktion. Wenn etwas interessant ist, kann man agieren. Wenn kein intrinsisches Interesse besteht, kann man machen was man will – es wird nicht funktionieren.(52)

Die Interpretation von Barkley(54), Hyperfokus sei eine Form von Persevation(55), also eine Form von Begleitstörung, teilen wir nicht. Eine Begleitstörung befähigt nicht zu stundenlanger konzentrierter Arbeit, wenn das Thema nur spannend genug ist.

Einen Zustand, in dem die ansonsten fehlende Konzentration, Aufmerksamkeit und Frustrationstoleranz plötzlich vorhanden sind, als Begleitstörung einer Störung zu betrachten, die gerade durch die Symptomen Aufmerksamkeitsdefizit, Konzentrationsdefizit und mangelnder Frustrationstoleranz gekennzeichnet ist, scheint uns nicht schlüssig. Der zeitlich begrenzte Zustand einer Symptomfreiheit ist recht unwahrscheinlich eine Begleitstörung und viel wahrscheinlicher ein Zustand partieller Gesundheit.

3.1.5. Aufmerksamkeitsprobleme sind Stresssymptome

Ablenkbarkeit, Aufmerksamkeitsprobleme und Störanfälligkeit sind typische Symptome von schwerem Stress auch ausserhalb von AD(H)S.(17)(20)(56)(57)

Fast jede psychische Störung geht mit Aufmerksamkeitsproblemen einher(58), z.B.:

  • Depressionen
  • Psychose
  • Tourette
  • Manie
  • Panikstörungen
  • Zwangsstörungen

Stress verringert die willentliche Steuerungsfähigkeit der Aufmerksamkeit (das “searchlight of attention”). Im Extremfall eines Schocks ist die Steuerbarkeit nahezu aufgehoben.(59)

Eine verständliche Übersicht über Aufmerksamkeit findet sich unter http://www.neuropaedagogik.de/html/aufmerksamkeit.html

Für AD(H)S spezifisch ist die (Aufmerksamkeits-)Beeinträchtigung, ein vorgedachtes zukünftiges gerichtetes Handeln durchzuführen. AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(38)

Die bei Stress extrem erhöhten Noradrenalinwerte beeinträchtigen die Funktionalität des PFC. Während leicht erhöhte Noradrenalinwerte die Denkfähigkeit erhöhen, wird diese durch sehr hohe Noradrenalinwerte vermindert und die Verhaltenssteuerung wird vom PFC auf den posterioren Cortex übertragen.(60)(61)(62)(63)

Vergesslichkeit(17) und Gedächtnisprobleme(64)(17)(65) sind typische Stresssymptome.

Stress beeinträchtigt

  • das implizite Gedächtnis(66)
  • das deklarative Gedächtnis(66)
  • das Arbeitsgedächtnis(66)
  • Zur Änderung der Funktionen des PFC durch den bei Stress sehr erhöhten Noradrenalinspiegel siehe unter 1.1. Aufmerksamkeitsprobleme.

Beeinträchtigungen aller dieser Gedächtnisbereiche werden auch bei AD(H)S beschrieben, wobei nicht jeder AD(H)S-Betroffene Beeinträchtigungen in allen Gedächtnisbereichen zugleich aufweist.(67)

3.2. Konzentrationsprobleme: die Folge von Aufmerksamkeitsproblemen

3.2.1. Konzentrationsprobleme als AD(H)S-Symptome

Konzentration ist die Folge von Aufmerksamkeit, nämlich die zielgerichtete Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf ein und den selben Gegenstand.

Konzentrationsprobleme sind eines der Hauptsymptome von AD(H)S. Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)

  • Flüchtigkeitsfehler
    • bei Kindern:
      • Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten (DSM IV, DSM 5)
    • bei Erwachsenen:
      • Aversion gegen Handlungsanweisungen(68)
      • mangelnde Konzentration beim durchlesen längerer Aufgaben(68)
      • längere Anweisungen überfordern
  • Aufmerksamkeitsdauer verkürzt bzw. beeinträchtigt
    • bei Kindern:
      • Hat oft Schwierigkeit, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei einer Aufgabe / einem Spiel aufrecht zu erhalten (DSM IV / 5)
      • vermeidet häufig / hat eine Abneigung gegen / beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (DSM IV / 5)
    • bei Erwachsenen:
      • langweilige Aufgaben erhöhen Ablenkbarkeit(68)
  • Taskwechselprobleme
    • bei Kindern:
      • scheint nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen (DSM IV / 5)
      • in Gedanken noch woanders
    • bei Erwachsenen
      • Geschwindigkeit des Wechsels von Aufgaben (Taskwechsel) verringert
      • sind noch mit eigenen Gedanken aus vorangegangener Aufgabe beschäftigt(68)
      • kommen aus Gedankenschleifen nicht mehr heraus
  • Vergesslichkeit
    • Kinder:
      • Ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich (DSM IV / 5)
      • verliert häufig Gegenstände, die für Alltagstätigkeit benötigt werden (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • Unfähigkeit, sich an Handlungen/Vorkommnisse/Absprachen zu erinnern(68)
      • Ausgangssituationen werden nicht mehr erinnert(68) was das Gefühl bewirken kann, ständig in unvorhergesehenen Situationen zu befinden
      • subjektives Gefühl, an Alzheimer zu leiden(68)
  • Zuhören fällt schwer
    • Aufmerksamkeitsspanne ist zu kurz, um Anweisungen bis zum Ende zu folgen
      (Tendenz zu unterbrechen ist dagegen Impulsivitätsproblem)
  • Umsetzung von Anweisungen fällt schwer
    • Erwachsene: Überforderung aufgrund fehlender Fähigkeit, Aufgaben zu gliedern(68)
    • beim Aufgaben gliedern wandert die Aufmerksamkeit bereits in die Details
  • Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht
    • Kinder:
      • Führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • mitten in Aufgabe wechselt der Fokus auf eine andere Sache
        • Beispiel Putzen(69)
          • Der Boden wird gewischt, bis zum Tisch
          • dort wechselt der Fokus darauf, diesen leerzuräumen
          • Beim Gang in ein anderes Zimmer, um etwas wegzuräumen, findet man den offenen Kleiderschrank und die Kleider davor und beginnt diese einzuräumen.
          • Das Bodenwischen fällt einem erst wieder ein, als man ins Wohnzimmer kommt und überrascht am Tisch auf den Eimer und den Mob trifft…
        • Während der Arbeit sucht man etwas im Internet und bleibt dort auf magische Art und Weise gefangen…
  • Konzentrationsprobleme
    • Aufmerksamkeit kann nicht lange aufrecht erhalten werden
    • Aufgaben mit kurzen und häufig wechselnden Anforderungen werden bevorzugt
    • Aufgaben, die länger andauernde Konzentration und Anstrengung erfordern, sind unangenehm und werden gerne vermieden
  • Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren (DSM IV / 5)
    (Dieses Kriterium stellt ein eigenes Symptomcluster “Organisationsschwierigkeiten” dar. Siehe dort.)

3.2.2. Konzentrationsprobleme als Stresssymptome

Konzentrationsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress, auch ausserhalb von AD(H)S.(70)(17)(71)(20)(65)

Vergesslichkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)/ Gedächtnisprobleme(17)(65)

Zu den Beeinträchtigungen des Gedächtnisses durch Stress siehe oben unter Ablenkbarkeit und Aufmerksamkeitsprobleme sind Stresssymptome.

Denkblockaden sind ebenfalls als Symptome von schwerem Stress bekannt.(17)(65)
Hintergrund ist wahrscheinlich, dass die bei starkem Stress extrem erhöhten Noradrenalinwerte die Funktionaliät des PFC beeinträchtigen. Während leicht erhöhte Noradrenalinwerte die Denkfähigkeit erhöhen, wird diese durch sehr hohe Noradrenalinwerte vermindert und die Verhaltenssteuerung wird vom PFC auf den posterioren Cortex übertragen.(60)(61)(62)(63)

3.2.3. AD(H)S ohne Ablenkbarkeits- / Aufmerksamkeitsprobleme ?

Aufmerksamkeitsprobleme sind eines der auffälligsten AD(H)S-Symptome nach Hyperaktivität.
Dennoch liegen diese nicht zwingend bei allen Betroffenen vor. DSM IV, der (anders als der aktuelle DSM 5) noch Subtypen definierte, beschrieb mit dem ADHS-Subtyp Betroffene, die vorwiegend hyperaktiv-impulsive Symptome und kaum Aufmerksamkeitsprobleme hatten. Dieser Subtyp ohne Aufmerksamkeitsprobleme ist vornehmlich bei Kindern anzutreffen und dürfte häufig eine Vorstufe zum Mischtyp sein. Denn grundsätzlich werden Aufmerksamkeitsprobleme aufgrund der Gehirnentwicklung des Menschen erst im Alter ab 7 Jahren,(33) nach mancher Auffassung sogar erst im Alter ab 14 oder 15 Jahren erkennbar,(34) es sei denn als Symptom anderer Störungen, z.B. bei fetalem Alkoholsyndrom.(35)
Dies wurde zuweilen so interpretiert, dass der reine ADHS-Subtyp (nur Hyperaktivität, keine Unaufmerksamkeit) nur bis zu diesem Alter auftrete.(72) Wahrscheinlicher dürfte sein, dass der reine ADHS-Subtyp zwar bei Kindern häufig eine Vorstufe zum Mischtyp darstellt, es unter Erwachsenen aber immer noch einen nennenswerten Anteil (ca. 10 %) an Betroffenen ohne starke Aufmerksamkeitsprobleme, jedoch mit erheblichen übrigen AD(H)S-Symptomen gibt.

Streitig ist, ob einmal aufgetretene relevante Probleme mit Unaufmerksamkeit im Erwachsenenalter wieder nachlassen oder remittieren können.(73)(74). Wenn AD(H)S nicht zwingend lebenslang fortbesteht, also bei 30 bis 50 % aller im Kindesalter Betroffenen im Erwachsenenalter vollständig remittiert, dann remittiert damit auch die Unaufmerksamkeit. Dies spricht dagegen, dass Unaufmerksamkeit gar nicht remittieren könnte.
Möglicherweise ist die Unaufmerksamkeit als eines der stärksten Symptome dasjenige, das am längsten spürbar ist. Statistische Daten bestätigen, dass Unaufmerksamkeit seltener remittiert als Hyperaktivität bzw. dass das Nachlassen der Symptomschwere bei Unaufmerksamkeit niedriger ist. Immerhin wird aber bei 18-20-jährigen, die noch ADHS haben, bei 10 bis 15 % eine Remission der Aufmerksamkeitsprobleme festgestellt.(15) Eine Studie an 144 Erwachsenen, bei denen als Kinder AD(H)S diagnostiziert worden war, stellte bei 3,3 % eine rein hyperaktive AD(H)S-Form fest, also Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeitsprobleme.(75)

Diesseits sind etliche Betroffene bekannt, die zwar eine große Fülle der typischen AD(H)S-Symptome zeigen und auch auf Stimulanzien positiv ansprechen, im Bereich der Aufmerksamkeit jedoch wenig bis keine Probleme haben. Betroffene, die mehrere Symptomen eines überreagiblen (d.h. der äusseren Situation unangemessen überreagierenden) Stressreaktionssystems zeigen, leiden hieran auch, wenn Aufmerksamkeitsprobleme nicht darunter sind.

Zweifelsfrei gibt es (ehemals) Betroffene, bei denen die Unaufmerksamkeit und die Hyperaktivität ihrer Kindheit und Jugend remittiert sind. Denn nur bei etwa 50 % aller Betroffenen bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.
Unbestritten gibt es Betroffene, die keinerlei Hyperaktivitätsprobleme haben (ADS).

Anders herum:
Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter meist zu einen inneren Getriebensein. Dies ist etwas weniger unangenehm auffällig, jedoch für die Betroffenen nicht minder belastend.
Menschen, die nicht mehr durch Hyperaktivität noch durch Aufmerksamkeitsprobleme negativ auffallen, mögen für ihre Umgebung angenehmer sein und stehen deshalb wahrscheinlich häufiger nicht im Verdacht einer belastenden Störung. Sofern die Belastung jedoch subjektiv weiterbesteht haben auch diese Menschen ein Recht auf Hilfe und Behandlung.

Wir vertreten daher die Hypothese, dass es einen (kleinen) Kreis von AD(H)S-Betroffenen gibt, bei denen Aufmerksamkeitsprobleme eher schwach ausgeprägt sind oder auch ganz nachgelassen haben. Die von einigen Ärzten und Therapeuten betriebene Testdiagnostik, die alleine auf Daueraufmerksamkeitsfehler abzielt, oder die AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme ausschliesst(76) ist deshalb nach diesseitiger Auffassung irreführend.

Entscheidend ist nach diesseitiger Auffassung nicht, ob bestimmte Symptome des Symptomclusters vorhanden sind, sondern ob

  • eine große Menge der Symptome aus der Symptomgesamtheit auftreten
    und
  • deren Auftreten unabhängig (ausserhalb) von akuten Stresssituationen (z.B. Mobbing, familiäre Probleme) eine Diagnose rechtfertigt.

Dies entspricht dem von Barkley(77) dargestellten Modell, wonach sich AD(H)S-Betroffene von Nichtbetroffenen recht zuverlässig anhand der Anzahl des häufigen Auftretens von 18 Symptomen identifizieren lässt. Siehe hierzu den Text in der Einleitung dieses Beitrages.

In aller Regel sind Aufmerksamkeitsprobleme ein zentrales Symptom von AD(H)S. Doch auch wenn dies eher die Ausnahme ist, sollte diese Möglichkeit von AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme nicht völlig außer acht gelassen werden.
Neurophysiologische Korrelate von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

3.3. Zu weit offener Reizfilter / Hochsensibilität

3.3.1. Hochsensibilität als AD(H)S-Symptom

Reizoffenheit(11) ist ein Symptom von AD(H)S, das zuweilen auch Reizfilterschwäche genannt wurde. Diese Bezeichnung betrifft indes lediglich einen Teil von AD(H)S.

Hochsensibilität korreliert mit AD(H)S-Symptomen und geringerer Lebensqualität(78), wobei Hochsensibuilität bei AD(H)S häufig mit komorbider ODD oder Angst einhergeht und unabhängig vom Subtyp besteht.(79)

Etwa die Hälfte aller AD(H)S-Betroffenen erfüllt zugleich die Kriterien des Sensory-Over-Responsivity Tests.(80)(81) Hierzu wurde hypothetisiert, dass SOR mit einem GABA-Mangel korrelieren könnte. 
Insbesondere taktile Hochsensibilität bei AD(H)S soll mit erhöhter Ängstlichkeit  korrelieren.(81) 
Interessanterweise korreliert SOR bei AD(H)S mit einer erhöhten Cortisolstressantwort, während non-SOR-AD(H)S-Betroffene eine abgeflachte Cortisolstressantwort zeigen. SOR war nicht mit bestimmten externalisierenden Verhaltensweisen assoziiert, jedoch mit einer Vermeidung von sensorischen Reizen.(82)
Weiter fand sich eine Korrelation zwischen SOR und Ängstlichkeit.(83)

AD(H)S teilt mit Hochsensibilität den zu weit offenen Reizfilter, der wahrscheinlich vom Thalamus gesteuert wird.

  • Lichtempfindlichkeit
    • visuelle Sensibilität
  • Lärm-/Geräuschempfindlichkeit
    • akustische Sensibilität
  • Gerüche intensiver wahrnehmen
    • olfaktorische Sensibilität
  • taktile Sensibilität
    • raue Stoffe sind unangenehm
  • temperaturempfindlich
    • besondere Empfindlichkeit gegen hohe oder niedrige Temperaturen
    • früher als andere die Temperatur ändern zu wollen
  • Unterzuckerung / Hunger / Durst ist schwer erträglich
  • schmerzempfindlich
    • eher selten
  • emotionale Sensibilität
    • Gefühle anderer übertragen sich auf mich
    • Stimmungen anderer unangenehm intensiv empfinden
    • Filme
      • können einen zum weinen bringen
      • (bestimmte) Filme nicht anschauen mögen, weil zu intensive Empfindungen
  • schreckhaft

3.3.2. Hochsensibilität als Stresssymptom

Eine erhöhte Wahrnehmungssensibilität ist die unmittelbare Folge eines (stressbedingt) erhöhten Noradrenalinspiegels.(84) Der Noradrenalinanstieg wird durch den Nucleus coeruleus vermittelt.(85). Der Nucleus coeruleus wird (u.a.) durch Stress aktiviert und aktiviert seinerseits weitere Stresssysteme wie z.B. den Sympathikus.(86)

Eine erhöhte Sensibilität kann folglich als ein Stresssymptom betrachtet werden.(87)

3.3.2.1. Schreckhaftigkeit

Verstärkte Schreckreaktionen sind eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.2. Erhöhte Wachheit / Aufmerksamkeit

Erhöhte Wachheit und Aufmerksamkeit ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.3. Erhöhte akustische Wahrnehmung

Eine erhöhte akustische Wahrnehmung ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.4. Reizüberflutung

Das Gefühl der Reizüberflutung wird als Stresssymptom betrachtet.(87)

3.4. Lernprobleme

Bei AD(H)S ist häufig die Lernfähigkeit beeinträchtigt.
Die AD(H)S-spezifischen Lernprobleme resultieren unter anderem aus einer verringerten Spiegeln von GABA, Wachstumshormon und BDNF, die für die Neuroplastizität (die Bildung neuer Synapsen) erforderlich sind. Mehr hierzu unter Neurophysiologische Korrelate von Lernproblemen. Lernprobleme resultieren auch aus Exekutivproblemen (Organisationsproblemen).(88)

  • Lernfähigkeit erfordert sofortige Rückmeldung
  • aus Strafe wird kaum gelernt
    Strafen werden prinzipbedingt meist zeitverzögert erteilt
    Strafen sind daher grundsätzlich schlechtere Lernverstärker.
    Strafen hemmen Verhalten, sie wirken nicht als Verhaltensverstärker.
    (Schulisches) Lernen ist (neurophysiologisch betrachtet) ein Prozess der Verstärkung, weniger der Hemmung.
    Auch Nichtbetroffene lernen über Lob und Motivation besser als über Strafen.
    AD(H)S-Betroffene lernen aus Strafen jedoch noch schlechter als Nichtbetroffene.
    Unabhängig davon reagierten AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(89)
  • Lernfähigkeit bei AD(H)S scheint unabhängig sein von Delay Aversion oder Arbeitsgedächtnisproblemen.(90)

3.5. Kreativität

Bei Kindern mit AD(H)S scheint die Kreativität höher zu sein als bei Nichtbetroffenen. Dies könnte eine Störungsfolge sein und kein Charaktertrait.(91)

4. Antriebs- / Motivationsprobleme

Antriebsprobleme:

4.1. Innere Unruhe, inneres Getriebensein

Unruhe und inneres Getriebensein als AD(H)S-Symptom ist nur scheinbar ein Widerspruch zum zugleich bestehenden Symptom der Antriebslosigkeit. Der vermeintliche Widerspruch löst isch auf, wenn man intrinsische und extrinsische Ziele / Motive differenziert.
Während vor allem bezüglich intrinsisch angestrebter Ziel eine innerer Antrieb besteht, ist dieser in Bezug auf extrinsisch vorordnete Ziele stark vermindert. Eine mögliche Erklärung hierfür ist der Stressnutzen der beiden Symptome. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

4.1.1. Innere Unruhe, inneres Getriebensein als AD(H)S-Symptom

Die innere Unruhe, das stetige Gedankenkreisen (Rumination), könnte man als den “kleinen Bruder” von Hyperaktivität wahrnehmen. Das Symptom der körperlichen Hyperaktivität verringert sich bei Erwachsenen oder verliert sich sogar ganz. Es wandelt sich dafür von der körperlichen in eine innere Unruhe.
Diese innere Unruhe tritt bei ADHS wie auch bei ADS auf.

Dies spricht allerdings gegen die Annahme, dass innere Unruhe lediglich eine bei Erwachsenen abgeschwächte Form körperlicher Hyperaktivität sei, denn dann müsste sie ADHS-Spezifisch sein, weil Hyperaktivität innerhalb des AD(H)S-Spektrums ADHS-spezifisch ist. Über innere Unruhe klagen ADS-Betroffene des ADS-Subtyps jedoch genau so wie Betroffene des ADHS-Subtyps.

Wie bereits erwähnt wird diesseits die Hypothese vertreten, dass Hyperaktivität bei Kindern möglicherweise ein vom inneren Getriebensein bei Erwachsen abzugrenzendes Stresssymptom darstellt. Vom ursprünglichen Nutzen der Stresssymptome aus gedacht (ursprünglich = vor mehr als 10000 Jahren, also bevor die ersten Menschen sesshaft wurden), wäre es hilfreich, wenn jüngere Kinder in einer Gefahrensituation eine erhöhte Bewegungsbereitschaft entwickeln, damit sie in Gefahrensituationen zusammen mit der Gruppe besser fliehen können. Erwachsene profitieren von einer Hyperaktivität weniger, denn sie sind es, die die Stressoren bekämpfen müssen. Beim Kampf gegen Stressoren ist ein erhöhter Bewegungsdrang nicht mehr so wichtig wie bei Kindern (die zum Kampf gegen die Stressoren wenig beisteuern können), dagegen tritt in den Vordergrund, alles zu tun, um den Stressor zu bekämpfen, und keine Ruhe zu geben, biss die Gefahr bewältigt ist. Eine Parallele hierzu ist, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen ebenfalls deutlich abnehmen, ohne dass bei diesen ein Wandel in ein anderes Symptombild beschrieben würde.
Vor diesem Hintergrund dürfte das innere Getriebensein eher unter eine Überschrift “Antriebsprobleme” passen (dort zusammen mit Motivationsproblemen), ähnlich wie Taskwechselprobleme und Ablenkbarkeit recht unterschiedliche Fälle der Unaufmerksamkeit sind.

Erscheinungsformen:

  • Ständig etwas tun müssen
    Dies ist eine Ausdrucksform der Inneren Unruhe und des Inneren Getriebenseins der Betroffenen.
    Interessanterweise verbindet sich dieses Gefühl mit dem (überdurchschnittlich häufig unberechtigten, siehe hierzu unter Wahrnehmungssymptome) subjektiven Eindruck der Betroffenen, viel zu wenig geschafft zu kriegen, nichts auf die Reihe zu bekommen, Underperformer und ungenügend zu sein.
    • Beruf mit häufig wechselnden Anforderungen / Gesprächspartnern / Tasks wird bevorzugt(11)
      • z.B. Gastronomie, Vertrieb
    • Verzicht auf Handy fällt schwer(11)
    • ständiges Mails / SMS checken
    • Pausen zwischen Arbeiten fallen schwer (ohne Nikotin, Koffein, Alkohol)
  • was man gerade tut, meist in Hektik tun
    • wenn man mit etwas fertig ist, schon schauen, was als nächstes zu tun ist
    • wenig “sein”, viel “tun, um zu…”
    • weniger Hinwendung zum “die Sache tun” selbst als zum “fertig werden”
  • Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen
    Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)
    • treibt gerne Risikosportarten (Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Moto-Cross, Mountainbiken)(11); erforderliche Konzentration wirkt wie Hyperfokus
  • Gedankenkreisen (Rumination)
  • in Gedanken immer woanders
    Beziehungspartner beschreiben das innere Getriebensein auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders”
  • Schneller Autofahren als andere(11)
    Schneller Autofahren ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)
    • mehr Strafzettel
      Anmerkung: das schnellere Autofahren als andere ist auch ein Symptom für Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen.
      Das Symptom alleine ist daher nicht aussagekräftig. Entscheidend ist der Kontext.

4.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen als Stresssymptom

(Innere) Unruhe ist ein Stresssymptom(17), Rastlosigkeit ebenfalls.(17)(20)(18)

Innere Unruhe ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

Dauerhaftes grübeln (Rumination) ist ein Stresssymptom(70)(92)

4.2. Antriebslosigkeit

Antriebslosigkeit ist genau so ein AD(H)S-Symptom wie das innere Getriebensein. Inneres Getriebensein und Antriebslosigkeit dabei nach diesseitigem Verständnis nichts anderes als das Gegensatzpaar, das von bestimmten Stadien einer atypischen Depression bekannt ist: ein gleichzeitiges nebeneinander Bestehen von Erschöpfung, Mattigkeit und Müdigkeit einerseits und innerer Unruhe und Anspannung andererseits.

4.2.1. Antriebslosigkeit als AD(H)S-Symptom

Antriebslosigkeit wird häufig als AD(H)S-Symptom beschrieben.

Anders als bei reinen Depression stellt sich eine tiefe Depression und extreme Antriebslosigkeit in kurzer Zeit ein und vergeht rasch wieder.(93) Im Unterschied zu ADHS verlaufen Depressionen episodenhaft (und variieren nicht tageweise oder stundenweise). Ausserdem sind bei Depressionen nicht nur extrinisch motivierte Aktivitäten betroffen, sondern auch solche, die die Person normalerweise als angenehm und positiv erlebt. Bei einer Depression sind – innerhalb der depressiven Phase – typischerweise alle Tätigkeiten uninteressant und nicht nur einige.

Diese Darstellung entspricht der diesseitigen Erläuterung des Stressnutzens, dass Antriebslosigkeit bei Stress nur in Bezug auf Dinge besteht, die für die Bekämpfung des Stressors irrelevant sind. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

4.2.2. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)(20)(70)

Antriebslosigkeit ist ein typisches Symptom für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

 

4.3. Aversion gegen Inaktivität

4.3.1. Aversion gegen Inaktivität als AD(H)S-Symptom

Aversion gegen Inaktivität ist von Hyperaktivität abzugrenzen. Während Hyperaktivität eine rein motorische Bereitschaft zur Aktivität ist, ist Aversion gegen Inaktivität ein eigenes Motiv, ein eigener Antrieb, aktiv zu sein. Dieser Zusammenhang erschliesst sich, wenn man den Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität anschaut. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

Achtsamkeit oder ähnliche Strategien werden häufig als aversiv erlebt.

Dysphorie bei Inaktivität ist die dritte Aktivitätsbezogene Symptomatik neben motorischer Hyperaktivät und Aversion gegen Inaktivität

  • Langeweile ist extrem unangenehm
    Dies ist der Gegenpol zum Gedankenkreisen (Rumination). Inaktivität wird als unangenehm empfunden.
    Stressnutzen: Kümmere Dich um Dein Problem. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.
  • Ungeduld
    • wenn andere nur langsam verstehen, treibt das in den Wahnsinn
    • Eltern erregen sich bei langsamem Verständnis ihrer Kindern bei Hausaufgaben(11)
    • Aufgaben werden begonnen, ohne zuvor die Anweisung anzuhören oder die Anleitung zu lesen.
      Dies ist eines der 9 häufigsten Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen.(25)
      • Bedienungsanleitungen vor Inbetriebnahme von Geräten werden allenfalls diagonal gelesen
      • Aufbauanleitungen von Möbeln werden ungern gelesen
  • Warten wird als unangenehm empfunden
    Ursache: Delay Aversion, Dysphorie bei Inaktivität
    • besonders starke Abneigung gegen Staus, Warteschlangen; diese machen aggressiv(11)
    • Schwierigkeiten, zu warten bis man an der Reihe ist
    • innere Unruhe, wenn man nicht selbst handeln, sondern handeln anderer begleiten soll
      • z.B. Tendenz, Aufgaben anderer selbst auszuführen, statt es diese (ggf langsamer / schlechter, weil erst lernend) machen zu lassen
    • Tendenz, andere zu unterbrechen
    • Antworten erfolgen, bevor Frage zu Ende angehört wurde
    • Überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)

Anmerkung: Diese Verhaltensweisen finden sich auch bei Betroffenen von z.B. akuter (Hypo)Manie, narzisstischer oder zwanghafter Persönlichkeitsstörung.

4.3.1.1. Dysphorie bei Inaktivität (passivitätsinduzierte Stimmungstiefs, abzugrenzen von Depression)

Die Wender-Utah-Kriterien beschreiben “Dysphorie bei Inaktivität” als spezifisches AD(H)S-Symptom. Eine – zeitlich begrenzt – abrutschende Stimmungslage bei Inaktivität ist ein klassisches Symptom von AD(H)S.

Dysphorie ist eine gedrückte Stimmung und wird zuweilen mit Depression verwechselt.
Die bei Dysphorie auftretende gedrückte Stimmung kann

  • episodenhaft
  • kurzfristig oder
  • chronisch

sein.

Depression ist demgegenüber ein Muster von Symptomen, das eine dysphorische, traurige oder niedergeschlagene Stimmung als ein zentrales Symptom aufweist.

Die neurophysiologischen Ursachen von Dysphorie / Dysthemie sind wenig erforscht.
Durch Noradrenalinmangel, Dopaminmangel und Serotoninmangel kann ein für Depression typisches Symptommuster ausgelöst werden. Beispielsweise löst Reserpin durch diese Wirkmechanismen psychomotorische Verlangsamung, Müdigkeit und Anhedonie aus, weshalb zunächst angenommen wurde, Reserpin würde Depressionen auslösen. Die kognitiven Depressionssymptome wie Hoffnungslosigkeit oder Schuldgefühle werden jedoch nicht induziert. Heute ist bekannt, dass die durch Reserpin verursachten Symptome nach einer Entleerung der monoaminergen Speicher aufgrund eines Mangels an Noradrenalin (und Dopamin) entstehen, nicht aber aufgrund eines Mangels an Serotonin.(94) Die durch Reserpin hervorgerufenen Depressionssymptome können durch trizyklische Antidepressiva beseitigt werden.(95) Dies ähnelt der Beschreibung der neurochemischen Ursachen von Dysthemie(96) und noch mehr der Beschreibung von SCT (sluggish cognitive tempo).
Dysphorie wird als Symptom bei Alkohol-, Benzodiazepin- oder Nikotinentzug beobachtet, was auf einen chronischen Dopaminmangel zurückgeführt wird. Als Grund für das Abklingen der Entzugssymptome wird eine Wiederanpassung (Rückgängigmachen der Downregulation) der Dopaminrezeptorsysteme angenommen.

4.3.1.2. Erholungsunfähigkeit / nicht entspannen/geniessen können  

Dies wird von ADHS- wie von ADS-Betroffenen und ihrer Umgebung festgestellt.

Genießen ist die positive Wahrnehmung des Hier und Jetzt.

Beispiele für nicht geniessen können:

Eine ADS-Betroffene berichtet: Ich kaufe mir zuweilen Avocados, weil ich die sehr gerne mag. Ich schaffe es aber nur selten, sie auch zu essen – sie verderben im Kühlschrank. Als ich das in unserer ADHS-Erwachsenengruppe erzählte, erkannten sich viele darin wieder. Seither heißt das bei uns “Das Avocado-Prinzip”.

  • Beziehungspartner beschreiben dies auch mit “er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders.” oder “Er hat ständig sein Smartphone in der Hand, muss immer etwas nachschauen”, wie es bereits bei innerem Getriebensein beschrieben wurde.
  • Erholungsunfähigkeit ist eingeschränkt(97)
    • Selbstwahrnehmung verringert, hier in Bezug auf die eigene Erholungsbedürftigkeit
    • Eingeschränkte Fähigkeit, sich von alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten zu distanzieren
    • Genussfähigkeit ist vermindert
      • Tätigkeit des Geniessens ist eingeschränkt
      • Fähigkeit des Geniessens technisch unbeeinträchtigt

Erholungsunfähigkeit kann durch qualifizierte Personen mit dem FABA-Test (Fragebogen zur Analyse belastungsrelevanter Anforderungsbewältigung) erfasst und diagnostiziert werden.(98)(99)

Arbeitssucht kann eine Erscheinungsform sein.

4.3.2. Aversion gegen Inaktivität als Stress-Symptom

Innere und äussere Unruhe sind bekannte Stresssymptome. Im noch extremeren Fall der Depression ist die innere Unruhe, das Getrieben sein als Agitiertheit bekannt, bei zugleich auftretender Motivationsschwäche.

 

Motivationsprobleme:

Motivationsprobleme der intrinsischen, extrinsischen Motivation sind ein typischen Symptom von AD(H)S .(100)

4.4. Abwertung späterer Belohnung (Delay Discounting / Reward Discounting)

Weitere Bezeichnungen von “Delay discounting” sind “Temporal Discounting”, “Intertemporal Choice” oder “Impulsive Choice”.(101)

Abwertung späterer Belohnungen / Delay Discounting kann als eine Umkehrung von Verzögerungsaversion / Delay Aversion (Abneigung gegen Warten, Ungeduld) betrachtet werden. Beides kann als Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage aufgefasst werden. Die Kernbotschaft lautet: Überleben ist jetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen relevante Gefahren zu wehren, alles was später ist, ist derzeit unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort passieren, Alles was nicht so wichtig ist, dass es nicht sofort passieren muss, kann warten, bis der Stressor besiegt ist.

4.4.1. Abwertung späterer Belohnung als AD(H)S-Symptom

AD(H)S-Betroffene leiden typischerweise an einer Belohnungsaufschub-Aversion: Lieber eine kleinere Belohnung sofort als die größere Belohnung später.(102)

Für jeden Menschen sind sofortige Belohnungen intuitiv lohnenswerter als spätere Belohnungen. Die Abnahme des Wertes von späteren, zeitlich verzögerten Belohnungen ist jedoch bei AD(H)S-Betroffenen erheblich höher als bei Nichtbetroffenen. Während sofortige Belohnungen von AD(H)S-Betroffenen genau so bewertet werden wie von Nichtbetroffenen, bewerten AD()S-Betroffene später eintretende Belohnungen als erheblich niedriger bzw. weniger attraktiv als Nichtbetroffene.

AD(H)S-Betroffene zeigen daher eine signifikant schwächere Motivation durch Belohnungen, die in der Zukunft liegen. Es besteht ein stärkerer Anreiz durch sofort verfügbare Belohnungen.

Erscheinungsformen der Bevorzugung sofortiger Belohnung / Abwertung verzögerter Belohnung sind:

  • Suchtprobleme
    Details
    Der stärkere Anreiz von Sofortbelohnung scheint mit einer Suchtaffinität zusammenzuhängen.
    AD(H)S-Betroffene haben im Verstärkungszentrum des Gehirns (dem Striatum) möglicherweise signifikant weniger Dopamin D2 und D3 Rezeptoren als Nichtbetroffene. Die Anzahl dieser Rezeptoren korrelierte dabei in einer Studie mit Aufmerksamkeit: je weniger D2 und D3 Rezeptoren im Belohnungszentrum, desto geringer ist die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Betroffenen.(103)  Aufmerksamkeitsprobleme könnten danach die selbe Ursache haben wie die Probleme des Belohnungssystems.
    Eine andere Studie deutet dagegen auf eine erhöhte D2-Rezeptordichte im Striatum bei AD(H)S-Betroffenen hin.(104)
  • Prokrastination
    Die Abwertung von Aufgaben, die nicht unmittelbar wichtig sind, ist eine verwandte Reaktion.

4.4.2. Delay Discounting / Reward Discounting / Abwertung späterer Belohnung als Stresssymptom

Auch Discounting of Delayed Rewards oder Temporal discounting genannt(29)(105)(106)(107)

Belohnungen, die sofort erfolgen, werden von Stress-Betroffenen genau so bewertet wie von Menschen ohne Stress.
Belohnungen, die zeitlich weiter entfernt sind, werden als noch unattraktiver betrachtet als von Menschen ohne Stress.

Ausdrucksformen:

  • Prokrastination
  • Suchttendenzen
  • Unordnung
  • schlechtere Selbstregulationsfähigkeit
    • Selbstregulationsfähigkeit ist ein noch besserer Prädikator (Vorhersageindikator) für beruflichen Erfolg als Intelligenz

Suchtprobleme stehen in engem Zusammenhang mit der Bevorzugung sofortigere Belohnung. Suchtprobleme sind typische Stresssymptome

  • Medikamenten- / Nikotin- / Alkoholmissbrauch (Sucht)(20)(70)
  • Rauchen korreliert mit Stress(105)

 

4.4.4 Prokrastination (Aufschieberitis), Form von Delay Discounting

4.4.4.1. Prokrastination (Aufschieberitis) als AD(H)S-Symptom

Wir betrachten Prokrastination als eine Folge der Abwertung von entfernteren Belohnungen (Delay Discounting).

Der evolutonsbiologische Stressnutzen von Prokrastination ist nach hiesiger Ansicht wie bei der Genussunfähigkeit eine Konzentration auf den wichtigsten Stressor. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress. Unwichtigere Dinge werden in ihrer Bedeutung abgewertet, die unmittelbar wichtigen Dinge (Überleben) werden aufgewertet. Die Bewertung, was für das eigene Überleben wichtig und was unwichtig ist, wird zwangsläufig durch den Betroffenen selbst vorgenommen. Daher folgt die Aufmerksamkeit den intrinischen Interessen; extrinsische Anforderungen werden abgewertet.
In der Folge werden alle Dinge, die nicht jetzt sofort ganz zwingend erledigt werden müssen, von akut Stressbelasteten wie von AD(H)S-Betroffenen als weniger wichtig und lohnenswert empfunden werden als von Nichtbetroffenen.
Subjektiv unangenehme Dinge werden dadurch verhältnismässig stärker aufgeschoben und oft erst in letzter Minute erledigt – erst dann rutschen sie in den stressbedingt auf das Hier und Jetzt verschobenen Fokus. Bis dahin sind sie zu weit weg.
Starker Stress sagt: jetzt ist Überleben wichtig, geniessen und erholen kannst Du Dich später.
Bei einer gesunden (und dann kurzzeitigen) Stressreaktion ist dies richtig und hilfreich.

4.4.4.2. Der Zweitname von Prokrastination: Dinge erst in letzter Minute erledigen können

Dieses Symptom ist die Folge von Prokrastination. Die Erklärung ergibt sich aus dem Stressnutzen von Prokrastination, dass bei starkem cortisolergem Stress Dinge, die nicht unmittelbar jetzt erforderlich sind, ausgeblendet werden, um die Konzentration auf die Dinge zu lenken, die jetzt akut wichtig sind. Wir sind die Nachkommen derjenigen, bei denen sich diese Reaktion auf einen Stressor als hilfreich beim Überleben gezeigt hat. Wer in akuter Not unwichtige Dinge von wichtigen unterscheiden kann, hat einen Überlebensvorteil. Es war nun einmal nicht so hilfreich beim Überleben, während der Flucht vor dem Säbelzahntiger die schönen Blumen am Wegesrand zu bewundern oder die reifen Früchte vom Busch dahinter als Vorrat für den Winter mitnehmen zu wollen.

Das Problem bei AD(H)S ist nicht eine grundsätzlich falsche Priorisierung, sondern dass ein unpassendes Priorisierungsprogramm abläuft (akuter Stress ohne bestehenden Stressor). AD(H)S-Betroffene ist nicht die neurophysiologische Fähigkeit beeinträchtigt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden, sondern bei ihnen ist ein Notprogramm aktiviert, ohne dass hierfür ein adäquater Anlass bestünde. Dieses Notprogramm ist (für alle höheren Lebewesen) bei akutem Stress sinnvoll und verschiebt den Fokus auf die Dinge, die im unmittelbaren Hier und Jetzt wichtig sind. Alles andere wird ausgeblendet.

Die eigentliche Fähigkeit zu Konzentration und Aufmerksamkeit ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Es ist die Lenkbarkeit der Aufmerksamkeit, die für die Betroffenen anders funktioniert als bei Nichtbetroffenen.

4.5. Verzögerungsaversion / Delay Aversion

Verzögerungsaversion / Delay Aversion kann als das Spiegelbild von Abwertung späterer Belohnungen / Delay Discounting beschrieben werden. Beides ist nach diesseitiger Ansicht Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen die Gefahr zu wehren, alles was später passiert, ist derzeit unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort in Angriff genommen werden. Alles was nicht so wichtig ist, dass es unbedingt sofort passieren müsste, kann warten, bis der Stressor besiegt ist.

4.5.1. Verzögerungsaversion / Delay Aversion bei AD(H)S

4.5.1.1. Ungeduld
  • wenn andere nur langsam verstehen, treibt das in den Wahnsinn
  • Eltern erregen sich bei langsamem Verständnis ihrer Kindern bei Hausaufgaben(11)
  • Aufgaben werden begonnen, ohne die vorher die Anweisung anzuhören oder die Anleitung zu lesen.
    Dies ist eines der 9 häufigsten Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen.(25)
    • Bedienungsanleitungen vor Inbetriebnahme von Geräten werden allenfalls diagonal gelesen
    • Aufbauanleitungen von Möbeln werden ungern gelesen
4.5.1.2. Warten wird als unangenehm empfunden
  • besonders starke Abneigung gegen Staus, Warteschlangen; diese machen aggressiv(11)
  • Schwierigkeiten zu warten bis man an der Reihe ist
  • innere Unruhe, wenn man nicht selbst handeln, sondern handeln anderer begleiten soll
    • z.B. Tendenz, Aufgaben anderer selbst auszuführen, statt es diese (ggf langsamer / schlechter, weil erst lernend) machen zu lassen
  • Tendenz, andere zu unterbrechen
  • Antworten erfolgen, bevor Frage zu Ende angehört wurde
  • Überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)
  • Schneller Autofahren als andere(11)
    Dies ist ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25).
  • Dass Langeweile als extrem unangenehm empfunden wird dürfte eher der Dysphorie bei Inaktivität zuzuschreiben sein
4.5.1.3. Jetzt ist immer

Dies ist nach diesseitiger Auffassung eine Entsprechung des nicht Geniessen könnens. Wer das jetzt und hier nicht positiv wahrnehmen kann, für den ist “jetzt ist immer” Ausdruck eines Schmerzzustands.

Wir nehmen bei AD(H)S-Betroffenen eine Art zeitliche Digitalisierung wahr. Fühlt sich etwas im Moment schlecht an, wird dies so interpretiert, als wäre das nun für immer und ewig und alle Zeiten so, also gäbe es keinen Ausweg mehr. Dies mag mit emotionaler Dysregulation verknüpft sein.
Es ist ein wenig mit dem bei Borderline oft stark Vertretenen schwarz-weiss-denken vergleichbar: Alles oder Nichts, jetzt ist sofort, es gibt kein Grau, es gibt kein nachher oder später.

4.5.2. Verzögerungsaversion / Delay Aversion als Stresssymptom

Verzögerungsaversion wird als Impulsivitätsreaktion verstanden. Es korreliert mit Impulsivität bei Stress, bei Frauen zugleich mit steigender Herzrate(108)(109)

Stressverringernde Massnahmen verringern zugleich die Verzögerungsaversion.(29)

 

5. Emotionssymptome / emotionale Dysregulation

Emotionale Dysregulation ist ein originäres Symptom von AD(H)S.(110)(111)(112)(113)(114)(115)(116)(117) Emotionale Labilität wird ebenfalls als häufiges (komorbides) Symptom bei AD(H)S beschrieben.(118)

Originär meint damit ein “unmittelbar aus AD(H)S folgendes und bei AD(H)S auch häufig auftretendes Symptom”, nicht ein “ausschließlich / exklusiv bei AD(H)S auftretendes Symptom”. Emotionale Dysregulation kann also originär aus AD(H)S resultieren, kann aber auch aus anderen Störungsbildern stammen.

Emotionale Dysregulation umfasst unter anderem Reizbarkeit (u.a. Streiten, Schreien, Stimmungsschwankungen, Wutanfälle, Gereiztheit), Frustrationsintoleranz und intensive emotionale Reaktionen.(119) 

Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen Hyperaktivität/Impulsivität und emotionaler Dysregulation, nicht aber zwischen Unaufmerksamkeit und emotionaler Dysregulation.(117) Diese Studie berichtete weiter, dass Defizite des Arbeitsgedächtnisses zu emotionaler Dysregulation beitragen.  

5.1. Dysphorie bei Inaktivität

Siehe hierzu Dysphorie bei Inaktivität unter Antriebsprobleme

5.2. Stimmungsschwankungen

Zeitlich begrenzte, jedoch häufig auftretende Stimmungseinbrüche sind eine typische Folge einer Inaktivität (siehe hierzu unter Dysphorie bei Inaktivität). Zwar ist eine Dysphorie gegenüber einer Depression durch schwächere Intensität gekennzeichnet; da die AD(H)S-typische Dysphorie jedoch nur bei Inaktivität auftritt, bewirkt dies häufige Stimmungswechsel, da jede Inaktivitätsphase eine Stimmungsveränderung in Richtung leichter Depression bewirkt und jede daraus neu begonnene Aktivität die Stimmung wieder aus der Dysphorie heraus anhebt.

AD(H)S-Betroffene berichten häufig, dass sie intensivere Emotionen und Stimmungen haben als ihre Umgebung und dass diese wesentlich schneller wechseln. Dies betrifft nicht nur Stimmungseinbrüche, sondern auch Stimmungshochs.(120)

Vor diesem Hintergrund fragt sich, ob die hohe Komorbidität von bipolaren Störungen mit ADHD tatsächlich besteht, oder ob eine “Doppelzählung” der gleichen Symptome vorliegt.

Die Stimmung von AD(H)S-Betroffenen scheint durch das unmittelbare momentane Erleben überdurchschnittlich beeinflussbar zu sein, also eher auf kürzere Zeitabschnitte zu referieren als bei Nichtbetroffenen. Dies trifft übrigens auch für Borderline-Betroffene zu.

5.2.1. Stimmungsschwankungen als Stresssymptome

Häufige Traurigkeit ist ein Stresssymptom.(121) Gleiches betrifft häufiges deprimiert sein oder Depressionen.(64)(17)(20)(17)
Verzweiflung ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(122)(23)
Insbesondere eine als unkontrollierbar wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes führt zu Stress und in der Folge zu vermehrter Cortisolausschüttung.(123)(124) Lärm oder Filme lösen dagegen weniger häufig cortisolergen Stress aus, da sie selten unkontrollierbar und selbstbild- oder existenzbedrohend sind.

5.3. Aggression

Affektdurchbrüche / Reizbarkeit / Gereiztheit / Wutausbrüche können als momentane, situative Erscheinungsform von Aggression im weiteren Sinne betrachtet werden. Aggression im engeren Sinne kann zugleich als eine intensivere Variante gegenüber Affektdurchbrüchen / Reizbarkeit / Gereiztheit / Wutausbrüchen bezeichnet werden.
Eine enge Verwandtschaft besteht mit Impulsivität. Affektdurchbrüche sind einerseits durch Aggression und andererseits durch einen impulsiven (ungebremsten) Ausbruch derselben gekennzeichnet.

Zu den neurophysiologischen Korrelaten und Hintergründen von Aggression und deren Unterscheidung in heisse und kalte Aggression siehe unter ⇒ Neurophysiologische Korrelate von Aggression.

5.3.1. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche

5.3.1.1. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche als AD(H)S-Symptom

Reizbarkeit ist bei AD(H)S ein häufiges (komorbides) Symptom.(118)

Diese Symptome treten insbesondere beim ADHS-Subtyp und beim Mischtyp auf.

  • Wutausbrüche
    meist kurz und heftig, nach 5 Minuten ist alles vorbei
  • emotionale Kurzzeit-Intensivreaktionen
  • Zusammenhang mit ODD-Tendenzen ?
5.3.1.2. Reizbarkeit / Affektdurchbrüche als Stresssymptom

Reizbarkeit ist ein häufiges Symptom bei Stress(17)(20), ebenso Ärger und Wut.(20)

Reizbarkeit ist ein typisches Symptome für einen drohenden Burnout.(19)

5.3.2. Aggression

5.3.2.1. Aggression als AD(H)S-Symptom

Aggressionen können als Äußerungsform von Stress betrachtet werden (Nachweise dazu im folgenden Absatz). Es handelt sich jedoch um ein Stresssymptom, das nicht alle Menschen gleichermaßen ausprägen. Nach diesseitiger Auffassung lassen sich Menschen nach ihrer phänotypischen Stressäußerungsreaktion unterscheiden, die externalisierend sein kann (Aggression, Wut, motorische Hyperaktivität) – wobei die Reaktionen externalisierend (ADHS-/Mischtyp = fight) oder internalisierend sein kann (ADS-Subtyp = flight/freeze). Mit internalisierend ist an dieser Stelle nicht ein psychoanalytisches Konzept gemeint, sondern dass Stress wesentlich weniger nach außen ausagiert wird. Die hier gemeinten Subtypen unterscheiden sich eindeutig anhand des Biomarkers der Cortisolstressantwort. Mehr hierzu im Beitrag AD(H)S-Subtypen – Die unterschiedlichen Arten – ADHS, ADS und andere.

Höhere reaktive Aggressionstendenz bei AD(H)S “als Folge einer veränderten Wahrnehmung”.

Dietrich beschreibt bei AD(H)S-Betroffenen eine höhere Aggressionstendenz (auch bei Betroffenen, die nicht an einer komorbiden ODD oder Verhaltensstörung leiden).(125) Aggressivität entsteht bei AD(H)S-Betroffenen häufig aus einer Fehleinschätzung der Situationen, wonach sie sich (subjektiv “zu recht”) verteidigen. AD(H)S-Betroffene zeigen also eine reaktive (heiße) und keine proaktive (kalte) Aggressivität.(126) Diese Ansicht teilen wir. Siehe hierzu “Aggression als Stresssymptom”.

Dietrich sieht dies als Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses, was bei ADHS in Form einer unangemessen aggressiven Abwehr von Verletzungen dieser Autonomie und bei ADS in Form einer unangemessen starken Kooperation mit den Eltern erfolge, um eine mögliche Auseinandersetzung zu vermeiden.(125) Die Ansicht, dass AD(H)S eine Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses sei, teilen wir nicht.

Zwar erscheint in Bezug auf das übermäßig konfliktscheue Verhalten von ADS-Betroffenen eine Konfliktvermeidung durch Rejection Sensitivity gut erklärbar.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom.
Nach unserem Eindruck dient diese jedoch nicht primär einer Autonomieverteidigung im Sinne einer motivgetriebenen (bewussten oder unbewussten) Reaktion, sondern ist die Folge einer inneren Blockade bei zu vielen Reizen und Möglichkeiten (die als Stress wahrgenommen werden) in Form einer neurophysiologische Folge eines überhöhten Noradrenalinspiegels, der den PFC deaktiviert.

5.3.2.2. Aggression als Stresssymptom

Aggression ist ein häufiges Symptom bei Stress.(17)(20)

Stress verändert das Muster der Wahrnehmung. Die Verhaltenssteuerung des Individuums steht bei schwerem Stress unter dem Leitbild, dass das Überleben akut bedroht ist. Bei AD(H)S sind nach diesseitiger Ansicht die Schwellwerte der Stresssysteme so verändert, dass sie viel zu häufig aktiviert und wieder abgeschaltet werden (ADS) oder dauerhaft aktiviert bleiben (ADHS). Selbst wenn kein akuter Stressor existiert, der eine unkontrollierbare (existenzbedrohende) Bedrohung bewirken könnte, sind die für diese Bedrohungen gedachten Stresssysteme aktiv.
Stress wird von Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort unbewusst als Bedrohung wahrgenommen. Auf Bedrohung reagieren Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort häufiger aggressiv als andere.

Wir sind der Ansicht, dass alle typischen AD(H)S-Symptome typische Stresssymptome sind, dass aber nicht alle typischen Stresssymptome zugleich AD(H)S-Symptome sind.

5.4. Frustrationsintoleranz

Frustrationsintoleranz ist ein anerkanntes AD(H)S-Symptom bei Kindern, das bei Erwachsenen als verschlechtere Selbstkontrolle auffalle.(127) Stimulanzien verbessern durch ihre unmittelbar dopaminerge Wirkung auf den Nucleus accumbens die Symptomatik. Kinder mit AD(H) zeigen bei frustrierenden, stressauslösenden Aufgaben emotional intensivere Reaktionen und eine verringerte Kompetenz im Umgang mit Wut.(128)(129)(130)

5.4.1. Frustrationsintoleranz als Stresssymptom

Frustrationsintoleranz ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts.(131) Burnouts resultieren regelmässig aus einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer unbewältigbaren Stresssituation.

5.5. Empfindlichere Reaktion auf Strafen

AD(H)S-betroffene Kinder reagierten auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(89)

5.6. Selbstwertprobleme

AD(H)S-Betroffene haben ausgeprägte Selbstwertprobleme.(132)

Eine umfassende Darstellung zu Selbstwertproblemen findet sich bei adhspedia.de.(133)

Die Stärke der AD(H)S-Symptome korreliert mit Selbstwert, Lebenszufriedenheit und Depressionsmerkmalen.

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen(134)

  • ADHS-Symptomen
    (ermittelt mit ADHS-Screening für Erwachsene [ADHS-E])
  • einer herabgesetzten Lebenszufriedenheit
    (ermittelt mit der Satisfaction With Life Scale [SWLS]; vgl. Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985) und
  • dem Anstieg der Ausprägung von Depressionsymptomen
    (ermittelt mit dem Depressionsmodul des Patient-HealthQuestionnaire [PHQ-9]; vgl. Kroenke, Spitzer & Williams, 2001)

Bei einer Kombination von ADHS und Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD) oder aggressivem Verhalten oder oppositionellem Trotzverhalten (ODD) ist das Selbstwertgefühl signifikant geringer als bei ADHS allein oder Nichtbetroffenen.(135)

5.6.1. Kränkbarkeit und Angst vor Zurückweisung (Rejection Sensitivity)

Für Rejection Sensitivity sind kennzeichnend:

  • Kränkbarkeit
  • ängstliche Erwartung von Ablehnung
  • bereitwillige Entgegennahme von Ablehnung und
  • intensive Reaktion auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ablehnung

Bei Rejection Sensitivity (RS), die bei etlichen psychischen Störungen bekannt ist, besteht keine allgemeine Kritikunfähigkeit oder narzisstische Neigung, sondern eine besondere Empfindlichkeit im Sinne einer Angst vor Zurückweisung oder Zurücksetzung.
Fast jeder befragte AD(H)S-Betroffene berichtete von einer Rejection Sensitivity. Ebenso wurde übereinstimmend berichtet, dass dieses Symptom durch Stimulanzien (während der Wirkzeit) verbessert wurde. Dodson berichtet von unmittelbarer Wirkung von Clonidin und Guanfacin.
Dass AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher reagierten als Nichtbetroffene, könnte ein Ausdruck von RS rein.(89)

Rejection sensitivity könnte als unmittelbarer Ausdruck einer unsicheren Bindung verstanden werden. Unsichere Bindung
 ist als Risikofaktor für AD(H)S bekannt. Mehr hierzu unter Bindungsstile im Kapitel Prävention.

Wir betrachten Rejection Sensitivity als originäres neurologisches Symptom von AD(H)S.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom

5.6.1.1. Rejection Sensitivity / Kränkbarkeit als Stresssymptom

Eine Beschreibung von Kränkbarkeit / Rejection Sensitivity als unmittellbares Stresssymptom wurde diesseits nicht gefunden. Es könnte ein Zusammenhang mit dem als Stresssymptom bekannten Rückzugsverhalten (soziale Phobie) bestehen.
Eine erhöhte Kränkbarkeit ist jedoch ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts.(19) Dass Burnouts von einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer unbewältigbaren Stresssituation resultieren ist gesichert.

5.6.2. Tend and Befriend

Das gegenteilige Stresssymptom zu Rejection Sensitivity ist eine besondere Annäherung an andere. Dieses Verhalten ist bei Frauen deutlich ausgeprägter als bei Männern und stellt eine weitere Verhaltensalternative zu fight, flight oder freeze dar.
Der biobehaviorale Mechanismus des tend-and-befriend-Mechanismus ist vermutlich im Bindungs-Versorgungssystem verankert. Neuroendokrine Befunde legen nahe, dass Oxytocin in Verbindung mit weiblichen Fortpflanzungshormonen und endogenen Opioid-Peptidmechanismen die endokrinologischen Korrelate sein könnten.(136)

5.6.3. Übergroßes Gefühl, Minderleister zu sein / Perfektionismus

Während AD(H)S-Betroffene einerseits von einer stetigen Inneren Unruhe erfüllt sind, die sie dazu bringt, dauerhaft aktiv zu sein, leiden sie zugleich an der Wahrnehmung, nicht genug zu leisten und nichts fertig zu bringen.
Auch wenn AD(H)S-Betroffene aufgrund ihrer Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme häufig eine (insoweit berechtigte) negative Rückmeldung über ihre Leistungen erhalten, ist der subjektive Eindruck von AD(H)S-Betroffenen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit noch negativer als es der Realität angemessen wäre.
Dieses Symptom erinnert in seiner Ausprägung an Rejection Sensitivity: auch hier besteht eine Wahrnehmungsverschiebung in Bezug auf eine vermeintliche Ablehnung durch Dritte.

Es gibt auch andere Störungsbilder mit einer fehlerhaften Eigenwahrnehmung, z.B. Magersucht, die eine Körperschemastörung beinhaltet.
Magersucht wird mit Abweichungen in ventralen und dorsalen Gehirnbereichen (unter anderem Insula und Striatum) sowie mit Abweichungen im Serotonin und Dopaminhaushalt in Verbindung gebracht.(137)
Das Striatum sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin sind auch in die Entstehung von AD(H)S-Symptomen involviert.

Das Symptom der eingebildeten Minderleistung könnte auch das Gegenbild eines bei AD(H)S durchaus häufig anzutreffenden perfektionistischen Anspruchs sein.

Der Stressnutzen eines geringeren Selbstwertgefühls kann damit beschrieben werden, dass das Gefühl, ungenügend zu sein, zu größerer Anstrengung antreibt und davon abhält, selbstzufrieden und damit passiv zu werden. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

5.6.4. Selbstwertprobleme als Stresssymptome

Selbstwertprobleme sind typische Symptome bei schwerem Stress.(106)(107)
Sie korrelieren mit

  • niedrigem Selbstwert
  • Selbsthass
  • suizidalen Tendenz
  • Schuld und Scham

Dies gilt ebenso für Lustlosigkeit(17)(20), die man als Äquivalent der Dysphorie bei Inaktivität betrachten könnte und dem Gefühl, deprimiert zu sein.(17)(20)

Insbesondere eine als unkontrollierbar wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes triggert eine Cortisolausschüttung.(123)(124)

Minderwertigkeits- und Versagensgefühle sind typische Symptome für den Endzustand eines Burnouts.(19)

 

5.7. Ängstlichkeit

5.7.1. Erhöhte Ängstlichkeit als AD(H)S-Symptom

AD(H)S geht häufig mit einer erhöhten Ängstlichkeit einher.(138)(139)

Angst/Ängstlichkeit soll nach manchen anderen  Stimmen kein originäres AD(H)S-Symptom sein. Dies ist insofern fraglich, da Angst/Ängstlichkeit ein durch das Stresshormon CRH unmittelbar vermitteltes Symptom ist (gespritztes CRH erhöht die Ängstlichkeit). Bei AD(H)S besteht zumindest eine hohe Komorbidität zu Angststörungen, die bei 34 % der AD(H)S-Betroffenen auftreten.

5.7.2. Erhöhte Ängstlichkeit als Stresssymptom

Angst/Ängstlichkeit ist ein Stresssymptom.(20)(18)

Verstärkte Ängstlichkeit, erhöhte Furchtkonditionierbarkeit sowie erhöhte Vorsicht in unbekannten Umgebungen, im Offenfeld, im elevated plus maze und bei Konflikten sind eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(140)(23)

Ängstlichkeit hängt vom Stressphänotyp ab. Ängstlichkeit wird vornehmlich bei Menschen beobachtet, die Stress internalisieren (ADS). Wollte man derartige Symptome, die lediglich bei bestimmten Stressphänotypen auftreten, nicht als originäre AD(H)S-Stresssymptome betrachten, müsste Hyperaktivität als spezifisches Stresssymptom des externalisierenden Stressphänotyps ebenso aus dem Kanon ausscheiden.

5.8. Selbstwahrnehmungsstörungen

5.8.1. Selbstwahrnehmungsstörungen als AD(H)S-Symptom

Selbstwahrnehmungsstörungen werden als häufiges Symptom bei AD(H)S beschrieben.(141)(142)

AD(H)S-Betroffene haben häufig nicht nur eine verringerte Achtsamkeit, sondern auch eine massive Abneigung gegen Achtsamkeitstechniken aller Art, wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitstraining (MBSR) oder ähnliches.

5.8.1.1. Innere Leere (bei Inaktivität) / Langeweile

AD(H)S-Betroffene beschreiben häufig, von Langeweile und innerer Leere geplagt zu sein. Langeweile ist ein AD(H)S-Symptom und wird durch MPH-Medikamentierung verringert.(143)

Innere Leere und Langeweile könnten sich möglicherweise schlüssig als Folge der massiv einbrechenden Aktivierung des frontalen Kortex bei Inaktivität erklären lassen.

Um diesen Mechanismus zu verstehen hilft es, sich mit dem Phänomen des Hyperfokus zu beschäftigen.

Dies äußert sich bei AD(H)S im Phänomen der Abwertung entfernterer Belohungen (Reward Discounting): Belohnungen, die weiter entfernt sind, sind für AD(H)S-Betroffene weniger interessant als für Nichtbetroffene. Daher sind AD(H)S-Betroffene nur bei sofort verfügbaren Belohnungen genauso motivierbar wie Nichtbetroffene. Dies ist der Gegeneffekt der Hyperfokussierung: AD(H)S-Betroffene können sich sehr wohl auf etwas konzentrieren, wenn sie einmal mit einer Tätigkeit begonnen haben, die ihnen Befriedigung verschafft, weil die dann sofort eingehende Belohnung das Verstärkungszentrum aktiv erhält. Dieses Interesse ist allerdings aufgrund der geringeren Anzahl von Dopamin D2- und D3-Rezeptoren im Striatum deutlich schwerer zu erreichen.(103)
Dieses latente Desinteresse könnte dem Symptom der Inneren Leere (bei Inaktivität) entsprechen, das von vielen Betroffenen geschildert wird. Das Gefühl der Inneren Leere und Dysphorie bei Inaktivität gehören eng zusammen.

5.8.1.2. Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung)

Alexithymie ist die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen.

In der Extremform fehlt den Betroffenen jede emotionale Wahrnehmung. Übelkeit und Magenschmerzen werden als rein körperliche Symptome gedeutet, nicht jedoch als Angst. Wie bei Psychopathie (der Unfähigkeit, Emotionen anderer wahrzunehmen) ist damit keinerlei böse Absicht verbunden.
In der Extremform der fehlenden Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, ist Alexithymie recht selten. Betroffene der Extremform werden von anderen als eiskalt wahrgenommen und ihr Verhalten löst in anderen sehr schnell Aggression und Ablehnung aus.

Die bei AD(H)S häufig auftretende (leichte) Verringerung der Wahrnehmung der eigenen Emotionen ist möglicherweise keine “echte” Alexithymie, sondern lediglich eine durch eine ständige gedankliche Beschäftigung verursachte Überlagerung oder Verdrängung der emotionalen Wahrnehmung durch Gedanken oder eine vergleichsweise schwache Form einer leicht eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit von Emotionen. Es wäre plausibel, dass ein dauerhaft überaktivierter PFC (wie besonders für den ADHS-/Mischtyp typisch ist) die emotionale Wahrnehmung überlagert.

Bei Stress wird Alexithymie beschrieben:

  • Verringerte Wahrnehmung der eigenen Gefühle(144)
  • Vermeiden von Gefühlen (coolness, emotionale Dysregulation)(145)
  • Geringe emotionale Selbststeuerung und Spontaneität der Gefühle(107)
  • Gefühlsverflachung (bei bestehen bleibender Kränkbarkeit) ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts(19)
5.8.1.3. Überschätzung der eigenen sozialen Kompetenzen

Dieses Symptom ist nicht so gravierend, dass es als tragend für AD(H)S bezeichnet werden könnte.

In einer Testgruppe von n = 82 Mädchen von 9-12 Jahren überschätzten die n = 42 AD(H)S-Betroffenen ihre sozialen Kompetenzen im Vergleich zu Fremdbeurteilungen (Lehrer, Eltern und Drittbeobachtern) deutlich mehr als Nichtbetroffene. Trat oppositionelles Trotzverhalten hinzu, verstärkte sich dies noch weiter, ebenso bei verringerter Depressionssymptomatik. Die Selbstüberschätzung korrelierte nur bei den AD(H)S-Betroffenen mit der Tendenz der Betroffenen, Antworten in Richtung Sozialer Erwünschtheit zu verzerren (socially desirable reporting bias). Bei AD(H)S-Betroffenen war die Selbstüberschätzung sozialer Kompetenz an das Maß der Unausgeglichenheit gekoppelt. Mit zunehmender Ausgeglichenheit nahm die Selbstüberschätzung ab, während es dagegen bei Nichtbetroffenen mit Ausgeglichenheit zunahm.

Diesseits wird dies, insbesondere aufgrund des Bias in Richtung sozialer Erwünschtheit, als eine Auswirkung der AD(H)S-typischen Rejection Sensitivity interpretiert.

5.8.1.4. Erhöhte subjektive Stresswahrnehmung bei AD(H)S

Zusätzlich zu den AD(H)S-typischen Stressreaktionen aufgrund

  • der verringerten Schwellwerte für das Anspringen der HPA-Achse (Stressachse)
  • den verringerten (ADHS) oder überhöhten (ADS) Cortisolreaktionen von AD(H)S-Betroffenen auf akute Stressoren
  • der verringerten Noradrenalin- und Dopaminspiegel vor allem im PFC (ADS) bzw.
  • der im PFC erhöhten und im Striatum verringerten Noradrenalin- und Dopaminspiegel (ADHS, Mischtyp)

ist bei AD(H)S zudem die subjektive Wahrnehmung von Stress erhöht. Auf den selben physiologischen (messbaren) Stress erfolgt eine höhere (subjektive) Stresswahrnehmung als bei Nichtbetroffenen.
Subjektive Stressreaktion bei AD(H)S erhöht

5.8.2. Selbstwahrnehmungsstörungen als Stresssymptome

Selbstwahrnehmungsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress. Es tritt eine verschlechterte Eigenwahrnehmung auf, die bis zur Erholungsunfähigkeit führen kann.

Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung) wird als Stresssymptom beschrieben.
Siehe oben unter 5.6.1.2.

5.9. Katastrophisieren

Viele Betroffene berichten davon, gedanklich häufig die schlimmsten Annahmen zu treffen. Die einschlägigen Foren behandeln dieses Thema intensiv.
Die Fachliteratur hat dies bislang nicht als spezifisches AD(H)S-Symptom erörtert.

Wenn die Gedanken sich häufig um worst-case-Szenarien drehen, hat dies in einer überlebensbedrohlichen Situation den Vorteil, besser auf verschiedene gefährliche Alternativen vorbereitet zu sein.

5.10. Empathie verdeckt / erhöht

Untersuchungen fanden eine verringerte Empathiefähigkeit bei AD(H)S.(146)

Dies könnte mit einer verringerten / entwicklungsverzögerten Fähigkeit zur Emotionserkennung zusammenhängen (siehe folgender Gliederungspunkt). 

Wir vermuten, dass es sich nicht (nur) um eine verringerte Empathiefähigkeit an sich handelt, sondern dass sie lediglich oder ausserdem verringert ausgeübt wird. Im Gegensatz zu anderen Störungsbildern scheint bei AD(H)S die Empathiefähigkeit nicht grundsätzlich gestört. AD(H)S-Betroffenen wird nachgesagt, dass sie häufig eine besonders große Empathiefähigkeit haben, die jedoch oft nicht abgerufen werden kann.(147) Dass die Empathiefähigkeit nicht inexistent, sondern eher verschüttet ist, zeigt sich in 1:1 Begegnungen in ruhiger Umgebung oder im Hyperfokus – z.B. bei Verliebtheit. Auch Betroffene vom ADHS- und Mischtyp werden hier als sehr charmant, empathisch und zuvorkommend beschrieben.
Es scheint also nicht an einer fehlenden Fähigkeit der Empathie zu liegen, sondern daran, dass die Ausübung von Empathie durch andere Dinge (innere Unruhe, Reizüberflutung) verschüttet ist. Trotzdem ist mangelnde Empathie (zu unterscheiden von mangelnder Empathiefähigkeit im entspannten Zustand) ein typisches AD(H)S-Symptom. Und dieses Symptom haben nicht alle AD(H)Sler, sondern es ist bei AD(H)S nur häufiger.

Gesichert ist, dass AD(H)S fast immer mit einer Hochsensibilität einhergeht. In unserer Onlineuntersuchung fanden wir bei 87 % von 200 diagnostizierten AD(H)S-Betroffenen Anzeichen von Hochsensibilität. Dies entspricht in etwa dem Wert für Aufmerksamkeitsprobleme, ist also sehr hoch. Hochsensibilität ist eine intensive Wahrnehmung. Empathie ist, intensiv für bzw. mit jemand anderen zu fühlen.
Je schlechter es einem Menschen geht, je höher seine innere Anspannung oder Angst ist, je höher der Stresspegel ist, desto geringer ist die gezeigte Empathie.(148) Das könnte als eine recht gesunde Stressreaktion betrachtet werden: Wenn es ums überleben geht, ist jeder sich selbst der nächste.
Ist der Stress, die Angst dann weg, ist es auf einmal möglich, für andere zu fühlen. Befunde, wonach eine Blockade von Glucocorticoidrezeptoren Empathie erhöht, deuten ebenfalls in diese Richtung.(149)

Dass akuter Schmerz die Empathie eher erhöht könnte ein interessanter Aspekt in Bezug auf Selbstverletzungsverhalten bei Borderline sein.(150)(151)
Es dürfte also zwischen kurzfristigem Stress (empathieerhöhend) und chronischem Stress (empathieverringernd) zu unterscheiden sein. So ist auch bei Ratten bei niedrigem akuten Schmerzstress die Empathie erhöht, bei schwerem Schmerzsstress verringert.(152)
Weiter geht frühkindliche Stressbelastung wohl mit einer verringerten empotionalen, nict aber verringerten kognitiven Empathie einher.(153)

Wir haben den Eindruck, dass eine verringerte Empathie häufiger bei ADHS-Betroffenen und eine erhöhte Empathie häufiger bei ADS-Betroffenen auftritt.
Insbesondere der hyperaktiv/impulsive ADHS- und Mischtyp erscheint nach außen häufig wenig empathisch. Die stetige innere Überaktivierung, die dauerhafte innere Unruhe fordert derart viele Ressourcen der Betroffenen, dass sie ihre – eigentlich vorhandene, wenn auch mangels Nutzung unerfreulich untrainierte – Fähigkeit zur Empathie kaum ausleben können.
ADS-Betroffene scheinen dagegen ihre Empathiefähigkeiten im besondere Masse ausleben zu können.
Wir vermuten, dass dies weniger eine Folge unterschiedlicher Persönlichkeitsaspekte bei ADHS und ADS ist, sondern dass dies ehere daraus resultiert, dass ADHS von einer chronisch aktivierten HPA-Achse gekennzeichnet ist (aufgrund fehlender Erholungsfähigkeit wegen einer typischerweise abgeflachten Cortisolstressantwort, die nicht mehr in der Lage ist, die HPA-Achse abzuschalten), während ADS von einer überhöhten endokrinen Stressantwort geprägt ist, deren hohe Cortisolstressantwort die HPA-Achse zuverlässig wieder herunterfährt. Diese endokrinologischen Muster wären nach unserem Verständnis eine mögliche Erklärung, die unterschiedliche Empathie-Häufigkeit bei ADHS und ADS zu erklären.

Es wird von auffällig hohen μ-Frequenzen im EEG von AD(H)S-Betroffenen berichtet.(154) Diese hohe Aktivität an Gehirnwellen im μ-Frequenzbereich sei repräsentativ für eine Unterfunktion der Spiegelneuronen, die für das mitfühlen-können mit einem Gegenüber verantwortlich sind. Das Phänomen der fehlenden μ-Frequenz-Supression bei der Beobachtung Dritter trete ebenso bei Autisten auf (Spiegelneuron-Hypothese).(155)
μ-Rhythmen seien durch Ballen der Faust unterdrückbar. Da bislang nicht berichtet wurde, dass ein Ballen der Fäuste Einfluss auf die Empathiefähigkeit hätte, scheint die Aktivität der μ-Frequenzen hiermit eher korrelierend als kausal verbunden zu sein.

Dass bei AD(H)S die Wahrnehmung von Emotionen in gezeigten Gesichtern verändert scheint, selbst wenn die Betroffenen im Erwachsenenalter keine AD(H)S-Diagnose mehr erhalten(156), könnte ein interessanter Aspekt zur Veränderung von Empathie bei AD(H)S sein.
Ebenso zeigt sich eine verringerte Fähigkeit, Emotionen aus Gesichtern zu lesen bei Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil, was stärker mit ODD als mit AD(H)S korreliert. Dies korrelierte zugleich mit erhöhter emotionaler Reaktion.(157) Dies erinnert uns an das Muster von Borderline. 

5.11. Emotionserkennung beeinträchtigt

Kinder mit ADHS, ASS oder Sprachentwicklungsstörung zeigten eine ähnlich Entwicklungsverzögerung hinsichtlich der Fähigkeiten zur Erkennung von Emotionen.(158) Jungen mit AD(H)S zeigten abweichende Gehirnaktivitäten bei der Wahrnehmung von Gesichtern von Familienangehörigen.(159) Eine weitere Studie bestätigt eine schlechtere Erkennung von Emotionen in Gesichtern bei ADHS-Betroffenen.(160)

5.12. Sozialer Rückzug / soziale Phobie

5.12.1. Sozialer Rückzug als AD(H)S-Symptom

Einschränkung bei sozialen Kontakten, weil entweder keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, ⇒ Rejection Sensitivity) oder das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)(106)(107)

Ein sozialer Rückzug von AD(H)S-Betroffenen, der bis hin zu einer Sozialphobie vor Menschen gehen kann, korreliert nur bei Mädchen mit erhöhtem Aussenseiterdasein(161) und hat mehrere Mechanismen als Ursache.

Erwachsene AD(H)S-Betroffene zeigten in einer Untersuchung zur Fähigkeit der sozialen Problemlösung gleich gute Leistungen in Bezug auf die Theory of Mind, die Erarbeitung der “besten” Lösung für problematische soziale Situationen und die Auswahl der optimalen Lösung aus verschiedenen Alternativen. Die allgemeine Fähigkeit, Problemlösungen flüssig und frei zu generieren, war nicht an die Exekutivfunktionen oder an den Trait der Empathie gebunden. Sie wurde lediglich durch Angst vor sozialer Interaktion beeinträchtigt.(162)
Angst vor sozialen Kontakten (Sozialphobie) scheint die sozialen Fähigkeiten maßgeblich zu hemmen.

Darüber hinaus führen die ablehnenden Reaktionen der Umwelt auf die eigenen Symptome zu negativen Bewertung von sozialen Kontakten.
Das Symptom der Sozialphobie tritt nach den Ergebnissen unseres Symptomtests zwar ungefähr gleich häufig bei 73 % der ADHS-Betroffenen (mit Hyperaktivität) und 70 % der ADS-Betroffenen auf, ist in seiner Ausprägungsstärke jedoch bei ADHS-Betroffenenen mit 0,63 deutlich schwächer als bei ADS-Betroffenen mit 0,73 (auf einer Skala von 0 bis 1). Lediglich 15 % der Nichtbetroffenen erreichten die Schwelle des Symptoms. 

Da ADS-Betroffene erreichten zudem zu 98 % den Cutoff des Symptoms Angst (mit einer Schwere von 89 %), gegenüber 93 % der ADHS-Betroffenene mit einer Schwere von 0,84. 

Daneben dürfte der zu weit offene Reizfilter mit der hieraus resultierenden Hochsensibilität die Grenzen der ertragbaren Reize so weit reduzieren, dass ein Rückzug von den als anstrengend empfundenen Einflüssen Dritter einen plausiblen Abwehrmechanismus darstellt. Viele Hochsensible berichten, dass sie auf Partys nach einer gewissen Zeit fliehen oder sich in ruhigere Räume zurückziehen (Küche, Balkon, WC).

Neurophysiologisch ist die Aktivierung von Oxytocin-Rezeptoren im ventralen Tegmentum für ein belohnungsgesteuertes Interesse an sozialen Kontakten essenziell.(163)

Interessanterweise scheint soziale Kompetenz bei Mädchen und Frauen mit AD(H)S höher zu sein als bei Jungen und Männern, während sich dieser Zusammenhang bei Autismusspektrumsstörungen umgekehrt zeigte und altersabhängig war.(164)

5.12.2. Sozialer Rückzug als Stresssymptom

Sozialer Rückzug ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(165)(70)

Eine Einschränkung der sozialen Kontakte bei Stress wird darauf zurückgeführt, dass(106)(107)

  • keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, Rejection Sensitivity)
  • das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)

Ein erhöhtes Rückzugsverhalten ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

Eine zunehmende Einschränkung sozialer Kontakte ist ein typisches Symptome für einen Burnout.(19)

5.13. Novelty Seeking / Sensation Seeking

Novelty Seeking (früher Sensation Seeking) bedeutet, dass Betroffene nach ständig neuen Reizen suchen. Im Extremfall (Sensation Seeking) wird nach dem besonderen Kick, nach intensiven, neuen Erfahrungen gesucht. Novelty seeking soll mit Impulsivität verknüpft sein. 

Es könnte auch für Betroffene typisch sein, die ein niedriges Arousal haben, bzw. ein höheres Arousal für eine optimale Leistungsfähigkeit benötigen.
Dieser Zusammenhang liesse sich mit dem unter Innere Leere beschriebenen Ansatz ebenfalls schlüssig erklären: Es bedarf starker neuer Reize, damit das Belohnungszentrum anspringt und Interesse für etwas geweckt wird. Die bei kortikaler Inaktivität aufgrund des dadurch entstehenden Absinkens des Dopaminspiegels entstehende Dysphorie wird als unangenehm wahrgenommen und soll vermieden werden. Intensive neue Reize und hohe Risiken führen zu einer Art willentlich hervorgerufenem Hyperfokus.
Wir kennen etliche Betroffene, die ihre Dysphorie bei Inaktivität dadurch vermeiden, dass sie immer aktiv bleiben, z.B. einen Aktivurlaub einem Badeurlaub vorziehen.

Reward Discounting soll nur bei konditionierten Reizen entstehen, da eine konditionierte Ergebniserwartung erforderlich sei. Bei neuen Reizen wäre das unangenehme Desinteresse, das aus der Belohnungsverzögerung entsteht, nicht möglich.

Novelty seeking wird mit der Genvariante DRD4-7R assoziiert, die ein Kandidatengen für AD(H)S ist.

Novelty seeking dürfte stärker mit ADHS als externalisierende AD(H)S-Variante verbunden sein als mit ADS.(166)(167)

5.14. Erhöhte Risikobereitschaft

Eine Untersuchung berichtet deutlich erhöhtes Risikoverhalten von AD(H)S-Betroffenen.(168)

Eine umfangreiche Unteruschung an 2.434 Arbeitern im Iran fand eine Risikoverteilung von:

  • sehr geringes Risiko (65.6%)
  • niedriges Risiko (27.8%)
  • moderates Risiko (4.1%)
  • hohes Risiko (2.5%)

AD(H)S erhöhte die Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit moderatem oder hohem Risikoverhalten anzugehören um das 3,4 und 3,1-fache. Eine Angststörung erhöhte das Risiko um das  2,1 und das 2-fache., jeweils im vergleich zur Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit dem niedrigsten Risiko anzugehören.(169)

Nach anderen Quelle gebe es keine sicheren Belege für eine erhöhte Risikobereitschaft von AD(H)S-Betroffenen.(170)(171)

AD(H)S-Betroffene betreiben gerne Risikosportarten (Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Moto-Cross, Mountainbiken).(11) Die erforderliche Konzentration könnte wie ein Hyperfokus wirken.
Erhöhte Risikobereitschaft könnte mit spontanen und impulsiven Entscheidungen zusammenhängen. Hiergegen spricht allerdings die oben genannte erhöhte Risikobereitschaft von Menschen mit Angststörungen.

5.14.1. Erhöhte Risikobereitschaft als Stresssymptom

Erhöhte Risikobereitschaft ist ein Stresssymptom.(172) Diese erhöhte Risikobereitschaft endet 40 bis 80 Minuten nach Ende der Stresssituation und verringert sich dann sogar unter das Niveau von nicht gestressten Personen.(173)

Eine erhöhte Risikobereitschaft ist ein Stresssymptom bei Menschen, die eine robuste Cortisolerhöhung auf einen akuten Stressor zeigen. Junge Männer ohne eine deutliche Cortisolantwort auf einen Stressor zeigten keine erhöhte Risikobereitschaft. Dies kann so gedeutet werden, dass die Stressreaktion der Risikobereitschaftserhöhung nur bei denjenigen Menschen auftritt, die auf Stress mit einem Cortisolanstieg reagieren, oder dahingehend, dass die Probanden, bei denen kein Cortisolanstieg auf den TSST gemessen wurde, auf diesen nicht mit Stress reagierten.(174)

5.15. Probleme mit der Verarbeitung emotionaler Informationen

Eine Metastudie fand in 16 von 17, dass ADHS-Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten zeigen, emotionale Informationen zu verarbeiten, die durch visuelle Szenen vermittelt werden.(175)

6. Kommunikationsprobleme / soziale Probleme

6.1. Kommunikationsprobleme / soziale Probleme als AD(H)S-Symptome

6.1.1. Sprachprobleme 

  • Sprechdurchfall, Redelust, Wortschwemme (Logorrhö, Polyphrasie)(176)
    • Antworten (z.B. Mails) werden zuweilen ausufernd
    • Antworten schweifen vom Thema ab
  • Sprechweise schnell und undeutlich(11)
  • Sprachausdruck häufig “verwirrt”(177)(178)
    • gefüllte Pausen
    • Wiederholungen
    • Überarbeitungen
    • abgebrochene Äußerungen

6.1.2. Kommunikationsstil interessenfokussiert  

  • Smalltalk wird als langweilig empfunden(11)
  • Gesprächspartner kommen kaum zu Wort
    Betroffener hyperfokussiert schnell auf ihn interessierendes Thema(11)

6.1.3. Impulsive Missachtung sozialer Regeln

    • mischt sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein

Siehe hierzu auch Ungeduld und Verzögerungsaversion.

6.1.4. Einsamkeit

Einsamkeit geht bei AD(H)S eher mit erhöhten introvertierten Symptomen einher.(179) Einsamkeit dürfte damit eher bei ADS als bei ADHS auftreten. 

7. Organisationsschwierigkeiten / Exekutivprobleme

Organisationsschwierigkeiten (Desorganisiertheit) sollen häufig mit Zeitwahrnehmungsproblemen zusammenhängen.(37) Dies deckt sich indes nicht mit den neurophysiologischen Korrelaten von Organisationsproblemen / Exekutivproblemen (Defizite im Arbeitsgedächtnis, das im dlPFC sitzt), welche sich von den neurophysiologischen Korrelaten von Zeit(wahrnehmungs-)problemen unterscheiden.

Exekutivprobleme haben nach einer Untersuchung einen größeren negativen Einfluss auf Quality of Life und die tägliche Funktionalität von Betroffenen als verzögerungsbedingtes Verhalten und emotionale Dysregulation.(180)

7.1. Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren

Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren seien eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(25)

  • Desorganisation
  • Das Leben gleicht einer Aneinanderreihung unfertiger Projekte
  • Mangelhafter Überblick bei Organisation von Aufgaben (bei Kindern wie bei Erwachsenen)(68)
  • wichtig und unwichtig können schlecht getrennt werden (bei Erwachsenen)(68)
  • Unordnung in der Wohnung
    • ggf Überkompensation durch penible Ordnung, weil Unordnung der innere Feind ist
  • Dinge wegzuwerfen fällt schwer

7.2. Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können)

Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können) soll ein weiteres der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen sein.(25)

  • Termine/Zusagen werden vergessen
  • Termine/Absprache werden nicht erinnert
  • Leben ohne den (Handy-)Kalender wäre unmöglich
    • alles muss sofort notiert werden
    • was nicht sofort notiert ist, ist schon fast vergessen

7.3. Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun

Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun soll ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen sein.(25)

7.4. In eigener Anstrengung beeinträchtigt (Behinderung von Anstrengung)

Aufgrund der eigenen Desorganisation ist meist bereits die Erwartung gewachsen, dass das eigene Bemühen ohnehin keinen Erfolg haben werde. Dies schlägt sich in der Erwartung nieder, dass das eigene Bemühen ohnehin erfolglos sein werde und behindert dadurch die eigene Anstrengung. Es kommt zu Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung.

  • Neue Projekte werden vermieden, weil sie ohnehin nicht fertiggestellt würden
  • Mangelnde Fähigkeit zur Gliederung von Arbeitsabläufen bewirkt Überforderungsgefühl (bei Erwachsenen)(68) und verstärkt Selbstentwertung
  • Stimmungsschwankungen verhindern konstante Arbeitsleistung (bei Erwachsenen)(68), dies verstärkt Selbstentwertung
  • AD(H)S-Betroffene sind in ihrer Anstrengung behindert, sei es wegen mangelnder Zufriedenheit durch Erfolg oder wegen fehlender Erwartung von Erfolg (Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung)(106)(107)

7.4.1. Behinderung von Anstrengung als Stresssymptome

7.4.1.1. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)(20)

7.4.1.2. Beeinträchtigte Leistungsfähigkeit als Stresssymptom

Bei schwerem Stress ist die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.(20)(65)
Es besteht eine Behinderung von Anstrengung wegen mangelnder Zufriedenheit durch Erfolg oder fehlender Erwartung von Erfolg (Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung).(107)
Leichte Erschöpfbarkeit, Kraftlosigkeit und Tagesmüdigkeit sind typische Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

7.4.1.3. Gefühl der Überforderung als Stresssymptom

Das Gefühl der Überforderung ist ein bekanntes Stresssymptom.(17)(20)

7.5. Entscheidungsfindungsprobleme

Insbesondere bei ADS tritt das Symptom auf, Schwierigkeiten mit der Entscheidungsfindung zu haben. Während ADHS verstärkt mit einer zu spontanen, zu impulsiven Entscheidungsfindung korreliert, ist bei ADS die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen häufig massiv beeinträchtigt. Selbst einfache Entscheidungen können das Gefühl einer Überforderung auslösen.
ADS korreliert mit einer erhöhten endokrinen Stressantwort. Hohe Noradrenalinspiegel blockieren den PFC und verlagern die Verhaltenssteuerung auf posteriore Gehirnregionen. Da der PFC für die Abwägung multipler Entscheidungsoptionen sehr wichtig ist, führt eine Blockade des PFC naturgemäß zu erhöhten Entscheidungsfindungsproblemen.
Entscheidungsfindungsprobleme sind von Schwierigkeiten der Zeitwahrnehmung abzugrenzen.(181)

Eine Studie fand, dass die Entscheidungsprobleme von Jugendlichen mit AD(H)S weniger auf Risikoaffinität als auf einer suboptimalen, weil weniger komplex bewertenden Entscheidungsfindung resultierten, die nicht alle entscheidungsrelevanten Faktoren berücksichtigte.(182)

8. Zeitwahrnehmungsprobleme

Die Zeitwahrnehmung ist gestört. Es besteht ein Zusammenhang mit dem prospektiven Gedächtnis. Dagegen fand eine kleine Studie keine Beeinträchtigung des prospektiven Gedächtnisses bei AD(H)S.(183)
Viele AD(H)S-Betroffene berichten davon, nicht abschätzen zu können, wie lange sie für eine Aufgabe benötigen und in der Folge, was sie innerhalb einer Zeitspanne an Aufgaben bewältigen können.
Daraus folgt häufig eine frustrierende negative Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit, die damit oft lediglich ein Folgefehler der fehlerhaften Zeitwahrnehung darstellt.
Diese verstärkt wiederum eine negative Eigenwahrnehmung. Barkley(10) sieht in der Zeitwahrnehmungsproblematik ein eigenes und signifikantes Symptom von AD(H)S.

Dieses Symptom wird plausibel, wenn man den Stressnutzen betrachtet, dass in akuter Gefahr Dinge, die nicht überlebensnotwendig sind, als weniger wichtig priorisiert werden. Diese Priorisierung der überlebensnotwendigen Dinge könnte – quasi als Abkürzung – über den Zeitfaktor erfolgen. Mehr hierzu unter Stressnutzen – der überlebensfördernde Zweck von Stress.

Ein Individuum, das in Gefahr ist (überlebensbedrohlicher Stress), hat eine größere Überlebenschance, wenn es alle weiter entfernt liegenden Dinge als unwichtiger und alle unmittelbar anstehenden Dinge als wichtiger behandelt. 

Da im Notbetrieb des Überlebenssicherungsprogramms alles, was weiter entfernt ist, nicht so wichtig ist, ist es auch nicht wichtig, die zeitliche Entfernung und den Zeitbedarf von weiter entfernt liegenden Aufgaben abschätzen zu können.

Details
Rossi(184) hält dem entgegen, dass das Zeitverständnis der Hochindustriestaaten kulturell bedingt sehr streng ist. Schon in hochentwickelten Mittelmeerstaaten begegne einem ein anderes Zeitverständnis als in Deutschland oder den USA. Erst recht gelte das für große Teile der Welt. Er stellt daher infrage, ob hier wirklich bereits ein pathologisches Symptom vorliegt.
Da jedoch empirisch erwiesen ist, dass AD(H)S-Betroffene signifikant häufiger Zeitwahrnehmungs- und Terminprobleme haben, als andere Mitglieder des selben Kulturkreises, ist das Phänomen sehr wohl ein relevantes AD(H)S-Problem und nicht eine Frage der Kulturkreispassung.
AD(H)S tritt zudem in den von Rossi genannten Ländern mit einem solchen anderen Zeitempfinden ebenso auf.
Zugleich nennt Rossi selbst ein mangelndes Zeitgefühl als Symptom von ADS (ohne Hyperaktivität).(185)

8.1. Zeitaufwand-Schätzfehler

Bei AD(H)S ist die Fähigkeit, abzuschätzen, wie viel Zeit eine Maßnahme oder Aufgabe benötigt, eingeschränkt.(186)

AD(H)S-Betroffene können längere Zeitabstände weniger gut abschätzen als Nichtbetroffene.

Ausdrucksform:

  • Ständiges zu spät kommen
    • Ursachen:
      • Zeitabschätzungsfehler
      • Warten ist unerträglich (Delay Aversion)
      • Warten ist Ruhe und Inaktivität
      • jetzt ist immer
        • Die Wahrnehmung, was wichtig ist, ist in Richtung Gegenwart verschoben
    • Inaktivität ist bei AD(H)S mit Dysphorie verbunden (Dysphorie bei Inaktivität). Jedes Lebewesen steuert sich ganz zentral danach, die Stimmung möglichst gut zu erhalten
      Die Zeit bis zum X wird vollständig für Aktivitäten ausgenutzt. Da meistens etwas schief geht, und Zeiteinschätzung ein Problem bei AD(H)S ist, kommen Betroffene häufig zu spät. Lieber noch schnell dies oder jenes miterledigen, als das Risiko eingehen, zu früh zu kommen und dann warten zu müssen. Aus der Summe resultiert häufiges zu spät kommen.

In der Folge fühlen sich die anderen Menschen respektlos behandelt (was nicht das Motiv des Betroffenen war), und reagieren verständlicherweise zurückweisend. Dies triggert das Problem des ohnehin bereits miniaturisierten Selbstwertgefühls des Betroffenen.

8.2. Zeitverarbeitung verändert

Um die Länge von zwei Zeitintervallen zu unterscheiden, von denen eines 1 Sekunde dauerte, musste das andere für AD(H)S-Betroffene 1,238 Sekunden dauern, während es für Nichtbetroffene nur 1,184 Sekunden dauern musste. Der Unterschied beträgt mithin 30 %.(187) Weitere Untersuchungen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.(188) Bei AD(H)S ist weiter die Fähigkeit, ein Zeitintervall in der korrekten Länge zu reproduzieren, beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung korreliert mit Impulsivität.(189)

9. Schlafprobleme

Etwa 70 bis 80 % aller AD(H)S-betroffenen Kinder(190) und 11,3 %(191) bis 29 % der AD(H)S-Betroffenen Erwachsenen (gegenüber 2,3 % der Nichtbetroffenen(191) = das 5-fache bis 12-fache Risiko) haben Schlafprobleme. Diesseits wird der Anteil bei Erwachsenen AD(H)S-Betroffenen noch deutlich höher geschätzt.

75 % aller AD(H)S-Betroffenen sollen Probleme des circadianen Schlafrhythmus haben.(192) Der Schlussfolgerung, dass AD(H)S eine Folge von Schlafproblemen sei, können wir gleichwohl nicht folgen. Wir gehen davon aus, dass AD(H)S Schlafprobleme verursacht ud Schlafprobleme AD(H)S-Symptome verstärken.

Eine große Studie (n = 4109) an Kindern von 0 bis 7 Jahren stellte fest, dass AD(H)S-Betroffene mehr Schlafprobleme und in der Folge mehr Probleme mit emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeit haben als Nichtbetroffene. Zugleich wurde festgestellt, dass Schlafprobleme auch bei Nichtbetroffenen zu emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeitsproblemen führen. Schlafprobleme sind jedoch nicht der Auslöser späterer Aufmerksamkeitsproblematiken.(193)
Diesseits wird angenommen, dass Schlafprobleme bei AD(H)S-Betroffenen die Symptome von emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeitsproblemen verstärken und bei Nichtbetroffenen auslösen können.

Schlafprobleme sollten bei AD(H)S mit besonderer Aufmerksamkeit und Priorität behandelt werden. Treten Schlafprobleme zusammen mit (oder verursacht durch) AD(H)S auf, entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Teufelskreis.
Näheres unter AD(H)S – Behandlung und Therapie.

9.1. Einschlafprobleme

Einschlafprobleme bei AD(H)S sind meist Folge des stetigen Gedankenkreisens (Rumination), des nicht abreißenden Gedankenstroms und damit ein Ausfluss der inneren Unruhe.
Etliche Betroffene berichten, dass sie mit Hörbüchern besser einschlafen können. Eine geringe unretardierte Stimulanziendosis (1/4 bis 1/2 einer Tages-Einzeldosis) kann einem nicht unerheblichen Teil der betroffenen beim einschlafen helfen.
Zuweilen treten auch Gliedmassenzuckungen (ruhelose Beine) auf, die an restless legs erinnern.

9.2. Durchschlafprobleme

Durchschlafprobleme sollen mit die häufigsten AD(H)S sein.(194) Nach unserem persönlichen Eindruck sind Einschlafprobleme häufiger. 
Durchschlafprobleme bei Kleinkindern von 1 bis 3 Jahren waren ein stärkerer Prädiktor für ein späteres AD(H)S als die Schlafdauer.(195)

Durchschlafprobleme können von erhöhtem Alkoholkonsum hervorgerufen werden, der bei AD(H)S häufig ist, unter anderem um das Einschlafen zu fördern. Im Übrigen scheinen Durchschlafprobleme wie Kreuzschmerzen oder Zähneknirschen von einer übergroßen inneren Anspannung beeinflusst zu sein.

9.3. Schlafprobleme als Stresssymptome

Schlafstörungen sind sehr häufige Symptome bei schwerem Stress.(196)(23)(20)(70)(18)

Erhöhte Wachheit und verringerter Tiefschlaf ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

Als Stresssymptom werden auch häufige Alpträume genannt.(70)(197)

10. Durst

Ein erhöhter Durst und eine deshalb erhöhte Wasseraufnahme ist ein häufig beobachtetes Stresssymptom.(198)
Da Stress darauf abzielt, den Blutdruck zu erhöhen, um den Körper optimal auf Kampf oder Flucht vorzubereiten, ist eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme ein unmittelbar sinnvolles Instrument.(199) Flüssigkeitsaufnahme verringert die Stressreaktion deutlich.(200)

11. Stressintoleranz

AD(H)S-Betroffene empfinden Stress intensiver.(201)

Stressintoleranz wurde bislang in der Fachliteratur zu AD(H)S nur am Rande als AD(H)S-Symptom erwähnt.(37)
Nach diesseitiger Auffassung ist Stressintoleranz das zentrale Symptom von AD(H)S. Eine der wichtigsten Thesen von ADXS.ORG  ist, dass AD(H)S Folge einer dauerhafte Schädigung der Stressregulationssysteme (vornehmlich der HPA-Achse) ist und alle AD(H)S-Symptome Ausdruck der chronisch überaktivierten Stressreaktionssysteme sind.
⇒ AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung
⇒ AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome
⇒ Stressschäden – Auswirkungen von langanhaltendem Stress

Die dieser Sicht zu Grunde liegenden Erkenntnisse aus der Stressforschung wurden erstmals in den 1990er Jahren verstanden und haben sich in den letzten Jahren immer deutlicher herauskristallisiert und verdichtet. Zum Verständnis, wie weit reichend diese Erkenntnisse sind und wie sehr sie nicht nur die Behandlung von psychischen Störungen, sondern vor allem die Prophylaxe hierfür noch verändern werden, empfehlen wir die Werke

12. Reaktionszeitvarianz

AD(H)S ist gekennzeichnet von einer erhöhten Varianz der Reaktionszeit in Reaktionstests.(202)(203)(204)(205)(206)
Die erhöhte Reaktionszeitvariabilität korreliert insbesondere mit Problemen mit anhaltender Aufmerksamkeit.(207)(208)(209)(Abweichend: Epstein et al(205).)(210)
Offenbar ist die Reaktionszeitvarianz bei der Gruppe von AD(H)S-Betroffenen, die besonders viele commisson errors (falsch-positive Fehler) machen, besonders hoch.(211)

Spannenderweise ist AD(H)S möglicherweise durch eine kürzere Reaktionszeit gekennzeichnet.(212)(213) Nach einer anderen Untersuchung unterscheiden sich die Reaktionszeiten von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen nicht, jedoch sehr wohl die Sorgfaltsleistung.(214) Barkley(209) und andere(206) berichten dagegen von einer (leichten )Verringerung der durchschnittlichen Reaktionszeiten bei AD(H)S. Nach Barkley habe nur der Sluggish (SCT)-Subtyp durchgehend verringerte Reaktionszeiten.
In einer anderen Untersuchung von AD(H)S-Betroffenen wurde festgestellt, dass Träger des DRD4-7R-Gen-Polymorphismus, der einer der Hauptkandidaten für Hochsensibilität und AD(H)S ist, entgegen aller Erwartung keine schlechteren Reaktionszeiten als Nichtbetroffene hatten, wohl aber Träger anderer DRD4-Polymorphismen. Andere berichten von einer abweichenden audiovisuellen multisensorischen Verarbeitung.(213)
Weiter wurde von einer verringerten Verlangsamung der Reaktionszeiten nach Fehlern berichtet.(206)  

Erhöhte individuelle Reaktionsvarianz ist ein Zeichen von erhöhtem neuralem Rauschen. MPH verbessert dies.(215) Neurales Rauschen wird durch arhythmische Signale im Cortex repräsentiert, die als “1/f-Rauschen” im EEG messbar sind.  
Dopaminmangel verschlechtert den Signal-Rauschabstand. AD(H)S ist von verringerten Dopaminspiegeln im PFC und Striatum gekennzeichnet. Stimulanzien wie z.B. MPH heben den Dopaminspiegel dort an. Ein bis zum optimalen Maß steigender Dopaminspiegel verbessert den Signal-Rauschabstand.

Das Symptom der erhöhten Reaktionszeitvarianz unterscheidet AD(H)S zudem signifikant gegenüber anderen psychischen Störungen wie

  • Angst
  • Distress disorders (körperliche Stressstörungen, PTBS)
  • Oppositionelles Trotzverhalten (ODD)
  • Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD)
  • typische Entwicklungsstörungen

Wir testen derzeit einen Reaktionstest, um zu erforschen, ob die Reaktionszeitvariabilität zur AD(H)S-Diagnostik verwendet werden kann.
Hier startet der ADxS.org – AD(H)S-Reaktionstest (Alpha).

Bei AD(H)S scheint zudem nach einem erfolgten Fehler die Anpassung der Reaktionszeit später und in geringerem Maße zu erfolgen als bei Nichtbetroffenen.(216)

13. Sexualverhalten / Fortpflanzung

Frauen mit AD(H)S haben signifikant(217)

  • früher ihren ersten Geschlechtsverkehr
  • früher ihre erste Lebendgeburt
  • früher ihre Menopause

AD(H)S ist mit einem riskanteren Sexualverhalten verbunden.(218)

Eine Untersuchung berichtet von signifikant verringerten Werten bei erwachsenen Frauen mit AD(H)S in Bezug auf(219)

  • Begehren
  • Erregung
  • Orgasmus
  • Befriedigung
  • Schmerz
  • Lubrikation

Bei erwachsenen Männern mit AD(H)S berichtet die Studie von signifikant geringeren Werten von

  • Orgasmus
  • erektiler Funktion
  • Geschlechtsverkehrszufriedenheit
  • allgemeine Zufriedenheit

Lediglich das Begehren war nicht beeinträchtigt  

14. Suchtprobleme

Suchtprobleme sind ein mögliches Symptom von AD(H)S.

14.1. Stoffgebundene Süchte

14.1.1. Alkoholsucht

Kurzfristiger Alkoholkonsum verringert Stresssymptome. Langfristiger Alkoholkonsum erhöht sie dagegen.

Bestand neben einer Alkoholsucht eine weitere stoffgebundene Sucht, war bei jungen Männern die Wahrscheinlichkeit von AD(H)S 5,3 fach erhöht.(220)

14.1.2. Cannabiskonsum

Cannabis kann bei AD(H)S eine selbstmedikamentierende Komponente haben. Diese tritt bereits bei Dosen ein die keine Rauschwirkung haben (Microdosing). Gleichwohl ist nichtmedizinischer Cannabis keine angemessene Behandlung und medizinischer Cannabis nur in sehr seltenen Konstellationen eine mögliche Medikamentierung.
Höhere Dosen, die eine Rauschwirkung verursachen, haben keine medikamentöse Bedeutung.

Mehr hierzu unter Cannabinoiderge Medikamente bei AD(H)S und ⇒ Substanzmissbrauch mit Selbstmedikationswirkung bei AD(H)S.

14.2. Nicht stoffgebundene Süchte

14.2.1. Spielsucht

14.2.1.1. Videospiele

AD(H)S scheint eine höhere Videospielzeit auszulösen, während mehr Videospielzeit keine Erhöhung von AD(H)S bewirkt.(221)
Wir vermuten, dass das durch AD(H)S bewirkte geringere Interesse für entferntere Belohnungen eine höhere Affinität zu Videospielen auslöst, da diese häufig mittels kurzfristiger Belohnungen motivieren. 

Internetspielsucht und AD(H)S scheinen die selbe verringerte funktionelle Konnektivität zwischen PFC und subkortilaen Gehirnregionen aufzuweisen, die jeweils nach 1 Jahr medikamentöser Behandlung zurückging.(222)

Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen Internetspielsucht und Unaufmerksamkeit. Sie fand außerdem, dass dieser Zusammenhang durch eine vertikaler individualistische kulturelle Orientierung ohne signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschied verstärkt wurde.(223)

14.2.2. Internetsucht

Von 650 Jungen einer High-School zeigten 12 bis 15 % eine ausgeprägte Internetsucht. Diese ging mit erhöhter AD(H)S-Symptomatik einher.(224)

Internetsucht wurde durch eine Studie in zwei Subtypen unterschieden: einen Subtyp, der mit Impulsivität und ADHS korrelierte und einen anderen Subtyp, der mit Zwanghaftigkeit korrelierte.(225)

Eine Studie fand, dass Internetsucht bei AD(H)S mit motivationaler Dysfunktion, nicht aber mit exekutiver Dysfunktion korrelierte.(226)

14.2.3. Handysucht

Überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(26) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an

  • Alkoholkonsum
  • sexueller Aktivität
  • PTSD
  • Angststörungen
  • Depressionen

Handysucht korrelierte in einer Studie unmittelbar mit AD(H)S, Depression, Angst und Stress, nicht aber mit Schlafdauer.(227)

15. Messi-Tendenz / Hoarding

Bei AD(H)S ist die Unfähigkeit, Dinge wegzuwerfen und die Tendenz, Dinge zu horten, ausgeprägter als bei Nichtbetroffenen. Probanden mit Hoarding-Betroffene hatten zu 40,7 % AD(H)S-Traits gegenüber 21,7 % bei Nicht-Hoarding-Betroffenen(228)

16. Chronische Schmerzen, erhöhte Schmerzempfindlichkeit

Von 77 erwachsenen Frauen mit AD(H)S oder ASS berichteten gleichermaßen 76 % von chronischen Schmerzen.(229) Bei AD(H)S war Chronic Eidespread Pain (CWP), das Hauptsymptom von Fibromyalgie, mit 39 % fast doppelt so häufig wie bei ASS.
Die meistgenannten schmerzenden Körperregionen waren

  • unterer Rücken (47 %)
  • Nacken (37 %)
  • Schulter (35 %)
  • Kopf (32 %, bezogen auf AD(H)S)
  • Magen (30 %)
  • Arme / Hände (30 %)
  • oberer Rücken (27 %)
  • Knie (27 %)
  • Hüfte / Schenkel (18 %)
  • Waden / Füsse (16 %)
  • Brust (4 %)

Eine Studie an englischen Erwachsenen kam 2007 zu dem Ergebnis, dass hohe AD(H)S-Scores mit hohen Schmerzen korrelieren und die Schmerzempfindlichkeit bei AD(H)SD erhlht sei,(230)

17. Komorbiditäten

Weitere häufig auftretende Symptome stammen nicht aus AD(H)S selbst, sondern aus Störungen, die häufig zusammen mit AD(H)S auftreten, sogenannte typische Komorbiditäten.

Näheres hierzu auf der Seite ⇒ AD(H)S – Komorbidität und den Unterseiten zu den einzelnen Komorbiditäten.

 

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich, sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.
Einen Hinweis auf ein mögliches AD(H)S anhand der bestehenden Symptome liefert unser Onlinetest unter
AD(H)S-Online-Tests und Umfragen.

 

Zuletzt aktualisiert am 02.03.2020 um 05:09 Uhr


3.)
so auch Barkley, Steinhausen, Krause und viele andere - (Position im Text: 1)
4.)
5.)
8.)
Studie des MIND Institute der Universität California, zitiert nach Winkler in http://web4health.info/de/answers/adhd-menu.htm - (Position im Text: 1, 2, 3)
9.)
11.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 61 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23)
21.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 113 - (Position im Text: 1, 2)
25.)
33.)
Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment in Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1, 2, 3)
34.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 7 mit Nachweisen - (Position im Text: 1, 2)
43.)
Biederman, Lanier, DiSalvo, Noyes, Fried, Woodworth, Biederman, Faraone (2019): Clinical correlates of mind wandering in adults with ADHD. J Psychiatr Res. 2019 Oct;117:15-23. doi: 10.1016/j.jpsychires.2019.06.012. - (Position im Text: 1)
49.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 21:30 - (Position im Text: 1)
50.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter. In 3. Auflage: S. 64. - (Position im Text: 1)
51.)
52.)
Brown (2015): ADHD – From Stereopypic to Science in Educational Leadership, 10/2015, S. 52 – 56, Seite 54; Brown ist Leiter der Yale Clinic for Attention and Related Disorders in New Haven, Connecticut - (Position im Text: 1, 2)
55.)
58.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 24:10 - (Position im Text: 1)
66.)
Dickerson, Kemeny (2004) und Kudielka et. al (2009), zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2 Seite 32, mwN - (Position im Text: 1, 2, 3)
68.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 60 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12)
70.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7)
74.)
Dagegen: Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment. In: Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1)
76.)
95.)
98.)
106.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl. Schattauer, S. 44 – 58 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5)
121.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1)
122.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2005): Mensch im Stress; Elsevier (jetzt Springer), Seiten 151. Zu weiteren Wirkungen von CRH siehe auch Seite 96 - (Position im Text: 1)
124.)
Kudielka et. al (2009), S. 129 zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2, Seite 2, Seite 129, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1, 2)
125.)
145.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl. Schattauer, S. 44 – 58, zitiert nach Eckerle (2010?): Neurobiologische Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Hochbegabung und psychischen Störungen (z.B. ADS) in der Adoleszenz. - (Position im Text: 1)
154.)
Strehl (Hrsg.) (2013): Neurofeedback, Kohlhammer, Kapitel 6.2.3. - (Position im Text: 1)
155.)
Strehl (Hrsg.) (2002): Neurofeedback, Kohlhammer, Kapitel 6.2.3. unter Verweis auf Kropotov 2009 - (Position im Text: 1)
170.)
176.)
184.)
Rossi (2012): ADHS-Buch, heute leider nicht mehr frei downloadbar, Seite 359 - (Position im Text: 1)
185.)
200.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 74 - (Position im Text: 1)
209.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 19:40 - (Position im Text: 1, 2)

Ein Gedanke zu „Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen“

  1. Danke für diese ausführliche und liebevoll begründete Symptomliste!
    Bei manchen Erklärungen mit Situationen aus der Steinzeit musste ich wirklich lachen.
    Aber es ist sehr befreiend, die Vor- und Nachteile zu bedenken.

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