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Methylphenidat (MPH) bei AD(H)S

WARNUNG:
Medikamente gegen AD(H)S sollten nur nach sorgfältiger Diagnose durch spezialisierte Fachärzte verschrieben werden. Diese Informationen können eine fundierte ärztliche Beratung nicht ersetzen und dienen lediglich dazu, die Gespräche mit Ärzten und Therapeuten zu unterstützen.

Methylphenidat ist eines der wichtigsten Medikamente zu Behandlung von AD(H)S und dient daneben zur Behandlung von Narkolepsie und Depression. Methylphenidat ist ein Stimulanz.

Stimulanzien werden seit vielen Jahrzehnten als AD(H)S-Medikamente eingesetzt und haben bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eine hohe Effektstärke bei geringen Nebenwirkungen. Sie verringern zudem die Wahrscheinlichkeit einer Suchtentwicklung.(1)

Es ist grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Stimulanzien als Medikamenten und Stimulanzien als Drogen. Eine schnelle, hohe, die Rezeptoren mehrheitlich belegende und schnell wieder abnehmende Dosierung (= Drogen) führt zu einem Neurotransmitterüberschuss und löst dadurch Rauschzustände aus. Eine langsame, niedrig dosierte, die Rezeptoren nur teilweise belegende Dosierung (= Medikamente) gleicht dagegen lediglich das bei AD(H)S bestehende Neurotransmitterdefizit aus und beseitigt die hierdurch ausgelösten Symptome.

Stimulanzien wirken primär dopaminerg und geringer auch noradrenerg als Wiederaufnahmehemmer.
Nikotin wirkt indirekt stimulierend, indem es an Acetylcholinrezeptoren bindet und darüber indirekt eine Freisetzung von (unter anderem) Dopamin bewirkt.(2)

Stimulanzien wirken dopaminerg auf den Nucleus accumbens und verbessern die Symptome von Hyperaktivität und Eigenaktivierungs-/Verstärkungsprozessen, während die Probleme der Antwortverzögerung und des Arbeitsgedächtnisses durch noradrenerge Auswirkungen des Locus coeruleus auf den PFC vermittelt werden. Die Wirkungen von Stimulantien auf Aufmerksamkeit und Verhaltenskontrolle werden dopaminerg und noradrenerg vermittelt.(3)

Details zu Stimulantien
Stimulantien (z.B. Nikotin, Methylphenidat, Amphetamine, Entactogene, Kokain) verstärken die dopaminerge Neurotransmission im Striatum durch erhöhte Dopaminfreisetzung und/oder Hemmung der präsynaptischen Dopaminwiederaufnahme. Opioiderge Substanzen (z.B. Alkohol, Cannabis, Opioide) wirken mittels eines μ-Opiatrezeptor-Mechanismus indirekt dopaminerg, indem dopaminerge Neurone des ventralen Tegmentums aktiviert werden und durch direkte Adressierung der Opioidrezeptoren.(4)
Diese Mechanismen werden von jedem gesunden Gehirn durch körpereigenes Dopamin, körpereigene Endorphine und körpereigene Opioide genutzt.

Rauschwirkung entsteht durch einen sehr schnellen (phasischen) Anstieg von Dopamin im Gehirn, der nur durch eine erhöhte Dopaminausschüttung aus den Vesikeln bewirkt werden kann. Medikamente bewirken dagegen als Wiederaufnahmehemmer über einen langsamen (tonischen) Anstieg keine Rauschwirkung, sondern verringern mittelbar sogar das phasische Dopaminlevel.

Stimulanzien verbessern die kognitiven Fähigkeiten. In einer sehr umfangreichen Untersuchung von n = 766244 Probanden wurde eine relevante Verbesserung von Prüfungsergebnissen von AD(H)S-Betroffenen unter Stimulanzien-Medikation festgestellt, wenn auch das Leistungsniveau Nichtbetroffener nicht erreicht wurde. Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer hatten auf die Prüfungsergebnisse dagegen keinen Einfluss.(5)

Inhalt dieser Seite

Methylphenidat

Methylphenidat ist in Europa bei Kindern das Mittel erster Wahl und bei Erwachsenen das Mittel zweiter Wahl (nach Amphetaminmedikamenten) bei AD(H)S. Es ist seit 1937 bekannt.
In den USA erhalten Jugendlichen mit AD(H)S zu 52,9 % MPH und 39.3% Amphetaminmedikamente als erstes verschriebenes AD(H)S-Medikament. Im Verlauf der Behandlung ist MPH bei rund 40 % das primär verschriebene Medikament und 33 % AMP das primär verschriebene Medikament.(6)

1. Wirkstoffe

1.1. Methylphenidat als Racemat

Methylphenidat wird handelsüblich als Racemat (Mischung) aus L-Methylphendiat und D-Methylphenidat (linksdrehende und rechtsdrehende Isomere) angeboten.

Markennamen sind u.a. Ritalin, Medikinet, Equasym, Concerta, Kinecteen, Daytrana (Hautpflaster). Es wird weiter +als Generikum angeboten. Mehr hierzu siehe unten unter 14.

Dosierung ab 2,5 mg bis im Mittel 15 mg je Einzeldosis tagsüber alle 2,5 bis 3,5 Stunden (unretardierte Form).(7)

1.2. Dexmethylphenidat (D-MPH)

Dexmethylphenidat ist die Reinform der rechtsdrehenden Isomere.

Markenname: Focalin (nur Schweiz und USA)

Es ist 3-fach wirksamer als racematisches (Mischung aus rechtsdrehendem (D-MPH) und linksdrehendem (L-MPH) Methylphenidat(8) Die höhere Wirksamkeit von D-MPH gegenüber L-AMP betrifft die Dopamintransporter- wie die Noradrenalintransporterbindung.

Daher wird die halbierte Dosierung von D-MPH gegenüber Racemat-Methylphenidat empfohlen, zudem begrenzt auf max. 20 mg / Tag bei Kindern wie bei Erwachsenen.

2. Wirkungsweise von Methylphenidat

2.1. Wirkung auf Neurotransmitter

MPH verändert die Neurotransmitterspiegel im Gehirn.

2.1.1. MPH erhöht Dopamin

  • Anstieg von Dopamin und Noradrenalin im PFC(9)
  • Bei gesunden adulten Ratten erhöht MPH(10)
    • Dopamin im PFC, Striatum und Nucleus accumbens sowie
    • Noradrenalin im PFC, nicht aber im Striatum oder Nucleus accumbens.
  • MPH bindet an die Dopamintransporter, deren Dichte im Striatum am höchsten ist. Die Anbindung von MPH im Cerebellum und im Hippocampus beträgt weniger als ein Zehntel hiervon.(11)
  • MPH-Responder weisen eine erhöhte DAT-Anzahl im Striatum auf, Nonresponder eine verringerte DAT-Anzahl.(12)
  • MPH erhöht die Anzahl der Dopamintransporter.(13)
  • anders:
    • Kein Dopaminanstieg im Striatum durch MPH(14)
    • geringerer Dopamin- und Noradrenalinanstieg im Striatum(9)

Zur langfristigen Wirkung von MPH fand eine Studie, dass jugendlichen Naples High-Excitability (NHE) Ratten langanhaltend gegebenes MPH (ebenso wie Atomoxetin) im Erwachsenenalter den Dopaminspiegel im PFC und Striatum verringerte und Noradrenalin im ventralen Striatum erhöhte.(15)

2.1.2. MPH erhöht Noradrenalin

  • MPH wirkt noradrenerg im Locus coeruleus, was Arousal, Vigilanz und Aufmerksamkeit verbessert(9)
  • Bei Menschen mit hoher D2-Rezeptor-Anzahl erhöht, bei Gesunden mit niedriger D2-Rezeptor-Anzahl verringert MPH den Metabolismus in frontalen und temporalen Gehirnbereichen (u.a. Striatum). Im Cerebellum wurde der Metabolismus durchgehen erhöht.(16)
  • Bei hypermotorischen und unaufmerksamen ADHS-Betroffenen erhöht eine regelmäßige Methylphenidatgabe die zuvor ungewöhnlich geringe Durchblutung des Putamen. Bei AD(H)S-betroffenen Kindern mit durchschnittlicher motorische Aktivität bewirkte eine regelmäßige Methylphenidatgabe eine Verringerung der Durchblutung des Putamen. Der Thalamus wurde durch MPH nicht beeinflusst.(17)
  • Methylphenidat erhöht den Stoffwechsel im Gehirn links frontal posterior und links parietal superior und verringert ihn links parietal, links parietookzipital und frontal anterior medial.(18)
  • Bei geringer Dosierung erhöht Methylphenidat den Dopamin- und Noradrenalinspiegel im PFC, was dessen Leistungsfähigkeit erhöht. In anderen Gehirnbereichen hat niedrig dosiertes MPH dagegen kaum Wirkung auf Dopamin- und Noradrenalinspiegel.(19) Dies entspricht der bekannten Erhöhung der kognitiven Leistungsfähigkeit des PFC durch geringe Dopamin- und Noradrenalinspiegelerhöhungen bei leichtem Stress.
  • d-threo-(R,R)-methylphenidat ist ein schwacher Agonist des 5HT-1A-Serotoninrezeptors, nicht aber des 5HT-2A-Rezeptors. Hierdurch kann der Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflusst werden.(20)
  • Bei jugendlichen Ratten bewirkte(21)(22)
    • eine einmalige Gabe von hochdosiertem MPH (2 mg/kg, das ist etwa das 2 bis 8-fache der bei Menschen üblichen Behandlungsdosis)
      • eine Verringerung der Anzahl der vesikulären Monoamintransporter (VMAT2) im Kleinhirn
      • keine Erhöhung des Dopaminumsatz im Kleinhirn (gemessen mit dem Metaboliten DOPAC)
      • keine Veränderung der Proteinspiegel von Tyrosinhydroxylase (TH) und des Dopamin D1-Rezeptors
      • unveränderte Spiegel von Dopamin und Homovanillinsäure (HVA)
    • eine dauerhafte Gabe von hochdosiertem MPH (2 mg/kg) über 14 Tage
      • erhöhte Anzahl der vesikulären Monoamintransporter (VMAT2) im Kleinhirn
      • erhöhte den Dopaminumsatz im Kleinhirn signifikant (gemessen mit dem Metaboliten DOPAC)(21)
      • ließ den Proteinspiegel von Tyrosinhydroxylase (TH) und des Dopamin D1-Rezeptors unverändert(21) – anders die selben Autoren(23)
      • erhöhte die Anzahl der DAT(22)
        • im linken dorsalen Striatum
      • veränderte die DAT nicht
        • im rechten dorsalen Striatum
        • im Nucleus accumbens (ventrales Striatum)(21)
      • erhöhte die Ausprägung der
        • Noradrenalintransporter (NET)
        • Monoamintransporter 2 (VMAT2)(21)(22)
        • Tyrosinhydroxylase
        • Dopamin D1-Rezeptoren
        • stärker im Nucleus accumbens (ventrales Striatum) als im dorsalen Striatum
        • stärker im parietalen Cortex als im frontalen Cortex
        • Diese Wirkung von chronischem MPH auf die Erhöhung der DAT-, NET- und VMAT2-Transporter könnte andeuten, dass das Medikament langfristig einen Teil seiner akuten Wirkung, den Dopamin- und Noradrenalinspiegel zu erhöhen, verlieren könnte.(22)(13)
          Dies deckt sich mit der diesseitigen Erfahrung, dass bei manchen Verwendern die Dosierung nach einem halben bis einem Jahr einmalig etwas nachkorrigiert (leicht angehoben) werden muss. Eine dauerhafte Gewöhnung wird in der Praxis jedoch nicht berichtet.
        • Erhöhte Vanillinmandelsäure im Urin von Wistar-Ratten. Dies konnte durch eine augmentierende Gabe von Buspiron vermieden werden.(24)
          Vanillinmandelsäure entsteht beim Abbau von Adrenalin und Noradrenalins durch MAOA und COMT, so dass Vanillinmandelsäure ein Indikator der Aktivität des Vegetativen Nervensystems (Sympathikus) ist.
      • eine einmalige Gabe von sehr hochdosiertem MPH (5 mg/kg, das ist etwa das 5 bis 20-fache der bei Menschen üblichen Behandlungsdosis) bewirkt
        • eine ähnliche Metabolitenveränderungen im Cerebellum wie 2 mg
        • tendenziell wurden Metaboliten im Cerebellum verringert, die mit dem Energieverbrauch und der exzitatorischen Neurotransmission assoziiert sind, hier Glutamat, Glutamin, N-Acetylapartat und Inosin
        • weiter wurden die Spiegel einiger Metaboliten, die mit der inhibitorischen Neurotransmission assoziiert sind, hier GABA und Glycin, Acetat, Aspartat und Hypoxanthin reduziert
    • Die Wirkung von MPH ist dosisabhängig. Normaldosiertes MPH zeigt andere Wirkungen als hoch oder sehr hoch dosiertes MPH.
  • Eine Untersuchung fand bei Kindern mit AD(H)S einen gegenüber Nichtbetroffenen unveränderten basalen Oxytocinspiegel. Während nach Interaktion mit einem Elternteil Oxytocin bei unbehandelten AD(H)S-Betroffenen absank, stieg Oxytocin bei mit MPH behandelten AD(H)S-Betroffenen ebenso an wie bei Nichtbetroffenen.(25)

2.2. Wirkung von MPH auf Cholesterin-Stoffwechsel im OFC

Eine Studie fand bei SHR-Ratten, die als ADHS-Modell gelten, im Vergleich zu WKY-Ratten, die als Modell von Nichtbetroffenen gelten, 12 veränderte Stoffwechselmetaboliten im PFC. Die Abweichungen von 8 davon wurden durch MPH egalisiert:(26)

  • 3-Hydroxymethylglutarsäure
  • 3-Phosphoglycerinsäure
  • Adenosinmonophosphat
  • Cholesterin
  • Lanosterin
  • o-Phosphoethanolamin
  • 3-Hydroxymethylglutarsäure
  • Cholesterin

Die veränderten Metaboliten gehören zu den Stoffwechselwegen des Cholesterins.
Bei den SHR fand sich im PFC hierzu

  • verringerte Aktivität von 3-Hydroxy-3-Methyl-Glutaryl-CoA-Reduktase
    • unverändert durch MPH
  • verringerte Expression des Sterol-Regulator-Element-bindenden Protein-2
    • erhöht durch MPH
  • verringerte Expression des ATP-bindenden Kassettentransporters A1
    • erhöht durch MPH

2.3. Wirkung von MPH auf Tryptophan-Metaboliten

Bei ADHS-Betroffenen (überwiegend hyperaktiv) mit komorbider depressiver Symptomatik fand eine Studie im Vergleich zu ADS-Betroffenen und gesunden Kontrollen erheblich höhere morgendliche als abendliche Werte von Indolessigsäure. MPH verringerte dies um 50%. MPH verringerte zugleich die morgendlichen Werte von Indolpropionsäure und führte das Tagesprofil auf die Werte der gesunden Kontrollprobanden zurück.(27)

2.4. Wirkung von MPH auf HPA-Achse

Stimulanzien (Methylphenidat und Amphetaminmedikamente) sollen die Aktivität der HPA-Achse erhöhen.(28)

2.5. Wirkung von MPH auf Vegetatives Nervensystem (Sympathikus / Parasympathikus)

Bei AD(H)S ist die Herzratenvariabilität (HRV), die mit der Gesundheit des Vegetativen Nervensystems korreliert und dort insbesondere die Aktivität des Parasympathikus abbildet, herabgesetzt. Stimulanzien wie Methylphenidat verbessern (erhöhen) die Herzratenvariabilität, ohne sie jedoch auf den Wert von Nichtbetroffenen anheben zu können.(29)(30)

Die an anderer Stelle getroffene Aussage(31), dass Methylphenidat die HVR nicht verändere, findet sich in der angegebenen Quelle nicht wieder.(32)

2.6. Wirkung von MPH auf Androgene

Stimulanzien (Methylphenidat und Amphetaminmedikamente) verringern die Konzentration von Androgenen.
Präklinische Daten zur Rolle von Androgenen in der Pathogenese von ADHS legen nahe, dass ein erhöhter Testosteronspiegel den Hirnblutfluss im PFC verringern kann, indem die Menge der Alpha-Östrogenrezeptoren und des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors (VEGF) verringert werden. Dies kann Gedächtnisprozesse stören. Es besteht eine Korrelation zwischen AD(H)S und dem Polymorphismus des Androgenrezeptorgens, der zu dessen höherer Expression führt. Dennoch ist über die Frage der Androgenbeteiligung bei AD(H)S wenig bekannt.(28)

2.7. Wirkung von MPH auf ARAS

Methylphenidat erhöht die Erregung des retikulären Aktivierungssystems (ARAS).(33)

2.8. Wirkung von MPH auf Gehirnnetzwerke

2.8.1. MPH und Konnektivität zwischen Gehirnregionen

Methylphenidat normalisierte in einer Studie eine bei AD(H)S bestehende verringerte globale Konnektivität 400-700 ms nach einem Stimulus und verringert eine Zunahme der Trennung der Netzwerke 100-400 ms nach dem Stimulus. Diese globalen Veränderungen durch Methylphenidat erfolgten hauptsächlich in den aufgabenrelevanten frontalen und parietalen Regionen und war signifikanter und nachhaltiger als bei den nicht behandelten Vergleichspersonen. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Methylphenidat eine bei AD(H)S bestehende beeinträchtigte Netzwerkflexibilität korrigiert.(34)

Eine weitere Studie berichtet interhemisphärische Konnektivitätsveränderungen bei AD(H)S:(35)

  • verringerte interhemisphärische Kohärenz im Delta-Band in frontalen Gehirnregionen
  • erhöhte Kohärenz im Theta-Band in posterioren Regionen (nur bei geöffneten Augen)
  • erhöhte Kohärenz im Theta-Band in zentralen Bereichen

2.8.2. Wirkung von MPH auf Default Mode Network (DMN)

Die vermehrte rein intrinsisch motivierte Aufmerksamkeitssteuerung bei AD(H)S bewirkt, dass die Aufmerksamkeit und ihre Steuerbarkeit bei entsprechend hohem Interesse genau so hoch ist wie bei Nichtbetroffenen und nur bei niedrigerem intrinsischen Interesse von der Aufmerksamkeit von Nichtbetroffenen abweicht. Dies wird durch das DMN gesteuert.
Stimulanzien sind in der Lage, die Aufmerksamkeitssteuerung von AD(H)S-Betroffenen bei fehlendem intrinsischen Interesse der von Nichtbetroffenen anzugleichen.(36) Dies erklärt, warum Stimulanzien bei ADHS- und Mischtyp ebenso hilfreich sind wie bei ADS.

Mehr zur abweichenden Funktion des DMN bei AD(H)S und dessen Normalisierung durch Stimulanzien samt weiterer Quellenangaben unter Normalisierung des DMN durch Stimulanzien im Beitrag ⇒  Gehirnnetzwerke und Konnektivität bei AD(H)S im Kapitel Neurologische Aspekte.

2.9. Wirkung von MPH auf EEG

MPH verursachte(37)

  • signifikante Unterschiede bei AD(H)S-Betroffenen im frontal-parietalen Bereich bei 250 ms-400 ms nach dem Stimulus (P3)
  • einen Rückgang der späten 650 ms-800 ms ERP-Komponente (LC) an frontalen Elektroden von ADHS-Patienten im Vergleich zu Kontrollen
  • eine signifikante Verringerung der Reaktionszeitvariabilität bei ADHS-Betroffenen, was mit erhöhten P3-ERP-Reaktion an den frontoparietalen Elektroden korrelierte

2.10. Wirkungen auf Gehirnregionen

Neuroimaging-Studien zeigen etliche Wirkungen von MPH auf verschieden Gehirnregionen. Diese zeigen, dass MPH vornehmlich im PFC und Striatum wirkt. MPH

  • verringert offenbar die bei AD(H)S typische Reduzierung an Grauer Substanz
    • in den Basalganglien (vornehmlich bei Kindern, Problem wohl per se abnehmend bei Erwachsenen)
      • im rechten lentiformen Nucleus(38)
        • im rechten Globus pallidum(39)
        • im Putamen(39)
      • im Nucleus caudatus(38)
    • im anterioren cingulären Cortex (ACC) bei Erwachsenen(38)

MPH erhöhte die Aktivierung im bilateralen inferioren frontalen Cortex / Insula während Inhibition zeitlicher Diskriminierung.(40)

MPH scheint bei den meisten Betroffenen die Dysfunktion im PFC zu verringern.(41) Eine andere Metastudie fand, dass MPH keinen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis (im dlPFC) zeigte.(40)

Eine Untersuchung an Ratten mit 0, 0,6, 2,5 und 10,0 mg MPH/kg als einmalige und wiederholte Gabe fand, das MPH auf den PFC und den Nucleus caudatus wirkte. Dieselbe MPH-Dosis bewirkte bei einigen Tieren eine Verhaltenssensibilisierung und bei anderen eine Toleranz, wobei die Aktivität in PFC und Nucleus caudatus mit den Verhaltensreaktionen der Tiere auf MPH korrelierte. Die Reaktion des Nucleus caudatus war intensiver als die im PFC, bei einmaliger wie wiederholter Gabe. Daneben fanden sich dosisabhängig differierende Reaktionen zwischen PFC und Nucleus caudatus: Einige PFC- und Nucleus caudatus -Zelleinheiten reagierten auf die gleiche MPH-Dosis mit Anregung und andere mit Dämpfung der neuronalen Feuerrate.(42)

2.11. Mechanismen und Wirkwege auf Neurotransmitter

Die Mechanismen, mit denen MPH die Neurotransmitterspiegeländerungen bewirkt, sind:

Hauptsächlich:

  • eine verzögerte Wiederaufnahme von Dopamin durch eine (zeitlich begrenzte) Blockade der präsynaptischen Dopamintransporter(9) und Noradrenalintransporter(43)
  • Aufhebung der Blockade von präsynaptischen D2-Autorezeptoren(9)
  • Aktivierung postsynaptischer D1-Rezeptoren(9)
  • Methylphenidat normalisiert erhöhte Dopamin-Transporter-Dichten bei ADHS-Ratten stärker als bei ADS-Ratten(44)

Sowie, geringer:

  • Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung(9)
  • Blockade des alpha-2-Adrenozeptors(9)
  • Normalisierung der D2-Rezeptorbindung(45)
  • Hemmung der Monoaminoxydase(46)

Umstritten:

  • ob Methylphenidat ein reiner Dopaminwiederaufnahmehemmer ist oder ob zusätzlich Dopamin ausgeschüttet wird
    • reiner DA-Wiederaufnahmehemmer(47)(48)
    • auch Freisetzung von Dopamin aus Reserpin-sensitiver Granula(49)
    • Bei Medikationsdosierung ist von einer reinen Wiederaufnahmehemmung auszugehen. Eine Ausschüttung von Dopamin aus den Vesikeln der Granula dürfte erst bei sehr hoher Dosierung von mehr als 80 mg / Tag erfolgen.(50)(51)
    • Im Gegensatz zu Amphetamin wird Methylphenidat nicht als Substrat für den Transport in das Zytoplasma betrachtet, weshalb es allenfalls eine geringe präsynaptische Dopaminfreisetzung bewirkt.(52)
  • ob eine Wiederaufnahmehemmung von Serotonin an der Synapse erfolgt. Es gibt Quellen dafür(53) wie dagegen.(54)
  • Nach diesseitigem Eindruck hat MPH keine signifikante stimmungsaufhellende Wirkung. Wenn eine Serotoninwiederaufnahmehemmung stattfinden sollte, wäre sie sehr gering und hätte keine relevante Auswirkung auf die Stimmungslage.

2.12. Abbau von MPH

  • MPH unretardiert hat eine Blutplasmahalbwertszeit von 2-3 Stunden.(55), 2,9 Stunden.(56) Die Blutplasmahalbwertszeit von in Europa erhältlichem retardiertem MPH schwankt je nach Präparat zwischen 3 und 4 Stunden.(56)
  • MPH wird durch hepatitische lysozymale Enzyme metabolisiert(57), und zwar durch Carboxylesterase CES1A1.(56)
  • MPH wird mittels Deesterasen zu Ritalinsäure abgebaut.(57)

2.13. MPH bei Vorschulkindern

Einige Studien zeigen eine positive Wirkung von MPH bei Kindern mit AD(H)S im Vorschulalter.(58)

2.14. Weiteres zu MPH

  • MPH hat keine Auswirkung auf vesikuläre Monoamintransporter (VMAT).(43)
  • MPH vermittelt  seine akuten und chronischen Wirkungen auf das Verhalten über das dopaminerge System des Nucleus caudatus.(59)
  • Methylphenidat und Amphetaminmedikamente erhöhen die Power von Alpha (bei Ratten), während Atomoxetin und Guanfacin dies nicht tun.(60)

MPH wirkt (u.a.) auf die Dopamintransporter im Gehirn. Da die Anzahl von Dopamintransportern sich mit zunehmendem Alter verringert (Halbierung bei 50-jährigen gegenüber 10-jährigen) benötigen Erwachsene deutlich geringere Dosen.

Details zur Wiederaufnahmehemmung
Gehirnnerven übertragen ihre Informationen elektrisch. An einer Kontaktstelle eines Nervs zu einem anderen Nerv (Synapse) wird das Signal über den synaptischen Spalt an einen anderen Gehirnnerv weitergegeben. Diese Informationsweitergabe erfolgt durch Neurotransmitter (Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und andere). Das elektrische Signal bewirkt am Ende des Nervs (präsynaptisch) eine Freisetzung von Neurotransmittern (hier: Dopamin) in den synaptischen Spalt. Beim Empfängernerv auf der anderen Seite des synaptischen Spalts (postsynaptisch) wird der Neurotransmitter (hier: Dopamin) durch (hier: Dopamin-)Rezeptoren aufgenommen und löst dort, wenn ein Schwellwert an aktivierten Rezeptoren erreicht ist, die (elektrische) Signalweiterleitung aus. Danach wird der kostbare Neurotransmitter vom Empfängernerv wieder in den synaptischen Spalt zurückgegeben, von wo aus der Sendernerv den Neurotransmitter durch spezielle Wiederaufnahmetransporter (bei Dopamin dem Dopaminwiederaufnahmetransporter, DAT) wieder aufgenommen wird, um für die nächste Signalübertragung in die Vesikel eingelagert zu werden.
Bei AD(H)S sind die (vornehmlich im Striatum angesiedelten) DAT-Wiederaufnahmetransporter überaktiv. Wird Dopamin von den Transportern des Sendernervs in den synaptischen Spalt abgegeben, saugen die DAT des präsynaptischen Sendenerves das Dopamin bereits wieder auf, bevor es von den postsynaptischen Transportern des Empfängernervs aufgenommen werden konnte. Die Signalkette ist damit gestört, in Bezug auf Dopamin vergleichbar einem Rauschen eines Radiosignals (“neural noise”).(61) Stimulantien wie Methylphenidat bremsen die Aktivität der DAT, so dass das Dopamin lange genug im synaptischen Spalt verbleibt, um das Signal sauber übertragen zu können. So verbessert MPH bei AD(H)S-Betroffenen den neural noise auf den Wert von Nichtbetroffenen.(61)

Vereinzelt wird postuliert, dass eine sehr frühe Behandlung mit Stimulanzien die DAT-Überaktivität dauerhaft verbessern könnte (also über die Einnahme hinaus).(62)

Frühzeitige Medikamentierung zur Heilung von von AD(H)S?
Frühkindliche Stressbelastung führt bei entsprechender genetischer Disposition zu langfristigen Schäden der Stressregulationssysteme. Ein solches Festsetzen einer Stressbelastung könnte möglicherweise durch eine rechtzeitige medikamentöse Behandlung verhindert werden. Bei Mäusen, die Stress ausgesetzt wurden, verringerte der Serotoninwiederaufnahmehemmer Fluoxetin die stressinduzierte erhöhte Risikobereitschaft, während der GABA-A-Rezeptor-Agonist Diazepam dies nicht bewirkte.(63)

Da sich die Neurotransmittersysteme, die die Stressregulation bewirken, in den ersten Lebensjahren (vermutlich 6 Jahre und früher) ausbilden, justieren und dann verfestigt sind, müsste eine hierauf Einfluss nehmende Medikamentierung deutlich früher einsetzen. Ob dies funktioniert, ist offen. Gesichert ist dagegen, dass bei Kleinkindern eine kindzentrierte Verhaltenstherapie kaum Nutzen bringt, während eine elternzentrierte Therapie erheblichen Nutzen bringt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Stresssysteme bei Kleinkindern noch durch äußeren Einfluss reparabel sind.

Eine mit 16 Probanden sehr kleine fMRT-Studie über die Wirkung von Methylphenidat auf AD(H)S-betroffene und nicht betroffene Jungen fand bei den AD(H)S-Betroffenen vor der Einnahme von Methylphenidat im Vergleich zu den Nichtbetroffenen bei Go-/NoGo-Tasks eine erhöhte Aktivierung des frontalen Cortex und eine verringerte Aktivierung des Striatum. Methylphenidat glich die Unterschiede aus.(64)

3. Wirkunterschiede zwischen Methylphenidat und Amphetaminmedikamenten

Methylphenidat erhöht möglicherweise den Stoffwechsel im Gehirn links frontal posterior und links parietal superior und verringert ihn links parietal, links parietookzipital und frontal anterior medial.(65)

D-Amphetamin erhöht dagegen möglicherweise den Metabolismus im rechten Nucleus caudatus (Teil des Striatum) und vermindert ihn in der rechten Rolandi-Region sowie in rechts in anterioren inferioren frontalen Regionen.(66)

Die Stichprobe (n), an der diese Feststellungen untersucht wurden, waren mit 19 und 18 sehr klein. Zu kleine Stichproben bergen die erhebliche Gefahr irreführender Ergebnisse.
Mehr hierzu unter ⇒ Untersuchungen besagen – manchmal gar nichts.

4. Wirkung auf Symptome

Methylphenidat verbessert folgende Symptome von AD(H)S:

4.1. Besonders gute Wirkung von Methylphenidat

  • Hyperaktivität (33)
  • Unruhe(33)
  • Impulsivität(33)
    • Betroffene berichteten in Foren, dass MPH besser gegen Impulsivität wirke als Elvanse.(67)
    • Eine Studie an (naturgemäß nicht AD(H)S-betroffenen) Affen kam zu dem Ergebnis, dass geringe Dosen von MPH Impulsivität reduziert, während höhere Dosen sedierend wirkten.(68)
      Dies schließt an die empirischen Erfahrungen an, dass eine Überdosierung von MPH apathisch wirken kann.
  • Aggressivität(33)
    • und zwar besser als Atomoxetin(69)
    • In einer Studie an 6 bis 12-jährigen Kindern mit Aggression und AD(H)S beseitigten systematisch titrierte Stimulanzien bei 63 % die Aggressivität.(70) Bei den Kindern, bei denen Stimulanzien die Aggression nicht ausreichend beseitigte, verbesserte eine augmentierende Gabe von Risperidon (Effektstärke 1,3) oder Valproinsäure (Effektstärke 0,9) die Aggression, wobei Risperidon mit Gewichtszunahme einherging.
  • sozial unangepasstes Verhalten(33)
  • Verhaltensprobleme, und zwar besser als Atomoxetin(69)
  • somatische Beschwerden, und zwar besser als Atomoxetin(69)
  • Motivierbarkeit durch Belohnung(71)

4.2. Gute Wirkung von Methylphenidat

  • Wahrnehmung(72)
  • Konzentration(33)
    • Viele Erwachsene berichten, dass MPH eine höhere Fokussierung ermöglicht als Elvanse, während Elvanse insgesamt entspannter macht und gleichmäßiger wirkt
  • Aufmerksamkeit(33)
    • Ablenkbarkeit wird reduziert, Aufmerksamkeit erhöht
  • motorische Unruhe(33)
  • Schriftbild und zeichnerische Ausdruck (73)
  • soziale Wahrnehmungsfähigkeit und mimische Reagibilität
  • soziale Interaktion
    • Eine Untersuchung fand bei Kindern mit AD(H)S einen gegenüber Nichtbetroffenen unveränderten basalen Oxytocinspiegel. Während nach Interaktion mit einem Elternteil bei Nichtbetroffenen Oxytocin anstieg, sank Oxytocin bei unbehandelten AD(H)S-Betroffenen ab. Methylphenidat bewirkte bei den AD(H)S-Betroffenen, dass der Oxytocinanstieg nach Eltern-Interaktion dem der Nichtbetroffenen entsprach.(74)
  • Rejection Sensitivity (Kränkbarkeit)
    Fast alle von uns befragte Betroffene berichten von einer Verbesserung ihrer Rejection Sensitivity (an der nahezu jeder der von uns befragten AD(H)S-Betroffenen leidet) durch MPH. Vereinzelt berichteten Betroffene, dass ihre RS unter MPH stärker wurde. Einer dieser Betroffenen stellte sich später als MPH-Nonresponder heraus, der mit einem Amphetaminmedikament eine bessere Wirkung erzielen konnte.

4.3. Geringe Wirkung von Methylphenidat

  • Delay Aversion (bei Erwachsenen)(75)
  • Exekutivfunktionen (bei Erwachsenen)(75)
    .

4.4. Keine Wirkung von Methylphendiat

  • Reading the Mind in the Eye (bei Kindern). Dieser Test misst die Theory of mind.(76)

4.5. Wirkung von MPH auf Symptome

MPH verändert Symptome, keine Persönlichkeitsmerkmale. Persönlichkeitsmerkmale sind überdauernde Charaktereigenschaften. MPH verändert jedoch nur für die Dauer der Wirkzeit bestimmte Eigenschaften, die zuvor ungünstiger waren als bei Nichtbetroffenen.

4.5.1. Symptome, auf die MPH gut wirkt

  • Ängstlichkeit(77)
  • Aggressivität(77)
  • Angespanntheit(77)
  • Borderline-Aspekte(77)
  • Depressivität(77)
  • emotionale Labilität(77)
  • Lebensunzufriedenheit(77)
  • negative Lebenseinstellung(77)
  • psychotische Phänomene(77)
  • soziale Introversion(77)
  • Unsicherheit(77)
  • Zwanghaftigkeit(77)
  • Innere Leere/Langeweile(78)

4.5.2. Symptome, auf die MPH nicht wirkt

  • Depressionssymptome werden durch Methylphenidat nicht direkt verbessert, da MPH keine (signifikante) serotonerge Wirkung hat.
    Sie können aber indirekt aufgrund der verringerten Überlastung abnehmen. Methylphenidat kann so gesehen Erschöpfungsdepressionen vorbeugen.
    Bei fortbestehenden dysphorischen / dysthymen Depressionssymptomen empfehlt sich ein Versuch mit Amphetaminmedikamenten.
    Eine bestehende Depression kann durch Methylphenidat verstärkt wahrgenommen werden, da die anderen Symptome, die bis dahin stärker belastend waren, nach und nach verschwinden und die Depression dadurch immer mehr sichtbar wird.

4.6. Unterschiedliche zeitabhängige Wirkung von Stimulanzien auf Symptome ?

Eine Veröffentlichung einer namhaften Wissenschaftlerin behauptet unterschiedliche Zeit-Wirkungs- und Dosis-Wirkungs-Kurven für die motorischen und kognitiven Wirkungen von Stimulanzien.(79) Während die Wirkung auf die motorische Aktivität 7 bis 8 Stunden anhalte, solle die Wirkung auf Aufmerksamkeit nur 2 bis 3 Stunden andauern. Die angegebenen Quellen belegen die Behauptung allerdings nicht. Diese decken sich auch nicht mit den empirischen Erfahrungen aus der Praxis.

4.7. MPH und Raucherentwöhnung

Es wurde berichtet, dass retardiertes MPH einen positiven Beitrag zur Nikotinabstinenz / Rauchabstinenz beitrug, jedoch nur bei schwereren AD(H)S-Fällen, während bei leichteren AD(H)S-Fällen eine paradoxe Verschlechterung eintrat, die jedoch nach  Absetzen der Medikamente remittierte.(80) Dies ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Nikotin als Stimulanz eine Selbstmedikation bei AD(H)S darstellt, auch wenn Rauchen Nikotin als Droge einsetzt und nur Nikotinpflaster oder Nikotindragees als Medikament wirken.
Weiter könnte das Ergebnis dieser Untersuchung im Kontext der Inversed-U-Theorie, wonach ein mittlerer Neurotransmitterspiegel eine optimale Gehirnfunktion vermittelt, während verringerte wie überhöhte Neurotransmitterspiegel nahezu gleichartige Symptome verursachen, auf eine Überdosierung bei den Probanden mit leichteren AD(H)S-Symptomen (was auf eine geringeren Dopamin- und Noradrenalinmangel hinweist) und einer paradoxen Reaktion hindeuten.

4.8. MPH und Kreativität

Eine Untersuchung fand keine Beeinträchtigung der Kreativität durch MPH,(81) Eine andere Studie fand eine erhöhte Kreativität bei unmedikamentierten Kindern mit AD(H)S gegenüber medikamentierten Kindern mit AD(H)S und nicht betroffenen Kindern.(82)

5. Ansprechen (Responding / Nonresponding)

Eine Zusammenfassung mehrerer Untersuchungen berichtet von 69 % Ansprechrate (Response) auf Amphetaminmedikamente und 59 % Ansprechrate auf Methylphenidat. 87 % der Betroffenen hätten auf einen der beiden Wirkstofftypen angesprochen.(83) Zum selben Ergebnis (deutlich bessere Ansprechraten auf L-Amphetaminmedikamente als auf MPH) kommt eine Metaanalyse von 32 Untersuchungen zu diesem Thema.(84)
Für Betroffene, bei denen MPH nicht wirkt, empfiehlt es sich daher, eine Medikamentierung mit Amphetaminmedikamenten zu testen.

Bei MPH-Nonrespondern wurde in einer randomisierten Doppelblindstudie mit n = 200 Probanden L-Amphetamin und Atomoxetin verglichen. L-Amphetamin wirkte in 2 von 6 Kategorien und in der Gesamtbeurteilung signifikant besser als Atomoxetin.(85)

Ein Blutdruckanstieg soll mit einer besonderes guten Wirkung von MPH korrelieren.(86)

Eine besonders gute Symptomverbesserung auf Methylphenidat wurde beobachtet bei AD(H)S-Betroffenen mit(87)

  • erhöhter Deltapower bei F8
  • erhöhter Thetapower bei Fz, F4, C3, Cz, T5
  • erhöhter Gammapower bei T6
  • verminderter Betaleistung bei F8 und P3
  • erhöhtes Delta/Beta-Leistungsverhältnis bei F8 (in Bezug auf Hyperaktivität)
  • erhöhtes Theta/Beta-Leistungsverhältnis bei F8, F3, Fz, F4, C3, Cz, P3 und T5 (in Bezug auf Hyperaktivität)

5.1. Subtypen und Nonresponding-Wahrscheinlichkeit

Die meisten älteren Quellen berichten, dass etwa 90 % der Betroffenen des Subtyps ADHS (mit Hyperaktivität) und des Mischtyps positiv auf Methylphenidat ansprechen und recht geringe Dosen benötigen.(88)(89)(90)(91)(92)
Neuere Quellen sprechen von bis zu 75 % Ansprechquote bei MPH,(93) was uns zutreffender scheint.

Betroffene des ADS-Subtyp sollen häufiger MPH-Nonresponder sein(94), wobei Nonresponderraten von 24 %(88) genannt werden. ADS-Betroffene, die auf MPH ansprechen, benötigten zudem höhere Dosen.
Nach einer kleinen Studie profitieren Kinder mit einer höheren Cortisolstressantwort, was dem ADS-Subtyp entspricht, eher von höheren MPH-Dosen als Kinder mit einer abgeflachten Cortisolstressantwort (die ADHS entspricht). Der Stresstest basierte allerdings nicht auf dem TSST, sondern auf eine Venenpunktur, was eine weniger deutliche Erkennbarkeit der Cortisolstressantwort ermöglicht.(95)

Eine besonders starke Cortisolaufwacherhöhung (CAR) korrelierte mit verringertem MPH-Responding bei Kindern.(95)

SCT-Betroffene (was nach aktuellem Verständnis kein Subtyp von AD(H))S, sondern eine bei ADHS wie ADS gleichermaßen sehr häufige Komorbidität ist) sind besonders häufig MPH-Nonresponder. Insbesondere deuten erhöhte SCT Sluggish / Sleepy-Faktorwerte auf ein MPH-Nonresponding hin. Weder erhöhte SCT-Daydreamy-Symptome noch der AD(H)S-Subtyp (ADHS oder ADS) unterscheiden sich in dieser Studie in der MPH-Respondingrate.(96)

Nach einer Untersuchung soll bei AD(H)S-Betroffenen mit intellektuellen Defiziten MPH schlechter anzusprechen. Hier wurde eine Responderrate von 40 bis 50 % genannt.(97) Eine andere Untersuchung fand dagegen eine gute Wirkung von MPH bei Betroffenen mit intellektuellen Defiziten.(98)

5.2. (Non-)Responding und EEG-Subtypen

AD(H)S-Betroffene mit sehr niedrigen EEG-Theta-Werten sollen häufiger Nonresponder in Bezug auf Stimulanzien sein.(99)
Niedrige Theta-Werte entsprechen nach diesseitigem Verständnis dem überaktivierten Beta-(EEG-)Subtyp. Für den BETA-Subtyp (überaktivierter Typ) berichtet noch eine weitere Quelle von verringertem MPH-Responding.(48)
Der Beta-Subtyp tritt nach aussen als klassischer ADHS-Subtyp in Erscheinung (hyperaktiv/impulsiv). Die meisten Betroffenen des ADHS-Subtyp haben ein zu niedriges Theta und ein zu hohes Beta. Mehr hierzu unter ⇒ AD(H)S-Subtypen nach EEG.

Die (einzelnen) uns bekannten AD(H)S-Betroffenen vom BETA-Subtyp berichten indes von einer überaus hilfreichen Wirkung von MPH.

Eine kleine Untersuchung fand eine geringere EEG-Stabilität im Ruhezustand als Prädikator einer MPH-Response.(100)

5.3. (Non-)Responding und Dosierung von MPH

Einzelne Stimmen vermuten unter Nonrespondern Fälle von Unterdosierung, dass also die erforderliche Dosierung nicht erreicht wurde und nur fälschlich ein Nichtansprechen angenommen wird.(101)
Nach unserem Eindruck kann eine zu niedrige Dosierung ein scheinbares Nonrespondig verursachen. Gleichwohl scheint es echte Nonresponder zu geben, bei denen auch stark erhöhte Dosen keine befriedigenden Ergebnisse zeitigen.
Darüber hinaus wird eine unterschiedliche Nonresponderrate bei Kindern und Erwachsenen berichtet.
Wir vermuten, dass eine genauere Klassifikation der AD(H)S Subtypen hier einmal Erklärungen liefern wird.

6. Dosierung

66 % der Kinder vom ADHS-Subtyp und Mischtyp benötigen eine moderate bis hohe Dosierung(88)(102)
Wichtig seien insbesondere “die letzten 10 mg”, um eine optimale Wirkung zu erzielen. (103)
Bei der Dosierungseinstellung sollte daher nicht zu früh aufgehört werden.

Erwachsene benötigen eine deutlich geringere Dosierung, da sich die Anzahl der DAT (Dopamintransporter) mit dem Alter verringert. Die Anzahl der DAT halbiert sich bei 50-jährigen gegenüber 10-jährigen, bei Erwachsenen empfiehlt sich eine Einstiegsdosierung von max. 5 mg alle 3 Stunden (unretardiert).

6.1. MPH nach Gewicht ?

Methylphenidat wird nicht pauschal “nach Körpergewicht” dosiert. Es gibt Betroffene, die mit sehr geringen Dosen MPH (3 bis 5 mg alle 3 Stunden) auskommen. Andere benötigen die maximal empfohlenen Dosis von 1 mg/kg Körpergewicht am Tag.
Die Maximaldosis von 1 mg/kg Körpergewicht und Tag gilt vornehmlich für Kinder. Eine umfassende Metastudie von 28 Kohortenstudien an 5524 Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren, bei denen die passende MPH-Dosis stufenweise ermittelt wurde, berichtet eine Bandbreite von 0,8 mg / kg / Tag bis 1,8 mg / kg / Tag.(7) Bei Betroffenen, die MPH gut vertragen und mit niedrigeren Dosen lediglich eine moderate Wirkung erzielen, kann auch eine Dosierung von mehr als 1 mg/kg/Tag getestet werden.(56)

Bei Erwachsenen (mit höherem Körpergewicht) ist die erforderliche Tagesdosis in der Regel deutlich niedriger.

geringere Dosierung bei Erwachsenen
Erwachsene verfügen über weitaus weniger Dopamintransporter und benötigen daher idR weniger MPH als Kinder. Eine Dosierung wie bei Kindern kann bei Erwachsenen daher bereits eine Überdosierung darstellen. Daher ist bei Erwachsenen eine noch langsamere Eindosierung in noch niedrigeren Schritten (Steigerung 2,5 mg bis max. 5 mg unretardiert / Tag, alle 4 Tage) empfehlenswert. Eine Überdosierung kann genau die Symptome verursachen, die eigentlich vermieden werden sollen, da der optimale Dopaminspiegel bereits überschritten ist, was sehr ähnliche Signalübertragungsprobleme verursacht wie der AD(H)S-typische zu niedrige Dopaminspiegel. Bei einer höheren Dosierung (über 60 mg / Tag) berichten einzelne Neurologen von Anpassungseffekten (nicht statistisch abgesichert).

6.2. Tagesabdeckung MPH

Empfehlenswert ist auf jeden Fall, MPH so einzusetzen, dass der gesamte Tag abgedeckt wird, nicht aber der spätere Abend und die Nacht.

Details
MPH nur einmalig (morgens) für 3 (unretardiert) oder 6 Stunden (retardiert) zu nehmen, bewirkt, dass der Betroffene danach seiner Stressempfindlichkeit wieder ausgeliefert ist. In den letzen Stunden vor dem schlafengehen sollte MPH mit Vorsicht benutzt werden. Die meisten Menschen reagieren mit Schlafproblemen. Einigen ermöglicht eine viertel bis halbe Stimulanziendosis dagegen gerade das Einschlafen, weil es das Gedankenkreisen abstellt.

Möglicherweise könnte eine niedrige Dosis unretardierter Stimulanzien bei denjenigen Personen hilfreich sein, die ohnehin ein niedriges Arousal haben. Dies sind Menschen, denen es z.B. hilft, wenn im Hintergrund ein Radio der eine Fernseher läuft, um sich besser konzentrieren zu können oder Hörbücher zu hören, um einschlafen zu können. Menschen mit einem hohen Arousal benötigen eher absolute Ruhe um sich konzentrieren zu können.

Zur unterschiedlichen Wirkungsdauer der einzelnen MPH-Medikamente siehe unten unter 7.

6.3. Dosierungseinstellung von Methylphenidat

Eine langsame und geduldige Eindosierung ist wichtig. Die in Deutschland übliche Eindosierungspraxis ist unserer Auffassung nach deutlich zu schnell.
Grundsätzlich sollte MPH zu Testbeginn niedrig dosiert werden und die Dosierung nur langsam erhöht werden. Selbst wenn die optimale Dosierung bekannt wäre, würde eine sofortige optimale Dosierung möglicherweise eine Überforderung bewirken(104) und Nebenwirkungen forcieren.(105)

Dosierungseinstellung
Die Dosierungseinstellung sollte mit maximal 5 mg / 3-4 Stunden und 15 mg / Tag beginnen. Tests mit höheren Startdosierungen brachten nicht nur keine besseren, sondern sogar schlechtere Wirksamkeitsergebnisse und bewirkten zugleich eine deutlich höhere Abbruchrate aufgrund Nebenwirkungen.(105) Andere empfehlen 2,5 bis 5 mg zwei mal täglich, bei einer wöchentlichen Steigerung von 2,5 bis 5 mg.(56) Dies erscheint sachgemäßer.

Es sind leider Fälle bekannt, in denen Ärzte die Einstellung mit Einzeldosen von 15 oder 20 mg begonnen haben. Kunstfehler ist hierfür ein noch recht milder Begriff.
Selbst wenn für einige wenige Betroffene dies die richtige Dosierung wäre, wäre auch für sie bei einer solch hohen Einstiegsdosierung in den ersten Wochen das Risiko deutlich erhöht, erheblich stärkere Nebenwirkungsprobleme zu erleiden als bei einer langsameren Einstellung.

Typischerweise wird mit 2,5 bis 5 mg MPH unretardiert zwei mal am Tag begonnen. Koffein, Teein, Theobromin (dunkler Kakao) und andere Stimulanzien sollten bei der Eindosierung unbedingt vermieden werden. Ein gleichzeitig begonnener Nikotinentzug kann allerdings das Ergebnis verfälschen.
Die Dosierung sollte dann alle 5 bis 7 Tage um 2,5 bis 5 mg erhöht werden.

Mit der Einstellung wird die Dosis so lange erhöht, bis die Merkmale einer Überdosierung mit der nächsten und übernächsten Dosissteigerung verstärkt werden. Danach kann die Dosis bestimmt werden, die die Symptome optimal reduziert, ohne Nebenwirkungen zu verursachen.

Da Erwachsene deutlich weniger Dopamintransporter haben als Kinder (50-Jährige haben nur noch halb so viele wie 10-Jährige(106), ist bei Erwachsenen eine wesentlich geringere Dosierung angezeigt.

Mehr hierzu unter Eindosierung von Medikamenten bei AD(H)S.

6.4. Nebenwirkungen bei der Einstellung auf Methylphenidat

In den ersten Tagen kann die Einnahme mit dem Gefühl verbunden sein, als wäre Schnee gefallen – alles ist in Watte gepackt. Dieser (meist sehr angenehm empfundene) Eindruck rührt von dieser Reduzierung der Reizüberflutung her und verschwindet wie die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Tage.
Selten treten Nebenwirkungen wie Kopfweh, Schlafprobleme oder weitere auf. Die meisten Nebenwirkungen legen sich innerhalb der ersten Wochen nach der Eindosierung, Das Risiko derartiger Nebenwirkungen kann durch eine (wie oben beschriebene) sehr langsame Eindosierung erheblich reduziert werden.(105)

6.5. Überdosierungssymptome bei MPH

Bei einer passenden Dosierung von MPH nimmt die Konzentrationsfähigkeit zu und der innere Druck und eine ggf vorhandene Hyperaktivität nehmen ab. Steigen letztere diese bei erhöhter Dosierung wieder an, ist dies ein Zeichen für eine zu hohe Dosierung.
Methylphenidat schließt den (bei AD(H)S-Betroffenen zu weit offenen) Reizfilter. Typische Reaktion von Betroffenen mit passender Dosierung ist, dass sie zu sich selbst kommen, dass sie mehr sie selbst sind.

Stellt der Betroffene fest, dass MPH ihn hibbelig macht (obwohl weder Koffein noch Teein oder Theobromin (dunkler Kakao) konsumiert wird), sollte gleichwohl zunächst noch vorsichtig weiter gesteigert werden. Es wurde mehrfach beobachtet, dass derartige Nebeneffekte nach einigen Tagen oder bei einer weiteren Dosissteigerung wieder verschwinden. Bleibt diese Hibbeligkeit, ist die Dosierung zu hoch. Das gilt ebenso, wenn die Konzentration zu stark wird, also der Reizfilter zu weit eingeschränkt wird. Die Berichte von Zombie-Effekten sind ein deutlicher Hinweis auf eine Überdosierung.

Eine Studie an Affen kam zu dem Ergebnis, dass geringe Dosen von MPH Impulsivität reduziert, während höhere Dosen sedierend wirken.(68)
Dies schließt an die empirischen Erfahrungen an, dass AD(H)S-Betroffene, insbesondere Kinder, unter MPH zuweilen apathisch wirken können. Dies deutet unserer Auffassung nach im Anschluss an diese Studie auf eine Überdosierung hin..

6.6. Auch bei Wirkung von MPH, erst recht bei Nebenwirkung / Nonresponding verschiedene MPH-Medikamente ausprobieren

Viele Betroffene berichten, dass sie mit dem einem MPH-Präparat Nebenwirkungen erleiden, die sie bei einem anderen MPH-Präparat nicht haben. Diesseits sind Berichte bekannt, dass ein MPH-Präparat (hier: Medikinet) keine Wirkung zeigte, während ein anderes (hier: Concerta) gut ansprach.
Andere Betroffene berichten, dass sie auf ein Präparat (hier: Concerta) mit erhöhten Aggressionen zu kämpfen hatten, was bei einem anderen MPH-Präparat (Medikinet oder unretardiertes MPH) nicht auftrat.
Wieder andere spüren bei Medikinet einen stärkeren Reboundeffekt (Unruheanstieg im Moment des Abklingens der Wirkung) als bei anderen MPH-Präparaten.

Die verschiedenen MPH-Präparate zeigen sehr unterschiedliche zeitliche Abläufe der Wirkstofffreisetzung .Zudem wird MPH je nach Hersteller in verschiedene Trägerstoffe eingebettet.
Bei einer bestehenden Glutenunverträglichkeit ist in Weizenstärke eingebettetes MPH naturgemäß untauglich. Vergleichbares kann sich in Bezug auf Laktoseunverträglichkeit ergeben.

Bleibt eine befriedigende Wirkung bei allen MPH-Medikamenten aus (die typische Nonresponderrate beträgt knaoo 30 %), sollte stets eine Medikamentierung mit Amphetamin-Medikamenten erfolgen. Dadurch können von den MPH-Nonrespondern weitere 2/3 zufriedenstellend medikamentiert werden, so dass die Gesamtnonresponderrate von MPH und AMP auf 10 % sinkt.
Bei einer fortbestehenden Dysthymie oder Depression trotz befriedigender Wirkung von MPH im Übrigen kann ebenfalls ein Wechsel zu Amphetaminmedikamenten angedacht werden, da diese zugleich leicht serotonerg wirken.

Antidepressive Wirkungen wurden bei MPH-Tagesdosen von 10 bis 30 mg und bei AMP-Tagesdosen von 5 bis 60 mg beobachtet.(56)

6.7. Begleitumstände der Einstellung und Einnahme

Manche Betroffene benötigen ihre MPH-Medikament immer exakt zur gleichen Zeit.
Es sollte darauf geachtet werden, dass die Einnahme so erfolgt, dass der gesamte Tag abgedeckt ist. Die letzten Dosen des Tages müssen aber so zeitig genommen werden, dass zur Schlafenszeit keine Wirkung mehr besteht.

Details
Während der Einstellung auf MPH sollten Koffein, Teein, Theobromin(dunkler Kakao) und Alkohol komplett gemieden werden. Etliche Betroffene berichten, dass sie durch MPH wesentlich empfindlicher auf derartige Stimulanzien reagieren. Eine Hibbeligkeit kann daher durch Koffein ausgelöst werden, während die selbe Menge Koffein ohne MPH keine solche Wirkung hatte.

Wie Antidepressiva verursacht MPH in den ersten Tagen oder Wochen der Einnahme häufig leichte Nebenwirkungen (Mundtrockenheit etc.), die sich recht bald legen.

Um Appetitlosigkeit vorzubeugen oder abzumildern empfiehlt sich eine Einnahme zu oder nach den Mahlzeiten.

6.8. Wirkung bei Nichtbetroffenen

MPH kann auch bei nicht AD(H)S-Betroffenen wirken. Es kann (in geringer Dosierung) die Aufmerksamkeit erhöhen, so wie leichter Stress durch eine leichte Anhebung von Noradrenalin und Dopamin im PFC die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht.
Eine höhere Dosierung bei Nichtbetroffenen (wie eine geringe Dosierung bei Menschen, die einen ohnehin schon leicht erhöhten Dopamin- oder Noradrenalinspiegel besitzen) kann eine so starke Überhöhung der DA und NE-Spiegel bewirken, dass hierdurch AD(H)S-Symptome hervorgerufen werden.
Bei AD(H)S ist der (tonische) Dopaminspiegel im Striatum zu gering, was etliche AD(H)S-Symptome verursacht. MPH erhöht den Dopaminspiegel im Striatum bei richtiger Dosierung auf das optimale Level. Wird der Dopaminspiegel jedoch über das optimale Level hinaus erhöht – durch Überdosierung bei AD(H)S-Betroffenen oder bei Einnahme von MPH bei Gesunden – löst diese die selben Symptome aus wie bei AD(H)S, weil die Neurotransmitterkommunikation nur bei dem richtigen Neurotransmitterspiegel optimal funktioniert.(107)

Der Dopaminanstieg auf Amphetamingabe im dorsalen Striatum (nicht aber im Nucleus accumbens) ist bei männlichen wie weiblichen Ratten höher, wenn diese zuvor chronischem unkontrollierbarem Stress ausgesetzt waren.  Dies könnte auf eine abweichende dopaminerge Reaktion auf Stimulanzien (AD(H)S-Medikamente) bei Betroffenen von chronischem Stress wie von AD(H)S hindeuten.(108)

7. Retardiertes oder unretardiertes MPH

Retardierung bedeutet, dass ein Medikament eine verlängerte Wirkungsweise hat. Dies wird mittels verschiedener Mechanismen bewirkt.

Unretardiertes (“normales”) MPH hat eine Wirkungsdauer zwischen 2,5 und 4 Stunden. Der Vorteil der kurzen Wirkdauer ist eine bessere Steuerbarkeit, weil mal etwas früher oder mal etwas später, mal etwas weniger oder etwas mehr nachgenommen werden kann und die Tagesabdeckung leichter reguliert werden kann. Der Nachteil ist, dass eine größer Mitwirkung und Disziplin des Betroffenen erforderlich ist. Bei AD(H)S im Allgemeinen und bei AD(H)S-betroffenen Kindern im Besonderen ist diese Zuverlässigkeit nicht immer gegeben. Wenn man erst merkt, dass man nachlegen muss, weil man gerade wieder ohne adäquaten Grund “explodiert” ist, oder weil man etliche Zeit in die Luft gestarrt hat, ist ein Großteil der erreichbaren Lebensnormalisierung verpasst. Zudem vermittelt die häufige Medikamenteneinnahme über den gesamten Tag deutlicher das Gefühl, von einer Störung betroffen zu sein. Medikamente mit einer langen Retardierung (10-14 Stunden), die nur einmal morgens eingenommen werden müssen, bewirken im Vergleich sehr viel stärker das Gefühl einer Normalisierung.

Retardiertes MPH wirkt je nach Präparat zwischen 4 und 12 Stunden, indem die Medikamentenkapsel ihre Wirkstoffe langsam an den Körper abgibt.
Der Vorteil ist, dass der Betroffene nicht daran denken muss, sein Medikament nachzunehmen, der Nachteil ist die fehlende Feinsteuerung hinsichtlich der Menge, da die Kapseln nur die vorgegebenen Dosierungen beinhalten und nicht wie Tabletten geteilt werden können und dass nach Ablauf der Wirkung, falls noch ein paar Stunden Tag zu leben sind, die Wirkungsdauer einer Kapsel möglicherweise zu lange anhält, was dann Schlafprobleme verursachen kann.
Retardierte Präparate können dazu beitragen, Dysphorie und/oder Hyperaktivität während des Rebounds beim Ausklag der Wirkung unretardierter Präparate zu verringern.(56)
Was besser passt, muss jeder Betroffene für sich herausfinden.

Bei der Eindosierung ist eine unretardierte Form vorzuziehen, sofern die Einnahme zuverlässig erfolgt, da Tabletten durch Teilung in feinere Einheiten aufgeteilt werden können.

Die Kombination von retardierten Präparaten (als Standard für den Tag) mit unretardierten Tabletten (zum schnelleren Anschub morgens, zur Ergänzung am späteren Nachmittag oder Abends und zur Feinsteuerung bei erhöhten Belastungen) ist zulässig.(56)

Zu den einzelnen retardierten / unretardierten MPH-Präparaten siehe unten.

7.1. Einnahme mit / ohne Nahrungsaufnahme

Manche Präparate(z.B. Medikinet Adult und Medikinet retard) benötigen eine Nahrungsgrundlage zur Einnahme, weil der retardierte Anteil von einer säureresistenten Membran umhüllt ist und auf eine (mittels fester Nahrung) verlangsamte Weiterleitung durch den Magen in den Darm angewiesen ist. Bei einem zu schnellem Transport in den alkalischen Bereich des Zwölffingerdarms kann der retardierte Anteil vorzeitig freigesetzt werden(50) was zu einer überhöhten und verkürzten Wirkung führt.

Auch bei anderen Präparaten mit Langzeitwirkung kann eine Nahrungsaufnahme vor der Einnahme die Dauer der Wirkung beeinflussen. Bei nüchterner Einnahme ist das Risiko erhöht, dass das Medikament ohne säureabhängige Retardierung zu dem Zeitpunkt, an dem die Wirkung der retardierten Anteile einsetzen soll, bereits so tief in den Darm gewandert ist, dass dort eine vollständige Wirkstoffaufnahme nicht mehr gewährleistet ist.(109) So soll auch bei Ritalin LA (dessen Retardierung nicht säureabhängig sei) die Bioverfügbarkeit bei Einnahme nach der Mahlzeit um etwa elf Prozent höher liegen als bei nüchterner Einnahme, so dass sich auch bei Ritalin LA und Ritalin adult eine Einnahme zur oder nach der Mahlzeit empfiehlt.(110)

8. Trägersubstanzen

  • Ritalin: Weizenstärke(111)
  • Medikinet: Maisstärke(111)
  • Equasym: Laktose (Milchzucker)(111)

9. Wirkungsqualität von Methylphenidat

Methylphenidat ist das Mittel erster Wahl für Kinder. Es bekämpft die Symptome von AD(H)S deutlich besser als eine einjährige Verhaltenstherapie. Erst nach 3 Jahren Verhaltenstherapie werden vergleichbare Wirkungen erreicht.
Da Stimulanzien die Lern- und Therapiefähigkeit herstellen oder erhöhen, ist es sinnvoll, zunächst akut mit Stimulanzien zu arbeiten um parallel dazu mittels Verhaltenstherapie und/oder Neurofeedback die Basis zu schaffen, um diese wieder absetzen zu können.
Die mittlere Effektstärke von MPH bei AD(H)S liegt zwischen 0,9 und 1,3.

Zur Wirksamkeit einzelner Medikamente und Behandlungsformen siehe Effektstärke verschiedener Behandlungsformen von AD(H)Sim KapitelBehandlung und Therapie.

Eine MPH-Medikamentierung in Kombination mit noradrenergen Medikamenten oder Zink kann die Wirkung weiter verbessern. Hier ist jedoch vorsichtige Herangehensweise empfohlen. Es empfiehlt sich, hierzu einen Arzt mit Erfahrung in Medikation bei AD(H)S heranzuziehen.

10. Nebenwirkungen von Methylphenidat

Die meisten Nebenwirkungen treten lediglich kurzfristig nach Beginn der Medikamentierung auf und verschwinden regelmäßig innerhalb der ersten vier Wochen. Das jeweils kurzzeitige Gefühl einer trockenen / pelzigen Zunge nach der Einnahme könnte länger anhalten.
Ticstörungen werden bei Überdosierung beobachtet. Wenn Betroffene über Monate das Gefühl haben, dass die Welt sich entfernt oder das Leben eintönig wird, ist dies ebenfalls ein deutlicher Hinweis auf Überdosierung.
Bei einer passenden Dosierung vermittelt die Wirkung von MPH AD(H)S-Betroffenen das Gefühl, dass sie wesentlich mehr sie selbst sind als zuvor. Sollte ein Betroffener das Gefühl haben, durch Stimulanzien weniger er selbst zu sein, ist dies ein sehr ernst zu nehmender Hinweis auf eine Fehldosierung, Fehlanwendung oder Fehldiagnose.

Mehrere Untersuchungen konstatierten, dass Nebenwirkungen auf Stimulantien vornehmlich bei Betroffenen mit höheren Angstwerten und schnelleren Reaktionszeiten bzw. vorbestehenden Komorbiditäten auftreten.(112)(113)
Ein Zusammenhang mit EEG-Werten wurde nicht festgestellt.(113)

10.1. Längenwachstum kurzzeitig verzögert

Mehrere umfassende Studien konnten keine andauernde Beeinträchtigung des Längenwachstums bei Jungen mit AD(H)S durch MPH feststellen.(114)
Eine zeitweilige Beeinträchtigung des Längenwachstums im ersten Jahr der MPH-Behandlung wurde im zweiten Jahr wieder aufgeholt.(115) Eine zeitweilige Beeinträchtigung des Längenwachstums ist bei AD(H)S in der Kindheit häufig und wird in der Adoleszenz regelmäßig aufgeholt. Dies ist offenbar keine spezifische Auswirkung von Methylphenidat.(116) Eine andere Studie fand ein 4-fach erhöhtes Risiko eines verringerten Längenwachstums und einer geringeren Gewichtszunahme bei Kindern mit AD(H)S im Alter von 8 und 10 Jahren. Die Länge der Stimulanzienbehandlung verstärkte dieses Risiko.(117)

10.2. Leichte Gewichtabnahme

Eine umfassende Studie stellte einen etwas geringeren BMI bei Jungen mit AD(H)S durch MPH fest.(114) Die Gewichtsverringerung durch MPH war in einer anderen Studie nur tendenziell und nicht statistisch signifikant feststellbar.(115) Eine große Metaanalyse von 38 Kohortenstudien an 5524 Teilnehmern bis 18 Jahren fand Gewichtsabnahme mit einer OR von 5.11 im Vergleich zu Placebo.(7)

10.3. Blutdruck unverändert

Eine umfassende Studie konnte keine Beeinträchtigung des Blutdrucks bei Jungen mit AD(H)S durch MPH feststellen.(118)

10.4. Leberschädigungen nicht bekannt

Bei MPH sind keine erhöhten Meldungen über Leberschäden bekannt.(119) Leberwerte sollten bei der Einstellung von AD(H)S-Medikamenten dennoch grundsätzlich überwacht werden.

10.5. Verringertes Risiko von Stressfrakturen

Die MPH-Einnahme durch AD(H)S-Betroffenen verringerte das Risiko von Stressfrakturen gegenüber Nichtbetroffenen (ohne MPH-Einnahme).(120)

10.6. Häufigere leichte Nebenwirkungen

Eine große Metaanalyse von 38 Kohortenstudien an 5524 Teilnehmern bis 18 Jahren fand als häufigste Nebenwirkungen Schlafprobleme (OR 4,66), Gewichtsabnahme (OR 5,11), Bauchschmerzen (OR 1,9) und Kopfschmerzen (bei 14 % der MPH-Einnehmer) im Vergleich zu Placebo.(7) Schlafschwierigkeiten entstehen insbesondere bei der Eindosierung häufig durch eine zu späte Gabe am Tag. Eine sehr langsame Eindosierung kann Nebenwirkungen vermeiden helfen. Die meisten dieser Nebenwirkungen geben sich innerhalb der ersten Wochen.
Manchen Betroffenen hilft die Gabe einer geringen unretardierten Dosis (1/4 bis 1/2 einer Tageseinzeldosis) beim Einschlafen.(56)
Eine Studie berichtet von einer statistisch signifikanten Erhöhung des Augeninnendrucks nur des linken Auges durch MPH bei AD(H)S. Eine Veränderung der Dicke der Makula-, Netzhautnervenfaserschicht (RNFL) oder Ganglienzellenschicht (GCL) wurde nicht berichtet.(121)

10.7. Parkinson / Tremor im Alter

Eine sehr umfassende Studie analysierte die Wahrscheinlichkeit von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (einfacher Tremor bis Parkinson) bei AD(H)S-Betroffenen mit und ohne Stimulanzieneinnahme über Jahrzehnte der Lebenszeit.(122)
Die Studie ist hinsichtlich der Ergebnisse höchst interessant:
  1. AD(H)S erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Parkinson(-ähnlichen) Störung auf Lebenszeit um das 2,4-fache
  2. Parkinson(-ähnliche) Störungen sind noch wahrscheinlicher, wenn die AD(H)S-Betroffenen Stimulanzien genommen hatten (6-fach)
  3. Parkinson(-ähnliche) Störungen sind bei AD(H)S-Betroffenen, die Methylphenidat bekamen, 8 mal so häufig wie bei Nichtbetroffenen

Dazu ist festzustellen:

  1. Die Korrelation ist richtig
  2. Eine Kausalität ist fraglich
    Ist Parkinson wahrscheinlicher bei Stimulanzien-Konsumenten oder bei schwererem AD(H)S, das häufiger mit Stimulanzien behandelt wird ?
    Eine Aussage hierüber lässt das Studiendesign nicht zu. Dafür wird es andere Untersuchungen benötigen.
  3. Das erhöhte Komorbiditätsrisiko bei AD(H)S ist nicht auf Parkinson begrenzt.
    Die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes ist bei unbehandeltem AD(H)S drastisch erhöht: von 0,8 % bei Nichtbetroffenen auf 2,3 % bei AD(H)S-Betroffenen, also plus 1,5 %-Punkte

Aufschlussreicher sind die absoluten Zahlen.
Eine Störung der Basalganglien oder des Cerebellums (eine mit Parkinson verwandte Störung (Tremor) oder Parkinson) bekamen

  • 56 von 24.792 Nicht-AD(H)S-Betroffenen = 0,23 %
    • davon 26 = 0,1 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 19 = 0,08 % bekamen Parkinson
  • 104 von 26,809 AD(H)S-Betroffenen bei denen nicht bekannt war, dass sie Stimulanzien erhielten = 0.39 %
    • davon 69 = 0.26 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 38 = 0.14 % bekamen Parkinson
  • 62 von 4960 AD(H)S-Betroffenen, bei denen bekannt war, dass sie Stimulanzien erhielten = 1,25 %
    • davon 42 = 0,85 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 19 = 0.38 % bekamen Parkinson

60 % der Stimulantien-Einnehmer hatten Amphetaminmedikamente, 40 % Methylphenidat erhalten. Wenn das Risiko bei allen Stimulantieneinnehmern ver-6-facht ist, und bei MPH, das von lediglich 40 % genommen wurde, 8-fach höher ist, muss es bei Amphetaminmedikamenten also ganz deutlich geringer als das 4-fache sein.

Das bedeutet: Das Risiko für eine Parkinson(verwandte) Störung könnte schätzungsweise betragen

  • 1 % ADHS mit Amphetaminmedikamenten
  • 2 % ADHS mit Methylphenidat

Man könnte also auch – genau so richtig – formulieren:
Das Risiko, innerhalb von 20 Jahren eine Parkinson(ähnliche) Störung zu bekommen, ist bei Menschen, die AD(H)S haben, um 0,16 %-Punkte erhöht (0,16 % mehr Menschen entwickeln eine Parkinson(ähnliche) Störung, wenn sie AD(H)S haben, als wenn sie es nicht haben). Werden Amphetaminmedikamente eingenommen, ist der Anstieg gegenüber Nichtbetroffenen um 1 %-Punkte erhöht, wird Methylphenidat verordnet, ist das Risiko um 2 %-Punkte erhöht.

Rechnet man das auf 100.000 Menschen um:

  • 1,5 % von 100000 sind 1500  zusätzliche vorzeitige Tote durch AD(H)S
  • 1 % von 100000 sind 1000 zusätzliche Betroffene von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) bei Amphetaminmedikamenten  bei AD(H)S (ohne zu wissen, ob das an der Schwere des AD(H)S oder am AMP liegt).
  • 2 % von 100000 sind 2000 zusätzliche Betroffene von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) bei Methylphenidat bei AD(H)S (ohne zu wissen, ob das an der Schwere des AD(H)S oder am MPH liegt).

Wenn aber jemand der nun einmal AD(H)S hat, die Wahl hat,

  • mit unbehandeltem AD(H)S das Risiko eines frühen Todes von 0,8 % auf 2,3 % zu verdreifachen (absolut: plus 1,5 %-Punkte)
  • was Medikamenten weitgehend beheben können
  • oder für eine Behandlung ein erhöhtes Risiko für Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) um das drei- bis achtfache, aber in absoluten Werten eben nur um 1 bis 2 %-Punkte in Kauf zu nehmen,

dürften es die meisten Menschen bevorzugen, lebend eine zitternde Hand zu haben, als tot eine ruhige.

Weiter folgt daraus, dass, sofern AD(H)S mit Amphetaminmedikamenten behandelbar ist, diese gegenüber MPH bevorzugt werden sollten.

Vor diesem Hintergrund klingt die Formulierung der Studienergebnisse etwas tendenziös bzw. aufmerksamkeitsheischend.
Das Studiendesign wäre perfekt, um darzustellen, wie viel höher die Sterblichkeit bei Medikation ist. Diese – sehr viel wichtigere Frage – wird indes nicht beantwortet, obwohl diese Daten die Autoren eigentlich geradezu angesprungen haben müssten. Ebenso wird nicht differenziert, dass bei Amphetaminmedikamenten das Risiko nur halb so stark erhöht war wie bei Methylphenidat, sondern es wurde ausschließlich die höhere Zahl von Methylphenidat genannt.

Die Erhöhung des Risikos für Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) durch chronisch überdosiertes MPH könnte durch eine erhöhte Produktion von Chinonen und eine Verringerung von Glutathion (GSH, γ-L-Glutamyl-L-cysteinylglycin) entstehen.(123) Eine chronische Gabe von 10 mg MPH / kg (ca. das 10-fache der maximalen therapeutischen Menge beim Menschen) förderte einen Verlust dopaminerger Zellen in der Substantia nigra.(124) Ein Verlust dopaminerger Zellen könnte Parkinsonsymptome erklären. Auch dies deutet darauf hin, dass eine hohe Dosierung von MPH möglichst vermieden werden sollte.

Eine deutsche Studie fand keinen Anhaltspunkt für eine Korrelation von Parkinson und Einnahme Psychostimulanzien wie Methylphenidat in der Kindheit.(125)

10.8. Psychoserisiko leicht erhöht ?

Nach einer sehr großen Studie ist das Risiko, eine Psychose zu entwickeln, für AD(H)S-Betroffene, die MPH einnehmen, mit 0,10 % geringer als das derjenigen, die mit Amphetaminmedikamenten behandelt werden (0,21 %).(126) Während mit Stimulanzien behandelte AD(H)S-Betroffene 2,4 Psychosefälle je 1000 Personenjahre (0,24 %) haben, sind es über die Gesamtbevölkerung 0,0214 %.(127) Die Studien lassen keine Aussage darüber zu, ob die Erhöhung der Psychoseprävalenz auf das Bestehen der AD(H)S oder auf die Gabe von Stimulanzien zurückzuführen ist. Die Verdoppelung des Risikos durch Amphetaminmedikamente gegenüber MPH-Präparaten deutet jedoch darauf hin.

Eine weitere große Studie anhand des schwedischen Gesundheitsregisters mit 23.898 jugendlichen und jungen Erwachsenen AD(H)S-Betroffenen verglich das Psychoserisiko vor und nach MPH-Gabe und konnte mit 4 % lediglich eine nicht signifikante Erhöhung der Psychoserisikos durch Methylphenidat feststellen.(128) Dies deckt sich mit einer weiteren großen Kohortenstudie, die bei AD(H)S generell ein erheblich erhöhtes Psychoserisiko fand. Stimulantien erhöhten dieses Risiko sehr leicht weiter (6%), während die Erhöhung durch Nichtstimulantien mit 15 % fast dreimal so hoch war wie durch Stimulantien.(129)

Die Vorteile einer Behandlung von AD(H)S (Verringerung der vorzeitigen Sterblichkeit, Verringerung des lebenslangen Depressions- und Angststörungsrisikos, Verringerung des Suchtrisikos etc.) überwiegen das mögliche Risiko deutlich.
Mehr zu den Risiken von (unbehandeltem) AD(H)S unter Folgen von AD(H)S.

10.9. Krampfschwelle gesenkt

Methylphenidat soll die Krampfschwelle senken können. Dies betreffe Patienten mit bestehender Krampfanfall-Anamnese (z.B. Epileptiker) wie Patienten mit Auffälligkeiten im EEG ohne bisherige Krampfanfälle. Selten soll MPH Krampfanfälle auch ohne die genannten Vorrisiken auslösen können.
Bei einer Zunahme der Anfallshäufigkeit bzw. bei neu auftretenden Krampfanfällen sollte Methylphenidat abgesetzt werden.(109)

10.10. Anregung bestehender Angststörungen, Depression, Aggression

Komorbide Angststörungen, Depressionen und Aggressionen können durch Stimulanzien verstärkt werden, da Angst und Stimmungen durch die dopaminerge Aktivität des ventromedialen PFC in Verbindung mit dem limbischen System reguliert werden. In diesen Fällen empfehlen sich stattdessen Noradrenalinwiederaufnahmehemmer oder α2A-Adrenozeptor-Agonisten.(43)
Eine (recht kleine) Untersuchung fand keine kurzfristige Veränderung des Angstzustands (state anxiety) durch eine Einzeldosis MPH, jedoch Hinweise auf eine mögliche langfristige Verschlechterung.(130)

10.11. Keine Verschlechterung der QTc-Werte

Eine Untersuchung fand keine signifikante Änderung der Herzfrequenz, des QRS, des QT, des QTc und des QTd-Intervalls in EKGs durch MPH.
Die Tp-Te-Intervalle und die Tp-Te / QTc-Verhältnisse waren nach der Behandlung mit MPH leicht erhöht, aber innerhalb der normalen Werte.(131)

10.12. Keine erhöhten kardiovaskulären Risiken

Die Hypothese, dass Methylphenidat erhöhte Herzprobleme verursachen würde, wurde nicht bestätigt.(132) Veränderungen der EEG-Werte wurden nicht festgestellt.(113)

Eine erste Studie mit n = 564 Betroffenen, die eine erhöhte Herztodrate an Kindern, die MPH einnahmen, vermutet hatte, wurde durch eine Vielzahl weiterer Studien, unter anderem durch eine Studie mit n = 241.417 mit MPH medikamentierten Kindern widerlegt.(133) Eine große Studie fand für MPH unter 2.566.995 Kindern keinerlei erhöhte Risiken schwerwiegender kardiovaskulärer Vorfälle wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen.(134)
Es gibt zudem Studien, die sogar ein verringertes Herztodrisiko unter MPH bestätigen, was sich durch die ärztliche Betreuung der Betroffenen erklärt.

Bei Erwachsenen sollen kardiovaskuläre Probleme durch MPH möglich sein.(135)

10.13. Rebound

Als Rebound wird ein kurzzeitiges Ansteigen der eigentlich durch MPH verringerten Symptome am Ende der Wirkzeit von Medikamenten bezeichnet. Wirkt eine MPH-Dosis rund 3 Stunden, so können am Ende der 3 Stunden oder unmittelbar danach für ca. 20 bis 30 Minuten die AD(H)S-Symptome verstärkt auftreten.
Rebound wird bei unretardiertem MPH häufiger und deutlicher berichtet als bei retardiertem MPH.
Es wird vermutet, dass ein Rebound durch einen zu schnellen Rückgang des Dopamin- / Noradrenalinwirkspiegels hervorgerufen wird. Bei Medikamente, die einen sehr langsamen Wirkungsrückgang zeigen, scheint ein Rebound seltener aufzutreten.

Ein Rebound kann vermieden werden, indem die Anschlussdosis so rechtzeitig eingenommen wird, dass kein wirkstofffreier Zeitraum verbleibt.
Bei der letzten Tagesdosis soll der Rebound durch eine Einnahme einer sehr viel kleineren Dosis als der üblichen Einzeldosis zu dem Zeitpunkt, an dem sonst die Anschlussdosis genommen würde, abgemildert oder vermieden werden können.

10.14. Sonstiges zu Nebenwirkungen von MPH

Vereinzelte Berichte über schädigende Wirkung einer Langzeiteinnahme von MPH basieren auf einer massiven Überdosierung. Hier: das 15 bis 20-fache der als Medikament üblichen Tagesdosis.(136) Derartige Untersuchungen sind sinnvoll um die Grenzen der Verträglichkeit eines Wirkstoffs auszuloten. Sie besagen jedoch nichts über Gefahren bei einer Einnahme in medikamentenüblichen Dosen.

Zum Vergleich: Menschen benötigen 30 bis 40 ml Wasser je kg und Tag (2 bis 3 Liter). 3 Liter Wasser auf einmal oder 5 Liter Wasser am Tag können jedoch bereits tödlich wirken.

Es wurden Einzelfälle von Trichotillomanie (Haare ausreißen) berichtet.(137) Trichotillomanie ist eine spezifische Form einer Impulskontrollstörung.

11. Wechselwirkungen und Kontraindikationen

Wie bei jedem Medikament gibt es auch bei MPH Kontraindikationen.
Eine Einnahme ohne vorherige ärztliche Konsultation ist riskant !

Methylphenidat wird unabhängig vom Cytochrom-P450-System metabolisiert, so dass nur nur ein sehr geringes Potenzial für pharmakokinetische Interaktionen besteht.(109)

11.1. Wechselwirkungen von Methylphenidat mit anderen Medikamenten

11.1.2. Verstärkte Wirkung anderer Medikamente / Stoffe durch MPH

  • Koffein kann intensiver wirken
    Koffein sollte insbesondere bei der Eindosierung von Stimulanzien (z.B. MPH) strikt gemieden werden. Häufig bewirken Stimulanzien, dass Koffein in Dosen, die bislang problemlos vertragen wurden, nun eine innere Zitterigkeit auslöst. Ist die Zusammenhang nicht beachtet, kann dies fälschlich als (Neben-)Wirkung der Stimulanzien interpretiert werden.
  • Alkohol kann intensiver wirken
    Eine umfangreiche Metaanalyse fand wenig Anhaltspunkte, dass AD(H)S-Medikamente in Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen besondere negative Effekte verzeichnen würde.(138)
  • alle Sympathomimetika(139) können durch MPH verstärkt werden.
    Betroffene Wirkstoffe:
  • Monoaminoxidasehemmer (MAOI)
    • In den letzten 14 Tagen vor der MPH-Einnahme sollten keine Monoaminoxidasehemmer (MAOI) eingenommen worden sein. Die gleichzeitige Einnahme von MAOI und Methylphenidat kann eine plötzliche Erhöhung des Blutdrucks zur Folge haben.(140)(109)
      • Johanniskraut ist ein MAOI(141) und hemmt ebenso COMT.
        In Bezug auf Johanniskraut (St. John’s wort) gibt es Verdachtsmomente für Wechselwirkungen mit MPH.(142)
      • Tranylcypromin
        Bis 14 Tage nach Einnahme von Tranylcypromin sollte MPH gemieden werden(109)
  • blutdrucksteigernde Mittel(109)
  • Halogenierte Narkosegase
    • können bei Patienten unter Methylphenidat Blutdruckspitzen auslösen.(109) Bei geplanten chirurgischen Eingriffen sollte Methylphenidat am Operationstag nicht angewendet werden.
  • Alle zentral dopaminerge und noradrenergen Wirkstoffe(109)
    Hier sollte eine engmaschige Kontrolle des Blutdrucks erfolgen.
    Beispiele:
    • Moclobemid
    • Linezolid
    • Selegilin
    • Rasagilin
    • Levodopa
    • sonstige Parkinsonmittel
    • zentral wirkende α2-Agonisten
      z.B.
      • Clonidin
      • Methyldopa

11.1.3. Hemmung der Verstoffwechselung anderer Medikamente durch MPH

  • Antikonvulsiva(143)
    • Phenobarbital(139)(144)
    • Phenytoin(139)(144)
    • Primidon(139)
    • Carbamazepin
      • 2 Einzelfallberichte deuten an, dass mindestens eine Verdoppelung der MPH-Dosis erforderlich sein könnte, wenn zugleich Carbamazepin hochdosiert gegeben wird(144)
    • Rifampin möglicherweise(144)
      MPH verringert die Wirkung von Antikonvulsiva(139)
      Antikonvulsiva verringern nach einigen Wochen den MPH-Blutspiegel(144)
  • trizyklische Antidepressiva(109)
    z.B.:
    • Amitriptylin(139)
    • Imipramin(139)
      Methylphenidat verstärkt die Wirkung von Imipramin(144), während Imipramin zugleich die Wirkung von MPH verstärkt. Daher ist eine besonders vorsichtige Dosierung von Imipramin bei gleichzeitiger MPH-Gabe empfehlenswert.
      Symptome sind:
      • Verwirrtheit und Agitiertheit
      • Stimmungslabilität
      • Gereiztheit und Aggressivität
      • Psychotische Symptome
  • Phenylbutazon (Butazolidin)(139)
    Phenylbutazon ist ein heute nur noch selten verwendetes nichtsteroidales Antirheumatikum.
  • Antikoagulantien (Blutgerinnungshemmer)(139)
    • orale Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ, z.B. Phenprocoumon, Warfarin
      Hier sind Wirkungsschwankungen durch Interaktion mit Methylphenidat möglich. Mechanismus ist unbekannt. Beim An- und Absetzen von Methylphenidat empfiehlt sich daher eine engmaschige Überwachung der  Gerinnungsparameter.(109)
  • Antihypertensiva(109)
    z.B.:
    • ACE-Hemmer
    • Angiotensin-Rezeptor-Blocker
    • Diuretika
    • Kalziumkanalblocker
    • Beta-Blocker
  • Metoclopramid (Prokinetikum, Dopaminantagonist)(109)

11.1.4. Veränderungen der Wirkung von MPH durch andere Medikamente

Ein erhöhter Magen-pH-Wert ab 5,5 kann bei Medikinet adult die Wirkstofffreisetzung der retardierten Anteile beschleunigen / erhöhen. Die Freisetzung von Methylphenidat aus Ritalin adult erfolgt hingegen pH-unabhängig. Bei Ritalin adult ist gleichwohl eine Resorptionsverminderung durch Antazida möglich.(109)

Der Magen-pH-Wert kann erhöht werden durch:

  • Protonenpumpenhemmer
    z.B.
    • Pantoprazol
    • Omeprazol
  • H2-Antagonisten (wenn auch weniger wahrscheinlich)
    z.B.
    • Ranitidin
    • Famotidin
  • Antazida

11.2. MPH und Blutdruck

Methylphenidat kann den Blutdruck bei Kindern erhöhen.

Bei Kindern mit AD(H)S scheinen die Blutplasmawerte von Stickoxid erhöht und von asymmetrischem Dimethylarginin (ADMA) verringert. ADMA hemmt die Blutdruck erhöhende Wirkung von Stickoxid. Bei MPH-Einnahme erhöhten sich die Stickoxid-Plasmawerte weiter. Dies könnte möglicherweise an einer verringerten Hemmung von Stickoxid durch ADMA bei MPH-Gabe liegen und eine Ursache der Blutdruck erhöhenden Wirkung von MPH darstellen.(135)
Eine umfassende Studie konnte dagegen keine Beeinträchtigung des Blutdrucks bei Jungen mit AD(H)S durch MPH feststellen.(118)
Bei Bluthochdruckrisikopatienten ist daher abzuwägen, inwieweit das mögliche Risiko einer medikamentenbedingten Blutdruckerhöhung den möglichen Vorteil eines verringerten Blutdrucks aufgrund der verringerten Stressempfindlichkeit überwiegt.

11.3. MPH-Einnahme in der Schwangerschaft

Eine Studie fand kein verringertes Gewicht der Neugeborenen von Müttern mit AD(H)S, die während der Schwangerschaft Amphetaminmedikamente einnahmen.(145) Dies deckt ich mit Ergebnissen von einer großen Kohortenstudie bei MPH-Einnahme in der Schwangerschaft.(146)
Eine weitere Studie umfassende Studie fand eine leichte Verringerung des Geburtsgewichts sowie eine leichte Erhöhung der Risiken von Präeklampsie, Plazentaunterbrechung oder Frühgeburt bei Stimulantieneinnahme (AMP oder MPH) in der Schwangerschaft, die allerdings so gering war, dass die Autoren keine Absetzung der Stimulantieneinnahme in der Schwangerschaft empfahlen.(147) Atomoxetin zeigte diese leichten Risikoerhöhungen nicht.
Eine dänische Kohortenstudie fand ein verdoppeltes Risiko von Fehlgeburten bei der Einnahme von Stimulantien während der Schwangerschaft.(148)
Eine weitere dänische Kohortenstudie fand eine sehr geringe Zunahme von Missbildungen bei Kindern von Müttern, die im ersten Schwangerschaftstrimester MPH eingenommen hatten. Die Autoren bezeichneten die Risikoerhöhung als nicht relevant.(149)

12. Mögliche Kontraindikationen

Vorsicht ist geboten bei der Verwendung von Methylphenidat bei(109)

  • Glaukom
  • Hyperthyreose
  • Thyreotoxikose
  • schwerer Depression
  • Psychosen
    z.B.
    • Schizophrenie
    • Manie
    • bipolare Störung Typ I
  • Kardiomyopathien
    • insbesondere schwere Arrhythmien

13. Keine Gewöhnungseffekte bei MPH

Eine Studie an AD(H)S-Betroffenen, die über 2 Jahre MPH einnahmen, zeigte eine deutliche Verschlechterung von Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit bei Absetzung von MPH.(150)
Ein placebokontrollierter Auslassversuch bei Betroffenen, die über 2 Jahre MPH eingenommen hatten, zeigte, dass ein Absetzen von MPH einen erheblichen Anstieg der AD(H)S-Symptome verursachte.(151) Gleichwohl scheint bei einzelnen Betroffenen nach einiger Zeit eine Fortsetzung der Medikamentierung entbehrlich zu sein, was regelmäßige Auslassversuche rechtfertigt.

14. Anwendungsbereiche von Methylphenidat im Verhältnis zu anderen AD(H)S-Medikamenten

  • Nach dem aktuellen europäischen Konsensus ist Methylphenidat das AD(H)S-Mittel erster Wahl bei Kindern (vor Amphetaminmedikamenten) und bei Erwachsenen das Mittel zweiter Wahl (nach Amphetaminmedikamenten)(152)(153)
  • Bei Kindern, die MPH-Nonresponder sind, die also auf MPH nicht ansprechen, ist die Wirksamkeit von Amphetaminmedikamenten zu testen.
  • Betroffene mit ausgeprägter Dysphorie bei Inaktivität oder mit komorbider Depression profitieren von Amphetaminmedikamenten besonders.
  • Daneben können Betroffene, die eine stärkere Aktivierung benötigen, mit Amphetaminmedikamenten möglicherweise besser zurechtkommen.
  • Hochbegabte sollen auf Amphetaminmedikamente besser ansprechen als auf MPH.(154)

15. Methylphenidat bei anderen Störungsbildern.

MPH erwies sich als hilfreich zur Behandlung von Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern mit Gehirnverletzungen (Gehirntrauma).(155)

Weiter wird MPH bei Narkolepsie erfolgreich eingesetzt. Dabei war 2007 Ritalin® als einziges MPH-Präparat zur Behandlung von Narkolepsie zugelassen.(156)

Bei Kindern mit ASS scheint MPH – anders als bei AD(H)S – zusätzlich die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit zu erhöhen.(157)

16. Auslandsmitnahme von Methylphenidat

Die Mitnahme von Methylphenidat ins Ausland ist unter bestimmten Bedingungen möglich.

Schengen-Länder:
Hier ist eine ärztliche Bestätigung erforderlich, die vom Leiter des Gesundheitsamts gegengezeichnet werden muss.

Andere Staaten, USA:
Hier gelten besondere Bestimmungen.

Insbesondere muslimische Staaten haben drakonische Strafen bei Drogenbesitz. Hierunter können ggf. auch Stimulanzien und Amphetaminmedikamente fallen.(104)

17. MPH-Medikamentierung verringert Suchtrisiko signifikant

Der aktualisierte europäische Konsensus über die Diagnose und Behandlung von AD(H)S von 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass Stimulantien während ihrer Einnahme das Risiko einer Sucht deutlich verringern.(158)
AD(H)S-Betroffene mit komorbider Kokainsucht zeigten bei Behandlung mit Stimulanzien eine erhebliche Verringerung des Suchtverhaltens, entsprechend des Rückgangs der AD(H)S-Symptome.(159)
Der internationale Konsensus zu Screening, Diagnose und Behandlung von Erwachsenen mit Sucht und AD(H)S empfiehlt eine Behandlung mit langwirksamen Stimulantien mit ansteigenden Dosen bis hin zu hoher Dosierung, in Kombination mit psychotherapeutischer Behandlung.(160)
Eine Metaanalyse über 6 Studien mit n = 1.014  Probanden ergab für die mit Stimulanzien (hier: MPH) medikamentierten Teilnehmer ein signifikant verringertes Risiko einer späteren Sucht.(161) Das Risiko einer späteren Sucht, sei es durch Alkohol oder andere Substanzen, ist danach um das 1,9-fache geringer, also nahezu halbiert.(162)

Diese Ergebnisse könnten dadurch gestützt werden, dass bei Jugendlichen mit ausgeprägtem Novelty-Seeking, bei denen im Alter von 14 Jahren eine verringerte verminderte BOLD-Aktivität in mesolimbischen (Nucleus accumbens (ventrales Striatum) und Mittelhirn) und präfrontalen kortikalen (dlPFC) Regionen während der Belohnungsantizipierung festgestellt wurde, im Alter von 16 häufiger ein problematischer Drogenkonsum eintrat.(163) Dies könnte dahingehend interpretiert werden, dass die den Dopamin- und Noradrenalinspiegel anhebenden AD(H)S-Medikamente wie MPH oder Amphetaminmedikamente auf direktem Wege dazu beitragen, das Suchtrisiko zu senken.

AD(H)S-Medikamentierung verringerte den Einfluss von Bevorzugung kurzfristiger Belohnungen und Frustrationsintoleranz auf Internetsucht.(164)

Eine Studie fand keine erhöhte Suchtaffinität von erwachsenen Nagetieren durch eine Behandlung mit MPH in der Jugend.(165) Auch andere Studien fanden Hinweise darauf, dass Stimulanzien das Suchtrisiko nicht erhöhen.(166)

18. Methylphenidat-Präparate

Es gibt eine große Anzahl von Methylphenidat-Präparaten.
Obwohl alle den selben Wirkstoff enthalten, sprechen Betroffene individuell unterschiedlich auf sie an. Individuell bedeutet, dass die einen das Präparat A sehr gut vertragen und und es gut wirkt, währen das Präparat B kaum wirkt und unangenehme Nebenwirkungen zeigt, während bei anderen die Wirkung genau umgekehrt ist.(56)
Eine solide MPH-Medikamenteneinstellung sollte daher immer die Einnahme unterschiedlicher Präparate beinhalten, auch wenn ein Präparat bereits wirkt und keine unangenehmen Nebenwirkungen hat. Denn ob ein anderes Präparat nicht noch deutlich besser wirkt, kann erst nach dessen Testung festgestellt werden.
Eine stark fetthaltige Nahrungsaufnahme vor / bei der Einnahme kann je nach Präparat das Wirkmaximum verzögern oder beschleunigen und die Wirkintensität abmildern oder verstärken.(56) Für die in Europa verfügbaren Präparate liegen uns hierzu keine konkreten Daten vor.

18.1. Unretardierte Präparate

  • Generell:
    • Wirkungseintritt nach 10 bis 20 Minuten(50)
    • Wirkungsspitze nach 60 Minuten
      • verzögertes Wirkungsmaximum bei Einnahme zu / auf fettreicher Mahlzeit(56)
    • Wirkungsdauer 2,5 – 4 Stunden
    • bei zweimaliger Einnahme ist Maximum der 2. Einnahme höher als das der ersten Einnahme(167)
    • Halbwertszeit nach 2,9 Stunden im Mittel (2 bis 4 Stunden)(56)
  • Präparate
    • Ritalin
      • 1-3 Stunden Wirkzeit
    • Methylphenidat HEXAL
      • 1-3 Stunden Wirkzeit
    • Methylpheni TAD unretardiert
      • 1-3 Stunden Wirkzeit
    • Medikinet unretardiert
      • 1-3 Stunden Wirkzeit

18.2. Retardierte Präparate

18.2.1. Halbtagesdosierung

18.2.1.1. Zwei-Phasen-Retardierung
  • Equasym Retard/XL
    • Dauer bis Wirkungseintritt: 30 Minuten(50)
    • Wirkungsdauer (6-)8 Stunden(50), 8 Stunden(168)
    • Wirkungsprofil:
      • erstes Maximum nach 45 Minuten, bleibt auf diesem Niveau bis 2. Maximum(167)
        Wirkspiegel hier höher als bei Concerta
      • zweites Maximum nach 5 Stunden(167)
        nur leicht erhöht gegenüber Vormittagsplateau
    • keine Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich
    • Kapsel darf geöffnet werden(50)
  • Medikinet Adult
    • muss mit Nahrung eingenommen werden
    • auch für Erwachsene zugelassen
    • 6-8 Stunden(50)
    • Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich(50)
    • Bioäquivalent zu Medikinet Retard(169)
  • Medikinet Retard
    • muss mit Nahrung eingenommen werden
    • Bioäquivalent zu Medikinet Adult(169)
    • glutenfrei
    • enthält Lactose
    • Dauer bis Wirkungseintritt: 30 Minuten(50)
    • Wirkungsdauer 6(-8) Stunden(50)
    • Wirkungsprofil:(167)
      • Maximum nach 2,5 Stunden
      • danach Abfall bis nach 4 Stunden
      • Plateau von Stunde 4 bis Stunde 6 (niedriger als Maximum)
      • danach Abfall zum Wirkende
    • Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich(50)
    • Kapsel darf geöffnet werden(50)
  • Ritalin LA
    • Bioäquivalent zu Ritalin Adult
    • Wirkungsdauer: 8 Stunden(50)6-8 Stunden(56)
    • Wirkungsprofil:(167)
      • 50 % Sofortwirkung durch Perlen in Kapsel(56)
        • erstes Maximum nach 2 Stunden
        • danach leichter Abfall
      • 50 % retardiert durch Perlen in Kapsel(56)
        • zweites Maximum nach 6 1/2 Stunden
        • danach Abfall bis Wirkende
    • keine Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich(50)
    • verzögertes Wirkungsmaximum bei Einnahme zu / auf fettreicher Mahlzeit(56)
    • Kapsel darf geöffnet und auf Essen gestreut werden(50)(56)
  • Ritalin Adult
    • Bioäquivalent zu Ritalin LA(169)
    • muss mit Nahrung eingenommen werden
    • auch für Erwachsene zugelassen
    • 8 Stunden Wirkzeit laut Hersteller(50)
    • glutenfrei
    • enthält Lactose
18.2.1.2. Kontinuierliche Freisetzung
  • Ritalin SR
    • 5-8 Stunden Wirkzeit theoretisch, 3-5 Stunden Wirkzeit praktisch(56)
    • kontinuierliche Wirkstofffreisetzung aus Wachsmatrix(56)
    • Halbwertszeit nach 3,4 Stunden(56)

18.2.2. Ganztagesretardierung

  • Concerta
    • Bioäquivalent zu Methylphenidathydrochlorid-neuraxpharm
    • Dauer bis Wirkungseintritt: 60 Minuten(50)
      Daher oft gute Wirkung mit gleichzeitiger Einnahme kleiner Dosis unretardierten MPHs
      • Einnehme zum / auf Essen kann Wirkungsmaximum (Tmax) um bis zu 1 Stunde verzögern und um 10 bis 30 % verringern (Serumkonzentationsmaximum, Cmax)(56)
    • Wirkungsdauer 8-12 Stunden(50), 10-12 Stunden(56)
    • Wirkungsprofil:
      • 22 % Sofortwirkung des Überzugs(56)
        • erstes Maximum nach 1 Stunde(56) (bis 2 Stunden) (niedrig), bleibt auf diesem Niveau bis zum 2. Maximum
      • 78 % retardiert durch osmotischen Mechanismus(56)
        • zweites Maximum nach 6 (bis 8) Stunden (deutlich höher)(50), 6,8 Stunden(56)
      • Halbwertszeit nach 3,4 Stunden(56)
    • keine Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich(50)
    • Kapsel darf nicht geöffnet werden(50)(56)
  • Methylphenidathydrochlorid-neuraxpharm
    • 12 Stunden Wirkzeit
    • Bioäquivalent zu Concerta
  • Kinecteen
    • 12 Stunden Wirkzeit
    • keine Nahrungsaufnahme vor / bei Einnahme erforderlich
  • Methylphenidathydrochlorid Ratiopharm(170)
    • 12 Stunden Wirkzeit
  • Methylphenidathydrochlorid Hexal(171)
    • 12 Stunden Wirkzeit

Der Verlauf der Wirkkurve unterscheidet sich je nach MPH-Präparat erheblich. Adhspedia zeigt eine Grafik, die verschiedene Wirkkurven miteinander vergleicht.(172)

19. Verschiedene MPH-Präparate wirken individuell verschieden – trotz identischem Wirkstoff

Bisher wissenschaftlich nicht begründet, jedoch empirisch zweifelsfrei anerkannt ist die Tatsache, dass Methylphenidatpräparate bei verschiedenen Individuen sehr unterschiedlich wirken können.(173) Wir vermuten einen Zusammenhang mit den unterschiedlichen Wirk(zeit)profilen und verschiedenen Füllstoffen.

Wir kennen Betroffene, die auf das eine MPH-Präparat mit Aggressionen reagierten und auf ein anderes Präparat ganz hervorragend ansprachen – und andere Betroffene, die mit genau vertauschten Reaktionen auf die beiden Präparate reagierten.

In Betroffenenforen ist das Phänomen weithin bekannt und das Testen verschiedener MPH-Präparate wird von Betroffenen untereinander regelmäßig empfohlen.

Unter Erwachsenen wird allerdings seit der Zulassung von Elvanse Adult im Mai 2019 Methylphenidat mehr und mehr durch Elvanse ersetzt. bei Erwachsenen sind Amphetaminmedikamente das Mittel erster Wahl vor Methylphenidat.

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2020 um 23:37 Uhr


9.)
Steinhausen, Rothenberger, Döpfner (2010): Handbuch ADHS, Seite 84, 85 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8)
31.)
von http://www.hrv24.de/HRV-Medikamente.htm - (Position im Text: 1)
33.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 211 - (Position im Text: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9)
43.)
Stahl (2013): Stahl’s Essential Psychopharmacology, 4. Auflage, Chapter 12: Attention deficit hyperactivity disorder and its treatment, Seite 490 - (Position im Text: 1, 2, 3)
45.)
46.)
Mefford, Potter (1989): A neuroanatomical and biochemical basis for attention deficit disorder with hyperactivity in children: a defect in tonic adrenaline mediated inhibition of locus coeruleus stimulation; Med Hypotheses. 1989 May;29(1):33-42., zitiert nach Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 210 - (Position im Text: 1)
53.)
Garattini, Mennini (1988): Critical Notes on The Specificity of Drugs in The Study of Metabolism and Functions of Brain Monoamines; International Review of Neurobiology; Volume 29, 1988, Pages 259–280, http://dx.doi.org/10.1016/S0074-7742(08)60089-6, zitiert nach Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber): Hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 210 - (Position im Text: 1)
57.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 210 - (Position im Text: 1, 2)
72.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 211 - (Position im Text: 1)
73.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 212, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1)
101.)
Milich, Balentine, Lynam (2001): ADHD combined type and ADHD predominantly inattentive type are distinct and unrelated disorders. Clinical Psychology: Science and Practice, 8, 463– 488, zitiert nach Diamond: Attention-deficit disorder (attention-deficit/hyperactivity disorder without hyperactivity): A neurobiologically and behaviorally distinct disorder from attention-deficit (with hyperactivity), Development and Psychopathology 17 (2005), 807–825, Seite 811 - (Position im Text: 1)
116.)
Trott, Wirth (2000): die Pharmakotherapie der hyperkinetischen Störungen; in: Steinhausen (Herausgeber) hyperkinetischen Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, 2. Aufl., Seite 213, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1)
132.)
Krause, Krause (2014): ADHS im Erwachsenenalter, Seite 262, mit weiteren Nachweisen - (Position im Text: 1)
140.)
Beipackzettel von Medikinet retard. - (Position im Text: 1)
168.)
169.)
170.)
Medikamenten-Fachinformation des Herstellers ratiopharm - (Position im Text: 1)
172.)

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