Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen

Die in diesem Kapitel dargestellte Gesamtliste aller AD(H)S-Symptome ist von den Symptomen der diagnostischen Leitlinien nach DSM oder ICD zu unterscheiden.
DSM und ICD konzentrieren sich auf diejenigen Symptome, die (hier) AD(H)S von anderen Störungsbildern unterscheiden. Dies erweckt zuweilen das Missverständnis, dass die nach DSM oder ICD genannten Symptome die jeweils einzigen Symptome von AD(H)S oder eines anderen beschriebenen Störungsbildes wären.
Nachfolgend werden alle Symptome dargestellt, die im AD(H)S-Spektrum auftreten können. Diejenigen Symptome, die zu denjenigen von DSM und ICD hinzutreten, kommen typischerweise nicht nur bei AD(H)S vor, sondern können jeweils auch bei anderen Störungsbildern auftreten.
Beispiel: schnelleres Autofahren ist bei AD(H)S eines der häufigsten Symptome. Es ist jedoch wenig AD(H)S-spezifisch. Es tritt häufig auch bei Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen, auf. Das Symptom alleine ist daher nicht aussagekräftig.

Welche Symptome bei AD(H)S besonders hervortreten ist auch unter Experten umstritten.(1)

Die nachfolgende Liste der insgesamt bei AD(H)S möglichen Symptome steht daher in einem von DSM und ICD abweichenden Diagnostikkontext. Die Diagnose von AD(H)S erfolgt nicht dadurch, dass eine spezielle Art von Symptomen vorliegt (kategorial), sondern durch die Menge der zutreffenden Symptome und deren Intensität (dimensional)(2)(3).

  • Nichtbetroffene haben im Schnitt 1 bis 2 der 18 Symptome oft, also rund 5 %(4).
  • AD(H)S-Betroffene haben im Schnitt 12 der 18 der genannten Symptome oft, also rund 66 %(5).
  • Kaum ein Betroffener hat alle Symptome „oft“, und es ist kaum typisierbar, welche Symptome gehäuft gemeinsam auftreten.

Die Symptome müssen über einen längeren Zeitraum und in mehreren Lebensbereichen auftreten und vor dem 12. Lebensjahr erstmals sichtbar geworden sein.

Die ersten Ergebnisse unseres Onlinetests (Version 2.0 mit 198 Fragen, die auf 35 Symptomcluster laden) zeigen, dass Nichtbetroffene 9 der 35 Symptome (26 %) häufig haben, während Betroffene 26 der 35 Symptome (74 %) häufig haben.
Würden* die Testergebnisse danach beurteilt, ob mehr als (9+26)/2 = 17,5 Symptome erreicht werden, würden* 94 % aller Probanden, die bereits eine AD(H)S-Diagnose hatten, richtig erkannt.
*Die Testergebnisse werden dimensional ausgegeben und nicht als einfaches ja/nein-Ergebnis.
⇒ AD(H)S-Online-Tests

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.

Unabhängig von der diagnostischen Fragestellung ist die Kenntnis aller möglicher Symptome von AD(H)S für Betroffene wie für Diagnostiker und Behandler eine unerlässliche Information.

Eine wunderbar unterhaltsame und sympathische Sammlung von Berichten Betroffener über AD(H)S-typische Verhaltensweisen findet sich im Forum ADHS-Anderswelt.(6)

Inhalt dieser Seite

1. Motorische Symptome

1.1. Hyperaktivität (bei Kindern) / Innere Unruhe, Getriebensein (bei Erwachsenen) als AD(H)S-Symptom

Hyperaktivität ist ein sehr häufiges (oder auch, weil ohne eindeutige organopathologische Ursache nicht begründbar, häufig diagnostiziertes) Symptom von AD(H)S. Hyperaktivität ist jedoch kein zwingendes Symptom von AD(H)S. Es gibt AD(H)S-Betroffene, die sehr an ihren Symptomen leiden, die weder als Kind hypermotorisch noch als Erwachsene voll innerer Unruhe waren / sind.

1.1.1. Bei Kindern: motorische Hyperaktivität

Tritt nur bei Subtyp ADHS und (im späteren Alter) beim Mischtyp auf, nicht bei Subtyp ADS.(7)
Lässt in der Adoleszenz nach, tritt dort stattdessen in Form ständiger innerer Unruhe auf.

Das Zappeln und ständige Bewegen könnte als innere Korrektur der Vigilanz (innere Grundspannung) und des zu niedrigen Dopaminspiegels verstanden werden. Bewegung erhöht den Dopaminspiegel(8)(9). Zappel-Betroffene, die gezwungen werden, stillzusitzen, geben (noch) häufiger falsche Antworten, als wenn sie sich bewegen dürfen.(8) Ebenso erhöht Sport vor der Schule (zum ausreagieren der motorischen Unruhe) die Lernerfolge(8).

Erscheinungsformen:

  • bei Kleinkindern:
    • ausgedehnte kindliche Trotzphase
    • ggf mit übermässigen veritablen Wutanfällen
  • bei Kindern:
    • ständiges Zappeln mit Händen und Füßen oder Herumrutschen auf dem Stuhl (DSM IV/5)
    • steht in der Klasse und anderen Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf (DSM IV/5)
    • läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben) (DSM IV/5)
    • hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen (DSM IV/5)
    • ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre er/sie „getrieben“ (DSM IV/5)
    • redet häufig übermäßig viel (DSM IV/5; in ICD-10 als Impulsivitätsmerkmal gewertet). Sprechdurchfall ist auch bei manchen Erwachsenen noch festzustellen
  • bei Erwachsenen:
    Hyperaktivität (äußerlich/körperlich) lässt bei Erwachsenen bis zu 60 % nach(10)
  • körperliche Unruhe im Kindesalter verwandelt sich bei Erwachsenen zu
    • innerer Unruhe
    • immer etwas tun müssen
  • keine innere Ruhe finden können
    • Gedankenkreisen (Rumination)
  • körperliche Unruhe ggf. nur noch in geringem Mass
    • Fusswippen mit hoher Frequenz (jeweils auch wenn bewusst unterdrückt)(11)
    • Fingertrommeln (auch wenn bewusst unterdrückt)(11)
    • Nägel kauen(11)
    • Lippen beissen
    • Beine verknoten / um Stuhlbein schlingen, um Bewegung zu begrenzen(11)
  • Verhaltensstrategien, um die innere Unruhe zu reduzieren können ständiges stricken / malen / andere nebenher ausgeübte Tätigkeiten sein
  • Langstreckenflüge werden aufgrund der erzwungenen körperlichen Inaktivität häufig aversiv erlebt, ggf. auch lange Theater-, Kino-, Restaurantbesuche(11)
  • versucht oft, mehrere Arbeiten gleichzeitig zu erledigen (Form innerer Anspannung)(11)

1.1.2. Grob- / Feinmotorische Störungen

Man kann grobmotorische und feinmotorische Störungen als von Hyperaktivität getrennt auftretende Probleme betrachten.

  • Grobmotorische Probleme:
    • Ungeschicklichkeit
      • häufig anstoßen/hängen bleiben
    • viele Unfälle (Ungeschick trifft auf Hektik)
      • häufige Verletzungen (insb. ADHS)
      • blaue Flecken
    • Koordinationsprobleme (Dyskoordination)
      • z.B. Rad fahren lernen erst mit 6 Jahren
      • z.B. Schwierigkeiten beim Gleichgewicht halten oder beim Einbeinstand(12)
  • Feinmotorische Probleme
    • krakelige Handschrift(13)
      • überproportional zunehmend bei Diktat unter Zeitdruck(14)
    • Bilder sauber ausmalen fällt Kindern schwer(14)
    • Feinmechanik ist schwierig (z.B. glatte Schnitte mit Schere, kleine Schrauben einsetzen)
    • Die feinmotorischen Probleme bestehen bei ADHS wie bei ADS gleichermaßen.(13)

1.1.3. Bei Erwachsenen: Innere Unruhe, Getriebensein 

Die innere Unruhe, das stetige Gedankenkreisen (Rumination), könnte man als den „kleinen Bruder“ der Hyperaktivität bezeichnen. Das Symptom der körperlichen Hyperaktivität verringert sich bei Erwachsenen oder verliert sich sogar ganz. Es wandelt sich dafür von der körperlichen in eine innere Unruhe.
Diese innere Unruhe tritt bei ADHS wie auch bei ADS auf. Dies spricht allerdings gegen die Annahme, dass innere Unruhe lediglich eine bei Erwachsenen abgeschwächte Form körperlicher Hyperaktivität sei, denn dann müsste sie ADHS-spezifisch sein, weil Hyperaktivität innerhalb des AD(H)S-Spektrums für den ADHS-Subtyp und Mischtyp spezifisch ist. Über innere Unruhe klagen Betroffene des ADS-Subtyps jedoch genau so wie Betroffene des ADHS-Subtyps.

Die diesseits vertretene Hypothese ist, dass Hyperaktivität bei Kindern möglicherweise ein vom inneren Getriebensein bei Erwachsen abzugrenzendes Stresssymptom darstellt. Vom ursprünglichen (möglichen) Nutzen der Stresssymptome aus gedacht (ursprünglich = vor mehr als 10000 Jahren, also bevor die Menschen sesshaft wurden), ist es hilfreich, wenn jüngere Kinder in einer Gefahrensituation eine erhöhte Bewegungsbereitschaft entwickeln, damit sie in Gefahrensituationen zusammen mit der Gruppe besser fliehen können. Erwachsene profitieren von einer Hyperaktivität weniger, denn sie sind es, die die Stressoren bekämpfen müssen. Beim Kampf gegen Stressoren ist ein erhöhter Bewegungsdrang nicht mehr so wichtig wie bei Kindern (die zum Kampf gegen die Stressoren wenig beisteuern können), dagegen tritt in den Vordergrund, alles zu tun, um den Stressor zu bekämpfen und keine Ruhe zu geben, bis die Gefahr bewältigt ist. Eine Parallele hierzu ist, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen ebenfalls deutlich abnehmen oder sogar ganz remittieren können (wenn auch seltener bzw. schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität)(15), ohne dass bei diesen ein Wandel in ein anderes Symptombild beschrieben würde.
Vor diesem Hintergrund könnte das innere Getriebensein möglicherweise eher unter eine Überschrift „Antriebsprobleme“ passen und dort zusammen mit den Motivationsproblemen jeweilige Ausformungen von Antriebsproblemen darstellen, so wie dies Taskwechselprobleme und Ablenkbarkeit innerhalb des Überbegriffs „Aufmerksamkeitsprobleme“ tun.

Aus diesen Gründen wird die innere Unruhe und das innere Getriebensein bei Erwachsenen weiter unten unter der Überschrift Antriebsprobleme dargestellt.

Die ersten Daten aus dem ADXS-Onlinetest (Stand Oktober 2018) deuten darauf hin, dass grobmotorische Probleme beim ADHS-Subtyp mit Hyperaktivität weitaus häufiger auftreten als beim ADS-Subtyp. Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen grobmotorischen Problemen und Hyperaktivität/Impulsivität.(16)

1.2. Hyperaktivität als Stresssymptome

1.2.1. Zappeligkeit, Unruhe als Stresssymptome

Hyperaktivität, Zappeligkeit ist bei schwerem Stress als typisches Symptom bekannt, ebenso, dass sich bei Stress die Gedanken auf den Stressor konzentrieren (Gedankenkreisen, Rumination).
Stresssymptome sind:

  • Unruhe(17)(18)
    Innere Unruhe ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)
  • Rastlosigkeit(17)(20)
  • Bewegungsunruhe(21)

Das Stresshormon CRH, das in der ersten Stufe der HPA-Achse durch den Hypothalamus ausgeschüttet wird, vermittelt unmittelbar einen Bewegungsdrang. Eine erhöhte lokomotorische Aktivität ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)(24)(21)(18)

Symptome, die durch Stresshormone selbst unmittelbar vermittelt werden, können per se keine AD(H)S-spezifischen Symptome sein.

1.3. Der Stressnutzen von Hyperaktivität / innere Unruhe, Getriebensein

1.3.1. Stressnutzen von Hyperaktivität

Eine hohe körperliche Aktivität und Aktivitätsbereitschaft ist bei Kampf oder Flucht hilfreich und überlebensfördernd.

Neben diesem Stressnutzen wirkt Hyperaktivität als Instrument zum Stressabbau:

Hyperaktivität kann bei Tieren zugleich als Übersprungshandlung bei unkontrollierbarem Stress (mit erhöhtem Cortisolblutspiegel) beobachtet werden, wobei diese Übersprungshandlungen zugleich messbar dem Stressabbau dienen (Verringerung des Stresspegels).(25)(26)

Bei Erwachsenen ist Hyperaktivität vor allem als sich ständig wiederholende Mikro-Bewegung wahrnehmbar: Fusswippen, Fingertippen etc. Diese stetig wiederholten Bewegungen haben eine gewisse Ähnlichkeit zu Stereotypien oder Tics, die ebenso als Übersprungshandlungen stressabbauend wirken.(27)(26)

1.3.2. Feinmotorische Probleme als Stressnutzenfolge

Aus der Perspektive einer Bewegungsoptimierung ist eine Verschlechterung der grob- und feinmechanischen Motorik nicht plausibel. Gerade in Kampfsituationen ist zumindest die Grobmotorik wichtig.
Bei Stress wird die Reaktionsgeschwindigkeit erhöht. Dies geht auf Kosten der Genauigkeit von motorischen Handlungen. Insofern ist die Verschlechterung der Feinmotorik kein Stressnutzen, sondern eine (nachteilige) Folge eines anderen Stressnutzens, nämlich der Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit.

2. Inhibitionsprobleme / Impulsivität

2.1. Inhibitionsprobleme / Impulskontrollprobleme als AD(H)S-Symptome

Zu den neurologischen Ursachen Die neurphysiologischen Korrelate von Inhibitions- und Impulskontrollproblemen.

2.1.1. Erscheinungsformen bei Kindern

  • platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist (DSM IV/V)
  • unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein) (DSM IV/V)
  • kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist (DSM IV/V)
    Nur schwer warten zu können, bis man an der Reihe ist, wird diesseits nicht nur als Impulsproblem, sondern zugleich als Problem der Aversion gegen Inaktivität betrachtet.

2.1.2. Erscheinungsformen bei Erwachsenen

  • Sprechweise schnell und verwaschen
  • Sprechweise wird von Umgebung häufig als aggressiv erlebt
  • überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)
  • spontane, unüberlegte Entscheidungen
    Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen(28), findet sich jedoch auch bei akut (hypo)manischen Betroffenen oder manchen Achse II Problemen-

     

    • Spontankäufe
      • Etwas kaufen, ohne es zu benötigen
      • Etwas kaufen, ohne Reflektion, ob das Geld dafür reicht
    • spontane Annahme/Kündigung eines Jobs
    • spontane/r Beginn/Beendigung einer Beziehung
    • Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen
      Ob dies tatsächlich ein Inhibitionsproblem ist, oder nicht eher eine Frage der Aufmerksamkeitslenkung, ist offen. Bei AD(H)S folgt nach diesseitigem Verständnis die Lenkung der Aufmerksamkeit dem Diktat der Stressmaxime, dass eine (überlebens-)bedrohende, unkontrollierbare Gefahr bestehe. Dies kann zu deutlich abweichenden Beurteilungen darüber führen, was gefährlich ist und was nicht.
  • überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(29) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
    • Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an
      • Alkoholkonsum
      • sexueller Aktivität
      • PTSD
      • Angststörungen
      • Depressionen
  • Impulsivität bei AD(H)S und erhöhter BMI teilen sich genetische und neurophysiologische Korrelate(30)

In einer Untersuchung impulsiver Probanden mit und ohne AD(H)S zeigten AD(H)S-Betroffene einen Mangel an zwischenmenschlicher Interaktion, unentschlossene Entscheidungen und geringere motorische Fähigkeiten als die nicht-AD(H)S-Probanden mit und ohne Impulsivität. Impulsivität ohne AD(H)S zeigte gute motorische Fähigkeiten, gute soziale 1:1-Interaktionen, gute Entscheidungsfindung bei Aufgaben der räumlichen Orientierung und eine vielseitigere Lateralität in den unteren Gliedmaßen.(31)

2.2. Impulskontrollprobleme als Stresssymptome

2.2.1. Impulsivität als Stresssymptom

Impulsivität tritt bei Stress häufiger auf.(32)

2.2.2. Riskantere Entscheidungen als Stresssymptom

Unter schwerem Stress werden riskantere Entscheidungen getroffen.(33)

2.2.3. Entscheidungsprobleme als Stresssymptome

  • Entscheidungsprobleme sind bekannte Stresssymptome.(32)(34)(35)

2.3. Stressnutzen von Inhibitionsproblemen / Impulskontrollproblemen

Spontane, unüberlegte Entscheidungen erscheinen zunächst nicht als zweckmässige Reaktion auf einen Stressor. Je weniger Zeit auf die Entscheidungsfindung verwendet wird, desto größer ist die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Dagegen ist es unter extremem Stress – im Kampf oder auf der Flucht – manchmal schlicht überlebensnotwendig, sehr schnell zu entscheiden.

Wer sich in der Savanne plötzlich einem hungrigen Löwen gegenüber sieht, sollte sich möglichst schnell entscheiden, in welche Richtung er läuft. Beim Wettrennen darum, allenfalls der zweitlangsamste zu sein, sind die jüngeren Gehirnteile (vor allem der präfrontale Cortex), die auf die sorgfältige analytische Abwägung von Problemen optimiert sind, dies jedoch sehr sehr langsam tun, eher hinderlich. Schnelle, spontane (dafür aber ungenaue) Entscheidungen treffen seit jeher die älteren (und kleineren) Gehirnteile des limbischen Systems (Amygdala, Hippocampus).
Dies beruht indes wohl nicht auf Vorteilen beim Energieverbrauch. Der Energieverbrauch des Gehirns im Ruhezustand wie im Alarmzustand ist annähernd gleich. Ob es daher ein Überlebensvorteil ist, die in derartigen Notsituationen wenig hilfreichen (weil zu langsamen) neuen Gehirnteile herunterzufahren, um Energie zu sparen, ist fraglich. Das Gehirn, das 2 % des Körpergewichts ausmacht und weniger als 1 Promille der Zellen des Körpers beinhaltet, verbraucht in Ruhe wie in Aktion etwa 25 % der Energie des gesamten Körpers. Aktives, konzentriertes Denken variiert diesen Wert gerade einmal um einen Prozentpunkt, so dass eine normale Passivität des Gehirns wohl keinen Energiegewinn bewirkt. Andererseits könnte das durch massiven Stress verursachte „Abschalten“ des PFC den Energieverbrauch verringert.(36)

Da der PFC etwa die Hälfte der Gehirnmasse ausmacht, dürfte die Verlagerung der Verhaltenssteuerung auf andere, schneller und weniger präzise reagierende Gehirnteile, neben dem Vorteil der schnelleren Reaktionsgeschwindigkeit auch den Vorteil eines Energiegewinns haben. Würde die Hälfte des Gehirns seinen Energieverbrauch halbieren, würde dies eine Energieersparnis des Gesamtkörpers über 6 % bewirken und die Energiereserven des Körpers (75%) um 8 % erhöhen.

Diese Änderung der Verhaltenssteuerung und der erhöhten Energie für Kampf und Flucht bei massivem Stress hat in den letzten hunderttausenden Jahren oft genug den Unterschied zwischen dem letzten und dem vorletzten Platz beim vor-dem-Löwen-davonlaufen ausgemacht. Wir sind die Nachkommen derjenigen, die das Rennen gewonnen haben. Und wir haben von den Gewinnern ihre Stressreaktion geerbt, dass extremer Stress den PFC ausschaltet.

Wunderbar verständlich und unterhaltsam dargestellt wird die Zusammenarbeit der neuen und der alten Gehirnteile von Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem äusserst lesenwerten Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“.(37)

3. Wahrnehmungssymptome

3.1. Unaufmerksamkeit

Unaufmerksamkeit ist je nach Ursache zu unterscheiden in solche

  • in Bezug auf externe, äußere Reize
    • Ablenkbarkeit
      • lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken (DSM IV / V)
      • Gespräche am Nachbartisch nicht überhören können
      • nicht wegkucken können, wenn in einer Kneipe ein Fernseher läuft
    • Taskwechselprobleme
      • Einschränkung der Fähigkeit, auf eine extrinsische Anforderung hin eine gerade ausgeübte Tätigkeit oder Beschäftigung einzustellen, um sich der neuen Anforderung zu widmen.
  • durch interne nebensächliche Gedanken (Gedankenwandern, Tagträumen, Wegdriften, Autopilot, zuweilen auch (medizinisch unrichtig) als Dissoziation bezeichnet)

Unaufmerksamkeit tritt nicht bereits im Kindergarten oder den ersten Schuljahren auf.(38) Manche Quellen nennen sogar 14 oder 15 Jahre für die Erstmanifestation.(39) Eine sehr frühe Erstmanifestation von Unaufmerksamkeit wird bei fetalem Alkoholsyndrom beschrieben.(40)
Unaufmerksamkeit remittiert im Erwachsenenalter seltener und schwächer als Hyperaktivität und Impulsivität.(15) Die Ansicht, Unaufmerksamkeit würde im Erwachsenenalter stets unverändert hoch bleiben(38) teilen wir nicht.
Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

Die grundsätzliche (technische) Funktionalität der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitslenkung ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Aufmerksamkeitsprobleme bei AD(H)S sind Folge einer anderen Motiven folgenden Aufmerksamkeits- und Motivationslenkung. Das Regime, die Maßstäbe, anhand derer die Aufmerksamkeitslenkung erfolgt, ist verändert. Sie entspricht der von Menschen, die extremen, lebensbedrohlichen Stressoren unterliegen und ist insofern „technisch“ gesund. Die Störung liegt darin, dass dieses Regime angewendet wird, obwohl keine adäquaten Stressoren bestehen,

3.1.1. Hyperfokus

AD(H)S ist ein bekanntes Symptom von AD(H)S, das auch bei Autismus und Schizophrenie auftritt.(41)
Kinder mit AD(H)S zeigen oft normale Aufmerksamkeitsfähigkeiten, wenn sie Dinge tun, die sie mögen, haben aber Schwierigkeiten bei extern gestellten Anforderungen, die nicht ihr Interesse wecken.(42) Die Steuerung unterliegt verstärkt intrinsischen Motiven. Nicht die grundsätzliche Fähigkeit zur Aufmerksamkeit ist gestört, sondern die Fähigkeit, diese zu steuern (auf etwas zu lenken ebenso wie von etwas zu lösen).(43) AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(44)
AD(H)S-Betroffene können bei bestehendem intrinsischem Interesse eine sehr gute Aufmerksamkeit und Konzentration zeigen (bis hin zum Hyperfokus)(45). Wer einmal einen AD(H)S-Betroffenen im Hyperfokus erlebt hat, in dem stundenlang auch höchst monotone Tätigkeiten höchst konzentriert ausgeübt werden, sofern das intrinsische Interesse des Betroffenen geweckt ist, und bei dem die für das aktuelle Interesse irrelevanten externen Reize sehr gut ausgeblendet werden, kann dies aus eigener Anschauung bestätigen. Vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass bei AD(H)S nicht die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit an sich, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit gestört ist. Doch auch diese Schlussfolgerung greift unserer Ansicht nach noch etwas zu kurz. Wir meinen, dass bei AD(H)S auch die Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung nicht beeinträchtigt sind, sondern dass die Steuerung der Aufmerkamkeitslenkung beeinträchtigt ist. Verglichen mit einem Auto ist weder das Fahren an sich (die Aufmerksamkeit) noch der Lenkmechanismus (wohin fährt es) beeinträchtigt, sondern der Fahrer steuert das Auto (die Aufmerksamkeit) auf ein unpassendes Ziel zu. Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit unterliegt einem unpassenden Regime: dem einer daseinsbedrohlichen Stresssituation. In einer solchen wäre die AD(H)S-typische Aufmerksamkeit nämlich hilfreich. Hierzu unten mehr.

Der so genannte Hyperfokus – der in verschiedenen Zuständen auftreten kann; einer davon ist  als Flow bekannt(41)  – ist ein Zustand, in dem sich AD(H)S-Betroffene (entgegen der typischen Symptome) ausdauernd, konzentriert und frei von Frustrationsintoleranz oder Ablenkbarkeit mit einem Thema beschäftigen können.

Hyperfokus ist im Extremum der Zustand, aus dem sich Betroffene von Autismusspektumsstörungen zu wenig lösen können und in den sich AD(H)S-Betroffene zu wenig hineinbringen können.(46) Die beiden Störungsbilder eint insofern, das die Selbstregulationsfähigkeit der Aufmerksamkeitslenkung beeinträchtigt ist.

Es handelt sich um Themen, die den jeweiligen Betroffenen besonders faszinieren. Betroffene können sich auf einmal stunden-, tage-, nächtelang mit einem ganz spezifischen Thema beschäftigen(47) und haben hier eine sehr steile Lernkurve.  (Zur bei AD(H)S ansonsten typischerweise verzögerten Lernkurve:(48).)

Ein AD(H)S-Betroffener berichtete uns, dass er einmal in einem Großraumbüro mit einer Aufgabe befasst war, die ihn besonders faszinierte. Dabei kam er es nicht einmal mit, dass er von einem Dritten mehrfach angesprochen wurde. Er  berichtete weiter, dass dies bei einer Aufgabe, die ihn nicht so sehr fasziniert hätte, ganz sicher nicht der Fall gewesen wäre.

Die von uns befragten ADHS-Betroffenen äußerten einstimmig, dass sie den Zustand des Hyperfokus, wenn sie etwas wirklich interessiert, sehr gut kennen. Sie bestätigten weiter, dass sie sich in diesem Zustand dauerhaft mit einem Thema beschäftigen können, ohne von Konzentrationsproblemen, Aufmerksamkeitsproblemen, Ablenkbarkeit oder Frustrationsintoleranz belastet zu sein. Das Problem ist, dass die Steuerbarkeit des Interesses mangelhaft ist.

Alle Menschen können sich auf Dinge, die sie interessieren, besser konzentrieren. Nichtbetroffene können sich jedoch sehr viel besser motivieren, sich auch auf weniger spannende Dinge zu konzentrieren als AD(H)S-Betroffene.(49). Dies ist keine Frage des Charakters oder des Bemühens, sondern schlicht eine Frage der Fähigkeit.(50) In dem Maße, wie diese Fähigkeit AD(H)S-Betroffenen fehlt, ist dies ein Symptom von AD(H)S. Brown zitiert einen Betroffenen mit dem schönen Bild einer geistigen erektilen Dysfunktion. Wenn etwas interessant ist, kann man agieren. Wenn kein intrinsisches Interesse besteht, kann man machen was man will – es wird nicht funktionieren.(49)

Ein Betroffener: „Der Satz – Siehst Du, Du kannst doch, wenn Du willst  – ist einer der meistgehörte Satz meiner Kindheit und Jugend. Es war furchtbar: ich wollte ja, aber ich konnte einfach nicht. Erst ab einem bestimmten Level – sei es an Interesse oder sei es an Ärger mit meinen Eltern – brachte ich es endlich fertig, das zu tun, was ich ja eigentlich auch wollte, was mich aber zu meinem eigenen Leid so wenig interessierte: Hausaufgaben hinter mich bringen, oder andere langweilige Dinge erledigen. Und natürlich fühlte ich mich dafür unendlich schuldig.“

Die Interpretation von Barkley(51), Hyperfokus sei eine Form von Persevation(52), also eine Form von Begleitstörung, teilen wir nicht. Eine Begleitstörung befähigt nicht zu stundenlanger konzentrierter Arbeit, wenn das Thema nur spannend genug ist.

Einen Zustand, in dem die ansonsten fehlende Konzentration, Aufmerksamkeit und Frustrationstoleranz plötzlich vorhanden sind, als Begleitstörung einer Störung zu betrachten, die gerade durch die Symptomen Aufmerksamkeitsdefizit, Konzentrationsdefizit und mangelnder Frustrationstoleranz gekennzeichnet ist, scheint uns nicht schlüssig. Der zeitlich begrenzte Zustand einer Symptomfreiheit ist recht unwahrscheinlich eine Begleitstörung und viel wahrscheinlicher ein Zustand partieller Gesundheit.

AD(H)S schwankt zwischen einer zeitweilig verringerten Ablenkbarkeit (Taskwechselprobleme oder, eher selten, der sogenannte Hyperfokus) und einer zeitweilig erhöhten Ablenkbarkeit (häufiger). Wann welche Abweichung auftritt, hängt entscheidend davon ab, welches intrinsische Interesse an der gerade ausgeübten Tätigkeit oder Beschäftigung besteht. 

Unaufmerksamkeit kann – insbesondere bei Erwachsenen – durch Angst oder zwanghafte Copingstrategien maskiert sein.(53)

3.1.1. Ablenkbarkeit durch äussere Reize

Ablenkbarkeit ist ein Wechsel der Aufmerksamkeit aufgrund eines äußeren Reizes.
Diese Form der Ablenkbarkeit scheint zunächst eine unmittelbare Folge des zu weit offenen Reizfilters (Hochsensibilität) zu sein. Vor dem Hintergrund des abweichenden Regimes der Aufmerksamkeitslenkung ist dies jedoch fraglich.

Ablenkbarkeit ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)
Für AD(H)S spezifisch ist die (Aufmerksamkeits-)Beeinträchtigung, ein vorgedachtes zukünftiges gerichtetes Handeln durchzuführen. AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(44)

3.1.2. Taskwechselprobleme: Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeitswechsel

Taskwechelprobleme beschreiben eine Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit auf externe Anforderung auf einen anderen Gegenstand zu richten. Folge ist die Schwierigkeit, eine Aktivität oder ein Verhalten zu beenden, wenn man es sollte, ist ein AD(H)S-Symptom.(54) Von Dingen, die den Betroffenen besonders interessieren, oder für die er sich aus eigenem Antrieb (intrinsisch) interessiert hat, kann derjenige nur schwer seine Aufmerksamkeit lösen (Taskwechselprobleme)(55) – und zwar ganz besonders, wenn die Anforderung zum Taskwechsel extrinsisch erfolgt und sich nicht mit dem eigenen intrinsischen Interesse des Betroffenen deckt.
Taskwechselproblem sind daher eine Folge der veränderten Aufmerksamkeitslenkungsmaßstäbe.

Taskwechselprobleme sind eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(56)

  • Probleme, spontan etwas wegzulegen, was gerade beschäftigt und sich anderem zuzuwenden
  • Schwierigkeiten, nach externer Aufforderung Task zu wechseln
  • Aufmerksamkeit auf neues Thema zu wechseln ist mühsam
  • Für eine neue Aktivität wird eine Vorankündigung bevorzugt
    • 10/15 Minuten Vorankündigungszeit helfen
  • Schwierigkeiten, bisherige Tätigkeit aus dem Kopf zu bekommen
  • Schwierigkeiten, die Beschäftigung mit einem Gedanken/Thema/Problem abzuschliessen
  • Neue Anforderung von außen, während man noch mit etwas anderem innerlich beschäftigt ist, löst leicht Stress / Impulsive Reaktionen aus

Ein Betroffener bat seine Mitarbeiter, wenn sie zu ihm ins Büro kommen, ohne anklopfen einzutreten, ihn dann aber nicht anzusprechen, sondern einfach auf einem Stuhl Platz zu nehmen, aus dem Fenster zu sehen und zu warten, bis er das, was er gerade tut, beenden kann. 
Diese (ohne solche Absprache sicherlich unhöfliche) Verhaltensweise bewahrte ihn davor, unmittelbar reagieren zu müssen und ersparte ihm, wie früher kurz tief und genervt zu schnaufen, wenn Mitarbeiter hereinkamen und etwas von ihm wollten, obwohl er noch mit etwas anderem beschäftigt war. 
Die Symptomatik der Taskwechselprobleme blieb selbst unter Stimulanzien noch deutlich erhalten. 

3.1.3. Gedankenwandern

Gedankenwandern ist keine Form der Ablenkbarkeit durch externe Reize. Die Aufmerksamkeit wandert vielmehr ohne externen Anlass. Sie ist mit Tagträumen oder Gedankenabwesenheit besser beschreiben.

Gedankenwandern kann mit dem Mind Wandering Questionnaire (MWQ) gemessen werden.

255 erwachsene AD(H)S-Betroffene wurden nach dem MWQ Ergebnis von mehr oder weniger als 24 in Hi-Level-Gedankenwanderer und Lo-Level-Gedankenwanderer unterschieden. Gedankenwandern ist demnach nicht spezifisch mit dem ADS-Subtyp ohne Hyperaktivität („Träumerle“) verbunden, sondern korreliert signifikant mit(57)

  • höherer Unaufmerksamkeit
  • höherer Hyperaktivität
  • schlechteren Exekutivfunktionen
  • mehr allgemeinen psychischen Problemen
  • höherer emotionaler Dysregulation
  • stärker beeinträchtigter Lebensqualität

also mit verstärkter AD(H)S-Symptomatik allgemein.

Ein interessanter Bericht nennt ein partielles Schlafen des Gehirns als mögliche Ursache von manchen SCT-Symptomen oder dem Gedankenwandern.(58)

3.1.3. Aufmerksamkeitsprobleme sind Stresssymptome

Ablenkbarkeit, Aufmerksamkeitsprobleme und Störanfälligkeit sind typische Symptome von schwerem Stress auch ausserhalb von AD(H)S.(17)(20)(59)(60)

Fast jede psychische Störung geht mit Aufmerksamkeitsproblemen einher(61), z.B.:

  • Depressionen
  • Psychose
  • Tourette
  • Manie
  • Panikstörungen
  • Zwangsstörungen

Stress verringert die willentliche Steuerungsfähigkeit der Aufmerksamkeit (das „searchlight of attention“). Im Extremfall eines Schocks ist die Steuerbarkeit nahezu aufgehoben.(62)

Eine verständliche Übersicht über Aufmerksamkeit findet sich unter http://www.neuropaedagogik.de/html/aufmerksamkeit.html

Für AD(H)S spezifisch ist die (Aufmerksamkeits-)Beeinträchtigung, ein vorgedachtes zukünftiges gerichtetes Handeln durchzuführen. AD(H)S-Betroffene werden zwar von unwichtigen Reizen aus der Umwelt abgelenkt, die selektive Aufmerksamkeit ist dagegen kaum beeinträchtigt.(44)

Die bei Stress extrem erhöhten Noradrenalinwerte beeinträchtigen die Funktionalität des PFC. Während leicht erhöhte Noradrenalinwerte die Denkfähigkeit erhöhen, wird diese durch sehr hohe Noradrenalinwerte vermindert und die Verhaltenssteuerung wird vom PFC auf den posterioren Cortex übertragen.(63)(64)(65)(66)

Vergesslichkeit(17) und Gedächtnisprobleme(67)(17)(68) sind typische Stresssymptome.

Stress beeinträchtigt

  • das implizite Gedächtnis(69)
  • das deklarative Gedächtnis(69)
  • das Arbeitsgedächtnis(69)
  • Zur Änderung der Funktionen des PFC durch den bei Stress sehr erhöhten Noradrenalinspiegel siehe unter 1.1. Aufmerksamkeitsprobleme.

Beeinträchtigungen aller dieser Gedächtnisbereiche werden auch bei AD(H)S beschrieben, wobei nicht jeder AD(H)S-Betroffene Beeinträchtigungen in allen Gedächtnisbereichen zugleich aufweist.(70)

3.1.4. Stressnutzen von Aufmerksamkeitsproblemen

Nach unserem Verständnis besteht bei AD(H)S weder ein (technische) Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, noch eine (technische) Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitslenkung, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit unterliegt einem abweichenden Modus oder Profil. Dieser Modus beinhaltet eine stärkere Steuerung durch intrinsische Motivation im Vergleich zu dem Profil der Lenkung der Aufmerksamkeit in entspanntem Zustand. Dieses Lenkungsprofil scheint in überlebensbedrohlichen Situationen von Vorteil: Dinge von hohem Interesse werden noch stärker fokussiert als sonst (Taskwechselprobleme bis hin zum Hyperfokus), von weniger interessanten Dingen ist die Aufmerksamkeit schneller abgelenkt. Die Aufmerksamkeit ist dann weniger fokussiert, sondern eher breiter. Während ersteres eine erhöhte Konzentration auf erkannte und zu bekämpfende Gefahren erlaubt, bewirkt zweiteres bei unwichtigeren Beschäftigungen eine schnellere Wahrnehmung von und schnellere Aufmerksamkeitswechsel auf bis dahin noch nicht erkannte Gefahren.  
Gibt es keine derartigen existenzbedrohenden Stressoren lässt sich die Aufmerksamkeit leichter auf Dinge lenken lässt, die nicht überlebensrelevant sind.

Der Vorteil einer erhöhten Ablenkbarkeit lässt sich gut nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, dass bei Nomaden das Lager stets bewacht werden muss und sich nähernde Gefahren auch bei einem netten Gespräch mit einem anderen am Lagerfeuer sofort erkannt werden müssen. Waren bereits am Tage Fremde Krieger in der Nähe gesichtet worden (= Stress) war eine erhöhte Ablenkbarkeit von (subjektiv) weniger wichtigen Dingen ein Überlebensvorteil.

Der Vorteil von einer geringeren Ablenkbarkeit (Taskwechselprobleme, Hyperfokus) besteht dagegen dann, wenn gerade eine Gefahrenquelle beobachtet oder verfolgt wird. In diesem Moment ist alles andere unwichtiger und es ist ein Überlebensvorteil, sich von dieser (intrinsisch motivierten) Tätigkeit nicht so schnell ablenken zu lassen.

Bei Ablenkbarkeit wie bei Taskwechselproblemen ist also nicht die Aufmerksamkeitsfähigkeit und auch nicht die Aufmerksamkeitslenkung beeinträchtigt, sondern sie folgt einem anderen Lenkungsmodell. 

3.2. Konzentrationsprobleme: die Folge von Aufmerksamkeitsproblemen

3.2.1. Konzentrationsprobleme als AD(H)S-Symptome

Konzentration ist die Folge von Aufmerksamkeit, nämlich die zielgerichtete Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf ein und den selben Gegenstand.

Konzentrationsprobleme sind eines der Hauptsymptome von AD(H)S. Probleme damit, bei Aufgaben oder Freizeitaktivitäten länger die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

  • Flüchtigkeitsfehler
    • bei Kindern:
      • Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten (DSM IV, DSM 5)
    • bei Erwachsenen:
      • Aversion gegen Handlungsanweisungen(71)
      • mangelnde Konzentration beim durchlesen längerer Aufgaben(71)
      • längere Anweisungen überfordern
  • Aufmerksamkeitsdauer verkürzt bzw. beeinträchtigt
    • bei Kindern:
      • Hat oft Schwierigkeit, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei einer Aufgabe / einem Spiel aufrecht zu erhalten (DSM IV / 5)
      • vermeidet häufig / hat eine Abneigung gegen / beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern (DSM IV / 5)
    • bei Erwachsenen:
      • langweilige Aufgaben erhöhen Ablenkbarkeit(71)
  • Taskwechselprobleme
    • bei Kindern:
      • scheint nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen (DSM IV / 5)
      • in Gedanken noch woanders
    • bei Erwachsenen
      • Geschwindigkeit des Wechsels von Aufgaben (Taskwechsel) verringert
      • sind noch mit eigenen Gedanken aus vorangegangener Aufgabe beschäftigt(71)
      • kommen aus Gedankenschleifen nicht mehr heraus
  • Vergesslichkeit
    • Kinder:
      • Ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich (DSM IV / 5)
      • verliert häufig Gegenstände, die für Alltagstätigkeit benötigt werden (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • Unfähigkeit, sich an Handlungen/Vorkommnisse/Absprachen zu erinnern(71)
      • Ausgangssituationen werden nicht mehr erinnert(71) was das Gefühl bewirken kann, ständig in unvorhergesehenen Situationen zu befinden
      • subjektives Gefühl, an Alzheimer zu leiden(71)
  • Zuhören fällt schwer
    • Aufmerksamkeitsspanne ist zu kurz, um Anweisungen bis zum Ende zu folgen
      (Tendenz zu unterbrechen ist dagegen Impulsivitätsproblem)
  • Umsetzung von Anweisungen fällt schwer
    • Erwachsene: Überforderung aufgrund fehlender Fähigkeit, Aufgaben zu gliedern(71)
    • beim Aufgaben gliedern wandert die Aufmerksamkeit bereits in die Details
  • Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht
    • Kinder:
      • Führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (DSM IV / 5)
    • Erwachsene:
      • mitten in Aufgabe wechselt der Fokus auf eine andere Sache
        • Beispiel Putzen(72)
          • Der Boden wird gewischt, bis zum Tisch
          • dort wechselt der Fokus darauf, diesen leerzuräumen
          • Beim Gang in ein anderes Zimmer, um etwas wegzuräumen, findet man den offenen Kleiderschrank und die Kleider davor und beginnt diese einzuräumen.
          • Das Bodenwischen fällt einem erst wieder ein, als man ins Wohnzimmer kommt und überrascht am Tisch auf den Eimer und den Mob trifft…
        • Während der Arbeit sucht man etwas im Internet und bleibt dort auf magische Art und Weise gefangen…
  • Konzentrationsprobleme
    • Aufmerksamkeit kann nicht lange aufrecht erhalten werden
    • Aufgaben mit kurzen und häufig wechselnden Anforderungen werden bevorzugt
    • Aufgaben, die länger andauernde Konzentration und Anstrengung erfordern, sind unangenehm und werden gerne vermieden
  • Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren (DSM IV / 5)
    (Dieses Kriterium stellt ein eigenes Symptomcluster „Organisationsschwierigkeiten“ dar. Siehe dort.)

3.2.2. Konzentrationsprobleme als Stresssymptome

Konzentrationsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress, auch ausserhalb von AD(H)S.(73)(17)(74)(20)(68)

Vergesslichkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)/ Gedächtnisprobleme(17)(68)

Zu den Beeinträchtigungen des Gedächtnisses durch Stress siehe oben unter Ablenkbarkeit und Aufmerksamkeitsprobleme sind Stresssymptome.

Denkblockaden sind ebenfalls als Symptome von schwerem Stress bekannt.(17)(68)
Hintergrund ist wahrscheinlich, dass die bei starkem Stress extrem erhöhten Noradrenalinwerte die Funktionaliät des PFC beeinträchtigen. Während leicht erhöhte Noradrenalinwerte die Denkfähigkeit erhöhen, wird diese durch sehr hohe Noradrenalinwerte vermindert und die Verhaltenssteuerung wird vom PFC auf den posterioren Cortex übertragen.(63)(64)(65)(66)

3.2.3. Stressnutzen von Aufmerksamkeits“problemen“

Der Stressnutzen von Aufmerksamkeits“problemen“ (als Stressnutzen ist es kein Problem, sondern eine hilfreiche Fähigkeit) entspricht demjenigen der Ablenkbarkeit (siehe oben).

3.2.4. AD(H)S ohne Ablenkbarkeits- / Aufmerksamkeitsprobleme ?

Aufmerksamkeitsprobleme sind eines der auffälligsten AD(H)S-Symptome nach Hyperaktivität.
Dennoch liegen diese nicht zwingend bei allen Betroffenen vor. DSM IV, der (anders als der aktuelle DSM 5) noch Subtypen definierte, beschrieb mit dem ADHS-Subtyp Betroffene, die vorwiegend hyperaktiv-impulsive Symptome und kaum Aufmerksamkeitsprobleme hatten. Dieser Subtyp ohne Aufmerksamkeitsprobleme ist vornehmlich bei Kindern anzutreffen und dürfte in der Regel die Vorstufe zum Mischtyp sein. Denn grundsätzlich werden Aufmerksamkeitsprobleme aufgrund der Gehirnentwicklung des Menschen erst im Alter ab 7 Jahren,(38) nach mancher Auffassung sogar erst im Alter ab 14 oder 15 Jahren erkennbar,(39) es sei denn als Symptom anderer Störungen, z.B. bei fetalem Alkoholsyndrom.(40)
Dies wurde zuweilen so interpretiert, dass der reine ADHS-Subtyp (nur Hyperaktivität, keine Unaufmerksamkeit) nur bis zu diesem Alter auftrete.(75) Wahrscheinlicher dürfte sein, dass der reine ADHS-Subtyp jedenfalls bei Kindern die Vorstufe zum Mischtyp darstellt.

Streitig ist, ob einmal aufgetretene relevante Probleme mit Unaufmerksamkeit im Erwachsenenalter wieder nachlassen oder remittieren können.(76)(77). Wenn AD(H)S nicht zwingend lebenslang fortbesteht, also bei 30 bis 50 % aller im Kindesalter Betroffenen im Erwachsenenalter vollständig remittiert, dann remittiert damit auch die Unaufmerksamkeit. Dies spricht dagegen, dass Unaufmerksamkeit gar nicht remittieren könnte.
Möglicherweise ist die Unaufmerksamkeit als eines der stärksten Symptome dasjenige, das am längsten spürbar ist. Statistische Daten bestätigen, dass Unaufmerksamkeit seltener remittiert als Hyperaktivität bzw. dass das Nachlassen der Symptomschwere bei Unaufmerksamkeit niedriger ist. Immerhin wird aber bei 18-20-jährigen, die noch ADHS haben, bei 10 bis 15 % eine Remission der Aufmerksamkeitsprobleme festgestellt.(15) Eine Studie an 144 Erwachsenen, bei denen als Kinder AD(H)S diagnostiziert worden war, stellte bei 3,3 % eine rein hyperaktive AD(H)S-Form fest, also Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeitsprobleme.(78)

Diesseits sind etliche Betroffene bekannt, die zwar eine große Fülle der typischen AD(H)S-Symptome zeigen und auch auf Stimulanzien positiv ansprechen, im Bereich der Aufmerksamkeit jedoch wenig bis keine Probleme haben. Betroffene, die mehrere Symptomen eines überreagiblen (d.h. der äusseren Situation unangemessen überreagierenden) Stressreaktionssystems zeigen, leiden hieran auch, wenn Aufmerksamkeitsprobleme nicht darunter sind.

Zweifelsfrei gibt es (ehemals) Betroffene, bei denen die Unaufmerksamkeit und die Hyperaktivität ihrer Kindheit und Jugend remittiert sind. Denn nur bei etwa 50 % aller Betroffenen bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.
Unbestritten gibt es Betroffene, die keinerlei Hyperaktivitätsprobleme haben (ADS).

Anders herum:
Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter meist zu einen inneren Getriebensein. Dies ist etwas weniger unangenehm auffällig, jedoch für die Betroffenen nicht minder belastend.
Menschen, die nicht mehr durch Hyperaktivität noch durch Aufmerksamkeitsprobleme negativ auffallen, mögen für ihre Umgebung angenehmer sein und stehen deshalb wahrscheinlich häufiger nicht im Verdacht einer belastenden Störung. Sofern die Belastung jedoch subjektiv weiterbesteht haben auch diese Menschen ein Recht auf Hilfe und Behandlung.

Wir vertreten daher die Hypothese, dass es einen (kleinen) Kreis von AD(H)S-Betroffenen gibt, bei denen Aufmerksamkeitsprobleme eher schwach ausgeprägt sind oder auch ganz nachgelassen haben. Die von einigen Ärzten und Therapeuten betriebene Testdiagnostik, die alleine auf Daueraufmerksamkeitsfehler abzielt, oder die AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme ausschliesst(79) ist deshalb nach diesseitiger Auffassung irreführend.

Entscheidend ist nach diesseitiger Auffassung nicht, ob bestimmte Symptome des Symptomclusters vorhanden sind, sondern ob

  • eine große Menge der Symptome aus der Symptomgesamtheit auftreten
    und
  • deren Auftreten unabhängig (ausserhalb) von akuten Stresssituationen (z.B. Mobbing, familiäre Probleme) eine Diagnose rechtfertigt.

Dies entspricht dem von Barkley(80) dargestellten Modell, wonach sich AD(H)S-Betroffene von Nichtbetroffenen recht zuverlässig anhand der Anzahl des häufigen Auftretens von 18 Symptomen identifizieren lässt. Siehe hierzu den Text in der Einleitung dieses Beitrages.

In aller Regel sind Aufmerksamkeitsprobleme ein zentrales Symptom von AD(H)S. Doch auch wenn dies eher die Ausnahme ist, sollte diese Möglichkeit von AD(H)S ohne Aufmerksamkeitsprobleme nicht völlig außer acht gelassen werden.
Neurophysiologische Korrelate von Aufmerksamkeitsproblemen bei AD(H)S

3.3. Zu weit offener Reizfilter / Hochsensibilität

3.3.1. Hochsensibilität als AD(H)S-Symptom

Reizoffenheit(11) ist ein Symptom von AD(H)S, das zuweilen auch Reizfilterschwäche genannt wurde. Diese Bezeichnung betrifft indes lediglich einen Teil von AD(H)S.

Hochsensibilität korreliert mit AD(H)S-Symptomen und geringerer Lebensqualität(81), wobei Hochsensibuilität bei AD(H)S häufig mit komorbider ODD oder Angst einhergeht und unabhängig vom Subtyp besteht.(82)

Etwa die Hälfte aller AD(H)S-Betroffenen erfüllt zugleich die Kriterien des Sensory-Over-Responsivity Tests.(83)(84) Hierzu wurde hypothetisiert, dass SOR mit einem GABA-Mangel korrelieren könnte. 
Insbesondere taktile Hochsensibilität bei AD(H)S soll mit erhöhter Ängstlichkeit  korrelieren.(84) 
Interessanterweise korreliert SOR bei AD(H)S mit einer erhöhten Cortisolstressantwort, während non-SOR-AD(H)S-Betroffene eine abgeflachte Cortisolstressantwort zeigen. SOR war nicht mit bestimmten externalisierenden Verhaltensweisen assoziiert, jedoch mit einer Vermeidung von sensorischen Reizen.(85)
Weiter fand sich eine Korrelation zwischen SOR und Ängstlichkeit.(86)

AD(H)S teilt mit Hochsensibilität den zu weit offenen Reizfilter, der wahrscheinlich vom Thalamus gesteuert wird.

  • Lichtempfindlichkeit
    • visuelle Sensibilität
  • Lärm-/Geräuschempfindlichkeit
    • akustische Sensibilität
  • Gerüche intensiver wahrnehmen
    • olfaktorische Sensibilität
  • taktile Sensibilität
    • raue Stoffe sind unangenehm
  • temperaturempfindlich
    • besondere Empfindlichkeit gegen hohe oder niedrige Temperaturen
    • früher als andere die Temperatur ändern zu wollen
  • Unterzuckerung / Hunger / Durst ist schwer erträglich
  • schmerzempfindlich
    • eher selten
  • emotionale Sensibilität
    • Gefühle anderer übertragen sich auf mich
    • Stimmungen anderer unangenehm intensiv empfinden
    • Filme
      • können einen zum weinen bringen
      • (bestimmte) Filme nicht anschauen mögen, weil zu intensive Empfindungen
  • schreckhaft

3.3.2. Hochsensibilität als Stresssymptom

Eine erhöhte Wahrnehmungssensibilität ist die unmittelbare Folge eines (stressbedingt) erhöhten Noradrenalinspiegels.(87) Der Noradrenalinanstieg wird durch den Nucleus coeruleus vermittelt.(88). Der Nucleus coeruleus wird (u.a.) durch Stress aktiviert und aktiviert seinerseits weitere Stresssysteme wie z.B. den Sympathikus.(89)

Eine erhöhte Sensibilität kann folglich als ein Stresssymptom betrachtet werden.(90)

3.3.2.1. Schreckhaftigkeit

Verstärkte Schreckreaktionen sind eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.2. Erhöhte Wachheit / Aufmerksamkeit

Erhöhte Wachheit und Aufmerksamkeit ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.3. eErhöhte akustische Wahrnehmung

Eine erhöhte akustische Wahrnehmung ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

3.3.2.4. Reizüberflutung

Das Gefühl der Reizüberflutung wird als Stresssymptom betrachtet.(90)

3.3.3. Stressnutzen von Hochsensibilität

Eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit kann in Stresssituationen hilfreich sein. Besser sehen, hören oder riechen zu können, erhöht evolutionsbiologisch die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Bei einer dauerhaft erhöhten Stressreaktion, der keine tatsächliche Gefahr zu Grunde liegt, ist sie dagegen nachteilig, denn sie verstärkt die Belastung zusätzlich.

3.4. Lernprobleme

Bei AD(H)S ist häufig die Lernfähigkeit beeinträchtigt.
Die AD(H)S-spezifischen Lernprobleme resultieren unter anderem aus einer verringerten Spiegeln von GABA, Wachstumshormon und BDNF, die für die Neuroplastizität (die Bildung neuer Synapsen) erforderlich sind. Mehr hierzu unter Neurophysiologische Korrelate von Lernproblemen.

  • Lernfähigkeit erfordert sofortige Rückmeldung
  • aus Strafe wird kaum gelernt
    Strafen werden prinzipbedingt meist zeitverzögert erteilt
    Strafen sind daher grundsätzlich schlechtere Lernverstärker.
    Strafen hemmen Verhalten, sie wirken nicht als Verhaltensverstärker.
    (Schulisches) Lernen ist (neurophysiologisch betrachtet) ein Prozess der Verstärkung, weniger der Hemmung.
    Auch Nichtbetroffene lernen über Lob und Motivation besser als über Strafen.
    AD(H)S-Betroffene lernen aus Strafen jedoch noch schlechter als Nichtbetroffene.
    Unabhängig davon reagierten AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(91)
  • Lernfähigkeit bei AD(H)S scheint unabhängig sein von Delay Aversion oder Arbeitsgedächtnisproblemen.(92)

4. Antriebs- / Motivationsprobleme

Antriebsprobleme:

4.1. Innere Unruhe, inneres Getriebensein

Unruhe und inneres Getriebensein als AD(H)S-Symptom ist nur scheinbar ein Widerspruch zum zugleich bestehenden Symptom der Antriebslosigkeit. Der vermeintliche Widerspruch löst isch auf, wenn man intrinsische und extrinsische Ziele / Motive differenziert.
Während vor allem bezüglich intrinsisch angestrebter Ziel eine innerer Antrieb besteht, ist dieser in Bezug auf extrinsisch vorordnete Ziele stark vermindert. Eine mögliche Erklärung hierfür ist der Stressnutzen der beiden Symptome.

4.1.1. Innere Unruhe, inneres Getriebensein als AD(H)S-Symptom

Die innere Unruhe, das stetige Gedankenkreisen (Rumination), könnte man als den „kleinen Bruder“ von Hyperaktivität wahrnehmen. Das Symptom der körperlichen Hyperaktivität verringert sich bei Erwachsenen oder verliert sich sogar ganz. Es wandelt sich dafür von der körperlichen in eine innere Unruhe.
Diese innere Unruhe tritt bei ADHS wie auch bei ADS auf.

Dies spricht allerdings gegen die Annahme, dass innere Unruhe lediglich eine bei Erwachsenen abgeschwächte Form körperlicher Hyperaktivität sei, denn dann müsste sie ADHS-Spezifisch sein, weil Hyperaktivität innerhalb des AD(H)S-Spektrums ADHS-spezifisch ist. Über innere Unruhe klagen ADS-Betroffene des ADS-Subtyps jedoch genau so wie Betroffene des ADHS-Subtyps.

Wie bereits erwähnt wird diesseits die Hypothese vertreten, dass Hyperaktivität bei Kindern möglicherweise ein vom inneren Getriebensein bei Erwachsen abzugrenzendes Stresssymptom darstellt. Vom ursprünglichen Nutzen der Stresssymptome aus gedacht (ursprünglich = vor mehr als 10000 Jahren, also bevor die ersten Menschen sesshaft wurden), wäre es hilfreich, wenn jüngere Kinder in einer Gefahrensituation eine erhöhte Bewegungsbereitschaft entwickeln, damit sie in Gefahrensituationen zusammen mit der Gruppe besser fliehen können. Erwachsene profitieren von einer Hyperaktivität weniger, denn sie sind es, die die Stressoren bekämpfen müssen. Beim Kampf gegen Stressoren ist ein erhöhter Bewegungsdrang nicht mehr so wichtig wie bei Kindern (die zum Kampf gegen die Stressoren wenig beisteuern können), dagegen tritt in den Vordergrund, alles zu tun, um den Stressor zu bekämpfen, und keine Ruhe zu geben, biss die Gefahr bewältigt ist. Eine Parallele hierzu ist, dass Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen ebenfalls deutlich abnehmen, ohne dass bei diesen ein Wandel in ein anderes Symptombild beschrieben würde.
Vor diesem Hintergrund dürfte das innere Getriebensein eher unter eine Überschrift „Antriebsprobleme“ passen (dort zusammen mit Motivationsproblemen), ähnlich wie Taskwechselprobleme und Ablenkbarkeit recht unterschiedliche Fälle der Unaufmerksamkeit sind.

Erscheinungsformen:

  • Ständig etwas tun müssen
    Dies ist eine Ausdrucksform der Inneren Unruhe und des Inneren Getriebenseins der Betroffenen.
    Interessanterweise verbindet sich dieses Gefühl mit dem (überdurchschnittlich häufig unberechtigten, siehe hierzu unter Wahrnehmungssymptome) subjektiven Eindruck der Betroffenen, viel zu wenig geschafft zu kriegen, nichts auf die Reihe zu bekommen, Underperformer und ungenügend zu sein.
    • Beruf mit häufig wechselnden Anforderungen / Gesprächspartnern / Tasks wird bevorzugt(11)
      • z.B. Gastronomie, Vertrieb
    • Verzicht auf Handy fällt schwer(11)
    • ständiges Mails / SMS checken
    • Pausen zwischen Arbeiten fallen schwer (ohne Nikotin, Koffein, Alkohol)
  • was man gerade tut, meist in Hektik tun
    • wenn man mit etwas fertig ist, schon schauen, was als nächstes zu tun ist
    • wenig „sein“, viel „tun, um zu…“
    • weniger Hinwendung zum „die Sache tun“ selbst als zum „fertig werden“
  • Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen
    Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)
    • treibt gerne Risikosportarten (Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Moto-Cross, Mountainbiken)(11); erforderliche Konzentration wirkt wie Hyperfokus
  • Gedankenkreisen (Rumination)
  • in Gedanken immer woanders
    Beziehungspartner beschreiben das innere Getriebensein auch mit „er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders“
  • Schneller Autofahren als andere(11)
    Schneller Autofahren ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)
    • mehr Strafzettel
      Anmerkung: das schnellere Autofahren als andere ist auch ein Symptom für Menschen in (hypo)manischen Zuständen oder mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, wie z.B. das Gefühl, schneller fahren zu dürfen als andere oder über dem Gesetz zu stehen.
      Das Symptom alleine ist daher nicht aussagekräftig. Entscheidend ist der Kontext.

4.1.2. Innere Unruhe, Getriebensein, Gedankenkreisen als Stresssymptom

(Innere) Unruhe ist ein Stresssymptom(17), Rastlosigkeit ebenfalls.(17)(20)(18)

Innere Unruhe ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

Dauerhaftes grübeln (Rumination) ist ein Stresssymptom(73)(93)

4.1.3. Der Stressnutzen von innerer Unruhe

4.1.3.1. Stressnutzen des inneren Getriebenseins

Es ist hilfreich, so lange aktiv und auf Achse zu sein, bis der Stressor bekämpft oder vorbeigegangen ist. Inneres Getriebensein ist der Kern dessen, was Stress macht: es treibt an, Energie aufzuwenden, um dem Stressor entgegen zu treten.

Ausruhen, entspannen ist in Anbetracht einer akuten drohenden Gefahr nicht sinnvoll (auch nicht für den ADS-Subtyp). Erst wenn das Überleben gesichert ist, erst wenn die akute Gefahr beseitigt ist und das Individuum wieder in Sicherheit ist, ist es evolutionsbiologisch betrachtet gefahrlos möglich, sich zu entspannen.

Ständig etwas tun zu müssen ist eine weitere Ausdrucksform des Inneren Getriebenseins. Es hält den Betroffenen ständig aktiv, um ihn dazu anzutreiben, etwas gegen den (vermeintlichen) Stressor zu unternehmen. Aus dieser Sicht ist das eine erfolgversprechende Stressbewältigungsstrategie.

Warum reagieren ADS-Betroffene anders, wenn doch Hyperaktivität ein Überlebensvorteil sein soll ?
ADS-Betroffene, die wie alle anderen AD(H)S-Betroffenen ebenfalls an einer chronischen Überaktivierung der Stressreaktionssysteme leiden, haben lediglich andere Stressbewältigungsmuster als der hyperaktiv-impulsive ADHS-Typ. ADS-Betroffene reagieren auf Stress eher mit Flucht oder totstellen als mit Hyperaktivität. Rehe, die sich bei einer nähernden Gefahr lange still verhalten um nicht entdeckt zu werden, verwenden eine ähnliche Strategie (die sie sich ebenso wenig aktiv aussuchen wie Menschen ihren Stressphänotyp). Doch auch Rehe sind dabei innerlich extrem angespannt. Denn wenn sie doch entdeckt werden, müssen sie schnell fliehen. Das erklärt, warum ADS-Betroffene selbst wenn sie „wegträumen“ nicht innerlich entspannt sind.

Warum gibt es unterschiedliche Stressreaktionsmuster ?
Für das Überleben einer Gattung ist es hilfreich, wenn eine Gruppe Mitglieder mit möglichst verschiedenen Stressreaktionsphänotypen hat. Würden alle sofort draufhauen, wäre die Gruppe extrem geschwächt, falls abwarten und stillhalten in diesem Fall die bessere Reaktion gewesen wäre – und umgekehrt. Den Verlust einzelner Mitglieder kann eine Gruppe besser ausgleichen als den Verlust eines großen Teils ihrer Mitglieder. Zu diesem Erklärungsmodell passt, dass die Stressphänotypik nicht streng durch Eltern an ihre Kinder weitergegeben wird, sondern einer hohen Varianz unterliegt. Diese hohe Variabilität hilft der Gruppe beim überleben.

4.1.3.2. Der Stressnutzen der Beschäftigung mit dem Stressor

Stress „will“, dass wir uns mit dem Stressor beschäftigen. Es ist häufig sinnvoll, sich so lange um den Stressor zu kümmern, uns so lange mit ihm auseinanderzusetzen, bis uns eine Lösung einfällt oder der Stressor sich auf andere Art erledigt. Dies kann zu einer intensiven inneren Auseinandersetzung mit dem Stressor führen, bis hin zu einem „an nichts anderes mehr denken können“.

Zuweilen wandelt sich das stetige „Gedanken an den Stressor verwenden“ zu einem dauerhaften grübeln oder Gedankenkreisen (Rumination), das von einer immer wiederkehrenden Abfolge der selben Gedanken (unter Abwesenheit von kreativen Abwandlungen der Gedanken) gekennzeichnet ist. Derartiges Gedankenkreisen ist meist nicht lösungskonstruktiv. Es handelt sich daher allenfalls um eine unfruchtbare Folgeerscheinung des Stressnutzens „Beschäftigung mit dem Stressor“.

Wenn der Partner moniert „er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders“, kann dies die Aussenansicht einer dauerhaften Beschäftigung mit dem Stressor oder eines Gedankenkreisens sein.

4.1.3.3. Der Stressnutzen von „Was man gerade tut, meist in Hektik tun“

Wenn Stress ein eigenes Interesse hätte (was er nicht hat, er ist – evolutionsbiologisch betrachtet – nur die Sammlung von Überlebensstrategien, die so erfolgreich waren, dass ihr Träger sich erheblich häufiger fortpflanzen und ihre Erfolgsstrategien deshalb häufiger vererben konnten), würde er wollen, dass wir uns sehr konzentriert mit den vorhandenen Problemen kümmern. Es geht evolutionsbiologisch nicht darum, die Problemlösung zu geniessen, es geht darum, zu überleben.

Erst wenn der Überlebenskampf gewonnen ist, erst wenn der Stressor verschwunden ist, ist Raum für Entspannung, Genuss und der daraus folgenden Erholung. Bis dahin wird ein Kredit aufgenommen – man lebt auf Kosten von Genuss und Erholung. Ob dieser Kredit jemals zurückgezahlt werden kann ist im Moment des Überlebenskampfes nicht relevant. Wenn der Betroffene nicht überlebt, braucht er sich auch nicht mehr zu erholen.

4.1.3.4. Stressnutzen von „Schwierigkeit, ruhig einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen“

Ebenso wie Stress dazu dient, den Betroffenen dazu zu bewegen, sich aktiv mit dem Stressor zu beschäftigen, dient es dazu, zu verhindern, dass man sich entspannt einer Genusstätigkeit hingibt, solange möglicherweise überlebensbedrohende Gefahren bestehen.

4.2. Antriebslosigkeit

Antriebslosigkeit ist genau so ein AD(H)S-Symptom wie das innere Getriebensein. Inneres Getriebensein und Antriebslosigkeit dabei nach diesseitigem Verständnis nichts anderes als das Gegensatzpaar, das von bestimmten Stadien einer atypischen Depression bekannt ist: ein gleichzeitiges nebeneinander Bestehen von Erschöpfung, Mattigkeit und Müdigkeit einerseits und innerer Unruhe und Anspannung andererseits.

4.2.1. Antriebslosigkeit als AD(H)S-Symptom

Antriebslosigkeit wird häufig als AD(H)S-Symptom beschrieben.

Anders als bei reinen Depression stellt sich eine tiefe Depression und extreme Antriebslosigkeit in kurzer Zeit ein und vergeht rasch wieder.(94) Im Unterschied zu ADHS verlaufen Depressionen episodenhaft (und variieren nicht tageweise oder stundenweise). Ausserdem sind bei Depressionen nicht nur extrinisch motivierte Aktivitäten betroffen, sondern auch solche, die die Person normalerweise als angenehm und positiv erlebt. Bei einer Depression sind – innerhalb der depressiven Phase – typischerweise alle Tätigkeiten uninteressant und nicht nur einige.

Diese Darstellung entspricht der diesseitigen Erläuterung des Stressnutzens, dass Antriebslosigkeit bei Stress nur in Bezug auf Dinge besteht, die für die Bekämpfung des Stressors irrelevant sind.

4.2.2. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)(20)(73)

Antriebslosigkeit ist ein typisches Symptom für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

4.2.3. Stressnutzen von Antriebslosigkeit

Ein Stressnutzen von Antriebslosigkeit wäre nicht einleuchtend, wenn man eine völlige Antriebslosigkeit annähme. Diese ist indes meist nicht gegeben.

Antriebslosigkeit ist in Gefahrensituationen nützlich, wenn sie sich auf Dinge bezieht, die für die Bekämpfung des Stressors nicht erforderlich sind. Dem spontanen Gedanken nachzugeben, baden zu gehen, während das Lager von Feinden umkreist wird, ist nicht wirklich überlebensförderlich.
Bei Stress wie bei AD(H)S ist der Antrieb nicht vollständig entfallen. Aus Sicht Nichtbetroffener fehlt jedoch der Antrieb, die für das alltägliche Leben sinnvollen Dinge anzufangen. Insbesondere für unangenehme irrelevante Dinge wie putzen oder aufräumen fehlt der Antrieb auch tatsächlich. Für intrinsisch ausreichend interessante Dinge ist der Antrieb jedoch immer noch vorhanden.

Sofern Depression als eine Reaktion auf noch schwereren und unbewältigbaren Stress betrachtet, könnte man die dann eintretende allumfassende Antrieblosigkeit als eine Art der Beendigung des Kampfes, als ein Ergeben gegenüber dem Feind betrachten.(95)

Es gibt eine Reihe Untersuchungen zur erlernten Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit, die sogar in Tierexperimenten an Hunden zeigte, wie diese aufgaben, einem elektrischen Stromschlag zu entkommen (selbst wenn sie die Möglichkeit wieder hatten).(96)

Als evolutionsbiologischer Sicht könnte stark vereinfacht argumentiert werden, dass, wenn der Gegner gewonnen hat und das Individuum gefangen genommen wurde, es sinnvoll gewesen sein könnte, den Kampf einzustellen um zu vermeiden, getötet zu werden. Hierzu würde passen, dass Antriebslosigkeit unmittelbar an Depression gekoppelt ist und bei AD(H)S beide Symptome parallel zueinander sehr schnell kommen und gehen.
Depression ist jedoch weitaus häufiger Folge von entzündlichen Reaktionen als Folge einer Immunantwort, weshalb diese evolutionsbiologische Sichtweise wenig massgeblich gewesen sein dürfte.
Differenziertere Theorien beschreiben Depression evolutionsbiologisch als sinnvolle Strategie zur Lenkung von Verhalten. Nach der Social Navigation Hypothesis (SNH) habe sich die Depression entwickelt, um zwei komplementäre soziale Problemlösungsfunktionen zu erfüllen. Erstens induziert Depression kognitive Veränderungen, die die Kapazitäten für die genaue Analyse und Lösung wichtiger sozialer Probleme fokussieren und verbessern, was auf eine soziale Ruminationsfunktion hindeutet. Zweitens können die Kosten, die mit der Anhedonie und der psychomotorischen Störung der Depression verbunden sind, widerwillige Sozialpartner davon überzeugen, Hilfe zu leisten oder Zugeständnisse zu machen, und zwar über zwei mögliche Mechanismen, nämlich ehrliches Signalisieren und passive, unbeabsichtigte Fitness-Erpressung. So kann Depression auch eine soziale Motivationsfunktion haben.(97)

Die neurophysiologischen Wirkmechanismen, die Depression auslösen (dies sind immunoligisch ausgelöste Entzündungsreaktionen), können dagegen explizit als Ergebnis einer funktionalen Stressbewältigungsreaktion betrachtet werden.(98)

4.3. Aversion gegen Inaktivität

4.3.1. Aversion gegen Inaktivität als AD(H)S-Symptom

Aversion gegen Inaktivität ist von Hyperaktivität abzugrenzen. Während Hyperaktivität eine rein motorische Bereitschaft zur Aktivität ist, ist Aversion gegen Inaktivität ein eigenes Motiv, ein eigener Antrieb, aktiv zu sein. Dieser Zusammenhang erschliesst sich, wenn man den Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität anschaut (unten).

Achtsamkeit oder ähnliche Strategien werden häufig als aversiv erlebt.

Dysphorie bei Inaktivität ist die dritte Aktivitätsbezogene Symptomatik neben motorischer Hyperaktivät und Aversion gegen Inaktivität

  • Langeweile ist extrem unangenehm
    Dies ist der Gegenpol zum Gedankenkreisen (Rumination). Inaktivität wird als unangenehm empfunden.
    Stressnutzen: Kümmere Dich um Dein Problem.
  • Ungeduld
    • wenn andere nur langsam verstehen, treibt das in den Wahnsinn
    • Eltern erregen sich bei langsamem Verständnis ihrer Kindern bei Hausaufgaben(11)
    • Aufgaben werden begonnen, ohne zuvor die Anweisung anzuhören oder die Anleitung zu lesen.
      Dies ist eines der 9 häufigsten Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen.(28)
      • Bedienungsanleitungen vor Inbetriebnahme von Geräten werden allenfalls diagonal gelesen
      • Aufbauanleitungen von Möbeln werden ungern gelesen
  • Warten wird als unangenehm empfunden
    Ursache: Delay Aversion, Dysphorie bei Inaktivität
    • besonders starke Abneigung gegen Staus, Warteschlangen; diese machen aggressiv(11)
    • Schwierigkeiten, zu warten bis man an der Reihe ist
    • innere Unruhe, wenn man nicht selbst handeln, sondern handeln anderer begleiten soll
      • z.B. Tendenz, Aufgaben anderer selbst auszuführen, statt es diese (ggf langsamer / schlechter, weil erst lernend) machen zu lassen
    • Tendenz, andere zu unterbrechen
    • Antworten erfolgen, bevor Frage zu Ende angehört wurde
    • Überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)

Anmerkung: Diese Verhaltensweisen finden sich auch bei Betroffenen von z.B. akuter (Hypo)Manie, narzisstischer oder zwanghafter Persönlichkeitsstörung.

4.3.1.1. Dysphorie bei Inaktivität (passivitätsinduzierte Stimmungstiefs, abzugrenzen von Depression)

Die Wender-Utah-Kriterien beschreiben „Dysphorie bei Inaktivität“ als spezifisches AD(H)S-Symptom. Eine – zeitlich begrenzt – abrutschende Stimmungslage bei Inaktivität ist ein klassisches Symptom von AD(H)S.

Dysphorie ist eine gedrückte Stimmung und wird zuweilen mit Depression verwechselt.
Die bei Dysphorie auftretende gedrückte Stimmung kann

  • episodenhaft
  • kurzfristig oder
  • chronisch

sein.

Depression ist demgegenüber ein Muster von Symptomen, das eine dysphorische, traurige oder niedergeschlagene Stimmung als ein zentrales Symptom aufweist.

Die neurophysiologischen Ursachen von Dysphorie / Dysthemie sind wenig erforscht.
Durch Noradrenalinmangel, Dopaminmangel und Serotoninmangel kann ein für Depression typisches Symptommuster ausgelöst werden. Beispielsweise löst Reserpin durch diese Wirkmechanismen psychomotorische Verlangsamung, Müdigkeit und Anhedonie aus, weshalb zunächst angenommen wurde, Reserpin würde Depressionen auslösen. Die kognitiven Depressionssymptome wie Hoffnungslosigkeit oder Schuldgefühle werden jedoch nicht induziert. Heute ist bekannt, dass die durch Reserpin verursachten Symptome nach einer Entleerung der monoaminergen Speicher aufgrund eines Mangels an Noradrenalin (und Dopamin) entstehen, nicht aber aufgrund eines Mangels an Serotonin.(99) Die durch Reserpin hervorgerufenen Depressionssymptome können durch trizyklische Antidepressiva beseitigt werden.(100) Dies ähnelt der Beschreibung der neurochemischen Ursachen von Dysthemie(101) und noch mehr der Beschreibung von SCT (sluggish cognitive tempo).
Dysphorie wird als Symptom bei Alkohol-, Benzodiazepin- oder Nikotinentzug beobachtet, was auf einen chronischen Dopaminmangel zurückgeführt wird. Als Grund für das Abklingen der Entzugssymptome wird eine Wiederanpassung (Rückgängigmachen der Downregulation) der Dopaminrezeptorsysteme angenommen.

4.3.1.2. Erholungsunfähigkeit / nicht entspannen/geniessen können  

Dies wird von ADHS- wie von ADS-Betroffenen und ihrer Umgebung festgestellt.

Genießen ist die positive Wahrnehmung des Hier und Jetzt.

Beispiele für nicht geniessen können:

Eine ADS-Betroffene berichtet: Ich kaufe mir zuweilen Avocados, weil ich die sehr gerne mag. Ich schaffe es aber nur selten, sie auch zu essen – sie verderben im Kühlschrank. Als ich das in unserer ADHS-Erwachsenengruppe erzählte, erkannten sich viele darin wieder. Seither heißt das bei uns „Das Avocado-Prinzip“.

  • Beziehungspartner beschreiben dies auch mit „er/sie ist eigentlich nie da, nie bei mir, in Gedanken immer woanders.“ oder „Er hat ständig sein Smartphone in der Hand, muss immer etwas nachschauen“, wie es bereits bei innerem Getriebensein beschrieben wurde.
  • Erholungsunfähigkeit ist eingeschränkt(102)
    • Selbstwahrnehmung verringert, hier in Bezug auf die eigene Erholungsbedürftigkeit
    • Eingeschränkte Fähigkeit, sich von alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten zu distanzieren
    • Genussfähigkeit ist vermindert
      • Tätigkeit des Geniessens ist eingeschränkt
      • Fähigkeit des Geniessens technisch unbeeinträchtigt

Erholungsunfähigkeit kann durch qualifizierte Personen mit dem FABA-Test (Fragebogen zur Analyse belastungsrelevanter Anforderungsbewältigung) erfasst und diagnostiziert werden.(103)(104)

Arbeitssucht kann eine Erscheinungsform sein.

4.3.2. Aversion gegen Inaktivität als Stress-Symptom

Innere und äussere Unruhe sind bekannte Stresssymptome. Im noch extremeren Fall der Depression ist die innere Unruhe, das Getrieben sein als Agitiertheit bekannt, bei zugleich auftretender Motivationsschwäche.

4.3.3. Stressnutzen von Aversion gegen Inaktivität

Der evolutionsbiologische Stressnutzen dürfte sein, dass der Betroffene eine erhöhte Aktivität zur Beseitigung des Stressors entfaltet bzw. dass angenehme Tätigkeiten (geniessen) hiervon ablenkt.

Stress vermittelt:
„Sorge dafür, dass sich das Problem sofort löst. Eine Gefahr soll man nicht bestehen lassen.
Kümmere Dich um Dein Problem. Bleibe aktiv, lasse Dich nicht ablenken.
Wenn Dich etwas aufhält auf Deinem Weg, Dein Problem zu lösen, versuche das zu umgehen.“

4.3.3.1. Stressnutzen von Dysphorie bei Inaktivität

Sinn und Zweck der Dysphorie bei Inaktivität scheint zu sein, den Betroffenen dazu zu animieren, aktiv zu werden, sich aktiv gegen den Stressor zu wehren („fight“) oder Energie zur Flucht bereit zu halten („flight“).
Die allgemeine Stimmung ist eines der stärksten unbewussten Steuerungsinstrumente. Jedes Lebewesen strebt nach einer angenehmen, positiven Stimmung und wird versuchen, eine negative, gedrückte Stimmung zu vermeiden.
Wird die Stimmung immer dann schlechter, wenn ein Mensch passiv wird, wird ihn dies (meist unbewusst, aber sehr wirksam) dazu bewegen, aktiv zu werden und zu bleiben. Eine verstärkte Aktivität erhöht in der Regel die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Stress ist die Reaktion auf unbewältigte wichtige Aufgaben.
Dysphorie bei Inaktivität ist das schlechte Gewissen,
nicht aktiv zu sein, bevor diese (Haus-)Aufgaben erledigt sind.

Sinn und Zweck ist es nicht, den Betroffenen auch während seines Kampfes mit einer schlechten Stimmung zu belasten. Eine schlechte Stimmung während der Aktivität würde die Durchführung der Aktivitäten eher eher verringern und hätte keine Steuerungswirkung zugunsten der Überlebenswahrscheinlichkeit (weg von Passivität, hin zu Aktivität). Deshalb ist die Dysphorie nur bei Inaktivität vorhanden.

Nochmals: Stressnutzen sind keine Ergebnisse einer kognitiven Überlegung, die der Betroffene oder das Stressreaktionssystem vorab im stillen Kämmerlein betrieben haben, um sie zu gegebener Zeit so umzusetzen. Stressnutzen betrachten wir als evolutionsbiologisch entstandene erfolgreiche Reaktionsmuster. Die Betroffenen mit diesen Reaktionsmustern sind die Nachkommen derjenigen, die diese Muster zufällig entwickelt hatten und denen diese Muster erfolgreich beim Überleben halfen. Deshalb waren sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in den nachfolgenden Generationen vertreten, als andere Verhaltens- und Reaktionsmuster, die für das Überleben nicht so vorteilhaft waren.

4.3.3.2. Stressnutzen von Genussunfähigkeit

Der Stressnutzen von Genussunfähigkeit liegt in einer Konzentration auf den Stressor. Starker Stress „sagt“: jetzt ist überleben wichtig – geniessen und erholen kannst Du Dich später. Bei einer gesunden (kurzzeitigen) Stressreaktion ist dies richtig und hilfreich. Sind die Stressreaktionssyssteme (wie bei ADHS) dagegen dauerhaft aktiviert, bewirkt dies eine mangelhafte Erholungsfähigkeit und kann in einen Teufelskreis führen.

Genussunfähigkeit und Selbstwert
Vorstellbar wäre, dass dieser Stressnutzen auch durch einen verringerten Selbstwert vermittelt würde. Die Intrusion (der innere (unbewusste) Leitsatz) dazu wäre „Es steht mir nicht zu, zu geniessen“. Dies wäre aus Sicht eines gesunden Stresssystems völlig richtig: Geniessen ist erst wieder gefahrlos zulässig, wenn die akute Bedrohung überstanden ist. Eine solche Selbstwertreaktion als unmittelbare Stressfolge wäre dann keine kognitive Schlussfolgerung. Selbstwertprobleme sind eine häufige Symptomatik bei Stressüberlastung. Zugleich ist das Symptom der Rejection Sensitivity, das häufig als kognitive Folge eines Selbstwertproblems betrachtet wird, nach diesseitiger Erfahrung ein unmittelbar neurophysiologisch vermitteltes AD(H)S-Symptom (siehe Rejection Sensitivity).

Motivationsprobleme:

Motivationsprobleme der intrinsischen, extrinsischen Motivation sind ein typischen Symptom von AD(H)S .(105)

4.4. Abwertung späterer Belohnung (Delay Discounting / Reward Discounting)

Abwertung späterer Belohnungen / Delay Discounting kann als eine Umkehrung von Verzögerungsaversion / Delay Aversion (Abneigung gegen Warten, Ungeduld) betrachtet werden. Beides kann als Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage aufgefasst werden. Die Kernbotschaft lautet: Überleben ist jetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen relevante Gefahren zu wehren, alles was später ist, ist derzeit unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort passieren, Alles was nicht so wichtig ist, dass es nicht sofort passieren muss, kann warten, bis der Stressor besiegt ist.

4.4.1. Abwertung späterer Belohnung als AD(H)S-Symptom

AD(H)S-Betroffene leiden typischerweise an einer Belohnungsaufschub-Aversion: Lieber eine kleinere Belohnung sofort als die größere Belohnung später.(106)

Für jeden Menschen sind sofortige Belohnungen intuitiv lohnenswerter als spätere Belohnungen. Die Abnahme des Wertes von späteren, zeitlich verzögerten Belohnungen ist jedoch bei AD(H)S-Betroffenen erheblich höher als bei Nichtbetroffenen. Während sofortige Belohnungen von AD(H)S-Betroffenen genau so bewertet werden wie von Nichtbetroffenen, bewerten AD()S-Betroffene später eintretende Belohnungen als erheblich niedriger bzw. weniger attraktiv als Nichtbetroffene.

AD(H)S-Betroffene zeigen daher eine signifikant schwächere Motivation durch Belohnungen, die in der Zukunft liegen. Es besteht ein stärkerer Anreiz durch sofort verfügbare Belohnungen.

Erscheinungsformen der Bevorzugung sofortiger Belohnung / Abwertung verzögerter Belohnung sind:

  • Suchtprobleme
    Details
    Der stärkere Anreiz von Sofortbelohnung scheint mit einer Suchtaffinität zusammenzuhängen.
    AD(H)S-Betroffene haben im Verstärkungszentrum des Gehirns (dem Striatum) möglicherweise signifikant weniger Dopamin D2 und D3 Rezeptoren als Nichtbetroffene. Die Anzahl dieser Rezeptoren korrelierte dabei in einer Studie mit Aufmerksamkeit: je weniger D2 und D3 Rezeptoren im Belohnungszentrum, desto geringer ist die Aufmerksamkeitsfähigkeit der Betroffenen.(107)  Aufmerksamkeitsprobleme könnten danach die selbe Ursache haben wie die Probleme des Belohnungssystems.
    Eine andere Studie deutet dagegen auf eine erhöhte D2-Rezeptordichte im Striatum bei AD(H)S-Betroffenen hin.(108)
  • Prokrastination
    Die Abwertung von Aufgaben, die nicht unmittelbar wichtig sind, ist eine verwandte Reaktion.

4.4.2. Delay Discounting / Reward Discounting / Abwertung späterer Belohnung als Stresssymptom

Auch Discounting of Delayed Rewards oder Temporal discounting genannt(32)(109)(110)(111)

Belohnungen, die sofort erfolgen, werden von Stress-Betroffenen genau so bewertet wie von Menschen ohne Stress.
Belohnungen, die zeitlich weiter entfernt sind, werden als noch unattraktiver betrachtet als von Menschen ohne Stress.

Ausdrucksformen:

  • Prokrastination
  • Suchttendenzen
  • Unordnung
  • schlechtere Selbstregulationsfähigkeit
    • Selbstregulationsfähigkeit ist ein noch besserer Prädikator (Vorhersageindikator) für beruflichen Erfolg als Intelligenz

Suchtprobleme stehen in engem Zusammenhang mit der Bevorzugung sofortigere Belohnung. Suchtprobleme sind typische Stresssymptome

  • Medikamenten- / Nikotin- / Alkoholmissbrauch (Sucht)(20)(73)
  • Rauchen korreliert mit Stress(109)

4.4.3. Stressnutzen der Abwertung späterer Belohnung

Der Stressnutzen lautet: Überleben ist jetzt. Alles andere, alles was später kommt, ist erst dann relevant, wenn die jetzige Herausforderung erfolgreich gemeistert wurde. Stress fördert daher eine Konzentration auf das Hier und Jetzt, auf das Sofort. Dies schwächt das Interesse an Dingen, die für die momentane Problemlösung nicht unmittelbar wichtig sind. Aus der Sicht einer maximalen Problemlösungskompetenz für die jetzt gerade bestehende (potenziell überlebensbedrohliche) Herausforderung ist die Abschwächung des Interesses an Dingen, die erst später einen Vorteil verschaffen, logisch und richtig. Es ist evolutionsbiologisch die logische Folge einer sehr korrekt funktionierenden Aufmerksamkeitssteuerung: die Aufmerksamkeit wird bevorzugt auf die überlebensnotwendigen Dinge gelenkt, während das Interesse an den hierfür irrelevanten Dingen abgeschwächt wird. Daraus folgt, dass aus evolutionsbiologischer Sicht akuter und massiver Stress weder eine Aufmerksamkeits- noch eine Ablenkbarkeits- und auch keine Aufmerksamkeitslenkungsstörung bewirkt. Alle diese Systeme funktionieren vielmehr einwandfrei – sie folgen unter schwerem Stress lediglich einem anderen Leitbild. Sie folgen korrekt und funktional dem Leitbild, das bei schwerem Stress richtig und überlebensförderlich ist: erst einmal jetzt Überleben und alles andere hinten anstellen.

AD(H)S ist eine chronische Überreagibilität der Stressreaktionssysteme.
AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome.
Bei AD(H)S sind nicht die Mechanismen gestört,
wie die Stresssysteme die Stresssymptome verursachen,
sondern dass
die Stresssysteme auch ohne relevanten Stressor
im Dauerbetrieb laufen (ADHS)
oder zu häufig an- und abschalten (ADS).

4.4.4 Prokrastination (Aufschieberitis), Form von Delay Discounting

4.4.4.1. Prokrastination (Aufschieberitis) als AD(H)S-Symptom

Wir betrachten Prokrastination als eine Folge der Abwertung von entfernteren Belohnungen (Delay Discounting).

Der evolutonsbiologische Stressnutzen von Prokrastination ist nach hiesiger Ansicht wie bei der Genussunfähigkeit eine Konzentration auf den wichtigsten Stressor. Unwichtigere Dinge werden in ihrer Bedeutung abgewertet, die unmittelbar wichtigen Dinge (Überleben) werden aufgewertet. Die Bewertung, was für das eigene Überleben wichtig und was unwichtig ist, wird zwangsläufig durch den Betroffenen selbst vorgenommen. Daher folgt die Aufmerksamkeit den intrinischen Interessen; extrinsische Anforderungen werden abgewertet.
In der Folge werden alle Dinge, die nicht jetzt sofort ganz zwingend erledigt werden müssen, von akut Stressbelasteten wie von AD(H)S-Betroffenen als weniger wichtig und lohnenswert empfunden werden als von Nichtbetroffenen.
Subjektiv unangenehme Dinge werden dadurch verhältnismässig stärker aufgeschoben und oft erst in letzter Minute erledigt – erst dann rutschen sie in den stressbedingt auf das Hier und Jetzt verschobenen Fokus. Bis dahin sind sie zu weit weg.
Starker Stress sagt: jetzt ist Überleben wichtig, geniessen und erholen kannst Du Dich später.
Bei einer gesunden (und dann kurzzeitigen) Stressreaktion ist dies richtig und hilfreich.

4.4.4.2. Der Zweitname von Prokrastination: Dinge erst in letzter Minute erledigen können

Dieses Symptom ist die Folge von Prokrastination. Die Erklärung ergibt sich aus dem Stressnutzen von Prokrastination, dass bei starkem cortisolergem Stress Dinge, die nicht unmittelbar jetzt erforderlich sind, ausgeblendet werden, um die Konzentration auf die Dinge zu lenken, die jetzt akut wichtig sind. Wir sind die Nachkommen derjenigen, bei denen sich diese Reaktion auf einen Stressor als hilfreich beim Überleben gezeigt hat. Wer in akuter Not unwichtige Dinge von wichtigen unterscheiden kann, hat einen Überlebensvorteil. Es war nun einmal nicht so hilfreich beim Überleben, während der Flucht vor dem Säbelzahntiger die schönen Blumen am Wegesrand zu bewundern oder die reifen Früchte vom Busch dahinter als Vorrat für den Winter mitnehmen zu wollen.

Das Problem bei AD(H)S ist nicht eine grundsätzlich falsche Priorisierung, sondern dass ein unpassendes Priorisierungsprogramm abläuft (akuter Stress ohne bestehenden Stressor). AD(H)S-Betroffene ist nicht die neurophysiologische Fähigkeit beeinträchtigt, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden, sondern bei ihnen ist ein Notprogramm aktiviert, ohne dass hierfür ein adäquater Anlass bestünde. Dieses Notprogramm ist (für alle höheren Lebewesen) bei akutem Stress sinnvoll und verschiebt den Fokus auf die Dinge, die im unmittelbaren Hier und Jetzt wichtig sind. Alles andere wird ausgeblendet.

Die eigentliche Fähigkeit zu Konzentration und Aufmerksamkeit ist bei AD(H)S nicht beeinträchtigt. Es ist die Lenkbarkeit der Aufmerksamkeit, die für die Betroffenen anders funktioniert als bei Nichtbetroffenen.

4.5. Verzögerungsaversion / Delay Aversion

Verzögerungsaversion / Delay Aversion kann als das Spiegelbild von Abwertung späterer Belohnungen / Delay Discounting beschrieben werden. Beides ist nach diesseitiger Ansicht Ausdruck einer stressbedingt veränderten Motivationslage. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich gegen die Gefahr zu wehren, alles was später passiert, ist derzeit unwichtig. Alles, was wichtig ist, muss sofort in Angriff genommen werden. Alles was nicht so wichtig ist, dass es unbedingt sofort passieren müsste, kann warten, bis der Stressor besiegt ist.

4.5.1. Verzögerungsaversion / Delay Aversion bei AD(H)S

4.5.1.1. Ungeduld
  • wenn andere nur langsam verstehen, treibt das in den Wahnsinn
  • Eltern erregen sich bei langsamem Verständnis ihrer Kindern bei Hausaufgaben(11)
  • Aufgaben werden begonnen, ohne die vorher die Anweisung anzuhören oder die Anleitung zu lesen.
    Dies ist eines der 9 häufigsten Symptome für AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

     

    • Bedienungsanleitungen vor Inbetriebnahme von Geräten werden allenfalls diagonal gelesen
    • Aufbauanleitungen von Möbeln werden ungern gelesen
4.5.1.2. Warten wird als unangenehm empfunden
  • besonders starke Abneigung gegen Staus, Warteschlangen; diese machen aggressiv(11)
  • Schwierigkeiten zu warten bis man an der Reihe ist
  • innere Unruhe, wenn man nicht selbst handeln, sondern handeln anderer begleiten soll
    • z.B. Tendenz, Aufgaben anderer selbst auszuführen, statt es diese (ggf langsamer / schlechter, weil erst lernend) machen zu lassen
  • Tendenz, andere zu unterbrechen
  • Antworten erfolgen, bevor Frage zu Ende angehört wurde
  • Überbordende Ideen müssen schnell mitgeteilt werden, bevor sie drohen vergessen zu werden(11)
  • Schneller Autofahren als andere(11)
    Dies ist ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28).
  • Dass Langeweile als extrem unangenehm empfunden wird dürfte eher der Dysphorie bei Inaktivität zuzuschreiben sein
4.5.1.3. Jetzt ist immer

Dies ist nach diesseitiger Auffassung eine Entsprechung des nicht Geniessen könnens. Wer das jetzt und hier nicht positiv wahrnehmen kann, für den ist „jetzt ist immer“ Ausdruck eines Schmerzzustands.

Wir nehmen bei AD(H)S-Betroffenen eine Art zeitliche Digitalisierung wahr. Fühlt sich etwas im Moment schlecht an, wird dies so interpretiert, als wäre das nun für immer und ewig und alle Zeiten so, also gäbe es keinen Ausweg mehr. Dies mag mit emotionaler Dysregulation verknüpft sein.
Es ist ein wenig mit dem bei Borderline oft stark Vertretenen schwarz-weiss-denken vergleichbar: Alles oder Nichts, jetzt ist sofort, es gibt kein Grau, es gibt kein nachher oder später.

4.5.2. Verzögerungsaversion / Delay Aversion als Stresssymptom

Verzögerungsaversion wird als Impulsivitätsreaktion verstanden. Es korreliert mit Impulsivität bei Stress, bei Frauen zugleich mit steigender Herzrate(112)(113)

Stressverringernde Massnahmen verringern zugleich die Verzögerungsaversion.(32)

4.5.3. Stressnutzen von Verzögerungsaversion

Der Stressnutzen lautet, dass der Betroffene die Bekämpfung des Stressors weniger aufschiebt.

Stress vermittelt: „Sorge dafür, dass sich das Problem sofort löst. Eine Gefahr soll man nicht bestehen lassen. Kümmere Dich um Dein Problem. Sei aktiv, lasse Dich nicht gehen. Wenn Dich etwas aufhält auf Deinem Weg, Dein Problem zu lösen, versuche das zu umgehen.“

Der Stressnutzen von „Jetzt ist immer“ ist der Kern dessen, was Stress bewirken will, um unser Überleben zu schützen: besiege die Gefahr, jetzt, sofort, Ruhe nicht, bis die Gefahr beseitigt ist. E ist keine Zeit, zuzuwarten, es geht ums Überleben.

5. Emotionssymptome / emotionale Dysregulation

Emotionale Dysregulation ist ein originäres Symptom von AD(H)S.(114)(115)(116)(117)(118)(119)

Originär meint damit ein unmittelbar aus AD(H)S folgendes und bei AD(H)S auch häufig auftretendes Symptom, nicht ein ausschliesslich bei AD(H)S auftretendes Symptom.

Emotionale Dysregulation umfasst unter anderem Reizbarkeit (u.a. Streiten, Schreien, Stimmungsschwankungen, Wutanfälle, Gereiztheit), Frustrationsintoleranz und intensive emotionale Reaktionen.(120) 

5.1. Dysphorie bei Inaktivität

Siehe hierzu Dysphorie bei Inaktivität unter Antriebsprobleme

5.2. Stimmungsschwankungen

Zeitlich begrenzte, jedoch häufig auftretende Stimmungseinbrüche sind eine typische Folge einer Inaktivität (siehe hierzu unter Dysphorie bei Inaktivität). Zwar ist eine Dysphorie gegenüber einer Depression durch schwächere Intensität gekennzeichnet; da die AD(H)S-typische Dysphorie jedoch nur bei Inaktivität auftritt, bewirkt dies häufige Stimmungswechsel, da jede Inaktivitätsphase eine Stimmungsveränderung in Richtung leichter Depression bewirkt und jede daraus neu begonnene Aktivität die Stimmung wieder aus der Dysphorie heraus anhebt.

AD(H)S-Betroffene berichten häufig, dass sie intensivere Emotionen und Stimmungen haben als ihre Umgebung und dass diese wesentlich schneller wechseln. Dies betrifft nicht nur Stimmungseinbrüche, sondern auch Stimmungshochs.(121)

Vor diesem Hintergrund fragt sich, ob die hohe Komorbidität von bipolaren Störungen mit ADHD tatsächlich besteht, oder ob eine „Doppelzählung“ der gleichen Symptome vorliegt.

Die Stimmung von AD(H)S-Betroffenen scheint durch das unmittelbare momentane Erleben überdurchschnittlich beeinflussbar zu sein, also eher auf kürzere Zeitabschnitte zu referieren als bei Nichtbetroffenen. Dies trifft übrigens auch für Borderline-Betroffene zu.

5.2.1. Stimmungsschwankungen als Stresssymptome

Häufige Traurigkeit ist ein Stresssymptom.(122) Gleiches betrifft häufiges deprimiert sein oder Depressionen.(67)(17)(20)(17)
Verzweiflung ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(123)(23)
Insbesondere eine als unkontrollierbar wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes führt zu Stress und in der Folge zu vermehrter Cortisolausschüttung.(124)(125) Lärm oder Filme lösen dagegen weniger häufig cortisolergen Stress aus, da sie selten unkontrollierbar und selbstbild- oder existenzbedrohend sind.

5.2.2. Stimmungsschwankungen als Stressnutzenfolgen

Stimmungsschwankungen sind nach diesseitiger Auffassung und evolutionsbiologisch betrachtet Ausdruck der Wahrnehmungsverschiebung auf das Hier und Jetzt, die durch Stress ausgelöst wird, um die Aufmerksamkeit auf den Stressor zu konzentrieren. Wenn die Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt fokussiert, liegt es nahe, dass auch die Stimmung mehr dem Hier und Jetzt folgt.

Zwar könnte auch ein negatives Selbstbild (Du bist nicht gut genug, tue mehr, damit Du überlebst, sei nicht zufrieden mit dem, was Du bisher getan hast, bleibe aktiv um besser zu werden) ein Antrieb sein, bisherige Lebensgewohnheiten zu ändern und die akute Herausforderung zu meistern. Die Konzepte des Selbstwertes verstehen diesen jedoch als Folge kognitiver Prozesse. Es ist daher eher unwahrscheinlich, dass ein negativer Selbstwert eine unmittelbare Stressfolge ist.

5.3. Aggression

Affektdurchbrüche / Gereiztheit / Wutausbrüche können als momentane, situative Erscheinungsform von Aggression im weiteren Sinne betrachtet werden. Aggression im engeren Sinne kann zugleich als eine intensivere Variante gegenüber Affektdurchbrüchen / Gereiztheit / Wutausbrüchen bezeichnet werden.
Eine enge Verwandtschaft besteht mit Impulsivität. Affektdurchbrüche sind einerseits durch Aggression und andererseits durch einen impulsiven (ungebremsten) Ausbruch derselben gekennzeichnet.

Zu den neurophysiologischen Korrelaten und Hintergründen von Aggression und deren Unterscheidung in heisse und kalte Aggression siehe unter ⇒ Neurophysiologische Korrelate von Aggression.

5.3.1. Gereiztheit / Affektdurchbrüche

5.3.1.1. Gereiztheit / Affektdurchbrüche als AD(H)S-Symptom

Diese Symptome treten insbesondere beim ADHS-Subtyp und beim Mischtyp auf.

  • Wutausbrüche
    meist kurz und heftig, nach 5 Minuten ist alles vorbei
  • emotionale Kurzzeit-Intensivreaktionen
  • Zusammenhang mit ODD-Tendenzen ?
5.3.1.2. Gereiztheit / Affektdurchbrüche als Stresssymptom

Gereiztheit ist ein häufiges Symptom bei Stress(17)(20), ebenso Ärger und Wut.(20)

Gereiztheit ist ein typisches Symptome für einen drohenden Burnout.(19)

5.3.2. Aggression

5.3.2.1. Aggression als AD(H)S-Symptom

Aggressionen können als Äusserungsform von Stress betrachtet werden (Nachweise dazu im folgenden Absatz). Es handelt sich jedoch um ein Stresssymptom, das nicht alle Menschen gleichermassen ausprägen. Nach diesseitiger Auffassung lassen sich Menschen nach ihrer phänotypischen Stressäusserungsreaktion unterscheiden, die externalisierend sein kann (Aggression, Wut, motorische Hyperaktivität) – wobei die Reaktionen externalisierend (ADHS-/Mischtyp = fight) oder internalisierend sein kann (ADS-Subtyp = flight/freeze). Mit internalisierend ist an dieser Stelle nicht ein psychoanalytisches Konzept gemeint, sondern dass Stress wesentlich weniger nach außen ausagiert wird. Die hier gemeinten Subtypen unterscheiden sich eindeutig anhand des Biomarkers der Cortisolstressantwort. Mehr hierzu im Beitrag AD(H)S-Subtypen – Die unterschiedlichen Arten – ADHS, ADS und andere.

Höhere reaktive Aggressionstendenz bei AD(H)S „als Folge einer veränderten Wahrnehmung“.

Dietrich beschreibt bei AD(H)S-Betroffenen eine höhere Aggressionstendenz (auch bei Betroffenen, die nicht an einer komorbiden ODD oder Verhaltensstörung leiden).(126) Aggressivität entsteht bei AD(H)S-Betroffenen häufig aus einer Fehleinschätzung der Situationen, wonach sie sich (subjektiv „zu recht“) verteidigen. AD(H)S-Betroffene zeigen also eine reaktive (heisse) und keine proaktive (kalte) Aggressivität.(127) Diese Ansicht teilen wir. Siehe hierzu „Aggression als Stresssymptom“.

Dietrich sieht dies als Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses, was bei ADHS in Form einer unangemessen aggressiven Abwehr von Verletzungen dieser Autonomie und bei ADS in Form einer unangemessen starken Kooperation mit den Eltern erfolge, um eine mögliche Auseinandersetzung zu vermeiden.(126) Die Ansicht, dass AD(H)S eine Folge eines übersteigerten Autonomiebedürfnisses sei, teilen wir nicht.

Zwar erscheint in Bezug auf das übermässig konfliktscheue Verhalten von ADS-Betroffenen eine Konfliktvermeidung durch Rejection Sensitivity gut erklärbar.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom.
Nach unserem Eindruck dient diese jedoch nicht primär einer Autonomieverteidigung im Sinne einer motivgetriebenen (bewussten oder unbewussten) Reaktion, sondern ist die Folge einer inneren Blockade bei zu vielen Reizen und Möglichkeiten (die als Stress wahrgenommen werden) in Form einer neurophysiologische Folge eines überhöhten Noradrenalinspiegels, der den PFC deaktiviert.

5.3.2.2. Aggression als Stresssymptom

Aggression ist ein häufiges Symptom bei Stress.(17)(20)

Stress verändert das Muster der Wahrnehmung. Die Verhaltenssteuerung des Individuums steht bei schwerem Stress unter dem Leitbild, dass das Überleben akut bedroht ist. Bei AD(H)S sind nach diesseitiger Ansicht die Schwellwerte der Stresssysteme so verändert, dass sie viel zu häufig aktiviert und wieder abgeschaltet werden (ADS) oder dauerhaft aktiviert bleiben (ADHS). Selbst wenn kein akuter Stressor existiert, der eine unkontrollierbare (existenzbedrohende) Bedrohung bewirken könnte, sind die für diese Bedrohungen gedachten Stresssysteme aktiv.
Stress wird von Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort unbewusst als Bedrohung wahrgenommen. Auf Bedrohung reagieren Menschen mit einer externalisierenden Stressantwort häufiger aggressiv als andere.

Wir sind der Ansicht, dass alle typischen AD(H)S-Symptome typische Stresssymptome sind, dass aber nicht alle typischen Stresssymptome zugleich AD(H)S-Symptome sind.

5.3.3. Stressnutzen von Aggression

Aggressivität verstärkt die Bereitschaft zum Kampf, so wie Ängstlichkeit die Bereitschaft zur Flucht fördert.
Kampf war zu der Zeit, als unsere Stresssysteme entstanden sind, noch wesentlich wichtiger und vorteilhafter als heute.

Die beiden Stressnutzen von Aggressivität und Ängstlichkeit scheinen auf den ersten Blick widersprüchlich. Wenn Aggressivität ein Stressnutzen ist, wie kann Ängstlichkeit dann ebenso nützlich sein ?

Stresssymptome sind keine einheitliche Reaktion auf jedweden Stressor, sondern variieren je nach dem, welcher Stressor auftritt. Dass beim Stressor Hunger weder eine aggressive noch eine ängstliche Reaktion sinnvoll ist, ist offensichtlich. Dagegen ist auf manche andere Stressoren eher eine aggressive Reaktion (Kampf) oder eine ängstliche Reaktion (Flucht) sinnvoll. Es ist jedoch erkennbar, dass Menschen sich danach unterscheiden, inwieweit bei ihnen eher aggressive oder ängstliche Verhaltensformen überwiegen.
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man nicht nur den Stressnutzen für das Individuum betrachtet, sondern den Stressnutzen für die ganze Gruppe oder Gattung. Siehe hierzu unten unter 13. Individuelle Varianz von Stresssymptomen als Überlebensvorteil für Gruppe und Gattung.

5.4. Frustrationsintoleranz

Frustrationsintoleranz ist ein anerkanntes AD(H)S-Symptom bei Kindern, das bei Erwachsenen als verschlechtere Selbstkontrolle auffalle.(128) Stimulanzien verbessern durch ihre unmittelbar dopaminerge Wirkung auf den Nucleus accumbens die Symptomatik. Kinder mit AD(H) zeigen bei frustrierenden, stressauslösenden Aufgaben emotional intensivere Reaktionen und eine verringerte Kompetenz im Umgang mit Wut.(120)(129)(130)

5.4.1. Frustrationsintoleranz als Stresssymptom

Frustrationsintoleranz ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts.(131) Burnouts resultieren regelmässig aus einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer unbewältigbaren Stresssituation.

5.4.2. Frustrationsintoleranz als Stressnutzenfolge

Frustrationsintoleranz könnte eine Folge des massiv erhöhten Strebens nach Beseitigung des Stressors sein. Ein existenzbedrohender Stressor muss so schnell als möglich beseitigt werden. Führen einzelne Lösungsansätze nicht zum Ziel, wäre es vorteilhaft, dann nochmals vermehrte Energie aufzuwenden, um andere Lösungsstrategien zu versuchen.

Wohlgemerkt ist ein gleichzeitiger Parameter ein extremer Zeitdruck, weshalb die „klugen“ Lösungswege des langsamen Denkens nicht hilfreich sind.

5.5. Empfindlichere Reaktion auf Strafen

AD(H)S-betroffene Kinder reagierten auf Strafen empfindlicher als Nichtbetroffene.(91)

5.6. Selbstwertprobleme

AD(H)S-Betroffene haben ausgeprägte Selbstwertprobleme.(132)

Eine umfassende Darstellung zu Selbstwertproblemen findet sich bei adhspedia.de.(133)

Die Stärke der AD(H)S-Symptome korreliert mit Selbstwert, Lebenszufriedenheit und Depressionsmerkmalen.

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen(134)

  • ADHS-Symptomen
    (ermittelt mit ADHS-Screening für Erwachsene [ADHS-E])
  • einer herabgesetzten Lebenszufriedenheit
    (ermittelt mit der Satisfaction With Life Scale [SWLS]; vgl. Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985) und
  • dem Anstieg der Ausprägung von Depressionsymptomen
    (ermittelt mit dem Depressionsmodul des Patient-HealthQuestionnaire [PHQ-9]; vgl. Kroenke, Spitzer & Williams, 2001)

Bei einer Kombination von ADHS und Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD) oder aggressivem Verhalten oder oppositionellem Trotzverhalten (ODD) ist das Selbstwertgefühl signifikant geringer als bei ADHS allein oder Nichtbetroffenen.(135)

5.6.1. Kränkbarkeit und Angst vor Zurückweisung (Rejection Sensitivity)

Für Rejection Sensitivity sind kennzeichnend:

  • Kränkbarkeit
  • ängstliche Erwartung von Ablehnung
  • bereitwillige Entgegennahme von Ablehnung und
  • intensive Reaktion auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ablehnung

Bei Rejection Sensitivity (RS), die bei etlichen psychischen Störungen bekannt ist, besteht keine allgemeine Kritikunfähigkeit oder narzisstische Neigung, sondern eine besondere Empfindlichkeit im Sinne einer Angst vor Zurückweisung oder Zurücksetzung.
Fast jeder befragte AD(H)S-Betroffene berichtete von einer Rejection Sensitivity. Ebenso wurde übereinstimmend berichtet, dass dieses Symptom durch Stimulanzien (während der Wirkzeit) verbessert wurde. Dodson berichtet von unmittelbarer Wirkung von Clonidin und Guanfacin.
Dass AD(H)S-betroffene Kinder auf Strafen empfindlicher reagierten als Nichtbetroffene, könnte ein Ausdruck von RS rein.(91)

Rejection sensitivity könnte als unmittelbarer Ausdruck einer unsicheren Bindung verstanden werden. Unsichere Bindung
 ist als Risikofaktor für AD(H)S bekannt. Mehr hierzu unter Bindungsstile im Kapitel Prävention.

Wir betrachten Rejection Sensitivity als originäres neurologisches Symptom von AD(H)S.
Rejection Sensitivity – Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom

5.6.1.1. Rejection Sensitivity / Kränkbarkeit als Stresssymptom

Eine Beschreibung von Kränkbarkeit / Rejection Sensitivity als unmittellbares Stresssymptom wurde diesseits nicht gefunden. Es könnte ein Zusammenhang mit dem als Stresssymptom bekannten Rückzugsverhalten (soziale Phobie) bestehen.
Eine erhöhte Kränkbarkeit ist jedoch ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts.(19) Dass Burnouts von einer zu langen zu hohen Belastung und damit aus einer unbewältigbaren Stresssituation resultieren ist gesichert.

5.6.1.2. Stressnutzen von Rejection Sensitivity

Ein Stressnutzen von Rejection Sensitivity ist nicht klar erkennbar. Er könnte darin liegen, seine Ressourcen in schwierigen Zeiten nicht auf Personen zu verwenden, bei denen nicht sicher ist, dass die Investition erwidert wird. Das erklärt jedoch nicht, warum eine Ablehnung derart aversiv ist und nicht nur ein Selektor, wem man sich zuwendet.
Die durch eine Ablehnung erhöhte Gefahr des Ausgestossenwerdens aus der Gruppe stellt einen eigenen, besonders intensiven Stressor dar.

5.6.2. Tend and Befriend

Das gegenteilige Stresssymptom zu Rejection Sensitivity ist eine besondere Annäherung an andere. Dieses Verhalten ist bei Frauen deutlich ausgeprägter als bei Männern und stellt eine weitere Verhaltensalternative zu fight, flight oder freeze dar.
Der biobehaviorale Mechanismus des tend-and-befriend-Mechanismus ist vermutlich im Bindungs-Versorgungssystem verankert. Neuroendokrine Befunde legen nahe, dass Oxytocin in Verbindung mit weiblichen Fortpflanzungshormonen und endogenen Opioid-Peptidmechanismen die endokrinologischen Korrelate sein könnten.(136)

5.6.2.1. Stressnutzen von Tend and Befriend

Tend and Befriend hat den Stressnutzen, in Gefahrensituationen die Bindung an die Gruppe zu erhöhen.

Ähnlich wie Aggression und Ängstlichkeit, die je nach Stressor bevorzugt ausgebildet werden, und die unterschiedliche Stressnutzen haben (Kampf versus Flucht), können auch Rejection Sensitivity und Tend and Befriend gleichzeitig nebeneinander in einem Individuum Sinn machen. Die Übersetzung könnte sein: Binde Dich stärker an diejenigen, die die Zuwendung erwidern und die Bindung annehmen und halte Dich von denjenigen Gruppenmitgliedern fern, bei denen Du nicht sicher sein kannst, ob Deine Investition in eine Bindung rentabel ist.

Bei Borderline ist dieser Dualismus besondere extrem ausgeprägt (wobei Borderliner oft gar nicht in der Lage sind, eine Bindung annehmen zu können, weil sie sich ihrer selbst nicht Wert fühlen).

In den Zeiten, in denen die Stressnutzen unserer Stresssysteme entstanden sind, kam ein Ausschluss aus einer Gruppe fast einem Todesurteil gleich. Dabei hatten Männer noch eine etwas grössere Chance, als Einzelkämpfer und Jäger eine Zeit lang zu überleben.

5.6.3. Übergroßes Gefühl, Minderleister zu sein / Perfektionismus

Während AD(H)S-Betroffene einerseits von einer stetigen Inneren Unruhe erfüllt sind, die sie dazu bringt, dauerhaft aktiv zu sein, leiden sie zugleich an der Wahrnehmung, nicht genug zu leisten und nichts fertig zu bringen.
Auch wenn AD(H)S-Betroffene aufgrund ihrer Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme häufig eine (insoweit berechtigte) negative Rückmeldung über ihre Leistungen erhalten, ist der subjektive Eindruck von AD(H)S-Betroffenen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit noch negativer als es der Realität angemessen wäre.
Dieses Symptom erinnert in seiner Ausprägung an Rejection Sensitivity: auch hier besteht eine Wahrnehmungsverschiebung in Bezug auf eine vermeintliche Ablehnung durch Dritte.

Es gibt auch andere Störungsbilder mit einer fehlerhaften Eigenwahrnehmung, z.B. Magersucht, die eine Körperschemastörung beinhaltet.
Magersucht wird mit Abweichungen in ventralen und dorsalen Gehirnbereichen (unter anderem Insula und Striatum) sowie mit Abweichungen im Serotonin und Dopaminhaushalt in Verbindung gebracht.(137)
Das Striatum sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin sind auch in die Entstehung von AD(H)S-Symptomen involviert.

Das Symptom der eingebildeten Minderleistung könnte auch das Gegenbild eines bei AD(H)S durchaus häufig anzutreffenden perfektionistischen Anspruchs sein.

Der Stressnutzen eines geringeren Selbstwertgefühls wurde bereits oben damit beschrieben, dass das Gefühl, ungenügend zu sein, zu größerer Anstrengung antreibt und davon abhält, selbstzufrieden und damit passiv zu werden

5.6.4. Selbstwertprobleme als Stresssymptome

Selbstwertprobleme sind typische Symptome bei schwerem Stress.(110)(111)
Sie korrelieren mit

  • niedrigem Selbstwert
  • Selbsthass
  • suizidalen Tendenz
  • Schuld und Scham

Dies gilt ebenso für Lustlosigkeit(17)(20), die man als Äquivalent der Dysphorie bei Inaktivität betrachten könnte und dem Gefühl, deprimiert zu sein.(17)(20)

Insbesondere eine als unkontrollierbar wahrgenommene Bedrohung des Selbstwertes triggert eine Cortisolausschüttung.(124)(125)

Minderwertigkeits- und Versagensgefühle sind typische Symptome für den Endzustand eines Burnouts.(19)

5.6.5. Stressnutzen von Selbstwertproblemen

Angst als Stresssymptom bezweckt, die rettende Flucht anzustreben.(138)
Das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen (oben unter Hyperaktivität / Unruhe / Inneres Getrieben sein), geht stark mit einem subjektiven Eindruck der Betroffenen einher, viel zu wenig geschafft zu kriegen, nichts auf die Reihe zu bekommen, Underperformer und ungenügend zu sein.
Diese Wahrnehmung ist der Weg, auf dem Stress dafür sorgt, dass der Betroffene weiter aktiv bleibt. Das Gefühl, genug geleistet zu haben, würde einer gewissen Zufriedenheit und damit einer erlaubten Entspannung den Weg bereiten. Das aber wäre bei einer akuten Bedrohung, wie sie als Stressor der Stressreaktion zu Grunde liegt, gefährlich, denn es würde den Antrieb für den Kampf gegen die Bedrohung abschwächen.
Stress sagt seinem Träger, dass seine bisherigen Problemlösungsstrategien nicht ausreichend sind. Stress vermittelt unmittelbar: „so, wie Du (bisher) bist, bist Du nicht okay – denn Du bist in einer extrem gefährlichen Situation. Beweg Dich, verändere Dich, damit Du überlebst. Ausserdem haben Deine bisherigen Stressbewältigungsstrategien uns in diese Lage gebracht. Deshalb solltest Du Dich nicht gut fühlen.“

Dass dies ganz unmittelbar zu Lasten des Selbstwertgefühls geht, ist natürlich. Ein hoher Selbstwert würde bewirken, dass man mit sich zufrieden ist, so wie man ist. Dann gäbe es keinen Anlass, etwas an sich zu ändern. Stress alarmiert uns aber gerade, weil etwas geändert werden muss.
Deshalb lockert schwerer Stress auch die neuronalen Verschaltungen im Gehirn, um die bisherigen, dysfunktionalen Problemlösungsmuster, die in den neuronalen Verschaltungen abgebildet sind, auflösen zu können und sie leichter durch neue Verschaltungen ersetzen zu können. Umgekehrt festigt und verstärkt Stress bei erfolgreicher Stressbewältigung neuronale Verschaltungen, um die zuletzt erfolgreiche Bewältigungsstrategie im Gehirn tiefer zu verankern und deren Automatisierung zu fördern.

5.7. Ängstlichkeit

5.7.1. Erhöhte Ängstlichkeit als AD(H)S-Symptom

AD(H)S geht häufig mit einer erhöhten Ängstlichkeit einher.(139)(140)

Angst/Ängstlichkeit soll nach manchen anderen  Stimmen kein originäres AD(H)S-Symptom sein. Dies ist insofern fraglich, da Angst/Ängstlichkeit ein durch das Stresshormon CRH unmittelbar vermitteltes Symptom ist (gespritztes CRH erhöht die Ängstlichkeit). Bei AD(H)S besteht zumindest eine hohe Komorbidität zu Angststörungen, die bei 34 % der AD(H)S-Betroffenen auftreten.

5.7.2. Erhöhte Ängstlichkeit als Stresssymptom

Angst/Ängstlichkeit ist ein Stresssymptom.(20)(18)

Verstärkte Ängstlichkeit, erhöhte Furchtkonditionierbarkeit sowie erhöhte Vorsicht in unbekannten Umgebungen, im Offenfeld, im elevated plus maze und bei Konflikten sind eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(141)(23)

Ängstlichkeit hängt vom Stressphänotyp ab. Ängstlichkeit wird vornehmlich bei Menschen beobachtet, die Stress internalisieren (ADS). Wollte man derartige Symptome, die lediglich bei bestimmten Stressphänotypen auftreten, nicht als originäre AD(H)S-Stresssymptome betrachten, müsste Hyperaktivität als spezifisches Stresssymptom des externalisierenden Stressphänotyps ebenso aus dem Kanon ausscheiden.

5.7.3. Stressnutzen von Ängstlichkeit

Erhöhte Ängstlichkeit bewirkt eine erhöhte Vorsicht. Wenn lebensbedrohliche Umstände (Gegenwart von Fressfeinden) die Vorsicht erhöht, erhöht dies die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Wird die Ängstlichkeit so gross, dass sie nicht mehr nur die Vorsicht erhöht, sondern die Handlungsfähigkeit unangemessen beeinträchtigt, ist das funktionale Stressssymptom der Ängstlichkeit dysfunktional geworden. Dies ist eine Angststörung. un

5.8. Selbstwahrnehmungsstörungen

5.8.1. Selbstwahrnehmungsstörungen als AD(H)S-Symptom

Selbstwahrnehmungsstörungen werden als häufiges Symptom bei AD(H)S beschrieben.(142)(143)

AD(H)S-Betroffene haben häufig nicht nur eine verringerte Achtsamkeit, sondern auch eine massive Abneigung gegen Achtsamkeitstechniken aller Art, wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitstraining (MBSR) oder ähnliches.

5.8.1.1. Innere Leere (bei Inaktivität) / Langeweile

AD(H)S-Betroffene beschreiben häufig, von Langeweile und innerer Leere geplagt zu sein. Dies könnte sich möglicherweise schlüssig als Folge der massiv einbrechenden Aktivierung des frontalen Kortex bei Inaktivität erklären lassen.

Um diesen Mechanismus zu verstehen hilft es, sich mit dem Phänomen des Hyperfokus zu beschäftigen.

Dies äußert sich bei AD(H)S im Phänomen der Abwertung entfernterer Belohungen (Reward Discounting): Belohnungen, die weiter entfernt sind, sind für AD(H)S-Betroffene weniger interessant als für Nichtbetroffene. Daher sind AD(H)S-Betroffene nur bei sofort verfügbaren Belohnungen genauso motivierbar wie Nichtbetroffene. Dies ist der Gegeneffekt der Hyperfokussierung: AD(H)S-Betroffene können sich sehr wohl auf etwas konzentrieren, wenn sie einmal mit einer Tätigkeit begonnen haben, die ihnen Befriedigung verschafft, weil die dann sofort eingehende Belohnung das Verstärkungszentrum aktiv erhält. Dieses Interesse ist allerdings aufgrund der geringeren Anzahl von Dopamin D2- und D3-Rezeptoren im Striatum deutlich schwerer zu erreichen.(107)
Dieses latente Desinteresse könnte dem Symptom der Inneren Leere (bei Inaktivität) entsprechen, das von vielen Betroffenen geschildert wird. Das Gefühl der Inneren Leere und Dysphorie bei Inaktivität gehören eng zusammen.

5.8.1.2. Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung)

Alexithymie ist die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen.

In der Extremform fehlt den Betroffenen jede emotionale Wahrnehmung. Übelkeit und Magenschmerzen werden als rein körperliche Symptome gedeutet, nicht jedoch als Angst. Wie bei Psychopathie (der Unfähigkeit, Emotionen anderer wahrzunehmen) ist damit keinerlei böse Absicht verbunden.
In der Extremform der fehlenden Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, ist Alexithymie recht selten. Betroffene der Extremform werden von anderen als eiskalt wahrgenommen und ihr Verhalten löst in anderen sehr schnell Aggression und Ablehnung aus.

Die bei AD(H)S häufig auftretende (leichte) Verringerung der Wahrnehmung der eigenen Emotionen ist möglicherweise keine „echte“ Alexithymie, sondern lediglich eine durch eine ständige gedankliche Beschäftigung verursachte Überlagerung oder Verdrängung der emotionalen Wahrnehmung durch Gedanken oder eine vergleichsweise schwache Form einer leicht eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit von Emotionen. Es wäre plausibel, dass ein dauerhaft überaktivierter PFC (wie besonders für den ADHS-/Mischtyp typisch ist) die emotionale Wahrnehmung überlagert.

Bei Stress wird Alexithymie beschrieben:

  • Verringerte Wahrnehmung der eigenen Gefühle(144)
  • Vermeiden von Gefühlen (coolness, emotionale Dysregulation)(145)
  • Geringe emotionale Selbststeuerung und Spontaneität der Gefühle(111)
  • Gefühlsverflachung (bei bestehen bleibender Kränkbarkeit) ist ein typisches Symptom für den Endzustand eines Burnouts(19)
5.8.1.3. Überschätzung der eigenen sozialen Kompetenzen

Dieses Symptom ist nicht so gravierend, dass es als tragend für AD(H)S bezeichnet werden könnte.

In einer Testgruppe von n = 82 Mädchen von 9-12 Jahren überschätzten die n = 42 AD(H)S-Betroffenen ihre sozialen Kompetenzen im Vergleich zu Fremdbeurteilungen (Lehrer, Eltern und Drittbeobachtern) deutlich mehr als Nichtbetroffene. Trat oppositionelles Trotzverhalten hinzu, verstärkte sich dies noch weiter, ebenso bei verringerter Depressionssymptomatik. Die Selbstüberschätzung korrelierte nur bei den AD(H)S-Betroffenen mit der Tendenz der Betroffenen, Antworten in Richtung Sozialer Erwünschtheit zu verzerren (socially desirable reporting bias). Bei AD(H)S-Betroffenen war die Selbstüberschätzung sozialer Kompetenz an das Maß der Unausgeglichenheit gekoppelt. Mit zunehmender Ausgeglichenheit nahm die Selbstüberschätzung ab, während es dagegen bei Nichtbetroffenen mit Ausgeglichenheit zunahm.

Diesseits wird dies, insbesondere aufgrund des Bias in Richtung sozialer Erwünschtheit, als eine Auswirkung der AD(H)S-typischen Rejection Sensitivity interpretiert.

Für dieses Symptom konnte bislang keinen Stressnutzen definiert werden.

5.8.1.4. Erhöhte subjektive Stresswahrnehmung bei AD(H)S

Zusätzlich zu den AD(H)S-typischen Stressreaktionen aufgrund

  • der verringerten Schwellwerte für das Anspringen der HPA-Achse (Stressachse)
  • den verringerten (ADHS) oder überhöhten (ADS) Cortisolreaktionen von AD(H)S-Betroffenen auf akute Stressoren
  • der verringerten Noradrenalin- und Dopaminspiegel vor allem im PFC (ADS) bzw.
  • der im PFC erhöhten und im Striatum verringerten Noradrenalin- und Dopaminspiegel (ADHS, Mischtyp)

ist bei AD(H)S zudem die subjektive Wahrnehmung von Stress erhöht. Auf den selben physiologischen (messbaren) Stress erfolgt eine höhere (subjektive) Stresswahrnehmung als bei Nichtbetroffenen.
Subjektive Stressreaktion bei AD(H)S erhöht

5.8.2. Selbstwahrnehmungsstörungen als Stresssymptome

Selbstwahrnehmungsstörungen sind ein typisches Symptom von schwerem Stress. Es tritt eine verschlechterte Eigenwahrnehmung auf, die bis zur Erholungsunfähigkeit führen kann.

Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung) wird als Stresssymptom beschrieben.
Siehe oben unter 5.6.1.2.

5.8.3. Stressnutzen von innerer Leere und Alexithymie

Innere Leere ist die logische Konsequenz einer Fokussierung auf den Stressor (siehe oben unter Gedankenkreisen). Es ist überlebensförderlich, wenn die Bekämpfung des Stressors das Einzige ist, was wirklich zählt. Nichts soll hiervon ablenken, auch keine Wahrnehmung innerer Befindlichkeit, anderer Wünsche oder (gar guter) Gefühle. Sich gut zu fühlen könnte dazu verleiten, damit einfach weiterzumachen und es sich gut gehen zu lassen – anstatt sich um die Bedrohung zu kümmern.

5.9. Katastrophisieren

Viele Betroffene berichten davon, gedanklich häufig die schlimmsten Annahmen zu treffen. Die einschlägigen Foren behandeln dieses Thema intensiv.
Die Fachliteratur hat dies bislang nicht als spezifisches AD(H)S-Symptom erörtert.

Wenn die Gedanken sich häufig um worst-case-Szenarien drehen, hat dies in einer überlebensbedrohlichen Situation den Vorteil, besser auf verschiedene gefährliche Alternativen vorbereitet zu sein.

5.10. Empathie verdeckt / erhöht

Untersuchungen fanden eine verringerte Empathiefähigkeit bei AD(H)S.(146)

Wir vermuten, dass es sich nicht um eine verringerte Empathiefähigkeit an sich handelt, sondern dass sie lediglich verringert ausgeübt wird. Im Gegensatz zu anderen Störungsbildern scheint bei AD(H)S die Empathiefähigkeit nicht grundsätzlich gestört. AD(H)S-Betroffenen wird nachgesagt, dass sie häufig eine besonders große Empathiefähigkeit haben, die jedoch oft nicht abgerufen werden kann.(147) Dass die Empathiefähigkeit nicht inexistent, sondern eher verschüttet ist, zeigt sich in 1:1 Begegnungen in ruhiger Umgebung oder im Hyperfokus – z.B. bei Verliebtheit. Auch Betroffene vom ADHS- und Mischtyp werden hier als sehr charmant, empathisch und zuvorkommend beschrieben.
Es scheint also nicht an einer fehlenden Fähigkeit der Empathie zu liegen, sondern daran, dass die Ausübung von Empathie durch andere Dinge (innere Unruhe, Reizüberflutung) verschüttet ist. Trotzdem ist mangelnde Empathie (zu unterscheiden von mangelnder Empathiefähigkeit im entspannten Zustand) ein typisches AD(H)S-Symptom. Und dieses Symptom haben nicht alle AD(H)Sler, sondern es ist bei AD(H)S nur häufiger.

Gesichert ist, dass AD(H)S fast immer mit einer Hochsensibilität einhergeht. In unserer Onlineuntersuchung fanden wir bei 87 % von 200 diagnostizierten AD(H)S-Betroffenen Anzeichen von Hochsensibilität. Dies entspricht in etwa dem Wert für Aufmerksamkeitsprobleme, ist also sehr hoch. Hochsensibilität ist eine intensive Wahrnehmung. Empathie ist, intensiv für bzw. mit jemand anderen zu fühlen.
Je schlechter es einem Menschen geht, je höher seine innere Anspannung oder Angst ist, je höher der Stresspegel ist, desto geringer ist die gezeigte Empathie.(148) Das könnte als eine recht gesunde Stressreaktion betrachtet werden: Wenn es ums überleben geht, ist jeder sich selbst der nächste.
Ist der Stress, die Angst dann weg, ist es auf einmal möglich, für andere zu fühlen. Befunde, wonach eine Blockade von Glucocorticoidrezeptoren Empathie erhöht, deuten ebenfalls in diese Richtung.(149)

Dass akuter Schmerz die Empathie eher erhöht könnte ein interessanter Aspekt in Bezug auf Selbstverletzungsverhalten bei Borderline sein.(150)(151)
Es dürfte also zwischen kurzfristigem Stress (empathieerhöhend) und chronischem Stress (empathieverringernd) zu unterscheiden sein. So ist auch bei Ratten bei niedrigem akuten Schmerzstress die Empathie erhöht, bei schwerem Schmerzsstress verringert.(152)
Weiter geht frühkindliche Stressbelastung wohl mit einer verringerten empotionalen, nict aber verringerten kognitiven Empathie einher.(153)

Wir haben den Eindruck, dass eine verringerte Empathie häufiger bei ADHS-Betroffenen und eine erhöhte Empathie häufiger bei ADS-Betroffenen auftritt.
Insbesondere der hyperaktiv/impulsive ADHS- und Mischtyp erscheint nach außen häufig wenig empathisch. Die stetige innere Überaktivierung, die dauerhafte innere Unruhe fordert derart viele Ressourcen der Betroffenen, dass sie ihre – eigentlich vorhandene, wenn auch mangels Nutzung unerfreulich untrainierte – Fähigkeit zur Empathie kaum ausleben können.
ADS-Betroffene scheinen dagegen ihre Empathiefähigkeiten im besondere Masse ausleben zu können.
Wir vermuten, dass dies weniger eine Folge unterschiedlicher Persönlichkeitsaspekte bei ADHS und ADS ist, sondern dass dies ehere daraus resultiert, dass ADHS von einer chronisch aktivierten HPA-Achse gekennzeichnet ist (aufgrund fehlender Erholungsfähigkeit wegen einer typischerweise abgeflachten Cortisolstressantwort, die nicht mehr in der Lage ist, die HPA-Achse abzuschalten), während ADS von einer überhöhten endokrinen Stressantwort geprägt ist, deren hohe Cortisolstressantwort die HPA-Achse zuverlässig wieder herunterfährt. Diese endokrinologischen Muster wären nach unserem Verständnis eine mögliche Erklärung, die unterschiedliche Empathie-Häufigkeit bei ADHS und ADS zu erklären.

Es wird von auffällig hohen μ-Frequenzen im EEG von AD(H)S-Betroffenen berichtet.(154) Diese hohe Aktivität an Gehirnwellen im μ-Frequenzbereich sei repräsentativ für eine Unterfunktion der Spiegelneuronen, die für das mitfühlen-können mit einem Gegenüber verantwortlich sind. Das Phänomen der fehlenden μ-Frequenz-Supression bei der Beobachtung Dritter trete ebenso bei Autisten auf (Spiegelneuron-Hypothese).(155)
μ-Rhythmen seien durch Ballen der Faust unterdrückbar. Da bislang nicht berichtet wurde, dass ein Ballen der Fäuste Einfluss auf die Empathiefähigkeit hätte, scheint die Aktivität der μ-Frequenzen hiermit eher korrelierend als kausal verbunden zu sein.

Dass bei AD(H)S die Wahrnehmung von Emotionen in gezeigten Gesichtern verändert scheint, selbst wenn die Betroffenen im Erwachsenenalter keine AD(H)S-Diagnose mehr erhalten(156), könnte ein interessanter Aspekt zur Veränderung von Empathie bei AD(H)S sein.
Ebenso zeigt sich eine verringerte Fähigkeit, Emotionen aus Gesichtern zu lesen bei Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil, was stärker mit ODD als mit AD(H)S korreliert. Dies korrelierte zugleich mit erhöhter emotionaler Reaktion.(157) Dies erinnert uns an das Muster von Borderline. 

5.10.1. Stressnutzen verringerter / erhöhter Empathie

Der Stressnutzen verringerter Empathie könnte in einem größeren Egoismus bei der Problemlösung liegen, was eine erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit bewirkt. Im körperlichen Überlebenskampf mit einem Feind ist ein Mitgefühl für dessen Leid hinderlich.

Innerhalb einer Gruppe ist ein erhöhtes Mitgefühl für andere ein Bindungsinstrument, das einem Ausschluss aus der Gruppe entgegenwirkt, der in gefährlichen Zeiten noch nachteiliger wäre.

Diese gegensätzlichen Stressnutzen könnte es plausibel machen, dass Menschen, die ihren Stress nach aussen ausagieren (ADHS: Kampf) von einer verringerten Empathie profitieren, während für Menschen, die ihren Stress eher internalisieren (ADS: Flucht, totstellen) eine erhöhte Empathie vorteilhaft ist (Tend and be friend).

5.11. Sozialer Rückzug / soziale Phobie

5.11.1. Sozialer Rückzug als AD(H)S-Symptom

Einschränkung bei sozialen Kontakten, weil entweder keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, ⇒ Rejection Sensitivity) oder das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)(110)(111)

Ein sozialer Rückzug von AD(H)S-Betroffenen, der bis hin zu einer Sozialphobie vor Menschen gehen kann, korreliert nur bei Mädchen mit erhöhtem Aussenseiterdasein(158) und hat mehrere Mechanismen als Ursache.

Zum einen führen negative Erfahrungen mit der Umwelt aufgrund negativer Reaktionen auf die eigenen Symptome zu einer logischen negativen Verstärkung sozialer Kontakte.
Dazu passt, dass dieses Symptom häufiger bzw. stärker bei ADHS-Betroffenen (mit Hyperaktivität oder Mischtyp) auftritt als bei ADS-Betroffenen, die aufgrund ihrer eher gegen sich selbst / nach innen gerichteten Stressreaktionen (Flucht/totstellen) und einer häufigeren Tend-and-Befriend-Stressreaktion für andere sehr angenehm wirken.
Daneben dürfte der zu weit offene Reizfilter mit der hieraus resultierenden Hochsensibilität die Grenzen der ertragbaren Reize so weit reduzieren, dass bei starken Fällen ein Rückzug von den als anstrengend empfundenen Einflüssen Dritter einen plausiblen Abwehrmechanismus darstellen. Viele Hochsensible berichten, dass sie auf Partys nach einer gewissen Zeit fliehen oder sich in ruhigere Räume zurückziehen (Küche, Balkon, WC).

Neurophysiologisch ist die Aktivierung von Oxytocin-Rezeptoren im ventralen Tegmentum für ein belohnungsgesteuertes Interesse an sozialen Kontakten essenziell.(159)

Interessanterweise scheint soziale Kompetenz bei Mädchen und Frauen mit AD(H)S höher zu sein als bei Jungen und Männern, während sich dieser Zusammenhang bei Autismusspektrumsstörungen umgekehrt zeigte und altersabhängig war.(160)

5.11.2. Sozialer Rückzug als Stresssymptom

Sozialer Rückzug ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(161)(73)

Eine Einschränkung der sozialen Kontakte bei Stress wird darauf zurückgeführt, dass(110)(111)

  • keine positive oder sogar negative Resonanz erwartet wird (Vermeidung oder Aggression, Rejection Sensitivity)
  • das Sicherheits- und Kontrollbedürfnis zu groß ist (zu große Nähe, Ambivalenz, Nähe-Distanz-Pendel)

Ein erhöhtes Rückzugsverhalten ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

Eine zunehmende Einschränkung sozialer Kontakte ist ein typisches Symptome für einen Burnout.(19)

5.12. Novelty Seeking / Sensation Seeking

Novelty Seeking (früher Sensation Seeking) bedeutet, dass Betroffene nach ständig neuen Reizen suchen. Im Extremfall (Sensation Seeking) wird nach dem besonderen Kick, nach intensiven, neuen Erfahrungen gesucht. Novelty seeking soll mit Impulsivität verknüpft sein. 

Es könnte auch für Betroffene typisch sein, die ein niedriges Arousal haben, bzw. ein höheres Arousal für eine optimale Leistungsfähigkeit benötigen.
Dieser Zusammenhang liesse sich mit dem unter Innere Leere beschriebenen Ansatz ebenfalls schlüssig erklären: Es bedarf starker neuer Reize, damit das Belohnungszentrum anspringt und Interesse für etwas geweckt wird. Die bei kortikaler Inaktivität aufgrund des dadurch entstehenden Absinkens des Dopaminspiegels entstehende Dysphorie wird als unangenehm wahrgenommen und soll vermieden werden. Intensive neue Reize und hohe Risiken führen zu einer Art willentlich hervorgerufenem Hyperfokus.
Wir kennen etliche Betroffene, die ihre Dysphorie bei Inaktivität dadurch vermeiden, dass sie immer aktiv bleiben, z.B. einen Aktivurlaub einem Badeurlaub vorziehen.

Reward Discounting soll nur bei konditionierten Reizen entstehen, da eine konditionierte Ergebniserwartung erforderlich sei. Bei neuen Reizen wäre das unangenehme Desinteresse, das aus der Belohnungsverzögerung entsteht, nicht möglich.

Novelty seeking wird mit der Genvariante DRD4-7R assoziiert, die ein Kandidatengen für AD(H)S ist.

Novelty seeking dürfte stärker mit ADHS als externalisierende AD(H)S-Variante verbunden sein als mit ADS.(162)(163)

5.12.1. Stressnutzen von Novelty Seeking

Denkbar wäre ein Stressnutzen von Novelty Seeking als Suche nach neuen Mitteln und Wegen zur Bewältigung von Herausforderung. Dies erscheint aus der Sicht des Individuums indes eher nachteilig, da der Aufwand an Ressourcen hierfür zu hoch sein dürfte und Ressourcen während einer extremen Belastung eher geschont werden. Möglicherweise liegt der Stressnutzen in einem Vorteil für die Gattung.
Die Bevorzugung von Risikosportarten wurde bereits als eine mögliche Folge von Stress beschrieben.

5.13. Erhöhte Risikobereitschaft

Eine Untersuchung berichtet deutlich erhöhtes Risikoverhalten von AD(H)S-Betroffenen.(164)

Eine umfangreiche Unteruschung an 2.434 Arbeitern im Iran fand eine Risikoverteilung von:

  • sehr geringes Risiko (65.6%)
  • niedriges Risiko (27.8%)
  • moderates Risiko (4.1%)
  • hohes Risiko (2.5%)

AD(H)S erhöhte die Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit moderatem oder hohem Risikoverhalten anzugehören um das 3,4 und 3,1-fache. Eine Angststörung erhöhte das Risiko um das  2,1 und das 2-fache., jeweils im vergleich zur Wahrscheinlichkeit, der Gruppe mit dem niedrigsten Risiko anzugehören.(165)

Nach anderen Quelle gebe es keine sicheren Belege für eine erhöhte Risikobereitschaft von AD(H)S-Betroffenen.(166)(167)

AD(H)S-Betroffene betreiben gerne Risikosportarten (Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Moto-Cross, Mountainbiken).(11) Die erforderliche Konzentration könnte wie ein Hyperfokus wirken.
Erhöhte Risikobereitschaft könnte mit spontanen und impulsiven Entscheidungen zusammenhängen. Hiergegen spricht allerdings die oben genannte erhöhte Risikobereitschaft von Menschen mit Angststörungen.

5.13.1. Erhöhte Risikobereitschaft als Stresssymptom

Erhöhte Risikobereitschaft ist ein Stresssymptom.(168) Diese erhöhte Risikobereitschaft endet 40 bis 80 Minuten nach Ende der Stresssituation und verringert sich dann sogar unter das Niveau von nicht gestressten Personen.(169)

Eine erhöhte Risikobereitschaft ist ein Stresssymptom bei Menschen, die eine robuste Cortisolerhöhung auf einen akuten Stressor zeigen. Junge Männer ohne eine deutliche Cortisolantwort auf einen Stressor zeigten keine erhöhte Risikobereitschaft. Dies kann so gedeutet werden, dass die Stressreaktion der Risikobereitschaftserhöhung nur bei denjenigen Menschen auftritt, die auf Stress mit einem Cortisolanstieg reagieren, oder dahingehend, dass die Probanden, bei denen kein Cortisolanstieg auf den TSST gemessen wurde, auf diesen nicht mit Stress reagierten.(170)

5.13.2. Stressnutzen erhöhter Risikobereitschaft

Ein Stressnutzen aus der Affinität zu Risiko und Risikosportarten könnte sich daraus ergeben, dass ihre Reizintensität so groß ist, dass die Betroffenen sich endlich einmal voll und ganz mit etwas beschäftigen können (müssen). Eine Risikosportart beinhaltet aufgrund der verbundenen Risiken ihren eigenen Stress. Wenn dieser Stress als ein positiver Reiz wahrgenommen wird, der die negative Stressempfindung überdeckt, könnte dies die Affinität erklären.

Denkbar wäre weiter, dass gerade die Risikobehaftetheit, die ja einen eigenen Stressor darstellt, damit den bei AD(H)S bestehenden latenten undefinierten Stressor besser überdecken kann als andere Tätigkeiten, die keine stressbehafteten Reize bieten und deshalb leichter in die Kategorie der „jetzt nicht erlaubten Genüsse“ fallen können.

Ein besonders erhöhtes Risiko könnte auch ein Instrument sein, um die Cortisolstressantwort künstlich zu erhöhen, um dadurch den (bei AD(H)S verringerten) Dopaminspiegel im dorsolateralen PFC zu erhöhen, was die Dysfunktion des Arbeitsgedächntnisses verringern würde, oder mittels Adressierung der Glukocorticoidrezeptoren eine Abschaltung der HPA-Achse zu erreichen.

6. Kommunikationsprobleme / soziale Probleme

6.1. Kommunikationsprobleme / soziale Probleme als AD(H)S-Symptome

  • Sprechdurchfall, Redelust, Wortschwemme (Logorrhö, Polyphrasie)(171)
    • Antworten (z.B. Mails) werden zuweilen ausufernd
    • Antworten schweifen vom Thema ab
  • Sprechweise schnell und undeutlich(11)
  • Smalltalk wird als langweilig empfunden(11)
  • Gesprächspartner kommen kaum zu Wort
    Betroffener hyperfokussiert schnell auf ihn interessierendes Thema(11)
  • Impulsive Missachtung sozialer Regeln
    • mischt sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein

Siehe hierzu auch Ungeduld und Verzögerungsaversion.

6.2. Stressnutzen von Kommunikationsproblemen

6.2.1. Stressnutzen von „Smalltalk wird als langweilig empfunden“

Stress bezweckt, das Interesse des Betroffenen auf Themen zu fokussieren, die ihn der Lösung seines Problems weiterbringen. Alle anderen Dinge sind unwichtig. Stress ist daher erfolgreicher, wenn Dinge, die nicht das Interesse des Betroffenen wecken, als unwichtig und irrelevant erscheinen.

Dieses Phänomen wird verständlicher, wenn man beachtet, dass die bei Stress abweichende Aufmerksamkeitssteuerung vor allem über den Faktor intrinsisches Interesse erfolgt. Dinge, die der Betroffene selbst intrinsisch für interessant erachtet (im Stressfall diejenigen Dinge, die sein Problem lösen können) erregen die Aufmerksamkeit. Bei hoher intrinsischer Aufmerksamkeit können alle anderen Dinge sehr gut ausgeblendet werden (geringe Ablenkbarkeit). Das, was andere wollen, wofür der Betroffene sich interessieren soll, wird als unwichtig erachtet. Von diesen Dingen sind Betroffene sehr leicht ablenkbar.

Selbst wenn jemand kognitiv völlig verstanden hat, dass es für ihn gut ist, wenn er sich jetzt für etwas interessiert (z.B. die binomischen Formeln oder die Grammatik des Infinitiv, um gute Noten und zu Hause keinen Ärger zu bekommen) und er auch den Willen hat, gute Noten zu erzielen und zu Hause keinen zu ärgern, weckt das noch lange kein intrinsisches Interesse. Abgesehen davon sind gute Noten nicht jetzt und hier wichtig und zu Hause ist im Klassenzimmer ebenso sehr weit weg – und daher uninteressant.

6.2.2. Stressnutzen von „Gesprächspartner kommen kaum zu Wort“ 

Hier gilt die selbe Erklärung wie dafür, dass Smalltalk als langweilig empfunden wird. Die Hyperfokussierung Betroffener auf ihn interessierende Themen dient zur Lösung des akuten Problems.

Da das akute Problem des Betroffenen ja grösser ist als die Bedürfnisse anderer, die gerade keinen schweren Stress haben, ist dies sogar sozial bis zu einem gewissen Grad legitim. Ob Stressbetroffene danach selektieren wäre interessant zu beobachten.

Bei den Symptomen

  • Sprechdurchfall, Redelust, Wortschwemme (Logorrhö, Polyphrasie)
  • Sprechweise schnell und undeutlich
  • Impulsive Missachtung sozialer Regeln
    • mischt sich ungefragt in Gespräche / Aktivitäten anderer ein

konnte bislang kein Stressnutzen definiert werden.

7. Organisationsschwierigkeiten (Desorganisiertheit)

Organisationsschwierigkeiten hängen häufig mit Zeitwahrnehmungsproblemen zusammen.(43)

7.1. Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren

Dies ist eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

  • Unordnung in der Wohnung
    • ggf Überkompensation durch penible Ordnung, weil Unordnung der innere Feind ist
  • Dinge wegzuwerfen fällt schwer
  • Das Leben gleicht einer Aneinanderreihung unfertiger Projekte
  • Mangelhafter Überblick bei Organisation von Aufgaben (bei Kindern wie bei Erwachsenen)(71)
  • wichtig und unwichtig können schlecht getrennt werden (bei Erwachsenen)(71)

7.1.1. Organisationsschwierigkeiten als Stressnutzenfolge

Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren, haben keinen eigenen Stressnutzen, denn bei der Lösung gravierender Probleme ist Organisationsvermögen ja vorteilhaft. Wenn man die Beispiele anschaut, die hierfür genannt werden, lassen sie sich jedoch als Folge von anderen Stressnutzen erkennen.

Stress verschiebt den Fokus des Betroffenen auf den Stressor, um z.B. das akute Überleben zu sichern. Wer gerade dabei ist, ein Feuer in seinem Schlafzimmer zu löschen, hat sehr gesund ein vermindertes Interesse an einem aufgeräumten Wohnzimmer als andere, bei denen gerade nichts brennt.

Stress bezweckt ganz zentral eine Prioritätsverschiebung: „Kümmere Dich um den Stressor, jetzt – alles andere ist momentan unwichtig und kann warten.“

Wenn derartiger Stress ein Dauerzustand ist (wie bei AD(H)S aufgrund der Verschiebung der Schwellwerte, ab denen die Stresssysteme für unkontrollierbaren Stress anspringen), und infolgedessen die Prioritätsverschiebung ein Dauerzustand ist, führt das zwangsläufig dazu, dass viele Dinge weder heute noch morgen noch eigentlich irgendwann mit der gleichen Priorität und Ruhe behandelt werden können, wie sie die Menschen um einen herum aufbringen.

7.2. Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können)

Dies ist ein weiteres der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

  • Termine/Zusagen werden vergessen
  • Termine/Absprache werden nicht erinnert
  • Leben ohne den (Handy-)Kalender wäre unmöglich
    • alles muss sofort notiert werden
    • was nicht sofort notiert ist, ist schon fast vergessen

7.2.1. Versprechen oder Zusagen an andere nicht einhalten (können) als Stressnutzenfolge

Auch hier liegt kein unmittelbarer Stressnutzen vor, sondern die beeinträchtigte Fähigkeit, Versprechen oder Zusagen an andere einzuhalten, ist die Folge des Stressnutzens der Fokussierung auf den jetzt im Moment gerade zu bekämpfenden Stressor. Dies wird (auch) dadurch erreicht, dass Dinge, die im Moment nicht unmittelbar wahrnehmbar sind, weniger wichtig erscheinen. Dass Dinge des gewöhnlichen Alltags verhältnismässig unwichtiger werden, wenn der Fokus auf den Kampf ums Überleben verschoben ist, ist plausibel.
Wird eine Verabredung getroffen, liegt der Fokus der Wahrnehmung (im Moment der Verabredung) auf diesem Treffen. Wenn der Betroffene sich dann auf den Weg machen müsste, während er gerade mit etwas anderem beschäftigt ist, ist das andere immer wichtiger, weil es gerade „jetzt und hier“ ist. Alle Dinge, die weiter entfernt sind, sind aus Sicht der Stressreaktion weniger wichtig. Stress ist stets eine Fokussierung auf das hier und jetzt zu lösende Problem und stellt alle anderen, im Moment nicht unmittelbar wahrnehmbaren Probleme, zurück.
Diese Erklärung erscheint uns unmittelbarer und nachvollziehbarer als die in der Fachliteratur bislang genannten Quellen Zeitabschätzungsfehler und Gliederungsdefizit.

7.3. Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun

Dies ist ebenfalls eines der 9 treffsichersten Symptome von AD(H)S bei Erwachsenen.(28)

7.3.1 Probleme, Dinge in der richtigen Reihenfolge zu tun als Stressnutzenfolge

Dieses Symptom ist ebenfalls eine Folge aus dem Stressnutzen, das jetzt und hier höher zu bewerten und alles andere weniger wichtig zu nehmen. Stress verändert Prioritäten. Intrinsisch wichtig erachtete Dinge werden höher priorisiert. Aus der Sicht von Stress ist dies höchst zweckmässig.

Steht ein Mensch (für andere nachvollziehbar) unter akutem schweren Stress, z.B. weil ein geliebter Mensch gerade im Krankenhaus eine schwere Operation durchstehen muss, würde niemand von ihm erwarten, dass er einen Ikeaschrank auf Anhieb in der richtigen Reihenfolge zusammenbaut. Kann der Betroffene jedoch etwas dazu beitragen, um dem geliebten Menschen zu retten, wird er sich hierauf wesentlich besser konzentrieren können, da dies sein intrinsisches Interesse weckt.

Hinzu tritt, dass ein (wie bei ADS typisch) stark erhöhter Noradrenalinspiegel den PFC und damit das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigt. Der Stressnutzen dabei liegt auf der Verlagerung der Verhaltenssteuerung von langsamen genauen Gehirnbereichen (PFC) auf schnelle ungenau planende Gehirnregionen, da dies bei Kampf oder Flucht vorteilhafter ist.

7.4. In eigener Anstrengung beeinträchtigt (Behinderung von Anstrengung)

Aufgrund der eigenen Desorganisation ist meist bereits die Erwartung gewachsen, dass das eigene Bemühen ohnehin keinen Erfolg haben werde. Dies schlägt sich in der Erwartung nieder, dass das eigene Bemühen ohnehin erfolglos sein werde und behindert dadurch die eigene Anstrengung. Es kommt zu Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung.

  • Neue Projekte werden vermieden, weil sie ohnehin nicht fertiggestellt würden
  • Mangelnde Fähigkeit zur Gliederung von Arbeitsabläufen bewirkt Überforderungsgefühl (bei Erwachsenen)(71) und verstärkt Selbstentwertung
  • Stimmungsschwankungen verhindern konstante Arbeitsleistung (bei Erwachsenen)(71), dies verstärkt Selbstentwertung
  • AD(H)S-Betroffene sind in ihrer Anstrengung behindert, sei es wegen mangelnder Zufriedenheit durch Erfolg oder wegen fehlender Erwartung von Erfolg (Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung)(110)(111)

7.4.1. Behinderung von Anstrengung als Stresssymptome

7.4.1.1. Antriebslosigkeit als Stresssymptom

Antriebslosigkeit ist als typisches Symptom von schwerem Stress bekannt.(17)(20)

7.4.1.1.1. Stressnutzen von Antriebslosigkeit

Antriebslosigkeit wäre als Stressnutzen erklärbar, wenn Stress nicht eine generelle Antriebslosigkeit bewirkt, sondern die Antriebslosigkeit für Dinge, die weniger geeignet sind, den Stressor zu bekämpfen, herabsetzt und ihn für Dinge, die geeignet sind, den Stressor zu bekämpfen (was sich nach intrinsischen Interessen richtet) erhöht.

7.4.1.2. Beeinträchtigte Leistungsfähigkeit als Stresssymptom

Bei schwerem Stress ist die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.(20)(68)
Es besteht eine Behinderung von Anstrengung wegen mangelnder Zufriedenheit durch Erfolg oder fehlender Erwartung von Erfolg (Antriebslosigkeit, Wegschalten, Verweigerung).(111)
Leichte Erschöpfbarkeit, Kraftlosigkeit und Tagesmüdigkeit sind typische Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

7.4.1.2.1. Stressnutzen von Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit

Siehe Stressnutzen von Antriebslosigkeit.

7.4.1.3. Gefühl der Überforderung als Stresssymptom

Das Gefühl der Überforderung ist ein bekanntes Stresssymptom.(17)(20)

7.4.1.3.1. Stressnutzen von Gefühl der Überforderung

Nicht die Überforderung selbst, jedoch das Gefühl der Überforderung könnte aus der Sicht von Stress hilfreich sein, um den Betroffenen zu aktivieren, noch mehr und grössere Anstrengungen zu unternehmen.
Dagegen spricht, dass eine besondere Freude an einer Tätigkeit hierfür noch wirksamer wäre.
Das Gefühl von Überforderung könnte bezwecken, sich Gedanken zu machen, wie man das Problem noch anders lösen kann oder zu motivieren, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen.

7.5. Entscheidungsfindungsprobleme

Insbesondere bei ADS tritt das Symptom auf, Schwierigkeiten mit der Entscheidungsfindung zu haben. Während ADHS verstärkt mit einer zu spontanen, zu impulsiven Entscheidungsfindung korreliert, ist bei ADS die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen häufig massiv beeinträchtigt. Selbst einfache Entscheidungen können das Gefühl einer Überforderung auslösen.
ADS korreliert mit einer erhöhten endokrinen Stressantwort. Hohe Noradrenalinspiegel blockieren den PFC und verlagern die Verhaltenssteuerung auf posteriore Gehirnregionen. Da der PFC für die Abwägung multipler Entscheidungsoptionen sehr wichtig ist, führt eine Blockade des PFC naturgemäß zu erhöhten Entscheidungsfindungsproblemen.
Entscheidungsfindungsprobleme sind von Schwierigkeiten der Zeitwahrnehmung abzugrenzen.(172)

8. Zeitwahrnehmungsprobleme

Die Zeitwahrnehmung ist gestört. Es besteht ein Zusammenhang mit dem prospektiven Gedächtnis.
Viele AD(H)S-Betroffene berichten davon, nicht abschätzen zu können, wie lange sie für eine Aufgabe benötigen und in der Folge, was sie innerhalb einer Zeitspanne an Aufgaben bewältigen können.
Daraus folgt häufig eine frustrierende negative Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit, die damit oft lediglich ein Folgefehler der fehlerhaften Zeitwahrnehung darstellt.
Diese verstärkt wiederum eine negative Eigenwahrnehmung. Barkley(10) sieht in der Zeitwahrnehmungsproblematik ein eigenes und signifikantes Symptom von AD(H)S.

Dieses Symptom wird plausibel, wenn man den Stressnutzen betrachtet, dass in akuter Gefahr Dinge, die nicht überlebensnotwendig sind, als weniger wichtig priorisiert werden. Diese Priorisierung der überlebensnotwendigen Dinge könnte – quasi als Abkürzung – über den Zeitfaktor erfolgen.

Ein Individuum, das in Gefahr ist (überlebensbedrohlicher Stress), hat eine größere Überlebenschance, wenn es alle weiter entfernt liegenden Dinge als unwichtiger und alle unmittelbar anstehenden Dinge als wichtiger behandelt. 

Da im Notbetrieb des Überlebenssicherungsprogramms alles, was weiter entfernt ist, nicht so wichtig ist, ist es auch nicht wichtig, die zeitliche Entfernung und den Zeitbedarf von weiter entfernt liegenden Aufgaben abschätzen zu können.

Details
Rossi(173) hält dem entgegen, dass das Zeitverständnis der Hochindustriestaaten kulturell bedingt sehr streng ist. Schon in hochentwickelten Mittelmeerstaaten begegne einem ein anderes Zeitverständnis als in Deutschland oder den USA. Erst recht gelte das für große Teile der Welt. Er stellt daher infrage, ob hier wirklich bereits ein pathologisches Symptom vorliegt.
Da jedoch empirisch erwiesen ist, dass AD(H)S-Betroffene signifikant häufiger Zeitwahrnehmungs- und Terminprobleme haben, als andere Mitglieder des selben Kulturkreises, ist das Phänomen sehr wohl ein relevantes AD(H)S-Problem und nicht eine Frage der Kulturkreispassung.
AD(H)S tritt zudem in den von Rossi genannten Ländern mit einem solchen anderen Zeitempfinden ebenso auf.
Zugleich nennt Rossi selbst ein mangelndes Zeitgefühl als Symptom von ADS (ohne Hyperaktivität).(174)

8.1. Zeitaufwand-Schätzfehler

Bei AD(H)S ist die Fähigkeit, abzuschätzen, wie viel Zeit eine Maßnahme oder Aufgabe benötigt, eingeschränkt.(175)

AD(H)S-Betroffene können längere Zeitabstände weniger gut abschätzen als Nichtbetroffene.

Ausdrucksform:

  • Ständiges zu spät kommen
    • Ursachen:
      • Zeitabschätzungsfehler
      • Warten ist unerträglich (Delay Aversion)
      • Warten ist Ruhe und Inaktivität
      • jetzt ist immer
        • Die Wahrnehmung, was wichtig ist, ist in Richtung Gegenwart verschoben
    • Inaktivität ist bei AD(H)S mit Dysphorie verbunden (Dysphorie bei Inaktivität). Jedes Lebewesen steuert sich ganz zentral danach, die Stimmung möglichst gut zu erhalten
      Die Zeit bis zum X wird vollständig für Aktivitäten ausgenutzt. Da meistens etwas schief geht, und Zeiteinschätzung ein Problem bei AD(H)S ist, kommen Betroffene häufig zu spät. Lieber noch schnell dies oder jenes miterledigen, als das Risiko eingehen, zu früh zu kommen und dann warten zu müssen. Aus der Summe resultiert häufiges zu spät kommen.

In der Folge fühlen sich die anderen Menschen respektlos behandelt (was nicht das Motiv des Betroffenen war), und reagieren verständlicherweise zurückweisend. Dies triggert das Problem des ohnehin bereits miniaturisierten Selbstwertgefühls des Betroffenen.

8.1.1. Zeitschätzfehler als Stressnutzenfolge

Fehler der Zeitschätzung haben keinen unmittelbaren Stressnutzen. Sie könnten jedoch damit zusammenhängen, dass Stress bewirkt, dass Warten und Inaktivität als unangenehm empfunden werden, um den Betroffenen zu animieren, jetzt sofort aktiv zu werden.

Stress will weiter, dass der Stressor sofort bekämpft wird. Stress bewirkt dabei eine abweichende Zeiterfahrung: jetzt ist wichtig, alles andere zählt nicht. Stressbetroffene haben eine veränderte Wahrnehmung dahingehend, das nur das, was jetzt gerade ist, wahr und gültig ist, und zwar für immer. Das erinnert an eine Art zeitliches schwarz-weiss-denken.

8.2. Zeitverarbeitung verändert

Um die Länge von zwei Zeitintervallen zu unterscheiden, von denen eines 1 Sekunde dauerte, musste das andere für AD(H)S-Betroffene 1,238 Sekunden dauern, während es für Nichtbetroffene nur 1,184 Sekunden dauern musste. Der Unterschied beträgt mithin 30 %.(176) Weitere Untersuchungen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.(177)

Bei AD(H)S ist mithin die Zeitverarbeitung im Gehirn verändert. Dies dürfte jedoch kaum unmittelbar die oben genannte Symptomatik der veränderten Zeitwahrnehmung erklären.
Bei AD(H)S ist weiter die Fähigkeit, ein Zeitintervall in der korrekten Länge zu reproduzieren, beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung korreliert mit Impulsivität.(178)

9. Schlafprobleme

Etwa 70 bis 80 % aller AD(H)S-betroffenen Kinder(179) und 11,3 %(180) bis 29 % der AD(H)S-Betroffenen Erwachsenen (gegenüber 2,3 % der Nichtbetroffenen(180) = das 5-fache bis 12-fache Risiko) haben Schlafprobleme. Diesseits wird der Anteil bei Erwachsenen AD(H)S-Betroffenen noch deutlich höher geschätzt.

75 % aller AD(H)S-Betroffenen sollen Probleme des circadianen Schlafrhythmus haben.(181) Der Schlussfolgerung, dass AD(H)S eine Folge von Schlafproblemen sei, können wir gleichwohl nicht folgen. Wir gehen davon aus, dass AD(H)S Schlafprobleme verursacht ud Schlafprobleme AD(H)S-Symptome verstärken.

Eine große Studie (n = 4109) an Kindern von 0 bis 7 Jahren stellte fest, dass AD(H)S-Betroffene mehr Schlafprobleme und in der Folge mehr Probleme mit emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeit haben als Nichtbetroffene. Zugleich wurde festgestellt, dass Schlafprobleme auch bei Nichtbetroffenen zu emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeitsproblemen führen. Schlafprobleme sind jedoch nicht der Auslöser späterer Aufmerksamkeitsproblematiken.(182)
Diesseits wird angenommen, dass Schlafprobleme bei AD(H)S-Betroffenen die Symptome von emotionaler Dysregulation und Aufmerksamkeitsproblemen verstärken und bei Nichtbetroffenen auslösen können.

Schlafprobleme sollten bei AD(H)S mit besonderer Aufmerksamkeit und Priorität behandelt werden. Treten Schlafprobleme zusammen mit (oder verursacht durch) AD(H)S auf, entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Teufelskreis.
Näheres unter AD(H)S – Behandlung und Therapie.

9.1. Einschlafprobleme

Einschlafprobleme bei AD(H)S sind meist Folge des stetigen Gedankenkreisens (Rumination), des nicht abreißenden Gedankenstroms und damit ein Ausfluss der inneren Unruhe.
Etliche Betroffene berichten, dass sie mit Hörbüchern besser einschlafen können. Eine geringe unretardierte Stimulanziendosis (1/4 bis 1/2 einer Tages-Einzeldosis) kann einem nicht unerheblichen Teil der betroffenen beim einschlafen helfen.
Zuweilen treten auch Gliedmassenzuckungen (ruhelose Beine) auf, die an restless legs erinnern.

9.2. Durchschlafprobleme

Durchschlafprobleme sollen mit die häufigsten AD(H)S sein.(183) Nach unserem persönlichen Eindruck sind Einschlafprobleme häufiger. 
Durchschlafprobleme bei Kleinkindern von 1 bis 3 Jahren waren ein stärkerer Prädiktor für ein späteres AD(H)S als die Schlafdauer.(184)

Durchschlafprobleme können von erhöhtem Alkoholkonsum hervorgerufen werden, der bei AD(H)S häufig ist, unter anderem um das Einschlafen zu fördern. Im Übrigen scheinen Durchschlafprobleme wie Kreuzschmerzen oder Zähneknirschen von einer übergroßen inneren Anspannung beeinflusst zu sein.

9.3. Schlafprobleme als Stresssymptome

Schlafstörungen sind sehr häufige Symptome bei schwerem Stress.(185)(23)(20)(73)(18)

Erhöhte Wachheit und verringerter Tiefschlaf ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

Als Stresssymptom werden auch häufige Alpträume genannt.(73)(186)

9.4. Stressnutzen von Schlafproblemen

Der Stressnutzen von Schlafproblemen könnte in der Förderung von Grübeln und Gedankenkreisen (Rumination) liegen (oder deren Folge sein), deren Stressnutzen die intensive Auseinandersetzung mit dem Stressor und die Suche nach Auswegen und Lösungen ist. Da Stress nicht als langfristige Lösungsstrategie konzipiert ist, ist der Aspekt, dass eine geringere Erholung die Lösungskompetenz beeinträchtigt, weniger relevant. Ein schlechterer Schlaf könnte zudem ein leichteres Erwachen bei sich nähernden Gefahren fördern.

10. Durst

Ein erhöhter Durst und eine deshalb erhöhte Wasseraufnahme ist ein häufig beobachtetes Stresssymptom.(27)
Da Stress darauf abzielt, den Blutdruck zu erhöhen, um den Körper optimal auf Kampf oder Flucht vorzubereiten, ist eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme ein unmittelbar sinnvolles Instrument.(187) Flüssigkeitsaufnahme verringert die Stressreaktion deutlich.(26)

11. Stressintoleranz

AD(H)S-Betroffene empfinden Stress intensiver.(188)

Stressintoleranz wurde bislang in der Fachliteratur zu AD(H)S nur am Rande als AD(H)S-Symptom erwähnt.(43)
Nach diesseitiger Auffassung ist Stressintoleranz das zentrale Symptom von AD(H)S. Eine der wichtigsten Thesen von ADXS.ORG  ist, dass AD(H)S Folge einer dauerhafte Schädigung der Stressregulationssysteme (vornehmlich der HPA-Achse) ist und alle AD(H)S-Symptome Ausdruck der chronisch überaktivierten Stressreaktionssysteme sind.
⇒ AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung
⇒ AD(H)S-Symptome sind Stresssymptome
⇒ Stressschäden – Auswirkungen von langanhaltendem Stress

Die dieser Sicht zu Grunde liegenden Erkenntnisse aus der Stressforschung wurden erstmals in den 1990er Jahren verstanden und haben sich in den letzten Jahren immer deutlicher herauskristallisiert und verdichtet. Zum Verständnis, wie weit reichend diese Erkenntnisse sind und wie sehr sie nicht nur die Behandlung von psychischen Störungen, sondern vor allem die Prophylaxe hierfür noch verändern werden, empfehlen wir die Werke

12. Reaktionszeitvarianz

AD(H)S ist gekennzeichnet von einer erhöhten Varianz der Reaktionszeit in Reaktionstests.(189)(190)(191)(192)
Die erhöhte Reaktionszeitvariabilität korreliert insbesondere mit Problemen mit anhaltender Aufmerksamkeit.(193)(194)(195)(Abweichend: Epstein et al(192).)(196)
Offenbar ist die Reaktionszeitvarianz bei der Gruppe von AD(H)S-Betroffenen, die besonders viele commisson errors (falsch-positive Fehler) machen, besonders hoch.(197)

Spannenderweise ist AD(H)S möglicherweise durch eine kürzere Reaktionszeit gekennzeichnet.(198) Nach einer anderen Untersuchung unterscheiden sich die Reaktionszeiten von AD(H)S-Betroffenen und Nichtbetroffenen nicht, jedoch sehr wohl die Sorgfaltsleistung.(199) Barkley geht dagegen von einer leichten Verringerung der durchschnittlichen Reaktionszeiten bei AD(H)S aus. Nur der Sluggish (SCT)-Subtyp habe durchgehend verringerte Reaktionsszeiten.(195) In einer anderen Untersuchung von AD(H)S-Betroffenen wurde festgestellt, dass Träger des DRD4-7R-Gen-Polymorphismus, der einer der Hauptkandidaten für Hochsensibilität und AD(H)S ist, entgegen aller Erwartung keine schlechteren Reaktionszeiten als Nichtbetroffene hatten, wohl aber Träger anderer DRD4-Polymorphismen.

Erhöhte individuelle Reaktionsvarianz ist ein Zeichen von erhöhtem neuralem Rauschen. MPH verbessert dies.(200) Neurales Rauschen wird durch arhythmische Signale im Cortex repräsentiert, die als „1/f-Rauschen“ im EEG messbar sind.  
Dopaminmangel verschlechtert den Signal-Rauschabstand. AD(H)S ist von verringerten Dopaminspiegeln im PFC und Striatum gekennzeichnet. Stimulanzien wie z.B. MPH heben den Dopaminspiegel dort an. Ein bis zum optimalen Maß steigender Dopaminspiegel verbessert den Signal-Rauschabstand.

Das Symptom der erhöhten Reaktionszeitvarianz unterscheidet AD(H)S zudem signifikant gegenüber anderen psychischen Störungen wie

  • Angst
  • Distress disorders (körperliche Stressstörungen, PTBS)
  • Oppositionelles Trotzverhalten (ODD)
  • Störung des Sozialverhaltens (Conduct Disorder, CD)
  • typische Entwicklungsstörungen

Wir testen derzeit einen Reaktionstest, um zu erforschen, ob die Reaktionszeitvariabilität zur AD(H)S-Diagnostik verwendet werden kann.
Hier startet der ADxS.org – AD(H)S-Reaktionstest (Alpha).

Bei AD(H)S scheint zudem nach einem erfolgten Fehler die Anpassung der Reaktionszeit später und in geringerem Maße zu erfolgen als bei Nichtbetroffenen.(201)

13. Sexualverhalten / Fortpflanzung

Frauen mit AD(H)S haben signifikant(202)

  • früher ihren ersten Geschlechtsverkehr
  • früher ihre erste Lebendgeburt
  • früher ihre Menopause

AD(H)S ist mit einem riskanteren Sexualverhalten verbunden.(203)

14. Suchtprobleme

Suchtprobleme sind ein mögliches Symptom von AD(H)S.

14.1. Stoffgebundene Süchte

14.1.1. Alkoholsucht

Kurzfristiger Alkoholkonsum verringert Stresssymptome. Langfristiger Alkoholkonsum erhöht sie dagegen.

Bestand neben einer Alkoholsucht eine weitere stoffgebundene Sucht, war bei jungen Männern die Wahrscheinlichkeit von AD(H)S 5,3 fach erhöht.(204)

14.1.2. Cannabiskonsum

Cannabis kann bei AD(H)S eine selbstmedikamentierende Komponente haben. Diese tritt bereits bei Dosen ein die keine Rauschwirkung haben (Microdosing). Gleichwohl ist nichtmedizinischer Cannabis keine angemessene Behandlung und medizinischer Cannabis nur in sehr seltenen Konstellationen eine mögliche Medikamentierung.
Höhere Dosen, die eine Rauschwirkung verursachen, haben keine medikamentöse Bedeutung.

Mehr hierzu unter Cannabinoiderge Medikamente bei AD(H)S und ⇒ Substanzmissbrauch mit Selbstmedikationswirkung bei AD(H)S.

14.2. Nicht stoffgebundene Süchte

14.2.1. Spielsucht

14.2.1.1. Videospiele

AD(H)S scheint eine höhere Videospielzeit auszulösen, während mehr Videospielzeit keine Erhöhung von AD(H)S bewirkt.(205)
Wir vermuten, dass das durch AD(H)S bewirkte geringere Interesse für entferntere Belohnungen eine höhere Affinität zu Videospielen auslöst, da diese häufig mittels kurzfristiger Belohnungen motivieren. 

Internetspielsucht und AD(H)S scheinen die selbe verringerte funktionelle Konnektivität zwischen PFC und subkortilaen Gehirnregionen aufzuweisen, die jeweils nach 1 Jahr medikamentöser Behandlung zurückging.(206)

14.2.2. Internetsucht

Von 650 Jungen einer High-School zeigten 12 bis 15 % eine ausgeprägte Internetsucht. Diese ging mit erhöhter AD(H)S-Symptomatik einher.(207)

Internetsucht wurde durch eine Studie in zwei Subtypen unterschieden: einen Subtyp, der mit Impulsivität und ADHS korrelierte und einen anderen Subtyp, der mit Zwanghaftigkeit korrelierte.(208)

14.2.3. Handysucht

Überhöhte Handybenutzung korreliert mit Impulsivität(29) und betraf 20,1 % der teilnehmenden studentischen Probanden.
Überhöhte Handybenutzung korrelierte weiter mit höheren Werten an

  • Alkoholkonsum
  • sexueller Aktivität
  • PTSD
  • Angststörungen
  • Depressionen

15. Messi-Tendenz / Hoarding

Bei AD(H)S ist die Unfähigkeit, Dinge wegzuwerfen und die Tendenz, Dinge zu horten, ausgeprägter als bei Nichtbetroffenen. Probanden mit Hoarding-Betroffene hatten zu 40,7 % AD(H)S-Traits gegenüber 21,7 % bei Nicht-Hoarding-Betroffenen(209)

16. Chronische Schmerzen, erhöhte Schmerzempfindlichkeit

Von 77 erwachsenen Frauen mit AD(H)S oder ASS berichteten gleichermaßen 76 % von chronischen Schmerzen.(210) Bei AD(H)S war Chronic Eidespread Pain (CWP), das Hauptsymptom von Fibromyalgie, mit 39 % fast doppelt so häufig wie bei ASS.
Die meistgenannten schmerzenden Körperregionen waren

  • unterer Rücken (47 %)
  • Nacken (37 %)
  • Schulter (35 %)
  • Kopf (32 %, bezogen auf AD(H)S)
  • Magen (30 %)
  • Arme / Hände (30 %)
  • oberer Rücken (27 %)
  • Knie (27 %)
  • Hüfte / Schenkel (18 %)
  • Waden / Füsse (16 %)
  • Brust (4 %)

17. Stresssymptome, die keine typischen AD(H)S-Symptome sind

Es gibt eine Reihe von Stresssymptomen, die in der AD(H)S-Fachliteratur nicht als AD(H)S-Symptome genannt werden. Es handelt sich vornehmlich um körperliche Stresssymptome.

Bei vielen könnte sich die Differenzierung innerhalb des diesseits vertretenen Erklärungsmodells daraus erklären lassen, dass es sich um sekundäre Stresssymptome handelt, die nicht unmittelbar über die HPA-Achse vermittelt werden – z.B. psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Rückenschmerzen.

Somatische Beschwerden könnten (mit Ausnahme von Schlafproblemen) eine weitere Stressart sein, die bei AD(H)S-Betroffenen signifikant geringer auftritt als bei Nichtbetroffenen (unter Stress).(211) Dieser Umstand wäre nach dem in der Einleitung unter 13. beschriebenen Modell erklärbar.
Die diesseitigen Untersuchungen (bei geringem n) deuten jedoch – früher zu unserem eigenen Erstaunen – ebenfalls darauf hin, dass bei erwachsenen AD(H)S-Betroffenen die somatischen Stresssymptome deutlich unterrepräsentiert sind. Ausnahmen bestehen nur bei Schlafstörungen (sehr deutlich) sowie Erschöpfungszuständen und Muskelspannung (noch deutlich). Alle anderen somatischen Stresssymptome sind dagegen seltener als bei Nichtbetroffenen.
Die Ergebnisse werden wir mit wachsender Probandenzahl weiter berichten.

17.1. Sexuelle Probleme / Lustlosigkeit

Sexuelle Problem mit verringerter Libido sind ein Stresssymptom.(17)(20)(73)
Eine Unterdrückung der Libido ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)
Sexuelle Probleme oder Lustlosigkeit sind keine spezifischen AD(H)S-Symptome, treten aber gleichwohl gehäuft auf. Bei AD(H)S wird eine gestörte Sexualität als häufige Komorbidität genannt.(212) Sexualität wird weiter als Suchtgegenstand und Mittel zum Spannungsabbau bei AD(H)S erwähnt(213)
Die Anzahl der Sexualpartner bei AD(H)S ist typischerweise erhöht, der erste Sex findet im Durchschnitt früher statt als bei Nichtbetroffenen. Ein Rückgang der Libido wird in Verbindung mit Medikamentierung bei AD(H)S genannt.(214)

17.2. Zunehmende Muskelspannung

Dies wird als Stresssymptom genannt.(20)(215)

Erhöhter Muskeltonus (der meist Nachts auftritt) kann mittelfristig z.B. zu erheblichen Rückenschmerzen bis hin zu Wirbelblockaden führen. Eine erhöhte Muskelanspannung ist ein Stresssymptom, das als Stressnutzen eine verringerte Verletzungsgefahr im Kampf mit sich bringt. Rückenschmerzen sind so betrachtet häufig eine Stressnutzenfolge.
Vor diesem Hintergrund ist es richtig, diese nicht als unmittelbare AD(H)S-Symptome zu begreifen. Das ändert nichts daran, dass es sich um häufig auftretende Stresssymptome handelt, die auch bei AD(H)S auftreten können.

17.3. Erschöpfungszustände

Dies wird als Stresssymptom genannt.(20)

17.4. Herz-Kreislauf Beschwerden

Dies wird als Stresssymptom genannt.(17)(20)

17.5. Appetitlosigkeit / Heisshunger

Essprobleme sind keine AD(H)S-Symptome, treten aber häufig komorbid auf.
Adipositas (Fettsucht) tritt bei AD(H)S mindestens doppelt so häufig auf wie bei Nichtbetroffenen.
Essstörungen sind bei AD(H)S-Betroffenen bis zu 8 mal so häufig wie bei Nichtbetroffenen
Mehr hierzu im Beitrag AD(H)S, Übergewicht und Essstörungen.

Mindestens bei Erwachsenen besteht eine starke Korrelation zwischen Adipositas und AD(H)S.(216)

AD(H)S-Betroffene mit Adipositas zeigen häufiger eine hohe Impulsivität als AD(H)S-Betroffene mit Normalgewicht. Impulsivität könnte das verbindende Element zwischen Adipositas und AD(H)S sein.(217)

Manche Menschen reagieren auf Stress mit Gewichtsveränderungen. Dabei ist eine Gewichtsabnahme ebenso möglich wie eine Gewichtszunahme.

Appetitlosigkeit ist ein Stresssymptom.(20)(73)(22)(23)
Appetitlosigkeit ist eine unmittelbare Wirkung des Stresshormons CRH.(22)(23)

Eine Gewichtszunahme als Stressreaktion könnte evolutionsbiologisch als erhöhte Speicherung von Energie in Notsituationen interpretiert werden. Da bei AD(H)S die Stresssysteme häufiger aktiviert sind (ADS) bzw. nicht sauber abschalten und daher daueraktiviert sind (ADHS) könnte die bei AD(H)S überdurchschnittlich häufige Adipositas als Stresssymptom entsprechend veranlagter Betroffener verstanden werden.

17.6. Kopfschmerzen

Kopfschmerzen und Migräne sind keine typischen AD(H)S-Symptome, treten aber häufig komorbid auf.

Kopfschmerzen und Migräne sind Stresssymptome.(17)(20)(73)(218)

17.7. Bauchschmerzen

Bauchschmerzen scheinen bei Kindern mit AD(H)S häufiger aufzutreten, nicht aber bei Erwachsenen mit AD(H)S.

Bauchschmerzen sind ein typisches Stresssymptom.(20)(122)
Das Gleiche gilt für Übelkeit.(18)

17.8. Immunsystemprobleme / Häufige Erkältungen

Häufige Erkältungen / Infekte sind ein Stresssymptom.(17) Eine erhöhte Infektanfälligkeit ist ein typisches Symptome für den nahenden Endzustand eines Burnouts.(19)

Stresshormone (Adrenalin, CRH, Cortisol) sind in der Lage, für eine bestimmte Zeit das Immunsystem künstlich anzukurbeln. Für die Gattung des Homo Sapiens war es schlicht überlebensförderlich, wenn in Situationen der Not, in denen das Überleben erkämpft werden musste, nicht gerade einfache (vermeidbare) Krankheiten dazwischen kamen. Die Stresshormone Adrenalin und CRH bewirken deshalb eine (zeitlich begrenzte) entzündungsfördernde Erhöhung der Aktivität des Immunsystems.
Diese Erhöhung ist jedoch zum einen Kräfte raubend und führt zum zweiten in der ersten Stresspause dazu, dass der Körper sich nun die erforderliche Regeneration nimmt und die aktive Krankheitsbekämpfung angeht – z.B. durch Fieber und andere Mechanismen, mit denen der Körper sich gegen Krankheitserreger schützt.
Dies ist der Grund, warum beruflich gestresste Menschen häufig im Laufe der ersten Urlaubswoche krank werden.

Cortisol hat neben seinen stresssymptomvermittelnden Wirkungen zugleich die Aufgabe, die Stressreaktion zu beenden (indem es die am Anfang der Stresskette ausgeschütteten Hormone hemmt und damit seine eigene Aussschüttung zeitlich begrenzt). Cortisol verringert zugleich die entzündungsfördernde Wirkung von Adrenalin und CRH und fördert stattdessen andere Immunreaktionen, die sich vornehmlich gegen Bakterien und Parasiten richten. Je nach dem, in welcher Richtung die Stresssysteme aus dem Gleichgewicht geraten sind, können überschiessende Entzündungen (z.B. der Darmschleimhaut bei morbus crohn oder der Haut bei Neurodermitis) oder überschiessende Immunreaktionen gegen externe Erreger (z.B. Allergien) auftreten.       

17.9. Zunehmende Atemfrequenz

Zunehmende Atemfrequenz ist ein Stresssymptom.(20)(219)

18. Individuelle Varianz von Stresssymptomen als Überlebensvorteil für Gruppe und Gattung.

Das parallele Auftreten von Aggression und Ängstlichkeit bei verschiedenen Individuen könnte ein Stressnutzen für die Gattung sein. Wenn die Mitglieder einer Gruppe unterschiedliche Stressreaktionen haben, sichert dies das Überleben der Gruppe besser als wenn alle Exemplare die selbe Reaktion zeigen. Ist eine bestimmte Stressreaktion (z.B.: die impulsiv-aggressive) weniger gut geeignet, den Stressor erfolgreich zu bekämpfen, sind nur diejenigen Exemplare, die diesen Stressreaktionsphänotyp tragen, vom Untergang bedroht. Ist die Variante des Abwartens und Flüchtens oder des Totstellens weniger geeignet, überleben diese Exemplare nicht so gut – während die aggressiveren Typen Vorteile haben. Unterschiedliche Stressreaktionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Exemplare der Gattung überleben. Daneben erhöht eine Mehrzahl verschiedener Stressreaktionstypen die Chance der ganzen Gruppe, einen Stressor optimal bewältigen zu können.

19. Stressnutzen erklärt Unterschied AD(H)S und andere psychische Störungen

Die Symptome von AD(H)S sind nahezu durchgängig funktionale Stresssymptome. Funktional meint, dass sie einen Nutzen für den Träger im Kampf mit einem Stressor besitzen – in der Annahme, dass eine akute und massive Bedrohung für die Existenz des Betreffenden besteht.

Die Symptome anderer psychischer Störungen lassen sich davon abgrenzen, dass sie meist nicht mehr funktionale, sondern dysfunktional gewordene Stresssymptome sind. Dysfunktional meint, dass kein unmittelbarer Stressnutzen des Kernsymptoms / der Kernsymptome besteht.
Das Mass der Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, das eine Depression kennzeichnet, ist nicht dazu geeignet, den Stressor zu bekämpfen.
Man könnte vielleicht noch einen Stressnutzen darin sehn, dass der aktive Kampf gegen den Stressor nun verloren ist, und das es danach überlebensförderlicher ist, sich damit abzufinden, als weiter gegen den Stressor zu kämpfen, da dies weitere Energieverluste und vor allem das Risiko einer Tötung beinhalten könnte. Dies wäre erkennbar ein anderer Zustand des Kampfes gegen einen Stressor.
Möglicherweise überdehnt dieser Gedanke auch das Bild des Stressnutzens, das zur Erklärung und zum Verständnis der aktiven Stressreaktionen bei AD(H)S hilfreich ist.

20. Komorbiditäten

Weitere häufig auftretende Symptome stammen nicht aus AD(H)S selbst, sondern aus Störungen, die häufig zusammen mit AD(H)S auftreten, sogenannte typische Komorbiditäten.

Näheres hierzu auf der Seite ⇒ AD(H)S – Komorbidität und den Unterseiten zu den einzelnen Komorbiditäten.

 

Die Darstellung dieser Seite ist kein Diagnoseinstrument. Hierfür wäre eine Gewichtung der aufgelisteten Symptome erforderlich, sowie die Ermittlung von Vergleichswerten, wie häufig ein Symptom bei AD(H)S auftritt und wie viele Symptome gemeinsam häufig bei einem Menschen auftreten müssen, um einen Hinweis auf ein Vorliegen von AD(H)S geben zu können.
Einen Hinweis auf ein mögliches AD(H)S anhand der bestehenden Symptome liefert unser Onlinetest unter
AD(H)S-Online-Tests und Umfragen.

 

Zuletzt aktualisiert am 27.11.2019 um 23:57 Uhr


3.)
so auch Barkley, Steinhausen, Krause und viele andere - (Position im Text: 1)
5.)
8.)
Studie des MIND Institute der Universität California, zitiert nach Winkler in http://web4health.info/de/answers/adhd-menu.htm - (Position im Text: 1, 2, 3)
11.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 61 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23)
21.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 113 - (Position im Text: 1, 2)
26.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 74 - (Position im Text: 1, 2, 3)
38.)
Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment in Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1, 2, 3)
39.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 7 mit Nachweisen - (Position im Text: 1, 2)
46.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 21:30 - (Position im Text: 1)
47.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter. In 3. Auflage: S. 64. - (Position im Text: 1)
48.)
49.)
Brown (2015): ADHD – From Stereopypic to Science in Educational Leadership, 10/2015, S. 52 – 56, Seite 54; Brown ist Leiter der Yale Clinic for Attention and Related Disorders in New Haven, Connecticut - (Position im Text: 1, 2)
57.)
Biederman, Lanier, DiSalvo, Noyes, Fried, Woodworth, Biederman, Faraone (2019): Clinical correlates of mind wandering in adults with ADHD. J Psychiatr Res. 2019 Oct;117:15-23. doi: 10.1016/j.jpsychires.2019.06.012. - (Position im Text: 1)
61.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 24:10 - (Position im Text: 1)
69.)
Dickerson, Kemeny (2004) und Kudielka et. al (2009), zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2 Seite 32, mwN - (Position im Text: 1, 2, 3)
71.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Schattauer, S. 60 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12)
73.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10)
77.)
Dagegen: Stahl (2013): Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment. In: Stahl’s essential psychopharmacology, 4. Ausgabe, Seite 486 - (Position im Text: 1)
79.)
96.)
Seligman - (Position im Text: 1)
100.)
103.)
110.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl. Schattauer, S. 44 – 58 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5)
122.)
Satow (2012): Stress- und Coping-Inventar (SCI); PSYNDEX Test-Nr. 9006508; Test im Testinventar des Leibniz‐Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). - (Position im Text: 1, 2)
123.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2005): Mensch im Stress; Elsevier (jetzt Springer), Seiten 151. Zu weiteren Wirkungen von CRH siehe auch Seite 96 - (Position im Text: 1)
125.)
Kudielka et. al (2009), S. 129 zitiert nach Schoofs, Psychosozialer Stress, die endokrine Stressreaktion und ihr Einfluss auf Arbeitsgedächtnisprozesse, Dissertation (2009), Seite 2, Seite 2, Seite 129, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1, 2)
145.)
Braun, Helmeke, Poeggel, Bock (2005): Tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen. In: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. 3. Aufl. Schattauer, S. 44 – 58, zitiert nach Eckerle (2010?): Neurobiologische Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Hochbegabung und psychischen Störungen (z.B. ADS) in der Adoleszenz. - (Position im Text: 1)
154.)
Strehl (Hrsg.) (2013): Neurofeedback, Kohlhammer, Kapitel 6.2.3. - (Position im Text: 1)
155.)
Strehl (Hrsg.) (2002): Neurofeedback, Kohlhammer, Kapitel 6.2.3. unter Verweis auf Kropotov 2009 - (Position im Text: 1)
166.)
173.)
Rossi (2012): ADHS-Buch, heute leider nicht mehr frei downloadbar, Seite 359 - (Position im Text: 1)
195.)
Vortrag Barkley (2014) an der Lynn University, Minute 19:40 - (Position im Text: 1, 2)
212.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 53 - (Position im Text: 1)
213.)
Edel, Vollmöller (2006): ADHS bei Erwachsenen, Seite 69 - (Position im Text: 1)

Ein Gedanke zu „Gesamtliste der AD(H)S-Symptome nach Erscheinungsformen“

  1. Danke für diese ausführliche und liebevoll begründete Symptomliste!
    Bei manchen Erklärungen mit Situationen aus der Steinzeit musste ich wirklich lachen.
    Aber es ist sehr befreiend, die Vor- und Nachteile zu bedenken.

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