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Eindosierung von Medikamenten bei AD(H)S

Wie alle Darstellungen zu Medikamenten bei ADxS.org sind auch diese Informationen alleine aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel zusammengestellt. Sie dienen nicht zur Selbstmedikamentierung, sondern dazu, gut informiert mit dem behandelnden Arzt sprechen zu können und dessen Anweisungen zu verstehen.
Jede konkrete Behandlung muss sich an den Weisungen des behandelnden Arztes für den jeweiligen Einzelfall orientieren.

Die Einstellung der optimalen Dosierung von Medikamenten bei AD(H)S hängt von der Art der Medikamente ab.

1. Medikamenteneinstellung von Stimulanzien

Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetaminmedikamente wirken unmittelbar und dosisabhängig.

1.1. Dosierung nicht pauschal nach Körpergewicht

Weit verbreitet ist immer noch die Fehlannahme, Stimulanzien seien im Verhältnis zum Körpergewicht zu dosieren. Es mag ein statistisches Mittel geben, welche Dosierung bei welchem Körpergewicht häufig passend ist. Da jedoch jede Eindosierung eine individuelle Angelegenheit ist, wäre ein Abstellen auf einen statistischen Mittelwert in Bezug auf einen konkreten Betroffenen ein Behandlungsfehler. Eine Dosierungsobergrenze von 1 mg / kg MPH ist im Regelfall ein guter Anhaltspunkt. In Einzelfällen (bei entsprechend schneller Verstoffwechselung) wurden jedoch auch deutlich höhere Dosierungen benötigt und vertragen. Erwachsene benötigen häufig geringere Dosierungen als Jugendliche oder Kinder. In Einzelfällen kann die optimale Dosis unterhalb von 5 mg / Tag liegen.

1.2. Reihenfolge der Mittel der Wahl beachten

1.2.1. Mittel der Wahl bei Kindern

  • Erste Wahl ist Methylphenidat
  • Zweite Wahl sind Amphetaminmedikamente
  • Dritte Wahl ist unserer Auffassung nach Guanfacin (insbesondere bei Bluthochdruckreaktionen auf MPH und AMP), das statistisch betrachtet eine deutlich bessere Effektstärke bei geringeren Nebenwirkungen hat als Atomoxetin
  • Vierte Wahl ist Atomoxetin. Bei SCT oder starkem ADS kann es erste Wahl sein.
  • Weitere mögliche Medikamente siehe Beiträge hierzu

1.2.2. Mittel der Wahl bei Jugendlichen

  • Erste Wahl ist weiter Methylphenidat
  • Zweite Wahl sind Amphetaminmedikamente
  • Dritte Wahl ist unserer Auffassung nach Guanfacin (insbesondere bei Bluthochdruckreaktionen auf MPH und AMP), das statistisch betrachtet eine deutlich bessere Effektstärke bei geringeren Nebenwirkungen hat als Atomoxetin.
  • Vierte Wahl ist Atomoxetin. Bei SCT oder starkem ADS kann es erste Wahl sein.
  • Weitere mögliche Medikamente siehe Beiträge hierzu

1.2.3. Mittel der Wahl bei Erwachsenen

  • Erste Wahl sind Amphetaminmedikamente
  • Zweite Wahl ist Methylphenidat
  • Dritte Wahl ist unserer Auffassung nach Guanfacin (insbesondere bei Bluthochdruckreaktionen auf MPH und AMP), das statistisch betrachtet eine deutlich bessere Effektstärke bei geringeren Nebenwirkungen hat als Atomoxetin, wobei die positiven Wirkungsberichte von Guanfacion vornehmlich Kinder betreffen
  • Vierte Wahl ist Atomoxetin. Bei SCT oder starkem ADS kann es erste Wahl sein.
  • Weitere mögliche Medikamente siehe Beiträge hierzu

1.3. Leitfaden zur Eindosierung von Stimulanzien

Stimulanzien sind Methylphenidat und Amphetaminmedikamente.

Nach unserer Auffassung empfiehlt sich die nachfolgend beschriebene Vorgehensweise.
Maßgeblich ist ganz ausdrücklich die vom jeweiligen Arzt verschriebene Anwendungsweise.

1.3.1. Eindosierung

Eine Eindosierung kann mit unretardiertem MPH oder retardierten Wirkstoffen erfolgen.
Unretardiertes MPH ermöglicht einerseits ein bessere Kontrolle über die Symptomverbesserung, andererseits erfordert dies eine sehr zuverlässige Patientenmitwirkung. Daher kann sich bei Kindern und ganz besonders bei jüngeren Kindern eine Eindosierung mit retardierten Medikamenten empfehlen.

1.3.1.1. Eindosierung mit unretardiertem MPH
  • Mit einer einmaligen sehr geringen Dosierung starten (2,5 mg unretardiertes MPH ) und davon erst mal ganz bewusst keinerlei Wirkung erwarten.
    Zweck:
    Vorsichtiges Gewöhnen des Körpers an den Wirkstoff zur Vermeidung von Nebenwirkungen, die andernfalls überwunden werden müssten, was zu vermeidbarem Absetzen führen könnte.(1)(2)(3)
  • Danach 2,5 mg zweimal am Tag.
  • Weitere Steigerung der Anzahl der Einzeldosen bis zur Abdeckung des Tages.
    Da unretardiertes MPH nur 2,5 bis 3 Stunden wirkt, sind für eine Tagesabdeckung 3 bis 5 Einzeldosen erforderlich. Mit zwei Dosen bliebe fast der gesamte Tag unmedikamentiert. Dies könnte die Beurteilung durch Betroffene oder Dritte völlig verfälschen, insbesondere wenn sie über das begrenzte Wirkzeitfenster (und den zu erwartenden Rebound) nicht aufgeklärt wurden. Vor allem aber würde es die Symptomatik und damit die Belastung des Betroffenen nicht ausreichend verringern.
  • Danach alle 4 bis 7 Tage die Dosierung um maximal 5 mg / Tagessumme steigern.
    Dosissprünge von 10 mg MPH / Tag halten wir für nachteilig.
    Zweck:
    Das langsame Hochdosieren vermeidet, dass die optimale Dosis übersprungen wird. Nicht alle, aber manche Betroffene haben ein sehr schmales Fenster für eine optimale Dosierung von weniger als 5 mg, so dass 2,5 mg weniger / Tag nicht ausreichend und 2,5  mg mehr bereits erste Überdosierungsphänomene auslösen können.
  • Betroffene und (eingeweiht) beobachtende Dritte über Wirkdauer des jeweiligen Präparats und zu erwartenden Rebound aufklären.
    Die Kenntnis der Wirkungsdauer ist neben der Erwartung, wann eine Wirkung eintritt und endet weiter wichtig, um die letzte Dosis so rechtzeitig vor dem zu Bett gehen zu nehmen, dass die Wirkung mindestens eine Stunde vorher abgeklungen ist. Bei einigen Betroffenen (wir vermuten, eher bei ADS als bei ADHS) kann eine verringerte Dosis (1/3 bis 1/2 einer optimierten Einzeldosis) in unretardierter Form beim Einschlafen helfen. Auch hierbei gilt: Gabe als Einschlafhilfe mit sehr geringen Dosen (1/10 der Tageseinzeldosis) antesten. Dabei sind retardierte Tagesdosen auf die unretardierte Wirkzeit umzurechnen. (Beispiel: 20 mg retardiert bei 6 Stunden Wirkzeit entsprechen 10 mg unretardiert bei 3 Stunden Wirkzeit).
  • Die Dosierung so lange steigern, bis eine sehr zufriedenstellende Wirkung erreicht ist.
  • Bei einer Tagesdosis von 20, 40, 60 mg MPH sollte jeweils ein Feedbackgespräch mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
    • Zusätzlich empfiehlt sich die Führung eines Tagebuches (siehe unten). Manche Ärzte erwarten eine wöchentliche Übermittlung des Tagebuchs, z.B. per Mail. Dies kann helfen, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen.
  • Nach Erreichen der vermeintlich optimalen Dosis noch 2 weitere Steigerungen vornehmen, um festzustellen, dass jetzt eine negative Symptomatik dazukommt.
    Zweck:
    Es wird sichergestellt, dass nicht nur eine Verbesserung der Symptomatik, sondern die optimale Dosis ermittelt wird. Weiterhin erfährt der Betroffene, wie es sich anfühlt, wenn eine leicht zu hohe Dosierung besteht. Dies ist wichtig, damit der Betroffene ein Gefühl dafür entwickelt, was die optimale Dosierung ist, um gegebenenfalls weitere Dosisverringerungen anregen zu können.
  • Es ist möglich, dass negative Symptome bei Dosierungsstufen auftreten, die bei höheren Dosierungsstufen wieder verschwinden. Insbesondere eine innere Zitterigkeit (wie eine Tasse Kaffee zuviel getrunken) kann innerhalb von 2 bis 3 Tagen verschwinden. Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine Anpassung des noradrenergen Systems. Uns haben mehrere Betroffene berichtet, dass bei der nächsten oder übernächsten Dosisstufe dieses innere Zittern wieder verschwunden war. Wird es deutlicher oder besteht es dauerhaft, ist es ein Zeichen von Überdosierung   
  • Eine “Zombie”-Symptomatik deutet entweder auf Überdosierung oder auf eine demaskierte Depression hin.
    • Stimulanzien schließen Reizfilter: Dies ist auch der Grund, warum Studenten, Stimulanzien zwar für stressige Prüfungszeiten “ausprobieren” (wovon wir dringend abraten), diese danach aber nicht weiter nehmen.
    • Wer (anders als AD(H)S-Betroffene) keinen zu weit geöffneten Reizfilter hat, verliert damit an Lebensqualität. Es gibt keine Berichte von Studenten, die MPH freiwillig außerhalb sehr stressiger Prüfungsphasen nehmen. 
  • Tagesabdeckung benötigt auch bei den meisten MPH-Retardpräparaten eine mehrfache Einnahme / Tag.
    Unretardiertes MPH wirkt ca. 2,5 – 3 Stunden, einige MPH-Ganztages-Retard-Präparate sowie Elvanse ca. 10 – 14 Stunden. Eine Tagesabdeckung erfordert idR eine Medikamentierung für rund 14 Stunden, was mit einer einzigen Einnahme kaum erreichbar ist.
1.3.1.1. Eindosierung mit retardiertem MPH / AMP
  • Auch hier mit einer einmaligen sehr geringen Dosierung unretardierten MPHs starten (2,5 mg) und davon erst mal ganz bewusst keinerlei Wirkung erwarten.
    Zweck:
    Vorsichtiges Gewöhnen des Körpers an den Wirkstoff zur Vermeidung von Nebenwirkungen, die andernfalls überwunden werden müssten, was zu vermeidbarem absetzen führen könnte.(1)
  • Danach 2,5 mg zweimal MPH unretardiert am Tag (ggf. durch Eltern am Wochenende geben lassen).
  • Sofern aufgrund Tagesablauf keine häufigere Medikamentengabe unretardierten MPHs durch Eltern oder Betreuer möglich ist, auf 2 Dosen retardiertes MPH mit Halbtagesabdeckung (5-6 Stunden) oder 1 Dose retardiertes MPH oder AMP mit Ganztagesabdeckung (12 – 14 Stunden) wechseln.
    Retardierte Medikamente stets mit Essen einnehmen, auch wenn das Präparat dies nicht zwingend erfordert, um Risiko beschleunigten Abbaus zu vermeiden. Bei massiven Schlafproblemen Dosen früher geben.
  • Bei mehreren Dosen retardierter Präparate ggf. zweite Dosis niedriger ansetzen, da diese auf einen Restspiegel der ersten Dosis aufbaut.
  • Dosissteigerungen möglichst gering machen und frühestens alle 4 bis 7 Tage die Höhe der Einzeldosen steigern.
    Tagesdosissprünge von 10 mg / Tag halten wir für nachteilig.
    Zweck:
    Das langsame Hochdosieren vermeidet, dass die optimale Dosis übersprungen wird. Nicht alle, aber manche Betroffene haben ein sehr schmales Fenster für eine optimale Dosierung von weniger als 5 mg, so dass 2,5 mg weniger / Tag nicht ausreichend und 2,5  mg mehr bereits erste Überdosierungsphänomene auslösen können.
  • Betroffene und (eingeweiht) beobachtende Dritte über Wirkdauer des jeweiligen Präparats und zu erwartenden Rebound aufklären.
    Die Kenntnis der Wirkungsdauer ist neben der Erwartung, wann eine Wirkung eintritt und endet weiter wichtig, um die letzte Dosis so rechtzeitig vor dem zu Bett gehen zu nehmen, dass die Wirkung mindestens eine Stunde vorher abgeklungen ist. Bei einigen Betroffenen (wir vermuten, eher bei ADS als bei ADHS) kann eine verringerte Dosis (1/3 bis 1/2 einer optimierten Einzeldosis) in unretardierter Form beim Einschlafen helfen. Auch hierbei gilt: Gabe als Einschlafhilfe mit sehr geringen Dosen (1/10 der Tageseinzeldosis) antesten. Dabei sind retardierte Tagesdosen auf die unretardierte Wirkzeit umzurechnen. (Beispiel: 20 mg retardiert bei 6 Stunden Wirkzeit entsprechen 10 mg unretardiert bei 3 Stunden Wirkzeit).
  • Die Dosierung so lange steigern, bis eine sehr zufriedenstellende Wirkung erreicht ist.
  • Bei einer Tagesdosis von 20, 40, 60 mg sollte jeweils ein Feedbackgespräch mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
    • Zusätzlich empfiehlt sich die Führung eines Tagebuches (siehe unten). Manche Ärzte erwarten eine wöchentliche Übermittlung des Tagebuchs, z.B. per Mail. Dies kann helfen, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen.
  • Nach Erreichen der vermeintlich optimalen Dosis noch 2 weitere Steigerungen vornehmen, um festzustellen, dass jetzt eine negative Symptomatik dazukommt.
    Zweck:
    Es wird sichergestellt, dass nicht nur eine Verbesserung der Symptomatik, sondern die optimale Dosis ermittelt wird. Weiterhin erfährt der Betroffene, wie es sich anfühlt, wenn eine leicht zu hohe Dosierung besteht. Dies ist wichtig, damit der Betroffene ein Gefühl dafür entwickelt, was die optimale Dosierung ist um gegebenenfalls weitere Dosisverringerungen anzuregen.
  • Es ist möglich, dass negative Symptome bei Dosierungsstufen auftreten, die bei höheren Dosierungsstufen wieder verschwinden. Insbesondere eine innere Zitterigkeit (wie eine Tasse Kaffee zuviel getrunken) kann innerhalb von 2 bis 3 Tagen verschwinden. Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine Anpassung des noradrenergen Systems. Uns haben mehrere Betroffene berichtet, dass bei der nächsten oder übernächsten Dosisstufe dieses innere Zittern wieder verschwunden war. Wird es deutlicher und besteht es dauerhaft, ist dies ein Zeichen von Überdosierung   
  • Eine “Zombie”-Symptomatik deutet entweder auf Überdosierung oder auf eine demaskierte Depression hin.
    • Stimulanzien schließen Reizfilter: Dies ist auch der Grund, warum Studenten, Stimulanzien zwar für stressige Prüfungszeiten “ausprobieren” (wovon wir dringend abraten), diese danach aber nicht weiter nehmen.
    • Wer (anders als AD(H)S-Betroffene) keinen zu weit geöffneten Reizfilter hat, verliert damit an Lebensqualität. Es gibt keine Berichte von Studenten, die MPH freiwillig außerhalb sehr stressiger Prüfungsphasen nehmen.  
  • Tagesabdeckung benötigt auch bei den meisten MPH-Retardpräparaten eine mehrfache Einnahme / Tag.
    Die meisten MPH-Retard-Präparate wirken 5-6 Stunden, einige MPH-Ganztages-Retard-Präparate sowie Elvanse ca. 10 – 14 Stunden. Eine Tagesabdeckung erfordert idR eine Medikamentierung für rund 14 Stunden, was mit einer einzigen Einnahme kaum erreichbar ist.

1.3.2. Tagebuchdokumentation

In der Eindosierungszeit sollte ein Tagebuch geführt werden, das jeden Tag das Befinden protokolliert. Dieses sollte enthalten:

  • Vorhandene Symptome (anhand Gesamtsymptomliste ermitteln: Gesamtliste der Symptome von AD(H)S nach Erscheinungsformen)
  • Veränderung für jedes Symptom notieren
    optimal, aber kaum durchführbar wäre eine Notierung mit 24 Stunden bis 48 Abstand, um Überbewertung einzelner Momente zu vermeiden
  • Dosis
  • Einnahmezeitpunkt(e)
  • weitere eingenommene Medikamente (Art, Dosis, Zeitpunkt(e))
  • Nahrungsmittelaufnahme (Art, Menge)
  • Monatszyklus bei Mädchen / Frauen
    Mehr hierzu unter Geschlechtsunterschiede bei AD(H)S
  • Sport
  • Besondere Belastungen (emotionale wie körperliche, z.B. Streits, Erkrankungen, Allergien etc.)
  • Wichtig: die Bewertung der Wirkung des Medikaments und der Dosierung erfolgt nicht anhand einzelner Tage, sondern immer erst im nachhinein anhand eines Durchschnitts von 3-4 Tagen. Andernfalls werden irrelevante und zufällige Korrelationen überbewertet.

1.3.3. Nebenwirkungen

  • leichte Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Kopfschmerzen o.ä.) vergehen in der Regel innerhalb weniger Wochen
  • schwerere Nebenwirkungen (Aggressivität, Bluthochdruck oder anderes) unverzüglich mit Arzt besprechen.
  • Rebound
    Der Rebound ist eine kurzzeitige Erhöhung der Symptome unmittelbar nach dem Ende der Wirkzeit von Stimulanzien. Er ist unangenehm, aber ungefährlich und stellt keinen Hinweis auf Probleme mit dem Medikament dar. Er tritt nach unserem Eindruck vor allem bei unretardiertem und halbtagsretardiertem MPH auf. Der Rebound dauert ca. eine halbe Stunde. Er kann durch rechtzeitige Einnahme der Folgedosis vermieden werden.
    Ganztagesretardpräparate zeigen einen geringeren Rebound.
    Elvanse hat keinen Rebound.

1.3.4. Präparate- und Wirkstoffwechsel

Zeigt eine Medikamentengabe keine Wirkung (Nonresponding) sollte insbesondere bei MPH zunächst auf ein anderes MPH-Präparat gewechselt werden. Erstaunlich häufig reagieren Betroffene auf ein MPH-Präparat negativ und auf ein anderes MPH-Präparat positiv, während es anderen genau andersherum ergehen kann.

Zeigt ein Wirkstoff insgesamt (unabhängig vom Präparat) keine Wirkung (Nonresponding), sollte zunächst ein anderer Wirkstoff versucht werden.
30 % aller Betroffenen reagieren auf MPH nicht, ebenso reagieren 30 % auf AMP nicht (Nonresponder). Dieses Nonresponding ist jedoch versetzt und betrifft nur selten beide Wirkstoffe zugleich, so dass 90 % der Betroffenen entweder auf MPH oder auf AMP reagieren.

1.3.5. Dosierungsanpassungen

  • Das Empfinden, dass eine sehr gute Wirkung nach der ersten Einstellung nach einigen Tagen bis Wochen nachlässt, ist oft nicht auf eine veränderte Wirkung sondern auf ein verändertes Empfunden der betroffenen zurückzuführen. In der so genannten Honeymoonphase unmittelbar nach Erreichen einer wirksamen Dosis wird der Unterschied zum defizitären Zustand davor als besonders positives Erlebnis wahrgenommen. Ein solches Gefühl einer besonderen Verbesserung ist naturgemäß vergänglich, wie das Hochgefühl eines Fußballfans nach gewonnener Meisterschaft sich binnen Tagen normalisiert, obwohl die ganze Saison mitgezittert wurde. Hier ist genau zu prüfen, ob wirklich ein höherer Dosierungsbedarf besteht. Dabei können Fremdbeurteilungen hilfreich sein.
  • Es kann passieren, dass nach einigen Monaten einmalig eine Nachjustierung erforderlich ist. Dies stellt keinen Gewöhnungseffekt dar.
  • Einmal im Jahr sollte ein Auslassversuch erfolgen, um zu überprüfen, ob das Verhalten ohne Medikamente weiterhin AD(H)S-Symptome aufweist.
  • AD(H)S-Betroffene zeigen 75 % der möglichen AD(H)S-Symptome häufig, Nichtbetroffene 12 bis 25 %. Ziel der optimalen Dosierung ist daher nicht eine völlige Symptomfreiheit, sondern eine Reduzierung der Symptome auf ein gesundes Maß. Ein Versuch, so lange höher zu dosieren, bis sämtliche Symptome komplett zu beseitigt wären, würde zwangsläufig mit einer Überdosierung enden.

1.3.6. Allgemeine Hinweise

  • Zur Eindosierung sollte ca. in der ersten Woche unretardiertes MPH verwendet werden. Die kürzere Wirkdauer und die linearere Dosis-Wirkungskorrelation (ohne ein zweites Hoch bei Wirkungsbeginn der retardierten Teilmenge) erleichtert die Findung der passenden Dosis insbesondere für ungeübte Beobachter (Betroffene wie Dritte).
  • Bei retardiertem Medikinet muss beachtet werden, dass dies zusammen mit Nahrung aufgenommen werden muss, da andernfalls die gesamte Dosis unretardiert abgegeben wird. Andere Medikamente sind auf Erfordernis der zeitgleichen Nahrungseinnahme hin zu überprüfen. Bei allen langwirkenden AD(HS-Medikamente empfiehlt sich eine Einnahme zusammen mit einer Nahrungsaufnahme.
  • Koffein (Kaffee, Cola) und Thein (Schwarztee) sowie schwarze Schokolade / Kakao (Theobromin) während der Eindosierung weglassen, und später sehr vorsichtig probieren. Viele Betroffene vertragen bei Stimulanzieneinnahme kein Koffein oder sonstige Stimulanzien mehr, die vorher problemlos oder sogar in größeren Mengen konsumiert wurden.
    Koffein / Teein / Theobromin sind Stimulanzien. Sie können sich mit AD(H)S-Medikamenten addieren. Dies kann schnell mit einer Überdosierung (innere Hibbeligkeit, innere Unruhe, Zitterigkeit) verwechselt werden.
  • Zitrusfrüchte während der Eindosierung vermeiden. Manche Betroffene reagieren auf Zitrusfrüchte mit variierender Medikamentenwirkung.
  • Information entfernterer Dritter oder der Bezugspersonen während der Eindosierung
    • Um einen Bias bei der Beurteilung der Wirkung durch Lehrer oder andere Bezugspersonen zu vermeiden, kann es vorteilhaft sein, diese zunächst nicht über die Einnahme zu informieren. Berichten diese dann innerhalb der ersten Wochen eine signifikante Veränderung des Verhaltens, ist diese unvoreingenommene Beobachtung belastbarer.
    • Kennen die Beobachter die Medikamentierung, wird der Bericht stets auch die Meinung des Beobachtenden über die (vermeintliche) Wirkung dieser Medikamente wiedergeben. Berichte unauffällig einholen.
    • Berichte machen nur Sinn, wenn die Wirkdauer der Medikamentierung lang genug ist. Eine unretardierte Tablette morgens kann keine Veränderungen zeitigen, die über die 2,5 bis 3 Stunden Wirkzeit hinaus gehen.
  • Einnahme an Nachmittagen, Wochenenden und in den Ferien
    • Da AD(H)S keine rein schulische Problematik ist, auch wenn sie dort aufgrund der extrinsischen Anforderungen und dem durch Mangel an neurotrophen Stoffen bestehenden Lernproblemen  besonders deutlich zutage tritt, ist eine durchgehende Medikamentierung dringend zu empfehlen. Ob lediglich während der Schulzeit vormittags zu medikamentiert werden soll, hängt davon ab, ob die Betroffenen mit dieser Medikamentierung noch in der Lage sind, ihre Hausaufgaben konzentriert und ihre sozialen Kontakte ohne emotionale Dysregulation bis zum frühen Abend hin ohne Symptomatik zu bewältigen.
    • Ein Absetzen der Medikamente an den Wochenenden oder in den Ferien sollte vermieden werden. Zum einen halten sich die Symptome nicht sehr diszipliniert an Schulzeiten und zum anderen kann eine längere Einnahmepause erfordern, dass wieder langsam eindosiert wird, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
    • Denkbar ist es allerdings, die Dosierung in Zeiten geringerer Anforderungen etwas zu verringern (auf 2/3 oder 3/4). Hier kommt es sehr auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen an. Alle Dosierungsänderungen müssen mit dem Arzt abgestimmt werden. Ein erfahrener Arzt wird einem vertrauenswürdigen Patienten allerdings einen erheblichen Handlungsspielraum einräumen.
  • Mischen von Stimulanzien
    • Stimulanzien können gemischt werden. Insbesondere können retardierte und unretardierte Medikamente gemischt werden. Auch eine Mischung von AMP und MPH ist problemlos.
      In der Regel wird tagsüber ein retardierte Medikamentenform genommen werden, die optimalerweise den ganzen Tag abdeckt. Verantwortungsvolle und vertrauenswürdige Patienten können vereinzelte besondere Belastungen, z.B. einen besonders langen Abend, mittels unretardiertem MPH ergänzend abdecken.
      Die Weisungen des behandelnden Arztes sind maßgeblich!
  • Menstruationszyklus kann Medikamentenwirkung stark beeinflussen.
    • Bei Schwankungen der Medikamentenwirkung bei Frauen sollte der bei bestimmten COMT-Genvarianten mögliche erhebliche Einfluss von Östrogen beachtet werden. Eine Eindosierungshilfetabelle, die dabei unterstützt, die Menstruation und ihre Auswirkungen abzubilden, findet sich unter ADHS-Forum.ADxS.org

1.4. Absetzen von Stimulanzien

Stimulanzien können aus medizinischer Sicht recht problemlos von einem Tag auf den anderen abgesetzt werden. Bis auf das Wiederauftreten der Symptome und das erneute Auftreten von Nebenwirkungen bei erneuter Eindosierung nach längerer Medikamentierungspause sind uns keine typischen Nachteile, insbesondere keine Entzugserscheinungen, bekannt.
Gleichwohl ist stets Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu halten.

2. Eindosierung von Pegelmedikamenten

Mit Pegelmedikamenten meinen wir Medikamente, die erst über eine längere Zeit eingenommen werden müssen, bevor sie eine Wirkung zeigen. Klassische Vertreter sind Serotoninwiederaufnahmehemmer (z.B. SSRI, selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer). Diese entfalten ihre Wirkung erst nach 14 Tagen bis 4 Wochen. Sie wirken nicht unmittelbar durch die Änderung des Serotoninspiegels, denn diese tritt sehr schnell ein, sondern vermutlich durch die Down- oder Upregulation von Rezeptorsystemen, die dann die eigentlichen Wirkungen vermitteln.

2.1. Serotoninwiederaufnahmehemmer

Die Einnahme von Serotoninwiederaufnahmehemmern ist immer individuell mit dem Arzt abzustimmen. Serotoninwiederaufnahmehemmer sind zur Behandlung von (komorbiden) Depressionen geeignet.
Bezüglich AD(H)S könnte eine Behandlung allenfalls von Impulsivität bei ADHS durch minimale Dosen sinnvoll sein (z.B. 2 bis 5 mg Escitalopram), die nach unserer Erfahrung unmittelbar zu wirken scheint und offenbar nicht über Rezeptor-Down- oder Upregulationen vermittelt wird.
Im übrigen sind serotonerge Medikamente in Bezug auf AD(H)S selbst und insbesondere bei ADS nicht sinnvoll.

2.2. Noradrenalinwiederaufnahmehemmer

Noradrenalinwiederaufnahmehemmer können bei AD(H)S positiv wirken. Zu beachten ist allerdings, dass noradrenerge Medikamente bei AD(H)S häufig nur in den ersten Tagen eine positive Wirkung zeigen, die dann innerhalb von ein oder zwei Wochen abklingt. Hintergrund könnte sein, das bei AD(H)S der phasische Noradrenalinspiegel, nicht jedoch der tonische beeinträchtigt ist. Denkbar wäre allerdings auch, dass das häufig beobachtete Abklingen der Wirkung noradrenerger Medikamente auf eine Down- oder Upregulation von Rezeptoren zurückgeht. Dagegen spricht allerdings, dass eine solche Down- oder Upregulation in der Regel 14 Tage oder länger benötigt und nicht bereits nach wenigen Tagen spürbar wird.
Rein theoretisch wäre denkbar, dass eine Medikamentierung in einem Mehrtagesrhythmus die Vorteile langfristiger zeigen könnte (Einnahme alles 2, 3 oder 4 Tage anstatt täglich).
Anders als Noradrenalinwiederaufnahmehemmer scheint Guanfacin als selektiver postsynaptischer α-2A-Adrenorezeptor-Agonist das phasische und nicht das tonische Noradrenalin zu erhöhen.

2.3. Pegelmedikamente sehr langsam ausschleichen

Pegelmedikamente müssen langsam eindosiert und langsam ausgeschlichen werden.
Bei Serotoninwiederaufnahmehemmern kann dies bis über ein halbes Jahr dauern, um Nebenwirkungen zu vermeiden.

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2020 um 23:34 Uhr


1.)
ähnlich argumentierend, aber schneller eindosierend: Dreher (2019): ADHS im Erwachsenenalter. Anleitung zur Diagnostik und erste Therapieschritte, Seite 31. Download 06.01.2020 - (Position im Text: 1, 2)