Medikamente bei AD(H)S – Übersicht

Alle beschriebenen Medikamente sollten stets nur durch erfahrene Ärzte/Neurologen verschrieben werden. Unsere Ausführungen sind nur als Anstösse für ein persönliches Arztgespräch gedacht.

Da die AD(H)S-Symptome ganz überwiegend aus dem dopaminergen und dem noradrenergen System stammen, ist eine kombinierte Medikamentierung mit dopaminergen und noradrenergen Mitteln empfehlenswert.(1)(2)(3)(4)(5)

Medikamente bei AD(H)S wirken leider nicht in einer heilenden Art und Weise. Sie wirken lediglich als Korrektur der neuronalen Fehlfunktionen – wie eine Brille, die eine bestehende Fehlsichtigkeit korrigiert, so lange sie getragen wird.

1. Stressreaktion beeinflussende Medikamente

Mit Beeinflussung der Stressreaktion meinen wir nicht sedierende oder andere allgemeiner Effekte, sondern Auswirkungen von Medikamenten auf die Reaktion der Stressregulationssysteme.

1.1. Anxiolytika

Anxiolytika (angstverringernde Medikamente) verringern schon bei Einzelgaben ganz allgemein die Reaktivität der Stresssysteme.(6)

1.2. Antidepressiva

Einzelgaben von Antidepressiva haben teils hemmende teils aktivierende Auswirkungen auf die Stresssysteme.(6)

1.3. Stimulanzien

Stimulanzien regen die Reaktivität der Stresssysteme an.(6)
Wir vermuten, dass die Anregung der Reaktivität bei ADHS vorteilhaft und bei ADS nachteilhaft ist. Da bekanntlich Stimulanzien auch bei ADS das Mittel der Wahl sind vermuten wir, dass die Hauptwirkung nicht durch eine Einwirkung auf die Stresssysteme sondern durch die Erhöhung der Konnektivität des Default Mode Networks erfolgt.Stimulanzien sind in der Lage, die Aufmerksamkeitssteuerung von AD(H)S-Betroffenen bei fehlendem intrinsischen Interesse der von Nichtbetroffenen anzugleichen.(7) Dies erklärt, warum Stimulanzien bei ADHS- und Mischtyp ebenso hilfreich sind wie bei ADS.

Mehr zur abweichenden Funktion des DMN bei AD(H)S und dessen Normalisierung durch Stimulanzien samt weiterer Quellenangaben unter DMN (Default Mode Network) im Beitrag Neurophysiologische Korrelate von Hyperaktivität.

2. Dopaminerg wirkende Medikamente

Dopaminerge Medikamente haben bei AD(H)S die führende Rolle, da die meisten Symptome durch einen Dopaminmangel im Striatum hervorgerufen werden.

Dopaminerge Medikamente haben begleitend zu psychotherapeutischen Maßnahmen den weiteren Nutzen, dass sie die Neuroplastizität des Gehirns erhöhen und damit die Therapiewirksamkeit unterstützen bzw. eine Therapiefähigkeit herstellen.(8)

Dopamin wird zu etwa 5 % in Noradrenalin verstoffwechselt, so dass dopaminerge Medikamente stets zugleich einen (wenn auch geringen) noradrenergen Einfluss haben.(8)(9)

Dopaminerge Medikamente adressieren das vordere Aufmerksamkeitszentrum.
Das dopaminerge und das noradrenerge Aufmerksamkeitszentrum.

3. Noradrenerg wirkende Medikamente

Noradrenalin wird im Nucleus coeruleus gebildet und steuert unter anderem das hintere Aufmerksamkeitszentrum im parietalen Kortex.
Das dopaminerge und das noradrenerge Aufmerksamkeitszentrum.

3.1. Noradrenalinspiegel erhöhende Medikamente

Noradrenalinwiederaufnahmehemmer erhöhen die Menge des verfügbaren Noradrenalins. Reine Noradrenalinwiederaufnahmehemmer sind die „zweite Wahl“ neben den dopaminerg und noradrenerg wirksamen Stimulanzien. Sie können jedoch eine Medikamentierung mit MPH gegebenenfalls unterstützen.

MPH und Atomoxetin wirken jeweils dopaminerg und noradrenerg.

3.2. Wirkung noradrenerger Medikamente

Die Wirkung noradrenerger Medikamente wird von AD(H)S-Betroffenen subjektiv so beschreiben, dass sich der „grüne Bereich“ zwischen Unterforderung (die AD(H)S-Betroffene innerlich abschalten lässt), und Überforderung (die AD(H)S-Betroffene in den Stress treibt), größer wird. Die Ausgeglichenheit erhöht sich. Affektdurchbrüche (Wutausbrüche, emotionale Überreaktionen) verringern sich.

Noradrenerge Medikamente verbessern die AD(H)S-Symptome

  • Affektdurchbrüche (Wutausbrüche)
  • emotionale Impulskontrolle
  • Wachheit
  • Vigilianz

Dopaminerge Medikamente können diese Symptome nicht direkt beeinflussen (allenfalls durch das Noradrenalin, das aus dem Abbau von Dopamin entsteht).
Ebenso sollen Amphetaminmedikamente hier hilfreich sein.(10)

Eine optimale Einstellung mit auch noradrenergen Medikamenten kann subjektiv den Gewinn, den Methylphenidat bewirkt, verdoppeln. (Einzelne) Betroffene berichten, dass eine optimal eingestellte Dosierung in Kombination mit Stimulanzien bei ihnen die Symptome des AD(H)S komplett beseitigte. Leider war diese Wirkung zeitlich begrenzt, was auf eine Up- oder Downregulation von Rezeptoren hindeutet (siehe 2.4.).

3.3. Ansprechgeschwindigkeit noradrenerger Medikamente

Primär noradrenerge Medikamente müssen in der Regel 2 bis 3 Wochen angeflutet werden, bis sie wirken.
Ein Absetzen noradrenerger Medikamente sollte über den selben Zeitraum ausschleichend erfolgen um Depressionen zu vermeiden.
Aufgrund des langsamen Dosierungsansprechens sollten noradrenege Medikamente weder kurzfristig erhöht, ausgelassen oder abgesetzt werden.
Die Ansprechgeschwindigkeit entspricht der serotonwiederaufnahmehemmender Medikamente.

3.4. Dauerwirkung noradrenerger Medikamente problematisch

Die Wirkung von noradrenergen Medikamenten lässt nach einiger Zeit etwas nach (anders als die von Stimulanzien).
Die Dosierung von Noradrenalinwiederaufnahmehemmern sollte daher noch vorsichtiger und genauer vorgenommen werden als bei Dopaminwiederaufnahmehemmern.

Diesseits wird vermutet, dass die meisten noradrenergen Medikamente tonisch wirken, d.h. eine langfristige Erhöhung des NE-Spiegels bewirken. Die AD(H)S-Symptome verbessern sich jedoch nur durch einen phasisch erhöhten Noradrenalinspiegel. Ein tonisch erhöhter NE-Spiegel ist sogar kontraproduktiv.(11)
Viele AD(H)S-Betroffene haben einen kurzfristigen positiven Effekt noradrenerger Medikamente festgestellt (z.B.Nortyptilin), der bereits bei den ersten Tabletten wirkte, aber nach wenigen Tagen wieder verschwand.

Während dopaminerge Medikamente problemlos je nach Bedarf stunden- oder tageweise abgesetzt oder kurzfristig erhöht eingenommen werden können, ist bei noradrenergen Medikamenten davor zu warnen. Noradrenerge Medikamente bergen bei Überdosierung und sprunghaften Dosierungsschwankungen das Risiko von Depressionen.

Ein klar strukturierter Tagesablauf, bei dem sich Aktivität und Pausen sinnvoll abwechseln, soll das noradrenerge System trainieren und die Produktion von Noradrenalin wieder normalisieren helfen.(12)

Daran schliesst der Hinweis von Scheidtmann an, dass noradrenerge Medikamente (z.B. Antidepressiva) bei der motorischen Rehabilitation (dann) nicht helfen, wenn sie als Dauermedikamention benutzt werden, da trizyklische Antidepressiva die noradrenergen Rezeptoren dauerhaft stimulieren und dies dazu führt, dass die Sensitivität des Rezeptors (insbesondere in Bezug auf Lernvorgänge) dadurch verloren gehe.(13)
Dies deckt sich mit der Erfahrung zum Einsatz noradrenerg wirksamer trizyklischer Antidepressiva bei AD(H)S. Hier wird oft berichtet, dass anfangs eine sehr gute Ansprache besteht, die bei anhaltender Medikamentierung jedoch nachlässt.

3.5. Kontraindikationen

Benzodiazepine verringern die Aktivität des Locus coeruleus und reduzieren damit die Produktion und den Transport von Noradrenalin in andere Gehirnteile. Daher müssten sie bei AD(H)S ganz allgemein kontraindiziert sein. Erstaunlicherweise sind sie jedoch kurzfristig hilfreich: Aufgrund ihres bei üblicher Dosierung bereits nach 14 Tagen eintretenden massiven Abhängigkeitspotentials sollten sie jedoch nicht verschrieben werden. MPH und Amphetaminmedikamente haben dagegen kein Abhängigkeitspotential.

Daneben bestehen weitere Neben- und Wechselwirkungen.

4. Serotonerge Medikamente

4.1. Ansprechgeschwindigkeit serotonerger Medikamente

Obwohl der Serotoninspiegel durch serotonerge Medikamente sehr kurzfristig verändert wird, müssen serotonerge Medikamente in der Regel 2 bis 3 Wochen angeflutet werden, bis sie wirken. Deshalb ist anzunehmen, dass der Serotoninspiegel selbst nicht die eigentliche Wirkung vermittelt.

Die Erhöhung von Serotonin in der Synapse durch Serotoninwiederaufnahmehemmer aktiviert Feedback-Mechanismen: Serotonin-1A und Serotonin-B-Autorezeptoren hemmen beide die Serotoninübertragung. Wird diese Hemmung länger aufrechterhalten, werden die inhibitorischen Serotonin-Autorezeptoren desensibilisiert, was ihren hemmenden Einfluss verringert. Dadurch steigt die serotonerge Neurotransmission. Da die Desensibilisierung der Serotonin-1-Autorezeptoren Zeit benötigt, ist der Wirkungseintritt in diesem Maße verzögert.(14)

Als weitere Wirkmechanismen werden adaptive Down- bzw. Upregulationen von Rezeptorsystemen oder neuroplastische Prozesse angenommen.(15)

Ein Absetzen serotonerger Medikamente sollte mindestens über den selben Zeitraum ausschleichend erfolgen um Depressionen zu vermeiden. Nach andren Berichten kann das Absetzen serotonerger Medikamente bis über ein halbes Jahr andauern um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Aufgrund des langsamen Dosierungsansprechens sollten serotonerge Medikamente nicht kurzfristig erhöht, ausgelassen oder abgesetzt werden.

4.2. Anmerkungen zu Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRI) bei AD(H)S

SSRI (Serotoninwiederaufnahmehemmer) sollten bei AD(H)S mit einigem Bedacht eingesetzt werden.

4.2.1. Unterschied Dysphorie als reguläres AD(H)S-Symptom und zu behandelnde Depression

Die meisten Behandler unterscheiden nicht zwischen der AD(H)S-typischen Dysphorie (bei Inaktivität), die ein funktionales Stresssymptom darstellt (der Stimmungsabfall bei Inaktivität zielt darauf ab, dass der Betroffene aktiv bleiben soll bis der Stressor besiegt ist) und „echter“ Depression und behandeln deshalb AD(H)S-Betroffene unsachgemäß so, als hätten sie eine echte Depression.
Zur Differenzialdiagnostik von Depression und Dysphorie bei Inaktivität ⇒ Depression und Dysphorie bei AD(H)S.

In der Praxis zeigt sich, dass eine Behandlung mit einer (gegenüber einer Verwendung als Antidepressivum) deutlich verringerten Menge von Escitalopram die dysphorische Stimmung verbessern kann. Hier können Mengen von 2 bis 5 mg am Tag bereits ausreichen (anstelle von 10 bis 20 als Antidepressivum).
Eine aufhellende Wirkung hat indes oft bereits die Umstellung der Behandlung von Methylphenidat auf Amphetaminmedikamente (Elvanse), die daher deutlich zu bevorzugen ist.
Anders als bei ADHS sollte bei ADS von einer Behandlung einer Dysphorie mit SSRI abgesehen werden. Bei ADS sollten SSRI lediglich bei einer schweren Depression erwogen werden. Siehe hierzu unter 3.2.4.

4.2.2. SSRI verbessern Aufmerksamkeit nicht

Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer bewirken im Gegensatz zu Stimulanzien keine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten. In einer Untersuchung von n = 766244 Probanden wurde eine relevante Verbesserung von Prüfungsergebnissen von AD(H)S-Betroffenen unter Stimulanzien-Medikation festgestellt. Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer hatten auf die Prüfungsergebnisse dagegen keinen Einfluss.(16)(17)

Der aktualisierte europäische Konsensus zur Diagnose und Behandlung von AD(H)S bei Erwachsenen kommt folgerichtig zu dem Ergebnis, dass SSRI keine effektive Wirkung auf AD(H)S haben.(18)

4.2.3. SSRI erhöhen die Aktivität der DAT

Citalopram / Escitalopram scheint die Aktivität der DAT zu verstärken(19)(20), was bei AD(H)S nachteilig wäre.

Ein Hauptproblem von AD(H)S (nach diesseitiger Vermutung vornehmlich bei ADHS) ist der zu geringe Dopaminspiegel im Striatum, der maßgeblich von einer zu hohen Anzahl Dopamintransporter verursacht wird, die das ausgeschüttete Dopamin präsynaptisch bereits wieder aus dem synaptischen Spalt aufnehmen, bevor es postsynaptisch andocken kann. Aktivere DAT verstärken daher die Symptome von AD(H)S.

Bestehen zudem (wie bei AD(H)S häufig) Schlafprobleme, seien Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen, ebenfalls nachteilig.(21)

Escitalopram ist das wirksame S-Enantiomer des racemischen Citaloprams.(22)

4.2.4. SSRI erhöhen Cortisol: bei ADHS problemlos, bei ADS nachteilig

Escitalopram in höherer Dosierung (20 mg) erhöht die Cortisolantwort auf akuten Stress(23)(24) Gleiches wurde für andere SSRI(25) sowie für die Gabe des Serotoninvorstoffes Tryptophan.(26) nicht aber bei 10 mg.(23)

Escitalopram erhöhte bei 10 wie bei 20 mg die Angst weder vor noch während eines Stresstestes, verlängerte sie jedoch danach.(23)

Bei der Behandlung komorbider Depression bei AD(H)S sollte unbedingt bewusst sein, dass eine Erhöhung der Cortisolantwort auf Stress bei ADHS-Betroffenen (die eine zu flache Cortisolantwort besitzen, weshalb die HPA-Achse nicht abgeschaltet wird) vorteilhaft sein kann, bei ADS-Betroffenen jedoch (die eine überhöhte Cortisolantwort haben) aus diesem Gesichtspunkt nachteilig ist.

SSRI bewirken eine Up-Regulation der Mineralokortikoid- und Glukokortikoid-Rezeptor-mRNA-Level, was die (trotz überhöhter Cortisolstressreaktion) bei melancholischer und psychotischer Depression zusammengebrochene negative Feedbackregulation der HPA-Achse wieder herstellt.(27)
Bei ADS ist diese Herunterregulierung der HPA-Achse nicht defekt.
Dieser Unterschied könnte erklären, warum SSRI bei melancholischer / psychotischer Depression trotz der an sich nicht erwünschten Erhöhung des Cortisolspiegels positiv wirken.
Solange bei ADS ohne entsprechend starke Depression keine Desentivierung der GR vorliegt, ist eine Behandlung mit SSRI jedoch nicht angezeigt.
ADHS, das eine abgeflachte Cortisolstressantwort hat, ist nicht mit melancholischer und psychotischer, sondern mit atypischer oder bipolarer Depression assoziiert, die ebenfalls eine abgeflachte Cortisolstressantwort aufweisen. Hier könnte eine (niedrigere: 2 bis 5 mg) SSRI-Augmentation insbesondere zur Behandlung von Impulsivitätsproblemen helfen.

Trotzdem ist fraglich, ob die langfristige Wirkung von SSRI (Escitalopram), das bei ca. 50 % der von Depression betroffenen die Aktivität der HPA-Achse normalisiert, auch beim ADS-Subtyp greift.

  • Die Depressions-Liga empfiehlt SSRI besonders bei atypischer Depression,(28) die wie der ADHS-Subtyp die externalisierende Stressausdrucksform darstellt.
  • Das Handbuch der Psychopharmakotherapie(29) weist darauf hin, dass bei schwerer (hier: melancholischer) Depression (die wie der ADS-Subtyp eine internalisierende Stressphänotypik mit einer überschiessenden Cortisolantwort auf einen akuten Stressor zeigt) eine Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva (vornehmlich Amitryptilin und Clomipramin) oder SSNRI (hier Duloxetin und Venlaflaxin) der Behandlung mit SSRI überlegen ist.(30)(31)
  • Die nicht optimale Wirkung von SSRI wird weiter bei der Vorstellung des SSRI Sertralin thematisiert, welches besser als andere SSRI bei einer schweren melancholischen Depression wirken solle.(32)
  • Ebenso äussert sich Ritzmann in der schweizerischen pharma-Kritik kritisch zu SSRI bei melancholischer Depression.(33)

4.2.5. SSRI bei Impulsivitätsproblemen bei ADHS

Nach diesseitiger Erfahrung in einem Einzelfall scheint eine positive Wirkung auf Impulsivitätsprobleme zu bestehen (die neurophysiologisch durch einen geringen Serotoninspiegel verursacht werden können), wie sie typisch bei ADHS auftreten. Hier kann bereits eine sehr geringe Dosis Escitalopram (2 bis 3 mg – gegenüber einer Nutzung als Antidepressivum mit 10 bis 20 mg / Tag(34).) zu einer Verringerung der Impulsivität beitragen, was gegebenenfalls erlaubt, die Dosierung der parallel verwendeten Stimulantien herabzusetzen.

Impulskäufe, wie sie vornehmlich bei ADS auftreten, sind nach diesseitiger Auffassung dagegen eher dem Drang nach sofortiger Belohnung geschuldet und eher als spontane Bedürfnisbefriedigung (wie auch Sucht) zuzuschreiben als der durch einen niedrigen Serotoninspiegel induzierten externalisierenden Impulsivität.

4.2.6. SSRI verbessern AD(H)S-Symptome nicht

In einer aufwändigen Doppelblindstudie mit dem serotonergen Antidepressivum Vortioxetin wurde keine Verbesserung der AD(H)S-Symptomatik im Vergleich zu Placebo festgestellt.(35)

Wir kennen Berichte etliche AD(H)S-Betroffene, die SSRI eingenommen haben. Bei keinem ergab sich ein positiver Effekt auf AD(H)S. Häufig wurden insgesamt negative Effekte genannt.

4.3. Allgemeines zu SSRI

4.3.1. SSRI und σ-Rezeptoren

4.3.1.1. SSRI nach Bindungsstärke am σ1-Rezeptor

Sortierung absteigend

  • Fluvox­amin(36)
    • weniger affin, aber hochselektiv am Serotonin-Transporter
    • Sigma-1-Agonist
      • behebt depressionstypische kognitive Einbussen(36)
      • verbessert psychotische Symptome(36)
      • verstärkt das Nervenwachstumsfaktor-­induzierte Neuriten-Wachstum in PC12-Zellen(36)
  • Sertralin(36)
    • Sigma-1-Antagonist
      • behebt depressionstypische kognitive Einbussen(36)
      • verschlechtert psychotische Symptome(36)
      • verringert das Nervenwachstumsfaktor-­induzierte Neuriten-Wachstum in PC12-Zellen(36)
  • Fluoxetin(36)
  • Citalo­pram(36)
  • Paroxetin (fast gar keine Bindung)(36)
    • Paroxetin wirkt auch antocholinerg
      kann dadurch Konzentrationsschwierigkeiten und Vergesslichkeit auslösen(36)

4.3.2. SSRI-Einmalgaben erhöhen Angst und Risiko von Panikanfällen

Einmalgaben von Escitalopram erhöhen das Risiko von Panikanfällen.(23) Angst und Anspannung war ebenso erhöht durch eine Einmalgabe von Chlorimipramin/Chlomipramin/Clomipramin, einem trizyklischen Antidepressivum, das primär als Serotoniniederaufnahmehemmer(37) aber auch als Antagonist des Histamin-H1-Rezeptors, des Muskarinischen Acetylcholinrereptors und des A1-Adrenozeptors wirkt.(38)

4.3.3. SSRI erhöhen Oxytocin

SSRI erhöhen den Blutspiegel von Oxytocin. Möglicherweise moderiert dies einen Teil der antidepressiven Wirkungen von SSRI.(39)

5. Wirkung von SNRI bei Depressionen

Quelle mit weiteren Nachweisen: Büchs(40)

Serotonin- und Noradrenalinwiederaufnahmehemmende Antidepressiva erhöhen die Glukocorticoid- und Mineralocorticoid-Rezeptorexpression und -funktion. Dies führt zu einer Wiederherstellung der gestörten negativen Rückkopplung der HPA-Achse und der Normalisierung ihrer bisherigen Hyperaktivität.

SSRI-, SNRI- und Monoaminoxidasehemmer stimulieren Cortisol und ACTH unmittelbar, bei Gesunden wie bei Depressiven.
Die Normalisierung der Hyperaktivität der HPA-Achse bei depressiven Patienten erfolgt durch

  • Up-Regulation der Mineralocorticoid- und Glukocorticoid-Rezeptor-mRNA-Level.(27)
    • dies könnte erklären, warum SSRI und SNRI auch bei schwerer (typischerweise melancholischer oder psychotischer) Depression von ADS-Betroffenen positiv wirken können. Bei melancholischer und psychotischer Depression sind die GR desensibilisiert. Dies ist bei ADS (ohne Depression) nicht der Fall (obwohl ebenso die Cortisolstressantwort überhöht ist). Möglicherweise überwiegt bei Depression der Vorteil die GR-Desensibilisierung den Nachteil der gleichzeitigen Cortisolerhöhung.
      Mehr hierzu unter Dexamethason-Suppressions-/CRH-Stimulationstest (DEX/CRH-Test)
  • Down-Regulation der Proopiomelanokortin-mRNAExpression (Vorstufe der ACTH-Synthese) in der Hypophyse
  • Dämpfung der CRH-Genexpression und CRH-mRNA-Synthese im Nucleus paraventricularis
  • Die eher langsame und graduelle Verringerung der Hyperaktivität der HPA-Achse durch genetischer Mechanismen ist von den akuten und direkten pharmakoendokrinologischen Effekten von Mirtazapin auf das HPA-System zu unterscheiden(41)

6. Anmerkungen zu trizyklischen Antidepressiva bei AD(H)S

Trizyklische Antidepressiva zählen als Mittel zweiter Wahl bei ADHS. Sie haben in zahlreichen doppelblinden Placebo-kontrollierten Studien bei Kindern und Erwachsenen in Bezug auf hyperaktiv impulsives Verhalten gleichwertige Ergebnisse wie Stimulanzien bewiesen.(42)(43)(44)(45) Eine Kombinationstherapie von Stimulanzien und trizyklische Antidepressiva kann effektiver sein als eine Monotherapie, insbesondere bei Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und oppositionellen Symptomen, wobei auf regelmäßige kardiologische Untersuchungen geachtet werden muss.(46)

TZA werden bei Nonresponding von beiden Stimulanzien-Arten (Methylphenidat und Amphetamin-Medikamenten) neben Guanfacin zum Mittel der dritten Wahl.

Bei komorbiden Ängsten, Depressionen und Dysphorien sind trizyklische Antidepressiva klassischerweise hilfreich. Bei komorbidem Einnässen (Enuresis) wird Imipramin empfohlen.(47)

Eine weitere kurze Zusammenfassung zu Studien über trizyklische Antidepressiva und anderen Nichtstimulanzien bei ADHS findet sich bei Budur et al 2005.(48)

Bei einer Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva ist eine regelmäßige Kontrolle von EKG, Blutdruck und Pulsfrequenz erforderlich.(3)

7. Allgemeine Hinweise zu Antipsychotika als D2 Antagonisten bei AD(H)S

Antipsychotika sollen in niedriger Dosierung eine positive Wirkung bei AD(H)S haben, obwohl diese die Aufnahme von Dopamin verringern. Die Wirkung wird allerdings nicht der dopaminerge Auswirkung, sondern der Blockade des σ-Adreno-Rezeptors zugeschrieben, welcher die Freisetzung von Dopamin im Nucleus Accumbens sowie die Dopaminaufnahme positiv stimuliere.(49)(50)

Nach der Geburt nimmt die Dichte der D1 und D2 Rezeptoren im Striatum zunächst zu. Die Zunahme von D2 Rezeptoren nach der Geburt ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen.(51)
In der Adoleszenz sinkt die Anzahl dieser Rezeptoren auf 40 % des Ausgangsniveaus ab.(52) Diese Abnahme ist bei Männern wiederum deutlich stärker als bei Frauen.

Eine Blockade von Dopaminrezeptoren erhöht die Ausschüttung von Acetylcholin. Acetylcholin ist an der Entstehung von Extrapyramidalsymptome mitverantwortlich.(53)

Je mehr Dopaminrezeptoren vorhanden sind, desto größer ist der acetylcholinerge Überschuss, der im Falle einer Blockade dieser Rezeptoren entsteht. Eine Gabe von typischen Antipsychotika (= typische Neuroleptika, z.B. Haloperidol), die als D2 Antagonisten die Dopamin-D2-Rezeptoren blockieren, bewirkt bei Betroffenen mit hoher Anzahl von Dopaminrezeptoren ausgeprägtere acytlcholinerge Nebenwirkungen wie Extrapyramidalsymptome (vornehmlich Störungen von Muskeltonus und Bewegungsabläufen) oder Akhatisie (Sitzunruhe). Der acetylcholinergen Überschuss bei Betroffenen mit hoher Anzahl von Dopaminrezeptoren erklärt weiter den häufigen Konsum von anticholinerg wirkenden und sedierenden Substanzen sowie den häufigen Kokainkonsum.(54)

Werden durch Kokain 70 % des Dopaminrezeptorsystems blockiert, wird das Dopaminniveau im synaptischen Spalt erhöht und parallel die Acetycholinausschüttung vermindert. Es entsteht eine subjektive Hochgefühlswahrnehmung. Kokain wie auch Anticholinergika bewirken bei den Betroffenen eine subjektive Beruhigung sowie eine Verminderung der motorischen Unruhe und der Extrapyramidalsymptome aufgrund der Verringerung der acetylcholinergen Ausschüttung. Gleichzeitig werden, insbesondere bei Kokain, durch den durch die Dopamintransporterblockade induzierten Dopaminüberschuss psychotische Symptome verstärkt.(54)

Quinpirol, ein selektiver D2- und D3-Agonist,(55) verringert den Dopaminspiegel im linken präfrontalen Cortex, erhöht ihn jedoch im Striatum und in der Amygdala.(56) Hypermotorik und Zwangshandlungen werden verstärkt.(55)

Ob diese Verstärkung auch bei AD(H)S-Betroffenen eintritt ist zu hinterfragen. Hyperaktivität ist im Striatum verortet. Symptome werden jedoch durch einen nicht optimalen Neurotransmitterpegel, hier also Hyperaktivität durch Dopaminmangel genau so wie durch Dopaminüberschuss verursacht.
Wenn Quinpirol den Dopaminspiegel im Striatum anhebt, ist es plausibel, dass bei Nichtbetroffenen Hyperaktivitätssymptome eintreten.
Bei AD(H)S besteht jedoch vermutlich ein Dopamindefizit im Striatum (die Untersuchungslage ist uneinheitlich). Sofern dies der Fall wäre, müsste Quinpirol dieses Defizit beseitigen und damit zugleich die Hyperaktiivität verringern können.

Daneben verringert Quinpirol – ebenso wie Aripiprazole (Abilify), einem partiellen D2-Rezeptor-Agonisten – bei erwachsenen (nicht aber bei jungen) Ratten das Cue-induzierte Wanting auf Cocain und kann damit bei Suchtproblemen helfen.(57)

Atypische Antipsychotika sollen grundsätzlich D2-Rezeptoren im limbischen System blockieren, D1-Rezeptoren im PFC jedoch anregen, weshalb sie in Ausnahmefällen als AD(H)S-Medikament erfolgreich sein können.(58)

8. Monoaminoxidase-Hemmer

Monoamine sind

  • Katecholamine
    • Dopamin
    • Noradrenalin
    • Adrenalin
  • Serotonin
  • Melatonin
  • Histamin
  • Thyronamin
  • Spurenamine
    • β-Phenylethylamine
    • Tyramin
    • Tryptamin

Monoaminoxidase bewirkt den Abbau von Monoaminen durch Desaminierung.

Monoaminoxidase-Hemmer verringern den Abbau der Monoamine und erhöhen damit ihre Verfügbarkeit.

Griechischer Bergtee (Sideritis scardica) scheint als als MAO-Hemmer in Bezug auf Dopamin, Noradrenalin und Serotonin zu wirken.(59)

9. Medikamentenverträglichkeit und Hochsensibilität bei AD(H)S

AD(H)S beinhaltet nach unserer Wahrnehmung stets auch eine Hochsensibilität, die zuweilen sehr stark ausgeprägt sein kann.
Hochsensible Menschen (auch ohne AD(H)S) reagieren auf Medikamente häufiger empfindlich und zuweilen paradox.

Beispiele:

  • Schmerzmittel können
    • gar nicht wirken
    • bereits in geringster Dosierung wirken
  • Beruhigungsmittel können Aktivierung bewirken
  • Narkosemittel können unvorhergesehene Wirkung haben
    Wir haben von Fällen gehört, in denen Narkosemittel in deutlich geringerer Dosierung wirken sollen. Es besteht mithin die Gefahr einer Überdosierung. Wir würden uns freuen, wenn uns Anästhesisten von einschlägigen Erfahrungen berichten könnten.
  • Koffein kann intensiver wirken (insbesondere bei Einnahme von Methylphenidat)
  • Nikotin kann müde machen anstatt zu aktivieren
    Ein Betroffener berichtet uns, dass ein Einschlafritual zwei Zigaretten oder ein Cigarillo ist: danach bleiben ihm 20 bis 30 Minuten, während der er aufgrund des Nikotins sehr müde ist und gut einschlafen kann
  • eine geringe Dosis an Stimulanzien (1/3 bis 1/2 einer tagsüber genommenen Einzeldosis) hilft etlichen AD(H)S-Betroffenen beim Einschlafen gegen das Gedankenkreisen

10. Kreuzwirkungen von AD(H)S-Medikamenten

Bei ADH)S-Medikamenten (vor allem bei Trizyklischen Antidepressive, MAO-Hemmern und Medikamenten, die den Alpha2-Adrenozeptor adressieren) sind Kreuzwirkungen leider häufig und müssen unbedingt beachtet werden.

Eine recht umfassende Darstellung von Kreuzwirkungen bei AD(H)S-Medikamenten sowie Vorsorgemaßnahmen bei der Verordnung und Einnahme der jeweiligen Präparate findet sich bei Steinhausen et al.(60)

Zuletzt aktualisiert am 22.10.2019 um 15:50 Uhr


4.)
Hässler, Irmisch (2000): Biochemische Störungen bei Kindern mit hyperkinetischen Störungen, in Steinhausen (Hrsg.) (2000): Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Seite 88 - (Position im Text: 1)
15.)
Heim, Miller: Depression, in: Ehlert, von Känel (2011): Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie, Seiten 365-382 - (Position im Text: 1)
19.)
http://www.adhs.org/therapie/ - (Position im Text: 1)
49.)
Hässler, Irmisch (2000): Biochemische Störungen bei Kindern mit hyperkinetischen Störungen, in Steinhausen (Hrsg.) (2000): Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Seite 89 - (Position im Text: 1)
51.)
Franck (2003): Hyperaktivität und Schizophrenie – eine explorative Studie; Dissertation unter Verweis auf Anderson und Teicher, 2000 - (Position im Text: 1)
55.)
58.)
Stahl (2013): Stahl’s Essential Psychopharmacology, 4. Auflage, Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment, Seite 488 - (Position im Text: 1)
60.)

2 Gedanken zu “Medikamente bei AD(H)S – Übersicht”

Schreibe einen Kommentar