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Medikamentenkombinationen bei AD(H)S

Entgegen häufig verbreiteter Ansichten gibt es vielfache Möglichkeiten, Medikamente bei AD(H)S zu kombinieren (Augmentation).

Eine Krankenregisteranalyse fand, dass einer Kombination verschiedener AD(H)S-Medikamentenwirkstoffklassen in zwischen 10,3 % (bei krankenversicherten Betroffenen) und 24,3 % (bei Medicaid-“versicherten” Betroffenen) aller 1.125.119 bzw. 721.986 Behandlungsmonate angewendet wurde.(1)

Bei einer Kombinationsmedikamentierung waren folgende Medikamentenklassen am häufigsten beteiligt:(1)

  • unretardierte Stimulanzien: 70,0 %
  • α2-adrenerge Agonisten (Guanfacin, Clonidin): 63,8 %
  • halbtagesretardierte Stimulanzien: 51,8%

Eine weitere Studie fand, dass rund ein Viertel der AD(H)S-betroffenen Kinder und Jugendlichen, die Stimulantien erhielten, daneben ergänzende Medikamente erhielten:(2)

  • Kinder: ca. 24 %
  • Jugendliche: ca. 26,7 %

Die häufigsten zusätzlich gegebenen Medikamente waren:

  • SSRI
    • Kinder: ca. 7,4 %
    • Jugendliche: ca. 13,8 %
  • Atypische Antipsychotika
    • Kinder ca. 4,8 %
    • Jugendliche: ca. 5,8 %
  • Guanfacin
    • Kinder ca. 6 %
    • Jugendliche: ca. 3 %

Alle nachfolgend beschriebenen Kombinationen oder Einnahmemöglichkeiten basieren auf Untersuchungen oder Berichten Betroffener, die in Abstimmung mit den behandelnden Arzt erfolgten. Vor einer eigenmächtigen Dosierungs- oder Einnahmehandhabung durch Betroffene wird ausdrücklich gewarnt !

1. Methylphenidatpräparate untereinander

Es ist problemlos möglich, verschiedene Methylphenidatpräparate, insbesondere retardierte und unretardierte, zu kombinieren.
Unretardiertes MPH hat seine besondere Bedeutung in der Austarierung der Wirkdauer und der Anpassung an besondere Belastungssituationen. Unretardiertes MPH kann die Wirkdauer am Nachmittag oder frühen Abend verlängern oder morgens die Zeit bis zum Eintritt der angemessenen Wirkintensität des Retardpräparates überbrücken.
Eine Studie fand, dass 40 % der Erwachsenen mit AD(H)S eine solche Kombination zur Verlängerung der Tagesabdeckung erhalten.(3)Ebenso berichtet Mason aus seiner eigenen ärztlichen Praxis, dass die meisten seiner erwachsenen AD(H)S Patienten retardierte Stimulanzien einnehmen, die typischerweise 8-10 Stunden lang wirken, weshalb die meisten von ihnen zusätzlich unretardierte Medikamente zur Ergänzung benötigen, um den Tag zu bewältigen.(4)

Vereinzeln berichten (erfahrene) Betroffene, dass sie mit 2 unterschiedlichen Halbtages-MPH-Retardpräparaten am Morgen und am frühen Nachmittag besser zurecht kommen als mit einer nochmaligen Einnahme desselben Retardpräparates. Diese Betroffenen verwenden oft zudem unretardiertes MPH zur Verlängerung der Tagesabdeckung.
Es muss erwähnt werden, das die Feinabstimmung derartiger Kombinationen meist maßgeblich durch den Betroffenen selbst erfolgt, und voraussetzt, dass der betreuende Arzt bei diesem das erforderliche Verantwortungsbewusstsein erkennt, um diesen bei der adäquaten Medikamentierungsanpassung zu begleiten. Bei Kindern dürfte dies nur schwer möglich sein, insbesondere wenn bereits eine verteilte Medikamenteneinnahme über den Tag Schwierigkeiten bereitet.

2. Amphetaminmedikamente untereinander

Die Kombination verschiedener Amphetaminmedikamente dient meist nicht der Verbesserung der Symptomatik oder der Verringerung der Nebenwirkungen sondern der besseren Tagesabdeckung.

Einige Betroffene berichten von guten Erfahrungen mit einer Kombination von Attentin (unretardiertes D-Amphtamin) und retardiertem Amphetamin (Elvanse). Während Elvanse das an Lysin gebundene Amphetamin nur sehr langsam über Darm und Blut freisetzt, was bis zum vollen Wirkeintritt bis zu 2 Stunden dauern kann, wird von Attentin ein spürbares Einsetzen der Wirkung bereits nach rund 15 Minuten berichtet, was unretardiertem MPH entspricht.

Während Elvanse bei den meisten Betroffenen ab der Einnahme 10 bis 11 Stunden lang wirkt (einige wenige Betroffene berichten eine Verstoffwechselung binnen 6 Stunden, Einzelfälle sogar noch deutlich schneller), hat Attentin eine Wirkzeit von rund 5 Stunden.

Manche Betroffene machen gute Erfahrungen mit einer morgendlichen Einnahme einer geringen Dosis Attentin und einer zeitgleichen oder um einige Stunden versetzten Einnahme von Elvanse. Andere berichten, dass ihnen eine Attentineinnahme am Nachmittag oder frühen Abend hilft, einen langen Tag durchzustehen. In aller Regel wird die Elvanse-Dosis nach einer vorhergegangenen Attentingabe etwas verringert.
Daneben berichten etliche Betroffene, dass die mit zwei geringeren zeitversetzt eingenommenen Dosen Elvanse am besten klar kommen.

Während etliche Betroffene von Elvanse ein verbesserte Abendmpdigkeit und damit verbessertes Einschlafverhalten berichten, sollte bei einer Verschlechterung des Einschlafens, das sich auch nach einigen Wochen nicht legt, über eine Veränderung der Einnahmezeiten nachgedacht werden, um ein früheres Ende der Wirkzeit zu erreichen.

3. Amphetaminmedikamente und Methylphenidat

Viele Betroffene berichten, in Abstimmung mit ihrem Arzt Amphetaminmedikamente und (insbesondere unretardiertes) MPH zeitversetzt am selben Tag zu nehmen. Es sind keine negativen Erfahrungen bekannt,
Auch hier liegt die größte Bedeutung von (unretardiertem) MPH in der zeitversetzten Ergänzung der Wirkdauer des retardierten Amphetaminmedikaments (Elvanse) frühmorgens oder am Abend.

In den (eher seltenen) Fällen, bei denen MPH oder AMP alleine bis zu den jeweils üblicherweise vertretbaren Tagesdosen keine ausreichende Wirkung hat, ist auch eine parallele Gabe von MPH und AMP möglich.

Daneben gibt es etliche Medikamente, die die Wirkung anderer Medikamente bei AD(H)S unterstützen können.

4. Guanfacin/Clonidin zusätzlich zu Stimulanzien

Eine größere randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Studie über 9 Wochen an Kindern mit unzureichender AD(H)S-Symptomverbesserung durch Stimulanzien zeigte erhebliche Verbesserungen durch zusätzlich gegebenes Guanfacin ohne zusätzliche Nebenwirkungen. Offenbar behandeln mehrere Veröffentlichungen die selbe Studie.(5)(6)(7)
Mehrere weitere Studien kamen ebenfalls zu positiven Ergebnissen einer augmentierenden Gabe von Guanfacin bei Betroffenen mit AD(H)S, die mit Stimulantien alleine nicht optimal eingestellt waren, in Bezug auf Kindern(8) sowie in Bezug auf Kinder und Jugendliche.(9)
Eine weitere doppelblinde placebokontrollierte Studie an 50 Kindern von 6 bis 12 Jahren mit AD(H)S fand eine Verbesserung von Exekutivfunktionen durch eine individuell optimierte Guanfacin-Gabe, die zusätzlich zu den bisherigen Stimulanzien erfolgte, ohne dass zusätzliche Nebenwirkungen auftraten.(10) Eine Studie zu Auswirkungen einer kombinierten Gabe von Guanfacin und MPH auf das EEG bei Kindern mit AD(H)S bestätigt die Ergebnisse.(11)
Eine randomisierte doppelblinde Vergleichsstudie zwischen Monotherapie mit MPH oder Guanfacin und einer Kombinationsmedikamentierung mit MPH und Guanfacin fand einen zwar kleinen, aber konsistenten Vorteil der Kombinationstherapie in Bezug auf die Reduzierung der unaufmerksamen Subskalenwerte von ADHS-RS-IV sowie eine größere Ansprechrate (Responding) als Monotherapie. Die Kombinationstherapie zeigte keine schwerwiegenden kardiovaskuläre Ereignisse. Sedierung, Somnolenz, Lethargie und Müdigkeit waren bei Monotherapie mit Guanfacin wie bei Kombinationstherapie stärker. Alle Behandlungen wurden gut vertragen.(12) Eine weitere (?) randomisierte doppelblinde Studie der selben Autoren aus dem selben Jahr kam zu dem Ergebnis, dass eine kombinierte Behandlung mit MPH und Guanfacin  zu größeren Verbesserungen des Arbeitsgedächtnisses führte als Placebo oder Guanfacin alleine, jedoch einer Monotherapie mit MPH nicht überlegen war, auch nicht in anderen kognitiven Bereichen.(13) Eine Kombinationstherapie von MPH und Guanfacin zeigte geringere kardiovaskuläre Einflüsse als eine Monotherapie von MPH oder Guanfacin.(14)

Guanfacin, das ebenso wie Clonidin ein α₂-Adrenozeptor-Agonist ist, scheint in manchen Ländern für eine Kombinationsmedikamentierung mit Stimulanzien bei AD(H)S zugelassen zu sein,(15) und bei Kindern mit AD(H)S, die schlecht auf Stimulantien alleine ansprechen, zusammen mit Stimulantien die Symptome deutlich mehr zu verbessern als Stimulantien alleine.

Eine randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Studie an Erwachsenen mit AD(H)S, die durch Stimulanzien unbefriedigende Verbesserungen ihrer AD(H)S-Symptomatik hatten, und die zusätzlich individuell mit 1 bis 6 mg Guanfacin augmentiert wurden, zeigte eine deutliche Verbesserung in der Guanfacin-Gruppe und, überraschenderweise, ebenso in der Placebogruppe. Erhöhte Nebenwirkungen fanden sich nicht.(16) Zwei Studien an gesunden Erwachsenen fanden ebenfalls keine Komplikationen bei der Kombinationsmedikamentierung von Guanfacin mit Lisdexamfetamin (Elvanse) und MPH.(17)(18) In einem Einzelfall wurde berichtet, dass augmentierend gegebenes Clonidin ein durch MPH induziertes nächtliches Zähneknirschen beseitigen konnte.(19)
Es wäre interessant, ob Guanfacin/Clonidin in der Lage sein könnte, auch andere bei Stimulanzien zuweilen als Nebenwirkungen auftretende Spannungsabbauhandlungen (Nägelkauen, Lippenkauen) zu verringern. Ein Einzelfallbericht ist hierfür noch kein ausreichendes Indiz.

Eine Untersuchung kam zu einem positiven Ergebnis einer augmentierenden Gabe von Clonidin zu Stimulanzien bei AD(H)S.(20) Gleichwohl dürfte heute Guanfacin aufgrund der geringeren Nebenwirkungsprofils zu bevorzugen sein.

5. Atomoxetin in Kombination mit anderen AD(H)S-Medikamenten

5.1. Atomoxetin und Stimulantien

Obwohl es keine offizielle Zulassung einer Kombinationsmedikation von Atomoxetin und anderen ADHS-indizierten Medikamenten gibt, fand eine Studie(1) die Verwendung einer solchen Kombinationsmedikamentierung bei

  • 22,2% der krankenversicherten Betroffenen von 6-17 Jahren
  • 9,8% der krankenversicherten Betroffenen ab 18 Jahren
  • 36,1% der Medicaid-AD(H)S-Betroffenen.

Eine andere Studie berichtet von 824 Betroffenen, die eine Kombinationstherapie von Atomoxetin und Methylphenidat erhielten.(21)

Brown berichtet von 4 Fällen, in denen erst eine Kombinationstherapie von Atomoxetin mit Stimulantien eine angemessene Verbesserung der AD(H)S-Symptomatik bewirkte.(22)

Mason(4)
berichtet, dass er 2003, als Atomoxetin auf den Markt kam, 35 Kinder mit AD(H)S von Stimulantien auf Atomoxetin umstellte. Um eine möglichst reibungslose Umstellung zu bewirken, wurden dabei die bisherige Stimulantiendosis zunächst in einem ersten Schritt halbiert und mit der halben Zieldosis von Atomoxetin ergänzt. nach 14 Tagen erfolgte im zweiten schritt die vollständige Umstellung auf die Atomoxetin-Zieldosis. Überraschend bat etwa die Hälfte der Betroffenen, die Kombination aus verringerten Stimulanzien und halber Atomoxetindosis fortzusetzen. Diese Kombinationstherapie erwies sich als sehr erfolgreich. Die meisten Betroffenen verringerten ihre vorherige Stimulanzien Dosis erheblich. Nebenwirkungen waren geringer als bei den Patienten, die alleine Stimulanzien erhielten. Die Betroffenen der Kombinationstherapie berichteten insbesondere, dass das Familienleben sich verbessert habe, weil die Zusammenbrüche, die viele Familien außerhalb der Stimulanzienwirkzeit schon als normal betrachteten, abgenommen hatten. Dies erscheint uns eine plausible Folge davon, dass Atomoxetin als Pegelmedikament über den ganzen Tag wirksam bleibt, während Stimulanzien nur eine begrenzte Zeit tagsüber haben.

Mason(4) berichtet weiter von einer Untersuchung von Wilens in 2006 in Harvard, bei der Atomoxetin und retardiertes MPH (Concerta) jeweils hochdosiert kombiniert wurde, um die maximal mögliche Symptomreduzierung zu testen. Dabei hätten die Patienten, die die Studie abschlossen, Symptomrückgänge von mehr als 90 % gezeigt. Ihre AD(H)S-Symptome waren verschwunden und die Aufmerksamkeit war normal.
Problematisch war allerdings, dass die hier eingesetzte hohe Medikamentendosierung bei vielen Patienten nicht tolerierbare Nebenwirkungen auslöste, was dem Studiendesign geschuldet war, das alleine auf die maximale Symptomverbesserung abgezielt hatte.

Eine (allerdings vom Atomoxetin-Hersteller Lilly finanzierte) Studie fand bei einer Kombinationstherapie von Atomoxetin mit anderen ADHS Medikamenten keinen Vorteil der Symptomverbesserung im Vergleich zu einer Monotherapie (möglicherweise, weil die Verschreibung nach individuellem Bedarf der betroffenen durch die behandelnden Ärzte erfolgte und nicht bei allen Probanden einer Gruppe gleich erfolgte), aber auch keine höheren Nebenwirkungen als bei einer Monotherapie mit Atomoxetin (die Zahlen zeigen indes verringerte Nebenwirkungen bei der Kombinationstherapie).(23) Dazu ist anzumerken, dass Atomoxetin alleine allgemein deutlich höhere Nebenwirkungen hat als Stimulanzien alleine.

Ein Reviewartikel von 16 Studien zeigte, dass eine Kombinationsmedikamentierung von Atomoxetin und Stimulanzien meist aufgrund eines unbefriedigenden Ansprechens auf eine Monomedikamentierung erfolgte. Meist handelte es sich um männliche Kinder und Jugendliche mit dem kombinierten ADHS-Subtyp. Am häufigsten wurde über eine Kombination von Atomoxetin mit Methylphenidat berichtet. Bei einigen, aber nicht bei allen betroffenen verbesserte die Kombinationsmedikamentierung due Symptome. Es wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse berichtet.(24)

Ein anderer Review berichtet, dass eine Gabe von Atomoxetin neben Stimulantien zumindest während eines Meikamentierungswechsels problemlos sei.(25)

Eine weitere Studie berichtet von einer Symptomverbesserung durch eine zusätzliche Gabe von retardiertem MPH bei AD(H)S-betroffenen Kindern, die auf Atomoxetin keine ausreichende Symptomverbesserung zeigten.(26) Dass innerhalb der ersten 4 Wochen der Kombinationstherapie (also in der Eindosierungsphase des zusätzlich gegebenen MPHs) erhöhte Nebenwirkungen auftraten,(27) ist nicht sonderlich verwunderlich. Relevanter ist das Nebenwirkungsprofil nach der Eindosierungsphase.
Eine weitere Studie berichtet ebenfalls von deutlichen Symptomverbesserungen durch eine Kombinationstherapie von Atomoxetin und Methylphenidat im Vergleich zu einer Monotherapie.(21)

Mason(4) berichtet aus seiner eigenen ärztlichen Praxis, dass die meisten seiner erwachsenen AD(H)S Patienten retardierte Stimulanzien einnehmen, die typischerweise 8-10 Stunden lang wirken, weshalb die meisten von ihnen zusätzlich unretardierte Medikamente zur Ergänzung benötigen um den tag zu bewältigen.
Diejenigen Patienten seiner Praxis, die eine Kombination von Atomoxetin mit Stimulanzien nehmen, verwenden dagegen niedrige bis moderate Dosierungen von Stimulanzien und berichten eine Wirkungsdauer von mehr als 12 Stunden.
Mason berichtet von Einzelfällen:

  • In einem Fall wurde die bisherige Gabe von 72 mg MPH am Tag (bei einer unbefriedigenden Symptomreduktion von 25 %) auf 27 mg MPH und 60 mg Atomoxetin pro Tag verändert. Damit konnte eine Symptomreduzierung um 80 % erreicht werden, die über viele Jahre ohne Anpassungseffekte fort bestanden.
  • In einem anderen Einzelfall führte eine Verringerung von Amphetaminmedikamenten (Adderall) von 50 auf 30 mg / Tag bei gleichzeitiger Gabe von 40 mg Atomoxetin / Tag zu einer Verbesserung der Symptomreduzierung auf 67 %.
    Eine weitere Verbesserung auf nun 74 % Symptomverringerung ergab sich durch Umstellung von 50 mg Adderall auf 50 mg Yvanse (in EU: Elvanse), was 20 mg Adderall entspricht, unter Fortsetzung der 40 mg Atomoxetin.

Mason weist selbst darauf hin, dass nicht jeder Betroffene durch eine Umstellung auf eine Kombinationstherapie von Atomoxetin und Stimulantien (solche) Verbesserungen erlebte.

Abschließend verweist Mason auf die Erfahrungen anderer Ärzte, die mit einer Ergänzung von Stimulanzien mit Guanfacin, Bupropion oder Antidepressiva vergleichbar positive Effekte erzielten.

Ein uns bekannter deutscher Neurologe arbeitet häufig mit einer Kombination von Stimulantien und Bupropion (aufgrund der aktivierenden Wirkung von Bupropion meist bei ADS, nicht bei ADHS).

5.2. Atomoxetin und Hopanteninsäure

Ein russischer Artikel beschreibt Vorteile einer augmentierenden Gabe von Hopanteninsäure (Phenibut, Pantogam) bei Kindern mit AD(H)S.(28) Ein Einzelfallbericht der selben Hauptautorin deutet ähnliche Ergebnisse an.(29)

Hopanteninsäure (N-Pantoyl-GABA) wird in Russland häufiger zur Behandlung von AD(H)S eingesetzt. Es ist in den USA und der EU nicht zugelassen.

Die Erkenntnisse über Hopanteninsäure sind zu ungenau als dass eine Behandlung damit empfohlen werden könnte.

6. MPH und Tipepidin

Tipepidin (3-[di-2-thienylmethylene]-1-methylpiperidine) erhöht mittels Hemmung der GIRK-Kanäle den Dopaminspiegel, ohne jedoch die motorische Aktivität zu erhöhen oder eine Methamphetamin-ähnliche Verhaltenssensibilisierung zu erzeugen.
Es wird seit 1959 in Japan eingesetzt und könnte aufgrund seiner fehlenden stimulierenden Eigenschaft eine interessante Alternative zu MPH und AMP sein.(30)

Tipepidin alleine zeigt signifikante Verbesserungen der AD(H)S-Symptomatik.(31)

Eine placebogestützte doppelblinde Untersuchung fand eine positive Wirkung von Tipepidin, das zusätzlich zu MPH gegeben wurde.(32)

7. Desipramin und Stimulanzien

Eine Studie fand keine negativen Wechselwirkungen einer Kombinationstherapie mit Desipramin und Stimulanzien.(33)

Desipramin ist der wirksame Metabolit von Imipramin. Desipraminmedikamente sind heute weitestgehend außer Vertrieb. Zwischen Imipramin und MPH ist eine gegenseitige Verstärkung als Wechselwirkung bekannt,

8. Kombinationsmedikamentierungen mit sonstigen Stoffen

Die nachfolgend genannten Wirkstoffe sind keine verschreibungspflichtigen Medikamente. Sie können, wie die zusätzliche Gabe von Vitaminen, Mineralstoffen oder mehrfach gesättigten Fettsäuren, die Behandlung von AD(H)S unterstützen,

Nachfolgend werden Studien dargestellt, die explizit zur Kombinationstherapie mit Stimulanzien erstellt wurden. Die Gabe von Vitaminen, Mineralstoffen oder mehrfach gesättigten Fettsäuren neben Stimulanzien unterliegt indes keinen besonderen Bedenken.

Vitamine, Mineralstoffe, Nahrungsergänzungsmittel bei AD(H)S

8.1. Resveratrol neben MPH

Resveratrol ist ein Antioxidans.
Eine doppelblinde placebokontrollierte Studie fand bei 500 mg Resveratrol zusätzlich zum ohnehin gegebenen MPH bei Kindern mit AD(H)S positive Effekte in der Elternbewertung, nicht aber in der Lehrerbewertung.(34)

8.2. L-Carnosin neben MPH

L-Carnosin ist ein bioaktives Dipeptid, bestehend aus den Aminosäuren ß-Alanin und Histidin.
Eine doppelblinde placebokontrollierte Studie fand bei 800 mg L-Carnosin zusätzlich zum ohnehin gegebenen MPH bei Kindern mit AD(H)S positive Effekte in der Elternbewertung, nicht aber in der Lehrerbewertung.(35)

8.3. Zinksulfat neben MPH

Eine doppelblinde placebokontrollierte Studie an Kindern mit AD(H)S fand positive Effekte von Zinksulfat, das zusätzlich zum ohnehin gegebenen MPH medikamentiert wurde.(36)

8.4. L-Methylfolat neben MPH

Eine Untersuchung einer Augmentierung von optimal eingestelltem MPH mit 15 mg L-Methylfolat an 44 Erwachsenen mit AD(H)S zeigte keine Verbesserung, sondern erhöhte eher den MPH-Bedarf.(37)

9. Kombinationstherapie mit AD(H)S-Medikamente bei komorbiden Störungsbildern

9.1. Depression oder Angst und AD(H)S

9.1.1. Fluoxetin und MPH bei komorbider Depression und AD(H)S

Eine Studie an AD(H)S-Betroffenen mit komorbider Depression, die durch MPH alleine keine ausreichende Verbesserung der AD(H)S-Symptome zeigten, fand durch augmentierend gegebenes Fluoxetin bei fast allen Probanden deutliche Verbesserungen der AD(H)S-Symptomatik. Bei 40 % der Probanden genügte dazu bereits eine zusätzliche Gabe von unter 20 mg Fluoxetin. Erhöhte Nebenwirkungen zeigten sich nicht.(38)

Fluoxetin soll das einzige SSRI mit einer antriebssteigernden Wirkung sein. Als Monotherapie scheint es zur Behandlung von AD(H)S nicht geeignet. Fluoxetin bei AD(H)S

9.1.2. Atomoxetin und Antidepressiva bei komorbider Angst oder Depression und AD(H)S

9.1.2.1. Atomoxetin und Fluoxetin

Eine doppelblinde placebokontrollierte Studie untersuchte die Kombinationsbehandlung mit Atomoxetin und Fluoxetin (ein SSRI) im Vergleich zur Monotherapie mit Atomoxetin bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S und komorbiden Symptomen von Depression oder Angst. Die Studie fand keine relevanten Verbesserungen der AD(H)S-Symptomatik bei der Kombinationsbehandlung. Es fanden sich kleine Verbesserungen im Bereich der Symptomatik komorbider Depression durch Kombinationstherapie im Vergleich zur Monotherapie mit Atomoxetin, wobei letztere neben den AD(H)S Symptomen bereits die Depressions- und Angstsymptome verbesserte. Die Kombinationsbehandlung zeigte keine erhöhten Nebenwirkungen. Der Blutdruck bei der Kombinationstherapie war etwas stärker erhöht als bei der Monotherapie.(39)

9.1.2.2. Atomoxetin und SSRI / SNRI

Eine Studie untersuchte die Kombinationsbehandlung von Atomoxetin mit SNRI und SSRI bei Erwachsenen mit AD(H)S und  komorbider generalisierter Angststörung. Bei allen Probanden versagten SNRI oder SRI alleine in Bezug auf die Verbesserung der Angstsymptome. Eine Kombinationsbehandlung von SNRI oder SSRI mit Atomoxetin zeigte deutliche Verbesserungen der Angstsymptomatik gegenüber der vorhergehenden Monotherapie mit SNRI/SSRI.(40)

9.1.3. Vortioxetin und Methylphenidat bei komorbider ODD, Angst und AD(H)S

Ein Einzelfallbericht notierte bei einer 15-Jährigen AD(H)S-Betroffenen, die auf Atomoxetin nicht ansprach, auf MPH mit Dysphorie reagierte und augmentierendes Clonidin nicht vertrug langfristig eine gute Wirkung einer Kombinationsmedikamentierung von Vortioxetin (10 mg / Tag) und MPH auf die stimulierungsmittelbedingte Angst und die AD(H)S-Symptomatik. Diese wurde mit hoher Verträglichkeit erreicht.(41)

9.1.4. Duloxetin lindert komorbide Enuresis und stimulanzieninduzierte Dysphorie bei AD(H)S

Ein Einzelfallbericht notierte eine Linderung einer komorbiden Enuresis (Einnässen), einer durch Stimulanzien verursachten Dysphorie und eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten bei einem Jugendlichen mit AD(H)S.(42)

9.2. Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) und AD(H)S

DMDD ist durch eine dauerhafte starke Reizbarkeit und hohe Impulsivität gekennzeichnet. AD(H)S tritt häufig komorbid auf.

9.2.1. Aripiprazol und Methylphenidat bei DMDD und AD(H)S

Eine Studie fand eine positive Wirkung einer Kombinationstherapie von Aripiprazol und Methylphenidat Kindern mit komorbider DMDD und AD(H)S. Erhöhte Nebenwirkungen fanden sich nicht.(43)

9.3. Verhaltensstörungen oder Tics und AD(H)S

Verhaltensstörungen (Conduct disorder) oder Tics werden häufig mit Antipsychotika behandelt.

Eine Studie fand bei Kindern und Jugendlichen, die in den Jahren 2005 bis 2013 eine Medikamentierung mit Methylphenidat begannen, 67.595 Kinder, die eine Kombinationstherapie von MPH und Antipsychotika erhielten. Darunter war eine Kombination mit

  • Risperidon (72 %)
  • Pipamperon (15 %)
  • Tiaprid (8 %)

Ein Viertel der Nutzer einer Kombiinationstherapie von MPH und Antipsychotika bekam diese nur einmalig verschrieben.
Die Anwendung der Kombinationen von MPH mit Risperidon und Tiaprid war häufig geeignet (> 72 %), die Anwendung der Kombination MPH-Pipamperon dagegen nur selten geeignet (< 15%).(44)

Bei komorbidem ODD und AD(H)S erwies sich eine Kombinationsbehandlung mit Risperidon und MPH als hilfreich.(45)

9.4. Zwangsstörung und AD(H)S

9.4.1. Sertralin und Guanfacin und Verhaltenstherapie

Ein Bericht über 2 Kindern mit Zwang und AD(H)D (9 und 10 Jahre) könnte auf eine positive Wirkung einer Kombination aus Verhaltenstherapie, Sertralin und Guanfacin.(46)

9.5. Schlafprobleme und AD(H)S

9.5.1. Melatonin und Stimulanzien

Eine schwedische Kohortenstudie fand, dass zwei Drittel der Jungen und die Hälfte der Mädchen, die Melatonin erhielten, auch AD(H)S-Medikamente erhielten.(47)

Zuletzt aktualisiert am 15.11.2020 um 14:18 Uhr