Late-Onset ADHS
Mit Late-Onset-ADHS ist in der Fachliteratur meist gemeint, dass ADHS erst im Jugend- oder Erwachsenenalter erkannt wird. Das bedeutet nicht, dass es erst dann entstanden ist. Nach DSM und ICD reicht es, wenn einige wenige Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr vorhanden waren. Eine späte Diagnose ist daher mit den Diagnosekriterien vereinbar.
Die Altersgrenze für den Symptombeginn ist wissenschaftlich schlecht begründet. Menschen mit einem Symptombeginn zwischen 7 und 12 Jahren unterschieden sich in Schwere, Begleiterkrankungen und Leistungen kaum von Menschen mit früherem Beginn. Sie sprachen auch nicht schlechter auf Methylphenidat an. Zudem wurde der Beginn der Symptome bei einer erneuten Befragung Jahre später oft später erinnert als zuvor.
Unterschieden werden drei Fälle:
- ein in der Kindheit übersehenes ADHS
- ein in der Kindheit nur schwach ausgeprägtes ADHS, das später zunimmt, und
- ein ADHS, das ohne Vorzeichen erst später beginnt.
Der letzte Fall ist umstritten und scheint selten zu sein.
1. Late-Onset-ADHS vs. Subthreshold Late-Onset-ADHD vs. De-Novo-Late-Onset
Der Begriff Late-Onset wird in der englischsprachigen Fachliteratur für ein späteres Anwachsen eines sich in der Kindheit nur andeutenden ADHS verwendet.
Das ist im Deutschen leider missverständlich, da “late onset ADHD” mit „spät anwachsendem ADHS“ und ebenso mit „spät entstehendem ADHS“ übersetzt werden kann, während die englischsprachige Fachliteratur (meist) lediglich die erste Variante meint.
Die überwiegende Studienliteratur verwendet den Begriff „Late-Onset“ für eine späte erstmalige Diagnose (im Erwachsenenalter) die bei vorhergehenden Untersuchungen im Alter zwischen 7 und 17 Jahren (DSM IV) bzw. 12 und 17 Jahren (DSM 5) nicht bestand, und zwar ohne danach zu unterscheiden, ob in den ersten 6 bzw. 11 Jahren einzelne Symptome vorhanden waren oder nicht.
Dies kollidiert nach unserem Verständnis mit der Systematik von DSM und ICD, für die der Zeitpunkt der Diagnose völlig irrelevant ist, solange nur mehrere (= mindestens 2 der genannten 18) Symptommerkmale bereits im Alter bis 6 Jahren (DSM IV) bzw. 11 Jahren (DSM 5) aufgetreten waren.
Der Begriff „Late-Onset“ beschreibt daher keine große Besonderheit, denn DSM und ICD gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass sich die Symptomschwere mit dem Alter verändern kann.
Für ein ADHS im Vollbild, das sich im Jugendalter entwickelt, ohne dass in der Kindheit mehr als einzelne Symptome vorhanden waren, wurde von Liu et al. der Begriff “De-Novo-Late-Onset” geprägt (höchstens 2 Symptome je Symptombereich im Alter von 8 und 12 Jahren, mindestens 6 Symptome im Alter von 14 oder 16 Jahren). (Kohortenstudie der TEDS-Zwillingskohorte, n = 9.875, 8 Jahre, E 2b.)1 Gruppen definiert anhand von Elternangaben (Conners’ Parent Rating Scale, rekodiert auf Symptomzahlen je Bereich, 0 bis 9) im Alter von 8, 12, 14 und 16 Jahren:
- 1,2 % (n = 123) De-novo-Late-Onset = 0 bis 2 Symptome je Bereich im Alter von 8 und 12 Jahren und mindestens 6 Symptome mit 14 oder 16 Jahren
- 1,7 % (n = 164) Subthreshold-Late-Onset = 3 bis 5 Symptome in der Kindheit
Ein Vollbild im Jugendalter nach 3 bis 5 Symptomen je Symptombereich in der Kindheit bezeichneten sie als “subthreshold Late-Onset-ADHD” (subklinisches Late-Onset-ADHS). Die Bezeichnung “late-diagnosed ADHD” (Genetische Fall-Kontroll-Studie, N = 61.615 (häufige Varianten), N = 16.299 (seltene Varianten), E 3)2, also spät diagnostiziertes ADHS, halten wir für passender.
(E 2b): Manche Studien (Kohortenstudie, n = 1.037, 38 Jahre, E 2b)3 sprechen von einer „Erwachsenen-Onset-Form von ADHD“ (Narrativer Review, E 4)4, andere verwenden den Begriff Late-Onset (bzw. Adult-Onset) im Sinne eines “De-Novo-Late-Onset”, was zeigt, dass der Begriff nicht nur für uns (in früherer Darstellung) missverständlich ist.
Eine Lockerung des Onset-Kriteriums veränderte die ADHS-Prävalenz bei:
- Verzicht auf das Onset-Kriterium: 5,8 % statt 2,1 % nach DSM-5-Kriterien, fast das Dreifache (rund 30-Jährige einer Geburtskohorte) (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)5
- Ausweitung des Onset-Kriteriums auf 12 Jahre: nur 2 zusätzliche Fälle, Prävalenz um 0,1 % höher, da fast alle Kinder mit ADHS im Alter von 12 Jahren (3,3 %, 95%-KI 2,5 bis 4,1 %) das Onset-Kriterium bereits vor dem 7. Lebensjahr erfüllten (prospektiv mit 7 und 12 Jahren untersuchte britische Geburtskohorte) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 2.232, 5 Jahre, E 2b.)6 Die Autoren folgern, dass Erwachsene, die einen Symptombeginn bis 12 Jahre erinnern, meist schon mit 7 Jahren Symptome hatten, auch wenn sie dies nicht berichten können.
Bei einer erneuten Befragung nach 5 Jahren wurde der Beginn der ADHS-Symptomatik für alle Altersgruppen und Informanten (Eltern wie Selbstbericht) später erinnert als zuvor (ebenso bei oppositionellem Trotzverhalten, Störung des Sozialverhaltens und Depression). Von den Betroffenen, die weiterhin alle übrigen ADHS-Kriterien erfüllten, verfehlten 46 % nun das DSM-IV-Onset-Kriterium (Beginn vor dem 7. Lebensjahr). Unter Verzicht auf das Onset-Kriterium machte ein Beginn zwischen 7 und 16 Jahren etwa 10 % aller ADHS-Fälle aus. (Kohortenstudie, Zwillinge, 7 bis 19 Jahre zu Beginn, 5 Jahre, E 2b.)7 Der Anteil der Betroffenen, die alle Kriterien außer dem Onset-Kriterium erfüllten, stieg nach Elternurteil von 14 auf 21,8 %, nach Selbstbericht von 13 auf 54 %. Die 46 % beziehen sich auf n = 13 Personen (Elternurteil), die Zahl ist also klein. Die 13 neuen Late-Onset-Fälle hatten einen mittleren erinnerten Beginn mit 9,4 Jahren (7 bis 16 Jahre). Die Autoren empfahlen für DSM-V und ICD-11 eine Revision des Onset-Kriteriums.
Für das damalige Alterskriterium des DSM-IV (Beginn beeinträchtigender Symptome vor dem 7. Lebensjahr) fanden sich weder historisch noch empirisch, konzeptionell oder pragmatisch tragfähige Belege. Die Autoren empfahlen, das Kriterium aufzugeben oder auf die gesamte Kindheit auszuweiten, da es wissenschaftlich nicht haltbar sei, die Untersuchung älterer Jugendlicher und Erwachsener erschwere und willkürlich ausschließend wirken könne. (Narrativer Review, E 4.)8 Diese Studie war die historische Grundlage für die spätere Anhebung auf 12 Jahre im DSM-5. Es wurde kritisiert, dass die Anhebung der Altersgrenze für den Symptombeginn im DSM-5 von 7 auf 12 Jahre auf wenig belastbaren Daten beruhe. (Literaturübersicht mit hohem Verzerrungsrisiko, Prävalenzschätzung aus einer Studie mit 68 Kindern mit ADHS). (Methodenreview, E 4.)9
(E 2b): Betroffene mit einem Symptom- oder Beeinträchtigungsbeginn nach dem 7. Lebensjahr unterschieden sich nicht oder nicht nachteilig von Betroffenen mit früherem Beginn in:
- Korrelaten und Risikofaktoren (Kinder, Symptombeginn zwischen 7 und 12 Jahren) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 2.232, 5 Jahre, E 2b.)6
- Ansprechen auf Methylphenidat (um 0,5 mg/kg/Tag) (Patienten mit allen DSM-IV-Kriterien außer dem Alterskriterium), Erwachsene mit spätem Beginn sprachen sogar besser an, auch nach Adjustierung für Ausgangsschwere und Subtyp (Kinder und Jugendliche F = 0,865, p = 0,354, Erwachsene F = 5,760, p = 0,018) (Kohortenstudie, n = 291, 1 Monat, E 2b.)10
- Schweregrad und Komorbidität (Jugendliche, Symptombeginn zwischen 7 und 12 Jahren) (Querschnittstudie, n = 1.894, E 3.)11
- Beeinträchtigung, die ähnlich ausgeprägt war (Kinder, ADHS-Beginn zwischen 7 und 12 Jahren) (Querschnittstudie, n = 232, E 3.)12
- Symptomen, CBCL-Skalen und globaler Beeinträchtigung, also in keinem Maß (12- bis 14-Jährige mit allen DSM-IV-Kriterien außer dem Beginn einer Beeinträchtigung vor 7 Jahren) (Querschnittstudie, n = 191, E 3.)13 Beide Gruppen waren stärker beeinträchtigt als Jugendliche ohne ADHS.
- kognitiven und Aufmerksamkeitsleistungen (Erwachsene, Beginn der Beeinträchtigung zwischen 7 und 12 Jahren) (Querschnittstudie, n = 415, E 3.)14 Früher Beginn ging mit höherem Novelty Seeking einher.
Die Forderung einer Beeinträchtigung vor 7 Jahren verringerte die Treffsicherheit bei aktuell beeinträchtigten Fällen. (Querschnittstudie, DSM-IV-Feldstudie, n = 380, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)15 Von den Kindern und Jugendlichen, die die Symptomkriterien erfüllten, zeigten keine Beeinträchtigung vor 7 Jahren: (Querschnittstudie, DSM-IV-Feldstudie, n = 380, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)15
- 43 % mit vorwiegend unaufmerksamem Typ
- 18 % mit Mischtyp
- nahezu keine mit vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Typ
Wesentliche Änderungen des DSM-5 gegenüber dem DSM-IV betrafen den Beginn der Störung (Symptome bis zum 12. statt bis zum 7. Lebensjahr), eine geringere Zahl erforderlicher Kriterien ab 17 Jahren und den Wegfall von Autismus-Spektrum-Störungen als Ausschlusskriterium. Die Autoren begrüßten die Änderungen überwiegend, hielten die Anhebung des Alterskriteriums für den Beginn jedoch für möglicherweise problematisch. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)16
2. Späte erstmalige Diagnostik
Bedeutung für Betroffene
Viele Menschen erhalten die ADHS-Diagnose erst als Erwachsene. In einer großen Befragung waren rund 7 von 10 Erwachsenen mit ADHS erst ab 18 Jahren diagnostiziert worden. In einer anderen Studie berichteten fast alle im Erwachsenenalter Diagnostizierten, dass die Symptome schon in Kindheit oder Jugend begonnen hatten. Spät Diagnostizierte hatten im Mittel ein etwas milderes Beschwerdebild und seltener Begleiterkrankungen als früh Diagnostizierte, waren aber deutlich stärker belastet als Menschen ohne ADHS.
Die Diagnostik im Erwachsenenalter ist schwierig. ADHS wird oft zunächst als Depression, Angststörung oder andere Störung eingeordnet. Erinnerungen an die eigene Kindheit sind unzuverlässig. Deshalb sollten Angaben von Eltern oder Grundschulzeugnisse hinzugezogen werden. Auch schlechter Schlaf oder übertriebene Angaben in Fragebögen können ein ADHS vortäuschen.
In Bayern und in Katalonien war ADHS bei Erwachsenen weit seltener diagnostiziert, als es nach der Häufigkeit zu erwarten wäre. In mehreren Ländern stieg die Zahl der Diagnosen bei Erwachsenen deutlich an. Viele Betroffene erlebten den Weg zur Diagnose als mühsam. Nach der Diagnose empfanden viele Erleichterung, weil sich lange unerklärte Schwierigkeiten erklären ließen.
Verschiedene Langzeitstudien zeigen, dass die ADHS-Kriterien auch erst im Jugend- oder Erwachsenenalter erstmals erfüllt sein können. Der Anteil dieser Fälle unterscheidet sich je nach Studie erheblich. So fand eine Untersuchung, dass nur 12,6 % der jungen Erwachsenen mit ADHS (18 bis 19 Jahre) bereits mit 11 Jahren ein ADHS hatten (per kalibriertem Screening-Fragebogen erhoben). (Kohortenstudie, n = 5.249, 19 Jahre, E 2b.)17 Das Kindheits-ADHS mit 11 Jahren wurde nicht als klinische Diagnose, sondern mit der Hyperaktivitäts-Subskala des SDQ (kalibriert an DSM-IV-Diagnosen nach DAWBA-Interviews) erhoben. Mit 18 bis 19 Jahren wurden die DSM-5-Kriterien (ohne Alterskriterium) erhoben. Es handelt sich also nicht um „diagnostiziertes“ ADHS im klinischen Sinn.
Es entspricht allerdings bereits der Definition nach DSM 5 oder ICD 11, dass nicht verlangt ist, dass ADHS nur bis zu einem bestimmten Alter erstmals diagnostiziert werden dürfe.
Bei der späten erstmaligen Diagnostik ist zu unterscheiden, ob die Symptome bereits im Kindesalter so stark waren, dass eine ADHS-Diagnose hätte gegeben werden können (übersehene Diagnose), ob die Symptome in der Kindheit dafür nicht ausreichten und sich die Symptome erst später intensiviert haben oder ob alle ADHS-Symptome sich erstmals nach den von DSM und ICD genannten Altersgrenzen entwickelt haben (de novo late-onset ADHS).
Es wird diskutiert, ob sich ein spät diagnostiziertes ADHS substanziell von Kindheits-ADHS unterscheidet. Eine Studie fand bei nur 17,2 % der Kinder mit ADHS auch als junge Erwachsene noch ein ADHS, und nur bei 12,6 % der jungen Erwachsenen mit ADHS ein ADHS bereits in deren Kindheit (Screening mit 11 Jahren). (Kohortenstudie, n = 5.249, 19 Jahre, E 2b.)18 DSM und ICD verlangen allerdings kein Vollbild im Kindesalter, sondern lediglich mehrere (= mindestens 2) Symptome im Alter bis 11 Jahre (ICD-11 und DSM 5), was die Aussagekraft dieser Zahlen begrenzt. Andere Studien zur Persistenz von Kindheits-ADHS ins Erwachsenenalter sprechen von bis zu 66 % (siehe oben).
Während ADHS im Kindesalter eine höhere genetische Überschneidung mit Hyperaktivität und Autismus und die höchste Belastung durch seltene proteinkürzende Varianten in evolutionär eingeschränkten Genen zeigte, fand sich bei spät (ab 18 Jahren) diagnostiziertem ADHS eine größere genetische Überschneidung mit Depressionen und keine erhöhte Belastung durch seltene proteinkürzende Varianten. (Genetische Fall-Kontroll-Studie, N = 61.615 (häufige Varianten), N = 16.299 (seltene Varianten), E 3.)2
Von 13.527 Erwachsenen mit selbstberichteter ADHS-Diagnose waren 71,5 % erst im Erwachsenenalter (ab 18 Jahren) diagnostiziert worden. (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19 Von 214 Erwachsenen mit ADHS einer Spezialambulanz waren nur 34,4 % bereits in Kindheit oder Jugend diagnostiziert worden. (Querschnittstudie, n = 214, E 3.)20 95 % der im Erwachsenenalter Diagnostizierten berichteten einen Symptombeginn in Kindheit oder Jugend. (Querschnittstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)21
(E 3): Erst im Erwachsenenalter Diagnostizierte zeigten
- gegenüber in Kindheit oder Jugend Diagnostizierten:
- schwerere ADHS-Symptome (Querschnittstudie, n = 214, E 3.)20
- ähnliche klinische Merkmale (Querschnittstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)21
- ein milderes Profil nach Adjustierung für Alter und Geschlecht bei: (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19
- psychiatrischen Komorbiditäten (8 von 9 niedriger), z. B. PTBS −7,50 Prozentpunkte (−9,25 bis −5,88), bipolare Störung −7,44 (−8,99 bis −6,00), Persönlichkeitsstörung −4,78 (−5,89 bis −3,81)
- Beeinträchtigung (7 von 9 Maßen niedriger), z. B. körperliche Gesundheit −3,63 Prozentpunkte (−4,83 bis −2,44)
- somatischen Erkrankungen (6 von 9 Kategorien niedriger), z. B. Lungenerkrankungen −7,88 Prozentpunkte (−9,73 bis −5,79)
- polygenem ADHS-Risikoscore, d = −0,17 (−0,21 bis −0,12)
- ebenso wie in Kindheit oder Jugend Diagnostizierte gegenüber gematchten Kontrollen ohne ADHS deutlich mehr Komorbiditäten und Beeinträchtigungen und höhere polygene ADHS-Risikoscores, z. B. für: (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19
- Depression
- +39,33 Prozentpunkte bei Diagnose im Erwachsenenalter
- +36,92 Prozentpunkte bei Diagnose in Kindheit/Jugend
- polygenen ADHS-Risikoscore
- d = 0,21 bei Diagnose in Kindheit/Jugend
- d = 0,12 bei Diagnose im Erwachsenenalter
- Depression
Die Odds Ratios für eine erst im Erwachsenenalter gestellte Diagnose betrugen für: (Querschnittstudie, n = 214, E 3.)20
- mehr Bildungsjahre, OR 1,207 (1,023 bis 1,425)
- höheres Alter, OR 1,172 (1,050 bis 1,308)
- stärkeres maladaptives Tagträumen (exzessives, beeinträchtigendes Tagträumen), OR 1,012 (1,002 bis 1,022)
- aktuelle ADHS-Medikation, OR 0,398 (0,208 bis 0,762)
Die Autoren vermuteten, dass maladaptives Tagträumen ADHS-Symptome maskieren und die Diagnose verzögern kann. (Querschnittstudie, n = 214, E 3.)20
(E 2b): Die Zahl der ADHS-Diagnosen stieg in mehreren Ländern deutlich an. Es stieg
- die Jahresprävalenz von diagnostiziertem ADHS:
- bei Kindern von 5 bis 11 Jahren von 2,96 auf 3,74 % (2007 bis 2016, US-Krankenversicherung Kaiser Permanente Nordkalifornien) (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, n = 867.453 Kinder, 10 Jahre, E 2b.)22
- bei Erwachsenen von 0,43 % auf 0,96 % (2007 bis 2016, US-Krankenversicherung Kaiser Permanente Nordkalifornien) (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, n = 867.453 Kinder, 10 Jahre, E 2b.)22
- über alle Altersgruppen von 1,1 auf 4,8 je 1.000 (2006 bis 2011, Schweden) (Registerstudie, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)23
- bei Erwachsenen von 0,58 (2006) auf 3,54 je 1.000 (2011, Schweden) (Registerstudie, N = 44.364, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)24
- die Inzidenz neuer ADHS-Diagnosen:
- bei Erwachsenen von 9,43 auf 13,49 pro 10.000 Personenjahre (2007 bis 2016, Kaiser Permanente Nordkalifornien) (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, n = 867.453 Kinder, 10 Jahre, E 2b.)22
- über alle Altersgruppen (Rate der Neudiagnosen) von 0,6 (2007) auf 1,3 je 1.000 (2011, Schweden) (Registerstudie, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)23
- bei Erwachsenen von 0,39 (2007) auf 0,90 je 1.000 (2011, Schweden, n = 24.921 Neudiagnosen) (Registerstudie, N = 44.364, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)24
- für erstmals im Erwachsenenalter gestellte Diagnosen exponentiell (1995 bis 2012, Dänemark) (Registerstudie, n = 6.701, 17 Jahre, E 2b.)25
Seltener diagnostiziert wurden Erwachsene bei: (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, n = 867.453 Kinder, 10 Jahre, E 2b.)22
- über 65 Jahre (gegenüber 18 bis 24 Jahre), OR = 0,094 (0,088 bis 0,101)
- asiatischer Herkunft (gegenüber Weißen), OR = 0,248 (0,240 bis 0,257)
- im Ruhestand (gegenüber Erwerbstätigen), OR = 0,278 (0,267 bis 0,290)
- Frauen, OR = 0,943 (0,928 bis 0,959)
Von den erstmals im Erwachsenenalter Diagnostizierten in Dänemark wurden erstmals diagnostiziert: (Registerstudie, n = 6.701, 17 Jahre, E 2b.)25
- 56,5 % mit 18 bis 29 Jahren
- 3,0 % ab 50 Jahren
Die Diagnosen waren instabil: (Registerstudie, n = 6.701, 17 Jahre, E 2b.)25
- 40,4 % mit anderer psychiatrischer Diagnose vor der ADHS-Diagnose
- davon 25,8 % der vorherigen anderen Diagnosen gegen Stimulanzien sprechend (neben Substanzgebrauch überwiegend psychotische Störungen)
- 17,4 % mit anderer Diagnose nach der ADHS-Diagnose
- davon 40,0 % der späteren anderen Diagnosen gegen Stimulanzien sprechend
Das mittlere Alter bei Neudiagnose stieg in Schweden von 21,2 (2007) auf 22,3 Jahre (2011). Bei Erwachsenen waren Substanzmissbrauch (15,1 %) und Angststörungen (12,1 %) die häufigsten Komorbiditäten, bei Kindern Autismus, Asperger-Syndrom und oppositionelle Störung. Depression, Angst, bipolare Störung, Persönlichkeitsstörung und Substanzmissbrauch nahmen mit dem Alter zu. Die meisten Diagnostizierten wurden unabhängig vom Alter medikamentös behandelt, am häufigsten mit Methylphenidat. (Registerstudie, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)23 52,6 % der Erwachsenen mit diagnostiziertem ADHS hatten mindestens eine Komorbidität (Neudiagnostizierte 54,0 %), am häufigsten Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen und Depression. (Registerstudie, N = 44.364, herstellerfinanziert, Autor bei Hersteller angestellt, E 2b.)24
(E 3): Die dokumentierte ADHS-Diagnoseprävalenz bei Erwachsenen lag weit unter der erwarteten Prävalenz und betrug:
- rund 0,1 % bei gesetzlich versicherten Erwachsenen in Bayern 2012, bei einer erwarteten Prävalenz von rund 3 % (Vollerhebung von Routinedaten, n = 10.529, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)26
- 0,04 % bei 18- bis 44-Jährigen in der hausärztlichen Versorgung, entsprechend 1/85 der Bevölkerungsprävalenz von 3,4 %, nach Geschlecht: (Querschnittstudie, n = 2.452.107, E 3.)27
- 0,07 % bei Männern
- 0,02 % bei Frauen
In Bayern stellten Hausärzte rund 56 % der Neudiagnosen. Von diesen Patienten suchten 29 % (710) binnen eines Jahres einen Facharzt für ZNS-Erkrankungen auf. Dort wurde die ADHS-Diagnose bei 142 bestätigt, bei 568 stand eine andere Erkrankung (überwiegend affektive Störungen, Angst- oder Belastungsstörungen) im Vordergrund. (Vollerhebung von Routinedaten, n = 10.529, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)26 In der hausärztlichen Versorgung erhielten 32,05 % der Diagnostizierten eine ADHS-spezifische Medikation. (Querschnittstudie, n = 2.452.107, E 3.)27
(E 2b): Retrospektive Angaben zu ADHS-Symptomen in der Kindheit und zum Symptombeginn waren unzuverlässig. (Kohortenstudie, N = 271, 33 Jahre, E 2b.)28 (Kohortenstudie, N = 344, 16 Jahre, E 2b.)29 (Kohortenstudie, n = 138, E 2b.)30 (Längsschnittstudie, n = 177, 1 Jahr, E 3.)31 (Follow-up-Studie, n = 40, E 3.)32 Im Einzelnen fanden sich für:
- Selbstbericht mit im Mittel 41 Jahren (Kohorte mit 33-jähriger Verlaufsbeobachtung): 5 % der Kontrollen, bei denen in der Kindheit ein ADHS ausgeschlossen worden war, hatten ein ADHS. Alle 7 berichteten rückblickend beeinträchtigende Symptome vor dem 12. Lebensjahr, 6 davon vor dem 7. Lebensjahr, aber nur 1 von 7 hatte mit 18 Jahren nach Eltern- und Selbstbericht ein ADHS. Bei den Probanden stieg das selbstberichtete ADHS von 4 % mit 25 auf 22 % mit 41 Jahren. Die Autoren sehen darin Zweifel an der Verlässlichkeit retrospektiver Angaben Erwachsener zur Kindheit. (Kohortenstudie, N = 271, 33 Jahre, E 2b.)28
- rückblickende Befragung mit im Mittel 25 Jahren: 78 % der als Kinder diagnostizierten Probanden und 11 % der Kontrollen wurden als Kinder mit ADHS eingestuft. Bei Übertragung auf die Bevölkerungsprävalenz betrug der positive Vorhersagewert nur 0,27. Demnach wären nur 27 % der rückblickend als Kindheits-ADHS eingestuften Erwachsenen korrekt erkannt. (Kohortenstudie, N = 344, 16 Jahre, E 2b.)29 Am besten unterschieden Ablenkbarkeit, Konzentrationsprobleme, Klagen über Unaufmerksamkeit, Handeln vor dem Denken, Getriebenheit und Zappeln.
- Angaben 25-Jähriger mit ADHS-Symptomen und Beeinträchtigung zum Beginn ihrer Symptome: kaum Unterscheidung zwischen Personen mit und ohne in der Kindheit tatsächlich erhobene ADHS-Symptome, AUC der vier Abfragemethoden bei: (Kohortenstudie, n = 138, E 2b.)30
- mindestens sechs erinnerten Unaufmerksamkeits- oder Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptomen: AUC 0,68 (95 %-KI 0,61 bis 0,76)
- mindestens drei erinnerten Symptomen: AUC 0,62 (95 %-KI 0,55 bis 0,69)
- Angabe des Alters bei Symptombeginn: AUC 0,60 (95 %-KI 0,52 bis 0,69)
- mindestens einem erinnerten Symptom zwischen 7 und 12 Jahren: AUC 0,57 (95 %-KI 0,51 bis 0,62), Sensitivität 94 %, Spezifität 20 %
- elterliche Angaben zum Alter bei Symptombeginn: nach einem Jahr nur mäßig stabil (medianes Kappa 0,48) (Längsschnittstudie, n = 177, 1 Jahr, E 3.)31
- die Wender Utah Rating Scale (WURS) bei Erwachsenen, die in der Kindheit stationär wegen ADHS oder wegen einer Störung des Sozialverhaltens (SSV, ADHS ausgeschlossen) behandelt worden waren: Nur die 5 IDA-Items der WURS trennten signifikant zwischen beiden Gruppen (p = 0,001, d = 1,14), nicht aber die WURS und ihre übrigen Kurzformen. Bei einer Sensitivität von 90 % betrug die Spezifität nur 40 %, sodass bei 60 % der früheren SSV-Patienten fälschlich eine kindliche ADHS angenommen worden wäre. (Follow-up-Studie, n = 40, E 3.)32
- Milwaukee: nur 47 % der als Kind Diagnostizierten berichteten im jungen Erwachsenenalter selbst ein Kindheits-ADHS (YARS-Selbsteinschätzung), die Übereinstimmung mit dem Elternurteil zu den Kindheitssymptomen lag bei 20 %, Sekundärzitat über Simon et al. (Systematischer Review, k = 11, E 3.)33
Die retrospektive Selbstbeurteilung kindlicher ADHS-Symptome sollte daher durch Fremdanamnese (z. B. Eltern) oder Schulzeugnisse ergänzt werden. (Follow-up-Studie, n = 40, E 3.)32
Grundschulzeugnisse können bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen den von der S3-Leitlinie geforderten Nachweis eines Symptombeginns in der Kindheit unterstützen. Mit dem Algorithmus ADHS-ZEBRA liegt ein Verfahren vor, das Zeugnistexte systematisch nach ICD-10-, ICD-11- und DSM-5-Kriterien auf Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität auswertet. (Methodenartikel, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)34 Daraus folgt nicht, dass Grundschulzeugnisinhalte eine zwingende Voraussetzung für eine ADHJS-Diagnose sind. Sie sind lediglich ein mögliches Hinweisinstrument.
Wissenschaftlich: Genetische Überschneidung von spät diagnostiziertem ADHS mit Intelligenz
Spät (ab 18 Jahren) diagnostiziertes ADHS zeigte die stärkste negative genetische Korrelation mit Intelligenz (rg = -0,42, Kindheits-ADHS rg = -0,34). Seine mit Intelligenz geteilten Genorte waren eher mit synaptischen und neuronalen Signalwegen verbunden, die des Kindheits-ADHS mit frühen neuronalen Entwicklungsprozessen. (Genomweite Cross-Trait-Analyse, N über 300.000, E 3.)35
(E 4): Viele Erwachsene mit ADHS bleiben undiagnostiziert und unbehandelt, in Spanien die meisten. (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37 Sie stellen sich in psychiatrischen Kliniken häufiger wegen komorbider Störungen (Depression, Angststörungen, Alkoholmissbrauch) vor als wegen ADHS, und ADHS-Symptome wie Stimmungsinstabilität, innere Anspannung und Unruhe werden oft der Komorbidität zugeschrieben, etwa als Angststörung fehldiagnostiziert. (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36
(E 3): Als Hindernisse einer Diagnose im Erwachsenenalter wurden genannt:
- hohe psychiatrische Komorbidität und Überlappung der Symptome mit anderen psychischen Störungen, mit häufigen vorherigen Fehldiagnosen und Spätdiagnosen (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)38 (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37
- Stigma, auch Stigmatisierung adulter ADHS durch Ärzte (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)38 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37
- die irrige Annahme, ADHS bestehe nicht bis ins Erwachsenenalter fort (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36 (Bibliometrische Analyse, k = 747, E 3.)39
- in Frankreich in Publikationen ausschließlich französischer Autoren seltener anerkanntes Fortbestehen von ADHS im Erwachsenenalter (29,10 % gegenüber 42,14 %) und häufiger psychodynamische Konzepte (10,45 % gegenüber 1,67 %), sodass eine späte oder fehlende Diagnose im Erwachsenenalter auch auf fachliche Traditionen zurückgehen kann (Bibliometrische Analyse, k = 747, E 3.)39
- fehlende psychiatrische Ressourcen (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)38
- unklare Diagnosekriterien für Erwachsene (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36
- die Annahme, ADHS sei weniger schwerwiegend als die Komorbiditäten (Narrativer Review, 99 Artikel, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)36(Irrig - siehe Folgen von ADHS: verkürzte Lebenserwartung 7 bis 11 Jahre).
- unzureichende Ausbildung von Fachpersonal (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37
- fehlende Transitionsprotokolle aus der Kinder- und Jugendversorgung (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37
Erwachsene mit spät gestellter ADHS-Diagnose beschrieben den Diagnoseweg als mühsam. Oft wurde die Diagnose erst gestellt, nachdem ihre Kinder diagnostiziert worden waren. Nach der Diagnose berichteten viele zunächst Erleichterung, weil sich bisher unerklärliche Symptome und das Gefühl des Andersseins erklären ließen. (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)38
Im mittleren Lebensalter diagnostizierte Erwachsene in Israel beschrieben neben Nachteilen auch Vorteile der späten Diagnose. Sie hatten Anderssein ohne Diagnose erlebt. Die späte Diagnose löste sie nach eigenen Angaben von medizinischen und gesellschaftlichen Erwartungen und ermöglichte manchen, eigenes Wissen und eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. (Ethnografische Studie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)40
Der Symptomausdruck von ADHS (Item-Response-Analyse der 18 DSM-IV-Symptome) unterschied sich nicht zwischen Erwachsenen mit einem Beginnalter von: (Querschnittstudie, Bevölkerungsbefragung, N = 34.653, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)41
- bis 7 Jahre (n = 364)
- über 7 bis 12 Jahre (n = 252)
- über 12 bis 18 Jahre (n = 148)
Die Autoren folgerten, dass das Kriterium des Beginnalters bis 18 Jahre ausgedehnt werden könnte, ohne die psychometrischen Eigenschaften der Symptome zu verändern.
Von Studierenden waren 56 % schlechte Schläfer. Diese berichteten auch nach Kontrolle depressiver Symptome mehr unaufmerksame und hyperaktiv-impulsive Symptome, mehr SCT-Symptome, mehr exekutive Probleme und mehr Beeinträchtigung, unterschieden sich in objektiven kognitiven Tests aber nicht von guten Schläfern. Schlechter Schlaf kann daher bei erstmals im Studium vorgebrachten ADHS-ähnlichen Beschwerden zu Fehldiagnosen führen, eine sorgfältige Schlafanamnese ist nötig. (Querschnittstudie, n = 99, E 3.)42
Bei der ADHS-Abklärung Erwachsener können extrem hohe BAARS-IV-Selbstberichtswerte auf eine Symptomüberberichtung hinweisen. (Querschnittstudie, retrospektiv, n = 162, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)43 Klassifikationsgüte gegenüber Symptomvalidierungstests für: (Querschnittstudie, retrospektiv, n = 162, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)43
- Current Total und Current SCT kombiniert: Sensitivität 57 %, Spezifität 90 % oder höher
- Current Total, Rohwert 56 oder höher: AUC 0,83, Sensitivität 47 %, Spezifität 90 % oder höher
- Current Inattention, 31 oder höher: Sensitivität 47 %, Spezifität 90 %
- Current SCT, 29 oder höher: Sensitivität 46 %, Spezifität 88 %
Die Autoren empfehlen, Werte über beiden Grenzwerten zumindest als Anlass für eine weitere Validitätsprüfung zu nehmen.
Ob eine im Erwachsenenalter erstmals gestellte ADS-Diagnose Betroffenen hilft, ist umstritten. Weniger argumentierte, die Diagnose beruhe auf der Gesamtschau einer auffälligen Lebensweise und fördere ein schwer auflösbares Selbstkonzept. Alm und Sobanski entgegneten, Patienten erlebten die Diagnose als Rahmen, Emotionen und Handlungen zu verstehen und ihre Ressourcen zu nutzen. (Kontroverse, E 4.)44
Bei Erwachsenen mit ADHS einer Gedächtnisambulanz (Durchschnittsalter 37 Jahre) wurde ADHS meist erstmals im Erwachsenenalter diagnostiziert, überwiegend als Mischtyp. Hauptbeschwerden waren Vergesslichkeit und Ablenkbarkeit. Bei 59 % fand sich ein symptomverstärkender Stressor. Häufigste Komorbidität war eine Depression, signifikant häufiger bei Frauen. (Fallserie, n = 86, 53 % Männer, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)45
2.1. Übersehenes Kindheits-ADHS: spät erkanntes ADHS
Bedeutung für Betroffene
Viele Erwachsene, die erst spät eine ADHS-Diagnose erhalten, hatten schon als Kind deutliche Symptome. Das ADHS wurde damals nur nicht erkannt. Früher war ADHS nur wenigen Ärzten und Psychologen geläufig. Für diesen Fall wird der Begriff „spät erkanntes ADHS“ vorgeschlagen.
In Studien hatten die meisten spät Diagnostizierten schon in der Kindheit leichtere ADHS-Symptome, die Hälfte erfüllte nach eigener Erinnerung bereits die vollen Kriterien. Oft war vorher eine andere psychische Störung diagnostiziert worden. Frauen erhielten die Diagnose im Mittel etwa 4 Jahre später als Männer. Manchmal fällt ADHS bei Eltern erst auf, wenn ihr Kind untersucht wird. Eine frühe und dauerhafte Behandlung mit Methylphenidat ging in einer Studie mit selteneren affektiven Störungen im späteren Leben einher.
Die späte Diagnose löste gemischte Gefühle aus. Viele empfanden Erleichterung und weniger Schuldgefühle, andere Trauer oder Ärger darüber, dass die Diagnose nicht früher gestellt worden war.
Viele Betroffene, die im Erwachsenenalter erstmals mit ADHS diagnostiziert werden, hatten bereits im Kindesalter ausreichend viele und starke Symptome, um bereits damals eine ADHS-Diagnose zu erhalten.
Im letzten Jahrtausend war ADHS nur wenigen Ärzten und Psychologen geläufig.
Wir schlagen für diesen Fall die Bezeichnung “Late seen ADHD” oder “Late recognized ADHD” und im Deutschen “spät erkanntes ADHS” vor.
Wissenschaftlich: Genetische Korrelationen bei spät diagnostiziertem ADHS
Bei erst nach dem 18. Lebensjahr diagnostiziertem ADHS (mit retrospektiv erinnerten Kindheitssymptomen) war die genetische Korrelation mit Major Depression (rg 0,58 gegenüber 0,38) und Suizidversuchen (rg 0,74 gegenüber 0,46) stärker und mit dem Bildungsabschluss stärker negativ (rg −0,63 gegenüber −0,48) als bei in der Kindheit diagnostiziertem ADHS. (Genetische Assoziationsstudie, Sekundäranalyse, n = 14.878 Kindheits- und 6.961 Erwachsenendiagnosen, 38.303 Kontrollen, E 3.)46
Von 508 zwischen 2001 und 2006 psychiatrisch stationär behandelten Jugendlichen (13 bis 17 Jahre) erhielten 29 vor und 55 erst nach dem 18. Lebensjahr eine ADHS-Diagnose (Nachbeobachtung bis 2023). In den Jahren 2021 und 2022 stiegen die Neudiagnosen stark an. (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47
(E 2b): Eine späte ADHS-Diagnose ging einher mit:
- weiblichem Geschlecht (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47 (Registerstudie, Querschnitt, n = 85.330 mit ADHS, 426.626 Kontrollen, herstellerfinanziert, E 3.)48
- Diagnose oder medikamentöse Behandlung bei Frauen im Mittel etwa 4 Jahre später als bei Männern (23,5 gegenüber 19,6 Jahre) (Registerstudie, Querschnitt, n = 85.330 mit ADHS, 426.626 Kontrollen, herstellerfinanziert, E 3.)48
- höhere Wahrscheinlichkeit einer späten Diagnose bei weiblichem Geschlecht in Kombination mit Angststörungen (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47
- mehr psychiatrischen Komorbiditäten bzw. früheren anderen psychiatrischen Diagnosen (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47 (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- andere psychiatrische Diagnose vor dem 18. Lebensjahr bei 50 % der erst im Erwachsenenalter Diagnostizierten (Vergleichsgruppe 20,14 %) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- seltenerem disruptivem Verhalten bzw. seltenerer Störung des Sozialverhaltens in Kindheit und Jugend (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47 (Querschnittstudie, n = 100, E 3.)50
- disruptives Verhalten in Kindheit und Jugend bei 5 % der erst im Erwachsenenalter fachärztlich Vorgestellten (n = 40) gegenüber 41,7 % der bereits vor dem 18. Lebensjahr Vorgestellten (n = 60) (Querschnittstudie, n = 100, E 3.)50
- Störung des Sozialverhaltens mit früher Diagnose verbunden (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47
- weniger in der Jugend berichteten ADHS-Symptomen (gegenüber Jugendlichen ohne spätere ADHS-Diagnose) (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47
(E 2b): Von den erst im Erwachsenenalter mit ADHS Diagnostizierten hatten bereits in der Kindheit ADHS-Symptome:
- 88 % (Mehrheit) in milderer Ausprägung nach Elternangaben (etwa dreifach erhöhte Symptomwerte gegenüber Nichtbetroffenen) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- 75 % nach eigenen Angaben (erstmals diagnostiziert im Alter von durchschnittlich 57 Jahren, keiner als Kind diagnostiziert) (Qualitative Studie, n = 24, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)51
- die Hälfte im Ausmaß der vollen Symptomkriterien (6 Symptome in mindestens einem Bereich) zwischen 5 und 12 Jahren nach eigener Erinnerung (104 Klinikpatienten) (Querschnittstudie, n = 104, E 3.)52
Eltern bemerken nicht selten beim Ausfüllen von ADHS-Fragebögen für ihr Kind, dass sie selbst ähnliche Schwierigkeiten hatten oder haben. Die Autoren empfehlen, bei jeder Kinderdiagnostik nach ADHS der Eltern zu fragen und diese gegebenenfalls zur eigenen Diagnostik zu überweisen. (Klinischer Kommentar mit Fallbeispielen, E 4.)53
(E 3): Im Erwachsenenalter Diagnostizierte erlebten die Diagnose häufig als Entlastung, mit weniger Selbstvorwürfen bzw. Schuldgefühlen. (Scoping Review, k = 41, E 3.)54 (Querschnittstudie mit qualitativen Interviews, n = 201, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)55 Die Reaktionen waren häufig gemischt (Zuversicht, aber auch Hoffnungslosigkeit, Angst und Verwirrung). Viele wünschten sich eine frühere Diagnose und empfanden Ärger oder Trauer. Anfangs traten häufig Identitätsunsicherheit und Zweifel an der Diagnose auf. Forschungslücken bestehen u. a. zu Frauen und zu Erwachsenen mittleren und höheren Alters. (Scoping Review, k = 41, E 3.)54 Die späte Diagnose wurde meist gut angenommen. 47 % der im Erwachsenenalter mit ADHS Diagnostizierten erlebten ihren Diagnoseweg als schwierig bis sehr schwierig. Interviews zeigten schwerwiegende Folgen von Fehldiagnosen. (Querschnittstudie mit qualitativen Interviews, n = 201, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)55
Erwachsene mit ADHS und Komorbidität, deren ADHS in Kindheit und Jugend nicht diagnostiziert worden war (n = 31), hatten eine geringere emotionale Intelligenz (MSCEIT) als Nichtbetroffene (n = 25) und als Erwachsene mit ADHS ohne Komorbidität und ohne frühere Diagnose (n = 31) oder mit Komorbidität und früherer Diagnose (n = 29). Die ADHS-Schwere in der Kindheit (WURS) oder im Erwachsenenalter (CAARS) hing nicht mit der emotionalen Intelligenz zusammen. (Querschnittstudie, n = 116, E 3.)56Die Befunde sprechen dafür, dass eine späte Diagnose bei komorbiden Betroffenen mit geringerer emotionaler Kompetenz einhergeht.
Bei Erwachsenen mit ADHS hatten früh (vor dem 18. Lebensjahr) fachärztlich vorgestellte, aber nie kontinuierlich mit Methylphenidat (MPH) behandelte Betroffene die stärkste aktuelle ADHS-Symptomatik. Eine kontinuierliche MPH-Behandlung (mindestens 12 Monate) vor dem 18. Lebensjahr (n = 20) ging mit selteneren affektiven Störungen im Lebensverlauf (40 % gegenüber 80 % bei nicht früh Behandelten, n = 80) und mit geringerer emotionaler Dysregulation einher. Der Zusammenhang zwischen früher MPH-Behandlung und affektiven Störungen wurde vollständig über negative Emotionalität vermittelt. (Querschnittstudie, n = 100, 69 % bipolare Spektrumsstörungen im Lebensverlauf, nicht randomisiert, E 3.)50
2.2. Subklinisches Kindheits-ADHS: subklinisches Late-Onset-ADHS
Bedeutung für Betroffene
Für eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter muss in der Kindheit kein vollständiges ADHS vorgelegen haben. Es reicht, wenn mindestens 2 Symptome vor dem 12. Lebensjahr vorhanden waren. Bei manchen Menschen waren die Symptome in der Kindheit schwächer und nahmen erst in der Jugend deutlich zu, meist zwischen 12 und 16 Jahren.
Große Langzeitstudien fanden, dass ADHS bei Kindern und ADHS bei Erwachsenen häufig verschiedene Personen betraf. Viele scheinbar spät entstandene Fälle hatten jedoch schon in der Kindheit erhöhte ADHS-Werte oder Verhaltensprobleme. Diese wurden vermutlich durch gute Fähigkeiten, Begabung oder ein stützendes Umfeld ausgeglichen. Die Symptome können erst sichtbar werden, wenn die Anforderungen in Schule, Studium oder Beruf steigen oder die Unterstützung wegfällt.
Menschen mit spät auftretendem ADHS waren mit 18 Jahren ähnlich beeinträchtigt wie Menschen mit ADHS seit der Kindheit. Erinnerungen an die eigene Kindheit erwiesen sich auch hier als wenig verlässlich.
Erwachsene, die erstmals eine ADHS-Diagnose erhalten, müssen keineswegs bereits in der Kindheit ein diagnosefähiges ADHS gehabt haben. Es reicht vollkommen, dass einige (= mindestens 2) Symptome bereits im Alter bis 6 Jahren (DSM IV, ICD 10) bzw. 11 Jahren (DSM 5, ICD 11) aufgetreten waren. Dies entspricht den ganz normalen Definitionen von DSM und ICD.
Um diesen Fall von denjenigen zu unterscheiden, bei denen in der Kindheit höchstens einzelne ADHS-Symptome erkennbar waren (de novo Late-onset), scheint uns der von Liu et al. geprägte Begriff des “subthreshold late onset ADHD” (subklinisches Late-Onset-ADHS) sinnvoll. Liu et al. zogen die Grenze allerdings bei 3 bis 5 Symptomen je Symptombereich (subthreshold) gegenüber 0 bis 2 Symptomen (de novo).
Es gäbe zwar sicher passendere deutschsprachige Begriffe für „Late-Onset“. Diese würden jedoch bei der nicht vermeidbaren Lektüre englischsprachiger Fachliteratur zu mehr Verwirrung führen und das Risiko einer irrtümlichen Übersetzung von „Late-Onset“ mit „spätem Entstehen“ fördern.
Inzwischen gibt es deutliche Hinweise aus umfangreichen Kohortenstudien in verschiedenen Ländern, dass sich ADHS auch nach dem 12. Lebensjahr erstmals zeigen kann, meist im Alter von 12 bis 16 Jahren. Ein völliges Fehlen von Vorläufern (einzelne ADHS-Symptome oder eine externalisierende Störung wie oppositionelles Trotzverhalten) in der Kindheit ist dabei selten. Daten zu einem Beginn im späteren Erwachsenenalter fehlen weitgehend. (Narrativer Review, E 4.)57 Ein Fachjournalbericht fasste mehrere Kohortenstudien zusammen. (E 4.)58
In der Vergleichsgruppe der MTA-Studie (Kinder ohne ADHS, 8 Untersuchungen im Alter von etwa 10 bis 24 Jahren) wurden rund 95 % derjenigen, die in Symptom-Checklisten positiv auf ein Late-Onset-ADHS gescreent wurden, nach umfassender Diagnostik nicht als ADHS eingestuft, meist weil Symptome oder Beeinträchtigungen ausschließlich im Kontext starken Substanzkonsums auftraten. Die meisten verbleibenden Late-Onset-Fälle begannen im Jugendalter. Ein vom übrigen psychiatrischen Verlauf unabhängiges Adult-Onset-ADHS fand sich nicht. (Kohortenstudie, n = 239, 15 Jahre, E 2b.)59
(E 2b): Bevölkerungsbezogene Längsschnittstudien zeigen, dass bei einer Teilgruppe der ADHS-Betroffenen die ADHS-Symptome erst nach der Kindheit zunehmen und sie erstmals in der späteren Jugend oder im frühen Erwachsenenalter die Kriterien für ADHS erfüllen. (Kohortenstudie, n = 9.875, 8 Jahre, E 2b)1 (Zwillings-Kohortenstudie, n = 5.634 Zwillingspaare, 8 Jahre, E 2b)60 (Kohortenstudie, n = 1.571, 10 Jahre, E 2b)61 (Kohortenstudie, n = 1.571, 8 Jahre, E 2b)62 (Zwillings-Kohortenstudie, n = 2.040, 13 Jahre, E 2b)63 (Kohortenstudie, n = 5.249, 19 Jahre, E 2b)17 (Zwillings-Kohortenstudie, n = 8.395 Zwillingspaare, 8 Jahre, E 2b)64 (Kohortenstudie, n = 2.000, 16 Jahre, E 2b)65 (Narrativer Review, Sekundärzitat über Shaw und Sudre (2021), E 4.)66 (Kohortenstudie, n = 4.953, 10 Jahre, E 2b)67
In einer dieser Kohortenstudien hatten 75 % der scheinbaren Late-Onset-Fälle bereits zu mindestens einem früheren Zeitpunkt der Kindheit erhöhte ADHS-Werte. Die übrigen 19 Personen (25 %) zeigten kein typisches neurodevelopmentales Profil (Autismus-Symptome, Sprache, exekutive Funktionen und IQ wie bei Nichtbetroffenen), lediglich Lese- und Rechtschreibprobleme mit 9 Jahren. (Kohortenstudie, n = 4.953, 10 Jahre, E 2b.)68 Eine Studie fand bei 45 % der erst als Erwachsene diagnostizierten ADHS-Betroffenen (retrospektive Erhebung mit DIVA 2.0) kein ADHS-Vollbild im Kindesalter. Diese zeigten weniger Hyperaktivitäts/Impulsivitäts-Symptome, geringere Impulsivität, weniger Kindheitstraumata, seltener Cannabiskonsumstörungen, weniger Arbeitsgedächtnisprobleme und höhere Bildung. Alter, Geschlecht, psychiatrische Symptome und Lebensqualität unterschieden sich nicht. (Fall-Kontroll-Studie, n = 101, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)69 Beides sehen wir als Hinweise für eine höhere Wahrscheinlichkeit einer übersehenen Diagnose in der Kindheit bei guten Copingfähigkeiten. Daneben ist eine höhere Resilienz durch diverse protektive Faktoren denkbar.
(E 2b): Ein in der Kindheit subklinisch angelegtes oder kompensiertes ADHS kann erst hervortreten, wenn die Anforderungen steigen oder die Unterstützung nachlässt. (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70 (Querschnittstudie, n = 104, E 3.)52 (Editorial, E 4.)71 (Narrativer Review, E 4.)72 (Narrativer Review, E 4.)73 (Fallbericht, n = 1, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)74 Genannt wurden
- als kompensierende Faktoren:
- höhere kindliche Ressourcen (verbaler IQ, Lesefähigkeit, sozioökonomische Vorteile) bei Late-Onset-ADHS als bei Kindheits-ADHS, was eine Kompensation oder Stützung der Symptome in der Kindheit nahelegt (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70
- intellektuelle Fähigkeiten und ein strukturiertes Umfeld bei vermutetem subklinischem Kindheits-ADHS, das erst dekompensiert, wenn diese Stütze wegfällt (Editorial, E 4.)71
- Begabung bei Menschen ohne Hyperaktivität, deren Aufmerksamkeitsprobleme mit steigenden Anforderungen an die Exekutivfunktionen im Laufe der Entwicklung erst in der mittleren bis späten Jugend oder im frühen Erwachsenenalter auffallen können (Narrativer Review, E 4.)72 Ein Alterskriterium vor 7 Jahren erschwert das Erkennen solcher Fälle.
- hohe kognitive Fähigkeiten bei einem vermutlich seit der Kindheit bestehenden ADHS, das erst mit 72 Jahren durch eine beginnende Alzheimer-Erkrankung klinisch auffällig wurde (Fallbericht, n = 1, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)74
- als Bedingungen des Hervortretens:
- steigende Anforderungen oder nachlassende Unterstützung im Entwicklungsverlauf, unter denen Symptome und Beeinträchtigung nach einem dimensionalen Modell hervortreten (Deutung der Autorin) (Querschnittstudie, n = 104, E 3.)52
- veränderte Umweltbedingungen oder Komorbiditäten, vor allem schulische, berufliche oder soziale Belastung durch die Anforderungen von Studium oder Arbeit, bei im Erwachsenenalter kompensierten ADHS-Symptomen (Narrativer Review, E 4.)73
Das Vollbild einer Störung entwickelte sich im Verlauf bei:
- 37 % von 54 Kindern im Alter von 7 bis 9 Jahren mit subklinischen psychiatrischen Störungsbildern (am häufigsten spezifische Phobie und ADHS) nach 3 Jahren, Vollbild mindestens einer psychischen Störung (Kohortenstudie, n = 54, 3 Jahre, E 2b.)75 Bei 46,4 % waren die Symptome verschwunden
- rund 15 % der Kinder mit Velo-kardio-fazialem Syndrom (22q11.2-Deletion) ohne ADHS im Alter von etwa 11 Jahren, ADHS-Kriterien mit etwa 15 Jahren (Kohortenstudie, n = 72, 4 Jahre, E 2b.)76 Alle diese Neuerkrankten hatten bereits zu Beginn subschwellige ADHS-Symptome
- rund 14 % der Kinder mit unterschwelligen ADHS-Symptomen im Alter von 9 Jahren, Diagnosekriterien vier Jahre später (Bevölkerungsstudie) (Narrativer Review, Sekundärzitat über Shaw und Sudre (2021), E 4.)66
- 9,8 % der Kinder ohne ADHS im Alter von 6 bis 12 Jahren, volles oder subschwelliges ADHS vier Jahre später (französische Bevölkerungsstichprobe) (Kohortenstudie, N = 1.012, n = 875, 4 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)77
- 3,4 % der Kinder ohne ADHS im Alter von 6 bis 12 Jahren, ADHS-Kriterien vier Jahre später (französische Bevölkerungsstichprobe) (Kohortenstudie, N = 1.012, n = 875, 4 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)77
- 1,1 % der Kinder ohne ADHS im Alter von 6 bis 12 Jahren, ADHS-Kriterien neun Jahre später, im Mittel mit 18 Jahren (französische Bevölkerungsstichprobe) (Kohortenstudie, N = 1.012, n = 492, 9 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)78
Von 4 bis 25 Jahren zeigten 6 % der Kinder aus der Allgemeinbevölkerung einen Verlauf mit spät auftretenden ADHS- und Autismusmerkmalen (Elternurteil), 6 % einen in Kindheit und Jugend abnehmenden Verlauf und 87 % durchgehend niedrige Werte. Die spät auftretende Gruppe hatte gegenüber der unauffälligen Mehrheit häufiger emotionale, Verhaltens- und Beziehungsprobleme (vor allem im jungen Erwachsenenalter), einen niedrigeren IQ, häufiger Krampfanfälle in der Kindheit, einen höheren polygenen Score für Schizophrenie (mittlere Differenz 0,15, p = 0,03) und einen niedrigeren für Exekutivfunktionen (−0,24, p = 0,001). Der polygene ADHS-Score war nur tendenziell erhöht (0,14, p = 0,06). Die spät auftretende Gruppe war geschlechtlich ausgeglichen (54 % männlich), die abnehmende Gruppe überwiegend männlich (73 %). (Kohortenstudie, n = 11.316, 21 Jahre, E 2b.)79
Die Daten von Agnew-Blais et al. anhand einer Zwillings-Kohortenstudie (Zwillings-Kohortenstudie, n = 2.040, 13 Jahre, E 2b)63 geben einen Eindruck von der Entwicklung der ADHS-Symptome bei
- Nichtbetroffenen
- Betroffenen mit Kindheits-ADHS und später remittierendem ADHS
- Betroffenen mit persistierendem Kindheits-ADHS
- (subthreshold) Late-Onset-ADHS
Es werden die Symptome der jeweiligen Gruppe im Alter von 5 bis 12 Jahren mit den Symptomen im Alter von 18 Jahren verglichen (N = 2.040):
Eine weitere Studie untersuchte die Pelotas-Geburtskohorte mit N = 5.249 Personen, die 1993 in Pelotas, Brasilien, geboren wurden, bis zum Alter von 18 bis 19 Jahren, wobei 81,3 % der Kohorte an der Studie teilnahmen. (Kohortenstudie, n = 5.249, 19 Jahre, E 2b)18
Mit 11 Jahren fand sich (per an DSM-IV-Diagnosen kalibriertem Screening-Fragebogen) bei 393 (8,9 %) ein ADHS. Hier waren die meisten ADHS-Betroffenen männlich (63,9 %).
Mit 18 bis 19 Jahren fanden sich bei 492 (12,2 %) alle DSM-5-Kriterien (ohne das Alter bei Beginn der Erkrankung). Nach Ausschluss von Komorbiditäten verblieb eine Prävalenz von 6,3 % (256). Hier überwogen Frauen (nur 39,0 % männlich gegenüber 50,4 % bei Gleichaltrigen ohne ADHS).
Beide Gruppen wiesen im Erwachsenenalter ein höheres Maß an Verkehrsunfällen, kriminellem Verhalten, Inhaftierung, Selbstmordversuchen und Komorbiditäten auf.
Die Ergebnisse deuten auf eine Diskontinuität von ADHS und ein mögliches Late-Onset-ADHS hin.
Mehrere Langzeitstudien (bis zum Alter von 38 Jahren) fanden, dass ADHS bei Kindern und ADHS bei Erwachsenen häufig getrennte Personenkreise betrifft. (Kohortenstudie, n = 1.037, 38 Jahre, E 2b)80 Ein Editorial wertete die übereinstimmenden Befunde dreier Kohorten (Neuseeland, Großbritannien, Brasilien) als starke epidemiologische Evidenz für die Möglichkeit eines Adult-Onset-ADHS. (Editorial, E 4.)81
(E 2b): Von den
- Kindern mit ADHS erfüllten im Erwachsenenalter noch die ADHS-Kriterien:
- Erwachsenen mit ADHS hatten kein ADHS in der Kindheit:
In der Dunedin-Kohorte war die Geschlechterverteilung bei Erwachsenen mit ADHS ausgeglichen, während bei Kindern eine männliche Dominanz bestand. In der Pelotas-Kohorte überwogen bei jungen Erwachsenen mit ADHS Frauen. (Kohortenstudie, n = 5.249, 19 Jahre, E 2b)82 Eine im Jugendalter beginnende, zunehmende Reizbarkeit war überwiegend bei Mädchen zu finden und mit Depression im Jugendalter sowie mit polygenem Risiko für Depression und ADHS verbunden. (Kohortenstudie, n = 7.924, 8 Jahre, E 2b.)83 In den USA verringerte sich der Geschlechterabstand der selbstberichteten, jemals gestellten ADHS-Diagnose bei 18- bis 64-Jährigen zwischen 2007 und 2012 um 31,1 % (von 2,06 Prozentpunkten), bedingt durch eine gestiegene Prävalenz bei Frauen aller Altersgruppen. (Wiederholte Querschnittsbefragung, E 3.)84 Auch dies könnte eine Trennung der Personengruppen andeuten.
Der aktualisierte europäische Konsens zur Behandlung und Diagnose von ADHS bei Erwachsenen von 2018 (Konsensus, E 4.)85 weist darauf hin, dass Erwachsene mit ADHS ihr Kindheitsverhalten häufig nicht erinnern und Angaben zum Symptombeginn innerhalb wie zwischen Informanten oft nicht übereinstimmen. Zudem gibt es Berichte von Erwachsenen mit einem Symptombeginn erst nach dem 7. (DSM IV) bzw. 12. Lebensjahr (DSM 5). In einer Studie lag der retrospektiv berichtete Symptombeginn solcher Late-Onset-Fälle zwischen 7 und 45 Jahren (83 % zwischen 7 und 12 Jahren). (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, n = 79, E 3.)86
Late-Onset: alle DSM-IV-Kriterien außer dem Beginn vor dem 7. Lebensjahr, n = 79, volles ADHS n = 127. 83 % der Late-Onset-Fälle hatten einen Symptombeginn vor dem 12. Lebensjahr. (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)87
(E 2b): Late-Onset-ADHS unterschied sich kaum von ADHS mit frühem Beginn bzw. persistierendem ADHS in:
- Beeinträchtigung bzw. Folgen, mit 18 Jahren gegenüber persistierendem ADHS (Zwillings-Kohortenstudie, n = 2.040, 13 Jahre, E 2b.)88 mit 17 Jahren eher dem frühen Beginn als Nichtbetroffenen ähnlich (Kohortenstudie, n = 1.571, 10 Jahre, E 2b.)61 (Fall-Kontroll-Studie, n = 316, E 3.)89
(Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)87
- Komorbidität bzw. Raten psychischer Störungen, mit 18 Jahren gegenüber persistierendem ADHS (Zwillings-Kohortenstudie, n = 2.040, 13 Jahre, E 2b.)88 (Fall-Kontroll-Studie, n = 316, E 3.)89
(Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)87
- familiärer Häufung (Fall-Kontroll-Studie, n = 316, E 3.)89
(Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)87
- ADHS-Symptomen mit 18 Jahren, gegenüber persistierendem ADHS (Zwillings-Kohortenstudie, n = 2.040, 13 Jahre, E 2b.)88
- Intelligenz (Fall-Kontroll-Studie, n = 316, E 3.)89
- Persönlichkeitsprofil (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, n = 79, E 3.)86
- dem Muster neuropsychologischer Defizite (Late-Onset mit Beginn nach dem 7. Lebensjahr), die Exekutivfunktionen waren beim vollen ADHS am stärksten beeinträchtigt (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)90
- polygenem Risiko und kognitiver Leistung, im Elternurteil (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70
Ein später Symptombeginn stellte zugleich einen milderen Subtyp dar. (Kohortenstudie, n = 1.571, 10 Jahre, E 2b.)61
Subklinisches ADHS (Symptomschwelle nie erreicht, n = 41) war milder und zeigte ein anderes familiäres Übertragungsmuster. (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)87 Subklinisches ADHS unterschied sich neuropsychologisch kaum von Nichtbetroffenen. (Fall-Kontroll-Studie, N = 370, herstellerfinanziert, E 3.)90
Von den erst ab 18 Jahren diagnostizierten ADHS-Betroffenen hatten 27 % eine komorbide Major Depression. (Genetische Fall-Kontroll-Studie, N = 61.615, E 3.)91 Eine im Jugendalter beginnende Reizbarkeit trat überwiegend bei Mädchen auf und war mit Depression und polygenem Risiko für Depression und ADHS verbunden, obwohl ADHS-Diagnosen im Kindesalter in dieser Gruppe selten waren. Die Autoren vermuten, dass sich eine genetische ADHS-Belastung in dieser überwiegend weiblichen Gruppe als Stimmungsproblem äußern könnte. (Kohortenstudie, n = 7.924, 8 Jahre, E 2b.)83
Der Abgleich der mit 22 Jahren selbst erinnerten Kindheitssymptome mit den im Alter von 11 Jahren erhobenen Daten ergab bei jungen Erwachsenen mit aktuellem ADHS-Syndrom (n = 518) niedrige Werte für: (Kohortenstudie, N = 3.810, n = 518, 11 Jahre, E 2b.)92
- negativen Vorhersagewert 62,1 %
- Gesamtgenauigkeit 55,4 %
- positiven Vorhersagewert 40,7 %
- Sensitivität 32,8 %
Falsch positive Erinnerungen gingen mit sozialer Phobie einher, falsch negative mit männlichem Geschlecht und geringerer Schulbildung. Die Autoren halten die Erinnerung an Kindheitssymptome für eine unzuverlässige Methode zur Bestimmung des Entwicklungsverlaufs. (Kohortenstudie, N = 3.810, n = 518, 11 Jahre, E 2b.)92
Von 104 Erwachsenen mit ADHS-Diagnose einer Spezialambulanz erfüllten nach retrospektiver Selbsteinschätzung für das Alter von 5 bis 12 Jahren: (Querschnittstudie, n = 104, E 3.)52
- 75 % mindestens 4 Symptome in mindestens einem Symptombereich
- 50 % die vollen Kindheitskriterien (6 Symptome in mindestens einem Symptombereich)
Das Risiko, erst im Jugend- oder Erwachsenenalter die ADHS-Kriterien zu erfüllen, scheint zudem mit vorausgehenden psychischen Störungen zusammenzuhängen.
(E 2b): Als kindliche Vorläufer eines späten ADHS fanden sich:
- klinische Ausgangsmerkmale und eine familiäre ADHS-Belastung, die Persistenz wie Neuauftreten vorhersagten (Kohortenstudie, N = 1.012, n = 875, 4 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)77 (Kohortenstudie, N = 1.012, n = 492, 9 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)78
- oppositionelles Trotzverhalten und Störungen des Sozialverhaltens, häufiger als bei Personen ohne ADHS (Kommentar, E 4.)93
bei vielen scheinbar im Erwachsenenalter neu aufgetretenen ADHS-Fällen der großen Bevölkerungskohorten (Editorial, E 4.)71
- vermehrte Verhaltensprobleme, die ein De-Novo-Late-Onset-ADHS vorhersagten (Kohortenstudie, n = 9.875, 8 Jahre, E 2b.)94
- höhere Reaktionszeit- und Zeitproduktionsvariabilität bei Geschwistern mit späterem Late-Onset-ADHS gegenüber stabil unauffälligen Geschwistern (Kohortenstudie, n = 193 ADHS, 34 Late-Onset, 111 unauffällige Geschwister, 186 Kontrollen, 6 Jahre, E 2b.)95
- erhöhte ADHS-Symptome bei vielen scheinbar im Erwachsenenalter neu aufgetretenen ADHS-Fällen der großen Bevölkerungskohorten (Brasilien, Großbritannien, Neuseeland) (Editorial, E 4.)71 In der brasilianischen Kohorte waren nur 38 % der Adult-Onset-Fälle nach ADHS- und Sozialverhaltenssymptomen in der Kindheit neurotypisch
In einer dänischen Registerstudie erhöhte jede psychische Störungsgruppe das Risiko für jede später auftretende Störungsgruppe, und zwar in beide Richtungen. ADHS war dort mit Störungen des Sozialverhaltens und emotionalen Störungen des Kindesalters in einer Gruppe zusammengefasst. (Kohortenstudie, N = 5.940.778, 17 Jahre, E 2b.)96 (Kommentar, E 4.)93 Dies ist ebenso wie der (länger bekannte) umgekehrte Zusammenhang, dass ADHS im Kindesalter das Risiko späterer Komorbiditäten erhöht, mit einer gemeinsamen Anfälligkeit für psychische Störungen vereinbar.
Unter 318 Kindern mit perinatalen Risiken und 64 Kontrollen ohne perinatale Risiken fand sich im Alter von 40 Jahren ein positives ADHS-Screening (keine Diagnose) bei: (Kohortenstudie, n = 382, 40 Jahre, E 2b.)97
- 21,6 % derjenigen mit ADHS im Kindesalter (n = 37). Diese hatten zudem ein niedrigeres Bildungsniveau, mehr ADHS-Symptome, mehr exekutive Probleme und häufiger Drogenkonsum.
- 6,3 % derjenigen mit Aufmerksamkeitsproblemen ohne ADHS-Vollbild im Kindesalter (n = 64)
- 6,0 % derjenigen ohne Aufmerksamkeitsprobleme im Kindesalter (n = 217)
- 1,6 % der Kontrollen ohne perinatale Risiken (n = 64)
Subklinische Symptome im Kindesalter waren in dieser Kohorte nicht mit negativen Folgen im Erwachsenenalter verbunden. (Kohortenstudie, n = 382, 40 Jahre, E 2b.)97 Demnach könnten rund 6 % derjenigen Kinder mit perinatalen Risiken ohne Kindheits-ADHS mit 40 Jahren erstmals ADHS-verdächtige Symptome zeigen (Kontrollen: 1,6 %).
Bei Jugendlichen (mittleres Alter 18,65 Jahre) erfüllten neben 1,51 % mit ADHS nach DSM-III-R weitere 1,94 % die Symptomkriterien, nicht aber das Beginnalterkriterium. (Querschnittstudie, Bevölkerungsstichprobe, n = 490, E 3.)98
Wissenschaftlich: Symptomverläufe, graue Substanz und polygenes Risiko
Bei Kindern einer chinesischen Allgemeinbevölkerungskohorte (6 bis 15 Jahre, 2 Nachuntersuchungen im Abstand von je rund 1,14 Jahren) fanden sich drei Verläufe der ADHS-Symptome: ansteigend-hoch (Late-Onset), stabil-niedrig und absteigend-mittel (Remission). Die Verläufe hingen mit dem Volumen der grauen Substanz in Aufmerksamkeits-Hubregionen zusammen (linker ACC/mPFC, rechter IPL, beidseitiger MFG/PCG). Der polygene Risikoscore für ADHS war beim ansteigend-hohen Verlauf am höchsten, gefolgt vom absteigend-mittleren und vom stabil-niedrigen Verlauf. (Kohortenstudie, n = 487, E 2b.)99
Subklinisches ADHS bei Frauen (35 bis 88 Jahre, n = 82) war wie volles ADHS (n = 43) mit mehr belastenden Kindheitserfahrungen und geringerer elterlicher Bindung verbunden. Anders als bei vollem ADHS spielte eine familiäre Häufung keine signifikante Rolle (OR 1,92, 95%-KI 0,75 bis 4,95, volles ADHS OR 7,56, 95%-KI 3,54 bis 16,17). (Querschnittstudie, populationsbasiert, N = 2.741, E 3.)100
Manche Betroffene erfüllen die ADHS-Kriterien erstmals im Jugendalter. In einer Bevölkerungsstudie erfüllten rund 14 % der Kinder mit unterschwelligen ADHS-Symptomen im Alter von 9 Jahren vier Jahre später die Diagnosekriterien. (Narrativer Review, Sekundärzitat über Shaw und Sudre (2021), E 4.)66
ADHS-Symptome können im Erwachsenenalter kompensiert sein und erst bei veränderten Umweltbedingungen oder Komorbiditäten deutlich werden, vor allem unter schulischer, beruflicher oder sozialer Belastung durch die Anforderungen von Studium oder Arbeit. (Narrativer Review, E 4.)73
3. Spätes erstmaliges Auftreten: De-Novo-Late-Onset-ADHS
Bedeutung für Betroffene
Ob ADHS auch ganz ohne Vorzeichen in der Kindheit erstmals im Jugend- oder Erwachsenenalter entstehen kann, ist umstritten. Einige große Langzeitstudien fanden viele Erwachsene mit ADHS, die als Kinder kein ADHS hatten. Bei genauer Prüfung zeigten die meisten dieser Fälle jedoch schon in der Kindheit leichte Symptome oder andere Auffälligkeiten. Andere Fälle ließen sich durch andere psychische Störungen, starken Substanzkonsum, Schlafprobleme oder Messfehler erklären. Ein echter später Beginn blieb nur bei einem kleinen Teil übrig, meist mit Beginn im Jugendalter.
Bei erstmals im Erwachsenenalter auftretenden Beschwerden sollten daher andere Ursachen sorgfältig ausgeschlossen werden. Dazu gehören etwa Depression, Angststörungen, Substanzgebrauch, Schlafstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Hirnverletzungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.
Die übliche ADHS-Behandlung wirkte nach den bisherigen, begrenzten Daten bei spätem Symptombeginn nicht schlechter. Fehlende Grundschulzeugnisse rechtfertigen es nicht, eine Behandlung zu verweigern, wenn die Symptome ein ADHS-Vollbild zeigen.
Ob es ein ADHS gibt, bei dem in der Kindheit keine ADHS-Symptome feststellbar waren, ist umstritten.
Barkley vertritt - unserer Ansicht nach zu Recht - die Auffassung, dass Symptome nicht zwingend bereits in der Kindheit oder Jugend aufgetreten sein müssen, sondern auch noch bis zum Abschluss der Entwicklung des Gehirns (ca. 23 Jahre) erstmals auftreten können.
Noch weiter gehen Erkenntnisse der Dunedin-Geburtskohortenstudie (1.037 Teilnehmer, Verlauf bis zum Alter von 38 Jahren). Diese fand eine Prävalenz von ADHS in der Kindheit von 6 % (überwiegend männlich) und im Alter von 38 Jahren von 3 % (geschlechtlich ausgeglichen). Die Autoren hielten es für möglich, dass Erwachsene mit ADHS-Symptombild keine in der Kindheit beginnende neuronale Entwicklungsstörung haben, und forderten eine Replikation. Die Gruppen von Kindheits-ADHS und Erwachsenen-ADHS überlappten kaum: (Kohortenstudie, n = 1.037, 38 Jahre, E 2b.)3
- nur 3 der 61 Kindheitsfälle (5 %) erfüllten mit 38 Jahren noch die Diagnosekriterien
- 90 % der 31 Erwachsenenfälle hatten in der Kindheit kein ADHS
- die Symptomwerte der Erwachsenenfälle in der Kindheit unterschieden sich im Elternurteil nicht von Kontrollen und waren im Lehrerurteil nur leicht erhöht (ES = 0,31 SD)
- die Erwachsenengruppe zeigte weder in der Kindheit noch im Erwachsenenalter neuropsychologische Defizite und kein polygenes Risiko für Kindheits-ADHS
Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ADHS ein Syndrom ist, das aus hunderten oder gar auch tausenden verschiedenen Ursachen entstehen kann, könnten die unterschiedlichen Entwicklungsverläufe unserer Ansicht nach möglicherweise auch unterschiedliche Umwelteinflussquellen repräsentieren. Denkbar wären bestimmte Umweltgifte oder Krankheiten, die zu verschiedenen Zeiten ihren Beitrag lieferten. Um dies zu eruieren, könnte eine Studie mehrerer Geburtskohorten aus verschiedenen Ländern hilfreich sein.
In einer prospektiven Studie an 263 Kindern (198 mit familiärer ADHS- und/oder ASS-Belastung, 65 ohne) gehörten im Alter von 6 bis 12 Jahren 50 % der Gesamtstichprobe zu Klassen mit unauffälliger Entwicklung, in der Gruppe ohne familiäre Belastung 75 %. (Kohortenstudie, N = 263, n = 198, E 2b.)101
Je nach Alter, bis zu dem die ersten Symptome aufgetreten sein müssen, würden laut einer Bevölkerungsbefragung von Erwachsenen (retrospektive Erinnerung der Befragten) an Personen mit klinischen ADHS-Merkmalen erfasst: (Systematischer Review, k = 31, Sekundärzitat über Kieling et al. 2010, E 3.)102
- 99 % bei einer Altersgrenze von 16 Jahren
- 95 % bei einer Altersgrenze von 12 Jahren
- 50 % bei einer Altersgrenze von 7 Jahren
Die meisten (aber nicht alle) Late-Onset-Fälle entwickelten die Störung zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr. (Narrativer Review, E 4.)103
Demnach hätte (nach retrospektiver Erinnerung) allerdings immer noch jeder hundertste Fall von ADHS einen Entstehungszeitpunkt der ersten Symptome nach dem 16. Lebensjahr. Legt man eine Prävalenz für ADHS von 8 % zugrunde, wären dies 64.000 Menschen in Deutschland, bei 5 % wären es 40.000 Menschen, die ein ADHS mit Symptombeginn nach dem 16. Lebensjahr haben. (Einschätzung ADxS)
Meist zeigte sich, dass bereits in der Kindheit mehrere Symptome vorlagen oder zu mindestens einem Zeitpunkt der Kindheit hohe ADHS-Werte bestanden. (Konsensus, E 4.)104
(E 3): Unter Erwachsenen mit ADHS lag der Anteil nach Beginnalter der Symptome bei: (Querschnittstudie, N = 446, n = 388, E 3.)105
- 95 % mit Symptombeginn in Kindheit oder Jugend bei im Erwachsenenalter erstmals mit ADHS Diagnostizierten (Querschnittstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)21
- 89,9 % mit Beginn in der Kindheit bei 388 Erwachsenen einer ADHS-Spezialambulanz mit aktuellem ADHS-Vollbild (DIVA-2)
- 6,9 % mit Beginn im Erwachsenenalter (27 Fälle, davon 9 mit unterschwelligen Kindheitssymptomen)
- 3,2 % mit Beginn zwischen 12 und 17 Jahren
- 2,8 % (n = 11) mit isoliertem Adult-Onset-ADHS nach Berücksichtigung zeitlich vorausgehender psychischer Störungen und Hypersomnolenz
Die Autoren folgerten aus dem Anteil von 95 %, dass ein Adult-Onset-ADHS, falls es existiert, selten ist. (Querschnittstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)21 In der Spezialambulanz zeigten Adult-Onset-Fälle im Vergleich zu 108 alters- und geschlechtsgleichen Fällen mit Kindheitsbeginn häufiger den unaufmerksamen Typ (66,7 % gegenüber 41,7 %), mildere Symptome und tendenziell häufiger eine Hypersomnolenz (33,3 % gegenüber 17,6 %, p = 0,07). (Querschnittstudie, N = 446, n = 388, E 3.)105
Weiter kann nicht geleugnet werden, dass es Umwelteinflüsse gibt, die auch noch im Erwachsenenalter ADHS-Symptome auslösen oder verstärken können. Mehr hierzu unter Körperliche ADHS-Risikofaktoren und Psychische ADHS-Risikofaktoren im Kapitel Entstehung.
Dies würde sich damit decken, wenn die Erblichkeit von Erwachsenen-ADHS geringer wäre als diejenige von Kinder-ADHS. (E 3): Dies wäre ein Indiz dafür, dass der Anteil von Umwelteinflüssen auf die ADHS-Entstehung bei Erwachsenen höher sein könnte als bei Kindern. (Narrativer Review, E 4)106 (Zwillingsstudie, n = 15.198, E 3)107 (E 2b): Dagegen spricht jedoch, dass die Erblichkeit von ADHS bei Erwachsenen vor allem in Selbstbewertungsstudien niedriger war. Selbstbewertung ging grundsätzlich mit niedrigeren Erblichkeitsschätzungen einher. (Narrativer Review, E 4.)108 (Zwillingsstudie, längsschnittlich, n = 44.607, E 2b.)109 (Fall-Kontroll-Studie, n = 275, E 3.)110 (Zwillingsstudie, n = 6.372 Zwillingspaare, E 3.)111 (Narrativer Review, E 4.)112 (E 3): Die Erblichkeit von ADHS betrug je nach Bewertungsmethode: (Zwillingsstudie, n = 6.372 Zwillingspaare, E 3.)111
- 82 % nach Elternrating bei 11- bis 12-jährigen Zwillingen
- bis zu 70 bis 80 % bei Erwachsenen in Studien mit mehreren Informanten oder klinischen Diagnosen (Narrativer Review, E 4.)108
- 60 % nach Lehrerrating bei 11- bis 12-jährigen Zwillingen
- 48 % nach Selbstbewertung bei 11- bis 12-jährigen Zwillingen
- 30 bis 40 % bei Erwachsenen in Selbstbewertungsstudien (Narrativer Review, E 4.)108
Unabhängig davon nutzt es den erwachsenen Betroffenen nichts, wenn ihnen aufgrund einer fehlenden Feststellung einiger ADHS-Symptome in der Kindheit eine Behandlung im Erwachsenenalter versagt wird. Berichte, dass die üblichen Behandlungsmethoden (insbesondere Stimulanzien) bei Late-Onset-ADHS schlechter oder seltener wirken würden, gibt es nicht. Die Datenlage zum Behandlungsansprechen bei Late-Onset-ADHS ist allerdings begrenzt. Vorläufige, retrospektiv erhobene Daten deuteten darauf hin, dass das Ansprechen auf Medikamente unabhängig vom Beginnalter von den ADHS-Symptomen und Beeinträchtigungen abhing. (Narrativer Review, E 4.)103 Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die das frühere Alterskriterium (Symptombeginn vor 7 Jahren) nicht erfüllten, war das Ansprechen auf Stimulanzien ähnlich wie bei jenen, die es erfüllten. (Systematischer Review, k = 31, E 3.)102 Insofern mag eine besondere Beobachtung durch den behandelnden Arzt sinnvoll sein, eine Versagung einer Behandlung wäre jedoch ein Verstoß gegen die ärztliche Fürsorgepflicht. Dies sehen wir insbesondere, wenn lediglich aufgrund fehlender Grundschulzeugnisse eine Behandlung im Erwachsenenalter verweigert wird, obwohl die Symptome ein ADHS-Vollbild zeigen.
Auch wenn das deutsche Kassenarztrecht im Falle einer Verschreibung von Medikamenten ohne eine Diagnose den Arzt einer Regressforderung aussetzt, berechtigt das den Arzt nicht, eine Behandlung vollständig zu verweigern. Der Arzt mag nicht berechtigt sein, Medikamente als Kassenleistung zu verschreiben, er ist jedoch berechtigt, Medikamente als Privatleistung zu verschreiben. Im jedem Falle bleibt er verpflichtet, einem leidenden Patienten die erforderliche Hilfe zu leisten.
Eine Studie untersuchte 239 Teilnehmer der Vergleichsgruppe der MTA-Studie, die als Kinder kein ADHS hatten und von der Kindheit (im Mittel 9,9 Jahre) bis ins junge Erwachsenenalter (im Mittel 24,4 Jahre) 8-mal untersucht wurden: (Kohortenstudie, n = 239, 14 Jahre, E 2b.)113
- 97 erfüllten in der Jugend nach kombiniertem Eltern-, Lehrer- und Selbsturteil die DSM-5-Symptomschwelle
- 32 davon zeigten zugleich klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen
- 11 davon hatten die Symptomschwelle laut mindestens einer Quelle bereits vor dem 12. Lebensjahr erreicht und galten daher als Fälle mit Beginn in der Kindheit
- Von den verbleibenden 21 waren bei 3 die Symptome besser durch eine Cannabiskonsumstörung erklärt
- Von den verbleibenden 18 hatten 9 vorbestehende oder gleichzeitige andere psychische Störungen. Bei 5 ordnete ein klinisches Gremium die Symptome primär dem anderen Störungsbild zu.
- Von den verbleibenden 13 Fällen, deren erhöhte ADHS-Symptome und Beeinträchtigungen erstmals im Jugendalter auftraten, wurden 7 ausgeschlossen, deren Symptome nur von einer Lehrkraft (6) oder von einer Lehrkraft und sich selbst, aber nur im Unterricht (1) gemeldet wurden
Damit kam die Studie zu 6 Fällen (2,5 % der Vergleichsgruppe ohne ADHS bei Studienbeginn) mit einem De-Novo-Late-Onset-ADHS im Jugendalter (mittleres Beginnalter 14,2 Jahre). Bei 4 dieser 6 Fälle beschränkten sich die Symptome auf die Jugend. 5 der 6 Fälle hatten in der Kindheit überdurchschnittliche, aber unterschwellige ADHS-Symptome. Einen Beginn im Erwachsenenalter fand die Studie bei 2 Fällen (0,8 %), beide mit komplexer psychiatrischer Vorgeschichte. Die häufigste Ursache ausgeschlossener Late-Onset-Symptome im jungen Erwachsenenalter war schwerer Substanzkonsum.
Die Studie unterschätzt unserer Ansicht nach die Häufigkeit von Late-Onset-ADHS, da Beeinträchtigungen im Jugendalter nur im Elternurteil erhoben wurden und Fälle ausgeschlossen wurden, bei denen nur eine Quelle im Jugendalter Symptome berichtete. Letzteres entspricht allerdings dem DSM-5-Erfordernis von Symptomen in mehreren Lebensbereichen. Zudem reichte die Nachbeobachtung nur bis Mitte 20.
Die Studie stellt aber belastbar fest, dass es selbst bei kritischster Betrachtungsweise eine kleine Gruppe von Betroffenen mit einem Late-Onset-ADHS in der Jugend gibt, das allerdings meist auf unterschwellige Kindheitssymptome folgte und oft auf die Jugend beschränkt blieb. (Kurzreview mit Literatursuche, k = 7, E 4)114
Late-Onset-ADHS: spät entstehendes oder spät diagnostiziertes ADHS?
Die Kriterien der Diagnostik von ADHS sahen bis DSM IV vor, dass die ersten Symptome spätestens im Alter von 6 Jahren aufgetreten sein müssen. Mit DSM 5 wurde dies auf ein Alter von unter 12 Jahren erhöht. Dies bedeutet nicht, dass lediglich eine späte Diagnose eines schon damals bestehenden ADHS vorläge. DSM und ICD fordern nämlich nicht, dass bis zum Alter von 11 Jahren schon so viele Symptome vorgelegen haben müssten, dass bereits damals eine Diagnose hätte gegeben werden können, sondern nur, dass einige Symptome erkennbar waren. Daraus folgt zwingend, dass DSM und ICD selbst davon ausgehen, dass sich Symptome noch ab dem 12. Lebensjahr erstmals entwickeln oder verstärken können.
Dennoch sind wir der Auffassung, dass ein erstmaliges Auftreten im Erwachsenenalter (De-Novo-Late-Onset) eher selten sein dürfte. Wir gehen davon aus, dass ein erstmals im Erwachsenenalter auftretendes ADHS in der Regel schon zuvor bestand und bis dahin in den meisten Fällen entweder übersehen, fehldiagnostiziert oder durch intensives Coping überspielt wurde. Derartiges Coping kostet viel Kraft und kann von den wenigsten auf Dauer geleistet werden. Ist die Kraft irgendwann aufgebraucht, bricht die Coping-Fassade zusammen und das ADHS wird sichtbar. Das betrifft insbesondere Frauen.
Das bekanntermaßen schlechte Langzeitgedächtnis von ADHS-Betroffenen und die ADHS-symptomatische erhöhte Unordnung, bei der ein wieder auffindbares Aufbewahren der Grundschulzeugnisse durch den Betroffenen selbst fast eher ein Argument gegen ADHS wäre, kann in so einem Fall eine Verweigerung einer Diagnose alleine deshalb nicht rechtfertigen.
Wir glauben zwar, dass das ADHS in aller Regel bereits früher bestand und nur nicht diagnostiziert wurde (sei es aus Unkenntnis der Ärzte oder Therapeuten, aufgrund eines intensiven Copings, z.B. bei hoher Begabung, oder durch eine gute Struktur im Elternhaus, die im eigenständigen Erwachsenenleben wegfällt). Gleichwohl bleiben einige Fragen dazu offen.114
De-Novo-Late-Onset-ADHS bei Jugendlichen wurde in einem Editorial hypothetisch mit dem bei Jugendlichen normativ nach hinten verschobenen Chronobiorhythmus in Verbindung gebracht. (Editorial, E 4.)115 Mehr zum zirkadianen Rhythmus unter Zirkadiane Rhythmen und Einfluss von Genen im Beitrag Schlafprobleme bei ADHS - Neurophysiologische Korrelate im Abschnitt Neurophysiologische Korrelate von ADHS im Kapitel Neurologisches.
Drei Bevölkerungsstudien berichteten hohe Raten von Adult-Onset-ADHS von: (Narrativer Review, E 4.)116
- 10,3 % in Brasilien
- 5,5 % in Großbritannien
- 2,7 % in Neuseeland
Die hohen Raten von Adult-Onset-ADHS in Bevölkerungskohorten könnten überschätzt sein. (Editorial, E 4.)71 Wesentliche Einschränkungen dieser Studien bestanden bei:
- Informanten (Kindheitsdiagnosen nach Elternurteil, Erwachsenendiagnosen nach Selbsturteil) (Narrativer Review, E 4.)116 (Kindheitsdiagnosen nach Eltern- oder Lehrerurteilen, Erwachsenendiagnosen nach weniger zuverlässigen Selbstberichten) (Editorial, E 4.)71
- falsch positiven Diagnosen (bei 5 % Prävalenz und 5 % Falsch-positiv-Rate wäre die Hälfte der Diagnosen falsch positiv, “false-positive paradox”) (Narrativer Review, E 4.)116 (Editorial, E 4.)71
- Alter der Teilnehmer (in Brasilien und Großbritannien erst 18 bis 19 Jahre) (Narrativer Review, E 4.)116
- Rate des persistierenden Kindheits-ADHS (deutlich unter den Erwartungen, Hinweis auf übersehene Kindheitsfälle) (Narrativer Review, E 4.)116
- geringer Erblichkeit des Erwachsenen-ADHS in der britischen Kohorte (35 %) als möglichem Hinweis auf Messfehler (Editorial, E 4.)71
In allen drei Studien hatten viele Adult-Onset-Fälle in der Kindheit bereits erhöhte ADHS-Symptome, eine Störung des Sozialverhaltens oder oppositionelles Trotzverhalten. Die Autoren schlugen den Begriff “scheinbares Adult-Onset-ADHS” (apparent adult-onset ADHD) vor. Nach Hirnverletzungen kann ein diagnosefähiges sekundäres ADHS auch im Erwachsenenalter entstehen. (Narrativer Review, E 4.)116
In der MTA-Vergleichsgruppe war die häufigste “Late-Onset”-Form ein Symptombeginn in der Jugend, der bis zum Erwachsenenalter wieder remittierte. Nur 2 Fälle mit Beginn im Erwachsenenalter wurden gefunden (unter 1 % der Vergleichsgruppe), beide mit komplexer psychiatrischer Vorgeschichte. 53 bis 83 % der Fälle, die zunächst die Kriterien für Late-Onset-ADHS erfüllten, wurden bei vollständigerer Vorgeschichte ausgeschlossen. Die Autoren schätzen, dass ihre Korrektur rund 80 % der angenommenen Adult-Onset-Fälle epidemiologischer Studien ausschließen würde. (Leserbrief, E 4.)117
Die bisherigen Studien zu Adult-Onset-ADHS waren methodisch nicht ausreichend, um dessen Existenz zu beurteilen. Spät auftretende Symptome scheinen zu existieren. Als mögliche Quellen nannten die Autoren zuvor durch geringe Umweltanforderungen oder unterstützende Faktoren überdeckte Symptome, nicht ausreichend abgeklärte Phänokopien sowie in der Kindheit übersehene Symptome. (Systematischer Review, k = 9, E 2b.)118
Von 507 Personen mit ADHS im Alter von 22 Jahren erfüllten nach Ausschluss von Fällen mit früheren psychischen Auffälligkeiten, abweichendem IQ, anderen psychischen Störungen im Erwachsenenalter oder erheblichem Substanzkonsum nur 31 Personen (6,1 %) die Kriterien eines echten Beginns in Jugend oder Erwachsenenalter. (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119 In einer Verlaufsanalyse (latente Klassen) betrugen die Anteile für: (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119
- stabilen (neurodevelopmentalen) Symptomverlauf, 78,1 %
- nach der Pubertät ansteigenden Symptomverlauf, 21,9 %
Der ansteigende Verlauf war mit weiblichem Geschlecht (71 % der Betroffenen dieses Verlaufs) und höherem IQ (OR 1,04) assoziiert. (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119
Von 87 Frauen ohne ADHS in der Kindheit erfüllten 17 (19,5 %) in Jugend oder Erwachsenenalter die ADHS-Symptomkriterien. 15 davon zeigten keine Hinweise auf einen Beginn in der Kindheit, 10 eine deutliche Beeinträchtigung, 9 situationsübergreifende Symptome. Von diesen 9 hatten alle bis auf eine Frau klinisch relevante komorbide oder vorbestehende psychische Störungen oder Substanzkonsum, die die Symptome erklären könnten. (Kohortenstudie, n = 87, 16 Jahre, E 2b.)120
Von 74 schwedischen Zwillingen (Jahrgänge 1992 bis 1999), die erst im Erwachsenenalter eine ADHS-Diagnose erhielten, zeigten nur 9 (0,06 % der Gesamtstichprobe, davon 6 Frauen) in der Kindheit keine erkennbaren neuropsychiatrischen Symptome. (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49 Der Anteil mit einer anderen psychiatrischen Diagnose vor dem 18. Lebensjahr betrug bei: (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- ADHS-Diagnose in der Kindheit (vor 12 Jahren), 73,20 %, OR = 9,54 (6,96 bis 13,27)
- ADHS-Diagnose in der Jugend (12 bis 18 Jahre), 63,45 %, OR = 6,54 (5,31 bis 8,08)
- ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter, 50 %, OR = 4,29 (2,70 bis 6,82)
- Vergleichsgruppe, 20,14 %
(E 2b): Bei erst in Jugend oder Erwachsenenalter auftretendem oder diagnostiziertem ADHS fanden sich bereits in der Kindheit Auffälligkeiten
- bei ADHS-Symptomen:
- etwa dreimal so hohe ADHS-Symptomwerte wie bei Nichtbetroffenen mit 9 oder 12 Jahren (Elterninterview) bei schwedischen Zwillingen mit ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- mindestens subklinische ADHS-Symptome mit 11 oder 15 Jahren bei 67,5 % von 507 Personen mit ADHS im Alter von 22 Jahren (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119
- bei anderer Psychopathologie: (Kohortenstudie, n = 924, rund 3 Jahre, E 2b.)121
- mehr autistische Züge, Tics und oppositionelles Verhalten als bei Nichtbetroffenen (schwedische Zwillinge mit ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- mehr Symptome anderer psychopathologischer Bereiche als bei Nichtbetroffenen (Jugendliche mit Symptombeginn in der Adoleszenz, in der Kindheit ohne ADHS-Diagnose)
- höherer allgemeiner Psychopathologiefaktor (p-Faktor) als bei Nichtbetroffenen (Jugendliche mit Symptombeginn in der Adoleszenz)
- bei neurokognitiven Funktionen: (Kohortenstudie, n = 193 ADHS, 34 Late-Onset, 111 unauffällige Geschwister, 186 Kontrollen, 6 Jahre, E 2b.)95
- höhere Reaktionszeitvariabilität und Zeitproduktionsvariabilität als bei stabil unauffälligen Geschwistern (Geschwister von Kindern mit ADHS, die nach dem 12. Lebensjahr ein Late-Onset-ADHS entwickelten, mittleres Alter 11,3 Jahre)
- wie bei Kindern mit Kindheits-ADHS in allen neurokognitiven Maßen längere Reaktionszeiten oder mehr Fehler als bei Kontrollen (Geschwister mit späterem Late-Onset-ADHS)
- mehr exekutive Dysfunktionen als bei Nichtbetroffenen (Jugendliche mit Symptombeginn in der Adoleszenz) (Kohortenstudie, n = 924, rund 3 Jahre, E 2b.)121
- bei schulischen Problemen:
- mehr schulische Beeinträchtigung als bei Nichtbetroffenen (Jugendliche mit Symptombeginn in der Adoleszenz) (Kohortenstudie, n = 924, rund 3 Jahre, E 2b.)121
- Lernschwierigkeiten (schwedische Zwillinge mit ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
- bei motorischen Problemen (schwedische Zwillinge mit ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter) (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 74 mit Erwachsenendiagnose, n = 194 mit Kindheits-, n = 394 mit Jugenddiagnose, n = 14.474 Kontrollen, E 2b.)49
Bei 52 % (28 von 54) der Jugendlichen mit ADHS in einer brasilianischen Gemeindekohorte begannen die Symptome erst in der Adoleszenz. Diese Jugendlichen waren ähnlich beeinträchtigt wie Jugendliche mit seit der Kindheit bestehendem ADHS. (Kohortenstudie, n = 924, rund 3 Jahre, E 2b.)121
Mehrere Längsschnittstudien beobachteten ADHS-Symptome, die erst in Adoleszenz oder Erwachsenenalter neu auftraten. Die Ätiologie dieser Gruppe ist unklar. Diese Personen erfüllten bei bekanntem Beginnalter nicht die aktuellen Diagnosekriterien, was die Konzeption von ADHS als Störung der neuronalen Entwicklung in Frage stellt. (Narrativer Review, E 4.)122 Hinsichtlich des polygenen ADHS-Risikos zeigte Late-Onset-ADHS:
- keinen Zusammenhang mit polygenen ADHS-Risikoscores in drei Studien (bei geringer Power) (Narrativer Review, E 4.)122
- bei Erfassung im Elternurteil (Beginn in Jugend oder jungem Erwachsenenalter) ein dem in der Kindheit beginnenden persistierenden ADHS gleichendes polygenes ADHS-Risiko und gleichartige Leistung in kognitiven Tests (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70
- bei Erfassung im Selbsturteil kein dem in der Kindheit beginnenden persistierenden ADHS gleichendes polygenes ADHS-Risiko und keine gleichartige Leistung in kognitiven Tests (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70
- ein niedrigeres polygenes ADHS-Risiko als Fälle mit Kindheitsbeginn (Jugendliche mit Symptombeginn in der Adoleszenz) (Kohortenstudie, n = 924, rund 3 Jahre, E 2b.)121
Wissenschaftlich: Polygenes Risiko bei erst mit 18 Jahren auftretendem ADHS
Personen mit erst im Alter von 18 Jahren erstmals auftretendem ADHS (5,5 %, n = 112) hatten im Gegensatz zu Personen mit persistierendem oder remittiertem Kindheits-ADHS keinen erhöhten polygenen Risikowert für ADHS. (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 2.232, 13 Jahre, E 2b.)123
Late-Onset-ADHS (Beginn in Jugend oder jungem Erwachsenenalter) ging mit mehr kindlichen Ressourcen (verbaler IQ, Lesefähigkeit, mütterliche Bildung, Familieneinkommen) einher als Kindheits-ADHS und war nicht deutlich mit Risikofaktoren für Depression assoziiert. Die Autoren vermuteten, dass kindliche Ressourcen den Beginn von ADHS verzögern können. (Kohortenstudie, n = 4.224 bis 9.764, bis 25 Jahre, E 2b.)70
Die Anteile von 5 Verlaufsgruppen der ADHS-Symptome zwischen 3 und 17 Jahren betrugen für: (Kohortenstudie, n = 10.262, 14 Jahre, E 2b.)124
- unbelastet, 37,6 %
- leicht belastet, 34,8 %
- subklinisch remittierend, 14,4 %
- Beginn in der Adoleszenz, 7,6 %
- stabil hoch, 5,6 %
Jugendliche mit Beginn in der Adoleszenz waren mit 17 Jahren bei Viktimisierung durch Gleichaltrige, psychischer Gesundheit und Delinquenz ähnlich beeinträchtigt wie die stabil hohe Gruppe, nicht jedoch beim Substanzkonsum. Subklinisch Remittierende hatten ein geringeres Selbstwertgefühl und Wohlbefinden als Unbelastete. (Kohortenstudie, n = 10.262, 14 Jahre, E 2b.)124
Erwachsene mit ADHS-Symptombeginn zwischen 7 und 12 Jahren (nach DSM-5 zulässig) hatten im Vergleich zu Erwachsenen mit Beginn vor 7 Jahren stärkere Beeinträchtigungen im Beruf und erlebten weniger familiäre Unterstützung, waren in den übrigen Bereichen aber vergleichbar beeinträchtigt. Die Lebensqualität war unabhängig vom Onset-Alter gegenüber Nichtbetroffenen gemindert. Geringere familiäre Unterstützung und aktuelle Angst-/Depressionssymptome vermittelten den Zusammenhang zwischen ADHS und Lebensqualität bzw. Beeinträchtigung teilweise. (Querschnittstudie, n = 147 mit Beginn vor 7 Jahren, n = 42 mit Beginn zwischen 7 und 12 Jahren, n = 153 Kontrollen, E 3.)125
Wissenschaftlich: Erblichkeit klinisch diagnostizierten Erwachsenen-ADHS
Klinisch diagnostizierte ADHS bei Erwachsenen war mit 0,72 (95%-KI 0,56 bis 0,84) hoch erblich. Niedrigere frühere Schätzungen beruhten nach Ansicht der Autoren auf Beurteilereffekten durch Selbsteinschätzung. (Zwillingsstudie, Register, n = 59.514, E 2b.)126
Wissenschaftlich: Beurteilereffekte bei der Erblichkeit von Erwachsenen-ADHS
Zwillingsstudien bei Erwachsenen fanden eine Erblichkeit von 30 bis 40 %, wenn ADHS allein per Selbstbericht erfasst wurde, dagegen 70 bis 80 % (wie bei Kindern), wenn Selbst- und Elternurteil kombiniert oder klinische Diagnosen verwendet wurden. Die niedrigere Erblichkeit bei Erwachsenen spiegelt daher eher einen Beurteilereffekt als eine echte Entwicklungsveränderung wider. Selbstberichtete ADHS-Verläufe wurden zudem nicht von kognitiv-neurophysiologischen Markern vorhergesagt, die im Elternurteil zwischen persistierendem und remittiertem ADHS unterschieden hatten. (Kommentar, E 4.)127
Berichte über ein De-novo-ADHS mit Beginn im Erwachsenenalter sind umstritten. Bei genauer Prüfung erklären sie sich meist durch zuvor unterschwellige Kindheitssymptome, andere psychische oder körperliche Ursachen oder Messfehler. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128 (E 4): Lässt sich ein Symptombeginn in der Kindheit (vor dem 12. Lebensjahr) nicht belegen, sollten neu aufgetretene Symptome vor der Diagnose eines Adult-Onset-ADHS besonders sorgfältig geprüft und Nachahmer (Mimics) systematisch ausgeschlossen werden. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128 (Leserbrief, E 4.)129 Dazu gehört eine Suche nach auslösenden Umwelt- oder biologischen Faktoren. (Leserbrief, E 4.)129 Als Nicht-ADHS-Ursachen ADHS-ähnlicher Symptome bzw. falsch-positiver ADHS-Symptomangaben bei Erwachsenen nannten die Autoren Symptome bei:
- Hirnverletzungen bzw. Schädel-Hirn-Trauma (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128 (Leserbrief, E 4.)129
- Krankheiten mit Einfluss auf die Kognition und neurologischen Störungen (Leserbrief, E 4.)129
- neurodegenerativen Erkrankungen, deren Frühsymptome als erstmals im Erwachsenenalter auffallende ADHS-ähnliche Symptome erscheinen können (bei einem 34-jährigen Mann mit Unaufmerksamkeit, Unruhe, Impulsivität und Stimmungsschwankungen ohne sicher belegbare Kindheitssymptomatik ergab die Differenzialdiagnostik eine Chorea Huntington) (Fallbericht, E 4.)130
- affektiven Störungen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Angststörungen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Substanzgebrauchsstörungen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Schlafstörungen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Schilddrüsenerkrankungen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Nebenwirkungen von Medikamenten (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)128
- Stressreaktionen (Leserbrief, E 4.)129
- ungesundem Lebensstil (Schlaf, Ernährung, Bewegung) (Leserbrief, E 4.)129
- extremen Umweltanforderungen (Leserbrief, E 4.)129
- Deprivation (Leserbrief, E 4.)129
- Verhaltenssüchten (Leserbrief, E 4.)129
Bei Erwachsenen, die zur neuropsychologischen ADHS-Abklärung überwiesen wurden, sagte eine klinisch erhöhte emotionale/internalisierende Dysfunktion (MMPI-2-RF-EID, T-Wert gleich oder höher 65, n = 238) mehr selbstberichtete aktuelle, nicht aber kindliche ADHS-Symptome vorher (kleine Effekte, η²p 0,021 bis 0,045). Am stärksten war der Effekt bei Personen ohne ADHS (η²p 0,045 bis 0,046). Bei ihnen hob die erhöhte emotionale Dysfunktion die ADHS-Gesamteinstufung vom Normbereich auf ein leichtes klinisches Risiko an. Die Autoren folgerten, dass überzeugend wirkende ADHS-Beschwerden aus nosologisch anderen Störungen entstehen können, und betonten die Erfassung der Kindheitssymptomatik, die von aktueller emotionaler Dysfunktion unbeeinflusst blieb. (Querschnittstudie, n = 527, E 3.)131
4. Very-Late-Onset-ADHS / Senile-Onset / ADHS bei Senioren
Bedeutung für Betroffene
Auch bei älteren Menschen kann ADHS erstmals auffallen. In Gedächtnis- und Demenzambulanzen wurde bei einem kleinen Teil der Menschen mit Gedächtnisbeschwerden statt einer beginnenden Demenz ein ADHS festgestellt. Nach Ansicht der Autoren handelte es sich um ein zuvor ausgeglichenes ADHS, das erst spät sichtbar wurde. Häufig ging ein belastendes Lebensereignis voraus.
Die Beschwerden betrafen vor allem Gedächtnis, Konzentration und Aufmerksamkeit. ADHS und eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) zeigten im Alter teils sehr ähnliche Leistungsprofile, was Fehldiagnosen begünstigen kann. Frauen, die erst nach dem 60. Lebensjahr diagnostiziert wurden, erlebten Diagnose und Behandlung als Hilfe, sich selbst besser anzunehmen.
ADHS wurde diagnostiziert bei:
- 9,7 % der psychiatrischen Patienten ab 65 Jahren (Kontrollen 1,5 %) (Querschnittstudie, n = 261, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)132 Eine wahrscheinliche Kindheits-ADHS (WURS gleich oder höher 36) bestand bei 22,5 %
- 2,2 % (13 von 583) der neuen Patienten mit kognitiven Beschwerden in einem französischen Gedächtniszentrum (10 Frauen, mittleres Alter 50,2 Jahre, 22 bis 75 Jahre) (Fallserie, n = 13, E 4.)133
- 1,6 % (7 von 446) der konsekutiv aufgenommenen Patienten einer Spezialambulanz für Demenz, bei denen zunächst ein Verdacht auf eine Alzheimer-Demenz bestand (bei 6 von 7 auf eine früh beginnende Alzheimer-Demenz) (Beobachtungsstudie, N = 446, n = 7, E 3.)134
Die Autoren bezeichneten ihr zuvor als “Very-Late-Onset-ADHS” beschriebenes Bild nun zutreffender als späte Manifestation (“Late-Manifestation”) eines zuvor kompensierten ADHS. Die 7 Betroffenen hatten vier Merkmale gemeinsam: (Beobachtungsstudie, N = 446, n = 7, E 3.)134
- deutlich jünger (Median 56 Jahre, 6 von 7 unter 65 Jahre) als die übrige Studienpopulation (Median 75 Jahre)
- ausschließlich unaufmerksamkeitsbezogene Symptome (alle erfüllten mindestens 5 Unaufmerksamkeitskriterien, keiner 5 Hyperaktivitäts-/Impulsivitätskriterien)
- latente Manifestation
- belastendes Lebensereignis vor der Manifestation (Stresserfahrung)
Die 13 Patienten des Gedächtniszentrums mit ADHS-Diagnose
- klagten über Probleme bei: (Fallserie, n = 13, E 4.)133
- Gedächtnis, 85 %
- Konzentration, 77 %
- Aufmerksamkeit, 69 %
- Organisation, 54 %
- zeigten neuropsychologisch Defizite bei: (Fallserie, n = 13, E 4.)133
- Verarbeitungsgeschwindigkeit, 75 %
- Daueraufmerksamkeit, 67 %
- Arbeitsgedächtnis, 46 %
- geteilter Aufmerksamkeit, 45 %
- Exekutivfunktionen, 38 %
Motorische, verbale oder mentale Unruhe bestand bei über 20 %. 85 % hatten psychiatrische Vorerkrankungen oder Komorbiditäten, überwiegend Angst und Depression. Bei 46 % bestand ADHS bei Kindern oder Enkeln. Bildgebung (bei 8 Patienten) zeigte keine erklärenden Auffälligkeiten. (Fallserie, n = 13, E 4.)133
Bei älteren Patienten einer Gedächtnisambulanz ließ sich ADHS von MCI durch ein Enkodierungsdefizit (statt Speicherdefizit) und einen erhaltenen semantischen Abruf abgrenzen. (Querschnittstudie, n = 40 ADHS, 29 MCI, 37 Kontrollen, E 3.)135
Die kognitiven Profile älterer Menschen mit ADHS und mit MCI unterschieden sich in keinem getesteten Bereich, was Fehldiagnosen begünstigen kann. (Querschnittstudie, n = 107, E 3.)136
Frauen, die nach dem 60. Lebensjahr eine ADHS-Diagnose erhielten (Alter 62 bis 91 Jahre), berichteten rückblickend von Zurückweisung durch Gleichaltrige, einem Gefühl des Andersseins sowie Schwierigkeiten in Beruf und Beziehungen. Sie hatten kreative Lösungen für ihre Aufmerksamkeitsprobleme gefunden. Diagnose und Behandlung förderten nach ihren Angaben Selbstakzeptanz und die Wertschätzung eigener Stärken. (Qualitative Interviewstudie, n = 9, E 4.)137
5. Late-Onset-ADHS bei Frauen
Bedeutung für Betroffene
Bei Frauen wird ADHS besonders häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. In der Kindheit werden deutlich mehr Jungen diagnostiziert, im Erwachsenenalter ist das Verhältnis ausgeglichener, teils wurden sogar mehr Frauen diagnostiziert. Frauen erhielten die Diagnose im Mittel etwa 4 Jahre später als Männer, oft nachdem zuvor Depressionen oder Angststörungen festgestellt worden waren. Mädchen zeigen häufiger Unaufmerksamkeit und weniger auffällige Hyperaktivität. Ihre Symptome werden deshalb leichter übersehen.
Hormone können ADHS-Symptome beeinflussen. Viele Frauen mit ADHS berichteten von stärkeren Symptomen vor der Menstruation, nach einer Geburt und in den Wechseljahren. Ein sinkender Östrogenspiegel kann Symptome verstärken oder erst sichtbar machen. Frauen mit ADHS hatten häufiger eine prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) und nach einer Geburt häufiger Depressionen und Angststörungen.
Studien zur ADHS-Medikation speziell in den Wechseljahren fehlen bisher. Empfohlen werden eine individuelle Dosierung, Kontrollen von Herz und Kreislauf und die Prüfung einer Hormontherapie als Ergänzung.
Bei Frauen ist eine erst im Erwachsenenalter erfolgende ADHS-Diagnose relativ häufig. Während in der Kindheit sehr viel mehr Jungen als Mädchen diagnostiziert werden, ist das Verhältnis im Erwachsenenalter ausgeglichener.
(Registerstudie, n = 6.173, 6 Jahre, E 2b.)138 (Registerstudie, n = 228.029, 8 Jahre, E 3.)139 (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)5 (Narrativer Review, k = 73, E 4.)140 (Narrativer Review, E 4.)141 (Narrativer Review, E 4.)116
In der Dunedin-Kohorte war ADHS in der Kindheit überwiegend männlich, im Alter von 38 Jahren geschlechtlich ausgeglichen. (Kohortenstudie, n = 1.037, 38 Jahre, E 2b.)3 In US-Gesundheitsbefragungen verringerte sich der Geschlechterunterschied der ADHS-Prävalenz bei Erwachsenen von 2007 bis 2012 um 31,1 %, bedingt durch eine gestiegene Prävalenz bei Frauen aller Altersgruppen. (Querschnittstudie, E 3.)84
Mädchen erfüllen die ADHS-Kriterien knapp halb so oft wie Jungen, bis zum Erwachsenenalter nähert sich das Verhältnis deutlich an. (Narrativer Review, E 4.)141
(E 2b): Das Geschlechterverhältnis (männlich zu weiblich) bei ADHS betrug
- nach der Prävalenz für:
- Kinder je nach Stichprobe (klinisch oder Bevölkerung) 10 zu 1 bis 3 zu 1 (Narrativer Review, k = 73, E 4.)140
- unter 20-Jährige (administrative Prävalenz, taiwanesische Krankenversicherung 2000 bis 2007) 3,87 bis 4,31 (Registerstudie, n = 228.029, 8 Jahre, E 3.)139
- Erwachsene unabhängig von der Stichprobenherkunft 1 zu 1 bis etwa 2 zu 1 (Narrativer Review, k = 73, E 4.)140
- 20- bis 65-Jährige (administrative Prävalenz, taiwanesische Krankenversicherung 2000 bis 2007) 0,35 bis 0,98 (Registerstudie, n = 228.029, 8 Jahre, E 3.)139
- nach der Inzidenz in der taiwanesischen Krankenversicherung (2000 bis 2007) für: (Registerstudie, n = 228.029, 8 Jahre, E 3.)139
- unter 20-Jährige 3,39 bis 4,07
- 20- bis 65-Jährige 0,24 bis 0,76
- in Taiwan unter 1 (im Erwachsenenalter mehr Frauen als Männer mit ADHS diagnostiziert bzw. behandelt) für:
In kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken sind rund 80 % der ADHS-Fälle männlich, in Kliniken für Erwachsene eher rund 50 %. (Narrativer Review, E 4.)116
(E 2b): Ein später Symptombeginn bzw. eine erst spät gestellte ADHS-Diagnose betraf häufiger Frauen. (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119 (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47 (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19 (Querschnittstudie, Bevölkerungsstichprobe, n = 490, E 3.)98
(E 2b): Der Frauenanteil unter Personen mit ADHS betrug:
- 75,3 % unter Erwachsenen, die erst ab 18 Jahren mit ADHS diagnostiziert wurden (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19
- 71,5 % unter in Kindheit oder Jugend Diagnostizierten (Querschnittstudie, n = 13.527, E 3.)19
- 71 % bei einem nach der Pubertät ansteigenden ADHS-Symptomverlauf (21,9 % der Personen mit ADHS im Alter von 22 Jahren) (Kohortenstudie, n = 4.676, 11 Jahre, E 2b.)119 Dieser Verlauf war mit höherem IQ (OR 1,04) assoziiert. Der stabile, bereits in der Kindheit beginnende Verlauf war häufiger bei Männern.
- 67,1 % mit rund 30 Jahren (DSM-5), unabhängig vom gewählten Symptomschwellenwert, Geburtskohorte (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)5
Unter psychiatrisch stationär behandelten Jugendlichen betrafen erst nach dem 18. Lebensjahr gestellte ADHS-Diagnosen häufiger Frauen, frühe Diagnosen häufiger Männer. Weibliches Geschlecht in Kombination mit Angststörungen erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer späten Diagnose. (Kohortenstudie, n = 508, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)47
Bei Jugendlichen einer Bevölkerungsstichprobe (mittleres Alter 18,65 Jahre) lag die gewichtete Prävalenz von ADHS nach DSM-III-R bei 1,51 % (männlich 2,62 %, weiblich 0,54 %). Weitere 1,94 % erfüllten die Symptomkriterien, nicht aber das Beginnalterkriterium (vor 7 Jahren). In dieser Gruppe waren Frauen (3,2 %) häufiger vertreten als Männer (0,3 %). (Querschnittstudie, Bevölkerungsstichprobe, n = 490, E 3.)98
(E 3): Frauen erhielten ihre ADHS-Diagnose im Mittel fast 4 Jahre später als Männer (mit 23,5 gegenüber 19,6 Jahren). (Registerstudie, Querschnitt, n = 85.330 mit ADHS, 426.626 Kontrollen, herstellerfinanziert, E 3.)48 (Kommentar, Sekundärzitat über Agnew-Blais 2024, E 4.)142 Bezugspunkt war die erste ADHS-Diagnose oder erste ADHS-Medikation (95%-KI der Differenz 3,74 bis 4,11). Frauen hatten vor und nach diesem Zeitpunkt häufiger psychiatrische Komorbiditäten, mehr Medikation und eine höhere Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen als Männer mit ADHS und Kontrollfrauen. (Registerstudie, Querschnitt, n = 85.330 mit ADHS, 426.626 Kontrollen, herstellerfinanziert, E 3.)48 Frauen hatten zuvor häufig Kontakt zur psychiatrischen Versorgung, oft mit Diagnosen affektiver oder Angststörungen. Die Kommentatorin sieht darin einen Hinweis auf diagnostische Überschattung und fordert, frauenspezifische Faktoren wie Phasen hormoneller Umstellung bei Diagnostik und Behandlung zu berücksichtigen. (Kommentar, Sekundärzitat über Agnew-Blais 2024, E 4.)142
Bei 87 Frauen ohne Kindheits-ADHS erfüllten 19,5 % später die ADHS-Symptomkriterien, aber nur eine Frau zeigte Beeinträchtigung und situationsübergreifende Symptome ohne komorbide Störung, die die Symptome erklären könnte. (Kohortenstudie, n = 87, 16 Jahre, E 2b.)120
Insbesondere Frauen mit später Diagnose leiden an den schwersten Symptomen und häufig an Komorbiditäten wie Angststörungen oder Depressionen, die eine typische Folge eines lange unbehandelten ADHS sind.
Andererseits sind Frauen anfälliger für die Entwicklung von emotionalen Störungen, die später (im Schnitt in der Adoleszenz) einsetzen, wie Depression, Dysthymie, verschiedene Angststörungen oder Essstörungen. Als mögliche Gründe werden häufig Sexualhormone erörtert. (Narrativer Review, E 4)143
Ein hoher Östrogenspiegel milderte in Tier- und Humanstudien Defizite bei Lernen und Gedächtnis. (Narrativer Review, E 4)144 Dies könnte möglicherweise erklären, warum bei Mädchen häufig in der Schulzeit noch keine ADHS-Symptome feststellbar sind und diese bei Frauen erst im Alter ab 35 Jahren deutlicher hervortreten.
(E 3): Frauen mit ADHS waren häufiger als Männer mit ADHS ängstlich und depressiv bzw. hatten mehr affektive und Angststörungen. (Querschnittstudie, n = 212, E 3.)145 (Narrativer Review, E 4.)146 Frauen hatten zudem mehr Essstörungen. Die selbstbeurteilte, nicht aber die fremdbeurteilte ADHS-Schwere war bei Frauen höher als bei Männern. Emotionale Dysregulation vermittelte 79,4 % dieses Geschlechtseffekts. (Querschnittstudie, n = 212, E 3.)145 Frauen mit ADHS internalisieren Symptome nach einem Review häufiger als Männer mit ADHS und sind häufiger emotional dysreguliert. Mädchen mit ADHS erhielten 5,4-mal häufiger eine Diagnose einer Major Depression und wurden dreimal häufiger bereits vor der ADHS-Diagnose wegen Depression behandelt. Essstörungen (vor allem Binge-Eating und Bulimie) werden mit ADHS bei Mädchen und Frauen in Verbindung gebracht. (Narrativer Review, E 4.)146
Frauen mit ADHS fühlen sich bei vergleichbarer Symptomstärke möglicherweise stärker beeinträchtigt als Männer. Geschlechtsunterschiede bei Erwachsenen mit ADHS (Prävalenz, Persistenz, Beeinträchtigung, Komorbidität, Kognition, Behandlungsansprechen) beruhen zumindest teilweise auf methodischen Artefakten oder sozialen und kulturellen Einflüssen und weniger auf grundlegenden Unterschieden der Ausprägung. (Narrativer Review, k = 73, E 4.)140
(E 4): Mädchen und Frauen mit ADHS zeigen überwiegend Unaufmerksamkeit und weniger offensichtliche Hyperaktivität und Impulsivität. (Narrativer Review, E 4.)141 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)147 Hinzu kommen internalisierende Probleme (Narrativer Review, E 4.)141 sowie emotionale Dysregulation und verbale Aggression. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)147 ADHS bei Mädchen persistiert meist bis ins Erwachsenenalter. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)147
In der späten Adoleszenz sinkt die Hyperaktivität/Impulsivität bei Jungen auf das Niveau der Mädchen, während Geschlechtsunterschiede bei Unaufmerksamkeit fortbestehen. (Narrativer Review, E 4.)116
(E 2b): ADHS wird bei Mädchen und Frauen häufig übersehen bzw. ist bei ihnen unterdiagnostiziert. (Zwillingskohorte mit Registerverknüpfung, n = 19.804, E 2b.)148 (Narrativer Review, E 4.)141 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)147 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)149 Ihre Symptome und Beeinträchtigungen sind weniger offensichtlich und Betroffene setzen oft Kompensationsstrategien ein. (Narrativer Review, E 4.)141 ADHS ist insbesondere bei Erwachsenen, Frauen sowie trans- und nicht-binären Personen unterdiagnostiziert. Geschlechtsbezogene Verzerrungen erschweren Erkennung und Behandlung. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)149
(E 2b): Mädchen mit ADHS erhielten seltener eine medikamentöse Behandlung, bei gleich beeinträchtigenden Symptomen (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)147 bzw. ohne ausgeprägte externalisierende Probleme. (Zwillingskohorte mit Registerverknüpfung, n = 19.804, E 2b.)148
In der Allgemeinbevölkerung hatten 9-jährige Jungen in allen Symptombereichen (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität/Impulsivität, Verhaltensprobleme, Lernprobleme) höhere Werte als Mädchen, klinisch diagnostizierte Jungen und Mädchen waren dagegen gleich schwer betroffen. Hyperaktivität/Impulsivität und Verhaltensprobleme sagten bei Mädchen Diagnose und Medikation stärker vorher als bei Jungen. Mädchen mit ADHS werden ohne ausgeprägte externalisierende Probleme demnach leichter übersehen und seltener medikamentös behandelt. Odds Ratios bei Mädchen für: (Zwillingskohorte mit Registerverknüpfung, n = 19.804, E 2b.)148
- Medikation je Verhaltensproblemen OR 2,20 (1,05 bis 4,63)
- Diagnose je Verhaltensproblemen OR 1,43 (1,09 bis 1,87)
- Medikation je Hyperaktivität/Impulsivität OR 1,24 (1,02 bis 1,50)
- Diagnose je Hyperaktivität/Impulsivität OR 1,08 (95%-KI 1,01 bis 1,15)
Wissenschaftlich: Östradiolverlust und serotonerge Schaltkreise in der Menopause
Ein möglicher Mechanismus, der ein Late-Onset insbesondere bei Frauen erklären könnte, ist eine Maskierung durch Östradiol, das mit dem Alter und insbesondere in der Menopause nachlässt, wodurch Exekutivprobleme offengelegt werden können. Eine placebokontrollierte Crossover-Studie an 33 Frauen in der Menopause fand Hinweise, dass frühkindliche Belastungen dauerhafte Auswirkungen auf diejenigen serotonergen Schaltkreise haben können, die der Exekutivfunktion zugrunde liegen und durch den Östradiolverlust in der Menopause demaskiert werden. ADHS wurde in der Studie nicht untersucht. (RCT, Crossover, n = 33, E 1b.)150
(E 4): Ein sinkender Östrogenspiegel (im Zyklus oder in Perimenopause, Menopause und Postmenopause) kann ADHS-Symptome verstärken oder demaskieren. (Narrativer Review, E 4.)151 (Narrativer Review, E 4.)152 (Theoretischer Review, E 4.)153
In Perimenopause, Menopause und Postmenopause sind zunehmende Unaufmerksamkeit, emotionale Dysregulation, Angst- oder depressive Symptome, Hitzewallungen, Schlafstörungen und subjektive kognitive Beschwerden (Brain Fog, Gedächtnisprobleme) häufig. (Narrativer Review, E 4.)151
Östradiol fördert präfrontale Exekutivfunktionen und beeinflusst die dopaminerge und noradrenerge Übertragung (Hochregulation der Tyrosinhydroxylase, Herunterregulation der MAO, Hemmung des Dopamintransporters). Niedrige Östrogenspiegel im Zyklus oder in der Menopause gehen daher häufig mit einer Symptomverstärkung einher. Die Zunahme betrifft nicht alle Frauen mit ADHS gleichermaßen. Längsschnittstudien mit Messwiederholung innerhalb derselben Personen fehlen. (Narrativer Review, E 4.)152
Ein theoretisches Modell nimmt an, dass Frauen mit ADHS einer doppelten Belastung durch organisierende (pubertäre) und aktivierende (zyklische) Wirkungen der Eierstockhormone unterliegen. Rasche Östrogenabfälle könnten Exekutivfunktionen und Verhaltenskontrolle verringern. (Theoretischer Review, E 4.)153
(E 3): Die Studien zum Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und ADHS bei Mädchen und Frauen waren klein und heterogen bzw. widersprüchlich. (Systematischer Review, k = 11, E 3.)154 (Narrativer Review, E 4.)155 Die Evidenz aus 11 Studien sprach überwiegend für einen Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und ADHS-Symptomen, vor allem in der Pubertät und im Menstruationszyklus. (Systematischer Review, k = 11, E 3.)154 Sexualhormone können intrazelluläre Signalwege regulieren, die bei ADHS verändert sein sollen. Keine Studie hatte den Zusammenhang zwischen Zyklusphase, Hormonspiegel und ADHS-Symptomen untersucht. Die Autoren fordern, Menstruationszyklus und Lebensphasen (Prämenarche, Pubertät, fruchtbare Phase, Prämenopause, Postmenopause) in ADHS-Studien bei Frauen zu berücksichtigen. (Narrativer Review, E 4.)155
(E 3): Studien zu ADHS in der Menopause bzw. in späteren Lebensphasen erwachsener Frauen fehlten weitgehend. Es fehlten:
- empirische Studien zu ADHS in der Menopause (Systematischer Review, k = 11, E 3.)154
- randomisierte kontrollierte Studien zur ADHS-Medikation speziell bei Frauen in den Wechseljahren (Narrativer Review, E 4.)151
- Forschung zu späteren Lebensphasen erwachsener Frauen, zu Erfahrungen in der Schwangerschaft, zu unterrepräsentierten Populationen und zur Unterscheidung von biologischem Geschlecht und Gender (Scoping Review, k = 487, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)156 Die Zahl der Studien zu ADHS bei Mädchen und Frauen stieg zwischen 1989 und 2024 etwa auf das Sechsfache.
(E 3): Frauen mit ADHS hatten höhere Werte perimenopausaler bzw. klimakterischer Beschwerden. (Kohortenstudie, Querschnittauswertung, n = 535 mit ADHS, 4.857 ohne ADHS, E 3.)157 (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158
Frauen mit ADHS hatten höhere Werte perimenopausaler Beschwerden (Menopause Rating Scale 18,0 gegenüber 13,0), am deutlichsten im Alter von 35 bis 39 Jahren (19,0 gegenüber 12,5). Schwere perimenopausale Beschwerden waren bei Frauen mit ADHS häufiger für: (Kohortenstudie, Querschnittauswertung, n = 535 mit ADHS, 4.857 ohne ADHS, E 3.)157
- somatische Beschwerden, 30,4 % gegenüber 13,9 %, PR 2,20 (95%-KI 1,88 bis 2,57)
- Beschwerden insgesamt, 54,2 % gegenüber 30,1 %, PR 1,80 (95%-KI 1,64 bis 1,98)
- psychische Beschwerden, 58,6 % gegenüber 36,0 %, PR 1,63 (95%-KI 1,51 bis 1,76)
- urogenitale Beschwerden, 43,2 % gegenüber 27,5 %, PR 1,57 (95%-KI 1,40 bis 1,77)
Die Autoren sahen darin einen Hinweis auf einen früheren Beginn der Perimenopause bei ADHS.
Bei Frauen mit ADHS in und nach den Wechseljahren (n = 37) waren klimakterische Beschwerden in allen Unterskalen der Greene Climacteric Scale gegenüber Normwerten erhöht (Angst, Depression, sexuelle Dysfunktion, vasomotorische und somatische Beschwerden). (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158
Frauen mit ADHS im Alter von 45 bis 60 Jahren berichteten nach FDR-Korrektur in keinem Menopausestadium (prä-, peri- oder postmenopausal) mehr menopausale Beschwerden als Frauen ohne ADHS, auch nicht bei Unterscheidung nach ADHS-Medikation. ADHS-Symptome und menopausale Beschwerden korrelierten über alle Teilnehmerinnen hinweg, bei Frauen mit ADHS jedoch schwächer. Die Autoren hielten eine unterschiedliche Zuschreibung der Symptome für möglich. (Querschnittstudie, Online-Befragung, n = 656, davon 245 mit ADHS, E 3.)159
(E 3): Frauen mit ADHS berichteten eine Verschlechterung ihrer ADHS-Symptome in Phasen hormoneller Umstellung (Menstruationszyklus, Postpartalzeit, Menopause). (Querschnittstudie, Online-Befragung, n = 600, E 3.)160 (Qualitative Interviewstudie, n = 14, E 4.)161
Frauen mit ADHS-Diagnose berichteten rückblickend eine Verschlechterung ihrer ADHS-Symptome bei: (Querschnittstudie, Online-Befragung, n = 600, E 3.)160
- Menopause, 97,5 % der Antwortenden (davon 91,7 % mit Verschlechterung der Unaufmerksamkeit)
- Postpartalzeit, 70,4 % der Antwortenden
88,6 % der prämenopausalen Frauen ohne Hormontherapie berichteten zyklusabhängige Symptomänderungen, meist mit einer Verschlechterung in der Lutealphase. Die ASRS-Werte unterschieden sich im Querschnitt dagegen nicht zwischen den hormonellen Lebensphasen. (Querschnittstudie, Online-Befragung, n = 600, E 3.)160
Frauen mit ADHS im gebärfähigen Alter beschrieben zyklische Muster mit hoher Energie und Produktivität um den Eisprung und niedriger Energie sowie Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Aufgaben in der prämenstruellen Woche, außerdem Schwankungen in verschiedenen Lebensphasen. Als mögliche Lösungen nannten sie Hormonbehandlung zur Stabilisierung von Stimmung und Impulsivität sowie angepasste Stimulanziendosen. Sie beklagten fehlendes Wissen im Gesundheitswesen über den Einfluss von Hormonen auf ADHS. (Qualitative Interviewstudie, n = 14, E 4.)161
(E 2b): ADHS-Symptome bzw. kognitive Leistungen schwankten bei Frauen mit ADHS mit dem Menstruationszyklus. Verschlechterungen fanden sich in:
- der mittleren Lutealphase und der prämenstruellen Phase bei Frauen mit ADHS (4 Studien) und bei Frauen mit prämenstruellem Syndrom (PMS) oder prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS) (6 Studien) für Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Impulsivität (Narrativer Review, k = 29, E 4.)162, prämenstruell (Lutealphase, niedriges Östradiol), besonders bei hoher Impulsivität (Narrativer Review, E 4.)152, meist in der Lutealphase nach Selbstbericht (Querschnittstudie, Online-Befragung, n = 600, E 3.)160, in der prämenstruellen Woche mit niedriger Energie und Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Aufgaben (Qualitative Interviewstudie, n = 14, E 4.)161
- der Menstruation, mit vergleichsweise milden Symptomen in der mittleren Follikelphase, bei Frauen mit ADHS unter Amphetaminsalzen (Pilotstudie, tägliche Online-Befragung, n = 30, 35 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)163
- der frühen Follikel- und frühen Lutealphase (nach dem Eisprung) bei jungen Frauen einer nichtklinischen Stichprobe (Längsschnittstudie, tägliche Messung, n = 32, 35 Tage, E 2b.)164
- der Zeit nach dem Eisprung für hyperaktiv-impulsive Symptome und um die Menstruation für Unaufmerksamkeit (theoretisches Modell) (Theoretischer Review, E 4.)153
Frauen mit ADHS berichteten in der mittleren Luteal- und der prämenstruellen Phase zudem über mehr ADHS- und depressive Symptome und eine geringere Wirksamkeit ihrer Stimulanzien. Bei nichtklinischen Frauen (7 Studien) war die Aufmerksamkeitsleistung in der mittleren Lutealphase dagegen eher verbessert. Als mögliche Mechanismen nannten die Autoren eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Allopregnanolon, den perimenstruellen Östrogenabfall und fehlende kompensatorische neuronale Anpassungen. Die Befunde gelten wegen heterogener Methodik und kleiner Stichproben als vorläufig. (Narrativer Review, k = 29, E 4.)162
Bei Frauen mit ADHS unter Amphetaminsalzen korrelierte der Unterschied der ADHS-Symptome zwischen Menstruation und mittlerer Follikelphase positiv mit Veränderungen der negativen Stimmung. (Pilotstudie, tägliche Online-Befragung, n = 30, 35 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)163
Bei regelmäßig menstruierenden jungen Frauen einer nichtklinischen Stichprobe ging ein sinkender Östradiolspiegel bei gleichzeitig steigendem Progesteron- oder Testosteronspiegel (Speichelproben) mit mehr ADHS-Symptomen am Folgetag einher, besonders bei hoher Trait-Impulsivität. (Längsschnittstudie, tägliche Messung, n = 32, 35 Tage, E 2b.)164
Ein Scoping Review fand 20 Studien zum Zusammenhang zwischen Menstruationsgesundheit und ADHS-Symptomen (Teilnehmende 13 bis 49 Jahre, Stichproben von 1 bis 405), überwiegend nach 2020 veröffentlicht und mit nicht randomisierten, querschnittlichen, qualitativen oder Fallstudien-Designs. Sie betrafen: (Scoping Review, k = 20, E 3.)165
- ADHS-Symptome bei menstruationsbezogenen Störungen
- Menstruationsbeschwerden und ADHS-Symptome
- zyklusphasenabhängige Verschlechterung von ADHS-Symptomen
- menstruationsbezogene Nebenwirkungen von Stimulanzien
- Aufmerksamkeitsbeeinträchtigung durch Menstruationsschmerzen
- auf den Zyklus abgestimmte Interventionen
(E 2b): Frauen mit ADHS erfüllten häufiger die Kriterien einer (vorläufigen) prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS), Frauen mit prämenstrueller Störung hatten häufiger ADHS. (Registerkohortenstudie mit eingebetteter Fall-Kontroll-Analyse, N = 3.630.028, n = 104.972, 8,2 Jahre, E 2b.)166 (Querschnittstudie, n = 715, E 3.)167 (Querschnittstudie, N = 199, n = 89, E 3.)168 (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158 (Querschnittstudie, n = 2.000, E 3.)169 (Fall-Kontroll-Studie, n = 58 mit PMDS, 50 Kontrollen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)170 (Querschnittstudie, n = 423, E 3.)171
(E 3): Für eine (vorläufige) PMDS betrug
- die Rate bei Frauen mit:
- 66,3 % ADHS ohne hormonelle Verhütung (20 bis 40 Jahre, PSST-Screening, Autismus 61,5 %, Kontrollen 33,8 %) (Querschnittstudie, N = 199, n = 89, E 3.)168
- 45,5 % ADHS (18 bis 71 Jahre, Hinweis auf PMDS, n = 95, in einer Bevölkerungsstudie 28,7 %) (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158 Frauen mit PMDS-Hinweis verhüteten seltener (50,6 % gegenüber 68,1 %). Antidepressiva gingen mit mehr PMDS-Symptomen einher.
- 41,1 % ADHS nach Symptom- und Beeinträchtigungsschwelle (ASRS, n = 229, 18 bis 34 Jahre), RR 4,17 (2,87 bis 6,07) (Querschnittstudie, n = 715, E 3.)167
- 31,4 % selbstberichteter klinischer ADHS-Diagnose (n = 102, 18 bis 34 Jahre, ohne ADHS 9,8 %), RR 3,19 (95%-KI 2,04 bis 4,98) (Querschnittstudie, n = 715, E 3.)167
- das Risiko, am höchsten bei zusätzlicher Depression oder Angststörung, bei: (Querschnittstudie, n = 715, E 3.)167
- ASRS-basiertem ADHS mit Depression und/oder Angststörung RR 4,53 (3,10 bis 6,61)
- ASRS-basiertem ADHS ohne Depression/Angststörung RR 3,09 (1,83 bis 5,21)
- klinischer ADHS-Diagnose ohne Depression/Angststörung RR 2,03 (0,86 bis 4,78), nicht signifikant
Bei Groenman et al. hingen prämenstruelle Symptome dimensional mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität/Impulsivität und sozialen Schwierigkeiten zusammen. Die Autorinnen gehen von einer Selektionsverzerrung durch die Rekrutierung aus. Die PMDS-Rate der Kontrollen lag in den beiden Teilstichproben bei 60,5 % bzw. 3,2 %. (Querschnittstudie, N = 199, n = 89, E 3.)168
Unter berufstätigen Frauen (20 bis 44 Jahre, ohne Verhütung und ohne frühere Schwangerschaft) wiesen 8,6 % ADHS-Merkmale auf (ASRS), 5,1 % hatten eine prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS). ADHS-Merkmale gingen mit einem über sechsfachen PMDS-Risiko einher (aOR 6,49, 95%-KI 4,10 bis 10,2), Autismus-Merkmale nicht (aOR 1,35, 0,76 bis 2,26). (Querschnittstudie, n = 2.000, E 3.)169
Frauen mit einer prämenstruellen Störung (PMD, prämenstruelles Syndrom oder PMDS) hatten doppelt so häufig bereits zuvor eine ADHS-Diagnose (OR 2,01, 95%-KI 1,94 bis 2,09) und erhielten nach der PMD-Diagnose 3,55-mal so häufig erstmals eine ADHS-Diagnose (HR 3,55, 3,32 bis 3,80). Im Geschwistervergleich (alle psychischen Störungen zusammen) schwächten sich die Zusammenhänge ab, blieben aber bestehen (OR 1,95, HR 1,82). (Registerkohortenstudie mit eingebetteter Fall-Kontroll-Analyse, N = 3.630.028, n = 104.972, 8,2 Jahre, E 2b.)166
Frauen mit prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS) hatten häufiger ein komorbides ADHS. Von der präovulatorischen zur spätlutealen Phase nahmen bei ihnen prospektive Alltagsgedächtnisprobleme und Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten, stärker zu als bei Kontrollen. Frauen mit PMDS und ADHS zeigten in der präovulatorischen und mittleren Lutealphase mehr Gedächtnisprobleme und dysfunktionale Impulsivität als Frauen mit PMDS ohne ADHS. (Fall-Kontroll-Studie, n = 58 mit PMDS, 50 Kontrollen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)170
Von 423 Frauen mit bipolarer Störung erfüllten 187 (44,2 %) die DSM-5-Kriterien einer vorläufigen prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS). Sie hatten in allen ADHS-Skalen höhere Werte (WURS, ASRS gesamt, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, jeweils p unter 0,001). Ein höheres polygenes ADHS-Risiko ging mit schwereren PMDS-Symptomen (beta = 1,395, 95%-KI 0,340 bis 2,450) und stärkeren ADHS-Symptomen einher. (Querschnittstudie, n = 423, E 3.)171
Wissenschaftlich: Polygenes Risiko, prämenstruelle Symptome und reproduktive Merkmale
21,7 % der Schwangeren berichteten prämenstruelle Symptome (Depression, Reizbarkeit vor der Menstruation). Diese gingen mit einem höheren polygenen Risiko für mehrere psychische Störungen einher, auch bei Frauen ohne psychiatrische Vorgeschichte, nicht aber mit dem polygenen Score für Körpergröße. Assoziation prämenstrueller Symptome mit dem polygenen Risiko für: (Genetische Assoziationsstudie, n = 56.725, E 3.)172
- Major Depression β = 0,13 (95%-KI 0,11 bis 0,15)
- Schizophrenie β = 0,11 (0,09 bis 0,13)
- bipolare Störung β = 0,07 (0,05 bis 0,09)
- ADHS β = 0,07 (0,04 bis 0,09)
- Autismus β = 0,03 (0,01 bis 0,05)
Ein höheres polygenes ADHS-Risiko ging bei Frauen mit früherer erster Geburt, früherem ersten Geschlechtsverkehr, mehr Lebendgeburten und früherer Menopause einher. Die Zusammenhänge beruhten überwiegend auf Pleiotropie, kaum auf kausalen Effekten. Genetische Korrelation mit dem ADHS-Risiko für: (Genetische Assoziationsstudie, N = 220.685, E 3.)173
- Alter bei der ersten Geburt rg = -0,68 (± 0,03)
- Alter beim ersten Geschlechtsverkehr rg = -0,56 (± 0,03)
- Anzahl der Lebendgeburten rg = 0,36 (± 0,04)
- Alter bei der Menopause rg = -0,27 (± 0,04)
(E 2b): Frauen mit ADHS hatten in der Perinatalzeit bzw. nach der Geburt häufiger Depressionen als Frauen ohne ADHS. (Registerkohortenstudie, N = 773.047, n = 3.515, E 2b.)174 (Systematischer Review, k = 10, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)175 (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158
(E 2b): Die Depressionsprävalenz bei Frauen mit ADHS betrug:
- 16,76 % bis 57,6 % in der Perinatalzeit (k = 10, erhöhtes Risiko gegenüber Frauen ohne ADHS, OR 1,8 bis 2,63) (Systematischer Review, k = 10, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)175 ADHS-Symptome gingen mit depressiven Symptomen einher. Die meisten eingeschlossenen Studien waren von mittlerer Qualität.
- 57,6 % mit Hinweis auf postpartale Depression nach der ersten Geburt (49 von 85 Müttern, in Übersichtsarbeiten 14,5 % in Ländern mit hohem Einkommen bzw. 19,6 % in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen) (Querschnittstudie, n = 209, E 3.)158
- 16,76 % mit Depressionsdiagnose im ersten Jahr nach der Entbindung bei vor der Schwangerschaft diagnostiziertem ADHS, Prävalenzverhältnis (PR) 5,09 (95%-KI 4,68 bis 5,54) (Registerkohortenstudie, N = 773.047, n = 3.515, E 2b.)174
Frauen mit vor der Schwangerschaft diagnostiziertem ADHS erhielten im ersten Jahr nach der Geburt rund fünfmal so häufig eine Depressions- oder Angststörungsdiagnose, auch unabhängig von anderen bekannten Risikofaktoren. Eine Angststörung wurde bei 24,92 % diagnostiziert, PR 5,41 (5,06 bis 5,78). Eine Überwachungsverzerrung durch häufigere psychiatrische Kontakte ist möglich. (Registerkohortenstudie, N = 773.047, n = 3.515, E 2b.)174
Mädchen und junge Frauen mit ADHS (15 bis 24 Jahre) hatten unabhängig von hormoneller Verhütung ein dreifach erhöhtes Depressionsrisiko (aHR 3,69, 95%-KI 3,60 bis 3,78). Orale hormonelle Verhütung ging bei ADHS mit einem besonders hohen Depressionsrisiko einher, nicht-orale hormonelle Verhütung in beiden Gruppen mit einem ähnlich mäßig erhöhten Risiko. Depressionsrisiko bei ADHS unter: (Registerkohortenstudie, N = 792.913, n = 29.767, E 2b.)176
- oralen Kombinationspräparaten gegenüber Nutzerinnen ohne ADHS aHR 6,10 (5,79 bis 6,43)
- oralen Kombinationspräparaten gegenüber Nichtnutzerinnen ohne ADHS aHR 5,19 (4,94 bis 5,47)
- Gestagen-Monopille aHR 5,00 (4,56 bis 5,49)
Randomisierte kontrollierte Studien zur ADHS-Medikation speziell bei Frauen in den Wechseljahren fehlen. Die Praxis beruht auf Expertenkonsens, der Übertragung von Daten jüngerer Gruppen und kleinen Beobachtungsstudien. Empfohlen werden eine individuelle Dosierung, kardiovaskuläre Kontrollen und die Prüfung einer menopausalen Hormontherapie als ergänzende Maßnahme. (Narrativer Review, E 4.)151
(E 1b): Bei Frauen ohne ADHS mit in der Lebensmitte oder nach chirurgischer Menopause neu aufgetretenen exekutiven bzw. Gedächtnis- und Konzentrationsbeschwerden verbesserten sich unter ADHS-Medikamenten gegenüber Placebo
- unter Lisdexamfetamin (bis 60 mg/Tag, 6 Wochen) nach risikoreduzierender Entfernung von Eierstöcken und Eileitern (chirurgische Menopause) für: (RCT, Crossover, n = 69, E 1b.)177
- selbstbeurteilte Exekutivfunktion (Brown ADD Scale, Gesamtwert), 15,36 Punkte stärkere Abnahme (10,40 bis 20,33)
- Responderrate, 81,7 % gegenüber 45,8 %, 3,64-fach (2,01 bis 6,57)
- Aufmerksamkeit/Arbeitsgedächtnis (Letter-N-Back), 1,50 Punkte besser (p = 0,037)
- unter Lisdexamfetamin (40 bis 60 mg/Tag über 4 Wochen) bei gesunden peri- und frühpostmenopausalen Frauen für: (RCT, Crossover, n = 32, herstellerfinanziert, E 1b.)178
- subjektive Exekutivfunktionen (BADDS-Gesamtwert), p = 0,0001
- 4 von 5 BADDS-Subskalen, jeweils p unter 0,004
- verzögerter Abruf von Textinhalten, p = 0,018
- unter Atomoxetin (80 mg/Tag über 6 Wochen) bei gesunden peri- und postmenopausalen Frauen mit subjektiven Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen für: (RCT, Crossover, n = 16, herstellerfinanziert, E 1b.)179
- Arbeitsgedächtnis-Cluster der BADDS (Trend beim Cluster Aufmerksamkeit/Konzentration). Den BADDS-Gesamtwert senkte Atomoxetin gegenüber dem Ausgangswert
Unter Lisdexamfetamin nach chirurgischer Menopause verbesserten sich Daueraufmerksamkeit und verbales Gedächtnis nicht stärker als unter Placebo. Eine ADHS-Diagnose war Ausschlusskriterium. (RCT, Crossover, n = 69, E 1b.)177
Unter Lisdexamfetamin bei peri- und frühpostmenopausalen Frauen verbesserten sich andere kognitive Tests nicht. Systolischer Blutdruck (p = 0,017) und Herzfrequenz (p = 0,006) stiegen, blieben im Mittel aber im Normbereich. (RCT, Crossover, n = 32, herstellerfinanziert, E 1b.)178
Auf neuropsychologische Tests, Verhaltensmaße und kardiale Vitalparameter hatte Atomoxetin keinen von Placebo abweichenden Effekt. (RCT, Crossover, n = 16, herstellerfinanziert, E 1b.)179
Bei manchen Frauen treten in der Lebensmitte kognitive Schwierigkeiten auf, die den kognitiven Beeinträchtigungen Erwachsener mit ADHS stark ähneln. Ein Kommentar fragte daher, ob Symptome adulter ADHS mit menopausalen Beschwerden zusammenhängen, ob der menopausale Östrogenmangel mit ADHS-Symptomen interagiert und ob Psychostimulanzien zur Behandlung menopausaler exekutiver Beeinträchtigungen geeignet sein könnten. Die Datenlage reiche für einen klaren Zusammenhang nicht aus. (Kommentar, E 4.)180
(E 2b): Verordnungen von ADHS-Medikamenten stiegen in Norwegen bei Frauen stärker als bei Männern bzw. als in der Gesamtbevölkerung. (Verordnungsregisterstudie, 17 Jahre, E 2b.)181 (Verordnungsregisterstudie, 3 Jahre, herstellerfinanziert, E 2b.)182
(E 2b): In Norwegen stiegen Einnahme bzw. Verordnungen von ADHS-Medikamenten
- bei 6- bis 64-Jährigen von 2006 bis 2022 von 5,2 auf 19,4 je 1.000, am stärksten ab 2020, mit Anstieg bei: (Verordnungsregisterstudie, 17 Jahre, E 2b.)181
- Frauen fast sechsfach (3,0 auf 18,1 je 1.000)
- Männern fast dreifach (7,3 auf 20,6 je 1.000)
- von 2020 bis 2022 (Verordnungsregisterstudie, 3 Jahre, herstellerfinanziert, E 2b.)182
- in der Inzidenz für:
- Frauen um 108,0 %, besonders mit 12 bis 27 Jahren
- alle Personen um 68,1 %
- in der Prävalenz für:
- Frauen um 52,4 %, besonders mit 12 bis 27 Jahren
- alle Personen um 36,5 %
- in der Inzidenz für:
Der relative Anstieg war bei Erwachsenen am größten, besonders bei erwachsenen Frauen. Das Verhältnis Männer zu Frauen sank bei Erwachsenen von 1,6 auf 0,9, bei Kindern von 3,2 auf 2,0. Bei 18- bis 24-Jährigen überstieg die Einnahme bei Frauen zuletzt die bei Männern. Ab 2020 lag die Neuverordnungsrate bei 13- bis 34-jährigen Frauen über der bei Männern. (Verordnungsregisterstudie, 17 Jahre, E 2b.)181
Die Verordnungen anderer Psychopharmaka (Anxiolytika, Hypnotika/Sedativa stabil, Antidepressiva leicht steigend) und die Aktivität öffentlicher psychiatrischer Ambulanzen stiegen nicht vergleichbar. Bei 6- bis 11-Jährigen blieb die Prävalenz 2022 bei Jungen höher als bei Mädchen (2,77 % gegenüber 1,02 %). (Verordnungsregisterstudie, 3 Jahre, herstellerfinanziert, E 2b.)182
Der Anteil der Entbindungen mit einer ADHS-Diagnose im Jahr vor oder nach der Geburt stieg bei privat versicherten Frauen in den USA von 2008 bis 2020 um 290 %, von 101 (95%-KI 92 bis 111) auf 394 (371 bis 419) je 10.000 Entbindungen. Insgesamt betraf dies 2,28 % der Entbindungen. Weiße Frauen hatten die höchsten Raten, gefolgt von schwarzen, hispanischen und asiatischen Frauen. (Serielle Querschnittstudie, n = 736.325 Entbindungen, E 3.)183
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