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Parkinson - eine andere Störung des Dopaminsystems

Inhaltsverzeichnis

Parkinson - eine andere Störung des Dopaminsystems

Parkinson (Parkinsonismus) ist wie AD(H)S von einer Störung des Dopaminsystems gekennzeichnet, die jedoch andere neurophysiologische Ursachen hat und anders behandelt werden muss als AD(H)S. Parkinson-Medikamente wie L-Dopa sind bei AD(H)S nicht hilfreich, während Stimulanzien wie Amphetaminmedikamente oder Methylphenidat bei Parkinson wirksam zu sein scheinen.

Obwohl Parkinson von AD(H)S vollständig abgrenzbar ist, ist es hilfreich, die unterschiedlichen Formen der Störungen des Dopaminsystems bei Parkinson und AD(H)S zu vergleichen. Es ergeben sich manche Berührungspunkte, zu denen die AD(H)S-Fachliteratur bisher keine Erklärungsansätze bietet, wie z.B. der bei AD(H)S ebenfalls typisch erhöhte Muskeltonus.

Frühere Bezeichnungen von Parkinson waren auch Parkinsonsche Krankheit, Paralysis agitans, Schüttellähmung/Zitterlähmung, Schüttelkrankheit.

1. Neurophysiologische Korrelate von Parkinson

Parkinson ist die Folge einer Degeneration der dopaminergen Nervenzellen in

  • Substantia Nigra12
    • insbesondere hinsichtlich der melaninhaltigen Neuronen in der Substantia nigra.
      • Diese hemmen cholinerge Neurone im Striatum. Dies wiederum verursacht Bradykinese.
      • Der Dopaminmangel in den Basalganglien verursacht
        • relativen Überschuss von Acetylcholin
        • Veränderung von Serotonin
        • Veränderung von Noradrenalin
  • VTA1
    • VTA-Neuronen projizieren in
      • ventrales Striatum
      • Amygdala
      • präfrontale Amygdala
      • PFC
      • weitere basale Vorderhirnareale, die an kognitiven und affektiven Funktionen beteiligt sind.

Bei Parkinson ist der REM-Schlaf deutlich reduziert. Dieser wird von Dopamin (mit)reguliert.1

Eine Schlüsselrolle beim Verlust dopaminerger Neuronen spielt oxidativer Stress. Der Dopaminstoffwechsel ist eng mit oxidativem Stress verbunden. Dopaminabbau:2

  • erzeugt reaktive Sauerstoffspezies (ROS)
  • kann zu endogenen Neurotoxinen führen
  • einige DA-Derivate zeigen antioxidative Wirkungen

Eine weitere Hauptursache der Neurodegeneration sind mitochondriale Beeinträchtigungen.3

Die somatodendritische Freisetzung von Dopamin (die allein aus Dendriten erfolgt) bewirkt ein verzögertes Auftreten der Parkinson-Symptome, indem es die umfangreiche axonale Degeneration der SNc-Dopamin-Neuronen kompensiert.4

2. Symptome von Parkinson

Parkinson ist

  • eine degenerative Erkrankung des extrapyramidal-motorischen Systems
  • ein Syndrom hyperton-hypokinetischer Bewegungsstörungen.5

2.1. Hauptsymptome von Parkinson

  • Bradykinese, Hypokinese, Akinese
    • Bradykinese:
      • verlangsamte Willkürmotorik
    • Hypokinese
      • verminderte Beweglichkeit, Bewegungsarmut, Mangel an Spontanmotorik
      • Frühe Anzeichen:
        • nachlassendes Tempos bei Alltagstätigkeiten
        • reduzierte Mitbewegungen (Arme beim Gehen)
          • oft zunächst einseitig
        • eingeschränkte Mimik, maskenhaftes Gesicht (Hypomimie).
        • Schrift wird kleiner
        • „unrunde“ Bewegung beim längeren Laufen (etwas nachziehen)
        • leise, monotone, undeutliche Sprache
    • Akinese
      • Bewegungsstarre (Extremform)
  • Rigor
    • erhöhter Muskeltonus
      • Muskelsteifheit
        • unwillkürliche Anspannung der gesamten quergestreiften Muskulatur
        • häufig mit Muskelschmerzen
        • leichte Beugung von Ellenbogengelenk, Rumpf, Nacken, später auch Kniegelenke
        • Nacken-/Schulterverspannung (schmerzhaft)
        • körpernahe (axiale) Muskelgruppen häufiger betroffen
      • unabhängig von der Geschwindigkeit der Gelenkbewegung
      • Zahnradphänomen bei passiver Bewegung einer Extremität
        • ruckartiges Nachgeben von passiv bewegtem Gliedmaß
      • häufig (zunächst) einseitig
        • ein Arm schwingt beim Gehen weniger mit
        • Frühform
  • Ruhetremor
    • rhythmisches Zittern der Extremitäten bei körperlicher Ruhe
    • Frequenz ca. 4–6 Hz, selten bis 9 Hz
    • Verringerung durch gezielte Bewegungen
    • Aktivierbarkeit durch geistige Beschäftigung oder Emotionen
    • typisch bei idiopathischem Parkinson, seltener bei atypischem Parkinson
  • posturale Instabilität
    • Gangunsicherheit
    • Standunsicherheit
    • Haltungsinstabilität
    • Folge der Störung der Stellreflexe
  • nicht-motorische neurologische Symptome
    • Folge der Beeinträchtigung weiterer Neurotransmittersysteme
      • Serotonin
      • Noradrenalin

2.2. Mögliche weitere Symptome von Parkinson

  • Sensorische Symptome
    • Dysästhesien
      • taktile Überempfindlichkeit (ebenso bei AD(H)S: erhöhte Sensibilität)
    • Schmerzen
      • besonders Gelenke und Muskeln
    • Hyposmie (verringerte Geruchswahrnehmung)
      • Frühsymptom, tritt bereits Jahre vorher auf
  • Vegetative Symptome
    • Temperaturregulationsstörung (ebenso bei AD(H)S: erhöhte Sensibilität)
      • verminderte Hitzetoleranz
        • reflektorisches Schwitzen und reflektorische Gefäßerweiterung bei Wärme gestört
        • bei fortgeschrittener Erkrankung bis zu lebensbedrohlichem hohen Fieber
        • starke Schweißausbrüche, insb. nachts
    • Blasenfunktionsstörungen
    • Störung der Magen-/Darmfunktion
      • verlangsamte Magenentleerung
      • Verstopfung
    • sexuelle Dysfunktion
      • Libido beeinträchtigt
    • vermehrte Talgsekretion (Salbengesicht)
  • Psychische Symptome
    • insbesondere Depressionen
      • Dysphorie bei 40 % der Betroffenen bereits Jahre vorher (Häufigkeit bei AD(H)S erhöht; dort außerdem Dysphorie bei Inaktivität)
      • Apathie (Teilnahmslosigkeit)
    • erhöhte Reizbarkeit (ebenso bei AD(H)S)
    • Bradyphrenie
      • verlangsamte Denkabläufe
      • inhaltlich unbeeinträchtigt
      • Ausdruck allgemeiner Antriebsstörung
  • Schlafstörungen (ebenso bei AD(H)S: dort nach hinten verschobener Chronorhythmus)
    • Störung des Traumschlafs / REM-Schlaf
      • atypische starke Bewegungen
      • gesunder REM-Schlaf ist normalerweise bewegungslos
      • bis hin zum Schreien oder Umsichschlagen
      • oft auch Restless Legs
  • Kognitive Symptome
    • Konzentrationsstörungen (ebenso bei AD(H)S)
    • Störungen des Frontalhirns
      • visuospatiale Aufmerksamkeit beeinträchtigt (Einschätzung von Entfernungen und Geschwindigkeiten)
    • in fortgeschrittenen Stadien Demenz
      • Lewy-Körperchen-Demenz
  • Pseudohypersalivation
    • Speichelabschluckstörung
  • Wirkungsschwankungen der gewählten Medikation
  • Freezing (Einfrieren)
  • Hyperkinesien (Überbewegungen) (ähnlich bei AD(H)S: dort Hyperaktivität)
  • Dystonien
    • lang anhaltende, unwillkürliche Kontraktionen der Skelettmuskulatur
    • führt zu abnormen Haltungen und Fehlstellungen von Körper oder Körperteilen (Kamptokormie)
  • Orthostatische Dysregulation
    • Regulationsstörung des Blutdrucks bei Wechsel in aufrechte Körperlage (Orthostase)
  • Psychosen
  • Impulskontrollstörungen (ebenso bei AD(H)S)
  • Akinetische Krise
    • plötzliche, akute Verschlechterung der motorischen Symptomatik (extremer Rigor)
      • bis zu vollständigen Bewegungsunfähigkeit (Akinesie)
      • Schlucken erschwert (Dysphagie)
      • Sprechen erschwert
      • Hyperthermie häufig

2.3. Stadien von idiopathischem Parkinson

Es werden sechs Parkinson-Stadien unterschieden6, die jeweils mit einem bestimmten Bereich des ZNS in Verbindung stehen:7

  • Stadium 1 (präsymptomatisch)
    • Pathologie beschränkt auf
      • Läsionen/Dysfunktionen in der unteren Medulla oblongata7
      • Bulbus olfactorius/anteriorer Nucleus olfactorius
    • Krankheit wird nur sehr selten diagnostiziert
    • Symptome sind subtii:
      • hauptsächlich nicht-motorische Symptome
        • z. B. Geruchsverlust
        • depressive Symptome
        • einseitiges Ruhezittern
        • Veränderungen im Gesichtsausdruck.
  • Stadium 2 (präsymptomatisch)
    • Schädigung der unteren Raphe-Kerne
    • motorische Symptomen, die das Gehen und die Körperhaltung betreffen
  • Stadium 3 (symptomatisch)
    • Substantia nigra geschädigt
    • motorische Symptome wie Gleichgewichtsstörungen
  • Stadium 4 (symptomatisch)
    • temporaler Mesokortex und andere graue Kerne des Mittel- und Vorderhirns zeigen zunehmende pathologische Veränderungen
    • Symptome werden stärker und häufiger diagnostiziert
    • Läsionen im Nervensystem sprechen nicht mehr auf die verabreichten Medikamente an;
  • Das 5 (Endstadium 1)
    • neokortikale temporalen Feldern
    • Viele alltägliche Verrichtungen sind nicht mehr möglich, und selbst beim Gehen kann Hilfe erforderlich sein
  • Stadium 6 (Endstadium 2)
    • pathologische Veränderungen des reifen Neokortex
    • Parkinson manifestiert sich in allen klinischen Dimensionen
    • Motorische Schwierigkeiten so ausgeprägt, dass Betroffene ihre Unabhängigkeit verlieren
    • Patienten sind fast vollständig immobil und können psychische Symptome wie Halluzinationen haben

3. Formen von Parkinson

3.1. Idiopathisches Parkinson-Syndrom (IPS, Morbus Parkinson, sporadic PD)

Betrifft 3/4 aller Parkinson-Fälle.5
Subtypen:

  • akinetisch-rigider Typ
  • Tremordominanztyp
  • Äquivalenztyp
  • monosymptomatischen Ruhetremor

Beginnt häufig einseitig,

3.2. Monogenetisches Parkinson-Syndrom

Betrifft 5 bis 10 % aller Parkinson-Fälle. Genkandidaten sind PARK 1 bis PARK 16.

3.3. Atypisches Parkinson-Syndrom (Parkinson Plus Syndrom)

Atypische Parkinson-Syndrome entstehen komorbid zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie z.B.:

  • Multisystematrophie (MSA)
    • Striatonigrale Degeneration (MSA-P, SND)
    • Olivopontocerebelläre Atrophie (MSA-C, OPCA)
  • Primäre orthostatische Hypotension (Shy-Drager-Syndrom)
  • Progressive supranukleäre Blickparese (PSP, Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom)
  • Lewy-Körperchen-Demenz (LBD)
  • Kortikobasale Degeneration (CBD)

3.4. Sekundäre Parkinson-Syndrome

Symptomatische / sekundäre Parkinson-Syndrome sind eine Folge identifizierbarer Primärfaktoren:5

  • Medikamente
    • klassische Neuroleptika
    • Lithium
    • Valproinsäure
    • Antiemetika
      • Metoclopramid
    • Kalziumantagonisten
      • Cinnarizin
      • Flunarizin
  • Vergiftungen
    • Kohlenmonoxid
    • Mangan
    • MPTP
    • Paraquat (Herbizid)
    • Rotenon (Insektizid)
    • Lindan
    • Trichloräthylen- oder Perchloräthylen-basierte Entfettungs- und Reinigungsmittel
    • Octenol (ein Gift von Schimmelpilzen)
  • Schädel-Hirn-Traumata
    • bisher kein belastbarer Hinweis für Gehirnerschütterungen als Parkinson-Ursache
  • Hirntumore
  • Entzündungen
    • Enzephalitis
    • HIV-Enzephalopathie
  • Stoffwechselstörungen
    • Morbus Wilson
    • Hypoparathyreoidismus

4. Einzelne Ursachen von Parkinson

4.1. Oxidativer Stress

Als plausibelste Ursache von Parkinson gilt oxidativer Stress, der zu einer Funktionsstörung der dopaminergen Neuronen in der Substantia nigra führt. Reaktive Sauerstoffspezies (ROS) können die Caspase-Kaskade in den Mitochondrien aktivieren, was zum Tod der Zelle führt. Das Vorhandensein von ROS scheint das Parkinson-Risiko zu erhöhen.8

Ein Cytochrom P450 2D6-Mangel verdoppelt die Wahrscheinlichkeit, bei Kontamination mit Pestiziden Parkinson zu entwickeln. Normalerweise baut CPY2D6 Pestizide ab. Der Abbaumangel führt zu einer Anhäufung von Toxinen. Schwermetallvergiftungen führen häufig zu einer Anhäufung dieser Toxine im Nigra-Material, was reaktive oxidative Schäden auslöst.8

4.2. Aggregation von Alpha-Synuclein

Eine Aggregation von Alpha-Synuclein ist ein häufiger Befund bei Parkinson. Diese Aggregate sind schädlich für dopaminerge Neuronen und können die Bildung von Lewy-Körpern und schließlich eine Nekrose verursachen. Die Bildung von Lewy-Körpern kann eine Kaskade von Ereignissen auslösen. In einem nicht-pathologischen Zustand werden Lewy-Körper-Aggregate in der Regel durch einen Proteasom-Komplex oder ein Lysosom gespült. Bei Parkinson kommt es jedoch häufig zu Defekten in diesen Abfangwegen, was zu einer weiteren Ausbreitung der Aggregate führt. Lewy-Körpern gelten als definierendes pathologisches Merkmal von Parkinson und sind auch bei Demenz häufig anzutreffen. Vermutlich wird das ursprüngliche Alpha-Synuclein über den Nervus vagus, die wichtigste parasympathische Einheit, vom enterischen Nervensystem (Darm) aus transportiert.8

4.3. Glucocorticoide und Entzündungen bei Parkinson

Chronische Entzündungen sind ein charakteristisches Merkmal von Parkinson. Parkinson korreliert mit erhöhten Werten potenter entzündungsfördernder Moleküle wie

  • TNF
  • iNOS
  • IL-1β.

Dopaminerge Neuronen sind besonders anfällig für aktivierte Glia, die diese toxischen Faktoren freisetzen. Mikroglia, Astrozyten und infiltrierende T-Zellen vermitteln chronische Entzündungen. Ein weiteres wichtiges Effektorsystem der Regulation von Entzündungen ist die HPA-Achse. Glucocorticoide, wie sie von der letzten Stufe der HPA-Achse, der Nebennierenrinde freigesetzt werden, aktivieren den Glucocorticoidrezeptor (GR). Dieser vermttelt die Deaktivierung der ersten Stufen der HPA-Achse und reguliert Entzündungen sowohl durch direkte Transkriptionswirkung auf Zielgene als auch durch indirekte Hemmung der Transkriptionsaktivitäten von Transkriptionsfaktoren wie NF-κB, AP-1 oder Interferon-Regulationsfaktoren. Bei Parkinson ist die HPA-Achse im Ungleichgewicht. Die Cortisolwerte sind deutlich erhöht, was auf eine Deregulierung der GR-Funktion in Immunzellen hindeutet. Weiter trägt die Aktivierung der mikroglialen GR zur Deaktivierung der mikroglialen Zellen bei und reduziert die dopaminerge Degeneration. Glucocorticoide regulieren weiterhin die Blutgefäße des menschlichen Gehirns sowie die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke (BHS) regulieren. Eine Störung der Glucocorticoid-Wirkung kann die Infiltration zytotoxischer Moleküle beeinflussen, was zu einer erhöhten Anfälligkeit der Dopamin-Neuronen bei Parkinson führt. Insgesamt ist eine Deregulierung der Glucocorticoidrezeptorwirkung wahrscheinlich wichtig für die Degeneration von Dopamin-Neuronen durch die Entstehung einer chronischen Entzündung.9

5. Prävalenz von Parkinson

Die Prävalenz ist stark altersabhängig.10

40 bis 49 Jahre: 0,041 %
50 bis 59 Jahre: 0,107 %
60 bis 69 Jahre: 0,428 %
70 bis 79 Jahre: 1,087 %
über 80 Jahre: 1,903 %

In Deutschland sind 300.000 bis 400.000 Menschen betroffen.

Es bestehen nur wenige Unterschiede zwischen Geschlechtern und Ethnien.

6. Parkinsonsymptome und AD(H)S-Symptome im Vergleich

6.1. Parkinsonsymptome, die auch bei AD(H)S auftreten

Neuropsychologische Studien zu AD(H)S bei Erwachsenen, Parkinson im Prodromalstadium und Parkinson im Frühstadium zeigen ähnliche Defizite bei

  • Exekutivfunktionen
  • Gedächtnis
  • Aufmerksamkeit
  • Impulshemmung

Diese Symptome werden durch ähnliche neuronale Substrate vermittelt.11

Bei AD(H)S treten folgende Parkinsonsymptome ebenfalls auf:

  • Hypokinese
    • (nur) ähnlich bei AD(H)S: Störungen von Grobmotorik und Feinmotorik
      * viele blaue Flecken
      * Schrift ist unschön bis unleserlich
  • Muskelspannung erhöht
    • Parkinson: Rigor
      • erhöhter Muskeltonus
        • Muskelsteifheit
        • Nacken-/Schulterverspannung (schmerzhaft)
    • AD(H)S: Muskelverspannungen
      • erhöhter Muskeltonus
        • Nacken-/Schulter/ Rückenverspannung (schmerzhaft)
  • posturale Instabilität
    • Parkinson:
      • Gangunsicherheit
      • Standunsicherheit
      • Haltungsinstabilität
      • Folge der Störung der Stellreflexe
    • AD(H)S zeigt erhöhte posturale Instabilität12 bei medikamentennaiven Betroffenen13
  • nicht-motorische neurologische Symptome als Folge der Beeinträchtigung weiterer Neurotransmittersysteme
    • Noradrenalin
      • ebenfalls bei AD(H)S
    • Serotonin
      • ebenso bei AD(H)S, jedoch nur gering
  • Sensorische Symptome
    • Dysästhesien
      • taktile Überempfindlichkeit (ebenso bei AD(H)S: erhöhte Sensibilität)
    • Schmerzen
      • besonders Gelenke und Muskeln
      • bei AD(H)S: erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • Vegetative Symptome
    • Temperaturregulationsstörung
      • verminderte Hitzetoleranz
        • reflektorisches Schwitzen und reflektorische Gefäßerweiterung bei Wärme gestört
        • bei fortgeschrittener Erkrankung bis zu lebensbedrohliche hohem Fieber
        • starke Schweißausbrüche, insb. nachts
      • bei AD(H)S: etwas erhöhte Sensibilität auf Temperatur
  • Psychische Symptome
    • insbesondere Depressionen
      • Parkinson:
        • Dysphorie bei 40 % der Betroffenen bereits Jahre vorher
        • Angst
      • AD(H)S:
        • Depression und Angst häufig
        • außerdem Dysphorie bei Inaktivität
    • Antriebsprobleme
      • Parkinson
        • Apathie (Teilnahmslosigkeit)
      • AD(H)S
        • Antriebsschwäche (deutlich schwächere Form): Häufigkeit erhöht
    • Reizbarkeit
      • Parkinson: erhöht
      • AD(H)S: erhöht
    • Bradyphrenie
      • Parkinson:
        • verlangsamte Denkabläufe
        • inhaltlich unbeeinträchtigt
        • Ausdruck allgemeiner Antriebsstörung
      • erinnert an SCT, das früher als AD(H)S-Subtyp galt
  • Schlafstörungen
    • Parkinson
      • Störung des Traumschlafs / REM-Schlaf
        • atypische starke Bewegungen
        • gesunder REM-Schlaf ist normalerweise bewegungslos
        • bis hin zum Schreien oder Umsichschlagen
      • oft auch Restless Legs
    • AD(H)S:
      • nach hinten verschobener Chronorhythmus
      • Einschlafprobleme
      • Restless Legs häufig
  • Kognitive Symptome
    • Konzentrationsstörungen
      • Parkinson: häufig
      • AD(H)S: eines der Kernsymptome
    • Störungen des Frontalhirns
      • Parkinson: visuospatiale Aufmerksamkeit beeinträchtigt (Einschätzung von Entfernungen und Geschwindigkeiten)
      • AD(H)S: das visospatiale Arbeitsgedächtnis ist beeinträchtigt
  • Hyperkinesien (Überbewegungen)
    • Parkinson: häufig
    • AD(H)S: hier Hyperaktivität
  • Impulskontrollstörungen
    • Parkinson: häufig
    • AD(H)S: häufig

6.2. Parkinsonsymptome, die bei AD(H)S nicht auftreten

Bei AD(H)S treten folgende Parkinsonsymptome nicht auf:

  • Bradykinese, Akinese
    • Bradykinese:
      • verlangsamte Willkürmotorik
    • Hypokinese
      • verminderte Beweglichkeit, Bewegungsarmut, Mangel an Spontanmotorik
    • Akinese
      • Bewegungsstarre (Extremform)
  • Rigor:
    * Zahnradphänomen bei passiver Bewegung einer Extremität
    * ruckartiges Nachgeben von passiv bewegtem Gliedmaß
    * häufig (zunächst) einseitig
    * ein Arm schwingt beim Gehen weniger mit
    * Frühform
  • Ruhetremor
    • rhythmisches Zittern der Extremitäten bei körperlicher Ruhe
    • Frequenz ca. 4–6 Hz, selten bis 9 Hz
    • Verringerung durch gezielte Bewegungen
    • Aktivierbarkeit durch geistige Beschäftigung oder Emotionen
    • typisch bei idiopathischem Parkinson, seltener bei atypischem Parkinson
  • nicht-motorische neurologische Symptome
    • Folge der Beeinträchtigung weiterer Neurotransmittersysteme
      • Serotonin
      • Noradrenalin
    • Hyposmie (verringerte Geruchswahrnehmung)
      • Frühsymptom, tritt bereits Jahre vorher auf
  • Vegetative Symptome
    • Temperaturregulationsstörung
      * bei fortgeschrittener Erkrankung bis zu lebensbedrohlichen, hochfieberhaften Zustände
      * starke Schweißausbrüche, insb. nachts
    • Blasenfunktionsstörungen
    • Störung der Magen-/Darmfunktion
      • verlangsamte Magenentleerung
      • Verstopfung
    • sexuelle Dysfunktion
      • Libido beeinträchtigt
    • vermehrte Talgsekretion (Salbengesicht)
  • Psychische Symptome
    • Bradyphrenie
      • verlangsamte Denkabläufe
      • inhaltlich unbeeinträchtigt
      • Ausdruck allgemeiner Antriebsstörung
  • Schlafstörungen
    • Störung des Traumschlafs / REM-Schlaf
      • atypische starke Bewegungen
      • gesunder REM-Schlaf ist normalerweise bewegungslos
      • bis hin zum Schreien oder Umsichschlagen
  • Pseudohypersalivation
    • Speichelabschluckstörung
  • Wirkungsschwankungen der gewählten Medikation
  • Freezing (Einfrieren)
  • Dystonien
    • lang anhaltende, unwillkürliche Kontraktionen der Skelettmuskulatur
    • führt zu abnormen Haltungen und Fehlstellungen von Körper oder Körperteilen (Kamptokormie)
  • Orthostatische Dysregulation
    • Regulationsstörung des Blutdrucks bei Wechsel in aufrechte Körperlage (Orthostase)
  • Psychosen
  • Akinetische Krise
    • plötzliche, akute Verschlechterung der motorischen Symptomatik (extremer Rigor)
      • bis zu vollständigen Bewegungsunfähigkeit (Akinesie)
      • Schlucken erschwert (Dysphagie)
      • Sprechen erschwert
      • Hyperthermie häufig

7. Behandlung

7.1. Medikation von Parkinson

7.1.1. Dopaminagonisten

Dopaminagonisten wirken direkt an den Dopaminrezeptoren.
Langsames eindosieren erforderlich (wie Stimulanzien bei AD(H)S).
Seltenere Wirkungsschwankungen oder Unruhebewegungen bei langjähriger Einnahme als L-Dopa.
Mittel erster Wahl. Erst wenn nicht ausreichend, Ergänzung durch L-Dopa.

  • Non-Ergot-Dopaminagonisten ((moderner; selektive D2-Rezeptor-Agonisten)
    • Apomorphin
      • D2-Agonist
    • Piribedil
    • Pramipexol
    • Ropinirol
      • selektiver D2- und D3-Agonist
    • Rotigotin
  • Ergot-Dopaminagonisten (klassische Mutterkornalkaloide)
    • Bromocriptin
    • Cabergolin
    • Dihydroergocryptin
    • Lisurid
    • Pergolid

7.1.2. L-Dopa (Levodopa)

L-Dopa ist ein Prodrug von Dopamin. L-Dopa ist das wirksamste Parkinson-Medikament
Eher bei älteren Betroffenen.
Zunächst orale Einnahme, Steigerung gegebenenfalls bis hin zur kontinuierlichen Infusion
IdR kombiniert mit Decarboxylasehemmern. Decarboxylasehemmer bewirken, dass L-Dopa nicht schon im Blut, sondern erst im Gehirn zu Dopamin umgewandelt wird:

  • Benserazid
  • Carbidopa

Zeit bis Wirkung: ab erster Einnahme bis mehrere Wochen
L-Dopa gibt es als sofort wirksame oder retardierte Präparate.

Auch bei Parkinson ist die enge Verbindung zwischen dem Adenosinsystem und dem Dopaminsystem von Bedeutung.
Eine chronische Gabe von L-Dopa führt zu einer Downregulation durch Internalisierung von D2-Homomeren und A2A-D2-Heteromeren. In der Folge kann eine D2-Aktivierung die Phospho-CREB-Bildung erhöhen, was ein atypisches cAMP-Reaktionselement (CRE) im A2A-Protomer stimulieren kann. Dies wiederum bewirkt ein Upregulation von A2A-Homomeren, was zu einer Zunahme der Proteinphosphorylierung führt, die pathologische Rezeptormosaike stabilisieren kann, was zu abnormer Motorik und Dyskinesien führt. Der Verlust der therapeutischen Wirkung von L-Dopa könnte vor allem auf die zunehmende Dominanz der A2A-Signalübertragung mit erhöhtem Feuern zurückzuführen sein, weshalb es L-Dopa nicht gelingt, diese Neuronen zum Schweigen zu bringen und die motorische Bremse zu entfernen.14.

7.1.3. COMT-Hemmer

  • Entacapon
    • allein oder in Kombination mit L-Dopa
  • Tolcapon
    • nur, wenn Entacapon nicht wirksam.
    • Erfordert Überwachung der Leberwerte

7.1.4. MAO-B-Hemmer

MAO-B-Hemmer hemmen den Abbau von Dopamin durch MAO-B.
Verwendung als frühes Medikament bei milder Form oder ergänzend zu anderen Medikamenten bei schwererem Verlauf.

  • Selegilin
    • Abbau zu Amphetaminen
    • Amphetamine können Schlafstörungen begünstigen
    • In diesem Fall Einnahme daher spätestens zur Mittagszeit
  • Rasagilin

7.1.5. Amantadin

Wirkmechanismen:

  • Hemmung des NMDA-Rezeptors
    • dadurch Verringerung der Überaktivität glutaminerger Interneurone im Striatum
  • Indirekter Dopamin-Rezeptor-Agonist im Striatum.
    • erhöhte Dopaminfreisetzung
  • Dopaminwiederaufnahmehemmung

Symptomwirkung:

  • Tremor verringert
  • Akinese verringert.

Nebenwirkungen

  • Hautveränderungen
  • Ödeme
  • Albträume
  • Aktivierende Wirkung
    • bei Schlafstörungen nicht mehr am späteren Nachmittag einnehmen

7.1.6. Anticholinergika

Anticholinergika wirken als Acetylcholin-Antagonisten
Können Tremor (Zittern) verbessern, wenn L-Dopa oder Dopaminagonisten hierfür nicht ausreichen.

Nebenwirkungen (deutlich):

  • Mundtrockenheit
  • Kreislaufstörungen
  • Harnverhalt
  • Vergesslichkeit

7.1.7. Budipin

Budipin hat verschiedene Wirkmechanismen:

  • Dopamin-Agonist
  • Glutamat-NMDA-Rezeptor-Antagonist
  • Dopamin-Wiederaufnahmehemmer
  • Monoaminooxidase-Hemmer

Symptomwirksamkeit:

Tremor (Zittern) wird verringert

Nebenwirkungen (erheblich):

  • Herzrhythmusstörungen
    • verlängerte QT-Zeit
    • regelmäßige EKG-Kontrollen erforderlich.
  • Mundtrockenheit
  • Kreislaufstörungen
  • Harnverhalt
  • Vergesslichkeit
  • Sinnestäuschungen
  • Albträume
  • Kopfschmerzen
  • Sehstörungen
  • Hitzewallungen
  • Appetitlosigkeit
  • Akathisie

Kontraindikationen:

  • Myasthenia gravis
  • Herzinsuffizienz
  • Kardiomyopathien
  • AV-Block
  • Bradykardie
  • ventrikuläre Arrhythmien
  • Hypokaliämie
  • Hypomagnesiämie

7.1.8. Stimulanzien

Stimulanzien, wie sie auch bei AD(H)S gebräuchlich sind, scheinen die Behandlung von Parkinson zu unterstützen.

  • Amphetaminmedikamente
  • Methylphenidat15

7.1.8. Antioxidanten

Aufgrund der Anteile von ROS an der Entstehung von Parkinson wird die Nutzung von ROS-Antioxidanten erörtert. Curcumin ist ein Kandidat zur Verringerung der ROS.8

7.2. Nichtmedikamentöse Behandlung von Parkinson

Als nichtmedikamentöse Behandlung von Parkinson kommt in Betracht:5
- tiefe Hirnstimulation (Hirnschrittmacher)
- Ergotherapie
- Physiotherapie
- Logopädie
- Psychoedukation und Selbsthilfegruppen


  1. Khanday, Yadav, Mallick (2016): Dopamine in REM Sleep Regulation. In: Monti, Pandi-Perumal, Chokroverty (Herausgeber) (2016): Dopamine and Sleep: Molecular, Functional, and Clinical Aspects, 1-18, 7

  2. Meiser, Weindl, Hiller (2013): Complexity of dopamine metabolism. Cell Commun Signal. 2013 May 17;11(1):34. doi: 10.1186/1478-811X-11-34. PMID: 23683503; PMCID: PMC3693914. REVIEW

  3. Meiser, Weindl, Hiller (2013): Complexity of dopamine metabolism. Cell Commun Signal. 2013 May 17;11(1):34. doi: 10.1186/1478-811X-11-34. PMID: 23683503; PMCID: PMC3693914.

  4. Bulumulla, Krasley, Cristofori-Armstrong, Valinsky, Walpita, Ackerman, Clapham, Beyene (2022): Visualizing synaptic dopamine efflux with a 2D composite nanofilm. Elife. 2022 Jul 4;11:e78773. doi: 10.7554/eLife.78773. PMID: 35786443; PMCID: PMC9363124.

  5. DocCheck Flexikon: Parkinson-Syndrom

  6. Braak, Ghebremedhin, Rüb, Bratzke, Del Tredici (2004): Stages in the development of Parkinson’s disease-related pathology. Cell Tissue Res. 2004 Oct;318(1):121-34. doi: 10.1007/s00441-004-0956-9. PMID: 15338272., REVIEW

  7. Patel, Olang, Lewis, Mandalaneni, Anand, Gorantla (2022): An Overview of Parkinson’s Disease: Curcumin as a Possible Alternative Treatment. Cureus. 2022 May 15;14(5):e25032. doi: 10.7759/cureus.25032. PMID: 35719816; PMCID: PMC9199586.

  8. Patel, Olang, Lewis, Mandalaneni, Anand, Gorantla (2022): An Overview of Parkinson’s Disease: Curcumin as a Possible Alternative Treatment. Cureus. 2022 May 15;14(5):e25032. doi: 10.7759/cureus.25032. PMID: 35719816; PMCID: PMC9199586. REVIEW

  9. Herrero, Estrada, Maatouk, Vyas (2015): Inflammation in Parkinson’s disease: role of glucocorticoids. Front Neuroanat. 2015 Apr 2;9:32. doi: 10.3389/fnana.2015.00032. PMID: 25883554; PMCID: PMC4382972. REVIEW

  10. Pringsheim, Jette, Frolkis, Steeves (2014): The prevalence of Parkinson’s disease: a systematic review and meta-analysis. Mov Disord. 2014 Nov;29(13):1583-90. doi: 10.1002/mds.25945. PMID: 24976103. REVIEW

  11. Baumeister (2021): Is Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder a Risk Syndrome for Parkinson’s Disease? Harv Rev Psychiatry. 2021 Mar-Apr 01;29(2):142-158. doi: 10.1097/HRP.0000000000000283. PMID: 33560690.

  12. Jansen, Philipsen, Dalin, Wiesmeier, Maurer (2019): Postural instability in adult ADHD - A pilot study. Gait Posture. 2019 Jan;67:284-289. doi: 10.1016/j.gaitpost.2018.10.016. PMID: 30391751. n = 20

  13. Sarafpour, Shirazi, Shirazi, Ghazaei, Parnianpour (2018): Postural Balance Performance of Children with ADHD, with and without Medication: A Quantitative Approach. Annu Int Conf IEEE Eng Med Biol Soc. 2018 Jul;2018:2100-2103. doi: 10.1109/EMBC.2018.8512636. PMID: 30440817. n = 63

  14. Fuxe, Borroto-Escuela, Tarakanov, Romero-Fernandez, Ferraro, Tanganelli, Perez-Alea, Di Palma, Agnati (2013): Dopamine D2 heteroreceptor complexes and their receptor–receptor interactions in ventral striatum: novel targets for antipsychotic drugs. In: Diana, Di Chiara, Spano (Herausgeber) (2014) Dopamine. 113-140, 122

  15. Auriel, Hausdorff, Giladi (2009): Methylphenidate for the treatment of Parkinson disease and other neurological disorders. Clin Neuropharmacol. 2009 Mar-Apr;32(2):75-81. doi: 10.1097/WNF.0B013E318170576C. PMID: 18978488. REVIEW