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ADHS-Symptome bei Erwachsenen verändert

ADHS-Symptome bei Erwachsenen verändert

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Bedeutung für Betroffene

Die Symptome von ADHS verändern sich vom Kindes- zum Erwachsenenalter deutlich. Das bedeutet nicht, dass ADHS verschwindet. Die Beschwerden zeigen sich bei Erwachsenen oft in anderer, weniger auffälliger Form.

Hyperaktivität und innere Unruhe: Die sichtbare körperliche Unruhe geht bei den meisten Betroffenen mit dem Alter deutlich zurück. An ihre Stelle tritt häufig eine innere Unruhe, etwa das Gefühl, ständig aktiv sein zu müssen und nicht abschalten zu können. Mit Bewegungssensoren gemessen war die Bewegungsunruhe allerdings auch bei Erwachsenen noch deutlich erhöht, selbst beim überwiegend unaufmerksamen Subtyp. Vor allem Frauen und ältere Erwachsene beschrieben ihre Hyperaktivität eher als innere Unruhe. Impulsivität nimmt ebenfalls eher ab. Ihre Folgen können im Erwachsenenalter aber schwerer wiegen, etwa bei finanziellen Entscheidungen.

Unaufmerksamkeit und Gedankenwandern: Unaufmerksamkeit bleibt beständiger als Hyperaktivität und Impulsivität. Viele Erwachsene erfüllen daher eher die Kriterien des unaufmerksamen Subtyps. Häufig wird ein übermäßiges, unbeabsichtigtes Abschweifen der Gedanken (Mind Wandering) beschrieben, das in Studien mit stärkeren Beeinträchtigungen im Alltag verbunden war. Auch Gedankenrasen, vor allem abends vor dem Einschlafen, sowie eine träge, verträumte Denkweise (Sluggish Cognitive Tempo) fanden sich bei Erwachsenen mit ADHS häufiger. Die Studienlage dazu ist teilweise widersprüchlich.

Emotionen: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und starke Gefühlsreaktionen (emotionale Dysregulation) fallen im Erwachsenenalter oft stärker auf. Je nach Studie und Definition betraf dies etwa ein Drittel bis neun von zehn Erwachsenen mit ADHS. Emotionale Probleme beeinträchtigten Familie, Beruf und soziale Beziehungen zusätzlich zu den Kernsymptomen. Zudem reagieren Betroffene stärker auf Stress. Offen ist, ob emotionale Probleme im Erwachsenenalter tatsächlich zunehmen oder ob sie bei Kindern nur eher als Unreife hingenommen werden.

Exekutivfunktionen und Alltag: Schwierigkeiten mit Organisation, Planung, Zeitmanagement und Arbeitsgedächtnis (Exekutivfunktionen) bestehen oft bis ins Erwachsenenalter fort. Auch wenn die Zahl der Symptome sinkt, bleibt die Beeinträchtigung im Alltag häufig bestehen. Ältere Erwachsene mit ADHS hatten eine ähnlich eingeschränkte Lebensqualität wie jüngere. Erwachsene haben eher als Kinder die Möglichkeit, Beruf und Umfeld passend zu wählen. Tätigkeiten, die neu, abwechslungsreich, fordernd oder persönlich interessant sind, fielen jungen Erwachsenen mit ADHS leichter.

Diagnostik: Die Diagnosekriterien wurden für Kinder entwickelt und bilden die Beschwerden Erwachsener nur unvollständig ab. Junge Erwachsene schätzten ihre Symptome zudem geringer ein als ihre Eltern. Deshalb werden für Erwachsene niedrigere Symptomschwellen und die Einbeziehung mehrerer Beurteiler empfohlen.

Neurobiologie: Auch im Gehirn wurden altersabhängige Veränderungen gefunden, etwa im Dopaminsystem, bei den Hirnströmen (EEG) und bei der Vernetzung von Hirnregionen. Die Befunde bei Kindern und Erwachsenen sind nicht deckungsgleich. Für eine sichere Zuordnung im Einzelfall eigneten sich einfache EEG-Marker in Studien nicht.

Die DSM IV-Kriterien für ADHS beschreiben die Symptome von Kindern und nicht spezifisch diejenigen von Erwachsenen. (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)1
(E 4): Die Symptome von ADHS bei Erwachsenen ändern sich gegenüber denen von ADHS bei Kindern erheblich. (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)2 (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)3 Vor allem Hyperaktivität geht erheblich zurück. Symptome wie innere Unruhe, Erholungsunfähigkeit und „ständig aktiv sein müssen“ treten in den Vordergrund.

Zur gedanklichen Unruhe bei Erwachsenen fanden sich:

  • bei Erwachsenen mit ADHS rasende Gedanken (Racing Thoughts) und Gedankenabschweifen (Mind Wandering, Tagträumen) als zwei getrennte Faktoren. Den Faktor rasende Gedanken sagte vor allem emotionale Labilität vorher (β = 0,25, p = 0,03, erklärte Varianz aller Symptomfacetten 20,3 %). Gedankenabschweifen hing weder mit den ADHS-Symptomen noch mit der Beeinträchtigung zusammen. Die Autoren sehen rasende Gedanken als plausible Erklärung der mentalen Unruhe bei Erwachsenen mit ADHS. (Querschnittstudie, n = 84, E 3.)4
  • bei Erwachsenen mit mehr hyperaktiven, nicht aber mit mehr unaufmerksamen ADHS-Symptomen eine größere Variabilität des Gedankeninhalts, allerdings nur bei geringer Steuerung der Gedanken (lautes Denken ohne Themenvorgabe, unbeabsichtigtes Abschweifen im Alltag über 7 Tage) (Querschnittstudie mit Alltagsbefragung per Smartphone, n = 91, E 3.)5

Eine Zwillingsstudie berichtete bei Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 16 Jahren einen linearen Rückgang (DSM-IV-Symptomskala, Mütterurteil) für: (Kohortenstudie, Zwillinge, N = 8.395 Zwillingspaare, 8 Jahre, E 2b.)6

  • Hyperaktivität/Impulsivität von 6,0 auf 2,9 Punkte (etwa halbiert)
  • Unaufmerksamkeit von 5,8 auf 4,9 Punkte

Allerdings wird in Bezug auf Unaufmerksamkeit ebenfalls eine Veränderung mit dem Alter in Richtung exekutiver Dysfunktion thematisiert. (Narrativer Review, E 4)7

ADHS-Merkmale nahmen in der Allgemeinbevölkerung von der Kindheit bis ins mittlere Erwachsenenalter ab. Der SDQ-Wert für Hyperaktivität/Unaufmerksamkeit sank am stärksten vor dem 8. Lebensjahr (um 0,157 Punkte pro Jahr, 95%-KI 0,144 bis 0,170), DSM-basierte Werte am stärksten zwischen 14 und 17 Jahren (um 1,32 % pro Jahr, 1,17 bis 1,47). Die Verläufe unterschieden sich deutlich zwischen den Kohorten. Frauen hatten durchgehend niedrigere Werte als Männer. Dieser Geschlechtsunterschied verringerte sich mit dem Alter, weil die Werte bei Männern stärker sanken. (Gepoolte Analyse von 5 Geburtskohorten, n = 29.519, 3 bis 45 Jahre, E 2b.)8

Hyperaktivität (hier gemessen anhand von Infrarot-Bewegungs-Sensoren während der Ausführung eines kognitiven Kontrolltests) war auch bei Erwachsenen noch ein besserer Diskriminator zu Nichtbetroffenen als Aufmerksamkeitsprobleme. Selbst bei Betroffenen des überwiegend unaufmerksamen ADHS-I-Subtyps fand sich eine gegenüber Nichtbetroffenen deutlich erhöhte Hyperaktivität / Bewegungsunruhe. (Fall-Kontroll-Studie, N = 100, n = 40, E 3)9

Bei 55- bis 79-Jährigen trennten die QbTest-Faktoren Betroffene von Nichtbetroffenen mit: (Fall-Kontroll-Studie, N = 209, n = 97, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)10

  • Hyperaktivität d = 0,82
  • Unaufmerksamkeit d = 0,47
  • Impulsivität d = 0,15, keine Unterscheidung

Erwachsene haben eine weitaus größere Möglichkeit, ihr Leben so einzurichten, dass die Eigenheiten von ADHS (kurze Aufmerksamkeitsspanne, hohe Ablenkbarkeit, Bevorzugung schneller Taskwechsel) nicht mehr Belastung, sondern Vorteil sind. Kinder müssen sich (insbesondere in der Schule) einer strikten Fremdbestimmung unterwerfen. Der Charakterzug von ADHS-Betroffenen (und ganz besonders der von ADHS-HI-Betroffenen) einer erhöhten intrinsischen und verringerten extrinsischen Motivierbarkeit ist bei der rein extrinsisch motivierenden Schulumgebung hinderlich. (E 4)11

Der Vollständigkeit halber muss zu Friedman angemerkt werden, dass der Frust der Betroffenen, etwas zu tun, was sie nicht wirklich interessiert und was sie in der Folge naturgemäß auch nicht besonders gut können (was für alle Menschen gilt, für ADHS-Betroffene aber in ganz besonderem Maße), einen erheblichen Stress auslöst. Dass ADHS-Betroffene intensiver auf Stress reagieren, ist bekannt. Alle ADHS-Symptome sind klassische Stresssymptome. ADHS-Betroffene haben ein überreagibles Stressreaktionssystem.
⇒ ADHS als chronifizierte Stressregulationsstörung

Barkley hat eine Liste typischer Symptome für ADHS bei Erwachsenen erstellt und durch Untersuchungen verifiziert. Körperliche Hyperaktivität nimmt stark ab, innere Unruhe wird sichtbarer. Ebenso nehme Unaufmerksamkeit deutlich ab.

Bei Erwachsenen herrschen folgende Symptome vor:

  • Unaufmerksamkeit (remittiert seltener als Hyperaktivität und Impulsivität) (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)12
  • Hyperaktivität (remittiert häufiger als Unaufmerksamkeit) (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)12
  • Impulsivität (remittiert häufiger als Unaufmerksamkeit) (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)12
  • Emotionale Überreagibilität (bei Erwachsenen verstärkt) (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)13
  • Affektlabilität (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)14
  • Desorganisation (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)14

Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter zu innerer Unruhe (Barkley). Wir vermuten, dass es sich dabei weniger um eine Wandlung handelt, sondern dass nach dem Nachlassen der Hyperaktivität die Symptome der inneren Spannung deutlicher sichtbar werden. (Einschätzung ADxS)

Bei 128 Jungen mit ADHS erfüllten im Alter von 18 bis 20 Jahren nicht mehr die volle Symptomzahl (syndromale Remission, aus der Abbildung abgelesen) für: (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)12

  • Hyperaktivität rund 70 %
  • Impulsivität rund 70 %
  • ADHS insgesamt (Vollbild) über 60 %, fünfmal über 4 Jahre untersucht (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)15
  • Unaufmerksamkeit rund 40 %

Es handelt sich um Remissionsraten, nicht um das Ausmaß des Symptomrückgangs. Unaufmerksamkeit bestand bei jeder Remissionsdefinition häufiger fort als Hyperaktivität und Impulsivität. (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)12

(Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)15 Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität nahmen mit dem Alter ab. Unaufmerksamkeit remittierte zudem später als Hyperaktivität und Impulsivität. Der Anteil Remittierter hing stark von der Definition ab. Nur 10 % hatten im Alter von 18 bis 20 Jahren weniger als 5 Symptome und keine Beeinträchtigung (funktionelle Remission, GAF über 60). (Kohortenstudie, n = 128, 4 Jahre, E 2b.)15

Ein Rückgang von Aufmerksamkeitsproblemen bei Erwachsenen deckt sich jedoch mit unserer Wahrnehmung (zumindest bei etlichen Betroffenen). (Erfahrung ADxS)

In einer nichtklinischen Stichprobe (16 bis 54 Jahre) sagten Perseverationsfehler in einem Virtual-Reality-Test (die mit Impulsivität in Verbindung gebracht werden) nur retrospektiv berichtete, nicht aber aktuelle ADHS-Symptome vorher. (Querschnittstudie, n = 156, E 3.)16

(E 3): Andere Quellen berichten dagegen mit zunehmendem Alter von

  • einem Anstieg der Unaufmerksamkeit bei:
    • 55- bis 79-Jährigen höhere Unaufmerksamkeitswerte im QbTest mit höherem Alter. Dass dies ADHS-spezifisch ist, wurde nicht gezeigt, die Autoren empfahlen altersadjustierte Normwerte. (Fall-Kontroll-Studie, N = 209, n = 97, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)10
    • 18- bis 62-jährigen Erwachsenen mit ADHS negative Korrelation des Alters mit dem TOVA-Aufmerksamkeitswert (Querschnittstudie, retrospektiv, n = 100, E 3.)17
    • 16- bis 50-jährigen Erwachsenen mit ADHS (nach Lebensjahrzehnt gruppiert, nach kindlicher ADHS-Schwere parallelisiert) Zunahme der Unaufmerksamkeit im Selbsturteil (Querschnittstudie, n = 439, E 3.)18
  • einer Abnahme (16- bis 50-jährige Erwachsene mit ADHS, nach Lebensjahrzehnt gruppiert, nach kindlicher ADHS-Schwere parallelisiert) bei: (Querschnittstudie, n = 439, E 3.)18
    • allen ADHS-Symptomen im Fremdurteil
    • Defiziten der selektiven Aufmerksamkeit (neuropsychologischer Test)
    • Defiziten der Reaktionshemmung (neuropsychologischer Test)

Depressive Symptome nahmen mit dem Alter leicht zu. Die Autoren vermuteten, dass affektive Begleitsymptome die subjektiv erlebte Verschlechterung teilweise erklären. (Querschnittstudie, n = 439, E 3.)18

Bei 60- bis 94-Jährigen war eine ADHS nur im Bereich Aufmerksamkeit/Arbeitsgedächtnis mit schlechteren kognitiven Leistungen verbunden (nicht bei Exekutivfunktionen, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Gedächtnis). Nach Berücksichtigung depressiver Symptome war dieser Zusammenhang nicht mehr signifikant. (Querschnittstudie, N = 231, E 3.)19

Eine Zwillingsstudie fand bei Kindern und Jugendlichen (Elternurteil mit 8 bis 9, 13 bis 14 und 16 bis 17 Jahren) je zwei Verlaufsmuster für Hyperaktivität/Impulsivität und für Unaufmerksamkeit: (Kohortenstudie, Zwillinge, N = 1.450 Zwillingspaare, E 2b.)20

  • Hyperaktivität/Impulsivität
    • war niedrig, blieb niedrig
    • war hoch, nahm ab
  • Unaufmerksamkeit
    • war niedrig, blieb niedrig
    • war hoch, stieg weiter

Kombiniert ergaben sich vier Gruppen (niedrig/niedrig, überwiegend hyperaktiv, überwiegend unaufmerksam, kombiniert), die mit unterschiedlichen Anpassungsproblemen im frühen Erwachsenenalter verbunden waren. (Kohortenstudie, Zwillinge, N = 1.450 Zwillingspaare, E 2b.)20

Einige Veränderungen sind auch neurophysiologisch messbar.

Die DOPA-Decarboxylaseaktivität (PET) unterschied sich gegenüber Gesunden bei

  • Erwachsenen mit ADHS: (Fall-Kontroll-Studie, N = 40, n = 17, E 3.)21
    • medial präfrontal um 52 % niedriger, nicht aber im Striatum oder im Mittelhirn
    • links präfrontal um 51 % niedriger
  • Kindern mit ADHS im rechten Mittelhirn um 48 % erhöht, in Striatum und Frontalkortex unverändert (Fall-Kontroll-Studie, N = 20, n = 10, E 3.)22

Die Befunde bei Kindern und Erwachsenen sind somit nicht deckungsgleich. (E 4)23 Weiter sei bei Erwachsenen mit ADHS keine Erhöhung der Homovanillinsäure (HVA, Dopamin-Abbauprodukt) nachweisbar (Sekundärzitat über Franck 2003). Die dort zitierte Studie maß HVA allerdings im Plasma (nicht im Liquor) vor und unter einer Selegilin-Behandlung, hatte keine gesunde Kontrollgruppe und verwies für den Liquor lediglich auf ältere Befunde ohne HVA-Unterschiede zwischen Betroffenen und Kontrollen, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Die Autoren der Erwachsenen-PET-Studie vermuteten, dass die präfrontale dopaminerge Auffälligkeit bei Erwachsenen sekundär ist und aus dem Zusammenwirken eines primären subkortikalen Defizits mit Reifungs- und Anpassungsprozessen entsteht. Franck (2003) sah darin einen Hinweis auf eine veränderte pathophysiologische Grundlage der persistierenden ADHS im Vergleich zu Kindern, was die zitierte Selegilin-Studie selbst nicht belegt. (RCT, N = 36, 6 Wochen, E 1b.)24 Der HVA-Wert ist allerdings lediglich ein globaler Wert für den Dopaminmetabolismus, während bei ADHS das Dopaminniveau verschiedener Gehirnregionen unterschieden werden muss.

(E 3): Die Dichte der striatalen Dopamintransporter (DAT) nimmt mit dem Lebensalter ab. Die Abnahme betrug:

  • 51 % über die gesamte Altersspanne bei Gesunden zwischen 18 und 83 Jahren (Querschnittstudie, N = 28, E 3.)25
  • etwa die Hälfte bei 50-Jährigen gegenüber 10-Jährigen, mit deutlich höherer Abnahme bis etwa 40 Jahre als danach, nach einer Buchquelle (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)26

Je Lebensjahrzehnt sank die striatale DAT-Bindung bei Gesunden um etwa 8 %. (Querschnittstudie, N = 28, E 3.)25 Bei 6 Erwachsenen mit ADHS war die altersbereinigte DAT-Dichte um 70 % höher als bei Gesunden. (Fall-Kontroll-Studie, N = 36, n = 6, E 3.)27
Gleichzeitig verringert sich im Alter die Anzahl der dopaminergen Neuronen. Die Dopaminfreisetzungsrate und das basale extrazelluläre Dopamin im Striatum bleiben unverändert. Die Autoren folgerten, dass die DAT-Abnahme im Striatum sowohl auf weniger dopaminerge Fasern als auch auf eine kompensatorische DAT-Verringerung je Nervenendigung zurückgeht, sodass die Dopaminmenge im Striatum erhalten bleibt. (Narrativer Review, E 4.)28

Ältere Erwachsene mit ADHS (60 bis 75 Jahre) zeigten in einer Querschnittstudie eine ähnlich eingeschränkte Lebensqualität wie jüngere Erwachsene mit ADHS (18 bis 45 Jahre). Einzige Ausnahme war die psychische Gesundheit, die bei den Älteren besser war. Gegenüber gleichaltrigen Nichtbetroffenen war die Lebensqualität in allen Bereichen deutlich schlechter (große Effektstärken). Dies spricht gegen eine wesentliche Besserung im weiteren Verlauf des Erwachsenenalters, ist als Querschnittsbefund aber kein Verlaufsnachweis. (Querschnittstudie, N = 158, E 3.)29

Reif geht dagegen davon aus, dass Unaufmerksamkeit nur wenig abnimmt, während emotionale Dysregulation im Erwachsenenalter stärker werde. (E 4)30
Wir glauben, dass emotionale Dysregulation bei Kindern eine eher akzeptierte Eigenschaft ist (“Unreife”), während sie bei Erwachsenen als unpassend wahrgenommen wird. Wir fragen uns daher, ob emotionale Dysregulation bei Erwachsenen mit ADHS tatsächlich zunimmt oder ob nicht eher bei Kindern mit ADHS bereits ebenfalls eine emotionale Unausgeglichenheit vorhanden ist, die bei ihnen aber noch als vertretbar und daher nicht als ADHS-Symptom wahrgenommen wird (so wie wir es auch bei innerer Anspannung vermuten, die im Erwachsenenalter wahrgenommen wird, nachdem die körperliche Hyperaktivität zurückgeht). Wir wollen dies noch vertieft recherchieren. (Einschätzung ADxS)

Erwachsene mit ADHS zeigten gegenüber Gesunden eine stärkere emotionale Dysregulation für: (Metaanalyse, k = 13, N = 2.535, E 3.)31

  • emotionale Labilität g = 1,20 (95%-KI 0,57 bis 1,83)
  • allgemeine emotionale Dysregulation g = 1,17 (95%-KI 0,70 bis 1,64)
  • negative emotionale Reaktionen g = 1,12 (95%-KI 0,57 bis 1,68)
  • Emotionserkennung g = 0,63 (95%-KI 0,40 bis 0,85)

Die Schwere der ADHS-Symptomatik korrelierte mit der allgemeinen emotionalen Dysregulation (r = 0,54). (Metaanalyse, k = 13, N = 2.535, E 3.)31

Ältere Menschen mit ADHS (mittleres Alter 68 Jahre) berichteten aktuell ähnlich viele ADHS-Symptome (9,91 von 18) wie retrospektiv für ihre Kindheit (10,43). Auch das Verhältnis von Unaufmerksamkeits- zu Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptomen blieb gleich und veränderte sich nicht anders als bei Gleichaltrigen ohne ADHS. (Querschnittstudie, retrospektive Angaben, N = 231, n = 23, herstellerfinanziert, E 3.)32

Die faktorielle Struktur der ADHS-Symptome im Erwachsenenalter zeigte:

  • 5 Faktoren der CAARS 2 (Unaufmerksamkeit/exekutive Dysfunktion, Hyperaktivität, Impulsivität, emotionale Dysregulation, negatives Selbstkonzept) mit Messinvarianz (konfigural, Schwellen, metrisch, skalar) im Selbst- und im Fremdurteil über das frühe (18 bis 24 Jahre), junge (25 bis 39 Jahre) und mittlere Erwachsenenalter (40 bis 64 Jahre). Die latente Struktur von ADHS blieb damit im Erwachsenenalter stabil. (Querschnittstudie, n = 1.684 (Selbsturteil), n = 1.606 (Fremdurteil), herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)33
  • bei Erwachsenen ab 50 Jahren Hyperaktivität und Impulsivität als getrennte Symptomfaktoren unter einem allgemeinen ADHS-Faktor (Querschnittstudie, n = 1.562, E 3.)34

N-Acetylaspartat (NAA, Marker neuronaler Aktivität) war im medialen präfrontalen Cortex bei ADHS erhöht (p = 0,004), und zwar bei Kindern (p = 0,003), nicht aber bei Erwachsenen (p = 0,188). Mit steigendem Alter normalisierte sich der NAA-Überschuss (Metaregression p = 0,039). In Striatum und Kleinhirn fanden sich keine Unterschiede. (Metaanalyse von MR-Spektroskopie-Studien, k = 16, N = 505, n = 270, E 3.)35

(E 2b): ADHS-Symptome nahmen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter insgesamt ab. (Kohortenstudie, n = 471, E 2b.)36 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37 Bei Jungen und Mädchen nahmen sie gleichermaßen ab, mit zunehmendem Alter beschleunigt. Mädchen hatten über alle Altersstufen minimal mehr Symptome (etwa 0,1 Standardabweichungen). Komorbide Störungen waren bei Mädchen stabiler als bei Jungen. (Kohortenstudie, n = 471, E 2b.)36 Die Beeinträchtigung durch die Störung bleibt nach einem griechischen Review jedoch bestehen. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37

(E 2b): Hyperaktivität ging von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter stärker zurück als Unaufmerksamkeit. (Kohortenstudie, n = 141, davon 101 mit ADHS, 5,9 Jahre, E 2b.)38 (Kohortenstudie, n = 1.374, 16 Jahre, E 2b.)39 (Kohortenstudie, n = 186, E 2b.)40 (Narrativer Review, E 4.)41 (Narrativer Review, E 4.)42 (Narrativer Review, E 4.)43 (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37 (Narrativer Review, E 4.)44

(E 2b): Die Kernsymptome nahmen unterschiedlich stark ab

  • von der Kindheit bis ins Jugendalter (11 bis 16 Jahre), alle drei signifikant, am stärksten die Hyperaktivität, mit einem Rückgang (häusliches Umfeld) für: (Kohortenstudie, n = 186, E 2b.)40
    • Hyperaktivität im Selbsturteil d = 0,74
    • Unaufmerksamkeit im Selbsturteil d = 0,62
    • Impulsivität im Selbsturteil d = 0,39
    • Hyperaktivität im Mutterurteil d = 0,34
    • Unaufmerksamkeit im Mutterurteil d = 0,29
    • Impulsivität im Mutterurteil d = 0,16
  • zwischen dem 6. und 20. Lebensjahr nach einem französischen Review in der mittleren Symptomzahl für: (Narrativer Review, E 4.)44
    • Hyperaktivität um 50 %
    • Impulsivität um 40 %
    • Unaufmerksamkeit um 20 %

In einer bevölkerungsbezogenen Geburtskohorte nahmen Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptome (kombiniertes Urteil von Müttern mit 1,5 bis 8 Jahren, Lehrkräften mit 6 bis 13 Jahren und Selbsturteil mit 10 bis 17 Jahren) von 1,5 bis 17 Jahren insgesamt ab, während Unaufmerksamkeitssymptome konstant blieben. Erhöhte Verläufe fanden sich für: (Kohortenstudie, n = 1.374, 16 Jahre, E 2b.)39

  • Hyperaktivität/Impulsivität 21,4 %
  • Unaufmerksamkeit 20,2 %
  • beides gleichzeitig 11,6 %

Vom Jugend- ins junge Erwachsenenalter besserten sich bei ADHS vor allem die hyperaktiv-impulsiven Symptome, während sich die Unaufmerksamkeit kaum veränderte. (Kohortenstudie, n = 141, davon 101 mit ADHS, 5,9 Jahre, E 2b.)38

Unaufmerksamkeit bestand von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter hartnäckiger fort als Hyperaktivität und Impulsivität. Im Mittel fiel die Zahl der Unaufmerksamkeitssymptome bis zum Alter von 20 Jahren nicht unter die volle Diagnoseschwelle, die der Hyperaktivitäts- und Impulsivitätssymptome dagegen bereits zwischen 9 und 11 Jahren. Die Persistenz von ADHS hängt damit eher von fortbestehender Unaufmerksamkeit als von sichtbarer Hyperaktivität oder Impulsivität ab. (Narrativer Review, E 4.)41

Im Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter gehen Hyperaktivität und Impulsivität eher zurück, während Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, Desorganisation und exekutive Einschränkungen stärker fortbestehen. (Narrativer Review, E 4.)42

Im Entwicklungsverlauf zeigen jüngere Kinder eher hyperaktiv-impulsive Symptome, in der mittleren Kindheit tritt Unaufmerksamkeit deutlicher hervor. In der späten Adoleszenz und im Erwachsenenalter besteht vor allem Unaufmerksamkeit fort, während objektive Zeichen motorischer Hyperaktivität abnehmen. Stärker sichtbare Hyperaktivität/Impulsivität persistiert häufiger bei Betroffenen mit schweren Komorbiditäten wie Substanzmissbrauch und antisozialem Verhalten. (Narrativer Review, E 4.)43

Nach einem griechischen Review nimmt die körperliche Hyperaktivität ab der Adoleszenz und besonders im Erwachsenenalter deutlich ab, während Unaufmerksamkeit und Impulsivität bestehen bleiben. (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)37

Die drei DSM-5-Impulsivitätssymptome bilden Impulsivität nur unzureichend ab. Die UPPS-P-Skala umfasst fünf Impulsivitätsbereiche, von denen die meisten (negative und positive Dringlichkeit, fehlende Planung, fehlende Ausdauer) bei ADHS erhöht sind. Der beobachtete Rückgang der Impulsivität bei Erwachsenen könnte daher teilweise auf die Messung zurückgehen. (Kommentar, E 4.)45

Im Elternurteil nahmen Verhaltensprobleme von als Kind Hyperaktiven bis ins Jugendalter ab, teils stärker als bei Kontrollen (Impulsivität/Hyperaktivität und Lernprobleme nahmen nur bei den Hyperaktiven ab). Auf allen Elternskalen blieben die Hyperaktiven jedoch signifikant auffälliger als Kontrollen (im Mittel fast 1 Standardabweichung). Die Elternurteile zu Impulsivität/Hyperaktivität korrelierten über 8 Jahre nur schwach (r = 0,25). (Kohortenstudie, N = 169, n = 108, 8 Jahre, E 2b.)46

(E 2b): Betroffene beurteilten ihre Symptome geringer als ihre Eltern. (Kohortenstudie (Follow-up eines RCT), n = 515 mit ADHS, n = 258 ohne ADHS, 16 Jahre, E 2b.)47 (Kohortenstudie, n = 186, E 2b.)40 Junge Erwachsene mit Kindheits-ADHS zeigten eine Diskrepanz gegenüber der Vergleichsgruppe von d = 0,60. (Kohortenstudie (Follow-up eines RCT), n = 515 mit ADHS, n = 258 ohne ADHS, 16 Jahre, E 2b.)47 Die Jugendlichen berichteten ihre Symptome in Kindheit und Jugend als weniger schwer als ihre Mütter, im Jugendalter mit mittleren bis großen Effektstärken. (Kohortenstudie, n = 186, E 2b.)40 Erwachsene mit ADHS neigen dazu, Anzahl und Schwere ihrer Symptome herunterzuspielen und nur deren Folgen zu beklagen. (Narrativer Review, E 4.)42

(E 2b): Jugendliche und Erwachsene mit ADHS waren auch unterhalb der vollen DSM-Symptomschwelle beeinträchtigt bzw. symptomatisch. Die Autoren hielten niedrigere bzw. altersspezifische Kriterien für gerechtfertigt. (Kohortenstudie, n = 140 mit ADHS, n = 88 Kontrollen, rund 10 Jahre, E 2b.)48 (Kohortenstudie, N = 189, n = 123, 8 Jahre, E 2b.)49 (Querschnittstudie, Geschwisterfamilien, n = 9.380, 7 bis 29 Jahre, E 3.)50 Junge Frauen, die als Mädchen ADHS hatten und im Erwachsenenalter nur ein entwicklungsbezogen niedrigeres Symptomkriterium erfüllten, waren ähnlich beeinträchtigt wie Frauen mit voller DSM-IV-Diagnose und deutlich stärker als Frauen ohne ADHS. (Kohortenstudie, n = 140 mit ADHS, n = 88 Kontrollen, rund 10 Jahre, E 2b.)48 Die DSM-III-R-Symptomschwellen waren für Jugendliche zu hoch und schlossen 12 bis 17 % der statistisch auffälligen Jugendlichen mit Kindheits-ADHS aus. (Kohortenstudie, N = 189, n = 123, 8 Jahre, E 2b.)49 Personen mit einem ADHS im Lebensverlauf zeigten auch als junge Erwachsene noch höhere ADHS-Symptomwerte als die Allgemeinbevölkerung, selbst wenn sie die vollen Symptomkriterien nicht mehr erfüllten. (Querschnittstudie, Geschwisterfamilien, n = 9.380, 7 bis 29 Jahre, E 3.)50

(E 3): Bei jungen Erwachsenen sagten vor allem Unaufmerksamkeitssymptome eine Beeinträchtigung vorher. (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)51 (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 4.000, E 3.)52 Bei rund 30-Jährigen wurde der adulte ADHS-Phänotyp überwiegend durch Unaufmerksamkeit bestimmt. Von 7 Symptomen, die unabhängig eine Beeinträchtigung vorhersagten, stammten 5 aus dem Bereich Unaufmerksamkeit. (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)51

Die besten bzw. normbezogenen Symptomschwellen lagen für:

  • Unaufmerksamkeit
    • bei 5 Symptomen zur Vorhersage einer Beeinträchtigung bei 18- bis 19-Jährigen (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 4.000, E 3.)52
    • bei 5 Symptomen (zusammen mit 4 Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptomen) als entwicklungsbezogen niedrigeres Kriterium bei jungen Frauen mit Kindheits-ADHS (Kohortenstudie, n = 140 mit ADHS, n = 88 Kontrollen, rund 10 Jahre, E 2b.)48
    • bei 4 Symptomen (mindestens mäßige Beeinträchtigung) bei rund 30-Jährigen, mit geringer Trennschärfe, Sensitivität 71 %, Spezifität 59 %, AUC = 0,72 (0,70 bis 0,74) (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)51
  • Hyperaktivität/Impulsivität
    • bei 4 Symptomen zur Vorhersage einer Beeinträchtigung bei 18- bis 19-Jährigen (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 4.000, E 3.)52
    • bei 4 Symptomen (zusammen mit 5 Unaufmerksamkeitssymptomen) als entwicklungsbezogen niedrigeres Kriterium bei jungen Frauen mit Kindheits-ADHS (Kohortenstudie, n = 140 mit ADHS, n = 88 Kontrollen, rund 10 Jahre, E 2b.)48
    • bei 4 Symptomen bei rund 30-Jährigen, mit geringer Trennschärfe, Sensitivität 49 %, Spezifität 60 %, AUC = 0,56 (0,53 bis 0,59) (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 3.574, E 3.)51
  • alle ADHS-Symptome nach DSM-III-R bei Jugendlichen bei 6 statt 8 von 14 Symptomen, normbezogen (2 Standardabweichungen über dem Mittel gleichaltriger Kontrollen) (Kohortenstudie, N = 189, n = 123, 8 Jahre, E 2b.)49 Für die Störung des Sozialverhaltens lag der normbezogene Grenzwert bei 2 statt 3 Symptomen

(E 3): Die Häufigkeit von ADHS betrug

  • als Prävalenz eines aktuellen ADHS: (Querschnittstudie, Geschwisterfamilien, n = 9.380, 7 bis 29 Jahre, E 3.)50
    • 11,7 % bei Kindern (7 bis 12 Jahre), DSM-IV-ähnlich
    • 9,7 % bei Jugendlichen (13 bis 17 Jahre), DSM-IV-ähnlich
    • 9,2 % bei 7- bis 29-Jährigen gesamt, DSM-IV-ähnlich (Verhältnis männlich zu weiblich 2,28 zu 1)
    • 6,4 % bei jungen Erwachsenen (18 bis 29 Jahre), DSM-IV-ähnlich
    • 3,55 % (2,98 bis 4,12) bei 18- bis 19-Jährigen einer brasilianischen Geburtskohorte nach DSM-5 (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 4.000, E 3.)52
    • 2,8 % bei 18- bis 19-Jährigen einer brasilianischen Geburtskohorte nach DSM-IV (Querschnittstudie, Geburtskohorte, n = 4.000, E 3.)52
  • als positives ADHS-Screening bzw. mit einer ADHS-Diagnose vereinbare ASRS-Werte in der Allgemeinbevölkerung bei: (Querschnittstudie, n = 3.443, E 3.)53
    • 6,2 % der 47- bis 54-Jährigen (Querschnittstudie, n = 2.091, E 3.)54
    • 6,2 % der 48- bis 52-Jährigen
    • 2,2 % der 68- bis 74-Jährigen, die signifikant weniger ADHS-Symptome berichteten als 48- bis 52-Jährige aus derselben Bevölkerung

ADHS-Symptome hingen mit Depressions- und Angstsymptomen sowie mit schlechterer Beschäftigung, finanziellem Stress, schlechterer Beziehungsqualität, Gesundheit und Wohlbefinden zusammen, auch bei nur wenigen Symptomen. Unaufmerksamkeit wirkte stärker als Hyperaktivität und blieb nach Kontrolle von Angst und Depression signifikant. Männer und Frauen unterschieden sich nicht. (Querschnittstudie, n = 2.091, E 3.)54

Die Stabilität der ADHS-Subtypen von Kindheit und Jugend (7 bis 19 Jahre) bis ins junge Erwachsenenalter war über 5 Jahre gering. Die Übereinstimmung des Subtyps nach 5 Jahren betrug für: (Kohortenstudie, Zwillinge, n = 708, 5 Jahre, E 2b.)55

  • populationsbasiert definierte, klinisch bedeutsame Subtypen 14,3 bis 35,3 %
  • DSM-IV-Subtypen 11,1 bis 24,0 %

(E 2b): Neuropsychologische Funktionen entwickelten sich bei Betroffenen bis ins junge Erwachsenenalter überwiegend parallel zu Nichtbetroffenen, sodass Rückstände bestehen blieben. (Kohortenstudie, n = 53 mit ADHS, n = 50 Kontrollen, 7 Jahre, E 2b.)56 (Kohortenstudie, n = 228, rund 10 Jahre, E 2b.)57 (Metaanalyse, k = 25, E 3.)58 Von der frühen Adoleszenz (12,8 Jahre) bis ins junge Erwachsenenalter (19,8 Jahre) holten Betroffene mit Kindheits-ADHS (CANTAB) nur im räumlichen Arbeitsgedächtnis auf. Im jungen Erwachsenenalter waren fast alle geprüften Funktionen weiterhin beeinträchtigt. Das Ausmaß des Symptomrückgangs korrelierte nicht linear mit dem Ausmaß der neuropsychologischen Verbesserung. (Kohortenstudie, n = 53 mit ADHS, n = 50 Kontrollen, 7 Jahre, E 2b.)56 Bei Mädchen mit ADHS verbesserten sich Daueraufmerksamkeit und globale Exekutivfunktionen bis ins junge Erwachsenenalter stärker als bei Kontrollen, Arbeitsgedächtnis und Reaktionsinhibition dagegen nur im gleichen Maß, sodass die Rückstände dort bestehen blieben. (Kohortenstudie, n = 228, rund 10 Jahre, E 2b.)57 Im Stroop-Test waren Betroffene zwischen 9 und 41 Jahren in der Farb- und in der Farbwort-Bedingung im Mittel 1,14-mal langsamer als gleichaltrige Nichtbetroffene. Der Interferenzeffekt war bei ADHS nicht größer, und die altersbedingte Reifung der Verarbeitungsgeschwindigkeit verlief bei Betroffenen und Nichtbetroffenen gleich schnell. (Metaanalyse, k = 25, E 3.)58

(E 2b): Exekutive Defizite blieben überwiegend bestehen bei:

  • 79 % (27 von 34) der Mädchen mit ADHS über 5 Jahre bis ins Jugendalter (mindestens 2 beeinträchtigte Exekutivtests, Kappa 0,36) (Kohortenstudie, N = 260, n = 138, 5 Jahre, E 2b.)59 Mädchen mit ADHS waren in allen neuropsychologischen Domänen außer Set-Shifting stärker beeinträchtigt als Kontrollen
  • 69 % (18 von 26) der Jungen mit ADHS über 7 Jahre bis ins junge Erwachsenenalter (mindestens 2 Tests 1,5 Standardabweichungen unter Kontrollen, Kappa 0,41, p unter 0,001, Sensitivität 55 %, Spezifität 85 %, negativer prädiktiver Wert 75 %) (Kohortenstudie, n = 85, 7 Jahre, E 2b.)60 15 von 59 Jungen ohne anfängliche Defizite zeigten beim Follow-up neu exekutive Defizite

Erwachsene mit ADHS schnitten gegenüber Nichtbetroffenen vor allem in komplexen Aufmerksamkeitsaufgaben schlechter ab, bei: (Metaanalyse, k = 25, N = 3.442, E 3.)61

  • Trail Making Test B (fokussierte Aufmerksamkeit) (k = 9) d = 0,72 (95%-KI 0,51 bis 0,92)
  • CPT-Verwechslungsfehler (Inhibition) (k = 4) d = 0,61 (95%-KI 0,14 bis 1,09)
  • CPT-Auslassungsfehler (Daueraufmerksamkeit) (k = 4) d = 0,49 (95%-KI 0,11 bis 0,86)
  • Stroop-Farbwort-Karte (k = 9) d = 0,47 (95%-KI 0,21 bis 0,73)
  • Zahlen-Symbol-Test (k = 12) d = 0,46 (95%-KI 0,26 bis 0,65)
  • Trail Making Test A (einfache Aufmerksamkeit) (k = 11) d = 0,38 (95%-KI 0,12 bis 0,65)
  • Stroop-Interferenz (k = 9) d = 0,30 (95%-KI 0,07 bis 0,53)
  • Zahlenspanne (k = 13) d = 0,29 (95%-KI 0,07 bis 0,50)
  • IQ (k = 17) d = 0,25 (95%-KI 0,12 bis 0,39)
  • CPT-Reaktionszeit (k = 4) d = 0,05 (nicht signifikant)

Je höher der Männeranteil einer Studie, desto größer war der Unterschied bei der Stroop-Interferenz (geschätzt d = 0,81 bei 75 % Männern). Das Alter hatte keinen Einfluss auf die Unterschiede. (Metaanalyse, k = 25, N = 3.442, E 3.)61

Als Kind Hyperaktive zeigten im Jugendalter (12 bis 20 Jahre) gegenüber Kontrollen schlechtere Schulleistungen, eine beeinträchtigte Aufmerksamkeit und Impulskontrolle sowie mehr Unruhe, aufgabenfremdes Verhalten und Vokalisationen bei einer Schulaufgabe. Einige ausgewählte Frontallappentests unterschieden die Gruppen nicht. Mehrere Maße nahmen in beiden Gruppen mit dem Alter ab, ohne Wechselwirkung von Alter und Gruppe. (Kohortenstudie, N = 160, n = 100, 8 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)62

Emil Kraepelin beschrieb in der 8. Auflage seines Psychiatrie-Lehrbuchs (1909 bis 1915) Symptome adulter ADHS (erhöhte Ablenkbarkeit, Unstetigkeit und Planlosigkeit des Handelns, Hyperfokussierung als “Fesselung der Aufmerksamkeit”), ohne sie als eigene Entität zu führen. Leichtere Formen mit ADHS-assoziierten Stimmungsschwankungen ordnete er vermutlich der “manischen Veranlagung” bzw. “konstitutionellen Erregung” zu, schwerere Formen mit Persönlichkeits- und Suchtstörungen den “Haltlosen” (einer Form psychopathischer Persönlichkeit). Die Autoren vermuten, dass die zahlreichen Komorbiditäten die ADHS maskierten. (Historische Analyse, E 4.)63

Neben den Kernsymptomen bestehen bei Erwachsenen mit ADHS häufig weitere Beeinträchtigungen (u. a. Dyspraxie, Reizdiskrimination, Dysgrammatismus, Legasthenie, Gedächtnis, Affektmodulation, Antrieb, vegetative Stabilität), die je nach Lebens- und Berufssituation für die Betroffenen bedeutsamer sein können als die Kernsymptome. (Narrativer Review, E 4.)42
Bei Erwachsenen finden sich zudem häufig Probleme bei: (Narrativer Review, E 4.)43

  • altersangepassten Kernsymptomen, z. B. innere Unruhe, unablässige unfokussierte mentale Aktivität, Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen
  • Selbstregulation, z. B. Impulskontrolle, Aufmerksamkeitswechsel, Emotionsregulation, Aufgabeninitiierung, Problemlösen
  • Begleitproblemen, z. B. Schlafprobleme, geringes Selbstwertgefühl

(E 2b): Hyperaktivität zeigte sich bei Erwachsenen mit ADHS vor allem als innere Unruhe, während körperliche Hyperaktivität abnahm. (Kohortenstudie, N = 119, n = 75, 10 bis 12 Jahre, E 2b.)64 (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)65 (Fall-Kontroll-Studie mit Skalenvalidierung, n = 40 und n = 347, E 3.)66 (Narrativer Review, E 4.)42 (Narrativer Review, E 4.)43 In qualitativen Studien beschrieben Erwachsene mit ADHS Hyperaktivität seltener als Aufmerksamkeitsprobleme, meist als innere Unruhe statt als körperliche Hyperaktivität oder als übermäßiges Reden. Diese subtilere Hyperaktivität berichteten vor allem Frauen und ältere Erwachsene. Aufmerksamkeitsprobleme traten teils nur bei Themen ohne persönliches Interesse auf. (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)65

(E 2b): Unruhe fand sich bei früher hyperaktiven jungen Erwachsenen der Montrealer Kohorte

  • als berichtete Unruhegefühle bei:
    • 64 % mit durchschnittlich 25 Jahren (Kontrollen 29 %) (Narrativer Review, Sekundärzitat über Mannuzza & Klein 2000, E 4.)67
    • 54,67 % im psychiatrischen Interview mit 17 bis 24 Jahren, 10 bis 12 Jahre nach Diagnose, nicht mit Methylphenidat behandelt (Kontrollen 18,18 %) (Kohortenstudie, N = 119, n = 75, 10 bis 12 Jahre, E 2b.)64
    • deutlich mehr als Kontrollen (p unter 0,0001) im psychiatrischen Interview mit 17 bis 24 Jahren, 10 Jahre nach Diagnose einer schweren chronischen Hyperaktivität (Kohortenstudie, N = 60, n = 35, 10 Jahre, E 2b.)68
  • als beobachtete Unruhe bei:
    • 44 % durch Psychiater im Interview (Kontrollen 10 %) (Narrativer Review, Sekundärzitat über Mannuzza & Klein 2000, E 4.)67
    • 40,00 % (Kontrollen 6,82 %), obwohl ein Aufstehen vom Stuhl selten war (Kohortenstudie, N = 119, n = 75, 10 bis 12 Jahre, E 2b.)64
    • mehr als Kontrollen (p unter 0,01) (Kohortenstudie, N = 60, n = 35, 10 Jahre, E 2b.)68

Persönlichkeitsauffälligkeiten (vor allem impulsiv und unreif-abhängig) wurden bei den früher hyperaktiven jungen Erwachsenen häufiger diagnostiziert (40,00 % gegenüber 22,73 %). Die Autoren sahen darin eine Fortsetzung der kindlichen Impulsivität ins Erwachsenenalter. Nur eine Minderheit zeigte schwere Psychopathologie oder fortgesetztes antisoziales Verhalten. (Kohortenstudie, N = 119, n = 75, 10 bis 12 Jahre, E 2b.)64 In Tests zum kognitiven Stil machten sie mehr Fehler (p unter 0,04), waren aber nicht mehr impulsiver (keine kürzere Reaktionszeit). Ihre Anpassung bei der Arbeit und in der Lebenssituation unterschied sich nicht von Kontrollen, Sozialisation und Wohlbefinden waren geringer (p unter 0,02). (Kohortenstudie, N = 60, n = 35, 10 Jahre, E 2b.)68

Studierende mit ADHS berichteten auf der Internal Restlessness Scale (IRS) deutlich mehr innere Unruhe als Studierende ohne ADHS (Mittelwert 112,25 gegenüber 76,00, p unter 0,0001, η² = 0,43). Die Skala zeigte eine Retest-Reliabilität von 0,89 (in der ADHS-Gruppe 0,80) und eine Vier-Faktoren-Struktur mit Faktoren für: (Fall-Kontroll-Studie mit Skalenvalidierung, n = 40 und n = 347, E 3.)66

  • innere Ablenkbarkeit
  • innere Unruhe
  • innere Impulsivität
  • innere Desorganisation

(E 3): Erwachsene mit ADHS zeigten im Ruhe-EEG eine gegenüber Kontrollen erhöhte Theta-Aktivität. (Fall-Kontroll-Studie, n = 150, E 3.)69 (Fall-Kontroll-Studie, n = 150, E 3.)70 Kinder (6 bis 11 Jahre), Jugendliche (13 bis 17 Jahre) und Erwachsene (20 bis 42 Jahre) mit ADHS zeigten in allen Altersgruppen eine gegenüber Kontrollen erhöhte Theta-Aktivität. Die Verringerung der relativen Beta-Aktivität gegenüber Kontrollen nahm dagegen mit dem Alter ab. Da Hyperaktivität mit dem Alter abnimmt, Impulsivität aber fortbesteht, vermuteten die Autoren einen Zusammenhang der verringerten Beta-Aktivität mit Hyperaktivität und der erhöhten Theta-Aktivität mit Impulsivität. (Fall-Kontroll-Studie, n = 150, E 3.)69 Erwachsene mit ADHS unterschieden sich durch die erhöhte Theta-Aktivität auch von Erwachsenen, die zur ADHS-Diagnostik kamen, die Kriterien aber nicht erfüllten. In der Beta-Aktivität unterschieden sich Erwachsene mit ADHS nicht von Kontrollen. Die abgeklärten Nicht-Betroffenen hatten weniger relative Theta- und mehr relative Beta-Aktivität als beide anderen Gruppen. (Fall-Kontroll-Studie, n = 150, E 3.)70

Bei methylphenidat-naiven Erwachsenen mit seit der Kindheit bestehendem ADHS (mittleres Alter 40,5 Jahre) ging im Ruhe-fMRT stärkere Hyperaktivität mit erhöhter funktioneller Konnektivität im linken Putamen, im rechten Nucleus caudatus, im rechten zentralen Operculum und im rechten Gyrus postcentralis innerhalb des auditorisch-sensomotorischen Netzwerks einher. Höheres Alter war mit verringerter Konnektivität im beidseitigen cingulären und paracingulären Cortex innerhalb des exekutiven Kontrollnetzwerks verbunden. Geschlechtsunterschiede fanden sich nicht. (Querschnittstudie, n = 38, E 3.)71

Als Kernsymptome von ADHS bei Erwachsenen nannte eine deutsche Übersichtsarbeit Probleme bei: (Narrativer Review, E 4.)72

  • Aufmerksamkeit bei Unterstimulation
  • chronischer (innerer) Unruhe
  • Impulsivität
  • desorganisiertem Verhalten
  • Affektregulation

Das Ausmaß der psychosozialen Beeinträchtigung hängt von der Symptomschwere, psychiatrischen Komorbiditäten (etwa Sucht oder Depression) und der psychosozialen Unterstützung ab. Bei Persistenz ins Erwachsenenalter kann ADHS mild ausgeprägt sein und wie eine Variante normaler Persönlichkeitszüge (“sprunghaft, temperamentvoll”) erscheinen oder die Schwere einer Erkrankung mit erheblicher Beeinträchtigung der Lebensführung behalten. (Narrativer Review, E 4.)72

(E 3): Emotionale Dysregulation war bei Erwachsenen mit ADHS häufig. (Fall-Kontroll-Studie, n = 514, E 3.)73 (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)65 (Narrativer Review, E 4.)74 Sie fehlt in den Diagnosekriterien. (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)65 (Narrativer Review, E 4.)75 Weder ICD-10 noch DSM-IV oder DSM-5 führen sie als Kernsymptom. (Narrativer Review, E 4.)75 In qualitativen Studien zeigte sie sich als extreme Reaktionen auf Konflikte oder Kritik, Angst und Anspannung. (Rapid Review qualitativer Studien, k = 35, E 3.)65 Emotionale Dysregulation tritt bei Erwachsenen mit ADHS etwa so häufig auf wie die Kernsymptome. (Narrativer Review, E 4.)74

Im Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter fallen Störungen der Affektregulation deutlicher auf. (Narrativer Review, E 4.)42 Emotionale Labilität wird zu einer wachsenden Belastung, die das klinische Bild dominieren kann. (Narrativer Review, E 4.)43

Die Kriterien erfüllten Erwachsene mit ADHS für: (Fall-Kontroll-Studie, n = 514, E 3.)73

  • Unaufmerksamkeit 98,7 %
  • Hyperaktivität 91,1 %
  • Desorganisation 85,8 %
  • Impulsivität 78,4 %
  • emotionale Dysregulation (WRAADDS) 70,5 %

Symptome emotionaler Dysregulation (Störungen der Temperamentskontrolle, Affektlabilität, emotionale Überreagibilität nach Wender-Reimherr) lassen sich bei Erwachsenen mit ADHS reliabel und valide erfassen und bilden einen eigenständigen Faktor der Psychopathologie adulter ADHS. (Narrativer Review, E 4.)75

(E 2b): Emotionale Dysregulation bzw. emotionale Impulsivität hatte über die Kernsymptome hinaus eigenständige Bedeutung für:

  • Beeinträchtigungen in 7 von 10 Lebensbereichen, die Gesamtbeeinträchtigung sowie berufliche, schulische, kriminelle, verkehrsbezogene und finanzielle Beeinträchtigungen (emotionale Impulsivität, als Kind Hyperaktive mit bis ins Erwachsenenalter persistierendem ADHS, mittleres Alter 27 Jahre, die mehr emotionale Impulsivität berichteten als solche ohne Persistenz und als Kontrollen) (Kohortenstudie, N = 210, n = 135, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)76
  • die Vorhersage der ADHS-Diagnose (Fall-Kontroll-Studie, n = 514, E 3.)73
  • eine größere ADHS-Schwere, unabhängig von Komorbiditäten (Fall-Kontroll-Studie, n = 514, E 3.)73 Komorbide psychische Störungen verstärkten die emotionale Dysregulation, erklärten sie aber nicht allein
  • soziale Probleme (Narrativer Review, E 4.)74

(E 4): Pharmakologische und psychotherapeutische Behandlungen verringern emotionale Dysregulation. (Narrativer Review, E 4.)75 Sie spricht zusammen mit Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität auf pharmakologische und psychotherapeutische Behandlung an. (Narrativer Review, E 4.)74 Die Autoren sehen darin Hinweise, dass emotionale Dysregulation ein Kernmerkmal von ADHS sein könnte. (Narrativer Review, E 4.)74

Erwachsene mit ADHS nutzten häufiger nicht-adaptive Strategien der Emotionsregulation als Personen ohne ADHS. Emotionale Dysregulation war mit Symptomschwere, Exekutivfunktionen, psychiatrischen Komorbiditäten und sogar strafrechtlichen Verurteilungen verbunden. Bei der Emotionsverarbeitung zeigten sich unterschiedliche Muster der Gehirnaktivität. Die Studienlage war spärlich und heterogen. (Systematischer Review, k = 22, E 3.)77

Bei 8- bis 30-Jährigen mit ADHS waren im Vergleich zu Nichtbetroffenen verringert: (Querschnittstudie, n = 672, davon 307 mit ADHS, 169 nicht betroffene Geschwister, E 3.)78

  • Gesamthirnvolumen um 2,5 % (32 ml), β = −31,92 (95%-KI −52,69 bis −11,16)
  • graue Substanz um 3 % (22 ml), β = −22,51 (−35,07 bis −9,96)
  • weiße Substanz nicht signifikant, β = −10,10 (−20,73 bis 0,53)

Die Unterschiede im Gesamthirnvolumen und in der grauen Substanz waren über das Alter stabil. Bei Nichtbetroffenen ging höheres Alter mit kleineren Volumina von Nucleus caudatus (p unter 0,001) und Putamen (p = 0,01) einher, bei Betroffenen und ihren nicht betroffenen Geschwistern bestand kein solcher Alterszusammenhang. Nicht betroffene Geschwister lagen bei Gesamthirnvolumen und grauer Substanz zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. (Querschnittstudie, n = 672, davon 307 mit ADHS, 169 nicht betroffene Geschwister, E 3.)78

Der Zusammenhang zwischen ASS- und ADHS-Symptomen veränderte sich über die Lebensspanne und war im Jugendalter am stärksten. Die Korrelation zwischen ASS- und ADHS-Symptomen betrug bei: (Narrativer Review mit empirischer Auswertung von 17.173 gepaarten Symptomeinschätzungen, 0 bis 84 Jahre, E 4.)79

  • Kleinkindern (8 Monate bis 2 Jahre) r = 0,06
  • Vorschulkindern (3 bis 4 Jahre) r = 0,24
  • Kindern (5 bis 11 Jahre) r = 0,51
  • Jugendlichen (12 bis 18 Jahre) r = 0,60
  • jungen Erwachsenen (19 bis 30 Jahre) r = 0,50
  • Erwachsenen mittleren Alters (31 bis 55 Jahre) r = 0,50
  • älteren Erwachsenen (56 bis 84 Jahre) r = 0,39

Die Autoren vermuten, dass soziale Anpassung und exekutive Funktionen am Übergang ins Erwachsenenalter am wichtigsten sind und die geringeren Korrelationen in Kindheit und Alter diffuseren Symptomen durch sich noch differenzierende bzw. wieder entdifferenzierende exekutive Funktionen entsprechen. (Narrativer Review mit empirischer Auswertung von 17.173 gepaarten Symptomeinschätzungen, 0 bis 84 Jahre, E 4.)79

Die mit ADHS verbundene Instabilität bei Umzügen, Partnerschaften und Arbeitsplätzen nahm vom jungen zum mittleren Erwachsenenalter nicht ab, sondern zu, am stärksten bei 40- bis 52-Jährigen. (Registerstudie, N = 3.448.440, n = 31.081, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)80

(E 3): Erwachsene mit ADHS zeigten häufig bzw. mehr übermäßiges Gedankenwandern als Nichtbetroffene. (Systematischer Review, k = 9, E 3.)81 (Fall-Kontroll-Studie, 2 Stichproben, n = 199, davon 122 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)82 (Querschnittstudie, n = 255, E 3.)83 (Fall-Kontroll-Studie, n = 53, davon 25 mit ADHS, E 3.)84 ADHS ist häufig mit spontanem Gedankenwandern verbunden. Die Datenlage ist gering, von 9 eingeschlossenen Studien betrafen 8 Erwachsene. (Systematischer Review, k = 9, E 3.)81 Die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS (18 bis 55 Jahre) zeigte ein ausgeprägtes Gedankenwandern (127 von 255, MWQ-Summenwert 24 oder mehr). (Querschnittstudie, n = 255, E 3.)83

(E 3): Gedankenwandern ging mit stärkerer funktioneller Beeinträchtigung einher. (Systematischer Review, k = 9, E 3.)81 (Fall-Kontroll-Studie, 2 Stichproben, n = 199, davon 122 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)82 (Querschnittstudie, N = 1.484, n = 198, E 3.)85 (Querschnittstudie, n = 255, E 3.)83 Über die Kernsymptome hinaus erklärte exzessives Gedankenwandern zusätzliche Varianz bei: (Querschnittstudie, N = 1.484, n = 198, E 3.)85

  • Wohlbefinden von 10 % auf 15 % (Mind Excessively Wandering Scale)
  • funktioneller Beeinträchtigung R²Δ = 0,024 über 82,4 % durch die Kernsymptome hinaus, unabhängig von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität (Fall-Kontroll-Studie, 2 Stichproben, n = 199, davon 122 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)82
  • Beeinträchtigung von 53,4 % auf 55,3 % (Mind Excessively Wandering Scale)

Frauen und Männer mit ADHS unterschieden sich im Gedankenwandern nicht. Männer mit ADHS berichteten mehr Unaufmerksamkeit und ein geringeres Wohlbefinden. (Querschnittstudie, N = 1.484, n = 198, E 3.)85 Die Mind Excessively Wandering Scale (MEWS) zeigte eine interne Konsistenz über 0,9 sowie eine Sensitivität und Spezifität von je 0,9 für die ADHS-Diagnose. (Fall-Kontroll-Studie, 2 Stichproben, n = 199, davon 122 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)82

Gegenüber Betroffenen mit geringem Gedankenwandern hatten Erwachsene mit ADHS und ausgeprägtem Gedankenwandern: (Querschnittstudie, n = 255, E 3.)83

  • mehr Unaufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssymptome (p unter 0,0001)
  • schlechtere Exekutivfunktionen (BRIEF-A)
  • mehr begleitende Psychopathologie (ASR, p gleich oder niedriger 0,001)
  • mehr emotionale Dysregulation (p unter 0,001)
  • geringere Lebensqualität

Gedankenwandern (MWQ) korrelierte bei Erwachsenen mit ADHS mit: (Querschnittstudie, n = 41, E 3.)86

  • zwei Unaufmerksamkeitsitems (Flüchtigkeitsfehler, Schwierigkeiten beim Befolgen von Anweisungen) zusammen rs = 0,45 (p = 0,004)
  • Unaufmerksamkeit rs = 0,38 (p = 0,02)
  • Gesamtsymptomatik rs = 0,34 (p = 0,03)
  • Hyperaktivität rs = 0,17 (p = 0,28), nicht signifikant

Diese zwei Items identifizierten Personen mit starkem Gedankenwandern mit einer AUC von 0,71. Die Autoren beschreiben Gedankenwandern als “innere Ablenkbarkeit”. (Querschnittstudie, n = 41, E 3.)86

Gedankenwandern und emotionale Labilität sagten bei Erwachsenen mit ADHS die Symptomschwere vorher. Gedankenwandern führte über emotionale Labilität zu stärkeren ADHS-Symptomen, schlechte Schlafqualität verstärkte das Gedankenwandern. (Querschnittstudie, serielle Mediationsanalyse, n = 81, herstellerfinanziert, E 3.)87

Unmedizierte Erwachsene mit ADHS zeigten gegenüber Nichtbetroffenen im Alltag (Experience Sampling): (Fall-Kontroll-Studie, n = 53, davon 25 mit ADHS, E 3.)84

  • höhere Neigung zum Gedankenwandern (Trait)
  • mehr Episoden von Gedankenwandern und von Gedankenleere (Mind Blanking)
  • weniger absichtliches und seltener strukturiert zusammenhängendes Gedankenwandern
  • höhere Schläfrigkeit

In beiden Gruppen waren Gedankenwandern und Gedankenleere mit höherer Schläfrigkeit verbunden. Die selbstberichtete Neigung zum Gedankenwandern hing stark mit der Schwere von Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität zusammen. (Fall-Kontroll-Studie, n = 53, davon 25 mit ADHS, E 3.)84

Erwachsene mit ADHS zeigten in einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe (SART) gegenüber Nichtbetroffenen: (Fall-Kontroll-Studie, EEG, n = 98, davon 69 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)88

  • abgeschwächte P3 und geringere ereigniskorrelierte Alpha- und Beta-Suppression bei Reaktionshemmung (No-Go)
  • geringere Theta-Aktivierung bei Reaktionsausführung (Go)
  • höhere Reaktionszeitvariabilität
  • mehr Auslassungs- und Verwechslungsfehler

Spontanes Gedankenwandern hing mit den meisten dieser Marker zusammen. Es erklärte (außer bei der Beta-Suppression) keine zusätzliche Varianz über die ADHS-Diagnose hinaus und umgekehrt. Die Autoren sehen darin gemeinsame neuronale Defizite und werten spontanes Gedankenwandern als mögliches Kernsymptom. (Fall-Kontroll-Studie, EEG, n = 98, davon 69 mit ADHS, herstellerfinanziert, E 3.)88

Menschen mit ADHS beschreiben charakteristischerweise ein exzessives, spontanes Mind Wandering (Abschweifen der Gedanken von der aktuellen Aufgabe) im Sinne einer ständigen geistigen Aktivität ohne thematische Stabilität und inhaltliche Konsistenz. Nach der Mind-Wandering-Hypothese führen eine veränderte Deaktivierung des Default Mode Network (DMN, Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns, das bei nach innen gerichteter Aufmerksamkeit aktiv ist) und dessen gestörtes Zusammenspiel mit dem exekutiven Kontrollnetzwerk zu exzessivem Mind Wandering, das den Symptomen und Beeinträchtigungen von ADHS zugrunde liegt. Die Prozesse, die Mind Wandering normalerweise regulieren (Kontextregulation, sensorische Entkopplung, Salienzschwellen), sind bei ADHS defizitär. Mind Wandering könnte ein Endophänotyp von ADHS sein. (Narrativer Review, E 4.)89

(E 3): ADHS und Mind Wandering hingen zusammen

  • als mehr Mind Wandering gegenüber Kontrollen bei:
    • Jugendlichen mit ADHS (durchschnittlich 15 Jahre), exzessives Mind Wandering d = 0,82 (Querschnittstudie, N = 156, n = 80, E 3.)90 Ältere Jugendliche mit ADHS hatten höhere Werte als jüngere (r = 0,24), bei Kontrollen fand sich kein Alterszusammenhang. Ob dies eine Zunahme des Mind Wanderings im Verlauf der Adoleszenz abbildet, bleibt ohne Längsschnittdaten offen
    • Erwachsenen mit ADHS, mit Abnahme bei steigender Arbeitsgedächtnisbelastung, nicht aber bei steigender Anforderung an die Daueraufmerksamkeit (defizitäre Kontextregulation) (Fall-Kontroll-Studie, N = 56, n = 27, E 3.)91 Kontrollen blieben unter allen Bedingungen aufgabenfokussiert. Die Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen waren nach Kontrolle der Mind-Wandering-Häufigkeit nicht mehr signifikant
    • Studierenden mit ADHS (20 bis 32 Jahre), auch gegenüber Kontrollpersonen mit gleich schwacher und mit guter Aufgabenleistung (Fall-Kontroll-Studie, N = 69, n = 23, E 3.)92 Die beiden Kontrollgruppen unterschieden sich nicht. Erhöhtes Mind Wandering ist demnach ein eigenständiges Merkmal von ADHS und nicht bloß Folge einer schlechten Leistung in der Hauptaufgabe
    • Frauen mit ADHS, mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder mit beidem, häufigeres und intensiveres spontanes Gedankenwandern, nach Kontrolle von Depression und Angst nur noch bei ADHS gegenüber Kontrollen signifikant (Fall-Kontroll-Studie mit Experience Sampling, N = 98, n = 28, E 3.)93
    • Studierenden mit hoher Unaufmerksamkeit (subklinisch, Hyperaktivität/Impulsivität im Normbereich), im Alltag, in einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe (SART) und beim Lesen, mit schlechterem Textverständnis (Experimentelle Studie, n = 90, davon 46 mit hoher Unaufmerksamkeit, E 3.)94
  • als Zunahme des Mind Wanderings mit mehr ADHS-Symptomen bei:
    • jungen Erwachsenen der Allgemeinbevölkerung, im Labor und im Alltag (Querschnittstudie mit Experience Sampling, n = 105, E 3.)95 Das Gedankenwandern wurde als störender erlebt (r = 0,31). Ein geringeres Gewahrsein des eigenen Gedankenwanderns (Meta-Awareness) vermittelte diesen Zusammenhang teilweise. Personen mit wenig ADHS-Symptomen nutzten störendes Gedankenwandern zugleich als nützlich (strategisch), Personen mit vielen ADHS-Symptomen nicht
    • Studierenden (18 bis 29 Jahre), Mind Wandering (Mind Excessively Wandering Scale) für fünf von sechs Symptomdimensionen (alle außer Impulsivität) β = 0,15 bis 0,22, zudem mehr selbstberichtetes Grübeln (Rumination) (Querschnittstudie, N = 4.679, E 3.)96
  • nicht oder schwächer für:
    • übermäßiges Gedankenwandern (MEWS) und ADHS-Symptome bei jungen Erwachsenen, Korrelation nicht signifikant (Querschnittstudie, N = 53, n = 17, E 3.)97
    • den MEWS-Wert von Erwachsenen mit ADHS gegenüber einer klinischen Kontrollgruppe, 20,5 gegenüber 22,3 Punkte (Querschnittstudie, N = 53, n = 17, E 3.)97
    • häufigere frei wandernde, wenig eingeschränkte Gedanken (freely moving thought) bei mehr ADHS-Symptomen, Vorhersage bei Erwachsenen der Allgemeinbevölkerung nicht bestätigt (r = 0,09, nicht signifikant) (Querschnittstudie, n = 225, E 3.)98
    • Tagträumen (Daydreaming Frequency Scale des IPI) bei Studierenden, übrige Symptomdimensionen β = -0,03 bis 0,04 (nicht signifikant), SCT dagegen β = 0,59 (Querschnittstudie, N = 4.679, E 3.)96

Bei ADHS war das spontane Gedankenwandern zudem intensiver als bei BPS und bei komorbider ADHS mit BPS. Negative Gedankeninhalte waren nur bei BPS und komorbider BPS erhöht (nicht mehr nach Kontrolle von Depression und Angst). Spontanes Gedankenwandern ist damit transdiagnostisch, bei ADHS jedoch ein Kernprozess, bei BPS eher Folge von Angst und Depression. (Fall-Kontroll-Studie mit Experience Sampling, N = 98, n = 28, E 3.)93

Experimentell induzierte gedrückte Stimmung verstärkte das Gedankenwandern im SART nur bei Studierenden mit hoher Unaufmerksamkeit, verbunden mit stärkerem grüblerischem Reaktionsstil. Die Arbeitsgedächtniskapazität unterschied sich nicht und beeinflusste die Effekte nicht. (Experimentelle Studie, n = 90, davon 46 mit hoher Unaufmerksamkeit, E 3.)94

Spontanes (unabsichtliches), nicht aber absichtliches Gedankenwandern war mit ADHS-Symptomen verbunden. Dies galt in zwei großen nichtklinischen Stichproben junger Erwachsener und bei Studierenden mit ADHS-Diagnose. (Querschnittstudie, N = 2.708, n = 69, E 3.)99 Der Zusammenhang mit ADHS-Symptomen (ASRS, semipartielle Korrelation) betrug für: (Querschnittstudie, N = 2.708, n = 69, E 3.)99

  • spontanes Gedankenwandern sr = 0,47 bzw. 0,40
  • absichtliches Gedankenwandern sr = 0,03 (nicht signifikant) bzw. 0,07

Bei Erwachsenen ohne ADHS-Diagnose war spontanes Gedankenwandern mit unaufmerksamen Zügen nur bei einer schwierigeren Aufgabenversion (SART) verbunden, mit hyperaktiven und impulsiven Zügen dagegen unabhängig von der Aufgabenschwierigkeit. Gedankenwandern ist damit nicht spezifisch für Unaufmerksamkeit. Die Autoren halten es daher als diagnostisches Kriterium für Unaufmerksamkeit für wenig geeignet. (Experimentelle Querschnittstudie, n = 80, E 3.)100

Bei Studierenden schwächten sich die Zusammenhänge der ADHS-Symptome mit Tagträumen sowie mit reflektierendem und brütendem Grübeln nach Kontrolle von SCT und internalisierenden Symptomen ab. SCT war eigenständig mit mehr Mind Wandering und beiden Formen des Grübelns verbunden. Der Zusammenhang zwischen ADHS und Mind Wandering ist demnach möglicherweise weniger robust als bisher angenommen. (Querschnittstudie, N = 4.679, E 3.)96

(E 3): Exzessives bzw. übermäßiges Mind Wandering korrelierte mit: (Querschnittstudie, N = 156, n = 80, E 3.)90

  • Problemen der Emotionsregulation r = 0,77 (Jugendliche)
  • Angst rs = 0,578 (junge Erwachsene, MEWS) (Querschnittstudie, N = 53, n = 17, E 3.)97
  • Impulsivität r = 0,55 (Jugendliche)
  • Depressivität rs = 0,469 (junge Erwachsene, MEWS) (Querschnittstudie, N = 53, n = 17, E 3.)97
  • Unaufmerksamkeit r = 0,38 (Jugendliche)
  • Hyperaktivität/Impulsivität r = 0,33 (Jugendliche)

Aufmerksamkeitsaussetzer bei ADHS entsprachen eher einer Gedankenleere (Mind Blanking) als einem Gedankenwandern. Unmedizierte Kinder mit ADHS (6 bis 12 Jahre) berichteten in einer Go/No-Go-Aufgabe mehr Gedankenleere, auf Kosten sowohl fokussierter als auch abschweifender Gedanken. Mit Methylphenidat behandelte Kinder lagen bei Gedankenleere auf dem Niveau der Kontrollen, zeigten aber eher mehr Gedankenwandern als mehr Fokus. Bei jungen Erwachsenen mit subklinischer ADHS fand sich ein ähnliches Muster. (Fall-Kontroll-Studie, 2 Studien, n = 80 Kinder, n = 40 junge Erwachsene, davon 15 mit subklinischer ADHS, E 3.)101

Erwachsene mit ADHS zeigten in einem 20-minütigen Test der Daueraufmerksamkeit mit zunehmender Aufgabendauer einen steileren Anstieg seltener langsamer Reaktionen (ex-Gauß-Parameter τ, Aufmerksamkeitsaussetzer) als Nichtbetroffene. Sie schnitten auch bei selektiver und geteilter Daueraufmerksamkeit schlechter ab. Nach Kontrolle des τ-Anstiegs verschwanden die Gruppenunterschiede für geteilte und teilweise für selektive Aufmerksamkeit. Der τ-Anstieg korrelierte mit selbstberichteten ADHS-Symptomen. (Fall-Kontroll-Studie, n = 48, davon 24 mit ADHS, E 3.)102

Erwachsene mit ADHS erkannten Gesichtsausdrücke (Ärger, Angst, Ekel, Überraschung) ebenso korrekt wie Nichtbetroffene, benötigten für eine korrekte Entscheidung aber im Mittel fast 200 ms länger. Dies galt ebenso für Erwachsene mit Autismus und auch für die Kontrollbedingung, sodass eher eine allgemein verlangsamte Verarbeitung vorlag. Mind Wandering war bei ADHS mit der allgemeinen Verarbeitungsgeschwindigkeit assoziiert und unabhängig von der Schwere der ADHS- und Autismussymptome. Emotionale Dysregulation und funktionelle Beeinträchtigung unterschieden Erwachsene mit ADHS oder Autismus von Nichtbetroffenen, nicht aber voneinander. (Fall-Kontroll-Studie, N = 103, n = 43, E 3.)103

Junge Erwachsene mit ADHS fuhren im Fahrsimulator mit höherer Durchschnittsgeschwindigkeit, gaben mehr Gas und traten Gas- und Bremspedal stärker. Mehr Gedankenwandern ging in der Gesamtstichprobe mit stärkerem Gaspedaldruck und höherer Maximalgeschwindigkeit einher. (Fall-Kontroll-Studie, N = 87, n = 16, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)104

Fragebögen zum Gedankenwandern bei ADHS sind die Mind Excessively Wandering Scale (MEWS), die Häufigkeit, Intensität und negative Folgen übermäßigen Gedankenwanderns erfasst und deren brasilianisch-portugiesische Fassung eine zufriedenstellende semantische Äquivalenz zum Original zeigte (Validierungsstudie, n = 40, E 3.)105, sowie ein validierter Fragebogen zum Gedankenwandern (4FMW, 16 Items, 4 Faktoren), der junge Erwachsene mit wahrscheinlicher ADHS von Kontrollen unterschied. (Validierungsstudie, E 3.)106

(E 3): Maladaptives Tagträumen (exzessives, belastendes Eintauchen in komplexe Fantasiewelten) war mit ADHS bzw. ADHS-Symptomen verbunden. (Querschnittstudie, n = 83, E 3.)107 (Querschnittstudie, N = 447, E 3.)108 (Querschnittstudie, n = 848, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)109

Von Erwachsenen mit ADHS erfüllten 20,5 % die vorgeschlagenen Kriterien für maladaptives Tagträumen. Diese Untergruppe wies mehr Depressivität und Einsamkeit sowie einen geringeren Selbstwert auf als Betroffene ohne maladaptives Tagträumen. Die Autoren sehen maladaptives Tagträumen als von ADHS abgrenzbares Störungsbild, das in manchen Fällen ADHS-ähnliche Symptome besser erklären könnte. (Querschnittstudie, n = 83, E 3.)107

Menschen mit maladaptivem Tagträumen berichteten deutlich mehr ADHS-Symptome als Kontrollen, mit Unterschieden für: (Querschnittstudie, N = 447, E 3.)108

  • ADHS-Symptome gesamt (ASRS) d = 0,89
  • Unaufmerksamkeit d = 0,85
  • Impulsivität d = 0,48

Bei Studierenden hing maladaptives Tagträumen mit ADHS-Symptomen zusammen (r = 0,335) und nahm mit dem Alter ab (r = −0,231). (Querschnittstudie, n = 848, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)109

Dissoziative Absorption (völliges Versinken in Vorstellungen oder äußeren Reizen bis zum Ausblenden der Umgebung) ließ sich faktorenanalytisch von ADHS-Symptomen und Gedankenwandern abgrenzen. ADHS-Symptome und Gedankenwandern waren dagegen nicht vollständig voneinander trennbar. Die Autorin hält es für möglich, dass Absorptionsneigungen als ADHS fehldiagnostiziert werden. (Querschnittstudie, n = 303, E 3.)110

Erwachsene mit ADHS zeigten in einer Daueraufmerksamkeits- und einer Arbeitsgedächtnisaufgabe gegenüber Kontrollen

  • insgesamt: (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)111
    • P1 (frühe sensorische Verarbeitung) verringert bei hoher Daueraufmerksamkeitsanforderung (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)112
    • P3 (Aufmerksamkeitszuteilung) verringert bei hoher Arbeitsgedächtnisanforderung (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)112
    • Alpha-Power mit schwächerer Abnahme bei hoher Arbeitsgedächtnisanforderung und bei Daueraufmerksamkeitsanforderungen
    • Theta-Power und Theta-Phasenkonsistenz mit schwächerer Zunahme bei Arbeitsgedächtnisanforderungen und bei niedriger Daueraufmerksamkeitsanforderung
    • Beta-Power mit schwächerer Abnahme bei niedriger Arbeitsgedächtnisanforderung
  • während Mind-Wandering-Episoden:
    • eine P1 ohne Unterschied zu Kontrollen, während Aufgabenfokussierung dagegen eine verringerte P1 (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)112
    • eine verringerte P3 in der Daueraufmerksamkeitsaufgabe, nicht aber während Aufgabenfokussierung (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)112
    • eine schwächere Alpha-Abnahme in der Daueraufmerksamkeitsaufgabe (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)111
    • eine geringere Theta-Phasenkonsistenz in der Arbeitsgedächtnisaufgabe (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)111

Nach Kontrolle der Mind-Wandering-Häufigkeit waren die Unterschiede der P1 und P3 nicht mehr signifikant. (Fall-Kontroll-Studie, N = 48, n = 23, E 3.)112

Erwachsene mit ADHS (18 bis 40 Jahre) berichteten während einer Aufmerksamkeitsaufgabe häufiger aufgabenfremde Gedanken als Kontrollen (59,77 % gegenüber 44,62 % der Durchgänge) und einen größeren Anteil frei wandernder (nicht zielgerichteter) aufgabenfremder Gedanken. Die EEG-Komplexität, ein Korrelat frei wandernden Denkens, war bei ihnen während aufgabenfremder Phasen höher als während aufgabenbezogener Phasen (d = 0,48), bei Kontrollen nicht signifikant (d = 0,20). (Fall-Kontroll-Studie, N = 79, n = 39, E 3.)113

Mehr ADHS-Symptome gingen bei neurotypischen Erwachsenen mit weniger detailreichen laufenden Gedanken bei schwierigeren, gedächtnisbasierten Entscheidungen einher. Im Ruhe-fMRT zeigte sich eine geringere Konnektivität zwischen Default Mode Network (DMN) und rechtem sensomotorischem Kortex sowie zwischen frontoparietalem Netzwerk (FPN) und rechtem ventralem visuellem Kortex. Die Autoren deuten häufiges Gedankenwandern bei ADHS als indirekte Folge einer mangelhaften Kontrolle der laufenden Kognition bei steigenden Anforderungen, nicht als Überproduktion aufgabenfremder Gedanken. (Querschnittstudie, n = 184, E 3.)114

Ein fMRT-Konnektommodell, das vor allem auf Interaktionen zwischen Default Mode Network und frontoparietalem Kontrollnetzwerk beruhte, sagte reizunabhängige, aufgabenfremde Gedanken (SITUT) bei Gesunden vorher und übertrug sich auf Erwachsene mit ADHS. Erwachsene mit ADHS berichteten mehr solcher Gedanken als Gesunde. In drei weiteren Ruhe-fMRT-Datensätzen sagte das Modell SITUT mit geringen Effektstärken vorher. (Querschnittstudie, fMRT mit Experience Sampling, N = 1.115, n = 20, E 3.)115

Bei einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe fanden sich in vier fMRT-Datensätzen zwei dominante Hirnzustände: ein stabiler, leistungsoptimaler Zustand mit mehr Gedankenwandern und ein instabiler, fehleranfälliger Zustand. Erwachsene mit ADHS verbrachten mehr Zeit im suboptimalen und weniger Zeit im optimalen Zustand als Gesunde. Belohnungsmotivation glich die schlechtere Leistung im suboptimalen Zustand aus. (Fall-Kontroll-Studie, fMRT, n = 19, E 3.)116

Rasende Gedanken (Racing Thoughts) sind bei Erwachsenen mit ADHS ein eigenständiges Merkmal. (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117 Gedankenrasen (racing thoughts) wird in DSM und ICD nicht als ADHS-Symptom genannt. (Selektiver Review, E 4.)118

Rasende Gedanken lagen bei Erwachsenen mit ADHS im Vergleich zu:

  • Kontrollen höher (Racing and Crowded Thoughts Questionnaire, RCTQ) (Narrativer Review, E 4.)119
  • manischen Patienten höher (RCTQ) (Narrativer Review, E 4.)119
  • hypomanen Episoden höher (Narrativer Review der eigenen Arbeitsgruppe, E 4.)120
  • ADHS-unaufmerksamem Typ, Hypomanie und euthymer bipolarer Störung beim ADHS-Mischtyp höher (RCTQ) (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117
  • Hypomanie beim ADHS-unaufmerksamen Typ ohne Unterschied (RCTQ) (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117
  • euthymer bipolarer Störung beim ADHS-unaufmerksamen Typ höher (RCTQ) (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117

Bei euthymer bipolarer Störung waren rasende Gedanken ähnlich ausgeprägt wie bei Nichtbetroffenen. (Narrativer Review der eigenen Arbeitsgruppe, E 4.)120

(E 3): Rasende Gedanken nahmen bei Erwachsenen mit ADHS abends und beim Zubettgehen zu bzw. waren vor dem Einschlafen am stärksten und korrelierten mit der Schwere der Insomnie. (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117 (Narrativer Review, E 4.)119 Sie waren mit Angst verbunden (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117 (Narrativer Review, E 4.)119, zudem mit zyklothymen Temperamentszügen (Querschnittstudie, n = 263, davon 182 mit ADHS, 30 mit ADHS und bipolarer Störung, E 3.)117 und Stimmungsinstabilität. (Narrativer Review, E 4.)119 Gedankenrasen und Gedankendrängen sind eng mit gemischter Depression verbunden, von Grübeln (Rumination) abgrenzbar und auch mit ADHS und Insomnie assoziiert. (Narrativer Review, E 4.)119

Rasende Gedanken sind nicht spezifisch für bipolare Störungen. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal bleibt der episodische Verlauf der bipolaren Störung gegenüber dem lebenslangen Verlauf der ADHS-Symptome, was klinisch allerdings nicht immer eindeutig ist. (Narrativer Review der eigenen Arbeitsgruppe, E 4.)120 Ideenflucht oder Gedankenrasen hatten nach einer Studie: (Selektiver Review, E 4.)118

  • etwa 60 % der Erwachsenen mit ADHS und bipolarer Störung
  • 20 % der Erwachsenen mit ADHS allein

Gedankenrasen ist damit eher mit der bipolaren Störung als mit ADHS verbunden. (Selektiver Review, E 4.)118

Erwachsene mit ADHS, mit ADHS und bipolarer Störung (euthym) und mit Hypomanie wechselten in der freien Wortflüssigkeitsaufgabe häufiger zwischen Bedeutungsfeldern (Switches) als Nichtbetroffene, bei gleicher Wortzahl. Die Autoren sehen in dieser semantischen Überaktivierung einen gemeinsamen Mechanismus rasender Gedanken bei ADHS und bipolarer Störung. (Fall-Kontroll-Studie, n = 115, davon 37 mit ADHS, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)121 (E 3): Bei Hypomanie beruhte die lexikalische Suche in der Wortflüssigkeit eher auf Klangähnlichkeit als auf Bedeutungsnähe, vermehrtes phonologisches Clustering fand sich nur bei Hypomanie. (Fall-Kontroll-Studie, n = 115, davon 37 mit ADHS, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)121 (Narrativer Review der eigenen Arbeitsgruppe, E 4.)120

Gedankenrasen (racing thoughts) und Grübeln (Rumination) vermittelten bei Erwachsenen den Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Depressions- sowie Angstsymptomen. Die direkten Effekte der ADHS-Symptome auf Depression und Angst waren nicht signifikant. (Querschnittstudie, Online-Befragung Allgemeinbevölkerung, n = 289, E 3.)122 Signifikante indirekte Effekte bestanden für: (Querschnittstudie, Online-Befragung Allgemeinbevölkerung, n = 289, E 3.)122

  • Hyperaktivität/Impulsivität über Gedankenrasen auf Angst b = 0,50 (95%-KI 0,32 bis 0,7)
  • Hyperaktivität/Impulsivität über Gedankenrasen auf Depression b = 0,43 (95%-KI 0,27 bis 0,65)
  • Hyperaktivität/Impulsivität über Grübeln auf Depression b = 0,42 (95%-KI 0,27 bis 0,59)
  • Hyperaktivität/Impulsivität über Grübeln auf Angst b = 0,23 (95%-KI 0,14 bis 0,36)
  • Unaufmerksamkeit über Gedankenrasen auf Angst b = 0,18 (95%-KI 0,06 bis 0,32)
  • Unaufmerksamkeit über Gedankenrasen auf Depression b = 0,16 (95%-KI 0,06 bis 0,30)

Unaufmerksamkeit wirkte nicht über Grübeln auf Depression oder Angst. (Querschnittstudie, Online-Befragung Allgemeinbevölkerung, n = 289, E 3.)122

Mehr ADHS-Symptome und mehr innere Unruhe gingen bei Studierenden mit stärkerem Maximierungsstreben bei Entscheidungen (Suche nach der bestmöglichen Option) und mehr Reue einher. (Querschnittstudie, N = 275, E 3.)123 Die Korrelationen betrugen für: (Querschnittstudie, N = 275, E 3.)123

  • innere Unruhe und Reue r = 0,37
  • innere Unruhe und Maximieren r = 0,35
  • ADHS-Symptome und Reue r = 0,33
  • ADHS-Symptome und Maximieren r = 0,26

Innere Unruhe (kognitive Unruhe) war bei Studierenden, die Stimulanzien ohne Verordnung nutzten, deutlich stärker ausgeprägt als bei Nichtnutzern (η² = 0,069). (Querschnittstudie, N = 807, E 3.)124

Sluggish Cognitive Tempo (SCT, heute Cognitive Disengagement Syndrome, CDS) ist bei Erwachsenen stärker mit ADHS-Symptomen verbunden als bei Kindern. (Metaanalyse, k = 73, N = über 19.000, E 3.)125 SCT ist nach dem Forschungsstand von 2014 vermutlich eine von ADHS verschiedene Aufmerksamkeitsstörung, die sich in etwa der Hälfte der Fälle mit ADHS überschneidet. Die beiden bis dahin vorliegenden großen Studien an Erwachsenen bestätigten die Befunde bei Kindern. SCT hat eigene Symptomdimensionen und Komorbiditäten, wahrscheinlich eigene, wenngleich geringere Beeinträchtigungsbereiche und möglicherweise eigene kognitive Defizite, Ursachen und Verlaufsrisiken. Barkley schlug vor, SCT in Concentration Deficit Disorder umzubenennen. (Kommentar, E 4.)126

(E 3): SCT korrelierte

  • mit Unaufmerksamkeit:
    • r = 0,72 bei Erwachsenen (Metaanalyse, k = 73, N = über 19.000, E 3.)125
    • r = 0,67 bei Studierenden (2 Querschnittstudien, N = 840, n = 72, E 3.)127
    • r = 0,66 bei Studierenden (Querschnittstudie, N = 6.167, E 3.)128
    • r = 0,63 bei Kindern (Metaanalyse, k = 73, N = über 19.000, E 3.)125
  • mit Hyperaktivität/Impulsivität: (Metaanalyse, k = 73, N = über 19.000, E 3.)125
    • r = 0,46 bei Erwachsenen
    • r = 0,32 bei Kindern
    • r = 0,02 (nicht signifikant) bei Studierenden (Querschnittstudie, N = 6.167, E 3.)128
  • mit weiteren Merkmalen: (Metaanalyse, k = 73, N = über 19.000, E 3.)125
    • Beeinträchtigung (global, sozial, schulisch) r = 0,38 bis 0,44
    • Alter r = 0,11

(E 3): SCT war bei Studierenden bzw. Erwachsenen ein mit ADHS verwandter, aber eigenständiger Faktor (Querschnittstudie, N = 6.167, E 3.)128, in der Barkley Adult ADHD Rating Scale-IV (BAARS-IV) einer von vier korrelierten, aber getrennten Faktoren (SCT, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) (2 Querschnittstudien, N = 840, n = 72, E 3.)127, in einer reliablen 5-Item-SCT-Skala bei japanischen Erwachsenen von Unaufmerksamkeit abgrenzbar. (Querschnittstudie, N = 429, n = 26, E 3.)129 Selbst- und Elternurteile zu ADHS im jungen Erwachsenenalter stimmten nur gering bis mäßig überein, was für die Einbeziehung mehrerer Beurteiler bei der Diagnostik von ADHS bei Erwachsenen spricht. (Querschnittstudie, N = 6.167, E 3.)128

Bei Erwachsenen, die zur ADHS-Abklärung kamen, bildete eine SCT-Skala in Selbst- und Fremdurteil drei Faktoren (langsam/verträumt, schläfrig/träge, geringe Initiative/Ausdauer). (Querschnittstudie, n = 124, E 3.)130

(E 3): Erwachsene mit ADHS hatten höhere SCT-Werte als Personen ohne ADHS, im Fremdurteil auch unter Berücksichtigung von Komorbidität (Querschnittstudie, n = 124, E 3.)130, bei japanischen Erwachsenen auch nach Kontrolle von ADHS- und internalisierenden Symptomen gegenüber Studierenden und Erwachsenen ohne ADHS. (Querschnittstudie, N = 429, n = 26, E 3.)129

(E 3): SCT war bei Erwachsenen über ADHS-Symptome hinaus verbunden mit:

  • exekutiven Alltagsdefiziten (Validierungsstudie, N = 3.172, E 3.)131, bei jungen Erwachsenen auch über Angst und Depression hinaus (Querschnittstudie, n = 158, E 3.)132, bei Erwachsenen mit ADHS und zusätzlichem SCT stärker als bei ADHS ohne SCT, auch nach Kontrolle der ADHS-Symptomstärke (Querschnittstudie, n = 106, herstellerfinanziert, E 3.)133, über ADHS- und internalisierende Symptome hinaus nur bei den mit Stimulanzien Behandelten (n = 48) (Querschnittstudie, n = 102, E 3.)134
  • funktioneller Beeinträchtigung (Validierungsstudie, N = 3.172, E 3.)131, in vielen Lebensbereichen (Querschnittstudie, n = 158, E 3.)132, bei Erwachsenen mit ADHS und zusätzlichem SCT stärker als bei ADHS ohne SCT (Querschnittstudie, n = 106, herstellerfinanziert, E 3.)133, als schlechteres Funktionsniveau bei Erwachsenen, die zur ADHS-Abklärung kamen (Querschnittstudie, n = 124, E 3.)130
  • emotionaler Dysregulation (Validierungsstudie, N = 3.172, E 3.)131, bei Erwachsenen mit ADHS und zusätzlichem SCT stärker als bei ADHS ohne SCT (Querschnittstudie, n = 106, herstellerfinanziert, E 3.)133
  • Angst und Depression bei Studierenden, nach Kontrolle der ADHS-Symptome und soziodemografischer Merkmale und auch bei Studierenden mit gesicherter ADHS-Diagnose (internalisierende Symptome) (2 Querschnittstudien, N = 840, n = 72, E 3.)127
  • schlechteren Studienleistungen (einschließlich Notendurchschnitt) bzw. akademischer Beeinträchtigung, auch bei Studierenden mit gesicherter ADHS-Diagnose (2 Querschnittstudien, N = 840, n = 72, E 3.)127
  • schlechteren Lernstrategien bei jungen Erwachsenen (Querschnittstudie, n = 158, E 3.)132
  • suizidalem Verhalten bei Studierenden, über Depression und andere psychische Symptome hinaus (Querschnittstudie, N = 1.704, E 3.)135 ADHS-Symptome waren nach Berücksichtigung internalisierender Symptome nicht mehr mit suizidalem Verhalten verbunden

Erwachsene mit ADHS und zusätzlichem SCT zeigten neuropsychologisch (CANTAB, WAIS) langsamere Latenzen und andere Strategiewahl bei steigender kognitiver Last. Die Autoren sehen SCT als eigenständige Untergruppe erwachsener ADHS-Betroffener. (Querschnittstudie, n = 106, herstellerfinanziert, E 3.)133

Bei Erwachsenen mit ADHS korrelierte SCT mit Unaufmerksamkeit sowie dimensional erfasster Depressivität und Angst, nicht aber mit klinischen Depressions- oder Angstdiagnosen. (Querschnittstudie, n = 102, E 3.)134

Unter Erwachsenen mit ADHS (18 bis 38 Jahre) fanden sich drei SCT-Profile (minimal, moderat, schwer). (Querschnittstudie, latente Klassenanalyse, N = 349, n = 213, E 3.)136 Moderate und schwere SCT unterschieden sich von minimaler SCT bei: (Querschnittstudie, latente Klassenanalyse, N = 349, n = 213, E 3.)136

  • mehr Angst und Depression
  • mehr persistierender Unaufmerksamkeit
  • stärkerer beruflicher und partnerschaftlicher Beeinträchtigung

Bei Erwachsenen ließ sich ein Kontinuum von Hypoaktivität (SCT) bis Hyperaktivität abbilden, mit dem Unaufmerksamkeit U-förmig zusammenhing (kleiner Varianzanteil). (Querschnittstudie, N = 1.398, E 3.)137

Bei Studierenden (17 bis 25 Jahre) sagten Unaufmerksamkeit und SCT selbstberichtete Probleme der Exekutivfunktionen am stärksten vorher. Unaufmerksamkeit war der stärkste Prädiktor für Probleme mit Zeitmanagement und Motivation, SCT für Probleme mit Selbstorganisation und Problemlösen. Nur SCT (nicht Unaufmerksamkeit) war mit Problemen der Emotionsregulation verbunden. (Querschnittstudie, N = 298, E 3.)138

(E 3): Selbstberichtete Symptome hingen bei Studierenden nicht mit objektiver Testleistung zusammen, weder hohes SCT mit objektiv langsamerer Leistung in zeitgebundenen Tests (Querschnittstudie, N = 253, E 3.)139 noch Unaufmerksamkeit und SCT mit den Leistungen in Labortests (visuelles Arbeitsgedächtnis, Stroop-Test, Conners’ CPT-II). (Querschnittstudie, N = 298, E 3.)138

13 % der Studierenden hatten hohe SCT-Werte (5 oder mehr Symptome), häufig ohne zugleich hohe ADHS-, Angst- oder Depressionswerte. SCT erklärte von allen Symptomgruppen den größten eigenständigen Varianzanteil für Probleme der Exekutivfunktionen (34 %) und, gleichauf mit Depression, für funktionelle Beeinträchtigung (29 %). Studierende mit hohen SCT-Werten waren mit oder ohne hohe ADHS-Werte stärker beeinträchtigt und hatten mehr Exekutivfunktionsprobleme als Kontrollen. (Querschnittstudie, N = 458, E 3.)140 Hohes SCT trat bei Studierenden dagegen in einer anderen Studie fast nie isoliert auf. Nach Ausschluss von ADHS, Depression, Angst, schlechtem Schlaf und riskantem Substanzkonsum blieben 4,8 % der Betroffenen übrig. (Querschnittstudie, N = 910, E 3.)141

(E 3): Eine zusätzliche CDS-Symptomatik fand sich bei:

  • 41,3 % der iranischen Studierenden mit ADHS (Screening per BAARS-IV, Bestätigung per strukturiertem klinischem Interview), Kriterien für CDS erfüllt (Querschnittstudie, n = 690, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)142 Studierende mit ADHS und CDS zeigten Defizite in Planung und Aufmerksamkeitskontrolle (Stroop, WCST, Tower of London)
  • 40 % der Personen mit wahrscheinlichem ADHS in einer Stichprobe Erwachsener ohne bekannte psychische Erkrankung, erhöhte CDS-Symptome (Querschnittstudie, N = 1.024, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)143 Umgekehrt hatten 60 % der Personen mit erhöhten CDS-Symptomen ein erhöhtes ADHS-Risiko

Bei Erwachsenen gingen Unaufmerksamkeit und SCT-Symptome (Sluggish Cognitive Tempo, Symptome wie Tagträumen, Verlangsamung, Benommenheit) mit einem höheren Stresserleben einher, Hyperaktivität/Impulsivität dagegen nicht. Über Alter, Geschlecht, Bildung, Depression und Angst hinaus erklärten die ADHS-Symptome weitere 10 % der Varianz des wahrgenommenen Stresses. (Querschnittstudie, n = 983, E 3.)144 Die standardisierten Regressionsgewichte betrugen für: (Querschnittstudie, n = 983, E 3.)144

  • Unaufmerksamkeit β = 0,24
  • SCT β = 0,12
  • von Barkley, Murphy und Fischer vorgeschlagene exekutive Zusatzkriterien β = 0,04 (nicht signifikant)
  • Hyperaktivität/Impulsivität β = -0,01 (nicht signifikant)

(E 4): Hyperaktivität und Impulsivität bessern sich mit dem Alter, Unaufmerksamkeit ist beständiger, im Jugendalter bei den meisten Betroffenen (Narrativer Review, E 4.)145, für hyperaktive Symptome über die gesamte Lebensspanne, für unaufmerksame Symptome dagegen ohne Abnahme (Narrativer Review, E 4.)146, für hyperaktive Symptome mit dem Alter. (Narrativer Review, E 4.)147 Viele Erwachsene erfüllen daher die Kriterien des unaufmerksamen, nicht aber des kombinierten Subtyps. Impulsivität tritt seltener auf, ihre Folgen wiegen im Erwachsenenalter jedoch schwerer (etwa wirtschaftliche Folgen impulsiver Entscheidungen statt impulsiven Wegnehmens von Spielzeug). (Narrativer Review, E 4.)146

Bei Kindern mit anhaltend hohen ADHS-Symptomen von der 3. bis zur 12. Klasse stand im Vordergrund: (Kohortenstudie, n = 413, E 2b.)148

  • in der Kindheit Hyperaktivität
  • in der 6. Klasse Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität
  • in der 9. und 12. Klasse Unaufmerksamkeit

In Langzeituntersuchungen hyperkinetischer Kinder bestanden im jungen Erwachsenenalter trotz intensiver Pharmako- und Psychotherapie bei: (Narrativer Review, E 4.)149

  • über 80 % vermehrte Ablenkbarkeit
  • über 70 % Aufmerksamkeitsstörungen
  • 60 % erhöhte motorische Unruhe

(E 4): Im Erwachsenenalter treten zur ADHS-Kernsymptomatik häufig Desorganisation und emotionale Dysregulation hinzu bzw. gewinnen an Bedeutung. (Narrativer Review, E 4.)150 (Narrativer Review, E 4.)151 (Narrativer Review, E 4.)147 Die kindlichen Kernsymptome finden sich im Erwachsenenalter in veränderter Form wieder. Häufig sind Desorganisation im beruflichen und privaten Bereich, emotionale Störungen und Stressintoleranz sowie Restsymptome von Teilleistungsstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie, Dysgraphie). (Narrativer Review, E 4.)151 Die große Mehrheit der Betroffenen hat psychiatrische Komorbiditäten. Entwicklungspsychopathologische Veränderungen und altersabhängige Komorbidität sind bei der Diagnostik zu berücksichtigen. (Narrativer Review, E 4.)150 Der Phänotyp verändert sich über die Lebensspanne und wird durch die hohe Komorbidität moderiert. (Narrativer Review, E 4.)147

Junge Erwachsene mit Kindheits-ADHS (MTA-Stichprobe) beschrieben ihre Symptome als kontextabhängig. Besser kamen sie bei Tätigkeiten zurecht, die stressig und herausfordernd, neu und mit Multitasking verbunden, betriebsam und schnell, körperlich fordernd oder praktisch oder intrinsisch interessant waren. Hohe Energie wurde dort teils zur Stärke. Die Wahl passender Arbeits- und Ausbildungskontexte könnte zum Rückgang der Symptombelastung im Erwachsenenalter beitragen. (Qualitative Studie, n = 125, E 3.)152

Manche kinderpsychiatrischen Störungen wandeln ihre Symptomatik auf dem Weg ins Erwachsenenalter. Hyperkinetische Kinder entwickelten im Erwachsenenalter häufig dissoziale Störungen, Delinquenz und Alkoholismus. (Narrativer Review, E 4.)153 In einer Katamnese über 9 Jahre unterschieden sich die HKS-Gruppe und Kontrollen bei: (Kohortenstudie, n = 100, 9 Jahre, Sekundärzitat über Remschmidt & Herpertz-Dahlmann 1989, E 2b.)153

  • dissozialem Verhalten 27 % gegenüber 8 %
  • Drogenmissbrauch 19 % gegenüber 7 %

Beides war bei persistierendem HKS viermal so häufig wie bei zurückgebildetem. (Kohortenstudie, n = 100, 9 Jahre, Sekundärzitat über Remschmidt & Herpertz-Dahlmann 1989, E 2b.)153

(E 3): Jüngere Erwachsene berichteten mehr ADHS-Symptome als ältere. (Querschnittstudie, n = 852, E 3.)154 (Querschnittstudie, Netzwerkanalyse, N = 8.506, E 3.)155 Bei Erwachsenen (18 bis 50 Jahre und älter) hatten Alter und Geschlecht nur geringe Effekte auf die selbstberichteten ADHS-Symptome. 18- bis 29-Jährige und 30- bis 49-Jährige unterschieden sich nicht, beide berichteten mehr Symptome als über 50-Jährige (kleine Effektstärken). Eine Ausnahme bildete die Hyperaktivität nach ICD-10, bei der kein Alterseffekt bestand. (Querschnittstudie, n = 852, E 3.)154 Die Netzwerkstruktur von ADHS- und SCT-Symptomen unterschied sich zwischen jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) und älteren Erwachsenen (26 bis 64 Jahre) nicht, ebenso nicht zwischen den Geschlechtern. (Querschnittstudie, Netzwerkanalyse, N = 8.506, E 3.)155 Die mittlere Symptomzahl war bei jungen Erwachsenen höher für: (Querschnittstudie, Netzwerkanalyse, N = 8.506, E 3.)155

  • SCT 3,12 gegenüber 2,22 Symptomen
  • Unaufmerksamkeit 2,54 gegenüber 1,80 Symptomen
  • Hyperaktivität/Impulsivität 2,24 gegenüber 1,63 Symptomen

Erhöhte CDS-Symptome (über dem 95. Perzentil der Stichprobe) nahmen mit dem Alter ab (OR 0,94 je Lebensjahr, 95%-KI 0,92 bis 0,95) und waren bei Frauen häufiger (6,37 % gegenüber 4,32 %, OR 1,46, 1,17 bis 1,83). (Querschnittstudie, N = 8.075, E 3.)156 Der Anteil mit erhöhten CDS-Symptomen betrug bei: (Querschnittstudie, N = 8.075, E 3.)156

  • 15 bis 17 Jahre 9,14 % (95%-KI 6,97 bis 11,91)
  • 18 bis 24 Jahre 6,00 % (5,38 bis 6,69)
  • 25 bis 34 Jahre 5,43 % (4,51 bis 6,53)
  • 45 bis 55 Jahre 1,62 % (0,55 bis 4,6)
  • 35 bis 44 Jahre 1,20 % (0,47 bis 3,05)

(E 3): ADHS-Symptome gingen mit schlechterer kognitiver Leistung einher, unter anderem mit geringerer Verarbeitungsgeschwindigkeit. (Metaanalyse, k = 115, N = 24.909, E 3.)157 (Querschnittstudie, Bevölkerungskohorte, N = 2.091, E 3.)158 Der Zusammenhang zwischen ADHS-Unaufmerksamkeit und schlechterer kognitiver Leistung (Verarbeitungsgeschwindigkeit, Daueraufmerksamkeit, unmittelbarer Abruf, Arbeitsgedächtnis) war umso stärker, je jünger die Stichprobe war. Bei Hyperaktivität/Impulsivität moderierte das Alter nur die Zusammenhänge mit Reaktionshemmung und Daueraufmerksamkeit. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf eine verzögerte statt abweichende Hirnreifung. (Metaanalyse, k = 115, N = 24.909, E 3.)157 Bei 47- bis 54-Jährigen der Allgemeinbevölkerung waren ADHS-Symptome negativ mit Reaktionszeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufgabenwechsel, mentaler Flexibilität und einem kognitiven Gesamtmaß assoziiert. Die Effekte fanden sich bereits im subklinischen Bereich. Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität hatten bei einigen Aufgaben gegenläufige Effekte. (Querschnittstudie, Bevölkerungskohorte, N = 2.091, E 3.)158

Erwachsene mit ADHS zeigen ähnliche Defizite der Exekutivfunktionen wie Kinder mit ADHS, bei: (Narrativer Review, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)159

  • Reaktionsinhibition
  • Planungsfähigkeit
  • kognitiver Flexibilität
  • Wortflüssigkeit
  • Arbeitsgedächtnis, einschließlich räumlichem Arbeitsgedächtnis sowie logischem und visuellem Gedächtnis

(E 3): Die Theta-Power im Ruhe-EEG nahm mit dem Alter ab, konsistent (Fall-Kontroll-Studie, N = 105, n = 54, herstellerfinanziert, E 3.)160 bzw. zusammen mit der Delta-Power nichtlinear bei Betroffenen und Nichtbetroffenen. (Fall-Kontroll-Studie, N = 116, n = 48, E 3.)161

Weder bei Kindern (8 bis 16 Jahre) noch bei Erwachsenen (32 bis 55 Jahre) mit ADHS waren die Theta-Power oder der Theta/Beta-Quotient im Ruhe-EEG konsistent erhöht. (Fall-Kontroll-Studie, N = 105, n = 54, herstellerfinanziert, E 3.)160 Einfache spektrale Ruhe-EEG-Marker ordneten Personen richtig zu nach: (Fall-Kontroll-Studie, N = 105, n = 54, herstellerfinanziert, E 3.)160

  • Alter zu 81 %
  • ADHS nur zu 53 %

Die Ruhe-EEG-Veränderungen bei ADHS hingen stark von Alter und Frequenzband ab. Nur bei Erwachsenen mit ADHS fanden sich eine verlangsamte Alpha-Frequenz sowie eine höhere Alpha-1- (8 bis 10 Hz) und Beta-Power (13 bis 30 Hz). Eine maschinelle Klassifikation (Support Vector Machine) unterschied Erwachsene mit ADHS von Kontrollen mit einer Sensitivität von 67 % und einer Spezifität von 83 %, Kinder mit ADHS dagegen nicht überzeugend. (Fall-Kontroll-Studie, N = 116, n = 48, E 3.)161

Jungen mit ADHS (durchschnittlich 9 Jahre) zeigten im Ruhe-EEG (Augen offen) eine erhöhte absolute Theta- und Delta-Power und einen erhöhten Theta/Beta-Quotienten. Männer mit ADHS (durchschnittlich 35,8 Jahre) unterschieden sich dagegen nicht von Kontrollen. Nur bei Kindern ließ sich ADHS anhand der absoluten Theta-Werte und des Theta/Beta-Quotienten an Cz von Kontrollen unterscheiden. (Fall-Kontroll-Studie, N = 120, n = 60, E 3.)162

Bei 26 Kindern, 26 Jugendlichen und 24 Erwachsenen mit ADHS nahm im Vergleich zu Nichtbetroffenen die Zahl der Regionen mit verminderter kortiko-striataler funktioneller Konnektivität mit dem Alter ab, während die Zahl der Regionen mit erhöhter Konnektivität aus Default-Mode- und Aufmerksamkeitsnetzwerk zunahm. Die Zahl der IQ-Teilbereiche mit Defiziten nahm mit dem Alter ab. Erwachsene mit ADHS hatten ein schwächeres Arbeitsgedächtnis als Nichtbetroffene. Bei Jugendlichen und Erwachsenen hing das Arbeitsgedächtnis positiv mit der Aktivität des Gyrus postcentralis und negativ mit der ADHS-Symptomatik zusammen. (Querschnittstudie, rsfMRT, N = 150, n = 76, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)163

Bei Erwachsenen mit ADHS (18 bis 59 Jahre) war die frontozentrale NoGo-P3 (EEG-Marker der Reaktionshemmung) unabhängig von der emotionalen Valenz der Reize vermindert, am stärksten bei jüngeren Erwachsenen. Die Unterschiede zu Kontrollen verschwanden bis zum mittleren Erwachsenenalter weitgehend und nahmen danach wieder zu. Die P3-Entwicklung war im jungen Erwachsenenalter verzögert. (Querschnittstudie, N = 86, n = 45, E 3.)164

Erwachsene mit ADHS waren während einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe (SART) im Beobachterurteil deutlich schläfriger als Kontrollen (partielles η² = 0,115). Diese Schläfrigkeit während der Aufgabe erklärte einen großen Teil der Leistungsdefizite, die üblicherweise den ADHS-Symptomen zugeschrieben werden. Eine EEG-Verlangsamung in Ruhe sagte Symptomschwere und Diagnose vorher und hing mit Tagesschläfrigkeit zusammen. Frontale EEG-Verlangsamung und erhöhtes frontales Delta waren bei Erwachsenen mit ADHS besonders ausgeprägt. (Fall-Kontroll-Studie, N = 111, n = 81, herstellerfinanziert, E 3.)165

Erwachsene mit ADHS waren durch aufgabenirrelevante Bilder stärker ablenkbar als Nichtbetroffene (insgesamt längere Reaktionszeiten, unabhängig von emotionalem Inhalt und Aufgabenschwierigkeit). Im EEG verarbeiteten sie Ablenkreize bei schweren Aufgaben verstärkt reizgetrieben (Bottom-up, höhere Amplitude der early posterior negativity, EPN) und bei leichten Aufgaben verstärkt bewusst gesteuert (Top-down, höhere Amplitude des late positive potential, LPP). Interaktion von Aufgabenschwierigkeit und Gruppe für die EPN ηp² = 0,06. Die Verarbeitung emotionaler Inhalte unterschied sich nicht. (Fall-Kontroll-Studie mit EEG, n = 73, davon 36 mit ADHS, E 3.)166

Die funktionelle Konnektivität im Ruhe-EEG sagte bei Erwachsenen die Ausprägung von ADHS-Symptomen vorher, ordnete die Teilnehmenden aber nicht zuverlässig den Gruppen (ADHS, Verwandte ersten Grades, Kontrollen) zu. (Querschnittstudie mit EEG, n = 134, davon 38 mit ADHS und 45 Verwandte ersten Grades, E 3.)167 Die kreuzvalidierte Vorhersagegüte (maschinelles Lernen) betrug für: (Querschnittstudie mit EEG, n = 134, davon 38 mit ADHS und 45 Verwandte ersten Grades, E 3.)167

  • Hyperaktivität/Unruhe (Augen offen, Delta-, Beta-, Gamma-Band) r = 0,35
  • Unaufmerksamkeit/Gedächtnis mit geschlossenen Augen (Delta-, Gamma-Band) r = 0,18
  • Unaufmerksamkeit/Gedächtnis (Augen offen, Delta-, Alpha-, Gamma-Band) r = 0,17
  • Selbstkonzept (Augen offen) r = 0,14
  • Impulsivität/Emotionalität nicht besser als Zufallsmodelle

(E 3): Eine emotionale Dysregulation bzw. emotionale Labilität zeigten von den Erwachsenen mit ADHS:

  • 72 bis 90 % (Narrativer Review, Sekundärzitat über Moukhtarian et al. (2018), E 4.)168
  • 34 bis 70 % (Narrativer Review, Sekundärzitat über Pérez-Hernández et al. (2024), E 4.)169
  • 67,52 % (Cluster emotionale Instabilität und/oder Impulsivität) bei neu Diagnostizierten, damit etwa ebenso viele wie mit Unaufmerksamkeit/Desorganisation (61,38 %) (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170
  • 31,1 % von 718 (emotionale Labilität nach CAARS) (Querschnittstudie, n = 718, E 3.)171

Faktorenanalysen bei Erwachsenen mit ADHS ergaben eigene emotionale Faktoren:

  • in der WRAADDS einen emotionalen Faktor (Temperament, Affektlabilität, emotionale Überreagibilität) neben dem Faktor Aufmerksamkeit/Desorganisation (Validierungsstudie, N = 882, n = 762, herstellerfinanziert, E 3.)172
  • bei neu Diagnostizierten in einem 7-Faktoren-Modell (robuster RMSEA = 0,07) positiven Affekt, negativen Affekt, Selbstkonzeptprobleme und Emotionsregulationsfähigkeiten als eigenständige, miteinander korrelierende Faktoren neben Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität (Querschnittstudie, n = 213, E 3.)173
  • bei neu Diagnostizierten in 20 Selbstbeurteilungsfragebögen emotionale Instabilität und Impulsivität unter fünf Symptomclustern (neben Überaktivierung, Unaufmerksamkeit/Desorganisation und Schlafproblemen) (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170

Emotionale Dysregulation hing besonders eng mit Selbstkonzeptproblemen und teilweise mit Impulsivität/emotionaler Labilität zusammen. Die Autoren sehen emotionale Dysregulation als Primärsymptom von ADHS bei Erwachsenen. (Querschnittstudie, n = 213, E 3.)173 Emotionale Dysregulation fand sich am häufigsten beim Mischtyp. (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170 Misshandlung in der Kindheit erklärte an Varianz für: (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170

  • emotionale Instabilität 10,6 %
  • Impulsivität 4,5 %
  • Schlafprobleme 2,4 %

(E 3): Emotionale Symptome bzw. emotionale Dysregulation trugen bei Erwachsenen mit ADHS zur funktionellen Beeinträchtigung bei. (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170 (Querschnittstudie, N = 176, n = 146, E 3.)174 (Systematischer Review, k = 33, N = ca. 2.678, E 3.)175 (Narrativer Review, Sekundärzitat über Moukhtarian et al. (2018), E 4.)168 Emotionale Dysregulation sagt unabhängig von den übrigen ADHS-Symptomen Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen und beruflichen Bereichen vorher. (Narrativer Review, Sekundärzitat über Moukhtarian et al. (2018), E 4.)168 Auch Schlafprobleme trugen signifikant zur funktionellen Beeinträchtigung bei. (Querschnittstudie, n = 460, E 3.)170 Emotionale Symptome waren bei Erwachsenen direkt mit ADHS verbunden und beeinträchtigten Familienleben, soziales Leben, Arbeit und Organisation stark. (Querschnittstudie, N = 176, n = 146, E 3.)174 Sie vermittelten den Zusammenhang zwischen Kernsymptomen und Beeinträchtigung bei: (Querschnittstudie, N = 176, n = 146, E 3.)174

  • Impulsivität und Familienleben, vollständig vermittelt
  • Unaufmerksamkeit und soziales Leben, vollständig vermittelt
  • Unaufmerksamkeit und Arbeit/Organisation, teilweise vermittelt

Studien mit Ecological Momentary Assessment (EMA, wiederholte Echtzeiterfassung im Alltag) erfassten die Schwankungen emotionaler Dysregulation bei ADHS. Diese hingen unabhängig vom Alter mit negativem Affekt und funktioneller Beeinträchtigung zusammen. Die Teilnahmequoten lagen bei 60 bis 99 %. (Systematischer Review, k = 33, N = ca. 2.678, E 3.)175 Erwachsene mit ADHS zeigten im Alltag intensivere und instabilere negative Emotionen (einschließlich Ärger und Reizbarkeit) als Kontrollen. Die hohe emotionale Labilität blieb auch nach Kontrolle belastender Tagesereignisse bestehen, was auf eine endogene Komponente hindeutet. (Sekundärzitat über Poetar & Nistor 2026, E 3.)175

Erwachsene mit ADHS zeigten gegenüber Kontrollen eine stärkere emotionale Dysregulation (DERS-Median 118 gegenüber 65,5) und eine größere Unsicherheit der reflexiven Funktion (Mentalisierung, das Verstehen eigener und fremder mentaler Zustände). Der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomschwere und emotionaler Dysregulation verlief in einer Mediationsanalyse indirekt über die reflexive Funktion, der direkte Effekt war nicht signifikant. (Fall-Kontroll-Studie, N = 80, n = 40, E 3.)176

Emotionale Symptome sind bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS häufig und anhaltend. Emotionale Impulsivität und defizitäre emotionale Selbstregulation sind möglicherweise spezifisch genug, um als Diagnosekriterien zu dienen, während Reizbarkeit nicht als ADHS-Symptom gelten sollte. Eine einheitliche Definition dieser Konstrukte fehlt. (Narrativer Review, herstellerfinanziert, E 4.)177

Von den Erwachsenen mit ADHS und emotionaler Labilität (31,1 %) hatten 29,6 % retrospektiv bereits in der Kindheit emotionale Labilität (WURS), gegenüber 5,5 % der Erwachsenen mit ADHS ohne emotionale Labilität. (Querschnittstudie, n = 718, E 3.)171 Die Odds Ratios für emotionale Labilität im Erwachsenenalter betrugen bei: (Querschnittstudie, n = 718, E 3.)171

  • emotionaler Labilität in der Kindheit OR 6,18 (3,69 bis 10,67)
  • aktueller psychiatrischer Komorbidität OR 2,39 (1,53 bis 3,79)
  • kombiniertem Subtyp (gegenüber unaufmerksamem Subtyp) OR 1,73 (1,18 bis 2,55)
  • körperlicher Misshandlung OR 1,66 (0,99 bis 2,77), p = 0,05
  • ADHS in der Familienanamnese OR 1,65 (1,15 bis 2,37)
  • weiblichem Geschlecht OR 1,29 (0,88 bis 1,88), nicht signifikant

Der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und emotionalen Problemen (Depressions- und Angstsymptome) nahm von der frühen Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter zu. (Zwillingsstudie, N = 10.738 Zwillingspaare, 19 Jahre, E 2b.)178 Die phänotypische Korrelation betrug bei: (Zwillingsstudie, N = 10.738 Zwillingspaare, 19 Jahre, E 2b.)178

  • frühem Erwachsenenalter (21 Jahre) r = 0,52 (0,49 bis 0,54)
  • früher Adoleszenz (12 Jahre) r = 0,51 (0,49 bis 0,53)
  • mittlerer Kindheit (7 bis 9 Jahre) r = 0,34 (0,32 bis 0,36)
  • früher Kindheit (2 bis 4 Jahre) r = 0,30 (0,28 bis 0,32)

Für Unaufmerksamkeit stieg die Korrelation von r = 0,14 (frühe Kindheit) auf r = 0,49 (frühes Erwachsenenalter). Für Hyperaktivität/Impulsivität erreichte sie in der mittleren Kindheit ihr Maximum (r = 0,24) und sank bis zum frühen Erwachsenenalter auf r = 0,12. Genetische Überlappung trug in allen Phasen wesentlich zum Zusammenhang bei. In früher und mittlerer Kindheit fand sich zudem ein negativer (schützender) kausaler Effekt der ADHS-Symptome auf emotionale Probleme, der überwiegend von Hyperaktivität/Impulsivität ausging und nach der Adoleszenz schwand. (Zwillingsstudie, N = 10.738 Zwillingspaare, 19 Jahre, E 2b.)178

Bei weiblichen Jugendlichen sagte Reizbarkeit (Irritabilität) spätere hyperaktiv-impulsive Symptome vorher (β = 0,26, p unter 0,001), bei jungen erwachsenen Frauen sagte Unaufmerksamkeit spätere Reizbarkeit vorher (β = 0,49, p unter 0,05). Ein Random-Forest-Modell (maschinelles Lernen) sagte impulsive Symptome bei weiblichen Jugendlichen anhand der Reizbarkeit mit einer Trefferquote von 86 % vorher. (Längsschnittstudie, n = 148 Jugendliche und n = 124 junge Erwachsene, E 2b.)179

Reizbarkeit verlief zwischen etwa 7 und 25 Jahren in mehreren Profilen, von denen die meisten nicht störungsspezifisch waren. (Kohortenstudie, n = 10.113, 18 Jahre, E 2b.)180 Die polygene Belastung betrug

  • für ADHS (ADHS-PGS) bei: (Kohortenstudie, n = 10.113, 18 Jahre, E 2b.)180
    • männlichem hoch-stabilem Profil (2,3 %) OR 1,30 (1,04 bis 1,69), zudem mehr ADHS-Diagnosen und autistische Züge
    • männlichem fluktuierendem Profil (2,7 %) OR 1,28 (1,00 bis 1,65)
    • weiblichem Profil mit Beginn in der Adoleszenz (2,9 %) OR 1,21 (0,91 bis 1,60)
  • für Depression (MDD-PGS) bei: (Kohortenstudie, n = 10.113, 18 Jahre, E 2b.)180
    • weiblichem Profil mit Beginn in der Adoleszenz (2,9 %) OR 2,19 (1,59 bis 3,00), zudem mehr Depressionsdiagnosen und belastende Lebensereignisse
    • männlichem fluktuierendem Profil (2,7 %) OR 1,34 (1,04 bis 1,71)
    • männlichem hoch-stabilem Profil (2,3 %) OR 1,25 (0,99 bis 1,59)

40 % der Erwachsenen mit ADHS (30 von 75) erfüllten die Symptomkriterien einer Störung mit oppositionellem Trotzverhalten (ODD). Sie hatten mehr weitere komorbide Störungen, ein schlechteres Funktionsniveau und eine geringere Lebenszufriedenheit. Die Besserung der ODD-Symptome unter Behandlung wurde durch die Besserung der ADHS-Symptome vermittelt und war unter Dexamfetamin stärker als unter Paroxetin. (Sekundäranalyse eines RCT, n = 81, herstellerfinanziert, E 3.)181


  1. Barkley, der an der Kriterienerstellung des DSM IV mitgewirkt hat, in Barkley, Benton (2012, 2017): Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS ↥

  2. Barkley, Benton (2012, 2017): Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS ↥

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  13. Edel, Vollmoeller (2006): Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen, Springer, Seite 82, mit Verweis auf Biederman, Mick, Faraone (2000): Age-dependent decline of symptoms of attention deficit hyperactivity disorder: impact of remission definition and symptom type. Am J Psychiatry 157:816–818 ↥

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