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ADHS im Alter / bei Senioren

ADHS im Alter / bei Senioren

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Bedeutung für Betroffene

Zu ADHS im höheren Lebensalter gibt es nur wenige Studien. Bei vielen Betroffenen besteht ADHS bis ins hohe Alter fort, die Häufigkeit nimmt mit dem Alter aber ab. In Studien hatten etwa 2 bis 3 % der älteren Menschen ein ADHS. Nur ein kleiner Teil davon war diagnostiziert, und noch weniger wurden behandelt.

Die für jüngere Erwachsene entwickelten Diagnosekriterien und Fragebögen waren auch bei Älteren anwendbar, erfassten ADHS im Alter aber teils weniger genau. Da ältere Menschen oft nicht mehr berufstätig sind, sind Beeinträchtigungen schwerer festzustellen. Vorgeschlagen wird, das persönlich erlebte Leid zu bewerten und Angaben von Angehörigen einzubeziehen.

Eine Behandlung mit Methylphenidat oder Atomoxetin kann auch bei Senioren angezeigt sein. Dabei ist auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und die im Alter veränderte Verarbeitung von Medikamenten im Körper zu achten. Lisdexamfetamin ist für Erwachsene ohne obere Altersgrenze zugelassen, im Alter kann eine Anpassung der Dosis nötig sein. Für Methylphenidat nennt eine deutsche Übersichtsarbeit eine Zulassung bis zum 60. Lebensjahr. Danach ist eine Behandlung im Einzelfall als Off-label-Anwendung mit Aufklärung möglich. Eine pauschale Verweigerung von Stimulanzien allein wegen des Alters hält ADxS für nicht vertretbar.

In einer Spezialambulanz berichteten rund zwei Drittel der älteren Betroffenen eine gute Wirkung von Stimulanzien, gut 40 % beendeten die Medikation wegen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung. Bei über 65-Jährigen ging eine Amfetaminverordnung in einer Studie mit mehr Herz-Kreislauf-Ereignissen einher. Kognitive Verhaltenstherapie in der Gruppe half älteren Erwachsenen ähnlich gut wie jüngeren.

ADHS kann im Alter mit Gedächtnisproblemen einhergehen und mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder einer beginnenden Demenz verwechselt werden. Bei der Abklärung von Gedächtnisproblemen im Alter sollte daher nach lebenslangen ADHS-Beschwerden gefragt werden. In Gedächtnisambulanzen wurde ADHS bisher selten gezielt untersucht.

Mehrere Studien fanden bei ADHS ein erhöhtes Demenzrisiko, besonders für die Lewy-Körperchen-Demenz. Ob ADHS selbst die Ursache ist, ist ungeklärt. Teilweise ließ sich der Zusammenhang durch andere psychische Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen erklären. Eine genetische Studie fand keinen ursächlichen Einfluss einer ADHS-Veranlagung auf die Alzheimer-Erkrankung.

Ältere Menschen mit spät gestellter Diagnose berichteten über lebenslange Belastungen in Beruf, Beziehungen und Finanzen. Bei befragten Frauen förderten Diagnose und Behandlung im Alter die Selbstakzeptanz. Ältere Autofahrer mit ADHS hatten mehr Verkehrsunfälle und Strafzettel.

(E 4): Es finden sich nur wenige Studien zur Symptomatik, Diagnose und Behandlung von ADHS bei älteren Erwachsenen. (Narrativer Review, E 4)1 (Narrativer Review, E 4)2 (Fallbericht, 2 Fälle, E 4)3

Eine medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat oder Atomoxetin kann nach einer Stellungnahme des zentralen adhs-netzes (2018) auch bei Senioren indiziert sein. Dabei ist auf kardiovaskuläre Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und altersbedingte pharmakokinetische Veränderungen zu achten. (E 4.)4
Erwachsene ab 50 Jahren, die aktuell ADHS-Medikamente einnahmen, berichteten in einer Befragung eine signifikant bessere Aufmerksamkeit als nicht medikamentös behandelte Betroffene. (Querschnittstudie, Befragung, n = 149, E 3.)5
Die Wirksamkeitsstudien zu Lisdexamfetamin bei Erwachsenen umfassten 18- bis 55-Jährige. (E 4.)6 Das Fehlen von Studien über eine bestimmte Altersgrenze hinaus stellt jedoch nicht automatisch eine Off-label-use-Situation dar. (Einschätzung ADxS)

Lisdexamfetamin (Elvanse Adult) ist zur Behandlung von Erwachsenen ohne obere Altersgrenze zugelassen. (E 4.)7 Die Dexamfetamin-Clearance betrug: (E 4.)7

  • etwa 1 l/h/kg bei 18- bis 45-Jährigen
  • etwa 0,7 l/h/kg bei 55- bis 74-Jährigen
  • 0,55 l/h/kg bei über 75-Jährigen

Laut Fachinformation kann daher eine Dosisanpassung erforderlich sein. (E 4.)7

Methylphenidat soll laut Herstellerangaben bei älteren Menschen nicht verordnet werden. Nach einer deutschen Übersichtsarbeit sind Stimulanzien in Deutschland bis zum 60. Lebensjahr zugelassen, eine Behandlung älterer Patienten ist damit nur off-label möglich. (Narrativer Review, E 4.)8 (E 4.)4 Auch außerhalb des altersgemäßen Zulassungsbereichs kann im Einzelfall eine medikamentöse Behandlung erfolgen, mit Aufklärung über das Nebenwirkungspotenzial und die Off-label-Anwendung. (Fallbericht, 2 Fälle, E 4.)3
Folgerichtig sind den einschlägigen Berufsverbänden keine Regressverfahren von Kassen wegen einer Verschreibung nach dem 65. Lebensjahr bekannt.

Eine pauschale Verweigerung von Stimulanzien ab einer bestimmten Altersgrenze (insbesondere unterhalb des 65. Lebensjahres) ohne individuellen konkreten Anlass dürfte ein ärztlicher Haftungsfall sein. (Einschätzung ADxS)

(E 2b): Ein Ansprechen auf Stimulanzien fand sich bei älteren Erwachsenen mit ADHS bei: (Fallserie, n = 11, E 4.)9

  • 8 von 9 Patienten nach den TOVA-Werten, unter Methylphenidat in für jüngere Erwachsene üblicher Dosierung (11 erstmals diagnostizierte Patienten im Alter von 55 Jahren oder älter, im Mittel 61,6 Jahre)
  • 73 % nach den CGI-Improvement-Werten, unter Methylphenidat in für jüngere Erwachsene üblicher Dosierung (11 erstmals diagnostizierte Patienten im Alter von 55 Jahren oder älter). 10 von 11 setzten die Medikation fort, Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.
  • 65 % nach eigenem Bericht (55 bis 79 Jahre, Spezialambulanz) (Retrospektive Beobachtungsstudie, Aktenauswertung, n = 113, E 2b.)10 42 % beendeten die Medikation wegen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung. Unter Methylphenidat sanken das Gewicht und stieg die Herzfrequenz geringfügig, aber signifikant.

ADHS-Medikamente waren in keiner Altersgruppe signifikant mit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert. Ein moderat erhöhtes Risiko, insbesondere für Herzstillstand oder Tachyarrhythmien (RR 1,60, 95%-KI 0,94 bis 2,72), war nicht auszuschließen. Das kardiovaskuläre Risiko unter ADHS-Medikamenten betrug für: (Metaanalyse, k = 19, N = 3.931.532, E 2b.)11

  • Amfetaminverordnung bei über 65-Jährigen mit ADHS nach Propensity-Score-Matching, OR 6,16 (95%-KI 4,22 bis 8,99), 38 gegenüber 6 Ereignissen pro 1.000, absolute Risikodifferenz 3,31 % (Retrospektive Kohortenstudie, n = 13.233, bis 3 Jahre, E 2b.)12 Der Blutdruck war unter Amfetamin erhöht. Myokardinfarkte waren selten und unterschieden sich nicht.
  • ADHS-Medikamente bei älteren Erwachsenen, RR 1,59 (0,62 bis 4,05)
  • ADHS-Medikamente bei Kindern und Jugendlichen, RR 1,18 (95%-KI 0,91 bis 1,53)
  • ADHS-Medikamente bei jungen und mittelalten Erwachsenen, RR 1,04 (0,43 bis 2,48)

Erwachsene ab 50 Jahren sprachen auf eine 12-wöchige manualisierte KVT-Gruppentherapie mit Fokus auf Exekutivfunktionen hinsichtlich Unaufmerksamkeit ähnlich gut an wie jüngere Erwachsene. Bei den Älteren verbesserte sich die Symptomatik jedoch auch in der unspezifischen Unterstützungsgruppe deutlich, sodass der Unterschied zwischen KVT und Kontrollbedingung bei ihnen geringer ausfiel. (RCT, Sekundäranalyse nach Altersgruppe, n = 81, davon n = 26 ab 50 Jahren, 12 Wochen, Autor bei Hersteller angestellt, E 1b.)13 Für KVT gegenüber der Unterstützungsgruppe fanden sich

  • Effektstärken (d’) für: (RCT, Sekundäranalyse nach Altersgruppe, n = 81, davon n = 26 ab 50 Jahren, 12 Wochen, Autor bei Hersteller angestellt, E 1b.)13
    • Zeitmanagement, Organisation, Planung (AISRS-TMOP), jüngere Teilnehmer, d’ = 1,2
    • Unaufmerksamkeit im verblindeten Interview (AISRS-IN), jüngere Teilnehmer, d’ = 0,93
    • fremdbeurteilte Unaufmerksamkeit/Gedächtnis (CAARS-O), ältere Teilnehmer, d’ = 0,51
    • fremdbeurteilte Unaufmerksamkeit/Gedächtnis (CAARS-O), jüngere Teilnehmer, d’ = 0,47
    • Zeitmanagement, Organisation, Planung (AISRS-TMOP), ältere Teilnehmer, d’ = 0,43
    • Unaufmerksamkeit im verblindeten Interview (AISRS-IN), ältere Teilnehmer, d’ = 0,34
  • Responderraten Unaufmerksamkeit (AISRS-IN, Rückgang um 30 %) unter KVT bei: (RCT, Sekundäranalyse nach Altersgruppe, n = 81, davon n = 26 ab 50 Jahren, 12 Wochen, Autor bei Hersteller angestellt, E 1b.)13
    • 43,8 % bei jüngeren Teilnehmern (Unterstützungsgruppe 6,9 %)
    • 38,5 % bei älteren Teilnehmern (Unterstützungsgruppe 21,4 %), nicht signifikant

ADHS-Medikamente wurden bei Menschen ab 50 Jahren in Dänemark überwiegend off-label im Rahmen der Palliativversorgung eingesetzt, eine ADHS-Diagnose lag bei höchstens 2 % der Neuverwender vor. Die Inzidenz neuer Verwender stieg von 2000 bis 2010 von 12,5 auf 49,3 pro 100.000 Personenjahre und sank bis 2015 auf 30,3. Merkmale der Neuverwender nach: (Registerstudie, Kohortenstudie, n = 6.690, 2000 bis 2012, E 2b.)14

  • Methylphenidat, 98 % (davon 91 % unretardiert)
  • Opioid-Komedikation, 54 %
  • vorausgehende Krebsdiagnose, 52 % (bis 70 % ab 65 Jahren)
  • 1-Jahres-Mortalität, 50 % (vor allem bei Krebserkrankten)
  • Medianalter 62 Jahre (IQR 55 bis 71)

Die Versorgungsqualität von Erwachsenen mit ADHS (gemessen an Qualitätsindikatoren in elektronischen Patientenakten) stieg von 2010 bis 2020 bei jüngeren wie älteren Betroffenen. Ältere erreichten die meisten Qualitätsindikatoren aber bis zum Ende des Zeitraums seltener als jüngere. (Kohortenstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)15

Zur Wirkung von Stimulanzien in der Peri- und Postmenopause liegen kaum Daten vor. Die Autorinnen vermuten, dass die Wirkung nach der Menopause wegen des niedrigen Östrogenspiegels geringer ist. (Theoretischer Review, E 4.)16

(E 3): Die Prävalenz von ADHS nahm mit dem Alter ab. (Metaanalyse, k = 40, E 3.)17 (Metaanalyse, k = 6, E 3.)18 Die Metaanalyse mit k = 6 fand den Rückgang bei ausgeglichenem Geschlechterverhältnis, Alter und Geschlecht wirkten dabei in Wechselwirkung. Die Prävalenz von ADHS betrug

  • für symptomatisches bzw. subschwelliges ADHS bei:
    • 4,51 % (95%-KI 2,15 bis 9,32) ab 60 Jahren (18- bis 24-Jährige 8,99 %, 95%-KI 6,12 bis 13,03) (Metaanalyse, k = 40, E 3.)17
    • 4,2 % (subschwellig) bei 60- bis 94-Jährigen in den Niederlanden (gewichtet) (Querschnittstudie, n = 1.494, herstellerfinanziert, E 3.)19
  • für ADHS nach Diagnosekriterien (Vollbild bzw. Forschungsdiagnose) bei:
    • 3,1 % bei 40- bis 59-Jährigen (n = 256) in Deutschland (Querschnittstudie, n = 539, E 3.)20
    • 2,8 % (DSM-IV-Vollbild) bei 60- bis 94-Jährigen in den Niederlanden (gewichtet) (Querschnittstudie, n = 1.494, herstellerfinanziert, E 3.)19
    • 2,6 % bei 40- bis 80-Jährigen in Deutschland (Querschnittstudie, n = 539, E 3.)20
    • 2,5 % (95%-KI 2,1 bis 3,1) bei Erwachsenen insgesamt (gepoolt) (Metaanalyse, k = 6, E 3.)18
    • 2,18 % (95%-KI 1,51 bis 3,16) bei Menschen ab 50 Jahren nach Forschungsdiagnose mittels validierter Skalen (gepoolt) (Metaanalyse, k = 20, N = 20.999.871, E 3.)21
    • 2,1 % bei 60- bis 80-Jährigen (n = 283) in Deutschland, ohne signifikanten Unterschied zu 40- bis 59-Jährigen (Querschnittstudie, n = 539, E 3.)20
  • als Lebenszeitprävalenz (Selbstangabe) bei: (Kohortenstudie, n = 2.832, bis zu 44 Monate, E 2b.)22
    • 2,6 % bei aktiven Autofahrern im Alter von 65 bis 79 Jahren
  • für persistierendes ADHS (Beginn in der Kindheit) bei: (Metaanalyse, k = 40, E 3.)17
    • 0,77 % (95%-KI 0,3 bis 1,96) ab 60 Jahren (18- bis 24-Jährige 5,05 %, 95%-KI 3,12 bis 8,07)
  • als klinische Diagnose bei: (Metaanalyse, k = 20, N = 20.999.871, E 3.)21
    • 0,23 % (95%-KI 0,12 bis 0,43) bei Menschen ab 50 Jahren (gepoolt)

Die ADHS-Behandlungsrate bei Menschen ab 50 Jahren betrug 0,09 % (95%-KI 0,06 bis 0,15). Weniger als die Hälfte der klinisch Diagnostizierten war demnach behandelt. Die Heterogenität zwischen den Studien war bei allen Erhebungsmethoden signifikant. (Metaanalyse, k = 20, N = 20.999.871, E 3.)21

(E 3): Ältere berichteten signifikant weniger ADHS-Symptome als Jüngere. (Querschnittstudie, n = 3.443, E 3.)23 ohne Unterschied zwischen Männern und Frauen (Querschnittstudie, n = 1.494, herstellerfinanziert, E 3.)19 60- bis 70-Jährige mehr als 71- bis 94-Jährige

Die ADHS-Symptomwerte insgesamt unterschieden sich in der deutschen Bevölkerungsstichprobe nicht zwischen den Altersgruppen (40 bis 59 und 60 bis 80 Jahre), wohl aber Impulsivität/emotionale Labilität und Probleme des Selbstkonzepts. Betroffene hatten mehr psychopathologische Auffälligkeiten als Nichtbetroffene (mittlere bis große Effektstärken). Bei 92,1 % bestätigte eine Fremdbeurteilung die Selbstauskunft zur aktuellen Symptomatik. (Querschnittstudie, n = 539, E 3.)20

Einen Wert gleich oder höher 14 im ADHS-Selbstbeurteilungsbogen ASRS (Screening-Grenzwert) erreichten in der Allgemeinbevölkerung: (Querschnittstudie, n = 3.443, E 3.)23

  • 6,2 % der 48- bis 52-Jährigen
  • 2,2 % der 68- bis 74-Jährigen

(E 2b): Ältere erhielten seltener eine ADHS-Diagnose als Jüngere. (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, 10 Jahre, E 2b.)24 (Registerstudie, n = 3.536.476, E 3.)25 In England lag die dokumentierte ADHS-Diagnoserate in der Primärversorgung 2025 bei 1,19 % (95%-KI 1,18 bis 1,21) und sank mit dem Alter. (Registerstudie, n = 3.536.476, E 3.)25 Die seltenere Diagnose zeigte sich

  • in der Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose für: (Kohortenstudie, Versichertendaten, n = 5.282.877 Erwachsene, 10 Jahre, E 2b.)24
    • Ruheständler gegenüber Erwerbstätigen, OR = 0,278
    • über 65-Jährige gegenüber 18- bis 24-Jährigen, OR = 0,094 (95%-KI 0,088 bis 0,101), etwa zehnmal seltener
  • in der Lücke der dokumentierten Diagnoserate (England) zu publizierten Prävalenzschätzungen von: (Registerstudie, n = 3.536.476, E 3.)25
    • 93,51 % bei Männern und Frauen ab 65 Jahren
    • 73,03 % bei Männern und Frauen von 55 bis 64 Jahren
    • 28,71 % bei Männern von 18 bis 24 Jahren

Die Inzidenz dokumentierter Diagnosen war bei über 65-Jährigen am niedrigsten und blieb von 2000 bis 2024 stabil niedrig. (Registerstudie, n = 3.536.476, E 3.)25

(E 3): ADHS fand sich

  • als retrospektiv per Wender Utah Rating Scale (WURS) erfasstes Kindheits-ADHS bei:
    • 25 % (9 von 36) älterer Patienten einer Gedächtnisambulanz mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI, Durchschnittsalter 72,4 Jahre), wahrscheinliches ADHS, Cut-off 30 Punkte (Querschnittstudie, n = 36, E 3.)26
    • 22,5 % psychiatrischer Patienten ab 65 Jahren, wahrscheinliche Kindheits-ADHS (WURS gleich oder höher 36) (Querschnittstudie, n = 261, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)27 Ging mit mehr Suizidversuchen, rechtlichen Problemen und Verkehrsverstößen einher.
    • 4,4 % älterer Menschen (kognitiv unauffällig bis dement), positiv für ein Kindheits-ADHS (Querschnittstudie, n = 310, E 3.)28
    • 3,3 % der 65- bis 80-Jährigen (WURS 36 oder höher) (Querschnittstudie, N = 2.500, n = 1.599, E 3.)29 Männer berichteten signifikant mehr Symptome. Mehr Kindheitssymptome gingen mit allgemeinen Problemen in der Kindheit und schlechterer aktueller Gesundheit einher.
  • als aktuell diagnostiziertes ADHS in klinischen Stichproben bei:
    • 9,7 % psychiatrischer Patienten ab 65 Jahren (SCID-5, Kontrollen 1,5 %) (Querschnittstudie, n = 261, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)27 ADHS sagte unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildung eine höhere Aufmerksamkeitsimpulsivität vorher (p = 0,003).
    • 13 von 583 Patienten mit kognitiven Beschwerden (Alter 22 bis 75 Jahre) eines Gedächtniszentrums (Fallserie, n = 13, E 4.)30

Ein wahrscheinliches ADHS bei MCI war häufiger bei: (Querschnittstudie, n = 36, E 3.)26

  • männlichem Geschlecht, OR = 22,3 (1,5 bis 325,5)
  • aktueller Hyperaktivität (ADHD RS-IV), OR = 2,8 (1,2 bis 6,9)

(E 4): Eine psychiatrische Komorbidität hatten:

  • 85 % der 13 im Gedächtniszentrum Diagnostizierten, überwiegend Angst und Depression (Fallserie, n = 13, E 4.)30
  • 54 % von 11 erstmals diagnostizierten Patienten im Alter von 55 Jahren oder älter (mindestens eine psychiatrische Komorbidität) (Fallserie, n = 11, E 4.)9

Bei denselben 11 Patienten (im Mittel 61,6 Jahre) fanden sich folgende Anteile für: (Fallserie, n = 11, E 4.)9

  • überwiegend unaufmerksamer Subtyp, 55 %
  • Mischtyp, 45 %

Von 65- bis 80-Jährigen mit retrospektiv hohen Kindheitssymptomwerten (WURS 36 oder höher) erreichten 53,3 % (16 von 30) auch bei den aktuellen ADHS-Symptomen den in Schweden gebräuchlichen klinischen Grenzwert (WRASS 70 oder höher), von denjenigen mit niedrigeren Kindheitswerten niemand. Die Autoren sehen darin ein erhebliches Fortbestehen von ADHS-Symptomen bis ins hohe Alter. (Querschnittstudie, N = 1.599, n = 60, E 3.)31

Bei 65- bis 80-Jährigen stimmten Wender-Skalen, Barkley-Skalen und DSM-IV-Kriterien in der Erfassung von Kindheits- und aktuellen ADHS-Symptomen weitgehend überein. DSM-IV-Kriterien (6 oder mehr Symptome) erfüllten: (Querschnittstudie, N = 1.599, n = 60, E 3.)32

  • 70,0 % retrospektiv für Unaufmerksamkeit in der Kindheit bei hohen Kindheitswerten (WURS 36 oder höher)
  • 68,8 % für aktuelle Unaufmerksamkeit bei hohen aktuellen Werten (WRASS 70 oder höher)
  • 56,3 % für aktuelle Hyperaktivität/Impulsivität bei hohen aktuellen Werten (WRASS 70 oder höher)
  • 13,6 % für aktuelle Hyperaktivität/Impulsivität bei niedrigeren aktuellen Werten (WRASS unter 70)
  • 11,4 % für aktuelle Unaufmerksamkeit bei niedrigeren aktuellen Werten (WRASS unter 70)

(E 3): Die für jüngere Erwachsene entwickelten Diagnosekriterien und Instrumente waren auch bei Älteren anwendbar. (Querschnittstudie, retrospektive Angaben, N = 231, n = 23, herstellerfinanziert, E 3.)33 (Validierungsstudie, n = 324, E 3.)34

Bei älteren Menschen mit ADHS unterschied sich die Zahl der aktuellen ADHS-Symptome nicht von der retrospektiv für die Kindheit berichteten (9,91 gegenüber 10,43 von 18). Die Autoren hielten die für jüngere Erwachsene entwickelten Diagnosekriterien daher auch bei Älteren für anwendbar. (Querschnittstudie, retrospektive Angaben, N = 231, n = 23, herstellerfinanziert, E 3.)33

Die ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB) und das Wender-Reimherr-Interview (WRI) waren auch bei 60- bis 99-Jährigen als Diagnoseinstrumente einsetzbar (korrekte Klassifikation 89,5 % bzw. 86,1 %, Spezifität 81 % bis 94 %). Beide Verfahren unterschätzten jedoch die Zahl der Betroffenen gegenüber der Expertenbeurteilung (8 % gegenüber 14 % der Gesamtstichprobe) und zeigten im Alter eine geringere psychometrische Güte als bei jüngeren Erwachsenen (AUC 0,67 bzw. 0,72). (Validierungsstudie, n = 324, E 3.)34

Längsschnittdaten mit wiederholten Messungen reichen bislang nur bis ins fünfte Lebensjahrzehnt, prospektive Daten ab der Kindheit (MTA) bis zu einem mittleren Alter von 25 Jahren. Bei älteren Menschen ohne Erwerbstätigkeit ist die Beeinträchtigung schwerer festzustellen. Als Maßstab wird vorgeschlagen, wie bei Depression das persönlich erlebte Leid zu bewerten und fremdanamnestische Angaben einzubeziehen. (Kommentar, E 4.)35

Bei Erwachsenen ab 50 Jahren beschrieb ein hierarchisches Modell der ADHS-Symptome mit einem übergeordneten allgemeinen ADHS-Faktor und den Unterfaktoren Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität die Daten am besten (CFI = 0,96, TLI = 0,98, RMSEA = 0,04). Das Modell passte auch bei Personen ohne kognitive Beeinträchtigung oder Demenz. Der allgemeine Faktor stand mit kognitiver Funktion, depressiven Symptomen und polygenem ADHS-Risiko in Zusammenhang. (Querschnittstudie, n = 1.562, E 3.)36

Bei 18- bis 59-Jährigen (n = 645) und 60- bis 85-Jährigen (n = 233) war die Faktorstruktur der ADHS-Symptome (CAARS, Bifaktormodell mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität) altersinvariant. Hyperaktivität und Impulsivität waren bei Älteren leicht niedriger. Bei Älteren sagten ADHS-Symptome ein schlechteres Arbeitsgedächtnis vorher, bei Jüngeren ging Unaufmerksamkeit mit besserer kognitiver Flexibilität einher. Die Autoren sahen die Validität des ADHS-Konzepts bei Älteren bestätigt, empfahlen aber altersgerechte Normwerte. (Querschnittstudie, N = 878, E 3.)37

(E 3): Ältere Menschen mit ADHS zeigten schlechtere Leistungen im episodischen Gedächtnis als gesunde Gleichaltrige. (Systematischer Review, k = 10, E 3.)38 (Querschnittstudie, n = 107, E 3.)39

Ältere Erwachsene (ab 50 Jahren) mit ADHS zeigten schlechtere Leistungen in Aufmerksamkeit und episodischem Gedächtnis als jüngere Betroffene und gesunde Gleichaltrige. Zu exekutiven Funktionen waren die Befunde uneinheitlich (Arbeitsgedächtnis teils schlechter als bei gesunden Älteren, teils gleich gut oder besser als bei jüngeren Erwachsenen mit ADHS). (Systematischer Review, k = 10, E 3.)38

Ältere Menschen mit ADHS schnitten im episodischen Gedächtnis und in exekutiven Funktionen schlechter ab als Kontrollen (partielles η² über 0,14, Zahlenspanne rückwärts 0,13) und unterschieden sich in keinem kognitiven Bereich von Personen mit MCI. (Querschnittstudie, n = 107, E 3.)39

Bei Älteren (68 bis 74 Jahre) wirkten ADHS-Symptome auf die kognitive Leistung vor allem indirekt über depressive Symptome. Mehr Hyperaktivität ging bei Älteren mit besserem Aufgabenwechsel einher. (Querschnittstudie, n = 3.443, E 3.)23

Bereits im mittleren Lebensalter (47 bis 54 Jahre) waren ADHS-Symptome, auch subklinische, mit langsamerer Reaktions- und Verarbeitungsgeschwindigkeit und geringerer kognitiver Flexibilität verbunden. (Querschnittstudie, Bevölkerungskohorte, N = 2.091, E 3.)40

Retrospektiv erfasste Kindheits-ADHS-Symptome hingen bei 18- bis 85-Jährigen schwach mit schlechteren Exekutivfunktionen zusammen (r = -0,10). Vaskuläre Risikofaktoren (Diabetes, Rauchen, Adipositas, Bluthochdruck, Hypercholesterinämie) beeinflussten die Kognition unabhängig davon, erklärten den Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Kognition aber weder als Mediator noch als Moderator. Das Alter (unter oder über 65 Jahre) moderierte die Zusammenhänge nicht. (Querschnittstudie, n = 1.092, E 3.)41

Ältere Patienten einer kognitiv-neurologischen Klinik mit ADHS und mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) zeigten beide Gedächtnisbeeinträchtigungen mit unterschiedlichem Mechanismus (bei MCI ein Speicherdefizit mit relativ kleineren Hippocampi, bei ADHS ein Enkodierungsdefizit mit Verdünnung des Frontalkortex). Beide Gruppen hatten normale exekutive Funktionen. Der semantische Abruf war nur bei MCI beeinträchtigt. Die Autoren werteten ADHS nicht als Demenzvorstufe, sondern als pathophysiologisch eigenständige Phänokopie. (Querschnittstudie, n = 40 ADHS, 29 MCI, 37 Kontrollen, E 3.)42

Ältere Erwachsene mit ADHS zeigten gegenüber gleichaltrigen Kontrollen ein relativ isoliertes Defizit im Arbeitsgedächtnis, während Personen mit Lewy-Körper-Demenz (DLB) breit beeinträchtigt waren. Leistungsprofile im Vergleich (Late-Life-ADHS / DLB) bei: (Systematischer Review, k = 28 (3 ADHS-Studien mit zusammen 127 älteren Betroffenen, 25 DLB-Studien), E 3.)43

  • Arbeitsgedächtnis, beeinträchtigt in 2 von 2 / 7 von 10 Studien
  • Inhibitionskontrolle, beeinträchtigt in 1 von 3 / 3 von 5 Studien
  • kognitive Flexibilität, beeinträchtigt in 1 von 2 / 11 von 13 Studien
  • Planung, unauffällig in 1 von 1 / beeinträchtigt in 15 von 16 Studien
  • semantische und phonematische Wortflüssigkeit, unauffällig in 2 von 2 / beeinträchtigt in 15 von 15 bzw. 17 von 17 Studien
  • Psychomotorisches Tempo, unauffällig in 1 von 1 / beeinträchtigt in 11 von 12 Studien

Die bei jungen Erwachsenen mit ADHS verminderte NoGo-P3 normalisierte sich bis zum mittleren Erwachsenenalter weitgehend und nahm danach erneut ab. Die Autoren sehen dies im Einklang mit der Hypothese “last in, first out”, nach der spät reifende Hirnregionen früh abbauen. ADHS könnte demnach nicht nur mit verzögerter Hirnreifung, sondern auch mit einem vorzeitigen altersbedingten Abbau verbunden sein. (Querschnittstudie, N = 86, n = 45, E 3.)44

Ältere Erwachsene ohne ADHS berichteten in einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe seltener Gedankenabschweifen (Mind Wandering) als jüngere, bei vergleichbaren Verhaltensfolgen (u. a. Reaktionszeitvariabilität). Im EEG war die P3-Amplitude bei unaufmerksamen Durchgängen in beiden Altersgruppen verringert, bei Älteren weniger stark. (Experimentelle Querschnittstudie mit EEG, n = 89, EEG-Auswertung n = 50, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)45

Bei Erwachsenen ab 35 Jahren mit klinischem, symptomatischem oder genetischem ADHS-Risiko fanden sich gegenüber Kontrollen Veränderungen in frontostriatalen, frontoparietalen und limbischen Systemen. Erwachsene mittleren Alters mit diagnostiziertem ADHS zeigten breiter verteilte kortikale Strukturunterschiede, Ältere vorwiegend frontale Auffälligkeiten, möglicherweise durch eine altersbedingte Abschwächung der Unterschiede. Zwei funktionelle Studien fanden eine frontale Minderaktivierung neben einer parietalen Mehraktivierung, vereinbar mit kompensatorischer Rekrutierung. In nicht diagnostizierten Stichproben wirkte das genetische ADHS-Risiko mit Alzheimer-bezogener Pathologie auf Gehirn und Kognition zusammen. (Systematischer Review, k = 13, E 3.)46

Bei älteren Erwachsenen (56 bis 84 Jahre) war der Zusammenhang zwischen ASS- und ADHS-Symptomen schwächer (r = 0,39) als im Jugendalter (r = 0,60) und im mittleren Erwachsenenalter (r = 0,50). Die Autoren vermuten eine Entdifferenzierung exekutiver Funktionen im Alter. (Narrativer Review mit empirischer Auswertung von 17.173 gepaarten Symptomeinschätzungen, 0 bis 84 Jahre, E 4.)47

(E 4): Ein fortbestehendes ADHS kann sich im Alter als kognitive Beschwerde (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Organisation) zeigen und als leichte kognitive Störung (MCI) oder beginnende neurodegenerative Erkrankung fehlgedeutet werden. (Narrativer Review, E 4.)48 (Fallserie, n = 13, E 4.)30 (Fallberichte, E 4.)49 Lebenslange Schwächen in Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Exekutivfunktionen können sonst als kognitiver Abbau fehlgedeutet werden.

Der Zusammenhang zwischen ADHS und MCI ist nach Einschätzung der Autoren eher ein Störfaktor als eine Ursache. Genetische, bildgebende und pharmakologische Befunde stützen keine direkte Verbindung zwischen ADHS und Alzheimer-Erkrankung, lassen aber eine mögliche Verbindung zu Lewy-Körperchen-Demenz und Parkinson-Erkrankung offen. (Narrativer Review, E 4.)48

(E 4): Bei der Abklärung von Gedächtnisbeschwerden oder einer neurodegenerativen Erkrankung im Alter ist ein vorbestehendes ADHS zu erfragen bzw. abzugrenzen. (Fallberichte, E 4.)49 ADHS oder Lernstörung erfragen (Fallserie, n = 86, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)50 bei Klagen über nachlassendes Kurzzeitgedächtnis Abgrenzung von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) (Narrativer Review, E 4.)48 ADHS-Screening bei MCI mit führendem Aufmerksamkeitsdefizit

Kognitive Screenings (MMSE, MoCA) unterscheiden vorbestehende und neu aufgetretene Defizite nicht ausreichend, eine neuropsychologische Testung mit Verlaufsuntersuchungen wird empfohlen. Die Autoren stellen hierfür einen Screening-Fragebogen vor. (Fallberichte, E 4.)49

Vergesslichkeit und Ablenkbarkeit waren die Hauptbeschwerden von Erwachsenen mit ADHS in einer Gedächtnisambulanz. (Fallserie, n = 86, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)50

Die WURS-Werte hingen nicht mit der Diagnose einer leichten kognitiven Störung (MCI) oder Demenz zusammen, zeigten aber nichtlineare Zusammenhänge mit Aufgaben zur Daueraufmerksamkeit. Aufmerksamkeitsdefizite im Alter bedeuten daher nicht zwingend eine neurodegenerative Erkrankung. (Querschnittstudie, n = 310, E 3.)28

Bei einem 72-jährigen Mann mit leichter neurokognitiver Störung infolge einer Alzheimer-Erkrankung bestanden die Aufmerksamkeitssymptome offenbar seit der Kindheit. Ein strukturiertes Interview erlaubte wegen Erinnerungsverzerrungen keine sichere ADHS-Diagnose. Die Autoren vermuteten ein bislang durch hohe kognitive Fähigkeiten kompensiertes ADHS, das durch den beginnenden neurodegenerativen Prozess dekompensierte. Eine unerklärte Verschlechterung von ADHS-Symptomen im Alter sollte an einen neurodegenerativen Prozess denken lassen. (Fallbericht, n = 1, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)51

54 % der antwortenden US-Gedächtnisambulanzen hatten bereits ADHS-Fälle erkannt, rund die Hälfte stellte die Diagnose ADHS selbst erstmals. Nur 19 % untersuchten regelmäßig auf ADHS, kaum eine Ambulanz beschrieb Behandlungsmethoden. ADHS im Alter wird in Gedächtnisambulanzen daher vermutlich nicht ausreichend erkannt. (Befragung, n = 62 Gedächtnisambulanzen, E 3.)52

(E 2b): Das Risiko bei ADHS betrug für

  • eine Demenz (alle Demenzformen):
    • HR 4,01 (95 %-KI 2,53 bis 6,36), adjustiert, innerhalb von 10 Jahren bei Erwachsenen gegenüber nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollen (5,48 % gegenüber 4,0 %) (Kohortenstudie, n = 2.700, 10 Jahre, E 2b.)53 Methylphenidat oder Atomoxetin waren nicht mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden.
    • HR 0,98 bis 4,01 als Spannweite der adjustierten HR für eine Demenz jeglicher Ursache in den eingeschlossenen Studien (Systematischer Review, k = 7, E 2b.)54 Die Größe des direkten Effekts blieb wegen methodischer Heterogenität offen (keine Metaanalyse möglich).
    • HR 3,33 (95%-KI 1,09 bis 10,17), adjustiert, in einer Gedächtnisambulanz-Kohorte über bis zu 15 Jahre (27 von 161 Erwachsenen mit ADHS und 4 von 109 Nichtbetroffenen) (Kohortenstudie, n = 270, 15 Jahre, E 2b.)55
    • HR 3,15 (95%-KI 2,33 bis 4,25, I² = 22,9 %) gepoolt ohne die als Ausreißer identifizierte schwedische Registerstudie (Metaanalyse, k = 5, N = 3.704.277, E 2b.)56
    • HR 2,92 (2,40 bis 3,57) ab dem 50. Lebensjahr (Registerkohortenstudie, N = 3.591.689, n = 9.532, Median 14,1 Jahre, E 2b.)57
    • HR 2,77 (95 %-KI 2,11 bis 3,63), adjustiert, bei 51- bis 70-Jährigen mit Diagnose eines Erwachsenen-ADHS (Demenz bei 13,2 % gegenüber 7,0 %) (Kohortenstudie, n = 109.218, 17 Jahre, E 2b.)58 Bei Betroffenen, die Psychostimulanzien erhielten, fand sich kein klarer Risikoanstieg. Hinweise auf eine umgekehrte Kausalität (ADHS-Diagnose als Frühzeichen einer beginnenden Demenz) waren gering.
    • HR 2,52 (95%-KI 1,51 bis 4,22) gepoolt, bei sehr hoher Heterogenität (I² = 87,7 %) (Metaanalyse, k = 5, N = 3.704.277, E 2b.)56 Für Alzheimer-, vaskuläre und Lewy-Körperchen-Demenz war wegen zu weniger Studien keine Metaanalyse möglich.
    • HR 1,62 (1,32 bis 1,98) ab dem 50. Lebensjahr nach zusätzlicher Adjustierung für Depression, Angststörung, Substanzkonsumstörung und bipolare Störung (Registerkohortenstudie, N = 3.591.689, n = 9.532, Median 14,1 Jahre, E 2b.)57
    • HR 0,98 in einer eingeschlossenen Studie nach Kontrolle von Bildung, Stoffwechselstörungen, Schlafstörungen, Kopfverletzungen und psychischen Störungen (zuvor 2,93) (Systematischer Review, k = 7, E 2b.)54
  • eine Lewy-Körperchen-Erkrankung:
    • HR 54,54 (95%-KI 7,48 bis 397,50), adjustiert, in der Gedächtnisambulanz-Kohorte (häufigste Demenzform war die Demenz mit Lewy-Körperchen mit 20 Fällen, davon 19 in der ADHS-Gruppe) (Kohortenstudie, n = 270, 15 Jahre, E 2b.)55
    • OR 5,1 (95 %-KI 2,7 bis 9,6) bei vorangegangenen ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter im Vergleich mit Kontrollen (Fall-Kontroll-Studie, n = 509, E 3.)59
    • OR 4,9 (95 %-KI 2,8 bis 8,4) bei vorangegangenen ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter im Vergleich mit Alzheimer-Demenz (Fall-Kontroll-Studie, n = 509, E 3.)59
    • bis auf das Fünffache für eine spätere neurodegenerative Erkrankung, insbesondere Lewy-Körperchen-Erkrankungen (erste Hinweise aus 8 Studien) (Narrativer Review, k = 8, E 4.)60
  • eine leichte kognitive Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) ab dem 50. Lebensjahr: (Registerkohortenstudie, N = 3.591.689, n = 9.532, Median 14,1 Jahre, E 2b.)57
    • HR 6,21 (5,25 bis 7,35)
    • HR 2,54 (2,14 bis 3,01) nach zusätzlicher Adjustierung

Stoffwechselerkrankungen, Schlafstörungen, Kopfverletzungen, Bildungsniveau und andere Entwicklungsstörungen veränderten den Zusammenhang kaum. Der Zusammenhang mit Demenz war bei Männern stärker, bei Frauen mit ADHS war das Demenzrisiko um 42 % niedriger als bei Männern mit ADHS. (Registerkohortenstudie, N = 3.591.689, n = 9.532, Median 14,1 Jahre, E 2b.)57

Eine nicht-amnestische leichte kognitive Störung trat in der Gedächtnisambulanz-Kohorte bei 67,1 % der Betroffenen und 17,4 % der Nichtbetroffenen auf. (Kohortenstudie, n = 270, 15 Jahre, E 2b.)55

Methodische Schwächen (Diagnosen aus Abrechnungsdaten, unerkannte ADHS-Fälle in Kontrollgruppen, Einbezug nicht-ADHS-bedingter hyperkinetischer Syndrome, Störfaktoren durch Komorbiditäten) können die Risikoschätzungen sowohl unterschätzen als auch überschätzen. (Narrativer Review, k = 8, E 4.)60

Über vorangegangene ADHS-Symptome im Erwachsenenalter berichteten: (Fall-Kontroll-Studie, n = 509, E 3.)59

  • 47,8 % der Menschen mit Lewy-Körperchen-Demenz
  • 15,2 % der Menschen mit Alzheimer-Demenz
  • 15,1 % der Kontrollen

Verwandte von Menschen mit ADHS hatten ein erhöhtes Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung und eine Demenz jeglicher Ursache. Der Zusammenhang schwächte sich mit abnehmender genetischer Verwandtschaft ab, was auf gemeinsame familiäre Risikofaktoren hinweist. Risiko bei Verwandten von Menschen mit ADHS für: (Kohortenstudie, Mehrgenerationen-Register, n = 2.132.929, E 2b.)61

  • früh beginnende Alzheimer-Erkrankung bei Eltern, HR 1,69 (95 %-KI 1,34 bis 2,13)
  • Alzheimer-Erkrankung bei Eltern, adjustierte HR 1,55 (95 %-KI 1,26 bis 1,89)
  • Demenz jeglicher Ursache bei Eltern, HR 1,34 (95 %-KI 1,11 bis 1,63)
  • früh beginnende Alzheimer-Erkrankung bei Großeltern, HR 1,27 (95 %-KI 1,19 bis 1,36)
  • spät beginnende Alzheimer-Erkrankung bei Eltern, HR 1,20 (95 %-KI 0,82 bis 1,77)
  • Alzheimer-Erkrankung bei Onkeln und Tanten, HR 1,15 (95 %-KI 0,85 bis 1,56), nicht signifikant
  • Alzheimer-Erkrankung bei Großeltern, HR 1,11 (95 %-KI 1,08 bis 1,13)
  • Demenz jeglicher Ursache bei Großeltern, HR 1,10 (95 %-KI 1,08 bis 1,12)
  • spät beginnende Alzheimer-Erkrankung bei Großeltern, HR 1,09 (95 %-KI 1,07 bis 1,11)

Eine genetische Veranlagung zu ADHS hatte keinen kausalen Einfluss auf das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung (OR 1,00, 95 %-KI 0,98 bis 1,02), auch nicht unabhängig von Bildung (OR 1,00, 95 %-KI 0,99 bis 1,01) und IQ (OR 1,00, 95 %-KI 0,99 bis 1,02). Umgekehrt beeinflusste eine genetische Veranlagung zur Alzheimer-Erkrankung das ADHS-Risiko nicht (OR 1,12, 95 %-KI 0,86 bis 1,44). (Mendelsche Randomisierung, GWAS-Daten von 20.183 ADHS-Fällen, 35.191 Kontrollen, 71.880 Alzheimer-Fällen und 383.378 Kontrollen, E 2b.)62

Ein höheres polygenes ADHS-Risiko (ADHD-PRS) ging bei kognitiv unbeeinträchtigten Älteren ohne ADHS-Diagnose (55 bis 90 Jahre) mit stärkerem kognitivem Abbau über bis zu 6 Jahre einher (globale Kognition, PACC: β = -0,10, 95%-KI -0,16 bis -0,03, Cohen’s f² = 0,21). Der Zusammenhang bestand nur bei Personen mit Amyloid-β-Ablagerungen. Bei Amyloid-positiven Personen fanden sich mit höherem ADHD-PRS zudem Veränderungen bei: (Kohortenstudie, n = 212, bis 6 Jahre, E 2b.)63

  • Anstieg von p-Tau181 im Liquor, β = 0,05 (0,01 bis 0,08)
  • frontoparietaler Atrophie
  • stärkerem Gedächtnisabbau (ADNI-Mem), Interaktion mit Amyloid-β β = -0,02 (-0,05 bis -0,0001)

Ein systematischer Review zu genetischen Überschneidungen von ADHS und Alzheimer-Krankheit fand nur 2 geeignete Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen. Bei kognitiv unauffälligen älteren Erwachsenen (n = 212) war ein höherer polygener ADHS-Risikoscore bei Amyloid-Positivität mit fortschreitendem kognitivem Abbau, mehr Tau-Pathologie und frontoparietaler Atrophie verbunden. In einer Kohorte von 10.645 schwedischen Zwillingen fand sich dagegen kein direkter Zusammenhang zwischen polygenem ADHS-Risiko und Demenz, beobachtete Zusammenhänge mit somatischen Erkrankungen wurden über BMI, Bildung, Rauchen und Alkoholmissbrauch vermittelt. (Systematischer Review, k = 2, E 2b.)64

Bei kognitiv beeinträchtigten älteren Erwachsenen (im Mittel 73,5 Jahre) ging ein hoher polygener ADHS-Risikoscore mit schwereren Krankheitsmerkmalen einher, bei: (Querschnittstudie, n = 938, E 3.)65

  • exekutiven Funktionen bei leichter kognitiver Störung, β = -0,15 (95%-KI -0,30 bis -0,008)
  • exekutiven Funktionen bei Alzheimer-Demenz, β = -0,28 (95%-KI -0,52 bis -0,03)
  • CSF-p-tau181 bei Alzheimer-Demenz, β = 0,48 (95%-KI 0,20 bis 0,75)
  • CSF-Amyloid-β1-42, kein Unterschied

Bei Alzheimer-Demenz war ein höherer polygener ADHS-Risikoscore zudem mit frontalem und parietalem Hypometabolismus (FDG-PET) verbunden, der parietale Hypometabolismus vermittelte den Effekt auf die exekutiven Funktionen. (Querschnittstudie, n = 938, E 3.)65

(E 3): Ältere Menschen mit ADHS berichteten über lebenslange Beeinträchtigungen. (Querschnittstudie, n = 296, davon 11 mit ADHS, E 3.)66 lebenslang stabil (Qualitative Studie, n = 24, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)67 bei spät gestellter Diagnose lebenslang aufsummierte Belastung (63 %) durch geringere Einkünfte und Altersvorsorge, verpasste berufliche Chancen und soziale Isolation (Qualitative Interviewstudie, n = 9, E 4.)68 bei Frauen mit einer ADHS-Diagnose nach dem 60. Lebensjahr lebenslange Schwierigkeiten in Beruf und Beziehungen

Aktuelle Beeinträchtigungen berichteten ältere Menschen mit ADHS bei: (Querschnittstudie, n = 296, davon 11 mit ADHS, E 3.)66

  • sozialen Beziehungen (46 %)
  • Organisation des Alltags (36 %)
  • Familienleben (18 %)
  • Umgang mit Geld (18 %)

Gegenüber jüngeren Erwachsenen mit ADHS war die Produktivität älterer Erwachsener mit spät gestellter Diagnose stärker beeinträchtigt (AAQoL 51,7 gegenüber 61,9), ihre Lebensperspektive besser (67,7 gegenüber 60,6). 21 % befürchteten, ihre ADHS-Symptome seien in Wahrheit altersbedingte kognitive Probleme oder eine Demenz. (Qualitative Studie, n = 24, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)67

Die Frauen mit Diagnose nach dem 60. Lebensjahr beschrieben auch kreative Kompensationsstrategien. Diagnose und Behandlung im Alter förderten ihre Selbstakzeptanz. (Qualitative Interviewstudie, n = 9, E 4.)68

Erwachsene mit ADHS (18 bis 52 Jahre bei Beginn der Nachbeobachtung) zeigten mehr Instabilität im Alltag. Die Zusammenhänge nahmen mit dem Alter zu und waren in der ältesten Gruppe (40 bis 52 Jahre) am stärksten. (Registerstudie, N = 3.448.440, n = 31.081, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)69 Erhöhte Inzidenzraten fanden sich

  • bei ADHS für: (Registerstudie, N = 3.448.440, n = 31.081, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)69
    • Umzüge, IRR 2,35 (95%-KI 2,32 bis 2,37)
    • Beziehungsinstabilität (Kinder mit verschiedenen Partnern), IRR 1,07 (1,06 bis 1,08)
    • Arbeitsplatzwechsel, IRR 1,03 (1,02 bis 1,04)
  • in der ältesten gegenüber der mittleren Gruppe (30 bis 39 Jahre), jeweils signifikant, für: (Registerstudie, N = 3.448.440, n = 31.081, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)69
    • Umzüge, IRR 1,50 (1,47 bis 1,54)
    • Beziehungsinstabilität, IRR 1,11 (1,08 bis 1,14)
    • Arbeitsplatzwechsel, IRR 1,09 (1,06 bis 1,12)

Frauen mit ADHS hatten in allen Altersgruppen mehr Beziehungsinstabilität als Männer mit ADHS. (Registerstudie, N = 3.448.440, n = 31.081, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)69

Ältere Fahrer (65 bis 79 Jahre) mit ADHS hatten nach Adjustierung ein erhöhtes Risiko (adjustiertes Inzidenzratenverhältnis, aIRR) für: (Kohortenstudie, n = 2.832, bis zu 44 Monate, E 2b.)22

  • Strafzettel (Selbstbericht), aIRR 2,02 (95%-KI 1,42 bis 2,88)
  • Verkehrsunfälle (Selbstbericht), aIRR 1,74 (95%-KI 1,26 bis 2,40)
  • Vollbremsungen, aIRR 1,07 (95%-KI 1,02 bis 1,12)

Kinder mit ADHS-Problemen im Alter von 7 Jahren (3,1 %) hatten ein erhöhtes Risiko, bis zum Alter von 58 Jahren zu versterben (OR 1,86, 95%-KI 1,08 bis 3,17, 251 Todesfälle). Das Risiko wurde weitgehend durch Rauchen und ein höheres Taille-Hüft-Verhältnis im Alter von 44 Jahren erklärt. (Kohortenstudie, n = 8.016, 51 Jahre, E 2b.)70


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