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MPH Teil 3 - Wirkung auf Symptome

MPH Teil 3 - Wirkung auf Symptome

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Methylphenidat (MPH) verbessert die ADHS-Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Nach einer großen Übersicht über viele Metaanalysen war die Wirkung bei Kindern und Jugendlichen in den ersten 12 Wochen mittel bis groß, bei Erwachsenen mittelgroß. Erwachsene beurteilten die Wirkung selbst geringer als die Behandler. Für Zeiträume von 26 oder 52 Wochen fehlt für alle ADHS-Behandlungen Evidenz hoher oder moderater Sicherheit.

Neben den Kernsymptomen verbesserten sich in Studien Aufmerksamkeit, Reaktionshemmung (die Fähigkeit, eine begonnene Handlung zu stoppen), Reaktionszeit und Gedächtnisleistungen, meist mit kleinen bis mittleren Effekten. Verbesserungen in neuropsychologischen Tests und Verbesserungen des Verhaltens hingen nach mehreren Studien und Übersichtsarbeiten kaum miteinander zusammen.

Besonders gut wirkt MPH nach Lehrbüchern und Studien auf Hyperaktivität, Unruhe und Impulsivität. Aggressives Verhalten nahm in einer Metaanalyse ähnlich stark ab wie die Kernsymptome. Auch Motivation und Antrieb verbesserten sich. Gut wirkt MPH zudem auf Wahrnehmung, Konzentration, Aufmerksamkeit, Schriftbild, soziale Fähigkeiten, Schulleistung, Lesen und Rechnen sowie auf emotionale Labilität. Die Schulleistung verbesserte sich aber weniger stark als die Symptome. Unter Alltagsbedingungen und bei Langzeitbehandlung fand ein Teil der Beobachtungsstudien keine besseren schulischen Ergebnisse.

Gering war die Wirkung in mehreren Studien auf Exekutivfunktionen (Planen, Steuern und Kontrollieren des eigenen Handelns) und Arbeitsgedächtnis in Leistungstests, besonders bei Erwachsenen. Keine Wirkung fand sich in einzelnen Studien auf die Feinmotorik beim Schreiben und nach einer Einzeldosis auf einen Test zum Erkennen von Gefühlen anhand der Augenpartie. Die Befunde zur Theory of Mind (dem Erschließen von Gedanken und Gefühlen anderer) sind damit widersprüchlich.

Unretardiertes MPH wirkt üblicherweise binnen 15 bis 20 Minuten. Eine Wartezeit von Tagen oder Wochen bis zum Wirkungseintritt ist nicht bekannt. Studien mit späterer Besserung erhöhten die Dosis schrittweise. Die Behauptung, MPH wirke auf die Aufmerksamkeit nur 2 bis 3 Stunden, auf die Bewegungsunruhe dagegen 7 bis 8 Stunden, ist durch die angegebenen Quellen nicht belegt. Bei der Raucherentwöhnung half retardiertes MPH in einer Studie nur bei schwererer ADHS. Die Kreativität Gesunder veränderte sich unter einer Einzeldosis MPH nicht. Unmedikamentierte Kinder mit ADHS zeigten in einer Studie mehr Kreativität in offenen Aufgaben als medikamentierte.

1. Wirkung auf Symptome

Methylphenidat verbessert bei Kindern mit ADHS: (Narrativer Review, E 4)1

  • Reaktionszeit
  • Reaktionszeitvariabilität
  • tonische Alertness
  • phasische Alertness
  • geteilte Aufmerksamkeit
  • Flexibilität/Aufmerksamkeitsverschiebung/Taskwechsel
  • selektive Aufmerksamkeit
    • Hemmung
    • fokussierte Aufmerksamkeit
  • Aufgabengenauigkeit in Bezug auf
    • Vigilanz
    • geteilte Aufmerksamkeit
    • Hemmung
    • fokussierte Aufmerksamkeit
    • Flexibilität
    • Integration sensorischer Informationen
  • Anzahl der Unterlassungs- und Begehungsfehler bei Aufmerksamkeitsaufgaben

 

Es gibt Indizien für eine Wirkung von MPH auf neuropathische Schmerzen. (Tierstudie, Ratten, Modell neuropathischer Schmerzen durch Ischiasnerv-Konstriktion, E 2b)2

1.1. Wirkung auf die ADHS-Symptomatik nach Metaanalysen

 

Bedeutung für Betroffene

Nach einer großen Übersicht über viele Metaanalysen verringerte MPH die ADHS-Symptome bei Kindern und Jugendlichen in den ersten 12 Wochen deutlich. Die Verträglichkeit war dabei nicht signifikant schlechter als unter Placebo, die Akzeptanz der Behandlung besser. Bei Erwachsenen war die Wirkung im Urteil der Behandler mittelgroß, im Selbsturteil der Betroffenen kleiner. Erwachsene vertrugen MPH schlechter als Placebo. Für Zeiträume von 26 und 52 Wochen fand sich für keine ADHS-Behandlung Evidenz hoher oder moderater Sicherheit. Die Langzeitwirkung ist damit bisher nicht sicher untersucht.

Eine ältere Metaanalyse fand bei Kindern im Grundschulalter unter unretardiertem MPH große Verbesserungen im Urteil von Lehrern und Eltern. Diese Werte verglichen den Zustand vor und nach der Behandlung und sind daher nicht direkt mit placebokontrollierten Werten vergleichbar. Oppositionelles Verhalten und Sozialverhalten besserten sich ebenfalls, die schulische Leistung nicht signifikant. Ein neuerer systematischer Review fand bei Kindern und Jugendlichen zusätzlich Verbesserungen der Exekutivfunktionen, der sozialen Kognition und der Emotionsregulation.

(E 1a): MPH verringerte die ADHS-Symptomatik in Metaanalysen mit

  • bei Kindern und Jugendlichen kurzfristig (bis 12 Wochen):
    • einer Effektstärke über SMD 0,75 (95%-KI 0,56 bis 1,03) über alle Beurteiler hinweg bei moderater bis hoher Evidenzsicherheit. Die Verträglichkeit war nicht signifikant schlechter als unter Placebo, die Akzeptanz besser (RR 1,58, 95%-KI 1,35 bis 1,85). (Umbrella-Review, 221 reanalysierte Metaanalysen aus 47 Berichten, E 1a.)3
  • bei 6- bis 12-Jährigen unter unretardiertem MPH (Vorher-Nachher-Effektstärken innerhalb der Gruppe, Cohens d) nach: (Metaanalyse, k = 26, E 1a.)4
    • Lehrerurteil (k = 13, n = 588) d = 1,83 (95%-KI 1,43 bis 2,12)
    • Elternurteil (k = 15, n = 705) d = 1,53 (95%-KI 1,23 bis 1,82)
  • bei Erwachsenen kurzfristig:
    • Klinikerurteil SMD 0,50 (95%-KI 0,39 bis 0,61), moderate Evidenzsicherheit (Umbrella-Review, 221 reanalysierte Metaanalysen aus 47 Berichten, E 1a.)3
    • Selbsturteil SMD 0,34 (95%-KI 0,26 bis 0,42), hohe Evidenzsicherheit. Die Verträglichkeit war schlechter als unter Placebo (RR 0,50, 95%-KI 0,36 bis 0,69). (Umbrella-Review, 221 reanalysierte Metaanalysen aus 47 Berichten, E 1a.)3

Für mittel- und langfristige Wirkungen (26 bzw. 52 Wochen) fand sich für keine Behandlung Evidenz hoher oder moderater Sicherheit. (Umbrella-Review, 221 reanalysierte Metaanalysen aus 47 Berichten, E 1a.)3

(E 1a): Unretardiertes MPH verbesserte bei 6- bis 12-Jährigen (Vorher-Nachher-Effektstärken innerhalb der Gruppe, Cohens d) weitere Bereiche nach: (Metaanalyse, k = 26, E 1a.)4

  • oppositionelles Verhalten und Störung des Sozialverhaltens im Lehrerurteil d = 1,08 (95%-KI 0,77 bis 1,39)
  • Sozialverhalten im Lehrerurteil d = 1,06 (95%-KI 0,69 bis 1,43)
  • Sozialverhalten im Elternurteil d = 0,62 (95%-KI 0,42 bis 0,83)
  • oppositionelles Verhalten und Störung des Sozialverhaltens im Elternurteil d = 0,61 (95%-KI 0,39 bis 0,83)
  • schulische Leistung d = 0,33 (95%-KI −0,14 bis 0,81, nicht signifikant)

Ein systematischer Review von 28 Arbeiten (2015 bis 2025) fand, dass MPH bei Kindern und Jugendlichen neben den Kernsymptomen auch Exekutivfunktionen, soziale Kognition und Emotionsregulation verbesserte. (Systematischer Review, k = 28, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)5

1.2. Wirkung auf kognitive Funktionen

Bedeutung für Betroffene

MPH verbesserte in Metaanalysen placebokontrollierter Studien Aufmerksamkeit, Reaktionshemmung, Reaktionszeit, die Schwankung der Reaktionszeit sowie Gedächtnisleistungen. Die Effekte waren meist klein bis mittelgroß. Eine Metaanalyse über eine Altersspanne von etwa 5 bis 50 Jahren fand keine Abhängigkeit der Wirkung vom Alter. Die Wirkung auf das Arbeitsgedächtnis war dort knapp nicht signifikant. Ein systematischer Review fand uneindeutige Ergebnisse für Exekutivfunktionen und Schulleistung.

Einzelstudien fanden Verbesserungen des Arbeitsgedächtnisses, der Daueraufmerksamkeit, der Reaktionsauswahl und des Lernens unter Belohnung. Retardiertes MPH verbesserte einige dieser Leistungen in Vergleichsstudien stärker als Atomoxetin. Die Verbesserungen der Testleistung gingen in einer Studie nicht mit der Veränderung der Symptome einher. Eine einzelne Sitzung transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) war im Gegensatz zu einer Einzeldosis MPH unwirksam.

Die bloße Erwartung, MPH erhalten zu haben, veränderte das Verhalten von Jungen mit ADHS in einer Studie nicht. Nur der Wirkstoff selbst verbesserte es. Erfolge schrieben die Jungen unabhängig von der Medikation der eigenen Anstrengung und Fähigkeit zu.

(E 1a): MPH verbesserte kognitive Funktionen

  • nach Metaanalysen placebokontrollierter Studien bei:
    • chronischer Gabe (mindestens 1 Woche) für: (Metastudie, k = 18, N = 1.667, E 1a.)6
      • Aufmerksamkeit Hedges g 0,59 (95%-KI 0,44 bis 0,74)
      • Reaktionshemmung Hedges g 0,37 (95%-KI 0,23 bis 0,51)
      • Arbeitsgedächtnis Hedges g 0,36 (95%-KI 0,20 bis 0,52)
      • Reaktionszeit Hedges g 0,34 (95%-KI 0,11 bis 0,57)
    • Kindern und Jugendlichen (5 bis 18 Jahre) für: (Metastudie, k = 36, E 1a.)7
      • Reaktionszeitvariabilität SMD 0,62 (95%-KI 0,34 bis 0,90)
      • nicht-exekutives Gedächtnis SMD 0,60 (95%-KI 0,41 bis 0,79)
      • Reaktionshemmung SMD 0,41 (95%-KI 0,27 bis 0,55)
      • exekutives Gedächtnis SMD 0,26 (95%-KI 0,13 bis 0,39)
      • Reaktionszeit SMD 0,24 (95%-KI 0,15 bis 0,33)
    • 4,8 bis 50,1 Jahre alten Betroffenen ohne Altersabhängigkeit für: (Metastudie, k = 50, N = 1.611, E 1a.)8
      • Daueraufmerksamkeit (k = 29, n = 956) ES 0,42 (95%-KI 0,26 bis 0,59)
      • Reaktionshemmung (k = 25, n = 775) ES 0,40 (95%-KI 0,22 bis 0,58)
      • Arbeitsgedächtnis (k = 13, n = 559) ES 0,24 (95%-KI 0,00 bis 0,48), nicht signifikant (p = 0,053)
  • nach systematischem Review (9 Studien zu MPH, 1 zu Lisdexamfetamin) für Gedächtnis, Vigilanz, geteilte Aufmerksamkeit, phasische und tonische Alertness und fokussierte Aufmerksamkeit, uneindeutig für Exekutivfunktionen und Schulleistung (Systematischer Review, k = 10, n = 753, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)9
  • in Einzelstudien zu:
    • Arbeitsgedächtnis:
      • verbales Arbeitsgedächtnis (N-back) unter MPH auf dem Niveau von Kontrollen und besser als ohne MPH, ohne Veränderung der fMRT-Aktivierungsmuster (Jungen) (Within-Subject-Studie mit/ohne MPH und Kontrollgruppe, fMRT, N = 26, n = 14, E 2b.)10
      • weniger Fehler in Zahlenspanne rückwärts, Rechnen (WISC-III), Stroop und Trail Making nach 3 Monaten MPH (p gleich oder niedriger 0,001) bei therapienaiven Jungen mit ADHS-C (Kontrollierte Verlaufsstudie, N = 53, n = 23, 3 Monate, E 2b.)11
      • visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis und Inhibitionskontrolle nach einer Einzeldosis MPH besser als bei Baseline, nach anodaler und nach Sham-tDCS. Eine einzelne tDCS-Sitzung über dem linken DLPFC war unwirksam. (Randomisierte sham-kontrollierte Within-Subject-Studie, MPH offen, n = 26, Einzeldosis, E 2a.)12
    • Daueraufmerksamkeit:
      • Reaktionszeit, Reaktionszeitvariabilität und Auslassungsfehler im CPT-II unter OROS-MPH (im Mittel 52,4 mg) stärker verbessert als unter Atomoxetin (im Mittel 1,4 mg/kg) (p unter 0,05). Die Veränderungen der Testleistung korrelierten nicht mit der Symptomveränderung. (RCT, doppelblind, Crossover, n = 102, je 4 bis 6 Wochen, E 1b.)13
    • Reaktionsauswahl und Inhibition:
      • stärkere Verbesserung unter OROS-MPH als unter Atomoxetin (Anstieg der Detektabilität im CPT 0,15 gegenüber 0,06, p unter 0,01; Rapid Visual Information Processing 3,45 gegenüber 2,22, p unter 0,05). Beide Wirkstoffe verbesserten Exekutivfunktionen. (Offene randomisierte Studie, N = 157, n = 79, 3 Monate, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)14
      • Stroop-5-Zeit und Korrekturen unter OROS-MPH besser als unter Atomoxetin, perseverative Fehler im WCST unter OROS-MPH verringert (p = 0,005) (Offene randomisierte Studie, n = 30, 12 Wochen, E 1b.)15
    • instrumentellem Lernen unter Belohnung:
      • genaueres und schnelleres Antworten unter MPH, am stärksten bei hoher Dosis. Die Lernkurven von Kindern mit ADHS waren ohne MPH gegenüber Kontrollen nicht beeinträchtigt. (RCT, placebokontrolliert, Crossover mit 3 Dosen, N = 50, n = 23, E 1b.)16

Die Erwartung, MPH erhalten zu haben, veränderte bei Jungen mit ADHS das Verhalten nicht, nur aktives MPH (0,3 mg/kg) verbesserte es. Erfolge schrieben die Jungen unabhängig von Medikation und Erwartung eigener Anstrengung und Fähigkeit zu. (RCT, Balanced-Placebo-Design, n = 136, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)17

1.3. Verlauf über ein Jahr unter unretardiertem MPH

Nach einem Jahr Behandlung mit unretardiertem MPH verringerten sich bei Kindern und Erwachsenen (4 bis 65 Jahre) in einer spanischen Multicenter-Aktenauswertung: (Retrospektive Beobachtungsstudie, n = 730, 1 Jahr, E 3.)18

  • der CGI-Schweregrad von 4,51 auf 1,67
  • die Symptomzahl (DSM-IV-TR) beim Mischtyp von 14,62 auf 7,70
  • die Symptomzahl beim überwiegend unaufmerksamen Subtyp von 7,90 auf 4,34
  • die Symptomzahl beim überwiegend hyperaktiv-impulsiven Subtyp von 6,73 auf 3,39

86,9 % waren nach einem Jahr zufrieden oder sehr zufrieden, 25,75 % berichteten mindestens eine Nebenwirkung. Am Studienende nahmen noch 41,47 % unretardiertes MPH, im Mittel seit 3,8 Jahren. (Retrospektive Beobachtungsstudie, n = 730, 1 Jahr, E 3.)18

1.4. Besonders gute Wirkung von Methylphenidat

Bedeutung für Betroffene

Nach Lehrbüchern wirkt MPH besonders gut auf Hyperaktivität, Unruhe und Impulsivität. Eine Metaanalyse mit objektiver Bewegungsmessung (Aktigrafie) fand bei Kindern eine deutlich verringerte Aktivität. MPH wirkte nicht auf alle Formen der Impulsivität gleich. In Studien verbesserte es die Fähigkeit, eine Handlung zu stoppen, und die Wahl zwischen sofortiger und späterer Belohnung, nicht aber vorschnelles Entscheiden ohne ausreichende Information. Nach einer Tierstudie und nach Praxiserfahrung können zu hohe Dosen sedierend oder apathisch wirken. Betroffene berichteten in Foren, dass MPH besser gegen Impulsivität wirke als Elvanse.

Aggressives Verhalten nahm unter Stimulanzien in einer Metaanalyse ähnlich stark ab wie die Kernsymptome. Bei gleichzeitiger Störung des Sozialverhaltens war die Wirkung auf offene Aggression geringer. In einer Studie beseitigten sorgfältig eingestellte Stimulanzien bei begleitend angebotener familienbasierter Verhaltenstherapie bei knapp zwei Dritteln der Kinder die Aggressivität. Bei unzureichender Wirkung verbesserte eine zusätzliche Gabe von Risperidon oder Valproinsäure die Aggression. Nach einer offenen Studie wirkte MPH auf Aggressivität, selbst berichtete Verhaltensprobleme und somatische Beschwerden besser als Atomoxetin. Bei Kindern mit Gefühlskälte (Callous-Unemotional-Traits) glich zusätzliches MPH die unter reiner Verhaltenstherapie stärkeren Verhaltensprobleme weitgehend aus.

MPH verbesserte zudem Motivation und Anstrengungsbereitschaft. Erwachsene mit ADHS waren unter MPH eher bereit, sich für eine Belohnung anzustrengen. Bildgebende Studien fanden eine Normalisierung der Aktivität belohnungsverarbeitender Hirnregionen. Betroffene berichten recht übereinstimmend, dass MPH den Antrieb stärker verbessert als Amphetaminmedikamente.

MPH verringerte außerdem Fehler bei Aufmerksamkeitsaufgaben. Das Gedankenwandern nahm bei Erwachsenen unter MPH oder Atomoxetin ab, ohne dass die Studie die Wirkstoffe getrennt auswertete. Bei Erwachsenen wirkt MPH mittelstark auf die Kernsymptome und etwas schwächer auf die begleitende Emotionsdysregulation (Schwierigkeiten, Gefühle zu steuern).

1.4.1. Hyperaktivität, Unruhe und Impulsivität

  • Hyperaktivität (Lehrbuch, E 4)19

    • objektiv per Aktigrafie gemessene mittlere Aktivität bei Kindern gegenüber Placebo verringert nach: (Metastudie, k = 8 RCT, N = 393, E 1a.)20
      • Studien nur zur Tagesaktivität (k = 3) SMD -0,96 (95%-KI -1,23 bis -0,70)
      • allen Studien (k = 8) SMD -0,77 (95%-KI -1,16 bis -0,38)
  • Unruhe (Lehrbuch, E 4)19

  • Impulsivität (Lehrbuch, E 4)19

    • Betroffene berichteten in Foren, dass MPH besser gegen Impulsivität wirke als Elvanse. (Erfahrung ADxS)21
    • Eine Studie an (naturgemäß nicht ADHS-betroffenen) Affen kam zu dem Ergebnis, dass geringe Dosen von MPH Impulsivität reduzierten, während höhere Dosen sedierend wirkten. (Tierstudie, n = 5, Makaken, E 2b)22
      Dies schließt an die empirischen Erfahrungen an, dass eine Überdosierung von MPH apathisch wirken kann.
    • MPH wirkte differenziert auf verschiedene Formen der Impulsivität:
      • MPH (0,5 mg/kg) verbesserte bei 7- bis 13-jährigen Jungen mit ADHS die Reaktionshemmung (kürzere Stoppsignal-Reaktionszeit, d = 1,54) und die Reaktionsvariabilität, nicht aber die Reflexions-Impulsivität oder die Entscheidungsqualität (Information Sampling Task) (Doppelblinde placebokontrollierte RCT, N = 42, n = 21, E 1b.)23
      • OROS-MPH in der niedrigsten wirksamen Dosis (Ø 18 mg) verbesserte bei 7- bis 12-Jährigen die Wahlimpulsivität (Delay Discounting, d = 0,36) und das Arbeitsgedächtnis (d = 0,74), nicht aber die Zeitwahrnehmung. Die Verbesserungen hingen nicht miteinander zusammen. (Doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studie, n = 35, E 1b.)24
      • Niedrige orale MPH-Dosen (1,5 bis 6 mg/kg) verringerten bei Rhesusaffen die Rate der zeitlichen Diskontierung linear mit der Dosis (weniger impulsive Wahl), am stärksten bei einem der impulsivsten Tiere und am schwächsten beim am wenigsten impulsiven (Tierstudie, n = 4, Rhesusaffen, E 2b.)25
  • Bei gesunden Männern verringerte eine Einzeldosis MPH (30 mg), nicht aber Atomoxetin (60 mg) oder Citalopram (30 mg), die Stop-Signal-Reaktionszeit (bessere Reaktionshemmung) und die Reaktionszeitvariabilität, ohne die allgemeine Reaktionsgeschwindigkeit zu verändern. (RCT, doppelblind, Crossover, n = 24, Einzeldosis, E 1b.)26
  • Höhere MPH-Dosen (bis 10 mg/kg) erhöhten bei impulsiven Lewis-Ratten die Wahl der größeren späteren Belohnung und verringerten sie bei Wistar-Ratten. Die Wirkung hing damit vom Ausgangsniveau der Impulsivität ab. (Tierstudie, n = 24, Lewis- und Wistar-Ratten, E 2b.)27

1.4.2. Aggressivität, Sozialverhalten und somatische Beschwerden

  • (E 2b): Aggressivität (Lehrbuch, E 4)19 (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

    • und zwar besser als Atomoxetin (Offene randomisierte Studie, N = 160, 24 Wochen, E 1b)29
    • Stimulanzien (in 75 % der Studien MPH, Ø 22,18 mg/Tag) verringerten aggressionsbezogenes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS mit ähnlichen Effektstärken wie die Kernsymptome. Komorbide Störungen des Sozialverhaltens verringerten den Effekt auf offene Aggression. Die gewichtete mittlere Effektstärke betrug für: (Metaanalyse, k = 28, N = 683, E 1a.)30
      • offene Aggression im Lehrerurteil 1,04 (95%-KI 0,79 bis 1,32)
      • offene Aggression gesamt 0,84 (95%-KI 0,70 bis 1,02)
      • offene Aggression im Klinikerurteil 0,77 (95%-KI 0,63 bis 0,88)
      • offene Aggression im Elternurteil 0,71 (95%-KI 0,42 bis 1,15)
      • verdeckte Aggression gesamt (k = 7) 0,69 (95%-KI 0,21 bis 1,29)
    • MPH (0,3 mg/kg) verringerte bei hoch- wie niedrig-aggressiven Jungen mit ADHS die im Behandlungsprogramm direkt beobachtete Aggression. Auf aggressive Reaktionen bei Provokation im Labor und auf die soziale Informationsverarbeitung wirkte MPH kaum. (Placebokontrollierte Studie, n = 26, E 1b.)31
  • MPH verringerte bei hyperaktiven Jungen die Intensität ihres Verhaltens bei Provokation durch Gleichaltrige, steigerte aber weder globale noch spezifische Maße der Selbstkontrolle signifikant. Kognitiv-behaviorales Training verbesserte die Selbstkontrolle stärker als ein Kontrolltraining. Die Kombination mit MPH brachte keinen Zusatznutzen. (Zwei placebokontrollierte doppelblinde Studien, n = 21 und n = 24, 3 bzw. 5 Wochen, E 1b.)32

  • In einer Studie an 6- bis 12-jährigen Kindern mit Aggression und ADHS beseitigten systematisch titrierte Stimulanzien bei begleitend angebotener familienbasierter Verhaltenstherapie bei 63 % (96 von 151) die Aggressivität. (RCT, N = 175, n = 45 randomisiert, 8 Wochen, E 1b.)33 Bei den Kindern, bei denen Stimulanzien die Aggression nicht ausreichend beseitigte, verbesserte eine augmentierende Gabe von Risperidon (Effektstärke 1,3) oder Valproinsäure (Effektstärke 0,9) die Aggression, wobei Risperidon mit Gewichtszunahme einherging.

  • sozial unangepasstes Verhalten (Lehrbuch, E 4)19

    • Kinder mit ADHS, Verhaltensproblemen und Callous-Unemotional-Traits (Gefühlskälte) zeigten unter reiner Verhaltenstherapie mehr Verhaltensprobleme, Ungehorsam und Regelverstöße als Kinder ohne diese Traits. Mit zusätzlichem MPH (0,3 und 0,6 mg/kg zweimal täglich) verschwanden diese Unterschiede weitgehend. (Placebokontrollierte Within-Subject-Studie, randomisierte Reihenfolge, n = 37, 6 Wochen, E 1b.)34
  • Verhaltensprobleme (im Selbstbericht), und zwar besser als Atomoxetin (Offene randomisierte Studie, N = 160, 24 Wochen, E 1b.)29

  • somatische Beschwerden, und zwar besser als Atomoxetin (Offene randomisierte Studie, N = 160, 24 Wochen, E 1b)29

1.4.3. Motivation und Antrieb

  • Motivierbarkeit durch Belohnung (bei Erwachsenen mit ADHS verstärkte MPH im fMRT die Aktivierung des ventralen Striatums auf belohnungsankündigende Reize) (Doppelblinde placebokontrollierte fMRT-Studie mit Kontrollgruppe, N = 38, n = 18, Einzeldosis, E 2a.)35
    • MPH (40 mg einmalig) erhöhte bei Erwachsenen mit ADHS die Bereitschaft zu hoher Anstrengung für Geldbelohnungen (Effort Expenditure for Rewards Task) stärker als bei Kontrollen (Gruppe × Wirkstoff p = 0,001). Die ADHS-Schwere korrelierte mit der MPH-bedingten Zunahme der Anstrengungsbereitschaft, nicht mit der Veränderung der Aufmerksamkeitsleistung. (Doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studie mit Kontrollgruppe, N = 46, n = 23, E 1b.)36
    • MPH (0,20 bis 1,39 mg/kg) erhöhte bei 7- bis 12-Jährigen mit ADHS den Breakpoint in einer Progressive-Ratio-Aufgabe und verkürzte die Zeit zwischen den Antworten sowie deren Variabilität. Die Pause nach der Belohnung (Aufgabeninitiierung) veränderte sich nicht. (Studie mit Vergleich mit und ohne Medikation, n = 21, E 2b.)37
    • MPH verhinderte bei Gesunden vollständig die anstrengungsbedingte Erschöpfung der Regulationskontrolle (Ego Depletion), mit einem spezifischen Effekt im Slow-4-Frequenzband der Reaktionszeiten, das mit Gedankenwandern in Verbindung gebracht wird (Doppelblinde placebokontrollierte RCT, N = 108, Gesunde, E 1b.)38
  • Bei Kindern mit ADHS-C war die Deaktivierung des DMN während einer Go/NoGo-Aufgabe ohne MPH nur bei niedrigem Anreiz abgeschwächt, bei hohem Anreiz nicht. Unter MPH entsprach sie unabhängig vom Anreiz der von Kontrollen. MPH normalisierte damit die erhöhte Motivationsschwelle. (Fall-Kontroll-Studie mit Vergleich ohne und mit MPH, N = 36, n = 18, E 2b.)39
  • Die vor Behandlung nur bei niedriger Geldbelohnung verminderte Aktivierung von Nucleus accumbens und Thalamus normalisierte sich bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS nach 3 Monaten OROS-MPH auf das Niveau von Kontrollen. Die Veränderung ging mit einer Verbesserung der ADHS-Symptome einher. (Prä-post-fMRT-Studie mit Kontrollgruppe, N = 34, n = 17, 3 Monate, E 2b.)40
  • Bei Erwachsenen mit ADHS waren Kosten- und Nutzensensitivität verringert und Entscheidungsschwellen enger (vorschnelles Antworten). MPH erhöhte selektiv die Sensitivität für Kosten. Eine geringere Kostensensitivität ging mit stärkeren Symptomen und höherer verordneter Dosis einher. (RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Crossover, N = 124, n = 61, E 1b.)41
  • Antrieb
  • Bei Rhesusaffen verbesserte MPH (0,1 bis 9 mg/kg) das visuelle Arbeitsgedächtnis weder dosis- noch lastabhängig, verbesserte aber Maße der Motivation (Aufgabenengagement) (Tierstudie, n = 3, Rhesusaffen, E 2b.)42
  • MPH (0,5 bis 4,0 mg/kg i.p.) kehrte bei männlichen Ratten in allen, bei weiblichen nur in den mittleren Dosen (1,0 und 2,0 mg/kg) die durch Tetrabenazin ausgelöste Bevorzugung der wenig anstrengenden Option um. MPH allein erhöhte die Anstrengungsbereitschaft (Progressive Ratio) nur bei Männchen. (Tierstudie, Ratten, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)43
  • Chronisches (20 Tage), nicht aber akutes MPH (1 bis 3 mg/kg i.p.) erhöhte bei Ratten im Radiallabyrinth die Wiederbesuche hoch belohnter Arme und verkürzte die Annäherungslatenz zu ihnen, ohne das Arbeitsgedächtnis zu verändern. Dies spricht eher für eine motivationale als eine kognitive Wirkung. (Tierstudie, Wistar-Ratten, 20 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)44
  • Betroffene berichten recht konsistent, dass MPH den Antrieb stärker verbessert als AMP (Erfahrung ADxS)

1.4.4. Aufmerksamkeitsleistung und Wirkung bei Erwachsenen

  • Anzahl der Unterlassungs- und Begehungsfehler bei Aufmerksamkeitsaufgaben (Doppelblinde randomisierte placebokontrollierte Crossoverstudie, N = 116, n = 58, E 1b)45

  • Gedankenwandern / Mind Wandering (bei Erwachsenen unter MPH oder Atomoxetin) (Querschnittliche Kohortenstudie, N = 94, n = 54, 3 Monate, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)46

MPH wirkt bei Erwachsenen: (Narrativer Review mit strukturierter Suche, E 4.)47

  • gegen die Kernsymptome von ADHS SMD 0,49 (95%-KI 0,35 bis 0,64)
  • gegen die begleitende Emotionsdysregulation SMD 0,34 (95%-KI 0,23 bis 0,45) (Metaanalyse von Lenzi et al. aus 21 placebokontrollierten RCT, Sekundärzitat über Jaeschke et al.)

MPH soll am besten auf die kognitiven ADHS-Symptome wirken. Motorisches und soziales Verhalten können nach und nach etwas höhere Dosen erfordern. (Narrativer Review, E 4)48

1.5. Gute Wirkung von Methylphenidat

Bedeutung für Betroffene

Nach Lehrbüchern wirkt MPH gut auf Wahrnehmung, Konzentration, Aufmerksamkeit, motorische Unruhe und das Schriftbild. Die Lesbarkeit der Handschrift verbesserte sich in einer Studie, die Schreibflüssigkeit verschlechterte sich dagegen. In Bewegungsaufgaben zeigte sich vor allem eine gleichmäßigere Leistung. Viele Erwachsene berichten, dass MPH eine stärkere Fokussierung ermöglicht als Elvanse, während Elvanse entspannter und gleichmäßiger wirke.

Im sozialen Bereich verbesserten sich unter MPH Leistungen in Tests sozialer Kognition, das Einfühlungsvermögen sowie Schulfunktion und Beziehungen zu Gleichaltrigen. Die Verbesserung der sozialen Interaktion im Alltag ist weniger gut belegt. Fast alle von ADxS befragten Betroffenen berichteten unter MPH von einer geringeren Kränkbarkeit.

Schulleistung, Lesen und Rechnen verbesserten sich in Studien unter MPH, vor allem die Menge der bearbeiteten Aufgaben, weniger die Genauigkeit. Die Verbesserung war kleiner als die der Symptome.

Die emotionale Labilität nahm bei Kindern und Erwachsenen ab. Eine kleine offene Studie fand zudem weniger Ängstlichkeit, Angespanntheit und Depressivität. In einer großen kontrollierten Studie an Erwachsenen besserten sich Angst und Depression dagegen nicht.

1.5.1. Wahrnehmung, Konzentration und Aufmerksamkeit

  • Wahrnehmung (Lehrbuch, E 4)49

    • Erwachsene mit ADHS hatten erhöhte auditive Zeitordnungsschwellen, die MPH auf das Niveau von Nichtbetroffenen senkte (Within-Subject-Studie mit/ohne MPH in randomisierter Reihenfolge und Kontrollgruppe, N = 81, n = 33, E 2b.)50
  • Konzentration (Lehrbuch, E 4)19

    • Viele Erwachsene berichten, dass MPH eine höhere Fokussierung ermöglicht als Elvanse, während Elvanse insgesamt entspannter mache und gleichmäßiger wirke (Erfahrung ADxS)
  • Aufmerksamkeit (Lehrbuch, E 4)19

    • Ablenkbarkeit wird reduziert, Aufmerksamkeit erhöht
  • Bei Jugendlichen mit ADHS verlangsamte eine hohe zentrale Aufmerksamkeitslast die Reaktion auf Reize im linken, nicht aber im rechten Gesichtsfeld. MPH (20 mg) hob diese räumliche Aufmerksamkeitsasymmetrie auf. (RCT, doppelblind, Crossover, N = 25, n = 12, Einzeldosis, E 1b.)51
  • Bei Gesunden erhöhte MPH (20 mg) die Genauigkeit der Geschlechtserkennung von Zielgesichtern (88,9 % gegenüber 86,0 % unter Placebo, p = 0,003), verstärkte aber auch die Ablenkung durch Gesichter als Störreize (34,9 gegenüber 26,7 ms, p = 0,027). MPH verstärkte damit die Salienz der aufgabenrelevanten Reizkategorie einschließlich gleichartiger Störreize. (RCT, doppelblind, Crossover, n = 20, Einzeldosis, E 1b.)52
  • Bei Rhesusaffen verschlechterte MPH in therapeutisch relevanten Dosen die Leistung beim Aufgabenwechsel (kognitive Flexibilität) (Tierstudie, n = 4, Rhesusaffen, E 2b.)53

1.5.2. Motorik und Schriftbild

  • motorische Unruhe (Lehrbuch, E 4)19

  • Schriftbild und zeichnerische Ausdruck (Lehrbuch, E 4)54

    • Lesbarkeit und Genauigkeit der Handschrift waren bei hyperaktiven Jungen unter MPH besser als nach Absetzen. Die Schreibflüssigkeit (Geschwindigkeit und Beschleunigung der Schreibbewegungen) verschlechterte sich unter MPH. Ohne MPH glichen die Schreibbewegungen denen von Kontrollen. (Kontrollierte Studie mit/ohne MPH in ausbalancierter Reihenfolge, N = 42, n = 21, E 2b.)55
    • MPH verbesserte einige Funktionen der Auge-Hand-Koordination etwas stärker als Placebo. Nur unter MPH verbesserte sich das Lehrerurteil. (RCT, doppelblind, Crossover, n = 19, E 1b.)56
  • Motorik

    • MPH ging in 13 Studien vor allem mit einer geringeren motorischen Variabilität und einer höheren Stabilität einher, uneinheitlich über die Aufgaben und oft ohne Veränderung der mittleren Leistung (Systematischer Review, k = 13, E 2b.)57
    • Stimulanzien verbesserten tendenziell die Gleichgewichtsleistung, bei geringer Evidenzsicherheit (2 Klasse-II-, 2 Klasse-III-, 5 Klasse-IV-Studien) (Systematischer Review, k = 9, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)58

1.5.3. Soziale Wahrnehmung, soziale Kognition und Kränkbarkeit

Bedeutung für Betroffene

MPH verbesserte in mehreren Studien die Leistung in Tests sozialer Kognition, also beim Erschließen von Gedanken, Absichten und Gefühlen anderer (Theory of Mind) und beim Erkennen von Emotionen. Nach einem Review verbesserte eine kurzfristige Behandlung die von Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen beurteilte soziale Leistung. Die Wirkung auf die Reaktion auf Gesichtsausdrücke blieb dort unklar. Unter retardiertem MPH verbesserten sich Schulfunktion und Beziehungen zu Gleichaltrigen. Das Einfühlungsvermögen (Empathie) stieg in zwei Studien.

In einer Studie stieg das Hormon Oxytocin bei Kindern mit ADHS nach der Interaktion mit einem Elternteil unter einer Einzeldosis MPH an, sodass kein Unterschied zu Nichtbetroffenen mehr bestand. Zugleich normalisierte sich die Theory-of-Mind-Leistung. Eine andere Studie fand nach einer Einzeldosis keine Wirkung auf einen Test zur Theory of Mind (siehe 4.4). Die Verbesserung der sozialen Interaktion im Alltag ist weniger gut belegt als die Verbesserung der Testleistungen.

Fast alle von ADxS befragten Betroffenen berichteten unter MPH von einer geringeren Kränkbarkeit (Rejection Sensitivity). Vereinzelt wurde sie unter MPH stärker.

  • soziale Wahrnehmungsfähigkeit und mimische Reagibilität
  • Bei Kindern mit ADHS stieg die kortikale Antwort (Oxy-Hb) links inferior-okzipital auf ärgerliche Gesichter nur nach MPH an, nicht nach Placebo. Die Verarbeitung fröhlicher Gesichter (rechts inferior-okzipital) war von der Medikation unabhängig. (RCT, doppelblind, Crossover, fNIRS, n = 19, Einzeldosis, E 1b.)59
  • soziale Kognition (Leistung in Tests sozialer Kognition, nach einer dort zitierten Übersicht in 10 von 13 Studien verbesserte Theory-of-Mind-/Mentalisierungsleistung und in 7 verbesserte Emotionserkennung, überwiegend unter MPH) und soziale Interaktion (Narrativer Review, E 4.)60

  • Eine Untersuchung fand bei Kindern mit ADHS einen gegenüber Nichtbetroffenen unveränderten basalen Oxytocinspiegel (Speichel). Nach Interaktion mit einem Elternteil lag Oxytocin bei Nichtbetroffenen signifikant höher als bei ADHS-Betroffenen, bei denen Oxytocin unter Placebo absank. Unter einer Einzeldosis Methylphenidat stieg Oxytocin bei den ADHS-Betroffenen nach der Eltern-Interaktion an, ein Unterschied zu Nichtbetroffenen bestand nicht mehr. Zugleich normalisierte sich unter MPH die Leistung in Theory-of-Mind-Aufgaben. (RCT, N = 90, n = 50, Einzeldosis, E 1b.)61

  • Eine kurzfristige MPH-Gabe (bis 6 Monate) verbesserte bei 6- bis 14-Jährigen die von Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen beurteilte soziale Gesamtleistung und einige Komponenten der Theory of Mind. Die Wirkung auf nonverbale Reaktionen (emotionale Gesichtsausdrücke) blieb unklar. (Systematischer Review, k = 15, E 2b.)62

  • Unter OROS-MPH verbesserten sich nach 24 Wochen bei 7- bis 16-Jährigen: (Offene randomisierte Studie, N = 168, n = 83, 24 Wochen, E 1b.)63

    • Schulfunktion im Elternurteil Cohen’s d -0,82
    • Schulfunktion im Selbsturteil Cohen’s d -0,66
    • Beziehungen zu Gleichaltrigen im Elternurteil Cohen’s d -0,50
    • Beziehungen zu Gleichaltrigen im Selbsturteil Cohen’s d -0,25
  • Die Empathie stieg unter MPH bei Kindern mit ADHS mit komorbider ODD (p = 0,003) und ohne ODD (p = 0,002). Nur ohne ODD korrelierte der Empathieanstieg mit der Symptomverbesserung (p = 0,015). (Offene Verlaufsstudie, n = 52, 12 Wochen, E 2b.)64

  • Affektive und kognitive Empathie verbesserten sich unter MPH bei medikamentennaiven 6- bis 17-Jährigen. Nur die affektive Empathie hing von der Verbesserung der Unaufmerksamkeit ab. (Naturalistische Verlaufsstudie, n = 61, 6 Monate, E 2b.)65

  • Bei gesunden Frauen verdoppelte eine Einzeldosis MPH (20 mg) die Anpassung an Gruppenurteile nach moderatem sozialem Konflikt, nicht nach großem Konflikt (RCT, n = 38, Einzeldosis, E 1b.)66

  • Rejection Sensitivity (Kränkbarkeit)
    Fast alle von uns befragte Betroffene berichten von einer Verbesserung ihrer Rejection Sensitivity (an der nahezu jeder der von uns befragten ADHS-Betroffenen leidet) durch MPH. Vereinzelt berichteten Betroffene, dass ihre RS unter MPH stärker wurde. Einer dieser Betroffenen stellte sich später als MPH-Nonresponder heraus, der mit einem Amphetaminmedikament eine bessere Wirkung erzielen konnte. (Erfahrung ADxS)

1.5.4. Zeitverarbeitung, Schulleistung und Exekutivfunktionen

Bedeutung für Betroffene

MPH verringerte bei Kindern mit ADHS die Schwankungen beim Erzeugen von Zeitspannen. Schulleistung und Verhalten im Unterricht verbesserten sich in mehreren Studien, teils mit steigender Dosis. Bei Jugendlichen brachte in einer Studie meist schon eine niedrige Dosis den größten Zugewinn, viele profitierten nicht von höheren Dosen. Eine intensive zusätzliche psychosoziale Behandlung brachte in einer Studie gegenüber MPH allein keinen Zusatznutzen.

Beim Rechnen nahm nach einer Metaanalyse vor allem die Menge der bearbeiteten Aufgaben zu, die Genauigkeit nur wenig. Die bessere Rechenleistung hing in einer Studie mit einer gestärkten selbstwahrgenommenen Kompetenz des Kindes zusammen, nicht mit veränderten kognitiven Funktionen. Beim Lesen stieg die Lesegeschwindigkeit, die Lesegenauigkeit nicht signifikant. Bei Kindern mit ADHS und Legasthenie verbesserte MPH das Lesen stärker als bei Kindern mit nur einer der beiden Störungen, ohne die Lesestörung zu beseitigen. Die Verbesserung der Schulleistung war insgesamt klein im Vergleich zur Verbesserung der Symptome.

Nach Elternurteil verbesserten sich Exekutivfunktionen im Alltag, in Testverfahren jedoch nicht durchgängig (siehe 4.3).

  • Zeitverarbeitung

    • MPH verringerte bei 8- bis 12-Jährigen mit ADHS die Variabilität der Zeitproduktion dosisabhängig (mittlere bis große Effekte). Belohnung und Response Cost wirkten ähnlich, MPH verstärkte deren Wirkung nicht zusätzlich. (RCT, placebokontrolliert, Crossover mit 3 Dosen, N = 50, n = 23, E 1b.)67
  • Schulleistung

    • Schulleistung und emotionale Befindlichkeit von MPH-Respondern verbesserten sich über 2 Jahre unter allen Behandlungen und blieben stabil. Intensive multimodale psychosoziale Zusatzbehandlung brachte gegenüber MPH allein keinen Zusatznutzen. (RCT, n = 103, 2 Jahre, E 1b.)68
    • Nur unter MPH allein verbesserten sich nach 6 Monaten die Schulnoten (3,73 auf 4,44, p = 0,0088) und das Betragen (3,80 auf 4,60, p = 0,011), nicht unter Elterntraining oder dessen Kombination mit MPH (RCT, n = 28, 6 Monate, E 1b.)69
    • Unter MPH (0,3 mg/kg) verbesserte sich im Labor und im Klassenzimmer die Mehrheit der Maße zu Output, Genauigkeit, Effizienz, Lernerwerb, Anstrengung und Selbstkorrektur (RCT, doppelblind, placebokontrolliert, n = 16, E 1b.)70
    • Schulleistungen verbesserten sich bei 61 bis 66 % taiwanesischer Kinder (Chinesisch p = 0,013, Rechnen p = 0,004), das Verhalten bei 68 bis 78 %. Neuropsychologisch verbesserten sich nur die perseverativen Fehler (p = 0,022). (Offene Verlaufsstudie, n = 19, 16 Wochen, E 2b.)71
    • OROS-MPH verbesserte bei chinesischen Schulkindern Unaufmerksamkeit/Überaktivität (IOWA 10,0 auf 3,8, p unter 0,0001), Zahlenspanne, Stroop, WCST, Coding und die lehrerbeurteilte Schulleistung (p unter 0,0001) (Offene Verlaufsstudie mit Kontrollgruppe, N = 194, n = 153, 12 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)72
  • Lesen

    • nach Metaanalyse für: (Metastudie, k = 34, E 1a.)73
      • Lesegeschwindigkeit (bearbeitete Leseaufgaben, k = 5) SMD 0,47 (95%-KI 0,30 bis 0,64)
      • Lesegenauigkeit (k = 9) +6,2 % (95%-KI -0,9 bis 13,4), nicht signifikant
    • MPH verbesserte das Lesen (mehr korrekt gelesene Wörter) bei Kindern mit ADHS und Legasthenie stärker als bei Kindern nur mit ADHS oder nur mit Legasthenie, ohne die Lesestörung zu beseitigen (Offene kontrollierte Studie, N = 43, n = 24, mindestens 3 Monate, E 2a.)74
    • MPH verbesserte Tests der Sprachverarbeitung, nicht aber das laute Lesen (RCT, doppelblind, Crossover, n = 9, E 1b.)75
  • mathematische Fähigkeiten

    • nach Metaanalyse für: (Metastudie, k = 34, E 1a.)73
      • Rechenproduktivität (k = 17) +7,8 % (95%-KI 4,3 bis 11,2)
      • Rechengenauigkeit (k = 29) +3,0 % (95%-KI 1,2 bis 4,8)
    • nach Laborschulstudien mit individuell eingestelltem OROS-MPH bei 9- bis 12-Jährigen 4 Stunden nach Einnahme (PERMP) für:
      • korrekt gelöste Rechenaufgaben (n = 71) Cohen’s d 1,5 (RCT, doppelblind, Crossover, N = 78, n = 71, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)76
      • bearbeitete Rechenaufgaben (n = 71) Cohen’s d 1,4 (RCT, doppelblind, Crossover, N = 78, n = 71, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)76
      • korrekt gelöste Rechenaufgaben (n = 68) Cohen’s d 1,2 (RCT, doppelblind, Crossover, n = 68, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)77
      • bearbeitete Rechenaufgaben (n = 68) Cohen’s d 1,2 (RCT, doppelblind, Crossover, n = 68, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)77
    • Die Verbesserung der Rechenproduktivität unter MPH wurde durch die von den Eltern beurteilte selbstwahrgenommene Kompetenz des Kindes vermittelt (p unter 0,01), nicht durch kognitive Funktionen (p = 0,082 bis 0,641) oder Lernmotivation (p = 0,199 bis 0,865), die MPH nicht veränderte (RCT, doppelblind, Crossover, N = 130, n = 63, 7 Tage, herstellerfinanziert, E 1b.)78
    • MPH (0,3 mg/kg) beschleunigte Rechenantworten ohne gleichzeitige Zweitaufgabe. Bei gleichzeitiger Doppelbelastung verbesserte MPH die Rechengenauigkeit auf Kosten der Geschwindigkeit in der Zweitaufgabe (Umverteilung vorhandener Kapazität) (RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Crossover, n = 13, E 1b.)79
  • Kinder mit ADHS zeigten unter MPH (0,3 bis 0,5 mg/kg) verringerte Rechenschwierigkeiten, die erst eine Kombination dreier neuropsychologischer Tests erfasste. Die einzelnen Tests unterschieden ADHS-Betroffene nur ohne Medikation von Nichtbetroffenen. (Kontrollierte Verlaufsstudie, N = 42, n = 20, E 2b.)80

  • (E 1b): Schulleistung und Unterrichtsverhalten bei:

    • Kindern: positive Wirkung mit linearen Dosis-Wirkungs-Kurven (0,15, 0,3 und 0,6 mg/kg) auf Leseverständnis, Rechenleistung (Menge und Genauigkeit), Störverhalten und aufgabenbezogenes Verhalten, beim Rechtschreiberwerb nur ein marginaler linearer Trend (RCT, doppelblind, Crossover, n = 29, E 1b.)81
    • Jugendlichen: positive Wirkung auf Qualität der Mitschriften, Test- und Arbeitsblattergebnisse, schriftlichen Ausdruck, Lehrerurteil und Unterrichtsverhalten. Der größte Zugewinn lag meist zwischen Placebo und 10 mg (zweimal täglich plus 5 mg nachmittags, im Mittel 0,18 mg/kg je Einzelgabe). Viele Jugendliche profitierten nicht von höheren Dosen, eine Erhöhung von 20 auf 30 mg bewirkte eher eine Verschlechterung als eine große Verbesserung (RCT, doppelblind, Crossover, n = 45, 6 Wochen, E 1b.)82
  • Exekutivfunktionen im Alltag (Elternurteil, BRIEF2): Nach 8 Wochen mit 18 mg/Tag retardiertem MPH verbesserten sich bei Jungen Inhibition, Selbstüberwachung, Flexibilität, emotionale Kontrolle, Initiierung, Arbeitsgedächtnis, Planung und Organisation, Aufgabenüberwachung und Ordnung von Materialien (p unter 0,05). In einer Go/NoGo-Aufgabe sanken die Reaktionszeiten (p = 0,002) und stieg die Genauigkeit (p = 0,009) (Offene Prä-post-Studie, n = 26, 8 Wochen, E 2b.)83

  • Exekutivfunktionen im Wisconsin Card Sorting Test (therapienaive Kinder mit Mischtyp): OROS-MPH verbesserte mehr Bereiche als Atomoxetin, beide verbesserten Perseveration sowie konzeptuelles Lernen und Schlussfolgern (Offene randomisierte Vergleichsstudie, n = 43, bis 20 Wochen, E 1b.)84

1.5.5. Emotionale und psychische Symptome

Bedeutung für Betroffene

MPH verringerte die emotionale Labilität (rasch wechselnde, starke Gefühle) bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Bei Erwachsenen war die Wirkung nach einer Metaanalyse etwa halb so stark wie auf die Kernsymptome und unter Stimulanzien stärker als unter Atomoxetin. Bei Kindern fanden Einzelstudien teils große Verbesserungen, auch bei begleitender Reizbarkeit. Bei komorbider oppositioneller Störung oder Selbstverletzung blieben einzelne Werte erhöht.

Eine kleine offene Studie fand unter MPH weniger Ängstlichkeit, Angespanntheit, Depressivität, Lebensunzufriedenheit, Unsicherheit und Zwanghaftigkeit. Eine weitere Studie fand weniger innere Leere und Langeweile. Stimulanzienbehandlung ging bei Kindern und Jugendlichen mit einem geringeren Depressionsrisiko einher. In einer großen kontrollierten Studie an Erwachsenen verbesserten sich emotionale Dysregulation, emotionale Labilität, Zwangssymptome und das Selbstkonzept, Angst und Depression dagegen nicht. Die Befunde zu Angst und Depression sind damit uneinheitlich.

  • Ängstlichkeit (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Angespanntheit (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Borderline-Aspekte (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Depressivität (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

    • Stimulanzienbehandlung ging bei Kindern und Jugendlichen mit einem geringeren Depressionsrisiko einher (RR 0,80, 95%-KI 0,72 bis 0,89) (Metastudie, k = 33, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)85
  • emotionale Labilität (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

    • bei Erwachsenen nach Metaanalyse doppelblinder RCT etwa halb so stark wie auf ADHS-Kernsymptome (SMD -0,8, 95%-KI -1,07 bis -0,53) für: (Metastudie, k = 9 RCT, E 1a.)86
      • Stimulanzien (k = 6) SMD -0,57 (95%-KI -0,80 bis -0,34)
      • Stimulanzien und Atomoxetin (k = 9) SMD -0,41 (95%-KI -0,57 bis -0,25)
      • Atomoxetin (k = 3) SMD -0,21 (95%-KI -0,34 bis -0,08)
    • bei Erwachsenen nach systematischem Review in 13 von 14 kontrollierten Studien (MPH, Atomoxetin, Lisdexamfetamin). Die Wirkung auf emotionales Verhalten betrug für MPH 46 bis 110 % der Wirkung auf nicht-emotionale ADHS-Symptome (Atomoxetin 56 bis 129 %, Lisdexamfetamin 36 bis 96 %). (Systematischer Review, k = 14, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)87
    • bei Kindern und Jugendlichen in Einzelstudien für:
      • MPH Cohen’s d -1,46, Atomoxetin d -0,93, ohne signifikanten Gruppenunterschied. Die Wirkung blieb nach Kontrolle der Symptomverbesserung signifikant und ging mit einer erhöhten Konnektivität der Amygdala mit orbitofrontalem und cingulärem Cortex einher. (RCT, N = 152, n = 76, 4 Wochen stabile Dosis, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)88
      • DR/ER-MPH (abends eingenommen) verbesserte die Subskala emotionale Labilität des CGI-P offen von 5,3 auf 1,3 (p unter 0,0001) und im RCT gegenüber Placebo (3,11 gegenüber 4,08, p = 0,0053) bei 6- bis 12-Jährigen (Post-hoc-Analyse zweier Phase-3-Studien, N = 117 offen, n = 161 im RCT, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)89
      • MPH-Responder (73,3 %, 22 von 30) mit emotionaler Dysregulation verbesserten diese mit Hedges g 2,62. Die Schwere der emotionalen Dysregulation korrelierte mit ODD-Symptomen, nicht mit ADHS-Kernsymptomen. (Offene Studie, n = 30, 10 Wochen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)90
      • Bei komorbider DMDD verbesserte OROS-MPH die selbstberichtete Reizbarkeit (Cohen’s d 0,57) sowie emotionale Labilität, negativen Affekt und Ärger. Die Reizbarkeit besserte sich bei 71 %, verschlechterte sich bei 19 % und blieb bei 10 % unverändert. (Offene Studie, n = 22, 4 Wochen, E 2b.)91
      • Bei Jugendlichen sanken nach 6 Monaten MPH die DERS-Werte für Impulsivität (15,9 auf 14,2, p unter 0,01) und gesamt (88,4 auf 82,4, p unter 0,05). Bei komorbider ODD und bei Selbstverletzung blieben einzelne Werte erhöht. (Prospektive offene Verlaufsstudie, n = 82, 6 Monate, E 2b.)92
  • emotionale Symptome bei Erwachsenen unter retardiertem MPH (50 % unretardiert, 50 % retardiert, bis 60 mg/Tag, mittlere Tagesdosis in Woche 24 41,2 mg bzw. 0,55 mg/kg). Der Unterschied zu Placebo war ab Woche 5 signifikant und blieb bis Woche 24 stabil. Die Effektstärken betrugen für: (RCT, n = 363, 24 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)93

    • Zwangssymptome (SCL-90-R):
      • 0,46 (Per-Protocol)
      • 0,30 (ITT)
    • emotionale Dysregulation (fremdbeurteilt, WRAADDS-EDS):
      • 0,42 (Per-Protocol)
      • 0,37 (ITT)
    • emotionale Labilität (selbstbeurteilt, CAARS-ELS):
      • 0,35 (Per-Protocol)
      • 0,3 (ITT)
    • Probleme mit dem Selbstkonzept nahmen stärker ab als unter Placebo. Angst, Depression, Ärger/Feindseligkeit, phobische Angst, paranoides Denken und Psychotizismus besserten sich nicht.
  • Lebensunzufriedenheit (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • negative Lebenseinstellung (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • psychotische Phänomene (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • soziale Introversion (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Unsicherheit (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Zwanghaftigkeit (Offene Verlaufsstudie (Dissertation), n = 24, im Mittel 5,4 Monate, E 2b)28

  • Innere Leere/Langeweile (Offene Verlaufsstudie, n = 30, 3 Monate, E 2b)94

1.6. Geringe Wirkung von Methylphenidat

Bedeutung für Betroffene

Bei manchen Funktionen wirkte MPH nur gering. Bei Erwachsenen verbesserten sich in einer Studie die Abneigung gegen Wartezeiten (Delay Aversion) und die Exekutivfunktionen nur im Selbstbericht, nicht in Leistungstests. Eine Metaanalyse fand bei Erwachsenen dagegen kleine, aber signifikante Verbesserungen in Leistungstests, etwa bei Reaktionshemmung, Wachsamkeit (Vigilanz) und Fahrleistung. Die Studien zeigten Hinweise auf einen Publikationsbias.

Bei Kindern veränderte sich das räumliche Arbeitsgedächtnis unter Dexmethylphenidat allein nicht, in Kombination mit Guanfacin verbesserte es sich. Mehrere Studien bei Kindern und Erwachsenen fanden nur in einzelnen Testmaßen Verbesserungen von Daueraufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und selektiver Aufmerksamkeit. Bei Kindern blieben die Testleistungen auch nach 16 Wochen Behandlung meist unter denen nicht betroffener Kinder.

Unter Alltagsbedingungen fand gut die Hälfte der Beobachtungsstudien bessere Schulleistungen, die methodisch besten Studien überwiegend nicht. Eine Langzeitbehandlung ging in den meisten Studien nicht mit besseren schulischen Ergebnissen einher. Verbesserungen in neuropsychologischen Tests hingen nicht mit Verbesserungen des Verhaltens zusammen.

  • Delay Aversion (bei Erwachsenen): keine Verbesserung in Leistungstests, Verbesserung nur im Selbstbericht (Offene nicht randomisierte Verlaufsstudie mit gesunden Kontrollen, N = 84, n = 42, 6 Wochen, E 2b.)95
  • Exekutivfunktionen (bei Erwachsenen): keine Verbesserung in Leistungstests, Verbesserung nur im Selbstbericht (Offene nicht randomisierte Verlaufsstudie mit gesunden Kontrollen, N = 84, n = 42, 6 Wochen, E 2b.)95
  • räumliches Arbeitsgedächtnis (Kinder 7 bis 14 Jahre): Aufgabengenauigkeit unter D-MPH unverändert, unter der Kombination mit Guanfacin verbessert, unter Guanfacin allein verschlechtert (RCT, n = 172, 8 Wochen, E 1b.)96
  • Neurokognitive Leistung bei Erwachsenen insgesamt mit Hedges’ g = 0,17 (95%-KI 0,05 bis 0,28) gegenüber Placebo (Hinweise auf Publikationsbias), nach Bereichen: (Metastudie, k = 21 RCT, mittlere Dauer 18 Tage, E 1a.)97
    • Reaktionshemmung g = 0,23 (0,10 bis 0,36)
    • Vigilanz g = 0,22 (0,11 bis 0,33)
    • Fahrleistung g = 0,22 (0,10 bis 0,34)
    • Reaktionszeitvariabilität g = 0,16 (0,03 bis 0,28)
    • Arbeitsgedächtnis g = 0,13 (0,00 bis 0,26)
  • (E 1b): Exekutivfunktionen in Leistungstests bei Erwachsenen nach:
    • OROS-MPH: gegenüber dem Ausgangswert verbesserte Reaktionszeitvariabilität, Kommissionsfehler und d-prime (Cohen’s d über 0,50), gegenüber Placebo nur die Reaktionszeitvariabilität in einem von 2 CPT (RCT, Crossover, n = 22, 6 Wochen, E 1b.)98
    • unretardiertem MPH: nach 8 bis 10 Wochen nur das räumliche Arbeitsgedächtnis (CANTAB) verbessert, unter Atomoxetin zusätzlich räumliches Kurzzeitgedächtnis, Daueraufmerksamkeit und räumliche Planung (Offene randomisierte Studie, n = 63, 8 bis 10 Wochen, E 1b.)99
    • MPH in klinisch stabiler Dosis: räumliches Arbeitsgedächtnis (CANTAB) nur bei zuvor medikamentennaiven Erwachsenen (n = 17) verbessert, die schlechtere Ausgangswerte hatten, nicht bei Vorbehandelten (n = 19). Bei Multitasking, Reaktionszeit, visueller Daueraufmerksamkeit und Stoppsignal-Aufgabe unterschied sich der Verlauf nicht (Prä-post-Studie, n = 36, E 2b.)100
  • (E 1b): Daueraufmerksamkeit bei Kindern und Jugendlichen nach:
    • MPH (0,3 und 0,6 mg/kg zweimal täglich): Verbesserung der CPT-Gesamtleistung, nicht aber spezifisch des Daueraufmerksamkeitsdefizits (Leistungsabfall in der zweiten Testhälfte) (Placebokontrollierte randomisierte Crossoverstudie mit Kontrollgruppe, N = 42, n = 21, E 1b.)101
    • OROS-MPH in klinisch bester Dosis: Verbesserung in 1 von 5 Maßen der Daueraufmerksamkeit (RCT, doppelblind, Crossover, n = 30, je 1 Woche, herstellerfinanziert, E 1b.)102
    • MPH-Einnahme 1,5 Stunden vor dem Test (Jugendliche, im Mittel 13,8 Jahre): Verbesserung von Gesamtaufmerksamkeit, Reaktionszeit und Impulsivität im MATH-CPT, keine Verbesserung der 4 Maße der Daueraufmerksamkeit (Within-Subject-Studie mit und ohne MPH, n = 27, E 2b.)103
  • (E 1b): Arbeitsgedächtnis und selektive Aufmerksamkeit bei Kindern nach:
    • OROS-MPH: keine Verbesserung in je 2 Tests zur selektiven Aufmerksamkeit und zum Arbeitsgedächtnis, während sich 2 von 3 Tests der Reaktionshemmung (p unter 0,01) und 1 von 2 Tests der Aufmerksamkeitskontrolle verbesserten (RCT, doppelblind, Crossover, n = 30, je 1 Woche, herstellerfinanziert, E 1b.)102
    • 8 Wochen retardiertem MPH (18 mg/Tag): keine Veränderung im Zahlenspannentest trotz Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses im Elternurteil (BRIEF2) (Offene Prä-post-Studie, n = 26, 8 Wochen, E 2b.)83
  • Interferenzkontrolle im Arbeitsgedächtnis (Kinder und Jugendliche, 11 bis 16 Jahre): MPH normalisierte die Arbeitsgedächtnisleistung ohne Ablenkreiz und erhöhte die präfrontale Aktivität, verbesserte die Leistung bei Ablenkreiz aber nicht und aktivierte den Nucleus caudatus anders als bei Kontrollen nicht (fMRT-Studie mit Kontrollgruppe, MPH an einem von 2 Messtagen, N = 24, n = 12, E 2b.)104
  • Exekutivfunktionen im Vergleich zu Nichtbetroffenen (6 bis 12 Jahre): OROS-MPH und Atomoxetin verbesserten neuropsychologische Tests vergleichbar, die Leistungen blieben nach 16 Wochen bis auf die Zeitmaße im Stroop-Test unter denen der Kontrollen (Offene randomisierte Studie mit Kontrollgruppe, N = 135, n = 95, 16 Wochen, E 1b.)105
  • Schulleistung unter Alltagsbedingungen: 5 von 9 Beobachtungsstudien (6 bis 18 Jahre, 10 bis 72 mg/Tag) fanden eine Verbesserung, 3 der 4 Studien mit dem geringsten Verzerrungsrisiko keine. 4 von 5 Studien zur Langzeitbehandlung (bis 4,25 Jahre) fanden keine besseren schulischen Ergebnisse (Systematischer Review, k = 9 Beobachtungsstudien, N = 12.269, E 2b.)106
  • (E 1a): Übertragung neurokognitiver Verbesserungen auf das Verhalten nach:
    • Übersichtsarbeiten: keine signifikanten Korrelationen zwischen Veränderungen neurokognitiver Funktionen (z. B. Inhibition) und Veränderungen der Verhaltenssymptome (z. B. impulsives Verhalten) unter Pharmakotherapie oder kognitivem Training (Systematischer Review mit Metaanalysen von RCT, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)107
    • Einzelstudien:
      • die MPH-bedingte Verbesserung im CPT vermittelte nicht die Verhaltensverbesserung im Unterricht und in Freizeitsituationen eines Summer Treatment Program (Placebokontrollierte randomisierte Crossoverstudie mit Kontrollgruppe, N = 42, n = 21, E 1b.)101
      • Verhaltens- und kognitive Verbesserung unter MPH waren bei Kindern mit Intelligenzminderung weitgehend unabhängig voneinander (Placebokontrollierte Doppelblind-Crossoverstudie, n = 24, E 1b.)108

1.7. Keine Wirkung von Methylphendiat

  • Reading the Mind in the Eye (bei Kindern, nach einer Einzeldosis). Dieser Test misst die Theory of mind. (Offene Studie, n = 25, Einzeldosis, E 2b.)109

  • Feinmotorik (Schriftbild) (Nicht randomisierte kontrollierte Studie, n = 58, 8 Wochen, E 2a)110

  • Gesichtsaffekterkennung (Kinder und Jugendliche, 7 bis 14 Jahre): tendenzielle, nicht signifikante Verbesserung im Frankfurter Test zur Gesichtsaffekterkennung (FEFA) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, nicht randomisiert, n = 21, E 2a.)111

1.8. Unterschiedliche zeitabhängige Wirkung von Stimulanzien auf Symptome?

Eine Veröffentlichung einer namhaften Wissenschaftlerin behauptet unterschiedliche Zeit-Wirkungs- und Dosis-Wirkungs-Kurven für die motorischen und kognitiven Wirkungen von Stimulanzien. (Narrativer Review, E 4)112 Während die Wirkung auf die motorische Aktivität 7 bis 8 Stunden anhalte, solle die Wirkung auf Aufmerksamkeit nur 2 bis 3 Stunden andauern. Die angegebenen Quellen belegen die Behauptung allerdings nicht. Diese decken sich auch nicht mit den empirischen Erfahrungen aus der Praxis.

Mädchen sprachen 1,5 Stunden nach Einnahme retardierter MPH-Präparate (Concerta, Equasym XL/Metadate CD) besser und 12 Stunden nach Einnahme schlechter an als Jungen, unabhängig vom Präparat, von den Placebowerten und von komorbider Angst. (Sekundäranalyse einer doppelblinden Crossover-RCT, N = 184, n = 48 Mädchen, 1 Woche je Phase, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)113

1.9. Latenzzeit bis zum Wirkungseintritt

Bedeutung für Betroffene

Unretardiertes MPH wirkt üblicherweise binnen 15 bis 20 Minuten. Eine Wartezeit von mehreren Einnahmen oder Tagen bis zum Wirkungseintritt ist nach Fachliteratur und Praxiserfahrung nicht bekannt. Studien, die eine Besserung erst nach Wochen fanden, erhöhten die Dosis schrittweise. Die späte Besserung spiegelt daher eher die laufende Dosisfindung wider als eine Wartezeit im pharmakologischen Sinn.

Bei stimulanziennaiven Kindern glich sich die Aufmerksamkeit in einer Pilotstudie nach der ersten Dosis an die nicht betroffener Kinder an, das Arbeitsgedächtnis in Tests erst nach einem Monat. Atomoxetin benötigte bis zum klinischen Ansprechen deutlich länger als retardiertes MPH. Die Reaktion auf eine erste Einzeldosis MPH sagte in zwei Studien das spätere Ansprechen vorher.

Unretardiertes Methylphenidat wirkt üblicherweise binnen 15 bis 20 Minuten.
Die breite Fachliteratur und die empirische Erfahrung kennt keine Latenzzeit im Sinne einer mehrfachen Anzahl von Einnahmen oder Tagen bis zur Wirkung.

Eine Studie berichtete bei Kindern mit ADHS unter Methylphenidat anhand der Clinical Global Impression-Severity Scale (CGI-S) eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik erst beim zweiten Untersuchungstermin nach 12 Wochen (CGI-S von 5,09 auf 4,80) und nicht bereits beim ersten nach 4 Wochen. Die mittlere Tagesdosis betrug zu Beginn 9,07 mg und nach 12 Wochen 17,17 mg. (Retrospektive Beobachtungsstudie, N = 431, n = 105, 12 Wochen, E 2b.)114

Die Zeit bis zum Wirkungseintritt unterschied sich je nach Funktion und Messgröße für:

  • Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis: Aufmerksamkeitsdefizite stimulanziennaiver Kinder (Mischtyp) glichen sich nach der ersten Dosis OROS-MPH den Kontrollen an, das Arbeitsgedächtnis erst nach einem Monat täglicher Einnahme (Pilotstudie mit Kontrollgruppe, N = 23, n = 12, 1 Monat, E 2b.)115
  • klinisches Ansprechen (CGI-I gleich oder niedriger als 2): unter OROS-MPH nach 7 Wochen, unter Atomoxetin nach 13 Wochen (p unter 0,001), bei vergleichbaren Ansprechraten (OROS-MPH 77,27 %, Atomoxetin 76,19 %) (Offene randomisierte Vergleichsstudie, n = 43, bis 20 Wochen, E 1b.)84

(E 2b): Die Reaktion auf eine erste MPH-Einzeldosis sagte das Ansprechen nach 4 Wochen bzw. 2 Monaten vorher (siehe 5.6). (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, N = 52, n = 46, 4 Wochen, E 2b.)116 (Placebokontrollierte Einzeldosisstudie, n = 60, 2 Monate, herstellerfinanziert, E 2b.)117

1.10. MPH und Raucherentwöhnung

Es wurde berichtet, dass retardiertes MPH einen positiven Beitrag zur Nikotinabstinenz / Rauchabstinenz beitrug, jedoch nur bei schwereren ADHS-Fällen, während bei leichteren ADHS-Fällen eine paradoxe Verschlechterung eintrat, die jedoch nach Absetzen der Medikamente remittierte. (Sekundäranalyse eines RCT, N = 134, E 1b)118 Dies ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Nikotin als Stimulanz eine Selbstmedikation bei ADHS darstellt, auch wenn Rauchen Nikotin als Droge einsetzt und nur Nikotinpflaster oder Nikotindragees als Medikament wirken.
Weiter könnte das Ergebnis dieser Untersuchung im Kontext der Inversed-U-Theorie, wonach ein mittlerer Neurotransmitterspiegel eine optimale Gehirnfunktion vermittelt, während verringerte wie überhöhte Neurotransmitterspiegel nahezu gleichartige Symptome verursachen, auf eine Überdosierung bei den Probanden mit leichteren ADHS-Symptomen (was auf eine geringeren Dopamin- und Noradrenalinmangel hinweist) und einer paradoxen Reaktion hindeuten.

1.11. MPH und Kreativität

Eine Untersuchung fand bei gesunden Erwachsenen nach einer Einzeldosis von 20 mg MPH keine Veränderung (weder Verbesserung noch Beeinträchtigung) der konvergenten oder divergenten Kreativität, auch nicht abhängig von ADHS-Merkmalen oder Arbeitsgedächtnis. (Doppelblinde randomisierte placebokontrollierte Crossoverstudie an Gesunden, n = 48, Einzeldosis, E 1b.)119 Eine andere Studie fand eine erhöhte Kreativität in offenen (divergenten) Kreativitätstests bei unmedikamentierten Kindern mit ADHS gegenüber medikamentierten Kindern mit ADHS (überwiegend MPH, teils Atomoxetin) und nicht betroffenen Kindern. (Querschnittstudie, N = 86, n = 43, E 3.)120

(E 1b): Die Wirkung von MPH auf die Kreativität gesunder Erwachsener hing ab von:

  • der Persönlichkeitseigenschaft Novelty Seeking: MPH erhöhte die Kreativität bei niedrigem und verringerte sie bei hohem Novelty Seeking (RCT, doppelblind, n = 36 Gesunde, E 1b.)121
  • der striatalen Dopaminsynthesekapazität (18F-FDOPA-PET): MPH beeinflusste divergentes und konvergentes Denken insgesamt nicht. Explorativ verringerte MPH die Antwortdivergenz bei niedriger und erhöhte sie bei hoher Dopaminsynthesekapazität. Sulpirid (D2-Antagonist) zeigte keine Wirkung (RCT, doppelblind, within-subject, N = 90 Gesunde, E 1b.)122

 

2. Wirkunterschiede zwischen Methylphenidat und Amphetaminmedikamenten

Bedeutung für Betroffene

Methylphenidat (MPH) und Amphetaminmedikamente sind beide Stimulanzien, wirken im Gehirn aber unterschiedlich. MPH bremst vor allem die Wiederaufnahme der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin über die Transporter und wirkt abhängig davon, wie aktiv die Nervenzellen gerade sind. Amphetamin setzt dagegen unabhängig von dieser Aktivität Botenstoffe aus den Speichern der Nervenzellen frei. In Tierstudien erhöhte Amphetamin das Dopamin außerhalb der Nervenzellen deutlich stärker als MPH. Beim Menschen war die Dopaminfreisetzung im Striatum (einer tief im Gehirn liegenden Region) unter oralem MPH und unter Amphetamin in einer Metaanalyse etwa gleich groß. Die Dopaminfreisetzung durch MPH nahm mit dem Alter ab.

Der Hirnstoffwechsel veränderte sich in kleinen Studien nach einer Einzeldosis beider Wirkstoffe in unterschiedlichen Hirnregionen. Nach mehreren Wochen Behandlung fanden sich kaum noch Veränderungen. Wegen der sehr kleinen Stichproben sind diese Befunde unsicher.

In Metaanalysen zeigten Amphetaminmedikamente gegenüber Placebo höhere Effektstärken auf die ADHS-Symptome als MPH, bei Kindern und Jugendlichen ebenso wie bei Erwachsenen. In direkten Vergleichen waren die Unterschiede teils klein und nicht in allen Studien signifikant. Eine große Netzwerk-Metaanalyse empfahl unter Berücksichtigung von Wirksamkeit und Verträglichkeit MPH als erste Wahl bei Kindern und Jugendlichen und Amphetamine bei Erwachsenen.

Beide Stimulanzienklassen gelten als robust wirksam. In mehreren direkten Vergleichen bei Kindern wirkten sie gruppenbezogen ähnlich gut. Einzelne Kinder sprachen jedoch oft besser auf einen der beiden Wirkstoffe an oder vertrugen ihn besser. Fast alle Kinder sprachen auf mindestens einen der beiden Wirkstoffe an. Bei unzureichendem Ansprechen kann ein Wechsel der Stimulanzienklasse das Ansprechen verbessern. In einer Studie bestimmte die Dosis das Ansprechen stärker als die Wahl des Wirkstoffs. Schlaflosigkeit trat in einer Studie unter D-Amphetamin stärker auf. In einer Studie über 12 Monate verloren Kinder unter Dexamfetamin in den ersten 3 Monaten mehr Gewicht als unter MPH.

Bei gesunden Erwachsenen verbesserte MPH die geistige Leistung nur gering, D-Amphetamin zeigte keine signifikanten Effekte. Tierstudien fanden für beide Wirkstoffe dosisabhängige und teils uneinheitliche Wirkungen auf Aufmerksamkeit und Impulsivität.

2.1. Hirnstoffwechsel unter Methylphenidat und D-Amphetamin

Eine Einzeldosis Methylphenidat (0,35 mg/kg) veränderte bei Erwachsenen mit ADHS den regionalen Glukosestoffwechsel des Gehirns in 5 Regionen signifikant. Regionen mit großer Effektstärke zeigten Erhöhungen unter anderem links frontal (anterior und posterior) und parietal sowie Verringerungen unter anderem frontal anterior medial, parietal und links parietookzipital. Der globale Hirnstoffwechsel blieb unverändert. (Offene Prä-post-Studie, n = 14, Einzeldosis, E 2b.)123 Nach mindestens 6-wöchiger Behandlung veränderte Methylphenidat den Stoffwechsel in nur 2 von 60 Hirnregionen. (Offene Prä-post-Studie, N = 37, n = 19, mindestens 6 Wochen, E 2b.)124

Eine Einzeldosis D-Amphetamin (0,25 mg/kg) veränderte dagegen den regionalen Stoffwechsel in 7 Regionen signifikant. Regionen mit großer Effektstärke zeigten Erhöhungen unter anderem im rechten Nucleus caudatus (Teil des Striatum) und Verringerungen unter anderem in der rechten Rolandi-Region und in anterioren frontalen Regionen. (Offene Prä-post-Studie, n = 13, Einzeldosis, E 2b.)123 Nach mindestens 6-wöchiger Behandlung veränderte D-Amphetamin weder den globalen noch den regionalen Hirnstoffwechsel. (Offene Prä-post-Studie, N = 37, n = 18, mindestens 6 Wochen, E 2b.)124

Die Stichproben (n), an denen diese Feststellungen untersucht wurden, waren mit 13 bis 19 Probanden je Wirkstoff sehr klein. Zu kleine Stichproben bergen die erhebliche Gefahr irreführender Ergebnisse.
Mehr hierzu unter ⇒ Untersuchungen besagen – manchmal gar nichts.

2.2. Wirkmechanismen und Wirksamkeit im Vergleich

(E 2b): MPH und Amphetamin unterschieden sich in Tier- und In-vitro-Studien bei:

  • der Transporterselektivität. MPH hemmte den humanen DAT (Ki 60 nM) und NET (100 nM) ähnlich stark, Amphetamin den NET (70 nM) stärker als den DAT (640 nM). (In-vitro-Studie, humane und murine Transporter, E 2b.)125
  • der vesikulären Aufnahme. MPH hemmte die vesikuläre Aufnahme von Dopamin (Ki 39.300 nM) und Noradrenalin (11.400 nM) nur schwach, d-Amphetamin deutlich stärker (565,2 bzw. 261 nM). (In-vitro-Studie, Ratten, herstellerfinanziert, E 2b.)126
  • der glutamatergen Übertragung auf dopaminerge VTA-Neuronen. MPH erhöhte nur die Frequenz miniaturisierter EPSCs und beeinflusste nur in hohen Dosen NMDA-, nicht AMPA/Kainat-Rezeptor-vermittelte EPSCs. Amphetamin erhöhte Frequenz und Amplitude der miniaturisierten EPSCs sowie beide EPSC-Arten, vor allem AMPA/Kainat. (Tierstudie, Hirnschnitte, Ratten, E 2b.)127

Amphetamin wirkte unabhängig von der neuronalen Feuerrate, verdrängte intraneuronale Katecholaminspeicher, verzögerte die Wiederaufnahme und hemmte den Abbau durch MAO. MPH wirkte feuerratenabhängig und über die Wiederaufnahmetransporter, erhöhte extrazelluläres Noradrenalin und Dopamin (auch außerhalb des Cortex) aber fast so stark wie D-Amphetamin. (Narrativer Review, herstellerfinanziert, E 4.)128

(E 2b): MPH und Amphetamin unterschieden sich in Tier- und In-vitro-Studien hinsichtlich

  • der Herkunft des freigesetzten Dopamins:
    • Amphetamin setzte im Rattenstriatum neu synthetisiertes, zytoplasmatisches Dopamin frei (DOPAC verringert), MPH erhöhte Dopamin ohne Veränderung von DOPAC (Tierstudie, Mikrodialyse, Ratten, E 2b.)129
    • Amphetamin (10⁻⁵ M) setzte in Striatumschnitten Dopamin, p-Tyramin und m-Tyramin in gleichem Ausmaß frei. MPH setzte die Tyramine ähnlich stark frei, Dopamin aber nur sehr wenig. Reserpin verstärkte die Dopaminfreisetzung durch MPH, nicht aber die durch Amphetamin. Amphetamin hemmte die Aufnahme aller drei Amine stärker als MPH. (In-vitro-Studie, Striatumschnitte, Ratten, E 2b.)130
    • Nomifensin verstärkte die Dopaminfreisetzung durch MPH und andere Nicht-Amphetamin-Stimulanzien, hemmte aber die durch Amphetamin (In-vitro-Studie, Striatumschnitte, Ratten, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)131
    • Bei SHR setzte Amphetamin möglicherweise Dopamin aus großen Vesikeln mit dichtem Kern (large dense core vesicles) frei. Eine erhöhte Dopaminsynthese und -freisetzung im Nucleus accumbens von SHR könnte die stärkere Wirkung von MPH auf die Dopaminfreisetzung bei SHR gegenüber WKY erklären. (Narrativer Review, E 4.)132
  • des Ausmaßes der Dopaminerhöhung:
    • extrazelluläres Dopamin im Striatum von Ratten (Mikrodialyse) nach: (Tierstudie, Ratten, Paviane, E 2b.)133
      • Amphetamin (2,5 mg/kg i. p.) +1.398 ± 272 %
      • MPH (5 mg/kg i. p.) +360 ± 31 %
    • synaptisches Dopamin (Verringerung der [11C]-Racloprid-Bindung im PET) bei Ratten und Pavianen nach: (Tierstudie, Ratten, Paviane, E 2b.)133
      • Amphetamin bei Ratten (2,5 mg/kg i. p.) 25 ± 4 %
      • MPH bei Pavianen (1,0 mg/kg i. v.) 25 ± 7 %
      • Amphetamin bei Pavianen (0,5 mg/kg i. v.) 24 ± 4 %
      • MPH bei Ratten (5 mg/kg i. p.) 21 ± 4 %
    • synaptisches Dopamin im Striatum beim Menschen (Verringerung der [11C]-Racloprid-Bindung im PET) nach: (Metaanalyse, k = 92, N = 1.640, E 2b.)134
      • oralem MPH 11,5 %
      • Amphetamin 10,9 %
      • Ketamin 9,8 %
      • Alkohol 4,8 %
      • kognitiven Aufgaben 2,7 %
  • der Bindung an den Spurenamin-assoziierten Rezeptor 1 (TAAR1). Die meisten Amphetamine aktivierten TAAR1 bei Ratten und Mäusen in physiologisch relevanter Konzentration, MPH zeigte keine Affinität für TAAR1. (In-vitro-Studie, HEK293-Zellen mit humanem, Ratten- und Maus-TAAR1, E 2b.)135
  • der Wirkung wiederholter Gabe. Amphetamin (0,5 bis 4 mg/kg) führte über 7 Tage zu einer Sensitivierung der motorischen Aktivierung, MPH (20 mg/kg) zu einer Toleranz. MPH in Dosen von 1 und 5 mg/kg blieb auch nach 7 Tagen ohne motorische Wirkung. (Tierstudie, Ratten, 7 Tage, E 2b.)136

Psychostimulanzien erhöhten das synaptische Dopamin stärker im Putamen und ventralen Striatum als im Nucleus caudatus. Die MPH-induzierte Dopaminfreisetzung nahm mit dem Alter ab. (Metaanalyse, k = 92, N = 1.640, E 2b.)134 Zu den molekularen Wirkmechanismen von MPH und Lisdexamfetamin bei ADHS lagen nur wenige, überwiegend tierexperimentelle Studien vor. (Narrativer Review mit strukturierter Suche, herstellerfinanziert, E 4.)137

(E 1a): Amphetaminmedikamente zeigten in Metaanalysen gegenüber Placebo höhere Effektstärken auf die ADHS-Symptomatik als MPH. Die Effektstärke betrug

  • bei Kindern und Jugendlichen für:
    • Lisdexamfetamin SMD −1,28 (95%-KI −1,84 bis −0,71) (Metaanalyse, k = 28 RCT, E 1a.)138
    • Amphetaminpräparate (alle ADHS-Symptome) SMD 1,03 (Metaanalyse mit Metaregression, k = 23 RCT, herstellerfinanziert, E 1a.)139
    • Amphetamine (Klinikerurteil) SMD −1,02 (95%-KI −1,19 bis −0,85) (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 10.068 Kinder und Jugendliche in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140
    • MPH (Lehrerurteil) SMD −0,82 (95%-KI −1,16 bis −0,48). Von den Amphetaminen lag kein auswertbarer Lehrervergleich vor. (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 10.068 Kinder und Jugendliche in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140
    • MPH (Klinikerurteil) SMD −0,78 (95%-KI −0,93 bis −0,62) (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 10.068 Kinder und Jugendliche in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140
    • MPH-Präparate (alle ADHS-Symptome) SMD 0,77 (Metaanalyse mit Metaregression, k = 23 RCT, herstellerfinanziert, E 1a.)139
    • MPH SMD −0,75 (95%-KI −0,98 bis −0,52) (Metaanalyse, k = 28 RCT, E 1a.)138
  • bei Erwachsenen für:
    • Lisdexamfetamin SMD −0,89 (95%-KI −1,09 bis −0,70) (Metaanalyse, k = 20 RCT, E 1a.)141
    • Amphetamine (Klinikerurteil) SMD −0,79 (95%-KI −0,99 bis −0,58) (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 8.131 Erwachsene in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140
    • gemischte Amphetaminsalze SMD −0,64 (95%-KI −0,83 bis −0,45) (Metaanalyse, k = 20 RCT, E 1a.)141
    • MPH SMD −0,50 (95%-KI −0,58 bis −0,41) (Metaanalyse, k = 20 RCT, E 1a.)141
    • MPH (Klinikerurteil) SMD −0,49 (95%-KI −0,64 bis −0,35) (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 8.131 Erwachsene in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140

In direkten Vergleichen (Klinikerurteil) waren Amphetamine Modafinil, Atomoxetin und MPH bei Kindern und Jugendlichen (SMD −0,46 bis −0,24) und bei Erwachsenen (SMD −0,94 bis −0,29) überlegen. Unter Berücksichtigung von Wirksamkeit und Verträglichkeit empfahlen die Autoren MPH als erste Wahl bei Kindern und Jugendlichen und Amphetamine bei Erwachsenen, da Amphetamine bei Kindern und Jugendlichen (OR 2,30, 95%-KI 1,36 bis 3,89) und MPH nur bei Erwachsenen (OR 2,39, 95%-KI 1,40 bis 4,08) schlechter vertragen wurden als Placebo. (Netzwerk-Metaanalyse, k = 133 RCT, N = 24.642, davon n = 18.199 in der Wirksamkeitsanalyse, E 1a.)140 Nach Kontrolle von Designmerkmalen blieb der Vorteil der Amphetaminpräparate gegenüber den MPH-Präparaten signifikant (p = 0,008), ebenso nach Korrektur für Publikationsbias (Amphetamin SMD von 1,10 auf 0,99, MPH von 0,79 auf 0,72). (Metaanalyse mit Metaregression, k = 23 RCT, herstellerfinanziert, E 1a.)139

(E 1a): In direkten Vergleichsstudien fand sich für Amphetaminmedikamente gegenüber MPH

  • für gemischte Amphetaminsalze (Adderall) gegenüber unretardiertem MPH ein kleiner Vorteil, gemessen am: (Metaanalyse, k = 4, herstellerfinanziert, E 1a.)142
    • Globalurteil SMD 0,52 (p = 0,007)
    • Klinikerurteil SMD 0,37 (p = 0,001)
    • Elternurteil SMD 0,28 (p = 0,037)
    • gepoolten Gesamteffekt SMD 0,25 (95%-KI 0,12 bis 0,39), nach Korrektur für Publikationsbias SMD 0,12 (p = 0,04)
    • Lehrerurteil SMD 0,13 (nicht signifikant)
  • für Lisdexamfetamin (30 bis 70 mg/Tag) gegenüber OROS-MPH (18 bis 54 mg/Tag) bei 6- bis 17-Jährigen eine um 5,6 Punkte (95%-KI −8,4 bis −2,7) stärkere Verringerung im ADHD-RS-IV (−24,3 gegenüber −18,7, Placebo −5,7) und ein um 17,4 Prozentpunkte (95%-KI 5,0 bis 29,8) höherer Anteil an CGI-I-Respondern (NNT 6) (Post-hoc-Analyse einer RCT, N = 336, n = 317, 7 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)143
  • für Lisdexamfetamin gegenüber OROS-MPH bei 13- bis 17-Jährigen: (Zwei RCTs, N = 1.013, 6 bzw. 8 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)144
    • bei Fixdosis (70 mg gegenüber 72 mg/Tag) ES −0,33 (p = 0,0013), CGI-I-Besserung 81,4 gegenüber 71,3 %
    • bei flexibler Dosis kein signifikanter Unterschied (ES −0,20, p = 0,0717), CGI-I-Besserung 83,1 gegenüber 81,0 %
  • für gemischte Amphetaminsalze eine Wirkung über das gesamte Besserungsspektrum, für MPH ein deutlicher Effekt bei „leicht“ und „viel gebessert“, nicht aber bei „sehr viel gebessert“. Beide verhinderten eine Verschlechterung. (Reanalyse einer RCT, N = 58, herstellerfinanziert, E 1b.)145
  • kein signifikanter Unterschied zwischen MPH (Ø 40 mg) und D-Amphetamin (Ø 20 mg) bei Kindern mit minimaler zerebraler Dysfunktion. Beide waren Placebo und Koffein überlegen. (Doppelblinde Crossover-Studie, n = 18, E 2a.)146
  • eine Verbesserung der Rechengenauigkeit nur unter D-Amphetamin, während beide Wirkstoffe die Anzahl bearbeiteter Lese- und Rechenaufgaben und die Lesegenauigkeit verbesserten (Jungen mit ADHS, Schulunterricht) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studie, n = 33, 11 Wochen, E 1b.)147

Beide Stimulanzienklassen gelten als robust wirksam. Bei unzureichendem Ansprechen kann ein Wechsel der Stimulanzienklasse das individuelle Ansprechen verbessern. (Narrativer Review, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 4.)148

Bei gesunden Erwachsenen verbesserte MPH die kognitive Leistung gering (SMD 0,21, p = 0,0004), vor allem Abruf (SMD 0,43), Daueraufmerksamkeit (SMD 0,42) und Inhibitionskontrolle (SMD 0,27), während D-Amphetamin keine signifikanten Effekte zeigte. (Metaanalyse, k = 47, davon MPH k = 24 und D-Amphetamin k = 10, E 1a.)149

(E 2b): In Tierstudien zu Aufmerksamkeit und Impulsivität fand sich für Amphetamin und MPH

  • eine verbesserte Aufmerksamkeitsleistung (5-Choice Serial Reaction Time Task) nur bei hoher Reizfrequenz (Amphetamin 0,03 bis 0,3 mg/kg, MPH 1 bis 6 mg/kg). Amphetamin erhöhte vorzeitige Antworten (motorische Impulsivität), verringerte aber Fehlalarme im Go/NoGo. Die Wirkung von MPH auf die Impulsivität war uneinheitlich und vom Ausgangsniveau abhängig. (Tierstudie, Long-Evans-Ratten, E 2b.)150
  • eine verbesserte Genauigkeit nur bei wenig aufmerksamen Mäusen (Amphetamin 0,5 mg/kg, MPH 2 mg/kg). Vorzeitige Antworten nahmen unter Amphetamin 1 mg/kg und MPH 0,5 mg/kg zu. (Tierstudie, C57Bl/6J-Mäuse, E 2b.)151
  • mehr Antworten nach Stoppsignal und deutlich mehr vorzeitige Antworten (Stop-Signal-Aufgabe), während Atomoxetin die Stoppgenauigkeit leicht verbesserte und vorzeitige Antworten verringerte (Tierstudie, n = 8, Ratten, E 2b.)152
  • mehr riskante Wahlen (Amphetamin 0,25 mg/kg, MPH 3,0 mg/kg) (Tierstudie, n = 8, Ratten, E 2b.)153

2.3. Direkte Vergleiche bei Kindern und individuelles Ansprechen

(E 1b): Methylphenidat und D-Amphetamin wirkten in direkten Crossover-Vergleichen bei Kindern gruppenbezogen gleich gut, individuell war oft eines der beiden Stimulanzien überlegen oder besser verträglich, bei:

  • Wirksamkeit: MPH und D-Amphetamin waren in 6 Beurteilungen signifikant besser als Placebo und Koffein, untereinander nicht verschieden. Von 26 Respondern sprachen 12 am besten auf D-Amphetamin, 10 auf MPH und 1 auf Koffein an. Je 6 Kinder sprachen nur auf eines der beiden Stimulanzien an (Doppelblinde Crossoverstudie, n = 29, E 2a.)154
  • Ansprechrate (CGI): D-Amphetamin 88 %, MPH 79 %, mindestens eines der beiden 96 % (Jungen in einer Tagesklinik, weiter Dosisbereich bis im Mittel 2,5 mg/kg/Tag MPH) (Doppelblinde Crossoverstudie, n = 48, 9 Wochen, E 1b.)155
  • Aufmerksamkeit und Aktivität: beide Stimulanzien mit vergleichbar großen Effekten gegenüber Placebo im computergestützten CPT mit Bewegungsmessung und im Lehrerurteil (9 bis 14 Jahre) (Sekundäranalyse einer RCT, Crossover, n = 36, 6 Wochen, E 2b.)156
  • Nebenwirkungen: gruppenbezogen ähnliche Profile, unter D-Amphetamin stärkere Schlaflosigkeit. Bei 7 (39 %) von 18 Kindern, die auf beide Stimulanzien ansprachen, unterschieden sich die Nebenwirkungen beider Stimulanzien klinisch relevant (RCT, Crossover, N = 36, n = 34, 6 Wochen, E 1b.)157

(E 1b): Methylphenidat und Amfetaminmedikamente verringerten die ADHS-Symptome vergleichbar bei:

  • Kindern und Jugendlichen unter retardiertem Dexmethylphenidat (10 bis 30 mg) und retardierten gemischten Amfetaminsalzen (10 bis 30 mg). Bei der höchsten Dosis zeigten 79 % bzw. etwa 80 % eine reliable Verbesserung (ADHD-RS-IV). Die Dosis bestimmte das Ansprechen stärker als die Stimulanzienklasse. Hyperaktivität/Impulsivität besserte sich stark, Unaufmerksamkeit nur mäßig dosisabhängig. Appetitminderung und Schlaflosigkeit nahmen bei beiden Wirkstoffen mit der Dosis zu. (Doppelblinde Crossover-RCT, N = 65, n = 56, 8 Wochen, herstellerfinanziert, E 1b.)158
  • stimulanziennaiven Kindern und Jugendlichen (4,5 bis 16,4 Jahre) unter unretardiertem Methylphenidat und unretardiertem Dexamfetamin. (Offene RCT, n = 100, 12 Monate, E 1b.)159

Nach 12 Monaten nahmen das zugeteilte Medikament noch ein: (Offene RCT, n = 100, 12 Monate, E 1b.)159

  • Methylphenidat 68 % (34 von 50)
  • Dexamfetamin 56 % (28 von 50, p = 0,15)

Der Gewichtsverlust nach 3 Monaten betrug unter: (Offene RCT, n = 100, 12 Monate, E 1b.)159

  • Dexamfetamin 1,44 kg (SD 2,42)
  • Methylphenidat 0,31 kg (SD 0,97, p = 0,005)

  1. Pitzianti MB, Spiridigliozzi S, Bartolucci E, Esposito S, Pasini A (2020): New Insights on the Effects of Methylphenidate in Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Front Psychiatry. 2020 Sep 30;11:531092. doi: 10.3389/fpsyt.2020.531092. PMID: 33132928; PMCID: PMC7561436. REVIEW ↥

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