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Wirkstärke und Wirkdauer von ADHS-Medikamenten

Wirkstärke und Wirkdauer von ADHS-Medikamenten

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Lediglich theoretisch ist die Arzneimittelkonzentration proportional zur verabreichten Arzneimitteldosis. In der allgemeinen pharmakologischen Praxis zeigen sich hohe interindividuelle Unterschiede um den Faktor 8 bis 30.1
Für die Findung der individuell passenden Dosis eines Medikaments sind Daten aus Zulassungsstudien wenig hilfreich. In diesen wird nur der Dosis-Effekt-Zusammenhang untersucht, nicht aber die Medikamentenkonzentration. In Fachinformationen, Beipackzetteln und Lehrbüchern angegebene Dosierungen für ein Medikament beziehen sich auf den Durchschnitt der gesamten Population der Betroffenen. Diese Angabe ist als Anhaltspunkt durchaus hilfreich, darf jedoch für den individuellen Betroffenen nicht als Maß der Dinge betrachtet werden, die sich in vielfältiger Weise unterscheiden:1

  • Geschlecht
  • Größe
  • Gewicht
  • Alter
  • Compliance
  • Leber­ und Nierenerkrankungen
  • Komorbiditäten
  • Wechselwirkungen
    • pharmakokinetische ((andere) Arzneimittel)
    • xenobiotische (Ernährung)
    • Drogen (Nikotin, Alkohol, Koffein, Rauschdrogen)
  • Genetik
    • Metabilisierungsgenvarianten

Pharmakologie umfasst die Bereiche der Pharmakodynamik (was macht ein Wirkstoff mit dem Körper) und der Pharmakokinetik (was macht der Körper mit dem Wirkstoff).
Die wichtigsten Prozesse der Pharmakokinetik sind:23

  • Aufnahme (Resorption)
  • Bioverfügbarkeit
  • Verteilung (Distribution)
  • Abbau (Metabolismus)
  • Ausscheidung (Exkretion)

Daneben ist weiter die Freisetzung (Liberation) des Arzneimittelwirkstoffs relevant.

In Bezug auf ADHS-Medikamente und ihre Anwendung und Wirkung gibt es nur wenige allgemeingültige Daten. Während die Herstellerangaben zur Wirkdauer von Methylphenidat einigermaßen realistisch und Abweichungen eher individueller Natur sind, wird die angegebene Wirkdauer von Elvanse nur von einer kleinen Gruppe von Betroffenen erreicht.
Bei ADHS müssen Medikamente jedoch ohnehin stets in besonderem Maße individuell ausgetestet und angepasst werden.
Dieser Beitrag widmet sich den Faktoren, die die Response und die Medikamentenwirkdauer einer Einzeldosis bei ADHS-Medikamenten individuell beeinflussen.

Blutspiegelwerte sind zwar ein wichtiger Faktor zur Messung einer Wirkstoffdosierung, können jedoch Faktoren wie u.a. die Blut-Hirn-Schranken-Gängigkeit oder die Rezeptoraktivität nicht messen, sodass auch dieser Wert kein objektives Kriterium für eine Medikamentenwirkung darstellen kann.

1. Wirkdauer von Wirkstoffen und Präparaten bei ADHS

1.1. Herstellerangaben der Wirkdauer

Die Angaben für in den USA erhältliche Medikamente stammen von Rodden.4 Die Angaben in der Tabelle geben Mittelwerte wieder, sofern nicht anders vermerkt.
Die tatsächliche Wirkdauer ist individuell verschieden und hängt stark vom Stoffwechsel des jeweils Betroffenen ab. Ca. 5 % der Betroffenen sind Superschnellverstoffwechsler. Bei diesen kann aufgrund erhöhter CES1-Aktivität die Wirkung von unretardiertem MPH auch nur 1 Stunde5 oder die eines Halbtagesretardpräparates anstatt 5 bis 6 Stunden auch nur 1,5 oder 2 Stunden andauern. Ebenso, wenn auch offenbar seltener, gibt es Betroffene, bei denen ein Präparat wesentlich länger wirkt.
Zum Metabolismus von Methylphenidat und Amphetaminmedikamenten siehe unten. Dort finden sich auch ausführlichere Angaben zur Pharmakokinetik, z.B. Geschwindigkeit der Wirkung und Verteilung der Wirkkurve.

Gerade bei Halbtagesretardpräparaten wird für eine Tagesabdeckung in aller Regel zur Mittagszeit eine zweite Medikamentendosis benötigt, die regelmäßig niedriger dosiert ist.
Eine nur halbtägige Behandlung ist nicht sinnvoll. ADHS ist keine Vormittagsstörung.

Methylphenidat-Präparate Wirkstoff typische Wirkdauer in Stunden (lt. Hersteller) retardiert Land
Ritalin, Methylphenidat HEXAL, Methylpheni TAD unretardiert, Medikinet unretardiert, Methylphenidat Generika Methylphenidat 2,5 - 3,5; 3 - 45; 3,06 Stunden (2,5 bis 3,875 / 1. Quartil bis 3. Quartil)6 unretardiert EU, USA
Methylin Liquid Methylphenidat 3 - 4 unretardiert USA
Ritalin SR Methylphenidat 5–8 Stunden Wirkzeit theoretisch, 3–5 Stunden Wirkzeit praktisch7, 84 kontinuierliche Freisetzung7 EU
Focalin Dexmethylphenidat 4 - 6 unretardiert CH, USA
Equasym Retard/XL Methylphenidat 6 - 88 / 8 9 Zwei-Phasen-Retardierung EU
Medikinet adult (Erwachsene), Medikinet retard (Kinder) (bioäquivalent)10 Methylphenidat 6 - 88; 4,65 Stunden (4,0 bis 5,0 / 1. Quartil bis 3. Quartil)11 Zwei-Phasen-Retardierung EU
Ritalin LA, Ritalin Adult (bioäquivalent) Methylphenidat 6 - 87 / 8 8; 4,6 Stunden (3,38 bis 6,0 / 1. Quartil bis 3. Quartil)12 EU; USA nur Ritalin LA
Methysym Methylphenidat bis zu 8 retardiert seit 01.06.2021 in D
Metadate CD Methylphenidat 8 - 10 retardiert USA
Daytrana Methylphenidat 10 (bei Tragezeit von 9 Stunden) Pflaster USA
Concerta, Methylphenidathydrochlorid-neuraxpharm (bioäquivalent), Methylphenidat AL Retard (bioäquivalent) Methylphenidat 8 - 128, 10 - 127, 1213; 10,2 Stunden (7,5 bis 11,5 / 1. Quartil bis 3. Quartil)14 retardiert D, CH, USA
Focalin XR Dexmethylphenidat 8 - 12 retardiert CH, USA
Methylphenidathydrochlorid Ratiopharm15 Methylphenidat 12 retardiert EU
Methylphenidathydrochlorid Hexal16 Methylphenidat 12 retardiert EU
Kinecteen Methylphenidat 12 retardiert EU
Aptensio XR Methylphenidat 12 retardiert USA
Cotempla XR-ODT Methylphenidat 12 - 13 retardiert USA
Quillichew ER Methylphenidat 12 - 13 retardiert USA
Quillivant XR Methylphenidat 12 - 13 retardiert USA
Jornay PM Methylphenidat 12 - 14 retardiert USA
Amphetamin-Präparate Wirkstoff Wirkdauer in Stunden (lt. Hersteller) retardiert Land
Dexedrin Dextroamphetamin 3 - 4 unretardiert USA
ProCentra Dextroamphetamin 3 - 6 unretardiert USA
Zenzedi Dextroamphetamin 3 - 6 unretardiert USA
Desoxyn Methamphetamin 4 - 6 unretardiert USA
Adderall Amphetamin-Mischsalze 4 - 6 unretardiert USA
Evekeo Amphetamin-Sulfat 4 - 6 unretardiert USA
Attentin Dextroamphetamin 5 - 6 unretardiert Deutschland, seit Ende 2011
Dexamin Dextroamphetamin 5 - 6 unretardiert Schweiz, als Magistralrezeptur
Dexedrine ER Dextroamphetamin 5 - 10 retardiert USA
Adderall XR Amphetamin-Mischsalze 10 - 12 retardiert USA
Adzenys ER Amphetamin 10 - 12 retardiert USA
Adzenys XR-ODT Amphetamin 10 - 12 retardiert USA
Elvanse, Vyvanse, Tyvanse, Generika Lisdexamfetamin 13 (Kinder); 14 (Erwachsene) (in der Praxis teils deutlich niedrigere Werte); bei 60 % der Betroffenen 7 Stunden und weniger (siehe unten) Prodrug EU, USA
Dyanavel XR Amphetamin 13 retardiert USA
Mydayis Amphetamin-Mischsalze 14 - 16 retardiert USA
Nichtstimulanzien Wirkstoff Wirkdauer in Stunden (lt. Hersteller) retardiert Land
Strattera, Agakalin Atomoxetin ganztägig / individuell 8 bis 21 Stunden17 unretardiert USA
Intuniv Guanfacin ganztägig; Spitzenkonzentration nach ca. 5 Stunden; Eliminationshalbwertszeit ca. 18 Stunden retardiert USA
Der Verlauf der Wirkkurven unterscheidet sich je nach Präparat erheblich.18

1.2. Erfahrungswerte der Wirkdauer

1.2.1. Erfahrungswerte der Wirkdauer einer Einzeldosis Lisdexamfetamin

Drei Onlineumfragen unter Betroffenen im deutschsprachigen adhs-forum.adxs.org (80 Teilnehmer, bis 2022), in einem englischsprachigen Subreddit zu Elvanse (466 Teilnehmer, bis 2022) sowie in der ADxS-Medikamentenwirkungsdauerumfrage (781 Teilnehmer für LDX, Stand 03.05.2026), wie lange eine Einzeldosis Lisdexamfetamin (LDX, z.B. Elvanse) bei ihnen wirke, ergaben zusammen:

Wirkdauer Einzeldosis LDX Teilnehmer (von 1327)
5 Stunden und weniger 31,5 %
6 bis 7 Stunden 25,8 %
8 bis 9 Stunden 19,1 %
10 bis 11 Stunden 12,7 %
12 Stunden und mehr 11,0 %

Die Verteilung in Richtung einer sehr viel kürzeren Wirkdauer als nach den Herstellerangaben von 10 bis 12 Stunden ist sehr deutlich. Bei rund jedem Dritten wirkt eine Einzeldosis nur bis zu 5 Stunden, bei mehr als der Hälfte 7 Stunden oder weniger. Weniger als ein Viertel der Betroffenen erreichen die vom Hersteller angegebene Wirkdauer von 10 bis 12 Stunden oder länger. Dies deckt sich zugleich mit den zahlreichen Berichten von Elvanse-Nutzern im Forum, die mehr als eine Einzeldosis am Tag benötigen. Einzelne Nutzer benötigen 3 Dosen (wobei die folgenden Dosen idR jeweils niedriger sind als die vorangehenden).

Es gibt Hinweise, dass die Wirkdauer von Lisdexamfetamin im Vergleich zu Dextroamphetamin lediglich um 1 bis 1,5 Stunden verzögert ist, nicht jedoch verlängert.1920 Dies stellt die Herstellerangaben von 12 bis 14 Stunden je Einzeldosis stark infrage und deckt sich mit den oben unter Erfahrungswerte der Wirkdauer einer Einzeldosis Lisdexamfetamin gesammelten Erfahrungen von Betroffenen.

Der Zeitraum bis zum maximalen dAMP-Spiegel nach LDX-Einnahme wurde ermittelt mit 2,1 Stunden21, 3 Stunden223,5 Stunden23, 4 Stunden24 , 4,23 Stunden25 bzw. 4,4 Stunden26.

Eine schlechtere Nierenfunktion verlangsamte nicht den LDX-Abbau, verlangsamte allerdings den dAMP-Abbau und verlängerte damit die Wirkung.27

Bei den Teilnehmern der ADxS-Medikamentenwirkungsdauerumfrage war die durchschnittliche Höhe der Einzeldosis bei den n = 391 Nutzern mit einer Dosiswirkdauer von bis zu 7 Stunden mit 43,6 mg geringfügig größer als die Einzeldosis der n = 390 Nutzer mit einer Wirkdauer von 8 Stunden und mehr mit 42,8 mg. Die Werte unterschieden sich bei Erwachsenen nach Alter kaum. Selbst bei Usern ab 60 Jahren betrug die Durchschnittsdosis 38,9 mg.
Die Dosishöhe unterschied sich auch nicht signifikant nach Gewicht (bis 50 kg 42,5 mg, 51 bis 70 kg 41,9 mg, 71 bis 90 kg 43,0 mg, über 90 kg 47,1 mg).

Interessanterweise fanden sich auch mehrere Betroffene, bei denen nicht nur Elvanse/Vyvanse, sondern auch Methylphenidat sehr viel kürzer wirkt. Da Elvanse/Vyvanse und MPH von unterschiedlichen Enzymen verstoffwechselt werden, deutet dies auf andere Mechanismen als überaktive Enzym-Genvarianten hin, wie sie in diesem Beitrag ebenfalls erläutert werden.

Die Wirkdauer von Lisdexamfetamin hängt von der Erythrozytentätigkeit ab. Mehr hierzu unter Erythrozytenfunktion bei Lisdexamfetamin. Die Wirkdauer von Dextroamfetamin, egal ob es aus Lisdexamfetamin stammt oder unmittelbar eingenommen wird, hängt vom pH-Wert des Körpers und möglicherweise (nahrangig) auch von der Aktivität der CYP2D6- und POR-Genvarianten des Betroffenen. Mehr hierzu unter Abbau von Amfetamin sowie unter CYP2D6 Metabolisierungsenzym

1.2.2. Erfahrungswerte der Wirkdauer einer Einzeldosis MPH unretardiert

Unter den Teilnehmern der ADxS-Medikamentenwirkungsdauerumfrage (Stand 19.12.23) lag die Wirkdauer einer Einzeldosis unretardierten MPHs bei Einzeldosen von bis zu 12,5 mg (Schnitt: 9 mg) im Schnitt bei 2,95 Stunden (n = 20), bei Einzeldosen von 15 bis 20 mg (Schnitt: 18,75 mg) bei 3,43 Stunden (n = 8). Der Gesamtschnitt lag bei 3,18 Stunden und 14,8 mg.

1.2.3. Erfahrungswerte der Wirkdauer einer Einzeldosis MPH Halbtagesretard

Unter den Teilnehmern der ADxS-Medikamentenwirkungsdauerumfrage lag die Wirkdauer einer Einzeldosis halbtagesretardierten MPHs (Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin adult, Ritalin LA) bei 4,61 Stunden (n = 163). Die Einzeldosis lag im Schnitt bei 21,7 mg.

Wirkdauer Einzeldosis MPH Halbtagesretard Teilnehmer (von 163)
bis 1 Stunde 0,6 %
> 1 bis 2 Stunden 5,5 %
> 2 bis 3 Stunden 7,4 %
> 3 bis 4 Stunden 23,9 %
> 4 bis 5 Stunden 43,6 %
6 bis 7 Stunden 14,1 %
8 Stunden und mehr 4,9 %

Damit berichten 67,7 % der Betroffenen eine Wirkdauer einer Einzeldosis von 3 bis 5 Stunden, 81,8 % eine Wirkdauer von 3 bis 7 Stunden. Die Ergebnisse sind damit deutlich konstanter und näher an den Herstellerangaben als bei Elvanse.
Medikinet retard und Medikinet adult (die bioidentisch sind) hatten einen Wirkdauerschnitt von 4,58 Stunden (n = 132) bei im Schnitt 20,64 mg, Ritalin adult und Ritalin LA (die ebenfalls bioidentisch sind) einen Wirkdauerschnitt von 4,74 Stunden (n = 31) bei im Schnitt 26,3 mg.

Im Folgenden erläutern wir die Einflussfaktoren, die die Dauer der Medikamentenwirkung (insbesondere bei ADHS-Medikamenten) individuell beeinflussen können.

2. Einzeldosishöhe

Manche Betroffene berichten, dass bei ihnen höhere Einzeldosen von Amphetamin (insbesondere Lisdexamfetamin) länger wirken.
Die pharmakologischen Tests verschiedener Lisdexamfetamin-Dosen zeigen indes, dass die Tmax ungefähr gleich ist.23 Test mit Dosen oberhalb der Medikamentendosierung zeigten, dass die Lysinabspaltung nicht durch höhere Dosen gesättigt oder verlangsamt abläuft.28

Die Wirkdauer von Methylphenidat-Präparaten ist dosisunabhängig.29

3. Magen-Passage-Geschwindigkeit

Neben der Dünndarm-Passage-Geschwindigkeit spielt die Magenfunktion eine Rolle. Magenmotilität und Entleerungsrate beeinflussen, wie schnell eine Substanz den Dünndarm erreicht. So ist bei Paracetamol die Magenentleerung der geschwindigkeitsbestimmende Schritt für das Erscheinen der Substanz im Blutplasma. Eine verzögerte oder auch beschleunigte Magenentleerung kann somit die Kinetik oral aufgenommener Medikamente grundlegend beeinflussen, sodass z. B. die notwendigen Wirkspiegel nicht oder nur verzögert erreicht werden.30

Im Alter nehmen die Dünndarmoberfläche und die Geschwindigkeit der Magenentleerung ab. Zugleich steigt der Magen-pH-Werts an. Gleichwohl haben diese Veränderungen meist keine Auswirkung auf die Arzneimittelabsorption.3132

Anticholinergika können die Bewegung von Arzneimitteln durch den Magen in den Dünndarm verlangsamen.3132

Eine Magenverkleinerung bzw. ein Magenbypass erhöhte den Dexamphetaminspiegel bei Lisdexamfetamineinnahme. Tmax war tendenziell verringert. Bei Ritalinsäure (aus MPH) und Atomoxetin fanden sich keine Veränderung der AUC0-24, Atomoxetin zeigte eine höhere Cmax und eine kürzere Tmax. Die Probandenzahl war sehr klein.33

4. Dünndarm

4.1. Dünndarm-Länge

Bei Kindern ist der Dünndarm verkürzt, sodass eine verringerte Aufnahme durch den Dünndarm erfolgt.3435

4.2. Dünndarm-Passage-Geschwindigkeit

“Bei Arzneimitteln, die eingenommen werden, stellt die Passagezeit durch Magen und Dünndarm eine natürliche Obergrenze für die Wirkstofffreisetzung dar: Wenn die Tablette den Dünndarm verlassen hat, kann nichts mehr aufgenommen werden, die Freisetzung ist dadurch auf einen Zeitraum von etwa 8-10 Stunden begrenzt.”36

Individuell kann sich diese Zeit unterscheiden, wie sich die Geschwindigkeit der Darmpassage unterscheidet. Dies dürfte der Grund sein, warum es vereinzelt Superschnellverstoffwechsler sind, die von einer Wirkdauer von Medikinet von 1 bis 2 Stunden und von Elvanse von 3 Stunden berichten. Diese berichten ebenso, dass sie sehr viel häufiger am Tag etwas essen müssen als andere.
Für eine (nicht nur im Durchschnitt) längere Wirkzeit als die Darmpassage bedarf es daher Mechanismen, die über die Aufnahme aus dem Dünndarm hinausgehen.

5. Säurehaushalt

pH ist die Abkürzung für potentia hydrogenii und ist ein logarithmisches Maß für die Protonen-Konzentration (H+ bzw. H3O+) in einer wässrigen Lösung. Je mehr Protonen in einer Lösung vorhanden sind, desto geringer ist der pH-Wert.
Der pH-Wert hat eine Spanne von 0 bis 14 und gibt wieder, wie alkalisch etwas ist. 7 ist neutral. Je höher der pH-Wert (über 7), desto basischer, je niedriger (unter 7) desto saurer.
Der übliche pH-Wert beträgt:

  • im Magen37
    • nüchtern pH 1,5 (1–2)
    • bei Nahrungsaufnahme ansteigend
      • je nach Art und Menge auf bis zu pH 5–6
      • danach Rückgang auf Ausgangswert
    • Frühgeborene haben weniger saure Mägen (pH > 4) und sind anfällig für Darminfektionen
    • Ältere Menschen haben eine niedrigere Magensäure (pH 6,6 bei 80 % der Studienteilnehmer) und sind anfällig für bakterielle Infektionen im Magen und Darm
    • Magensäure (Salzsäure) wird in Parietalzellen mittels der Protonenpumpe hergestellt
      • Deshalb verringern Protonenpumpenhemmer die Magensäure (Omeprazol, Lansoprazol, Rabeprazol, Esomeprazol, Pantoprazol)
    • Überschüssige Säuren werden durch Puffersys­teme abgefangen und über die Atmung und die Nieren aus­ge­schieden
  • im Urin38
    • 6,0 Durchschnittswert
    • 6,6 und mehr bei 10 % der Menschen
    • 7,2 und mehr bei 1 %

Der pH-Wert kann - in Abhängigkeit von der Dauer der Säureaussetzung - beeinflussen:37

  • Löslichkeit von Wirkstoffen
  • Stabilität von Wirkstoffen

Nahrungsmittel beeinflussen den Körper-pH-Wert.39
Lebensmittel mit hohem Anteil an tierischem Eiweiß (Fleisch, Fisch, Käse, Eier) bilden als Stoffwechselendprodukte Säuren.
Pflanzliche Nahrungsmittel (Obst, Gemüse, Blattsalate, Vollkornprodukte) bilden vorwiegend Basen.

5.1. Säurehaushalt und Amphetaminmedikamente

Amphetaminmedikamente:
Die Menge des unverändert ausgeschiedenen und damit des verbleibenden pharmakologisch wirksamen Dextroamphetamins hängt vom pH-Wert des Urins ab.40414243

  • verkürzte Wirkungsdauer durch hohen Urin-Säuregehalt (niedriger pH-Wert), z.B. durch (ausführliche Liste siehe unten)
    • Ascorbinsäure (Vitamin C)43
      • in angemessener Dosierung eingenommene Ascorbinsäure (Vitamin C) ließ den pH-Wert nahezu unverändert (+ 0,03)44
      • Vitamin C (Ascorbinsäure) wird schnell metabolisiert wird und der PRAL-Wert (potenzielle renale Säurelast) liegt nahe null (= neutral). Hochdosiertes Vitamin C kann jedoch den Urin kurzfristig ansäuern, weil überschüssige Ascorbinsäure renal ausgeschieden wird und im Urin den pH senken kann. Das betrifft hohe Dosen als Nahrungsergänzung, kaum den normalen Verzehr über die Nahrung.
    • Thiaziddiuretika
    • Tier-Eiweiß-reiche Ernährung
    • Diabetes
    • respiratorische Azidose
  • verlängerte Wirkungsdauer durch niedrigen (alkalisierten) Urin-Säuregehalt (hoher pH-Wert)20, z.B. durch (ausführliche Liste siehe unten)
    • Kaliumcitrat
    • Natriumhydrogencarbonat = Natriumbicarbonat
    • Mineralwasser mit Bicarbonat45
    • Ernährung mit einem hohen Anteil an Obst, Gemüse, Vollkorn
    • Harnwegsinfektionen
    • Erbrechen
    • Ernährungsumstellung z. B. von fleischhaltiger auf vegetarische Kost46
    • massive Einnahme von Mitteln zur Neutralisierung der Magensäure46

Ein Urin-pH-Wert von 5,0 (sauer) kann die pharmakologisch wirksame d-AMP-Menge auf ein Viertel des Wertes bei einem Urin-pH-Wert von 8,0 (basisch) reduzieren.47 AUC von Amphetamin nach 11 mg bei Urin-pH-Wert:

  • pH 5,0: 361 µg·h/L
  • pH 6,5: 692 µg·h/L
  • pH 8,0: 1325 µg·h/L

Der höchste verfügbare Wert der pharmakologischen d-AMP-Menge (Cmax) korreliert ebenfalls, jedoch in deutlich geringerem Maße, mit dem Urin-pH-Wert, sodass ein saurer Urin zwar auch mit einer etwas schwächeren, vor allem aber mit einer deutlich kürzeren Wirkung korreliert.40
Während bei pH = 5,0 (saurem Urin) 54,5 % des oral aufgenommenen Amphetamins unverändert ausgeschieden wurden, lag dieser Wert bei pH = 8 (alkalischem Urin) bei 2,9 %. Bei unkontrolliertem pH-Wert wurden 14,5 % ausgeschieden.4047

Ein Betroffener, bei dem Lisdexamfetamin zu kurz wirkte (Einzeldosis 50 mg wirkte 4 Stunden), berichtete, dass ein morgendlicher Konsum von 1,5 Litern Sprudel mit 1.800 mg nhc/L die Wirkung so verstärkte, dass er nun nur noch 30 mg LDX benötigte, die dann gleich stark und gleich lang wirkten wie zuvor 50 mg.

5.2. Säurehaushalt und Methylphenidat

In einer Laborstudie (= in vitro) wurden bis zu 60 % des Methylphenidats spontan zu (pharmakologisch inaktiver) Ritalinsäure hydrolysiert, wobei diese Hydrolyse pH-abhängig war.48
In Bakterienkulturen, in denen MPH nicht metabolisiert wurde, lag der pH-Wert nach 24 Stunden zwischen 4,0 und 5,5, bei hoher MPH-Hydrolyse lag der pH-Wert zwischen 7,5 und 8,0. E. coli BW25113-Kulturen mit einem durchschnittlichen pH-Wert von 7,8 hydrolisierten 70 % des MPH; E. coli DSM1058 und E. coli DSM12250 mit einem durchschnittlichen pH-Wert von 7,6 hydrolisierten 50 % des MPH. Die Korrelation zwischen MPH-hydrolysierenden Bakterienkulturen und dem pH-Wert der Bakterienkulturen nach 24 Stunden war sehr hoch (r = 0,89, r2 = 0,79, p-Wert = 0,0006). In reiner Nährflüssigkeit wurden bei einem pH von 6,0 weniger als 20 % des MPH zu Ritalinsäure hydrolisiert, bei einem pH von 8,0 80 %. Bakterien trugen nicht zur Metabolisierung von MPH bei.48
Bei Erwachsenen erreichen nur 22 % (+/- 8 %) von dMPH und 5 % (+/- 3 %) den systemischen Kreislauf, bei Kindern sind es 31 % (+/- 16 %).49 Schematisch wird 20 % des MPH in der Leber oxidiert.50 80 % des aufgenommenen MPH wird binnen 48 Stunden mit dem Urin ausgeschieden (davon wiederum 80 % als Ritalinsäure und 1 % unmetabolisiert), 3 % mit dem Kot. 49

MPH Hydrolyse in vitro in Abhängigkeit vom pH-WertQuelle: Aresti-Sanz J, Schwalbe M, Pereira RR, Permentier H, El Aidy S (2021): Stability of Methylphenidate under Various pH Conditions in the Presence or Absence of Gut Microbiota. Pharmaceuticals (Basel). 2021 Jul 27;14(8):733. doi: 10.3390/ph14080733. PMID: 34451830; PMCID: PMC8398889 (unverändert)48 Veröffentlicht unter den Bedingungen der Creative Commons Attribution (CC BY).

Nach diesen Laborergebnissen für MPH müsste ein hoher pH-Wert mit einer verringerten MPH-Wirkung einhergehen. Dies stünde im diametralen Gegensatz zu der bei niedrigem Urin-pH-Wert auch empirisch (= in vivo) bestätigten verkürzten Amphetaminwirkung. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Studienergebnisse für MPH empirisch bewahrheiten. Da MPH wie Amphetamin leicht basisch ist, stehen die Ergebnisse zu MPH zudem im Widerspruch zu den allgemeinen pharmakologischen Erfahrungen. Weiter ließe sich damit die rein empirisch beobachtete gleichzeitige Verkürzung der Wirkdauer von Amphetaminmedikamenten und MPH-Präparaten bei manchen Betroffenen nicht erklären, für die bisher kein nachvollziehbarer Mechanismus gefunden wurde.

Medikinet retard, Medikinet adult:
Bei einem Magen-pH-Wert über 5,5 kann es bei Medikinet retard und Medikinet adult zu Dose-Dumping-Phänomenen kommen: Der Wirkstoff wird zu schnell freigesetzt und entfaltet dadurch erhöhte Wirkungen und Nebenwirkungen. Dies kann verursacht werden u.a. durch

  • Protonenpumpenhemmer (z.B. Pantoprazol, Omeprazol)
    • zweifelhaft für Omeprazol, das nach anderer Quelle den pH-Wert kaum beeinflusst (+ 0,10)44
    • widersprüchlich: Protonenpumpenhemmer im Allgemeinen verringerten den pH-Wert sehr stark (- 1,5; n = 10)51
  • Antazida
  • H2-Antagonisten (z.B. Ranitidin, Famotidin) (weniger wahrscheinlich)
  • altersbedingte Erhöhung
  • atrophische Gastritis

Ein Betroffener berichtete von einer kaum gegebenen Wirkung von Medikinet von 20 bis 60 mg. Der zusätzliche Verzehr von trockenen Reiswaffeln führte zu einer zeitweiligen Wirkung, die nicht vorhersehbar war. Die zusätzliche Einnahme von Antazida (Magensäurehemmer) ergab eine zuverlässige Wirkung von MPH.

Ritalin adult:
Ritalin adult setzt MPH dagegen pH-unabhängig frei. Die Fachinformation nennt hier eine Resorptionsverminderung als wahrscheinliche Interaktion mit Antazida.52

5.3. Säurehaushalt und Memantin

Memantin:

  • Verlängerte Wirkung durch alkalisierten Urin
    • Bei alkalischem Urin (hoher pH-Wert) kann die renale Eliminationsrate von Memantin um den Faktor 7 bis 9 reduziert sein.46

5.4. Faktoren, die Basen erhöhen (pH-Wert erhöhen)

Angaben in der folgenden Liste, die keine eigene Quellenangabe besitzen, stammen aus 53. Die dort dafür als Quelle genannte Webseite ist nicht mehr aufrufbar. Die Angaben erwiesen sich in mehreren Fällen als falsch und sollten daher jeweils einzeln überprüft werden.

Faktoren, die einen alkalischen Urin (hoher pH-Wert) begünstigen, sind:

  • Umweltfaktoren:

    • Tageszeitliche Schwankungen
      • dabei gebe es verschiedene Profile:38
        • „normale” pH-Kurve mit drei Spitzen zu den morgendlichen und nachmahlzeitlichen (postprandialen) Schwankungen, bei niedrigem nächtlichen pH-Wert
          • Mahlzeiten bewirken spontanen Basenanstieg (Urin-pH-Wert erreicht 1 bis 2 Stunden nach den Mahlzeiten mindestens 6,8)
        • anhaltend niedriger pH-Wert ohne echte Schwankungen
        • eine einzelne Nachmittagsspitze bei fast vollständigem Fehlen einer morgendlichen Schwankung
        • Umkehrung der „normalen” Kurve mit niedrigem Tagesniveau und hohem nächtlichen Plateau
    • Körperoberfläche (unklar, ob hohe oder niedrige)54
    • Cadmiumexposition
    • Heparin
    • Luftdruck verringert; hypobare Beatmung55
    • Quecksilberbelastung
    • weibliches Geschlecht5657
    • Alter: Magensäure verringert sich, Urinsäure erhöhte sich kontinuierlich (zumindest bei Menschen mit Nierensteinen) mit dem Alter5857
    • niedriges Einkommen5960 (sozioökonomischer Status?)
    • zu warme Lagerung des Urins nach Abnahme53
  • Krankheiten:

    • 21-Hydroxylase-Mangel
    • 3-Hydroxydehydrogenase-Mangel
    • Abstoßung eines Nierentransplantats
    • Akute poststreptokokkale Glomerulonephritis
    • Amyloidose
      * atrophische Gastritis (altersbedingte Gastritis)
    • Calziummangel38
    • Carboanhydrase-II-Mangel
    • Chronisch obstruktive Lungenerkrankung
    • Erbrechen
    • erworbene Nebenniereninsuffizienz
    • Familiärer Methyl-Oxidase-Mangel
    • Galaktosämie
    • Gicht
    • Glykogenspeicherkrankheit
    • Harnverdünnung38
    • Harnfluss erhöht38
    • Hereditäre Fruktoseintoleranz
    • Hyperventilation38
    • Hypoxie61
    • Laktosurie
    • Leichtketten-Multiples Myelom
    • Lowe-Syndrom
    • Lupusnephritis
    • Malabsorption
    • Medulläre zystische Erkrankung
    • Metabolische Alkalose
    • Metachromatische Leukodystrophie
    • Mineralokortikoidmangel, vorübergehender im Säuglingsalter
    • Morbus Wilson
    • Multiples Myelom
    • Nierentransplantation
    • Nierenvenenthrombose
    • obstruktive Nephropathie
    • Pseudohypoaldosteronismus
    • Renovaskuläre Hypertonie
    • Salzverlustnephritis
    • Sjögren-Syndrom
    • Tubulointerstitielle Erkrankung
    • Tyrosinämie
    • Vitamin-D-Mangel
    • Vitamin-D-Resistenz
  • Medikamente:

    • Acetazolamid: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 2,0 bei intravenöser Gabe (sehr stark); + 0,39 (schwach) bei oraler Gabe44
      • Langfristige Behandlung mit Acetazolamid wird mit erhöhtem Risiko für Urolithiasis in Verbindung gebracht62
    • ADV7103 (Citrat + Bikarbonat): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 1,27 (stark)44
    • Ambroxol63
    • Amilorid
    • Aminoglykoside
    • Ammoniumchlorid
    • Antibiotika64
    • Ascorbinsäure (Vitamin C): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,03 (neutral)44
    • Bikarbonate (= Hydrogencarbonate)
      • Bikarbonat-reiches Mineralwasser65
      • Bicarbonat-Loading (Soda-Loading, Natron-Loading): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 1,44 (sehr stark)44
        • Einnahme von Natriumbicarbonat (= Natriumhydrogencarbonat, Natron, doppeltkohlensaures Natron, Backnatron, Backsoda, Bullrich Salz)
        • 10 Minuten vor körperlicher Belastung
        • Dosis 0,2 bis 0,3 g/kg
          • ein Teelöffel Natron in einem Glas stilles Wasser aufgelöst
          • sollte nicht länger als 2 Wochen angewendet werden
        • Dauerhafte Einnahme kann als Gegenreaktion erhöhte Säureproduktion des Magens auslösen
        • Natron im Magen produziert CO2 - Risiko der Überdehnung der Magenwand
    • Citrat: 0,61 (moderat)4465
      • Zitrussäfte
      • Orangensaft: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,68 (moderat)44
    • Citro-Soda: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 1,56 (sehr stark)44
      • Bestandteile: Natriumbicarbonat 1,716 g, Natriumcitrat 0,613 g, Zitronensäure 0,702 g, Weinsäure 0,858 g
    • Cholestyramin
    • Converting-Enzym-Hemmer
    • Corticotropin
    • Cumarin
    • Diazoxid
    • Exenatid: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,51 intravenös (moderat)44 (Diabetes-Medikament)
    • Glycin: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,20 (neutral)44
    • Indomethacin: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 1,0 (stark)44
    • Kaliumcitrat44
      • Empfehlung der American Urological Association (AUA) zur Erhöhung des pH-Wert des Urins
      • Lebensmittelzusatzstoff E332
      • Nahrungsergänzungmittel, als Pulver oder in Kapselform frei erhältlich
        • vermeiden bei Hyperkaliämie - daher immer Arzt fragen, Bevölkerungsprävalenz Hyperkaliämie liegt bei 2 bis 3 %
    • Kaliumgluconat: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,46 (schwach)44
      • Kaliumsalz der Gluconsäure, Medikament gegen Kaliummangel
    • Kaliumhydrogencarbonat (Kaliumbikarbonat): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,89 (moderat)4466
    • Kalium-Natriumhydrogencarbonat (auch Kalium-Natriumhydrogencitrat)67
      • Medikament zur Erhöhung des Urin-pH-Werts
    • L-Tryptophan: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,20 (neutral)44
    • Magnesiumsalze ohne Chloride68
    • Metolazon
    • Monosodium Glutamat69
    • Natriumhydrogencarbonat (Natriumbicarbonat, Natron): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 1,19 oral; + 1,12 intravenös; stark44
    • Natrium-L-Ascorbat mit Natrium-Saccharin70
    • Niacin
    • Omeprazol (Protonenpumpenhemmer): Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,10 (neutral)44
    • Spironolacton
    • Streptozocin
    • Topiramat: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,45 (schwach)44
  • Nahrungsmittel

    • DASH-Diät: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,5 (moderat)44
      • Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, fettarmen Milchprodukten, Fisch, Geflügel, Nüssen und Samen
    • Gurken: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,17 (neutral)44
    • Kartoffeln: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,28 (schwach)44
    • Lime Juice: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,25 (neutral)44
      • unklar, ob Limettensirup aus Limettensaft, Wasser und Zucker oder reiner Limettensaft gemeint ist
    • Melonensaft: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,36 (Cantaloupe; schwach)44; höher als Orangensaft (moderat)71
    • Milch: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,36 (schwach)44
    • Obst + Gemüse reiche Diät: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,35 (schwach)44
    • Orangensaft: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,68 (moderat)44
    • Pommes frites: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,25 (neutral)44
    • vegetarische Ernährung
      • Lacto-Ovo-Vegetarische Diät: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,85 (moderat)44
      • gemischte westliche vegetarische Ernährung: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,56 (moderat)44
    • Vitamin C: Urin-pH-Wert-Erhöhung um + 0,03 (neutral)44
    • siehe unten (PRAL-Wert-Tabelle)

5.5. Faktoren, die Säure erhöhen (pH-Wert verringern)

Angaben in der folgenden Liste, die keine eigene Quellenangabe besitzen, stammen aus 53. Die dort dafür als Quelle genannte Webseite ist nicht mehr aufrufbar. Die Angaben erwiesen sich in mehreren Fällen als falsch und sollten daher jeweils einzeln überprüft werden.

Faktoren, die einen sauren Urin (niedriger pH-Wert) begünstigen, sind:

  • Umweltfaktoren:

    • Bettruhe
    • Aldosteron
    • Bleibelastung72
    • Cadmium73
    • Toluol
    • Vanadium
    • Alter: Magensäure verringert sich, Urinsäure erhöht sich kontinuierlich (zumindest bei Menschen mit Nierensteinen) mit dem Alter 5857
    • männliches Geschlecht56
    • hohes Einkommen5960 (sozioökonomischer Status?)
    • körperliche Belastung in heißer Umgebung
      • Arbeit als Reisfeldarbeiterin in Thailand74
      • Arbeit als Zuckerrohrernter in El Salvador75 oder Nicaragua76
      • Wüstenaufenthalt77
    • Schlafentzug: - 0,0 (neutral)44
  • Krankheiten:

    • Atemprobleme

      • Verlegung der Atemwege oder einer Verhinderung des Gasaustauschs in der Lunge, z.B. bei Lungenödem (Wasser in der Lunge)

      • Lungenentzündung (Pneumonie)

      • Verlust von funktionstüchtigem Lungengewebe, z.B. bei Tuberkulose

      • unzureichendem Atemantrieb, beispielsweise bei einer Schlafmittelvergiftung

      • Lähmung der Atemmuskulatur, z.B. bei Polio

      • Fehlfunktion der Atemreflexe

    • Nebennierenrindenhyperfunktion

    • Nebennierenrindenhypofunktion

    • Amyloidose

    • Autoimmunthyreoiditis

    • Balkan-Nephropathie

    • Chronisch aktive Hepatitis

    • Chronische Nierenerkrankung

    • Chronische Niereninsuffizienz

    • Chronische Pyelonephritis

    • Cystinose

    • Diabetes mellitus

    • Distale renale tubuläre Azidose

    • Gastrinom

      • Zollinger-Ellison-Syndrom, seltener Bauchspeicheldrysentumor
      • erhöht Magensäure
    • Fibrosierende Alveolitis

    • Harnwegsobstruktion (Blockade im Harnsystem, die Abfluss von Urin von Nieren zur Harnröhre verhindert)

    • Helicobacter pylori-Infektion

      • erhöht Magensäure
    • Hepatolentikuläre Degeneration

    • Hereditäre Fruktoseintoleranz

    • Hyperkalziurie, idiopathisch

    • Hypergammaglobulinämie

    • Hyperparathyreoidismus

      • erhöhte Magensäure bei 30 % der Betroffenen
    • Kryoglobulinämie

    • Morbus Fabry

    • Morbus Wilson

    • Marfan-Syndrom

    • Medulläre Schwammniere

    • Metabolische Azidose

    • Metabolisches Syndrom78

    • Nierentransplantatabstoßung

    • Nierenversagen

    • Polyarteritis nodosa

    • Primäre biliäre Zirrhose

    • Proximale renale tubuläre Azidose (Typ II)

    • Sichelzellenanämie

    • Sjögren-Syndrom

    • Spannungsabhängige distale renale tubuläre Azidose (Typ 1)

    • Vitamin-D-Intoxikation

  • Medikamente:

    • Acetaminophen = Paracetamol

    • Acetazolamid

    • Amilorid

    • Ammoniumchlorid (Salmiak): - 1,63 (sehr stark)4440

    • Amphotericin B

    • Acetylsalicylsäure (Aspirin)

      • hemmt Prostaglandine, die Magenschleimhaut vor Säure schützen
      • Protaglandinmangel führt zu Schleimhautentzündung, was die Belegzellen schädigt, die Magensäure produzieren (Gastritis)
    • Carbenoxolon

    • Cefdinir

    • Cimetidin

    • Citronensäure: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,06 (neutral)44

    • Dapagliflocin: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,10 (neutral)44 (Diabetes-Medikament)

    • Diclofenac

      • hemmt Prostaglandine, die Magenschleimhaut vor Säure schützen
      • Protaglandinmangel führt zu Schleimhautentzündung, was die Belegzellen schädigt, die Magensäure produzieren (Gastritis) * Diflunisal
    • Etodolac

    • Fenoprofen

    • Flurbiprofen

    • Furosemid: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,52 intravenös (statistisch nicht signifikant)44

    • Ibuprofen

      • hemmt Prostaglandine, die Magenschleimhaut vor Säure schützen
      • Protaglandinmangel führt zu Schleimhautentzündung, was die Belegzellen schädigt, die Magensäure produzieren (Gastritis)
    • Ifosfamid

    • Indomethacin

    • Ketoprofen

    • Lithium

    • Mafenid

    • Methionin: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,71 (moderat)44

      • essentielle Aminosäure
      • rezeptfrei
      • wirkt erst nach einigen Tagen
    • Monomagnesium-L-aspartate Hydrochlorid68

    • Mefenaminsäure

    • Naproxen

    • Niacinamid

    • Ofloxacin

    • Orthophosphat

    • Parathyroid Extrakt

    • Protonenpumpenhemmer: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 1,5 (sehr stark, n = 10)51

    • Ranitidin

    • Triamteren

  • Nahrungsmittel

    • Apfelessig: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,21 (sehr schwach)44
    • Cranberry: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,16 (neutral)44
    • Eiweiß: hohe Aufnahme von tierischem Eiweiß in der Ernährung79
    • Fasten: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 1,2 (sehr stark)44
    • Fructose: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,26 (sehr schwach)44
    • Natriumchlorid (Kochsalz): Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,47 (schwach)44
    • ketogene Diät: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,55 (moderat)44
    • Oxidantenarme Diät: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,10 (neutral)44
    • Proteinreiche Diät: Urin-pH-Wert-Verringerung um - 0,65 (moderat)44
    • siehe unten (PRAL-Wert-Tabelle)

5.6. Nahrungsmitteleinfluss auf Säure-Basen-Haushalt (PRAL-Wert)

Nahrungsmittel können den pH-Wert des Körpers deutlich beeinflussen. Dabei ist weniger ein saurer Geschmack entscheidend, sondern vielmehr der PRAL-Wert. Die Aufnahme von Lebensmitteln mit negativem PRAL-Wert korreliert mit einem alkalischen pH-Urin-Wert, eine säurebildende Ernährung korreliert mit alkalischen pH-Urin-Werten unter 6,0. Der Blut-pH-Wert bei gesunden Erwachsene liegt zwischen 7,35 und 7,45.
Der Urin-pH-Wert kann mit einfachen pH-Wert-Teststreifen aus der Drogerie oder dem Internet selbst gemessen werden. Fette und Kohlenhydrate beeinflussen den Säure-Basen-Haushalt normalerweise nicht.
Bei Proteinen ist zwischen pflanzlichen und tierischen Proteinen zu unterscheiden. Nach 7 Tagen vegetarischer Ernährung steigt der pH-Urin-Wert an und der PRAL-Wert sinkt, ebenso bei 2 oder 3 Tagen vegetarischer Ernährung pro Woche.80 Vegetarische Ernährung korreliert damit mit einer verlängerten Amphetaminmedikamentenwirkung.
Lebensmittel mit hohem Oxalatgehalt können die Säurebildung erhöhen.45
Eine Studie gibt als Berechnungsweg aus:81 PRAL (mEq/d) = 0.49 x Protein (g/d) + 0.037 x Phosphor (mg/d) - 0.021 x Kalium (mg/d) - 0.026 x Magnesium (mg/d) - 0.013 x Calcium (mg/d).

Mit anderen Worten: Lebensmittel mit einem stark negativen PRAL-Wert bewirken einen basischen Urin (weniger sauer, erhöhen den pH-Wert) und fördern damit eine verlängerte Wirkung von Amphetaminmedikamenten. Lebensmittel mit einem hohen PRAL-Wert bewirken einen sauren Urin (verringern den pH-Wert) und fördern damit eine verkürzte Wirkung von Amphetaminmedikamenten. Nach diesem Modell ist Hartkäse geeignet, die Wirkung von Amphetaminmedikamenten abzukürzen, Rosinen könnten sie verlängern.

Achtung: PRAL-Wert nicht mit Urin-pH-Wert-Erhöhung aus Darstellung oben verwechseln. Diese Werte sind gegenläufig.

Lebensmittel (ungesüßt, unbehandelt) PRAL-Wert je 100 g (negativer PRAL-Wert erhöht pH-Wert, macht Urin alkalischer. Positiver Wert verringert pH-Wert, macht Urin saurer)
Natriumbicarbonat, Natron macht stark basisch
Pfifferlinge, getrocknet -61,982
Kakaopulver, stark entölt -4982
Rübensirup/Zuckerrübenmelasse -31,682
Agar -25,582
Apfelpektin -21,482
Aprikosen, getrocknet -21,282
Rosinen -21,083
Bananenchips (Banane, getrocknet) -19,682
Tomatenmark -19,482
Trockenfeigen -18,1
Spinat -14,083
Trockenpflaumen -12,382
Petersilie -12,0
Kidneybohnen, getrocknet -1282
Spinat roh -11,845
Sojamehl -11,582
Johannisbrotkernmehl -11,582
Guarkernmehl -11,582
Kartoffelstärke -11,582
Bitterschokolade -11,5
Apfeldicksaft/Fruchtsirup -11,282
Trockenobst, gemischt -10,382
Datteln, getrocknet -10,182
Bohnen, weiß, getrocknet -9,982
Zwiebeln, getrocknet -9,782
Blattspinat -9,782
Apfelringe, getrocknet -9,682
Ananas, getrocknet -9,682
Kartoffeln -8,545 -4,081 gelagert -4,083
Avocado -8,582
Sojabrot -882
Grünkohl -8,045
Fenchel -7,9
Mangold -7,682
Rucola -7,5
Bohnen unklar: -7,445 oder 1,145
Maronen, vorgegart und vakuumiert -7,482
Basilikum -7,3
Pastinake -7,282
Rettich -7,182
Bananen -6,945
Grünkohl -6,882
Feldsalat -6,6
Schwarze Johannisbeere -6,583
Feldsalat -682
Rote Bete -5,982
Rosenkohl -5,782
Karotten, roh -5,745 jung -4,983
Kiwi -5,645 -4,183
Schnittlauch -5,3
Sellerie -5,045 -5,283
Aprikosen -4,883
Karottensaft -4,8
Zucchini -4,683
Kopfsalat -4,345 -2,583
Pilze -4,245 -1,483
Tomaten -4,145 -3,183
Radieschen -3,783
Orangensaft -3,745 -2,983
Orangen -3,645 -2,783
Brokkoli -3,645 -1,283
Früchtetee -3,545
Grapefruit -3,245 -1,083
Grüne Bohnen -3,183
Kirschen -3,145 3,683
Mango -3,045
Soya -2,945
Birnen -2,983
Tomatensaft -2,883
Haselnüsse -2,883
Ananas -2,783
Erdbeeren -2,545 -2,283
Gurken -2,445 -0,883
Pfirsiche -2,483
Zitronen -2,345 Zitronensaft -2,583
Rotwein -2,245 -2,48183
Spargel -2,245
Normale Spaghetti -2,245 6,583 8,081
Apfelsaft, ungesüßt -2,283
Chicoree -2,083
Wassermelone -2,045 -1,983
Zwiebeln -2,045 -1,583
Aubergine -2,045 -3,483
Äpfel -1,945 -2,283
Haselnüsse -1,945
Lauch -1,883
Apollinaris Mineralwasser -1,883
Eisbergsalat -1,683
Marmelade -1,583
Kaffee (Getränk) -1,483
Paprika, grün -1,483
Blumenkohl -1,345 -4,083
Milchschokolade -1,3
Weisswein -1,245 trocken, -1,283
Mineralwasser -0,845
Margarine -0,845 -0,583
Sojamilch -0,6
Trinkschokoladenmilch -0,645 -0,483
Spargel -0,483
Honig -0,383
Tofu -0,3
Indischer Tee (Getränk) -0,383
Grüner Tee -0,345
Fassbier -0,283
Sahne -0,245
Volvic Mineralwasser -0,183
Starkbier -0,183
Weisser Zucker -0,183
Olivenöl 04583
Sonnenblumenöl 04583
Butter 0,145 0,683
Milch (Vollmilch, Magermilch) 0,245 0,781 1,1 83 pasteurisierte H-Milch 0,783
Cola 0,245 0,483
Buttermilch 0,583
Milcheis 0,683
Vollbier, hell 0,983
Bohnen unklar: 1,145 oder -7,445
Erbsen 1,283
Sauerrahm, frisch 1,283
Fruchtjoghurt 1,283
Naturjoghurt 1,583
Reis, gekocht 1,683
Weizenvollkornbrot 1,883
Pistazien 2,045
Mandeln 2,045
Hühnereiweiß 2,145 1,183
Linsen 2,145 3,583
Reis, ungeschält 2,345
Milchschokolade 2,483
Kichererbsen 2,645
Biscuit 3,081
Roggenknäckebrot 3,383
Madeirakuchen 3,783
Weißbrot 3,78183
Weizenmischbrot 3,883
Roggenmischbrot 4,083
Roggenbrot 4,183
Reis, geschält, roh 4,581 4,683
Maistortilla 4,845
Griechischer Joghurt 5,345
Schweinewurst 5,845
Zwieback 5,9
Roggenvollkornmehl 5,983
Weißbrot 6,081
Cornflakes 6,083
Erdnüsse 6,245
Eiernudeln 6,483
Wiener Würstchen / Frankfurter Würstchen 6,783
Walnüsse 6,883
Schellfisch 6,883
Weizenmehl, Auszug 6,983
Hering 7,083
Weizentortilla 7,245
Vollkornspaghetti 7,383
Dinkel (Grünkern, Vollkorn) 7,5
Shrimps 7,6
Hüttenkäse 7,945 8,783
Fleisch 8,084
Fisch 8,084
Schafskäse 8,282
Erdnüsse, ungesalzen 8,383
Weizenmehl, Vollkorn 8,483
Rumpsteak 8,883
Hühnerei (Vollei) 9,045 8,283 4,081
Pinienkerne 8,882
Kasseler 8,882
Quinoa, roh 8,982
Kalbsfilet 9,083
Lachs 9,182
Rotbarsch 9,182
Schnitzel, Schwein 9,382
Blauschimmelkäse 9,382
Ente 9,582
Maismehl, Vollkorn 9,682
Truthahnfleisch 9,983
Roquefort 1082
Hering 10,182
Mittagsfleisch 10,283
Sonnenblumenkerne 10,382
Mozzarella 10,482
Pute 10,582
Räucherlachs 10,582
Leberwurst 10,683
Hefe 10,682
Haferflocken (Vollkorn) 10,783
Forelle, braun, gedünstet 10,883
Kalbsleber, roh 10,982
Shrimps 11,182
Gemüsebrühe, gekörnt (Pulver) 11,182
Quark 11,183
Salami 11,683
Kürbiskerne 11,382
Macadamianusskerne 11,582
Lammfleisch 1282
Einkornmehl 1282
Frischkäse 12,445
Brauner Reis 12,583
Rindfleisch 12,545 mager 7,883
Edamer 13,182
Garnelen 13,245
Corned beef 13,283
Bergkäse 13,382
Butterkäse 13,782
Nüsse 13,845
Löffelbiskuit 13,882
Lachs 14,045
Kalbsleber 14,2
Schweinefleisch 14,745 mager 7,983
Rinderleber 14,782
Camembert 15,084 14,683
Miesmuscheln 15,245
Krabben 15,5
Ölsardinen 15,945
Paranusskerne 1682
Hühnerfleisch 16,545, 11,8182, 8,783
Chiasamen 17,382
Hühnereigelb 18,145 23,483
Kabeljau 19,845 Filet 7,183
Gouda 20,045 18,683
Cheddar 20,081
Hanfsamen, geschält 21,3482
Emmentaler 21,5
Parmesan 21,445 34,283
Greyerzer 23,3282
Cheddar, fettarm 26,483
Backpulver (Natriumhydrogencarbonat + Säure + Trennmittel) 297,9982

6. Mechanische Wirkung von Nahrungsaufnahme

6.1. Nahrungsaufnahme als Voraussetzung für Retardwirkung bei Medikinet

Bei Medikinet adult und Medikinet retard ist eine vorhergehende oder gleichzeitige Nahrungsaufnahme Voraussetzung für die retardierte Wirkstofffreisetzung. Unterbleibt die Nahrungsaufnahme, wird das MPH doppelt so schnell freigesetzt. Die freigesetzte MPH-Dosis ist mithin in etwa verdoppelt und die Wirkdauer in etwa halbiert.

Andere Retardpräparate verwenden andere Mechanismen zur retardierten Wirkstofffreisetzung, die nicht auf eine gleichzeitige Nahrungsaufnahme angewiesen sind, wie z.B.

  • Ritalin adult
  • Ritalin LA
  • Methysym
  • Equasym Retard/XL
  • Methylphenidathydrochlorid-neuraxpharm
  • Kinecteen
  • Methylphenidathydrochlorid Ratiopharm
  • Methylphenidathydrochlorid Hexal

6.2. Nahrungsaufnahme beeinflusst Wirkdauer

Unabhängig von der Notwendigkeit für die retardierende Wirkung bei einigen MPH-Präparaten und unabhängig von der Beeinflussung des Urin-pH-Werts (in Bezug auf Amphetaminmedikamente) oder des Magen-pH-Werts (in Bezug auf MPH) beeinflussen bestimmte Formen der Nahrungsaufnahme die Wirkung und Wirkdauer von Stimulanzien auf eher mechanische Art und Weise.
Lisdexamfetamin (Elvanse) hat bei fettreichen Mahlzeiten einen um eine Stunde verzögerten maximalen Blutspiegel (4,7 Stunden anstatt 3,8 Stunden nach Einnahme).85 Andere Parameter, wie z.B. die Wirkungsdauer, ändern sich jedoch nicht.

Ein Betroffener berichtet:
“Ich nehme Medikinet adult durchgängig nun seit drei Monaten und habe auch lange gebraucht, meine richtige Einstellung zu finden. Neben der Dosis (bei mir 20-10-0) sind auch andere Bedingungen zur Nahrungsaufnahme bei mir wichtig gewesen. Zu viel Essen während der Einnahme ist bei mir problematisch, zu wenig auch. Und ich habe eine bessere Wirkung, wenn ich zur Einnahme etwas Kohlenhydratlastiges zu mir nehme.”

6.3. Nahrungsaufnahme verzögert AMP-Spiegel-Maximum

Lisdexamfetamin (Elvanse) hat bei fettreichen Mahlzeiten einen um eine Stunde verzögerten maximalen Blutspiegel (4,7 Stunden anstatt 3,8 Stunden nach Einnahme).85 Andere Parameter, wie z.B. die Wirkungsdauer, ändern sich jedoch nicht.

6.4. Wirkstoffabsorption

Manche Nahrungsmittel haben die Fähigkeit, Wirkstoffe zu absorbieren und dadurch den Wirkbeginn und die Wirkdauer zu verzögern.
Beispiel:

  • Flohsamen8687, weshalb her ein Abstand zur Einnahme anderer Medikamente von einer halben bis einer Stunde empfohlen wird88

7. Körperliche Betätigung / Sport

Einzelne Betroffene berichten, dass intensiver Sport die Wirkdauer von Stimulanzien um bis zu 40 % verkürzen kann.89

8. Nikotin / Rauchen

Mehrere Betroffene berichteten von einer Veränderung der Stimulanzienwirkung durch Rauchen.
Berichtet wurde (jeweils im Einzelfall als Besonderheit bei Stimulanzieneinnahme):

  • Ein Betroffener berichtet:
    • erhöhtes Nikotinverlangen 4 h nach Elvanse-Einnahme
    • nach der ersten Zigarette am Tag etwas antriebslos und Müdigkeitseintritt
    • Ein Tag ohne Zigarette und nur mit Elvanse läuft ok bis auf die auftretende Unruhe durch Nikotinentzug, aber Motivation und Wirkung ist bis nachmittags/abends da
    • Umstieg auf Nikotin-„Kaugummis“ statt zu rauchen/dampfen bewirkte deutlich höhere Ausgeglichenheit und keine Müdigkeit mehr mittags
  • Eine Betroffene beschrieb eine medikamentenabhängige Wirkung:
    • Elvanse + Nikotin: abgeschwächte Wirkung, negative Gefühle
    • MPH + Nikotin verstärkte Wirkung, Kick (zugleich größerer Abfall/Rebound)
  • Eine Gelegenheitsraucherin:
    • schon ein, zwei Zigaretten bewirken bereits, dass Elvanse und MPH nicht mehr richtig wirken
    • es dauert dann einige Tage, bis sie wieder richtig wirken
    • Normalerweise schlafe ich mit Elvanse mittlerweile gut. Wenn ich geraucht habe, schlafe ich schlechter.
    • der Unterschied der Wirkung von Elvanse, wenn ich länger nicht geraucht habe, ist enorm
  • Ein Betroffener:
    • Wenn ich mich überfordere, bekomme ich Lust auf Rauchen, als Mittel zur Kompensation bzw. als Mittel, um mich weiter anzutreiben.
    • Anfangs funktioniert das auch, nach ein paar Tagen schlägt es um. Ich werde energieloser und die Stimmung wird schlechter.
    • Langfristig tut es mir nicht gut und es verträgt sich nicht mit den Medikamenten. Die Wirkung wird schlechter und am Ende geht es mir schlechter
  • Eine Dampferin:
    • Nach der MPH-Einnahme bewirkt Dampfen bei mir Müdigkeit und Kopfschmerzen
    • Nikotin verstärkt die MPH-Wirkung

9. Alkohol

Alkohol kann den Amphetaminspiegel erhöhen.90

10. Zyklus

Der weibliche Zyklus beeinflusst den Dopaminspiegel. Östrogen beeinflusst COMT, welches im PFC Dopamin abbaut.
Betroffene mit bestimmten COMT-Genvarianten sind besonders anfällig.
Je nach Zyklusphase kann die erforderliche Stimulanziendosis schwanken.
Bei der Eindosierung von Stimulanzien sollten Frauen unbedingt einen entsprechenden Beobachtungsbogen führen, um Zyklusschwankungen und Medikamentenwirkung zu erfassen. Nur so wird erkennbar, ob in bestimmten Zyklusphasen die Medikamentendosis verändert werden muss. Die Eindosierungshilfetabelle, die im Downloadbereich des adhs-forum.adxs.org kostenlos zur Verfügung steht, erleichtert die Erfassung von Medikamenteneinnahme, Symptomentwicklung und Zyklus.

11. Leberfunktion

11.1. Alter

Die hepatische Metabolisierung kann sich im Alter verlangsamen, unter anderem durch eine schlechtere Durchblutung der Leber.291

Ein verringerter CYP-Metabolismus im Alter ist für folgende Psychopharmaka bekannt:3132

  • Alprazolam (nur Männer)
  • Chlordiazepoxid
  • Desipramin (nur Männer)
  • Diazepam
  • Imipramin
  • Nortriptylin
  • Trazodon
  • Triazolam (nur Männer)

Der Abbau verringert sich im Schnitt um 30 bis 40 %, jedoch individuell so unterschiedlich, dass wie bei der Eindosierung jeder Einzelfall zu betrachten ist.

11.2. Krankheiten

Erkrankungen der Leber können die Leberfunktionalität (stark) einschränken. Eine verringerte Eiweißsynthese in der Leber verringert automatisch die Plasmaproteinbindung, was den Abbau von Stoffen durch die Enzyme in der Leber abschwächt.
Bei einer Einschränkung der Gallensaftproduktion in der Leber wird die Ausscheidung großer Moleküle reduziert und der enterohepatische Kreislauf beeinträchtigt.
Herzinsuffizienz vermindert den Leberblutfluss.

11.3. First-Pass-Effekt

“Die Darmvenen werden über die Leber zum Herzen geführt, sodass ein im Darm resorbierter Stoff eine Leberpassage durchmacht, bevor er über große Hohlvene und Herz weiter verteilt werden kann. Falls ein Stoff diese erste Leberpassage nur in geringem Maße übersteht, spricht man von einem hohen First-Pass-Effekt. Ergebnis dieses Effektes ist, dass trotz guter Resorption nur kleine Mengen des Wirkstoffs systemisch zur Verfügung stehen. Durch den “First-pass-Effekt” können Substanzen schnell in der Leber verändert oder inaktiviert werden (präsystemische Elimination).”36

Auch der First-Pass-Effekt unterliegt individuellen Unterschieden.
Ab dem 40. Lebensjahr nimmt der First-Pass-Effekt jährlich um rund 1 % ab, sodass bei gleicher Dosis bei Älteren die Blutserumwerte erhöht sind.3132

11.4. Rauchen

Rauchen kann die Metabolisierung durch Leberenzyme beeinflussen.

12. Rezeptor-Sensibilität

Arzneiwirkstoffe können an Rezeptoren, Transportern, Ionenkanälen oder Enzymen binden und dort Wirkungen auslösen. Die Empfindlichkeit dieser Empfängerstrukturen beeinflusst die Wirksamkeit.
Die Empfindlichkeit der Empfängerstrukturen kann durch Varianten der d´sie codierenden Gene beeinflusst werden.

Beispiele:

  • Eine Kombination von sechs Polymorphismen in Genen, die für die 5-HT2A-, 5-HT2C-, Histamin-H2-Rezeptoren und den SERT codieren, prognostizierte mit knapp 80 % Wahrscheinlichkeit das Ansprechen auf Clozapin bei Schizophrenie92
  • Fehlende Wirkung von Tamoxifen beim Mammakarzinom bei fehlender Östrogenrezeptorexpression93
  • Bei ADHS-Medikamenten wird ein Einfluss des DAT-Gens auf die MPH-Response erörtert
  • Bei ausreichendem D3-Blutspiegel können verringert sensible Rezeptoren gleichwohl einen D3-Mangel bewirken

13. Blut-Hirn-Schranke: Übertritt ins Gehirn

Durch die Blut-Hirn-Schranke werden Blutgefäße im Gehirn sehr dicht gegen unkontrollierten Austausch von Stoffen in das Gehirn abgeschlossen. Es soll möglichst nur ein kontrollierter Austausch über Transporter und Vesikel erfolgen.
Die Blut-Hirn-Schranke umfasst eine Reihe von physiologischen Eigenschaften, die in den Endothelialzellen des Gehirns im Vergleich zu denen im Körper entweder induziert (Tight Junctions, Transporter, Stoffwechselenzyme) oder gehemmt (Transzytose, LAM) werden müssen.94
Eine grundlegende Einführung zur Blut-Hirn-Schranke in deutscher Sprache findet sich unter Psysiologie.cc95, in englischer Sprache bei Daneman, Prat.94

Beispiel:

  • P-Glykoprotein (MDR1-Gen): kontrolliert den Transfer von Arzneistoffen in das Gehirn
    • MDR1-Genvarianten beeinflussen dessen Wirksamkeit. Herabgesetzte MDR1-Funktion schwächt Blut-Hirn-Schranke, Arzneistoffe können vermehrt ins Gehirn übertreten, was deren Wirkung erhöhen kann, obwohl der Blutplasmaspiegel unverändert ist.93

Ungleichgewichte im Darmmikrobiom können die Blut-Hirn-Schranke beeinflussen und dadurch den Schutz des Gehirns vor Giftstoffen, Erregern oder die Versorgung mit Nährstoffen beeinträchtigen. Mehr hierzu unter Darm-Hirn-Achse und ADHS im Kapitel Entstehung

Mehr zur Blut-Hirn-Schranke unter Blut-Hirn-Schranke und ADHS im Kapitel Entstehung

14. Metabolisierungsenzyme: Abbau

Viele Medikamente werden durch Enzyme abgebaut, vornehmlich in der Leber.
Manche Wirkstoffe entstehen erst durch einen vorhergehenden enzymatischen Umbau von Arzneistoffen.
Wirkstärke: Je nach Genvariante wird das durch das Gen kodierte Enzym vermehrt oder verringert synthetisiert, was die Abbaukapazität beeinflusst.
Konkurrenz: Werden mehrere Medikamente eingenommen, die über dasselbe Enzym abgebaut werden, konkurrieren diese um das abbauende Enzym, was die Wirkdauer dieser Medikamente verlängert und Nebenwirkungen erhöht.
Daneben gibt es Wirkstoffe, die ein Enzym hemmen (Inhibitoren) oder fördern (Induktoren), was deren Wirksamkeit in Bezug auf den Medikamentenabbau entsprechend beeinflusst.

Metabolisierungsenzyme katalysieren beim Menschen zwei Arten von Biotransformationsreaktionen93

  • Phase-1-Reaktionen:
    • Funktionalisierungsreaktionen
      • Oxidation, Reduktion, Hydrolyse und Hydratisierung
    • Wirkweise:
      • Einführung funktioneller Gruppe(n) (z.B. einer Hydroxylgruppe) in das unpolare Molekül oder
      • Freilegung entsprechender funktioneller Gruppen
  • Phase-2-Reaktionen
    • Konjugationsreaktionen
      • Glucuronidierung, Sulfatierung, Methylierung, Acetylierung sowie die Konjugation mit Aminosäuren und Glutathion
    • Wirkweise:
      • Koppelung funktioneller Gruppen mit sehr polaren, negativ geladenen endogenen Molekülen (z.B. Glucuronsäure)

Wir gehen im Folgenden nur auf diejenigen Enzyme ein, die ADHS-Medikamente betreffen. Dies deckt jedoch bereits die wichtigsten Enzyme ab.
CYP3A4 (Guanfacin) baut 40 bis 50 % aller Medikamente ab.
CYP2D6 (Amphetaminmedikamente, Atomoxetin) baut rund 25 % aller Medikamente ab.

14.1. Abbau erhöht / verringert je nach Metabolisierungsenzym-Genvariante

Der Abbau von Wirkstoffen oder Neurotransmittern wird davon beeinflusst, wie aktiv die Genvariante ist, die das Protein exprimiert, das ihre Metabolisierungsenzyme synthetisiert. Manche Genvarianten bewirken eine erhöhte oder überhöhte, manche eine verringerte oder gar keine Proteinproduktion.
Bei Trägern des COMT-Val-158-Met-Gen-Polymorphismus erhöht Amphetamin die Effizienz des PFC bei Probanden mit vermutlich geringem Dopaminspiegel im PFC. Bei Trägern des COMT Met-158-Met-Polymorphismus hatte Amphetamin dagegen keinen Effekt auf die kortikale Effizienz bei niedriger bis moderater Arbeitsgedächtnislast und verursachte eine Verschlechterung bei hoher Arbeitsgedächtnislast. Individuen mit dem Met-158-Met-Polymorphismus scheinen ein erhöhtes Risiko für eine nachteilige Reaktion auf Amphetamin zu haben.96

14.1.1. ADHS-Wirkstoffe und ihre Hauptabbauenzyme

ADHS-Wirkstoffe werden von unterschiedlichen Enzymen abgebaut:

Methylphenidat: CES1
Amphetaminmedikamente: CYP2D6 (daneben stark von pH-Wert abhängig)
Atomoxetin: CYP2D6
Bupropion: CYP2B693 sowie etwas über CYP2A6
Guanfacin: CYP3A4
Clonidin: unbekannt
Buspiron: CYP3A4
Memantin: unbekannt, wohl nicht durch CYP46
Viloxazin: CYP2D6, UGT1A9, UGT2B15, möglicherweise auch durch CYP1A2
Melatonin: CYP1A
Dasotralin: unbekannt
Agomelatin: CYP1A2 (90 %), CYP2C9/2C19 (10 %)

Siehe hierzu die umfassenden Beiträge zu den Metabolisierungsenzymen der jeweiligen ADHS-Medikamente:

CES1 Metabolisierungsenzym:

  • Methylphenidat (MPH)

CYP2D6 Metabolisierungsenzym:

  • Amphetaminmedikamente (AMP)
  • Atomoxetin
  • Bupropion: CYP2B693 sowie etwas über CYP2A6, aber starker CYP2D6 Inhibitor

CYP3A4 Metabolisierungsenzym:

  • Guanfacin
  • Buspiron

14.1.2. Pharmakogenetische Diagnostik

Durch Genuntersuchungen können die Genvarianten von Metabolisierungsenzymen festgestellt werden.97

Geeignete Labore finden sich bei einer Suche nach Labor CES1 (für MPH) oder Labor CYP2D6 (Amphetaminmedikamente, Atomoxetin). Die Laborleistung soll in Deutschland via Krankenkassen abgerechnet werden können, wenn diese von einem Arzt verschrieben wurde.

Eine Labordiagnostik der 22 wichtigsten Metabolisierungs-Gene (einschließlich des für die CYP-Genfamilie wichtigen POR-Gens) kostete Stand September 2023 rund 600 €.
Ein Muster-Diagnosebericht findet sich bei CeGaT, einem Anbieter für genetische Diagnostik in Tübingen.98 Genanalysen einzelner Metabolisierungs-Gene lagen im September 2023 bei rund 300 €.

14.2. Konkurrenz um Abbau und Kreuzwirkungen

Die Wirkung von Medikamenten kann durch ihre Abbauenzyme auf verschiedene Weise beeinflusst werden.

Risiko:
Die nachfolgend beschriebenen Mechanismen von Konkurrenz, Inhibition, Induktion oder Beeinflussung der Genexprimierung müssen bei der Medikationsplanung beachtet werden. Ihre Missachtung stellt ein Risiko oder gar einen Behandlungsfehler dar. Ein neues Medikament kann die Wirkung eines bereits eindosierten Medikaments beeinflussen (und umgekehrt), sodass das Risiko von Wirkungsverlust und/oder Überdosierung des neuen oder des oder der bestehenden Medikamente entsteht.

Nutzen:
Dieselben Wirkpfade können jedoch auch geplant genutzt werden und dann hilfreich wirken.
Eine bewusste Kombination von zueinander konkurrierenden, inhibierenden oder genetisch regulierenden Medikamenten kann dagegen hilfreich sein, die Wirksamkeit einzelner Medikamente zu verbessern. So können Medikamente, die gleichzeitig eindosiert werden, bei Beachtung der Interaktionen entsprechend vorsichtig oder nachdrücklich dosiert werden. Ebenso ist eine bewusste Nutzung solcher Kombinationen möglich, um beispielsweise bei Superschnellverstoffwechslern die Wirkung zu verbessern oder bei Langsammetabolisierern den Abbau zu verbessern.
Beispiel: Ein Betroffener, der eine Dosis Elvanse in 5-6 Stunden verstoffwechselte, berichtete uns, dass eine Kombination mit 150 mg Bupropion die Wirkungsdauer des Elvanse sehr hilfreich verlängerte. Elvanse wird via CYP2D6 verstoffwechselt; Bupropion hemmt CYP2D6 genetisch.

14.2.1. Konkurrenz

Konkurrenz anderer Substrate: Wenn mehrere Wirkstoffe an dasselbe Enzym binden (Substrate) und von diesem abgebaut werden, konkurrieren sie bei gleichzeitiger Gabe um die vorhandene Menge an Abbauenzymen. Dies kann den Abbau verzögern.

14.2.2. Inhibition

Inhibition: Arzneimittel können die Wirkung von Enzymen behindern (inhibieren), selbst wenn sie von ganz anderen Enzymen abgebaut werden

14.2.3. Induktion

Induktion: Arzneimittel können die Wirkung von Enzymen verstärken (induzieren)

14.2.4. Genetische Regulation

Genetische Regulation: Medikamentenwirkstoffe können Metabolisierungsenzyme auch durch genetische Regulation beeinflussen.
Beispielsweise ist Bupropion in vitro nur ein eher schwacher Inhibitor von CYP2D6. In vivo hemmt Bupropion CYP2D6 dagegen stark, weil es zusätzlich eine genetische Downregulation der CYP2D6-mRNA bewirkt.99

15. Ausscheidung: Renaler Blutfluss

Da Amphetamin über die Nieren ausgeschieden wird, spielt neben der Gesamtdosis auch der renale Blutfluss eine zwar geringe, aber messbare Rolle für die Wirkungsdauer.5
Eine weitere Folge davon ist, dass sich der Amphetamin-Blutspiegel langsamer verändert und weniger anfällig für Rebound ist als bei Methylphenidat,5

Die glomeruläre Filtrationsrate verringert sich ab dem 40. Lebensjahr im Schnitt um 8 ml/min/1,73 m²/Dekade (0,1 ml/s/m²/Dekade). Es bestehen erhebliche individuelle Unterschiede.
Die Serumkreatininspiegel bleiben im Alter trotz Abnahme der glomerulären Filtrationsrate oft im Normbereich, aufgrund verringerter Muskelmasse und verringerter körperlicher Aktivität, sodass der Serumkreatininspiegel im Alter nicht mehr die normale Nierenfunktion widerspiegelt. Der Abbau von durch die Niere ausgeschiedenen Psychopharmaka ist im Alter verringert:3132

  • Brexpiprazol
  • Lurasidone
  • Paliperidon
  • Risperidon

16. Genvarianten und Response

Eine GWAS fand Einflüsse verschiedener Gene auf die Response auf MPH und ATX:100

  • auf Chromosom 12, SNP: rs10880574, in der 5-Prime-UTR-Intron-Region des Gens TMEM117 (Transmembranprotein 117). TMEM117 findet sich in der Plasmamembran und ist zudem ist am intrinsischen apoptotischen Signalweg bei der Reaktion auf Stress im endoplasmatischen Retikulum beteiligt.
  • auf Chromosom 18, SNP: rs2000900. nächstgelegenes Gen: MYO5B (Myosin 5 B), das am vesikulären Transport beteiligt ist und in einem Komplex mit RAB11A und RAB11FIP2 für den Transport von NPC1L1 zur Plasmamembran benötigt wird. MYO5B wird vor allem in Verdauungsorganen exprimiert und spielt eine Rolle bei Stoffwechselprozessen.
  • NKAIN2, ein ADHS-Kandidatengen
  • PUS7L
  • CTD-2561J22.3.

17. Darreichungsformen

Die Bindung von ionisierbaren Wirkstoffen an Salze beeinflusst pharmakologisch101102

  • physikalisch-chemische Eigenschaften
    • Verbesserung der Wasserlöslichkeit schwach saurer und basischer Wirkstoffe
  • Eigenschaften der Darreichungsform
  • biopharmazeutische Merkmale
    • z.B. Sicherheit und Verträglichkeit
  • therapeutische Wirksamkeit

Die meistverwendeten Gegenionen sind101

  • für basische Wirkstoffmoleküle
    • Hydrochlorid
    • Mesylat
      • höchste Löslichkeit aller Salze bei 25 °C (39 mg/ml)
    • Hydrobromid
    • Acetat
    • Fumarat
    • Sulfonat103
      • Methansulfonat
      • Kampfersulfonat
  • für schwach saure Wirkstoffe
    • Natrium
    • Calcium
    • Kalium

 

18. Erythrozytenfunktion bei Lisdexamfetamin

Die bisherige Studienlage zeigt, dass die Umwandlungsgeschwindigkeit von LDX durch die Erythrozyten zu dAMP beim Menschen um mindestens 60 % schwanken kann. Diese 60 % sind die Spanne über nur sechs Menschen, bei denen die Erythrozyten-Hydrolyse individuell (nicht gepoolt, nicht verdünnt) vermessen wurden - vier davon in Pennick (2013), zwei in Pennick (2010). Bei einer Analyse einer größeren Probandenzahl ist eine größere Bandbreite zu erwarten. Andere Studien deuten auf eine noch größere mögliche Bandbreite hin.

Eine kurze t½ entspricht einer schnellen Umwandlung. Der Minimalwert der Geschwindigkeit entspricht also dem Maximalwert der Halbwertszeit.

Ebene t½-Spanne k (h⁻¹) Bandbreite Grundlage
In vivo, individuell 0,39 – 0,55 h 1,26 – 1,77 40 % 6 Personen, kₑ im Original berichtet
In vivo, alle Gruppenmittel (Dosis + Nahrung) 0,41 – 0,9 h 0,77 – 1,69* 120 % 4 Studien
In vitro, individuell (unverdünnt) 0,87 – 1,36 h 0,51 – 0,80* 60 % 6 Personen
Gesamt human 0,39 – 1,6 h 0,43 – 1,78* 410 % s. o.

* kₑ-Werte mittels k = ln2/t½ berechnet

Die In-vivo-t½ scheint mithin nicht die Hydrolysegeschwindigkeit, sondern die Summe aus Hydrolyse, Verteilung und renaler Ausscheidung abzubilden und ist daher von der in vitro-t1/2 zu unterscheiden.

18.1. In vitro

LDX 1 µg/mL, 37 °C, Inkubation bis 4 h, LC-MS/MS

Matrix / Bedingung Design t½ berichtet t½ min t½ max Bandbreite d-Amfetamin nach 4 h Quelle
Humanes Vollblut in vitro 1,6 h Pennick (2010)104
Humanes Vollblut (gepoolt, n = 3 Spender) in vitro 1,6 h (SD 0,5); 82 % (SD 8) Verlust nach 4 h 1,1 h * 2,1 h * 91 % * 446 ng/mL (SD 20) Sharman & Pennick (2014)105
Humanes Vollblut, 2 gesunde Spender in vitro 1,15 / 1,13 h; Rest 13,1 % / 10,5 % 1,13 h 1,15 h 1,8 % 297,0 / 324,3 ng/mL Pennick (2013)106
Humanes Vollblut, 2 Spender mit Sichelzellkrankheit in vitro 1,30 / 1,36 h; Rest 14,1 % / 15,3 % 1,30 h 1,36 h 4,6 % ‡ 304,5 / 286,6 ng/mL Pennick (2013)106
Isolierte Erythrozyten, 2 Spender in vitro Ø 1,0 h 0,87 h 1,10 h 26,4 % ‡ Pennick (2010)104
Erythrozyten, variierender Hämatokrit (10–90 %) in vitro nur grafisch publiziert n. b. n. b. n. b. Pennick (2010)104Abb. 8; Pennick (2013)106
Erythrozyten-Lysat (1:5 verdünnt) in vitro keine t½ berechnet; 24 % Verlust / 4 h 102 ng/mL Sharman & Pennick (2014)105
Erythrozyten-Zytosolextrakt (1:3 verdünnt) in vitro 4,1 h (SD 0,99); ca. 50 % Verlust / 4 h 3,1 h * 5,1 h * 65 % * 223 ng/mL (SD 53) Sharman & Pennick (2014)105
Erythrozyten-Membranfraktion in vitro kein messbarer Abbau 29 ng/mL Sharman & Pennick (2014)105
Humanes Plasma in vitro über 4 h vollständig stabil < LOD (10 ng/mL) Sharman & Pennick (2014)105
PBMC, PMN, Thrombozyten in vitro stabil vernachlässigbar Pennick (2010)104
Humanes Nierenhomogenat in vitro 2,3 h Pennick (2010)104
Humanes Leberhomogenat in vitro 9,7 h Pennick (2010)104
Vergleich: Rattenvollblut in vitro 1,0 h Pennick (2010)104
Vergleich: Rattenleber in vitro 2,5 h Pennick (2010)104
Studienübergreifend: alle Einzelpersonen, unverdünnte Matrix in vitro 0,87 h 1,36 h 56,3 % Pennick (2010)104Pennick (2013)106

* Aus Mittelwert ± 1 SD abgeleitet, nicht publiziert; SD aus Wiederholungsexperimenten mit gepooltem Blut (Assay-Streuung), keine interindividuelle Variabilität.

‡ Aus nur zwei Messwerten berechnet — beschreibt den Abstand dieser beiden Personen, keine belastbare Streuungsschätzung.

18.2. In vivo

Gesunde Erwachsene, orale Einzeldosis

Parameter Design Wert berichtet min max Bandbreite Art der Spanne Quelle
LDX Plasma-t½, 70 mg (n = 6) in vivo 0,45 ± 0,06 h 0,39 h 0,55 h 41,0 % individuell Comiran et al. (2021)107, Tab. 1
LDX Plasma-t½, 70 mg nüchtern (n = 13) in vivo 0,41 ± 0,07 h Gruppenmittel Krishnan & Zhang (2008)108, Tab. III
LDX Plasma-t½, 70 mg als Lösung (n = 17) in vivo 0,44 ± 0,10 h Gruppenmittel Krishnan & Zhang (2008)108
LDX Plasma-t½, 70 mg mit fettreicher Mahlzeit (n = 16) in vivo 0,63 ± 0,20 h (53,7 %) † Gruppenmittel, Nahrungseffekt Krishnan & Zhang (2008)108
LDX Plasma-t½, 50–250 mg (n = 9–20 je Dosis) in vivo 0,6 / 0,7 / 0,7 / 0,9 / 0,9 h (50,0 %) † Dosistrend Ermer et al. (2010)28, Tab. II
LDX kₑ Plasma, 70 mg in vivo 1,57 ± 0,19 h⁻¹ 1,26 1,77 40,5 % individuell Comiran et al. (2021)107
LDX tmax, 70 mg in vivo 1,2 ± 0,3 h 0,8 h 1,5 h 87,5 % individuell Comiran et al. (2021)107
LDX tmax, nüchtern / Lösung / mit Nahrung in vivo 1,15 / 0,97 / 2,08 h (114,4 %) † Gruppenmittel, Nahrungseffekt Krishnan & Zhang (2008)108
LDX tmax, 50–250 mg in vivo 1,0–1,5 h (Median) 1,0 h 1,5 h 50,0 % Dosisgruppen Ermer et al. (2010)28
d-Amfetamin Plasma-t½, 70 mg in vivo 10,70 ± 2,09 h 7,77 h 13,95 h 79,5 % individuell Comiran et al. (2021)107, Tab. 2
d-Amfetamin Plasma-t½, nüchtern / fed / Lösung in vivo 9,69 / 9,59 / 9,37 h (3,4 %) † Gruppenmittel Krishnan & Zhang (2008)108, Tab. I
d-Amfetamin Plasma-t½, 50–250 mg in vivo 10,9–12,4 h (Mean) (13,8 %) † Dosisgruppen Ermer et al. (2010)28, Tab. I
d-Amfetamin kₑ Plasma, 70 mg in vivo 0,07 ± 0,01 h⁻¹ 0,05 0,09 80,0 % individuell Comiran et al. (2021)107
d-Amfetamin tmax, 70 mg in vivo 3,8 ± 0,8 h 3,0 h 5,0 h 66,7 % individuell Comiran et al. (2021)107
d-Amfetamin tmax, nüchtern / fed / Lösung in vivo 3,78 / 4,72 / 3,33 h (41,7 %) † Gruppenmittel Krishnan & Zhang (2008)108
d-Amfetamin tmax, 50–250 mg in vivo 4 bis 6 h (Median) 4 h 6 h 50,0 % Dosisgruppen Ermer et al. (2010)28
Studienübergreifend: LDX Plasma-t½, alle Bedingungen in vivo 0,39 h 0,90 h 130,8 % gemischt Comiran et al. (2021)107Krishnan & Zhang (2008)108; Ermer et al. (2010)28

† Wert in Klammern: aus Gruppenmittelwerten berechnet, bei denen min/max-Zellen leer sind. Dies bildet einen Nahrungs- bzw. Dosiseffekt ab, keine interindividuelle Spannweite. Nicht mit den ungeklammerten Werten in einer Aussage zu vergleichen.


  1. Weih, Haen (2023): Therapeutisches Drug Monitoring in der Psychiatrie; NeuroTransmitter 2023; 34 (7-8), S. 25 - 29; deutsch

  2. Le (2022): Übersicht Pharmakokinetik; MSD manuals deutsch

  3. Le (2022): Übersicht Pharmakokinetik; MSD manuals englisch

  4. Rodden (2021): Short-Acting Stimulants Vs. Long-Acting Stimulants: Comparing ADHD Medications and Durations; Stand 14.09.2022

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  6. Umfrage ADxS.org, n = 23; Stand 09.09.23

  7. Elbe, Black, McGrane, Procyshyn (Hrsg.) (2019): Clinical Handbook of Psychotrophic Drugs for Children and Adolescents, 4th edition

  8. https://www.kinderaerzte-im-netz.de/media/53ec94e833af614b730097d1/source/20080530092715\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\_adhs2.pdf

  9. Medikamenteninformation des Herstellers Shire

  10. https://www.adhspedia.de/wiki/Medikamente

  11. Umfrage ADxS.org, n = 100; Stand 09.09.23

  12. Umfrage ADxS.org, n = 20; Stand 09.09.23

  13. Rodden (2021): Short-Acting Stimulants Vs. Long-Acting Stimulants: Comparing ADHD Medications and Durations; Stand14.09.2022

  14. Umfrage ADxS.org, n = 15; Stand 09.09.23

  15. Medikamenten-Fachinformation des Herstellers ratiopharm

  16. Fachinformation Gelbe Liste Methylphenidathydrochlorid Hexal

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