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Noradrenalin

1. Adrenalin und Noradrenalin im Körper (Hormon)

Übersicht hierzu bei Hässler, Irmisch.(1)

Adrenalin und Noradrenalin (auch Norephinephrin genannt, englisch: Norephinephrine, NE) sind (wie Dopamin) biogene Amine und Katecholamine. Sie werden im Körper kontinuierlich hergestellt und verstoffwechselt und befinden sich stets in geringen Mengen im arteriellen Blut.

Adrenalin wird vorwiegend im Nebennierenmark hergestellt sowie, in geringen Mengen, in chromaffinen Zellen anderer Organe. Adrenalin unterstützt den Körper bei der Einstellung auf Stress, stimuliert das Herz, weitet Herz- und Muskelarteriolen, mobilisiert Glukose und stellt den Darm ruhig.

Noradrenalin wirkt im Körper als Hormon. Das Noradrenalin im Körper hat aber keinen Einfluss auf das Gehirn, weil es die Blut-Hirnschranke nicht überwinden kann.

Im Körper wird Noradrenalin vorwiegend in sympathischen Nervenenden und daneben in geringen Mengen im Nebennierenmark generiert. Noradrenalin wirkt grundsätzlich vasokonstruktiv (nur auf die Herzkranzgefäße nicht) und erhöht sowohl den systolischen und diastolischen Blutdruck.

Noradrenalin und Adrenalin fördern den Sauerstoffumsatz, aktivieren den Fettabbau und erhöhen die freien Fettsäuren (FFS) im Plasma.(2)

2. Noradrenalin im Gehirn (Neurotransmitter)

2.1. Regelbereiche von Noradrenalin

Die unterschiedliche Noradrenalinaffinität der Adrenozeptoren steuert verschiedene Aktivitätsphasen:(3)

  • Schlaf: Noradrenalinspiegel auf Null
  • Ruhige Wachheit: α2-Rezeptoren sind aktiviert
  • Aktive Wachheit, körperlicher Stress: α2- und α1-Rezeptoren sind aktiviert
  • belastender Stress: α2-, α1-, und β-Rezeptoren sind aktiviert.

Noradrenalin regelt:

  • Aufmerksamkeit
    Noradrenalin wirkt auf das hintere Aufmerksamkeitszentrum.(4)
    Werden bei Tieren durch das Neurotoxin DSP-4 die Noradrenalinrezeptoren zerstört, entwickeln diese eine erhöhte Ablenkbarkeit.(5)
    Noradrenalin moduliert Aufmerksamkeit auf 2 Wegen:
  • Vigilanz(8)
  • Aktivität iSv allgemeiner Verhaltensaktivierung(9)
  • Arbeitsgedächtnis(8)
  • Motivation(10)
  • Reizwahrnehmung(11)
  • Beeinflussung des aufsteigenden retikulären Aufmerksamkeitssystems (ARAS, aufsteigendes retikuläres aktivierendes System)(8)
  • Impulssteuerung(10)
  • Inhibition(12)
  • Stimmung(10)
    • Noradrenalin begrenzt Stimmungsschwankungen(10)
  • Gedächtnis
    • für Gefühle(10)
    • für aversive Gedächtnisinhalte(7)
  • exekutive Funktionen(13)
  • erhöht Risikobereitschaft(14)
  • macht unkritischer(14)
  • erhöht Wachheit, verringert Müdigkeit(14)
  • erhöht Sexualtrieb(14)
  • erhöht Selbstwertempfinden(14)
  • verringert Appetit(14)
  • ist bei Stresssymptomen involviert(6)
    • sympathomimetisch(14)
      • erweitert Bronchien (Bronchiendilatation)
      • erhöht Blutdruck
    • Bei (generalisierter) Angststörung und PTBS ist der Noradrenalinspiegel im autonomen Nervensystem (hier: Sympathikus) erhöht.(15)(16)
      • Noradrenalin-Agonisten (z.B. Yohimbin) verstärken die Angst- (und Stress-)Reaktion(9)
    • Noradrenalin ist eng mit den endokrinen Stresssystemen verbunden, dort insbesondere mit CRH- und ACTH-Systemen(9)(Vegetatives Nervensystem, HPA-Achse)
    • Noradrenalin beeinflusst den CRH-Ausstoß im Hypothalamus (HPA-Achse) über dort häufige noradrenerge alpha1-Rezeptoren, während CRH aus dem Hypothalamus wiederum (wie Stressoren selbst) den Noradrenalinausstoß im Locus coeruleus erhöht, das in den PFC freigesetzt wird.(Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seiten 86, 87))
      • körpereigene Opioide dämpfen neben Schmerzen auch die durch CRH vermittelte noradrenerge Stressreaktion(17)
    • Der Locus coeruleus (der Ursprungsort von Noradrenalin) adressiert den Sympathikus mittelbar.(17)
      • indem Noradrenalin von dort aus Neuronen in der Medulla oblongata beeinflusst, die wiederum präganglionäre Neuronen anregen.(17)
    • akuter Stress erhöht den Noradrenalinspiegel(18)
      • Amygdala und PFC (relevant für emotionales Erleben).(18)Dauerstress führt zu dauerhaft erhöhten Noradrenalinspiegeln und in der Folge zu einer Downregulation der entsprechenden Adrenozeptoren (Noradrenalin-Rezeptoren) in
        • periaqueduktes Grau (relevant für Verhaltenssteuerung)(18)
        • Hypothalamus(18)
        • dorsomediale Medulla oblongata (Markhirn; relevant für Steuerung autonomer Funktionen)(18)
      • Dagegen berichten Rensing et al unter Berufung auf die vorgenannten Quellen von einer Upregulation der Noradrenalinrezeptoren im limbischen System(19)
        Downregulation und Upregulation schließen sich nicht zwingend aus, sondern können nach der Noradrenalinrezeptorhypothese zu verschiedenen Phasen einer Stressreaktion nacheinander entstehen.
        Upregulation wäre danach typisch für den Endzustand der Depression, während eine Downregulation dem ersten Schritt entspricht (siehe Phasen der Stressentwicklung).
        Noradrenalinrezeptor-Hypothese der Depression
      • Downregulation ist eine allgemeine Reaktion auf einen zu lange zu hohen Neurotransmitterspiegel und führt zu einer Desensibilisierung der jeweiligen Rezeptoren, wobei zuerst die postsynaptischen Rezeptoren und danach die (den Neurotransmitter freisetzenden) präsynaptischen Autorezeptoren abnehmen. Dies stört die Freisetzungshemmung des Neurotransmitters. Daraufhin kommt es zu einer dauerhaften Überaktivität der Neurotransmitterneuronen (Widerstandsphase). Bei weiterer Fortdauer der Stresssituation kommt es zu einem Zusammenbruch der Neurotransmitterproduktion in den Nervenzellen (Erschöpfungsphase). Als Folge dieser regulieren sich die Rezeptoren wieder hoch.
        Zu Downregulation und Upregulation Stressschäden durch frühkindlichen oder langanhaltenden Stress.
        Zu den Phasen einer Stressreaktion: AD(H)S als chronifizierte Stressregulationsstörung.
    • Noradrenalin beeinflusst (neben CRH und Vasopressin) den ACTH-Ausstoss in der Hypophyse (HPA-Achse). ACTH wird durch Stimulation der noradrenergen alpha2-Rezeptoren verringert und durch Stimulation der noradrenergen beta-Rezeptoren erhöht.(9)
  • Körpereigene Opioide können die noradrenalinanregende Wirkung von CRH im Nucleus coeruleus verringern.(20)
  • Noradrenalin erhöht den Vasopressinausstoß.(21)
  • Im Schlaf wird im Gehirn kein Noradrenalin ausgeschüttet.(22)

2.2. Noradrenalinspiegel

  • Bei akutem Stress sind die Zielneuronen nur vorübergehend, bei chronischem Stress dauerhaft hohen Konzentrationen von Noradrenalin ausgesetzt.
    • Elektrische Schocks erhöhen den Adrenalin- und Noradrenalinausstoß, und zwar um so mehr, je weniger Kontrolle die Betroffenen hierüber haben.
  • Noradrenalin und Adrenalinspiegel werden durch geistige Tätigkeit ebenso erhöht wie durch körperliche Tätigkeit.
    • Bei unangenehm unterfordernder Tätigkeit sind Noradrenalin und Adrenalin ebenfalls erhöht, weitaus mehr jedoch bei einer als genau so unangenehm wahrgenommenen überfordernden Tätigkeit.
    • Bei einer langweiligen, unterstimulierenden Aufgabe schnitten Probanden mit höheren Adrenalinwerten besser ab als diejenigen mit niedrigeren Adrenalinwerten. Bei einer fordernden, überstimulierenden Aufgabe schnitten dagegen die Probanden mit einem niedrigeren Adrenalinspiegel besser ab.(2)
    • Mit der Beeinflussung des ARAS ist Noradrenalin an unterschiedliche Stufen von Erregung (Arousal) gekoppelt.
      Das Maß des Arousals (Erregung) steuert das Verhalten mit. Ein zu wenig (Unteraktivierung) und ein zu viel an Arousal (Stress) beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit. Individuen streben daher das für sie optimale Maß an Arousal an. Dieses Arousal wird noradrenerg geregelt.(22)
      Mehr zu den Mechanismen der Aktivierung (ARAS u.a.): Aktivierung neurologisch betrachtet
Individuelles Arousal
Dies ist der Grund, warum manche Menschen ständig ein Radio oder Musik im Hintergrund brauchen (erregungserhöhend), um ihre Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, ggf sogar um überhaupt erst den “Allgemeinerregungszustand” zu erreichen, um lernen zu können, während andere jeden zusätzlichen Reiz vermeiden, um von ihrem zu hohen Erregungsniveau in Richtung Optimum zu gelangen. Das Erregungsniveau ist ein umgekehrtes U – die Mitte ist das Optimum, ein zu viel wie ein zu wenig ist leistungsbeeinträchtigend. Wichtig: jeder Mensch kann nur für sich selbst beurteilen, was das für ihn richtige Maß ist. Manche Menschen benötigen anstelle einer akustischen Grunderregung eine Grundbeschäftigung. Wir kennen etliche Betroffene, die sich wesentlich besser konzentrieren können, wenn sie zugleich stricken. Denkbar wäre, dass Hyperaktivität iSv Zappeligkeit durch eine zu geringe taktile Grunderregungsreizung mitgetriggert werden könnte. Tatsache ist, dass Zappeln Stress abbaut.
  • Ein hoher Adrenalinwert korreliert mit schnelleren Entscheidungen, weniger Fehlern in kognitiven Tests, ein verringerter Adrenalinwert mit langsameren Entscheidungen und höheren Fehlerquoten.(2)

2.3. Noradrenalin bei AD(H)S

Noradrenalin hat nach Dopamin den zweitgrößten Einfluss bei AD(H)S.

Das noradrenerg gesteuerte hintere Aufmerksamkeitszentrum ist auch für die Regulation des Motivation, der Stimmung und des Gedächtnisses für Gefühle verantwortlich.
Es ist vom dopaminerg gesteuerten vorderen Aufmerksamkeitszentrum zu unterscheiden.
Das dopaminerge und das noradrenerge Aufmerksamkeitszentrum

Nur das AD(H)S-Symptom der mangelnden Inhibition der exekutiven Funktionen sei dopaminerg durch das Striatum vermittelt, während die mangelnde Inhibition der Emotionsregulierung noradenerg durch den Hippocampus verursacht werde.(23) Daher sei nur ersteres einer dopaminergen Behandlung zugänglich.
Emotionsregulierung und Affektkontrolle seien dagegen noradrenerg besser zu behandeln.

Die Menge der Noradrenalin-Metaboliten (NE-Abbauprodukte) im Urin normalisiert sich mit und weiter nach der Pubertät, parallel zur Abnahme der (kindtypischen) ADHS-Symptome. Dies könnte ein Hinweis auf eine Gehirnreifungsverzögerung bei AD(H)S sein.(24)
Eine derartige Gehirnreifungsverzögerung wird überdurchschnittlich häufig bei Trägern des DRD4 7R-Polymorphismus festgestellt(25) Ob es sich um eine krankhafte Gehirnreifungsverzögerung oder um die für höher begabte Menschen typische verlängerte Gehirnreifung (Hochbegabung und AD(H)S) handelt ist offen. Hochsensibilität wird mit dem DRD4 7R-Polymorphismus als Risiko-/Chance-Gen in Verbindung gebracht. Mehr hierzu unter Wie AD(H)S entsteht: Gene + Umwelt.

Der Noradrenalintransporter, der ebenfalls Dopamin aufnimmt, scheint bei AD(H)S in den Aufmerksamkeitsnetzwerken der rechten Gehirnhemisphäre verringert.(26)

3. Noradrenerge Kommunikation des Gehirns

Das Gehirn beinhaltet etliche Kommunikationssysteme, mittels derer bestimmte Gehirnareale untereinander Informationen austauschen (ähnlich wie Autobahnen innerhalb des gesamten Straßennetzes) und die jeweils bestimmte Neurotransmitter nutzen.
Zwei dieser Kommunikationssysteme basieren auf einem Informationsaustausch mittels Noradrenalin (noradrenerge Pfade).

3.1. Corticaler Noradrenalinpfad des Nucleus coeruleus

Quelle(27)

  • Neurotransmitter: Noradrenalin
  • Ursprung: Noradrenalinbildung im Locus coeruleus
  • Ziel: Viele Areale des Vorderhirns, Hippocampus, Amygdala, Zerebellum und Rückenmark

Die Noradrenalinfreisetzung im Locus coeruleus wird durch das Arousal gesteuert.(28)

  • Schlaf:
    • REM-Schlaf:
      • keine Noradrenalinfreisetzung
    • Slow-wave-Schlaf:
      • tonisch: wenig Noradrenalinfreisetzung
  • Bei niedrigem Arousal (Schläfrigkeit):
    • tonisch: wenig Noradrenalinfreisetzung
    • phasisch: wenig Noradrenalinfreisetzung
  • Reaktion auf relevante Stimuli in unbelasteten Wachzustand:
    • tonisch: moderat
    • phasisch: deutlich
  • bei Stress:
    • tonisch: stark
    • phasisch: wenig bis dysreguliert

Phasische Noradrenalinaktivität wird durch das Ergebnis aufgabenbezogener Entscheidungsprozesse im vorderen cingulären Cortex (ACC) und in orbitofrontalen Cortices (OFC) gesteuert. Phasische Adrenalinaktivität wird verwendet, um das aus den aufgabenbezogenen Entscheidungsprozessen resultierende Verhalten zu erleichtern und die Aufgabenleistung zu optimieren.
Lässt der Nutzen einer Aufgabe nach, zeigt der Nucleus coeruelus einen tonischen Aktivitätsmodus, was zur Abwendung von der aktuellen Aufgabe und zur Suche nach alternativen Verhaltensweisen führt. Phasische und tonische Noradrenalinauschüttung regulieren damit eine Leistungsoptimierung auf unterschiedlich langen Zeitskalen.(29) Vertiefend Devilbiss, Waterhouse.(30)

3.2. Cortical-tegmentaler Noradrenalinpfad

Quelle(27)

  • Neurotransmitter: Noradrenalin
  • Ursprung: Noradrenalinbildung im lateralen Tegmentum des Stammhirns
  • Ziel: Mehrere Areale des basalen Vorderhirns incl. Hypothalamus und Amygdala

3.3. Interaktion Cortisol – Locus coeruleus

Cortisol übt einen inhibitorischen Einfluss nicht nur auf die HPA-Achse, sondern auch auf den Locus coeruleus und damit auf die Noradrenalin-Ausschüttung im ZNS aus (negative Rückkopplung). Ist diese Hemmung (durch Hypocortisolismus) eingeschränkt, fehlt dem Betroffenen eine wichtige “Stressbremse”.(31)
Wie auch bei Dopamin kommt es nicht alleine auf die Anwesenheit oder Abwesenheit des Neurotransmitters Noradrenalin an, sondern es ist zwischen phasischer (kurzfristiger) und tonische (langfristiger) Anwesenheit zu unterscheiden.
Eine erhöhte phasische Aktivität im Nucleus coeruleus bewirkt eine gute Aufmerksamkeit.
Eine erhöhte tonische Noradrenalin-Aktivität führt dagegen zu einer schlechteren Leistung.(6)
Clonidin soll geeignet sein, eine phasische Noradrenalin-Aktivität im Nucleus coeruleus zu verbessern.(6) Dies müsste daher auch auf Guanfacin zutreffen.

4. Noradrenalin – Entstehung – Kommunikationswege

Noradrenalin entsteht aus einer Umwandlung der Aminosäure Tyrosin, die über den Blutkreislauf in das zentrale Nervensystem gelangt. Tyrosin wird durch drei Enzyme nach und nach zu Noradrenalin verarbeitet. Das erste und wichtigste Enzym ist Tyrosinhydroxylase (TOH). Es verwandelt die Aminosäure Tyrosin in Dopa.
Das zweite Enzym, Dopa Decarboxylase (DDC), verwandelt Dopa in Dopamin.
Dopamin ist selbst ein Neurotransmitter. Er ist zugleich der Stoff, aus dem Noradrenalin entsteht. Durch das Enzym Dopamin-Beta-Hydroxylase (DBA) wird Dopamin in Noradrenalin umgewandelt. Das Noradrenalin wird dann (wie jeder Neurotransmitter) in den synaptischen Vesikeln (Lager für Neurotransmitter in den Nervenenden) eingelagert, bis es durch einen Nervenimpuls aktiviert wird.

Die Wirkung von Noradrenalin wird durch zwei Enzyme beendet, die Noradrenalin in einen aktiven Metaboliten umwandeln.
Das erste ist Monoaminoxidase (MAO) A oder B, das andere ist Catechol-O-Methyl-Transferase (COMT).
Die Einschränkung der Wirkung von Noradrenalin kann außerdem durch zu viele / zu aktive Noradrenalintransporter erfolgen, die über eine erhöhte Wiederaufnahme zu einem zu geringen Noradrenalinpegel im synaptischen Spalt führt, ohne dass das Noradrenalin hierdurch zerstört würde.

5. Noradrenalinrezeptoren und Noradrenalintransporter

5.1. Postsynaptische Noradrenalinrezeptoren

Noradrenalinrezeptoren werden auch Adrenozeptoren genannt. Die drei Noradrenalinrezeptortypen unterscheiden sich anhand der Noradrenalinaffinität:(3)

  • α1 Adrenozeptoren: mittlere Affinität zu NA
  • α2 Adrenozeptoren: hohe Affinität zu NA
  • β Adrenozeptoren: niedrige Affinität zu NA

5.1.1. Noradrenerge α-1-Rezeptoren

  • mittlere Noradrenalin-Affinität
    erst hohe Noradrenalinspiegel aktivieren α-1-Rezeptoren
  • Noradrenalinwirkung am α-1-Rezeptor:
    • erregend, indem es Kaliumströme reduziert.(32)
    • Aktivierung der Phospholipase C
      • → Bildung von Inositoltrisphosphat (IP3) (Second Messenger)
      • → Bildung von Diacylglycerin (DAG) (Second Messenger)
  • Alpha 1-Rezeptor-Typen:
    • Alpha 1A
      • Agonisten:
        • Adrenalin
        • Noradrenalin
        • Phenylephrin
        • A-61603
        • Oxymetazolin
      • Antagonisten:
        • Prazosin
        • Doxazosin
        • Terazosin
        • Alfuzosin
        • Urapidil
        • Sertralin
        • Tamsulosin
        • 5-Methylurapidil
        • B8805-033
        • SNAP 5089
        • RS-17053
    • Alpha 1B
      • Agonisten:
        • Adrenalin
        • Noradrenalin
        • Phenylephrin
      • Antagonisten:
        • Prazosin
        • Doxazosin
        • Terazosin
        • Alfuzosin
        • Urapidil
        • Sertralin
        • Tamsulosin
        • Chloroethylclonidin
        • L-765314
    • Alpha 1C (1D)
      • Agonisten:
        • Adrenalin
        • Noradrenalin
        • Phenylephrin
        • Buspiron
      • Antagonisten:
        • Prazosin
        • Doxazosin
        • Terazosin
        • Alfuzosin
        • Urapidil
        • Sertralin
        • Tamsulosin
        • BMY 7378
        • MDL 73005EF
    • Alpha 1L
      • offen, ob eigener Subtyp oder Konformationsvariante des Alpha 1A-Rezeptors
      • Agonisten:
        • Adrenalin
        • Noradrenalin
        • Phenylephrin
        • A-61603
        • Antagonisten:
          • Prazosin
          • Doxazosin
          • Terazosin
          • Alfuzosin
          • Urapidil
          • Sertralin
          • Tamsulosin
  • α1-Rezeptor-Agonisten
    • können die Auswirkungen hoher NA- bzw. DA-Spiegel nachahmen(33)
      • Phenylephrin
      • SKF81297 in hoher Konzentration
    • fahren PFC herunter(33)(34)
      • ähnliches Modell wie bei Cortisol, das an hochaffinen Mineralocorticoidrezeptoren den “normalen” Modus steuert und erst bei hohem Cortisolspiegel, der die MR völlig auslastet, an den niedrigaffinen Glucocorticoidrezeptoren die HPA-Achse abschaltet
  • α1-Rezeptor-Antagonisten
    • verbessern die anhaltende Aufmerksamkeit und die Leistung in stop-signal tasks (SST).(35)

5.1.2. Noradrenerge α-2-Rezeptoren

  • überwiegend postsynaptisch an Noradrenalin-Zellen
  • hohe Noradrenalin-Affinität
    werden daher auch bei niedrigen Noradrenalinspiegeln angesprochen
  • Noradrenalinwirkung am α-2-Rezeptor: hemmend, indem es Kaliumströme vergrößert(36)
  • α-2-Rezeptor-Typen
    • Typ Alpha 2A: in PFC und Nucleus coeruleus
      • Noradrenalin
        • erhöht Aktivität des PFC
        • verringert Noradrenalinausschüttung (Autorezeptor = negatives Feedback)
        • phasische Stimulation in Alarmsituationen(37)
          diese auf phasische Stimulation ausgelegte Reaktivität könnte der Grund sein, warum eine dauerhafte (tonische) Erhöhung des Noradrenalinspiegels durch noradrenerge Medikamente keine dauerhafte Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten des PFC bewirkt, eben weil diese eben auf phasische Stimulation ausgelegt sind und bei einer tonischen Stimulation downregulieren. Dies könnte die häufige Erfahrung erklären, warum noradrenerge Medikamente anfangs sehr gut wirken, diese Wirkung jedoch bald verlieren.
        • hemmt Beta 2 – Rezeptoren
      • α-2-Agonisten
        • Thyronamine
        • wirken an präsynaptischen α-2A-Rezeptoren: Veränderung der Erregungsmechanismen im basalen Vorderhirn und im Hypothalamus
      • α-2-Antagonisten bewirken
        • verbesserte anhaltende Aufmerksamkeit und Response-Inhibition(35)
    • Typ Alpha 2B: im Thalamus
      • Schlafregulierung
      • α-2-Agonisten wirken
        • sedierend / schlaffördernd
    • Typ Alpha 2C: in PFC und Nucleus coeruleus

5.1.3. Noradrenerge β-Rezeptoren

  • niedrige Noradrenalin-Affinität
  • erst hohe Noradrenalinspiegel aktivieren β-Rezeptoren
    • ähnliches Modell wie bei Cortisol, das an hochaffinen Mineralocorticoidrezeptoren den “normalen” Modus steuert und erst bei hohem Spiegel an den niedrigaffinen Glucocorticoidrezeptoren die HPA-Achse abschaltet
    • Diesseits noch unklar ist, was durch β-Rezeptoren abgeschaltet wird.
    • Die Aktivierung von Mikroglia durch Stress scheint mittels Noradrenalin über β1- und β2-Adrenozeptoren, nicht aber via β1-Adrenozeptoren oder α-Adrenozeptoren vermittelt zu werden.(38)
  • Noradrenalinwirkung am β-Rezeptor: erregend, indem es Kaliumströme reduziert.(32)
  • β-Antagonisten
    • bewirken verbesserte anhaltende Aufmerksamkeit und die Leistung in stop-signal tasks (SST).(35)
  • β-Rezeptor-Typen:
    • Beta 1
      • in Herz, Niere, Fettgewebe und anderen Geweben
      • höhere Affinität zu Adrenalin als zu Noradrenalin
      • cAMP-Regelkreis
        • Beta 1 steigert cAMP-Synthese
        • hohes cAMP  phosphoryliert  Serin- und Threoninreste des Beta 1 Rezeptors, was diesen desensibilisiert
      • Steigerung der Herzkraft und -frequenz
      • Lipolyse
      • vermehrte Ausschüttung von Renin
        • → Stimulation des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems
        • → Erhöhung des peripheren Blutdrucks
      • β1-Agonisten
        • Adrenalin
        • Isoprenalin (Isoproterenol)
        • Noradrenalin
        • Xamoterol
        • Denopamin
      • β1-Antagonisten
        • Alpha-2-Rezeptoren im Locus coeruleus (Autoinhibiton)
        • Propanolol
        • Metoprolol
        • Bisoprolol
        • Atenolol
        • Betaxolol
    • Beta 2
      • Entspannung der glatten Muskulatur in Bronchien, Gebärmutter, Blutgefäßen, Darm
      • β2-Agonisten
        • Adrenalin
        • Isoprenalin (Isoproterenol)
        • Noradrenalin
        • Salbutamol
        • Salmeterol
        • Clenbuterol
        • Terbutalin
        • Formoterol
        • Fenoterol
      • β2-Antagonisten
        • Alpha-2-Rezeptoren im Locus coeruleus (Autoinhibiton)
        • Propanolol
        • ICI 118551
    • Beta 3
      • Lipolyse und Thermogenese im brauen Fettgewebe
      • β3-Agonisten
        • Adrenalin
        • Isoprenalin (Isoproterenol)
        • Noradrenalin
        • Amibegron
        • Mirabegron
        • Solabegron
      • Antagonisten
        • Alpha-2-Rezeptoren im Locus coeruleus (Autoinhibiton)
        • Propanolol
        • SR59230A
    • Beta 4
      • unklar, ob ein eigenständiger Beta 4-Rezeptortyp existiert oder ob es sich um einen Affinitätszustand des Beta 1-Rezeptors handelt

5.2. Präsynaptische Noradrenalin-Autorezeptoren

Diese sind stets Alpha 2 Rezeptoren.(39) Autorezeptoren dienen der Regulation (Hemmung) der eigenen Ausschüttung (hier: von Noradrenalin).

5.3. Noradrenalin adressiert auch Dopamin D2-Typ Rezeptoren (D2, D3, D4)

Noradrenalin bindet zugleich an D2-Typ-Rezeptoren mit unterschiedlicher Affinität: D3R > D4R ≥ D2SR ≥ D2L.(40)

5.4. Noradrenalintransporter (NAT)

Noradrenalintransporter befinden sich (wie die DAT) stets an der Präsynapse.

Der Noradrenalintransporter nimmt ebenfalls Dopamin auf. Der Noradrenalintransporter scheint bei AD(H)S in den Aufmerksamkeitsnetzwerken der rechten Gehirnhemisphäre verringert.(26)

6. Behandlungsmöglichkeiten noradrenerger Störungen

6.1. Medikamente

Noradrenalinwiederaufnahmehemmer erhöhen die Verfügbarkeit von Noradrenalin im synaptischen Spalt, indem es die (z.B. bei AD(H)S) problematische Überaktivität der Noradrenalinwiederaufnahmetransporter hemmt.
Stimulanzien (Amphetamin-Medikamente, MPH und Atomoxetin) wirken als Dopaminwiederaufnahmehemmer und bewirken zusätzlich eine erhöhte Produktion von Dopamin und Noradrenalin sowie, in geringerem Maße, von Serotonin.
Stimulantien wirken dopaminerg auf den Nucleus accumbens und verbessern die Symptome von Hyperaktivität und Eigenaktivierungs-/Verstärkungsprozessen, während die Probleme der Antwortverzögerung und des Arbeitsgedächtnisses durch noradrenerge Auswirkungen des Locus coeruleus auf den PFC vermittelt werden. Auswirkungen von Stimulantien auf Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle werden dopaminerg und noradrenerg vermittelt.(41)

6.2. Nichtmedikamentöse Behandlung

6.2.1. Strukturierter Tagesablauf (iSv Pausenrythmus)

Das noradrenerge System des Gehirns ist im Schlaf vollständig deaktiviert. Beim Aufwachen wird es durch den Nucleus coeruleus aktiviert.

Die Fähigkeit des Nucleus coeruleus zur Aktivierungssteuerung soll durch einen klaren Tagesrhythmus mit angemessenen Pausen (nicht aufgezwungen, sondern sinnvoll selbst gesetzt, aber auch konsequent durchgeführt) trainierbar sein.(22)

Zuletzt aktualisiert am 14.09.2020 um 23:40 Uhr


1.)
Hässler, Irmisch: Biochemische Störungen bei Kindern mit AD(H)S, Seite 87, in Steinhausen (Hrsg.) (2000): Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Kohlhammer, Seite 89 - (Position im Text: 1)
4.)
http://www.adhs.org/genese/ - (Position im Text: 1)
5.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 215 - (Position im Text: 1)
6.)
7.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 86 mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1, 2)
8.)
9.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 86 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4)
10.)
Simchen, Helga: http://helga-simchen.info/Thesen-zu-ADS; dort: was bewirken die Botenstoffe ? - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5)
13.)
17.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 87 - (Position im Text: 1, 2, 3)
19.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4: neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 74 - (Position im Text: 1)
20.)
Rensing, Koch, Rippe, Rippe (2006): Der Mensch im Stress; Psyche, Körper, Moleküle; Elsevier Spektrum (heute: Springer), Kapitel 4, neurobiologische Grundlagen von Stressreaktionen, Seite 87 - (Position im Text: 1)
31.)
Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA), Biopsychologie Vertiefung SS 2007 - (Position im Text: 1)
32.)
Haas, Konnerth (1983): Histamine and noradrenaline decreasecalcium-activated potassium conductance in hippocampal hpyramidic cells, Nature. 1983 Mar 31-Apr 6;302(5907):432-4., zitiert nach Aldenhoff, Erregungsungleichgewicht als mögliche Ursache seelischer Erkrankungen (1990) in Beckmann, Osterheider: Neurotransmitter und psychische Erkrankungen, Springer, Seite 182 - (Position im Text: 1, 2)
39.)
Stahl (2008): Depression and bipolar disorder: Stahl’s essential psychopharmacology, Seite 22 ff - (Position im Text: 1)