Cannabinoiderge Medikamente bei AD(H)S

Es gibt erste Studien über eine therapeutische Wirkung cannabinoiderger Medikamente  im Sinne einer spezifischen positiven Wirkung auf AD(H)S-Symptome.

In Bezug auf kognitive Leistungsfähigkeit und das Aktivitätsniveau wurde eine leichte, aber nicht signifikante Verbesserung durch Sativex festgestellt. Hyperaktivität/Impulsivität (p=0,03) und kognitive Inhibition (p=0,05) waren signifikant, Unaufmerksamkeit (p=0,10) und emotionale Labilität (p=0,11) tendenziell verbessert, wobei nach statistischer Anpassung für Mehrfachprüfungen die Signifikanz entfiel. In der aktiven Gruppe traten eine schwerwiegende (Muskelanfälle/Krampfanfälle) und drei leichte Nebenwirkungen auf, in der Placebogruppe eine schwerwiegende Nebenwirkung (Herz-Kreislauf-Probleme).
Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Cannabismedikamentierung für manche Erwachsene mit ADHS ohne kognitive Beeinträchtigungen eine Verringerung der AD(H)S-Symptome bewirken kann.(1) Eine umfassende Metastudie fand keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Wirksamkeit beinAD(H)S.(2)

Eine umfangreiche Darstellung von THC-Medikamenten bei AD(H)S findet sich bei adhspedia.(3)

1. Cannabis-Medikamente

In Deutschland sind mit Sativex, Cannabis Flos, Canemes, Dronabinol mehrere Cannaboid-Medikamente zugelassen, jedoch nicht für AD(H)S. Für einen off-label-Use bei AD(H)S musste früher eine Ausnahmegenehmigung beim BfArM beantragt werden. Seit 2017 ist eine ärztliche Verschreibung von Sativex wie von Cannabis Flos bei AD(H)S im Rahmen des BtmG ohne zusätzliche Ausnahmegenehmigung zulässig.(4)
Bis 2017 hatten rund 150 AD(H)S-Betroffene eine Ausnahmegenehmigung erhalten (von insgesamt 1061 erteilten).(5)

Wir kennen inzwischen eine zweistellige Anzahl von Berichten Betroffener sowie mehrere Betroffene persönlich, bei denen medizinisches Cannaboid die AD(H)S-Symptome deutlich verringert haben, nachdem MPH und Amphetaminmedikamente nicht ausreichend anschlugen.

Bei einem Fall eines offenbar massiv THC-Abhängigen, der kontrolliert THC konsumieren darf, ist offen, ob dies auf dem selben Effekt gründete, oder ob sich die Wirkung dadurch erklärt, dass das THC lediglich die Entzugssymptome einer bestehenden THC-Sucht beseitigt hat. Dieses Muster ist auch bei Alkoholabhängigen bekannt, die mit ihrer Grunddosis „besser“ funktionieren, weil die Entzugssymptome kaschiert werden.

Zusammenfassend:
Cannaboide Medikamente dürfen in Deutschland bei AD(H)S als BtM-Rezept (wie Stimulanzien) verschrieben werden, wenn andere Medikamente wirkungslos sind. Krankenkassen erstatten die Kosten in der Regel auf Antrag.

2. Wirkweg von THC auf Dopamin

THC erhöht den Dopaminspiegel im Gehirn.

Die THC-Cannabinoide wirken dabei nicht direkt auf Dopamin-Neuronen sondern auf das Endocannabinoid-System. Cannabinoidrezeptoren finden sich in vielen Hirnarealen, die Dopaminneuronen haben. Dopaminneuronen selbst haben keine Cannabinoidrezeptoren. Dopaminneuronen werden jedoch durch GABA-Neuronen, die wiederum Cannabinoidrezeptoren haben, inhibiert.

THC aktiviert CB1-Rezeptoren auf GABA-Neuronen, die die GABA-Neuronen inaktivieren. Damit sind die GABA-Neuronen, die die Dopaminneuronen hemmen, deaktiviert. Die Dopaminneuronen sind dadurch weniger inhibiert und somit aktiver.(6)(7)

Zum Unterschied zwischen Medikamenten und Drogen siehe Medikamente und Drogen – der Unterschied.

3. Hemmung der Reizüberflutung

Endocannabinoide (körpereigene Cannabinoide) wirken ebenfalls auf die CB1-Rezeptoren und bewirken dadurch unter anderem einen Schutz vor Reizüberflutung.(8)

Zuletzt aktualisiert am 05.11.2019 um 01:10 Uhr


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