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Nikotin als Medikament bei AD(H)S

Nikotin wirkt anregend und ist deshalb ein Stimulanz wie Methylphenidat oder Amphetaminmedikamente. Nikotin verringert AD(H)S-Symptome vergleichbar zu medikamentösen Stimulanzien.(1)

Eine ADHS-Betroffene berichtete uns, dass sie 4 Jahre zuvor mit dem Rauchen aufgehört habe und seither ihre aus AD(H)S resultierenden inneren Spannungszustände mit Nikotintabletten beheben konnte. Eine 1 mg Tablette wirkte dabei rund 2 Stunden.

In einer Untersuchung (mit lediglich n = 17 Probanden – siehe hierzu auch Untersuchungen beweisen – manchmal gar nichts) wurden signifikant positive Auswirkungen durch Nikotinpflaster auf die AD(H)S-Symptome von Rauchern (bei 21 mg für 4,5 Stunden / Tag) und Nichtrauchern (bei 7 mg für 4,5 Stunden / Tag) beschrieben.
Die Aktivität der Betroffenen habe sich signifikant erhöht. Die Reaktionszeiten haben sich vermindert, Unaufmerksamkeit und Reaktionsvariabilität (die zeitliche Varianz der Reaktionen) habe sich verringert und die bei AD(H)S oft verschlechterte Zeitwahrnehmung habe sich deutlich verbessert.(2)
Sehr erstaunlicher Weise gibt es scheinbar keine weiteren fachlichen Untersuchungen zu diesem Thema.

Nikotin wirkt dopaminerg, acetylcholinerg und erhöht die Cortisolreaktion auf akuten Stress.

1. Nikotin erhöht Dopaminausschüttung

Nikotin stimuliert ATV-Neuronen, wodurch deren Ausläufer im Nucleus accumbens (dem Hauptbereich des Belohnungs-/Verstärkungssystems des Gehirns) Dopamin ausschütten.(3) Nikotin erhöht dadurch den Dopaminpegel (bei Tabak zwar intensiv, aber nur kurzfristig, danach fällt er noch tiefer ab, was das Suchtpotenzial ausmacht) und wirkt auf den Acetylcholinhaushalt.

2. Nikotin verringert Dopamintransporter

Rauchen verringert die Anzahl der Dopamintransporter im Striatum signifikant. Nikotin bewirkt wie Methylphenidat eine Verringerung der DAT-Dichte im Striatum.(4)(5)

Eine erhöhte Anzahl von Dopamintransportern ist ein typisches Phänomen bei AD(H)S. Bei einer SPECT-Untersuchung von 31 Erwachsenen mit AD(H)S wurde eine stärkere Erhöhung der DAT bei ADHS-Betroffenen als bei ADS-Betroffenen gefunden. Die DAT waren bei ADS-Betroffenen allerdings gegenüber Nichtbetroffenen immer noch erhöht. Rauchen verringerte die DAT bei beiden Subtypen signifikant.(6)
Eine weitere Untersuchung berichtet eine starke Verringerung der DAT bei AD(H)S-Betroffenen, wenn diese zugleich Konsumenten dopaminerger Drogen waren.(7)
Andere Untersuchungen fanden dagegen keine DAT-Erhöhung bei AD(H)S.

3. Nikotin verändert Cortisolantwort

Nikotin (als Pflaster wie durch Rauchen bei Rauchern) erhöhte in einer Untersuchung die Cortisolantwort auf akuten Stress.(8) Eine andere Untersuchung mit 10 Rauchern und 10 Nichtrauchern fand eine verringerte Cortisolantwort auf akuten Stress.(9)

Unter Annahme einer erhöhten Cortisolantwort könnte Nikotin bei ADHS-Betroffenen (die eine abgeflachte Cortisolantwort auf Stress haben, weshalb die HPA-Achse nach Stress nicht ausreichend herabgeregelt wird) eine bessere Wirkung haben als bei ADS (die eine überhöhte Cortisolantwort auf akuten Stress haben), unter Annahme einer verringerten Cortisolantwort wäre es umgekehrt.

4. Nikotin erhöht basalen Cortisolspiegel

Bei Raucher fand sich ein um 5 % erhöhter basaler Cortisolspiegel.(10) Da der basale Cortisolspiegel bei AD(H)S (bei ADHS noch etwas mehr als bei ADS) gegenüber Nichtbetroffenen verringert ist, könnte dies möglicherweise erklären, warum so viele AD(H)S-Betroffene rauchen.
Daneben haben Raucher erhöhte Werte von(10)

  • Dehydroepiandrosteron (DHEA) (18% höher)
  • Dehydroepiandrosteronsulfat (DHEAS) (13% höher)
  • Androstenedion (33% höher)
  • Testosteron (9% höher)
  • Dihydrotestosteron (DHT) (14% höher)
  • Sexualhormonbindendes Globulin (SHBG) (8% höher)

Parkinsonpatienten sprachen auf eine hochdosierte Nikotinpflaster-Behandlung an, wobei die Anzahl der DAT, die auch bei AD(H)S erhöht ist, signifikant zurückging.(11) Parkinson-Betroffene leiden ebenso wie AD(H)S-Betroffene an einem Dopamindefizit, das allerdings mit anderen Medikamenten zu behandeln ist.

5. Rauchen verschleiert AD(H)S-Symptomatik

Rauchen als Selbstmedikation erhöht den Dopaminspiegel – wenn auch immer nur kurzfristig. Es verringert weiter Stressymptomatik und Gereiztheit. AD(H)S-Betroffene rauchen etwa doppelt so häufig wie Nichtbetroffene.
Rauchen kann daher die Diagnose von AD(H)S erschweren.(12)

Eine Untersuchung der emotionalen Dysregulation bei AD(H)S-betroffenen Rauchern fand keine Unterschiede zwischen denjenigen, die wie gewohnt rauchten und denjenigen, die 24 Stunden auf Rauchen verzichtet hatten.(13)

Eine intranasale Nikotonapplikation bei nikotin-naiven Jugendlichen mit und ohne AD(H)S zeigte, dass AD(H)S-Betroffene auf Nikotin mit einer grösseren Benommenheit (Dizziness) reagieren und die Wirkung angenehmer empfanden als gesunde Kontrollprobanden. Die AD(H)S-Betroffenen wählten daraufhin häufiger eine Nikotinzufuhr als die Kontrollprobanden. Dies war unabhängig von der emotionalen Befindlichkeit.(14)
Eine intranasale Nikotinapplikation entspricht nach unserem Verständnis einer schnellen Wirkstoffaufnahme über die Riechnerven direkt ins Gehirn und damit einer drogenähnlichen Applikation, die von einer langsamen Aufnahme als Pflaster oder Dragee (entsprechend einer medikamentösen Wirkung) kategorial zu unterschieden ist.

Zuletzt aktualisiert am 06.09.2020 um 11:56 Uhr


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