MPH Teil 5 - Dosierung
Bedeutung für Betroffene
Dieser Beitrag behandelt die Dosierung von Methylphenidat (MPH), seine Wirkung, seine Nebenwirkungen, seine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und seine Gegenanzeigen.
Die passende MPH-Dosis ist sehr individuell. Sie lässt sich weder aus dem Körpergewicht noch aus dem Alter verlässlich ableiten. Manche Betroffene kommen mit wenigen Milligramm aus, andere benötigen ein Vielfaches davon. Erwachsene benötigten in Studien keine niedrigere, eher eine höhere Tagesdosis als Kinder. Bei Kindern und Jugendlichen nahm die Wirkung im Mittel bis etwa 45 mg pro Tag zu und flachte dann ab, während Abbrüche wegen Nebenwirkungen mit der Dosis weiter zunahmen. Bei Erwachsenen stieg die Wirkung auch darüber hinaus noch an, jedoch mit immer geringerem Zusatznutzen.
Alle Leitlinien empfehlen, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese schrittweise zu steigern, bis eine gute Wirkung bei tragbaren Nebenwirkungen erreicht ist. ADxS hält kleine Schritte von 2,5 mg je Einzeldosis im Abstand von mehreren Tagen für sinnvoll. Während der Eindosierung sollte auf Koffein verzichtet werden, da es unter MPH Zittrigkeit auslösen und eine Überdosierung vortäuschen kann. Zeichen einer zu hohen Dosis sind unter anderem anhaltende innere Unruhe, Zittrigkeit und eine emotionale Abflachung. Bei passender Dosis berichten Betroffene häufig, mehr sie selbst zu sein.
Die einzelnen MPH-Präparate unterscheiden sich in Freisetzung und Trägerstoffen. Treten bei einem Präparat Nebenwirkungen auf oder bleibt die Wirkung aus, kann ein anderes Präparat besser passen. Hilft kein MPH-Präparat, kommen Amphetaminmedikamente in Betracht. Die Einnahme sollte so geplant werden, dass der Tag abgedeckt ist, die Wirkung zur Schlafenszeit aber abgeklungen ist.
MPH ist bei Kindern Mittel der ersten Wahl. Die Wirkung auf die Kernsymptome ist bei Kindern und Jugendlichen groß und bei Erwachsenen mittelgroß. Häufige Nebenwirkungen sind Appetitminderung, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit. Sie treten meist zu Behandlungsbeginn auf und lassen oft innerhalb einiger Wochen nach. Schwere Nebenwirkungen waren in Studien unter MPH nicht häufiger als unter Placebo. Das Längenwachstum kann sich bei Kindern leicht verzögern. Blutdruck und Puls steigen im Mittel geringfügig. Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse sind selten. Blutdruck und Puls sollten dennoch regelmäßig kontrolliert werden. Das Risiko einer Psychose ist unter MPH allenfalls leicht erhöht und geringer als unter Amphetaminmedikamenten. Ein in einer Registerstudie gefundener Zusammenhang mit Parkinson-ähnlichen Erkrankungen lässt sich nicht von einer schwereren ADHS trennen. Schwerwiegende Langzeitschäden durch übliche Dosen sind nicht bekannt. Behandelte Betroffene hatten in Studien seltener Knochenbrüche und in den ersten Einnahmejahren seltener Typ-2-Diabetes.
MPH kann mit anderen Wirkstoffen wechselwirken. Mit nicht selektiven, irreversiblen MAO-Hemmern darf es nicht kombiniert werden. Alkohol erhöht den MPH-Spiegel und kann Nebenwirkungen verstärken. MPH kann blutdrucksenkende Medikamente abschwächen und den Abbau einiger anderer Medikamente hemmen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Antipsychotika wie Risperidon können ausgelassene oder geänderte MPH-Dosen Bewegungsstörungen auslösen. Am Tag einer geplanten Operation sollte MPH laut Fachinformation nicht eingenommen werden.
In der Schwangerschaft fanden große Studien allenfalls leicht erhöhte Risiken, etwa für Herzfehlbildungen oder Präeklampsie, die teilweise auf die ADHS selbst zurückgehen könnten. In die Muttermilch geht nur sehr wenig MPH über. Gegenanzeigen sind unter anderem bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Psychosen, schwere Depression, Anorexia nervosa, Glaukom und eine Schilddrüsenüberfunktion. Über Beginn, Dosis und Fortsetzung der Behandlung sollte gemeinsam mit einem in der ADHS-Behandlung erfahrenen Arzt entschieden werden.
71 % der Kinder mit ADHS-HI oder ADHS-C (damals ADD+H) wurde eine moderate bis hohe Dosierung empfohlen (hier 10 bzw. 15 mg MPH zweimal täglich, nach heutigem Maßstab eher mittlere Dosen). (RCT, Crossover, n = 40 Kinder, 3 Dosisstufen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)1 Nach einem Review sprechen über zwei Drittel der Kinder mit ADHS auf moderate bis hohe MPH-Dosen an. (Narrativer Review, E 4.)2
Wichtig seien insbesondere “die letzten 10 mg”, um eine optimale Wirkung zu erzielen. (Buchkapitel, Expertenmeinung, E 4)3
Bei der Dosierungseinstellung sollte daher nicht zu früh mit der Dosierungssteigerung aufgehört werden. Emotionale Verarmung (“Zombie”) ist Zeichen einer Überdosierung. (Erfahrung ADxS)
Die striatale Bindung an DAT (Dopamintransporter) nahm bei Gesunden zwischen 18 und 83 Jahren um 51 % ab, etwa 8 % pro Lebensjahrzehnt. (Querschnittstudie, SPECT, n = 28, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)4 Bei 22- bis 80-Jährigen nahm die DAT-Dichte um 7,6 % (Nucleus caudatus) bzw. 7,7 % (Putamen) pro Lebensjahrzehnt ab. (Querschnittstudie, PET, n = 36, E 3.)5 Kinder wurden nicht untersucht. Ob Erwachsene deshalb weniger MPH benötigen, ist nicht belegt (siehe unten). Bei Erwachsenen empfiehlt sich eine Einstiegsdosierung von max. 5 mg alle 3 Stunden (unretardiert). (Einschätzung ADxS)
Wissenschaftlich: Halbwertszeit von MPH
Die Halbwertszeit von MPH beträgt: (Narrativer Review, Autoren bei Hersteller angestellt, Werte als Sekundärzitat, E 4)6
- bei Kindern ca. 2,5 Stunden
- bei Erwachsenen ca. 3,5 Stunden
6. Dosierung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Dieses Kapitel beschreibt, wie die passende MPH-Dosis gefunden wird. Die erforderliche Dosis unterscheidet sich zwischen Betroffenen erheblich und hängt kaum von Körpergewicht oder Alter ab. Daher wird mit einer niedrigen Dosis begonnen und langsam gesteigert.
Die Abschnitte behandeln die Abdeckung des Tages, Nebenwirkungen während der Eindosierung, Zeichen einer Überdosierung, den Wechsel zwischen MPH-Präparaten oder zu Amphetaminmedikamenten, praktische Fragen der Einnahme, die Wirkung bei Menschen ohne ADHS, die Behandlung im höheren Lebensalter sowie die Empfehlungen internationaler Leitlinien. Die Leitlinien stimmen darin überein, dass die Dosis individuell ermittelt werden sollte, bis eine gute Wirkung bei tragbaren Nebenwirkungen erreicht ist.
Zur Eindosierung von MPH und Stimulanzien siehe ausführlich unter Eindosierung von Medikamenten bei ADHS
6.1. MPH nicht pauschal nach Gewicht oder Alter
Bedeutung für Betroffene
Die passende MPH-Dosis lässt sich nicht aus Körpergewicht oder Alter berechnen. In den meisten Studien bestand zwischen der individuell ermittelten Dosis und dem Körpergewicht kein Zusammenhang. Die in Studien gefundenen passenden Tagesdosen reichten von 18 mg bis 180 mg. Auch die MPH-Blutspiegel unterscheiden sich bei gleicher Dosis zwischen Menschen um ein Vielfaches, bleiben bei derselben Person aber recht stabil. Die passende Dosis muss deshalb für jeden Betroffenen einzeln ermittelt werden.
Im Mittel steigt die Wirkung mit der Dosis zunächst an. Bei Kindern und Jugendlichen nahm sie bis etwa 45 mg pro Tag zu und flachte dann ab, während Abbrüche wegen Nebenwirkungen mit höheren Dosen weiter zunahmen. Bei Erwachsenen stieg die Wirkung auch oberhalb dieser Menge noch an, der Zusatznutzen wurde aber immer kleiner. Dosen über der zugelassenen Höchstdosis brachten im Mittel nur wenig zusätzlichen Nutzen und mehr Abbrüche wegen Nebenwirkungen. Kinder mit sehr hohen Dosen zeigten in einer Studie eine stärkere Wachstumsverzögerung. Beim einzelnen Kind verlief die Dosis-Wirkungs-Kurve uneinheitlich. Bei einem Teil der Kinder brachten höhere Dosen keine weitere Besserung, bei manchen Jugendlichen verschlechterten sich die Leistungen im Unterricht unter höheren Dosen sogar.
Erwachsene benötigten in Studien keine geringere, eher eine höhere absolute Tagesdosis als Kinder. Gleichwohl kommen manche Erwachsene mit sehr kleinen Dosen aus. Nach den Erfahrungen von ADxS benötigen Betroffene mit vorwiegend unaufmerksamer Präsentation (ADHS-I) und Betroffene mit Autismus häufiger niedrige Dosen. Bei Kindern mit Autismus wirkte MPH schwächer und verursachte häufiger Nebenwirkungen.
Bei Frauen, deren ADHS- und Stimmungssymptome sich vor der Menstruation verschlechterten, verbesserte in einer kleinen Fallserie eine vorübergehende Dosiserhöhung um den Menstruationsbeginn die Beschwerden.
Für die Praxis folgt daraus, dass die Dosissteigerung weder zu früh beendet noch über die Dosis hinaus fortgesetzt werden sollte, ab der keine weitere Verbesserung eintritt. Zeichen einer Überdosierung wie eine emotionale Abflachung sprechen für eine Dosisreduktion.
Methylphenidat wird nicht pauschal “nach Körpergewicht” dosiert. Bei Kindern und Jugendlichen bestand kein Zusammenhang zwischen der in offener Titration ermittelten Dosis und dem Körpergewicht. (RCT, Daten aus offener Dosisfindungsphase, n = 230 randomisiert, n = 221 in offener Phase, 1 Woche doppelblind + 11 Wochen offen, herstellerfinanziert, E 2b für diese Daten.)7 Eine naturalistische Studie hielt das Körpergewicht dagegen für einen verlässlichen Parameter der Dosistitration. (Querschnittstudie, naturalistisch, n = 59, E 2b.)8 Es gibt Betroffene, die mit sehr geringen Dosen MPH (3 bis 5 mg alle 3 Stunden) auskommen. (Erfahrung ADxS) Andere benötigen die maximal empfohlene Dosis von 1 mg/kg Körpergewicht am Tag.
Die Maximaldosis von 1 mg/kg Körpergewicht und Tag gilt vornehmlich für Kinder. In Studien an Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren, bei denen die passende MPH-Dosis stufenweise ermittelt wurde, lagen die festgelegten Höchstdosen zwischen 0,8 mg / kg / Tag und 1,8 mg / kg / Tag. Für keine dieser Höchstdosen fand sich eine erkennbare wissenschaftliche Begründung. (Metastudie, k = 49 (11 RCTs, 38 Kohortenstudien), n = 5.524 in Kohortenstudien, n = 1.304 MPH + 887 Kontrollen in RCTs, E 2b.)9 Bei Betroffenen, die MPH gut vertragen und mit niedrigeren Dosen lediglich eine moderate Wirkung erzielen, kann auch eine Dosierung von mehr als 1 mg/kg/Tag getestet werden. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)10
Bei Erwachsenen mit ADHS und Substanzkonsumstörung korrelierte die verordnete MPH-Tagesdosis (30 bis 600 mg, Median 160 mg) nicht mit dem Körpergewicht (rs = 0,12). Die auf das Körpergewicht bezogene Tagesdosis unterschied sich zwischen den Patienten um das 23-Fache. (Beobachtungsstudie, n = 28, E 2b.)11 In einer Metaanalyse placebokontrollierter Studien an Kindern und Jugendlichen zeigten Studien mit gewichtsbezogener Dosierung größere Effekte als Studien mit fester Dosierung (Koeffizient 0,24, 95 %-KrI 0,06 bis 0,41). (Metastudie, k = 48 RCTs, N = 4.964, E 1a.)12
Große individuelle Unterschiede im Dosisbedarf
Die zuletzt verabreichte Tagesdosis von flexibel dosiertem OROS-MPH variierte bei Erwachsenen stark: (Offene Studie (Verlängerung eines RCT), n = 370, 7 Wochen, Autoren bei Hersteller angestellt, E 2b.)13
- 7,9 % mit 18 mg
- 29,3 % mit 36 mg
- 34,4 % mit 54 mg
- 19,8 % mit 72 mg
- 8,7 % mit 90 mg
Bei Kindern und Jugendlichen (6 bis 18 Jahre) verteilte sich die finale Dosis von retardiertem MPH (Aptensio XR) nach 11-wöchiger offener Dosisfindung wie folgt: (RCT, Daten aus offener Dosisfindungsphase, n = 230 randomisiert, n = 221 in offener Phase, 1 Woche doppelblind + 11 Wochen offen, herstellerfinanziert, E 2b für diese Daten.)7
- 1,5 % mit 10 mg
- 2,0 % mit 15 mg
- 16,8 % mit 20 mg
- 27,7 % mit 30 mg
- 25,2 % mit 40 mg
- 17,8 % mit 50 mg
- 8,9 % mit 60 mg
In einer RCT an Erwachsenen folgte auf eine Phase mit festen Dosen (40, 60 oder 80 mg MPH-LA/Tag) eine individuelle Dosisfindung. Danach waren jeweils ähnlich viele Patienten auf 40, 60 und 80 mg/Tag optimal eingestellt (152, 177 und 160). (RCT, n = 725, 40 Wochen, herstellerfinanziert, E 1b.)14 Zwei Drittel der Patienten benötigten nach individueller Titration eine andere Dosis als die zuvor fest zugeteilte. (Post-hoc-Analyse einer offenen Phase eines RCT, n = 584, 5 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)15
Die optimale MPH-Tagesdosis schwankte zwischen 18 und 180 mg. Die gewichts- und dosisbezogenen MPH-Blutspiegel unterschieden sich unter OROS-MPH dagegen nicht zwischen den untersuchten Altersgruppen. (Querschnittstudie, naturalistisch, n = 59, E 2b.)8 Ansprechen, erforderliche Dosis und Nebenwirkungen variieren interindividuell erheblich. (Systematischer Review und Metastudie, E 3.)16 Als Einflussfaktoren gelten unter anderem genetische Variabilität, Körpergewicht, Alter, Geschlecht, Toleranzentwicklung, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Begleiterkrankungen. (Narrativer Review mit nicht publizierten Studiendaten, Autoren bei Hersteller angestellt, E 4.)17 Träger der Genvariante CES1-143E (CES1: Carboxylesterase 1, Hauptabbauenzym von MPH) wiesen nach 10 mg MPH eine mehr als doppelt so hohe d-MPH-Exposition auf (medianes AUC 53,3 vs. 21,4 ng·h/ml, Halbwertszeit 4,0 vs. 2,6 Stunden). Die Variante fand sich bei 6 von 200 gesunden Dänen (Allelfrequenz 1,6 %). (Pharmakokinetische Studie, n = 44 Gesunde, Einzeldosis, E 2b.)18 Wegen ihrer Seltenheit gelten CES1-Varianten jedoch als wenig plausible Erklärung der Dosisvariabilität. (Querschnittstudie, naturalistisch, n = 59, E 2b.)8
Erwachsene benötigten eine höhere absolute Tagesdosis als Kinder (Median 72 vs. 36 mg) bei gleicher gewichtsbezogener Dosis (1,0 mg/kg). (Querschnittstudie, naturalistisch, n = 59, E 2b.)8 Manche Erwachsene kommen dennoch mit sehr niedrigen Tagesdosen aus. (Erfahrung ADxS)
Eindosierung bei Erwachsenen
Die DAT-Dichte nimmt im Erwachsenenalter um etwa 8 % pro Lebensjahrzehnt ab (siehe oben). Ob Erwachsene deshalb weniger MPH benötigen als Kinder, ist nicht belegt. Eine Dosierung wie bei Kindern kann bei manchen Erwachsenen bereits eine Überdosierung darstellen. (Erfahrung ADxS) Daher ist bei Erwachsenen eine noch langsamere Eindosierung in noch niedrigeren Schritten (Steigerung 2,5 mg bis max. 5 mg unretardiert / Tag, alle 4 Tage) empfehlenswert. (Einschätzung ADxS) Eine Überdosierung kann genau die Symptome verursachen, die eigentlich vermieden werden sollen, da der optimale Dopaminspiegel bereits überschritten ist, was sehr ähnliche Signalübertragungsprobleme verursacht wie der ADHS-typische zu niedrige Dopaminspiegel. (Einschätzung ADxS) Bei einer höheren Dosierung (über 60 mg / Tag) berichten einzelne Neurologen von Anpassungseffekten (nicht statistisch abgesichert). (Erfahrung ADxS)
Wissenschaftlich: Unterschiedliche MPH-Plasmaspiegel bei gleicher Dosis
Die auf die Dosis bezogene Plasmakonzentration des wirksamen d-MPH unterschied sich zwischen Erwachsenen um das 25-Fache (0,1 bis 2,5 ng/ml je mg), war innerhalb derselben Person bei wiederholter Messung jedoch weitgehend stabil. (Beobachtungsstudie, n = 28, E 2b.)11
Dosis-Wirkungs-Kurve
(E 1b): Die Dosis-Wirkungs-Kurve von unretardiertem MPH auf Schulleistung und Unterrichtsverhalten verlief bei:
- Kindern linear (0,15, 0,3 und 0,6 mg/kg) für Leseverständnis, Rechenleistung (Menge und Genauigkeit), Rechtschreiben, Störverhalten und aufgabenbezogenes Verhalten (RCT, doppelblind, Crossover, n = 29, 5 Wochen, E 1b.)19
- Jugendlichen überwiegend flach. Der größte Zugewinn lag meist zwischen Placebo und 10 mg (morgens und mittags, plus 5 mg nachmittags, im Mittel 0,18 mg/kg je Gabe). Viele Jugendliche profitierten nicht von höheren Dosen, manche verschlechterten sich. Eine Erhöhung von 20 auf 30 mg führte eher zu einer Verschlechterung als zu einer großen Verbesserung (RCT, doppelblind, Crossover, n = 45, 6 Wochen, E 1b.)20
Bei Kindern und Jugendlichen nahm die Wirkung von MPH auf die ADHS-Symptome mit der Tagesdosis bis etwa 45 mg zu und flachte dann ab:
- Metaanalyse fester Dosen (Chang 2026): stärkste Wirkung bei 45 mg/Tag (SMD 1,06, 95 %-KrI 0,91 bis 1,22), bei 60 mg/Tag geringer (SMD 0,70, 0,48 bis 0,94). Abbrüche wegen Nebenwirkungen stiegen von 1,4 % (10 mg) auf 8,2 % (60 mg). Den besten Nettonutzen aus Wirkung und Abbruchrisiko erzielten bei neutraler Gewichtung 18 bis 46 mg/Tag (Optimum 30 bis 39 mg/Tag). (Metastudie, k = 48 RCTs, N = 4.964, E 1a.)12
- Dosis-Wirkungs-Netzwerkmetaanalyse (Nourredine 2026): Wirkungsgipfel bei etwa 45 mg/Tag (SMD −0,89, 95 %-KrI −1,18 bis −0,60), darüber kein Zusatznutzen. Ein dosisabhängiges Abbruchrisiko fand sich bei Kindern nicht (höchstens 2,7 % bei etwa 50 mg/Tag gegenüber 1,3 % unter Placebo). (Metastudie, k = 68 RCTs bei Kindern und Jugendlichen, N = 14.138, E 1a.)21
- Neurokognition (Vertessen 2022): MPH verbesserte alle untersuchten neurokognitiven Funktionen (d = 0,20 bis 0,73). Mit steigender Dosis (0,10 bis 1,00 mg/kg je Einzeldosis) verbesserten sich ADHS-Symptome (über alle Dosen SMD 0,95), Reaktionsvariabilität und nicht-exekutives Gedächtnis weiter, die Grundgeschwindigkeit nur unter hoher Dosis (0,61 bis 1,00 mg/kg) stärker als unter niedriger und mittlerer, exekutive Funktionen (Arbeitsgedächtnis, Inhibition, kognitive Flexibilität) dagegen nicht. Nachteilige Wirkungen hoher Dosen auf die Kognition fanden sich nicht. (Metastudie, k = 31, N = 804, E 1a.)22
Auf Ebene des einzelnen Kindes verlief die Dosis-Wirkungs-Kurve uneinheitlich. Bei wöchentlichem Wechsel zwischen Placebo und 5, 10, 15 und 20 mg MPH zweimal täglich zeigten 73 bis 88 % der Kinder eine mit der Dosis zunehmende Symptomverbesserung, bei 12 bis 27 % brachten höhere Dosen keine weitere Verbesserung. Nebenwirkungen nahmen bei 59 bis 60 % der Kinder mit der Dosis zu. (RCT, Crossover, n = 45, 5 Wochen, E 1b.)23
Bei Erwachsenen stieg die Wirkung von MPH mit der Dosis, mit abnehmendem Zusatznutzen bei höheren Dosen:
- je 10 mg mehr MPH um SMD 0,11 bis 0,12 (Metaregression, bei durchschnittlich 57,4 mg/Tag SMD 0,57 bis 0,58). (Metastudie, k = 18 RCTs, N = 2.045, E 1a.)24
- ED50 bei 25 mg/Tag, ED95 bei 72,5 mg/Tag, Zusatznutzen über 35 bis 40 mg/Tag zunehmend gering. (Metastudie, k = 47 RCTs, N = 7.714, E 1a.)25
- Wirkungszunahme über den gesamten untersuchten Dosisbereich ohne erkennbares Plateau, mit abnehmenden Zugewinnen ab etwa 50 mg/Tag. (Metastudie, k = 45 RCTs bei Erwachsenen, N = 11.016, E 1a.)21
- Fest zugeteilte 18, 36 und 72 mg OROS-MPH verringerten die Symptome (CAARS) um 10,6, 11,5 und 13,7 Punkte gegenüber 7,6 unter Placebo. Die Responderraten betrugen 50,5 %, 48,5 % und 59,6 % gegenüber 27,4 %. Nebenwirkungen traten bei 75 %, 76 % und 82 % auf gegenüber 66 % unter Placebo. Abbrüche wegen Nebenwirkungen stiegen von 1,0 % (18 mg) über 3,9 % (36 mg) auf 7,8 % (72 mg) gegenüber 1,0 % unter Placebo, Appetitminderung von 19,8 % über 21,6 % auf 34,3 % gegenüber 7,3 %. (RCT, n = 401, 5 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)26
Studien mit flexibler Titration erzielten bei Erwachsenen keine signifikant höhere Wirkung als Studien mit fester Dosis (SMD 0,53, 95 %-KI 0,31 bis 0,75, gegenüber 0,40, 0,08 bis 0,72, p = 0,485). (Metastudie, k = 18 RCTs, N = 2.045, E 1a.)24
Hohe Dosen
Dosen oberhalb der Zulassungsgrenze (FDA: 60 mg/Tag) erbrachten bei Erwachsenen im Mittel nur einen geringen Zusatznutzen bei mehr Abbrüchen wegen Nebenwirkungen:
- Gegenüber zugelassenen Dosen verringerten nicht zugelassene Dosen die Symptome etwas stärker (SMD −0,23, 95 %-KI −0,44 bis −0,02, sehr geringe Evidenzsicherheit) und verdoppelten das Risiko eines Abbruchs wegen Nebenwirkungen (OR 2,02, 95 %-KI 1,19 bis 3,43). Je mg/Tag stieg dieses Abbruchrisiko um 2,23 % (95 %-KI 1,11 bis 3,35 %). (Metastudie, k = 47 RCTs, N = 7.714, E 1a.)25
- Das Risiko eines Abbruchs wegen Nebenwirkungen lag bei 60 mg/Tag bei 7,3 % (95 %-KrI 4,3 bis 12,0) und bei 90 mg/Tag bei 10,0 % (5,0 bis 19,8) gegenüber 2,6 % unter Placebo, während sich die Wirkung nur von SMD −0,38 auf −0,52 verbesserte. (Metastudie, k = 45 RCTs bei Erwachsenen, N = 11.016, E 1a.)21
Bei Jugendlichen (11 bis 20 Jahre) unter durchschnittlich 169 mg OROS-MPH täglich (126 bis 270 mg, 3,0 mg/kg) und durchschnittlich 2,2 weiteren Medikamenten lag der mittlere MPH-Plasmaspiegel 4 bis 5 Stunden nach Einnahme bei 28 ng/ml (15,5 bis 49,0 ng/ml). Kein Patient erreichte 50 ng/ml oder zeigte Zeichen einer Stimulanzienvergiftung. Plasmaspiegel und Dosis korrelierten nicht. (Querschnittstudie, naturalistisch, retrospektiv, n = 17, E 3.)27 Kinder, die bei schrittweiser Dosisanpassung auf hohe Stimulanziendosen (MPH über 2 mg/kg/Tag oder über 108 mg/Tag) eingestellt waren, zeigten eine stärkere Wachstumsverzögerung als Kinder mit üblicher Dosis (Änderung des Größen-z-Werts −0,41 gegenüber −0,09). Diese trat überwiegend schon vor Erreichen der hohen Dosis auf. Weitere schwerwiegende Komplikationen wurden nicht berichtet. Häufigster Grund für eine Dosisreduktion war, dass die höhere Dosis keinen Zusatznutzen brachte. 50 der 52 Kinder mit hoher Dosis erhielten MPH (Höchstdosis 216 mg/Tag bzw. 3,1 mg/kg/Tag). Der Blutdruck zeigte keinen einheitlichen Zusammenhang mit der Dosis. (Retrospektive Fall-Kontroll-Aktenstudie, n = 52 hohe Dosis, n = 118 übliche Dosis, im Mittel über 4 Jahre, E 3.)28
Niedriger Dosisbedarf bei ADHS-I und Autismus
Betroffene mit der ADHS-I-Präsentationsform scheinen besonders häufig niedrigere Dosen zu benötigen. Von Kindern mit ADHS-I (damals ADD-H) sprachen 24 % nicht auf MPH an und 35 % am besten auf die niedrige Dosis (5 mg zweimal täglich). (RCT, Crossover, n = 40 Kinder, 3 Dosisstufen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)1 Bei Kindern (5 bis 14 Jahre) mit tiefgreifender Entwicklungsstörung und Hyperaktivität sprachen 49 % auf MPH an (Effektstärke 0,20 bis 0,54), 18 % brachen die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. 16 von 66 Kindern vertrugen die höchste Dosis (etwa 0,5 mg/kg je Einzeldosis) nicht. Die Wirkung war geringer und Nebenwirkungen waren häufiger als bei sonst typisch entwickelten Kindern mit ADHS. (RCT, Crossover, n = 72, 4 Wochen, E 1b.)29 ASS-Betroffene scheinen noch häufiger niedrigere Dosen zu benötigen. (Erfahrung ADxS)
Wir kennen mehrere Fälle von betroffenen Erwachsenen, die mit einer Einzeldosis von 1,25 mg unretardiertem MPH optimal dosiert sind. (Erfahrung ADxS)
Dosisanpassung im Menstruationszyklus
Bei Frauen mit prämenstrueller Verschlechterung von ADHS- und Stimmungssymptomen wurde die Stimulanziendosis an 3 bis 10 Tagen um den Menstruationsbeginn um 30 bis 50 % erhöht. Alle 9 Frauen berichteten über besser kontrollierte ADHS- und Stimmungssymptome bei minimalen Nebenwirkungen und behielten die Anpassung bei. Zwei erhielten MPH-Präparate (retardiertes MPH von 72 auf 108 mg, retardiertes Dexmethylphenidat von 20 auf 30 mg), die übrigen Lisdexamfetamin oder Dexamfetamin. (Fallserie, n = 9, 6 bis 24 Monate, E 4.)30
6.2. Tagesabdeckung MPH
Bedeutung für Betroffene
MPH sollte so eingenommen werden, dass es über den ganzen Tag wirkt, nicht aber am späten Abend und in der Nacht. Lässt die Wirkung zu früh nach, sind Betroffene ihrer Stressempfindlichkeit danach wieder ausgesetzt. Die letzte Dosis sollte so gewählt werden, dass die Wirkung zur Schlafenszeit abgeklungen ist, da MPH bei vielen Menschen das Einschlafen erschwert.
Bei stationär behandelten Kindern verbesserte eine dritte Dosis am Nachmittag das Verhalten bis zum Abend, ohne das Einschlafen zu verzögern. Einigen Betroffenen hilft nach den Erfahrungen von ADxS eine kleine Dosis am Abend sogar beim Einschlafen, weil das Gedankenkreisen nachlässt. Studien belegen dies bisher nicht.
Empfehlenswert ist auf jeden Fall, MPH so einzusetzen, dass der gesamte Tag abgedeckt wird, nicht aber der spätere Abend und die Nacht. (Einschätzung ADxS)
Details
MPH nur einmalig (morgens) für 3 (unretardiert) oder 6 Stunden (retardiert) zu nehmen, bewirkt, dass der Betroffene danach seiner Stressempfindlichkeit wieder ausgeliefert ist. In den letzten Stunden vor dem Schlafengehen sollte MPH mit Vorsicht benutzt werden. Die meisten Menschen reagieren mit Schlafproblemen. Einigen ermöglicht eine Viertel bis halbe Stimulanziendosis dagegen gerade das Einschlafen, weil es das Gedankenkreisen abstellt. (Erfahrung ADxS) Möglicherweise könnte eine niedrige Dosis unretardierter Stimulanzien bei denjenigen Personen hilfreich sein, die ohnehin ein niedriges Arousal haben. Dies sind Menschen, denen es z.B. hilft, wenn im Hintergrund ein Radio oder ein Fernseher läuft, um sich besser konzentrieren zu können. Anderen hilft es, Hörbücher zu hören, um einschlafen zu können. Menschen mit einem hohen Arousal benötigen eher absolute Ruhe, um sich konzentrieren zu können. (Einschätzung ADxS)
Eine dritte Dosis unretardierten MPH um 16 Uhr (10 oder 15 mg) verbesserte bei stationär behandelten Kindern die Verhaltenskontrolle bis zum Einschlafen deutlich gegenüber Placebo, ohne die Einschlaflatenz zu verändern. Zwischen 10 und 15 mg bestand kein Wirkungsunterschied. Nach 10 mg wurden die Kinder beim Aufwachen häufiger als weniger müde eingeschätzt als nach 15 mg oder Placebo. 83 % der Kinder verloren Gewicht, die Nahrungsaufnahme beim Abendessen hing jedoch nicht von der Nachmittagsdosis ab. (RCT, Crossover, doppelblind, n = 12, 12 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)31
Zur unterschiedlichen Wirkungsdauer der einzelnen MPH-Medikamente siehe unten unter 7.
6.3. Dosierungseinstellung von Methylphenidat
Bedeutung für Betroffene
Die Eindosierung von MPH sollte langsam und in kleinen Schritten erfolgen. Begonnen wird mit einer niedrigen Einzeldosis von 2,5 bis 5 mg unretardiertem MPH. Viele Empfehlungen sehen wöchentliche Steigerungen um 2,5 bis 10 mg vor. ADxS hält Schritte von 2,5 mg je Einzeldosis alle 5 bis 7 Tage für sinnvoll, weil bei manchen Betroffenen bereits 2,5 mg über Unter- oder Überdosierung entscheiden. Kleine Schritte schaden nach Einschätzung von ADxS niemandem, helfen aber, Nebenwirkungen der Eindosierung zu vermeiden. Nach dem Vorgehen von ADxS wird die Dosis gesteigert, bis sich Zeichen einer Überdosierung verstärken, und dann die Dosis mit der besten Wirkung ohne störende Nebenwirkungen bestimmt. Für Betroffene, die auf kleinste Dosisunterschiede reagieren, bietet eine Schweizer Apotheke MPH-Tropfen an.
Während der Eindosierung sollten Koffein (auch in Tee), Theobromin (dunkler Kakao) und andere anregende Stoffe gemieden werden. Sie können unter MPH Zittrigkeit auslösen, die dann fälschlich dem Medikament zugeschrieben wird. Ebenso sollte während der Eindosierung weder ein Rauchstopp begonnen noch mit dem Rauchen angefangen werden. MPH beeinflusste das Rauchverhalten in Studien uneinheitlich.
Ob Erwachsene wegen einer geringeren Zahl an Dopamintransportern weniger MPH benötigen, ist nicht belegt. Studien fanden bei Erwachsenen eher höhere Tagesdosen. Vorschulkinder bauen MPH dagegen langsamer ab und erreichen bei gleicher Dosis pro Kilogramm Körpergewicht höhere Blutspiegel. Nebenwirkungen wie Appetitminderung, Schlafprobleme und Gefühlsausbrüche waren bei ihnen häufig. Bei ihnen sind besonders kleine Schritte und eine sorgfältige Beobachtung angezeigt.
Seltene Varianten des Gens für das Abbauenzym Carboxylesterase 1 (CES1) können dazu führen, dass deutlich weniger MPH benötigt wird. Umgekehrt benötigten einzelne Betroffene auffallend hohe Dosen, weil sie MPH schneller abbauten, ohne dass sich dafür eine genetische Ursache fand.
6.3.1. Langsame Eindosierung in kleinen Schritten
Eine langsame und geduldige Eindosierung ist wichtig. Die in Deutschland übliche Eindosierungspraxis ist unserer Auffassung nach deutlich zu schnell. (Einschätzung ADxS)
Grundsätzlich sollte MPH zu Testbeginn niedrig dosiert und die Dosierung nur langsam erhöht werden. Selbst wenn die optimale Dosierung bekannt wäre, würde eine sofortige optimale Dosierung möglicherweise eine Überforderung bewirken (Laien-/Selbsthilfe-Webseite, E 4)32 und Nebenwirkungen forcieren. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)33
Die Dosierungseinstellung sollte mit 2,5 mg bis maximal 5 mg/3 bis 4 Stunden beginnen, die erst innerhalb der ersten Tage auf 3 x 5 = 15 mg / Tag ausgedehnt werden. Tests mit höheren Startdosierungen brachten nicht nur keine besseren, sondern sogar schlechtere Wirksamkeitsergebnisse und bewirkten zugleich eine deutlich höhere Abbruchrate aufgrund Nebenwirkungen. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)33 (E 4): Andere empfehlen 2,5 bis 5 mg zweimal täglich, bei einer wöchentlichen Steigerung von 2,5 bis 5 mg. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)10 (Praxisleitfaden eines Psychotherapeuten, E 4)34 (Laien-/Selbsthilfe-Webseite, E 4)32 (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)33 (Praxis-Webseite, E 4)35 Eine Fallserie beschreibt die Titration mit flüssigem MPH in Schritten von 2,5 bis 5 mg alle 3 bis 4 Tage. (Fallserie, n = 2, Autor bei Hersteller angestellt, E 4.)36 Da so kleinteilige Eindosierungsstufen den anderen Betroffenen nicht schaden (sondern im Gegenteil Eindosierungsnebenwirkungen vermeiden helfen), sollten Dosierungsschritte in 2,5-mg-Schritten (bezogen auf eine unretardierte MPH-Einzeldosis) der Goldstandard sein. (Einschätzung ADxS) So auch Kühle. (Praxis-Webseite, E 4)35 Eine große Metastudie fand, dass in Studien mit flexibler Titration höhere Dosen mit besserer Wirksamkeit und weniger Abbrüchen einhergingen. Zur Größe der Titrationsschritte äußerte sie sich nicht. (Metastudie, k = 65 RCTs, N = 7.877, E 1a.)37 Eine Schweizer Dosierungstabelle nennt für Kinder einen Start mit 5 mg ein- bis zweimal täglich und eine wöchentliche Steigerung der Tagesdosis um 5 bis 10 mg, für Jugendliche und Erwachsene einen Start mit 10 mg einmal täglich und eine wöchentliche Steigerung um 10 mg. (Praxis-Tabelle nach Arzneimittel-Kompendium, E 4.)38 Aus den genannten Gründen halten wir diese Dosissprünge bereits für zu groß. (Einschätzung ADxS)
Für Betroffene, bei denen bereits extrem kleine Dosisunterschiede entscheidend sind, bietet eine Apotheke in der Schweiz MPH-Tropfen an. Ein Tropfen enthält 0,35 mg MPH. Es wird in Chargen hergestellt und mittels E216 und E218 konserviert.39 Eine Betroffene berichtet, dass ein Auflösen von unretardiertem MPH in Alkohol in so exakter Menge, dass diese per Tropfen abgemessen werden konnten, ein vergleichbares Ergebnis zeigte. (Erfahrung ADxS)
- Betroffene und (eingeweiht) beobachtende Dritte über Wirkdauer des jeweiligen Präparats und zu erwartenden Rebound aufklären.
- Wir halten eine Aufdosierung alle 5 bis 7 Tage um 2,5 mg je Einzeldosis für sinnvoll. Dosierungsschritte von 5 mg / Einzeldosis, wie wir sie früher hier für akzeptabel hielten, halten wir inzwischen für zu hoch, weil es einen relevanten Anteil an Betroffenen gibt, für die 2,5 mg weniger eine Unterdosierung und 2,5 mg mehr eine Überdosierung bedeuten. (Webseite, E 4)35 Auch wenn dies nur eine Minderheit der Betroffenen darstellt, wäre es ein Kunstfehler, schneller aufzudosieren, da nie vorausgesehen werden kann, zu welcher Gruppe ein Betroffener gehört. Sieh hierzu auch unten: Genvarianten beeinflussen MPH-Dosierung.
Je jünger ein Betroffener ist und je weniger er von der MPH-Dosis überhaupt merkt, desto eher können die Aufdosierungssprünge erhöht werden.
Im Laufe der Einstellung wird die Dosis so lange erhöht, bis die Merkmale einer Überdosierung mit der nächsten und übernächsten Dosissteigerung verstärkt werden. Danach kann die Dosis bestimmt werden, die die Symptome optimal reduziert, ohne Nebenwirkungen zu verursachen.
Es sind leider Fälle bekannt, in denen Ärzte die Einstellung mit Einzeldosen von 15 oder 20 mg begonnen haben. Wir raten hiervon dringend ab. (Einschätzung ADxS)
Selbst wenn für einige wenige Betroffene dies die richtige Dosierung wäre, wäre auch für sie bei einer solch hohen Einstiegsdosierung in den ersten Wochen das Risiko deutlich erhöht, erheblich stärkere Nebenwirkungsprobleme zu erleiden als bei einer langsameren Einstellung.
6.3.2. Kein Koffein bei MPH-Eindosierung
Koffein (Thein ist ebenfalls Koffein), Theobromin (dunkler Kakao) und andere Stimulanzien sollten bei der Eindosierung unbedingt vermieden werden. Koffein, das zuvor problemlos vertragen wurde, kann bei gleichzeitiger Einnahme von Stimulanzien plötzlich eine innere Zittrigkeit und andere Beschwerden auslösen, die dann fehlerhaft als Medikamentennebenwirkung fehlinterpretiert werden kann. Bei Neueindosierung von Stimulanzien kann Koffein ein Empfinden wie eine Überdosierung auslösen. Sind die Stimulanzien einmal eindosiert, kann Koffein wieder probiert werden. Missempfindungen können dann korrekt dem Koffein zugeordnet werden. (Erfahrung ADxS)
6.3.3. Kein Nikotinentzug bei MPH-Eindosierung
Ein zeitgleich mit der Eindosierung begonnener Nikotinentzug kann das Ergebnis verfälschen. Die Wirkung von MPH auf das Rauchverhalten ist uneinheitlich. Akut gegebenes MPH (5 bis 40 mg) steigerte dosisabhängig die Zahl gerauchter Zigaretten bei Rauchern ohne ADHS (Placebokontrollierte Crossover-Studie, doppelblind, n = 10, Einzeldosen, E 2a.)40 und erhöhte sie auch bei Rauchern mit ADHS (unter 10 und 40 mg, nicht unter 20 mg). (Placebokontrollierte Crossover-Studie, doppelblind, n = 9, Einzeldosen, E 2a.)41 Bei 12 jugendlichen Raucherinnen (14 bis 19 Jahre) mit ADHS und Borderline-Störung sank die Nikotinabhängigkeit (FTND) dagegen unter 8 Wochen MPH-Behandlung (0,3 bis 0,6 mg/kg/Tag) von 4,1 auf 2,0 Punkte. (Offene Studie, n = 12, 8 Wochen, E 2b.)42
Ebenso sollte der Neubeginn einer Nikotinaufnahme während der Stimulanzien-Eindosierung vermieden werden.
6.3.4. Altersbedingte Dosierungsunterschiede
Da Erwachsene deutlich weniger Dopamintransporter haben als Kinder (50-Jährige haben nur noch halb so viele wie 10-Jährige (Lehrbuch, E 4)43), ist bei Erwachsenen eine wesentlich geringere Dosierung angezeigt als bei Kindern.
Vorschulkinder (4 bis 5 Jahre) verstoffwechselten unretardiertes MPH langsamer als Schulkinder (6 bis 8 Jahre). Bei gleicher gewichtsbezogener Dosis war die dosisnormierte Spitzenkonzentration höher (p = 0,003) und die Clearance langsamer (p = 0,0002). Die mittlere Halbwertszeit betrug 3,82 gegenüber 2,18 Stunden. Vorschulkinder waren damit bei gleicher mg/kg-Dosis einem höheren MPH-Spiegel ausgesetzt. (Pharmakokinetische Vergleichsstudie, n = 23, Einzeldosis nach Titration, E 2b.)44
In der Preschool ADHD Treatment Study (PATS) an 3- bis 5-Jährigen stieg die mittlere MPH-Tagesdosis von 14,1 mg (beste Dosis der Titration) auf 20,5 mg am Ende der 10-monatigen Erhaltungsphase. 11 % der Kinder brachen wegen Nebenwirkungen ab. 30 % der Eltern berichteten spontan mittelschwere bis schwere Nebenwirkungen (emotionale Ausbrüche, Einschlafprobleme, repetitive Verhaltensweisen oder Gedanken, Appetitminderung, Reizbarkeit). In der Titrationsphase traten Appetitminderung, Schlafprobleme und Gewichtsverlust häufiger unter MPH als unter Placebo auf. Schlafprobleme und Appetitverlust hielten in der Erhaltungsphase an, andere Nebenwirkungen nahmen ab. Bei 5 Kindern traten einmalige, vorübergehende Puls- und Blutdruckanstiege auf. (RCT mit offener Erhaltungsphase, n = 183, 1 Jahr, E 1b.)45
Bei 3- bis 5-Jährigen verringerte unretardiertes MPH (Titration bis höchstens 1,25 mg/kg/Tag in zwei Gaben) die ADHS-Symptome gegenüber Placebo (ES −0,55, 95 %-KI −0,99 bis −0,10). Kein Kind brach wegen Nebenwirkungen ab. MPH verursachte mehr leichte Nebenwirkungen (332 gegenüber 227 Ereignissen unter Placebo), nicht aber mehr mittelschwere oder schwere, und eine deutlichere Appetitminderung (ES 0,75, 95 %-KI 0,35 bis 1,15). (RCT, n = 153, 8 Wochen, E 1b.)46
Mehr hierzu unter ⇒ Eindosierung von Medikamenten bei ADHS.
6.3.5. Genvarianten beeinflussen MPH-Spiegel
Ein kleiner Anteil der Betroffenen benötigt eine deutlich geringere Dosierung an MPH.
Wissenschaftlich: CES1-Genvarianten und Dosisbedarf
Der CES1-Polymorphismus Gly143Glu (heterozygot) wurde in 5,8 % der ADHS-Betroffenen und 4,1 % der Kontrollpersonen gefunden. Unter den insgesamt 441 untersuchten Personen (173 Kinder mit ADHS, 268 Kontrollpersonen) fand sich kein Fall von CES1 Glu143Glu (homozygot).
CES1 Gly143Glu zeigte eine unveränderte Verringerung von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität auf MPH.
Die heterozygoten Träger der CES1-143Glu-Variante unter den Respondern (5 von 90) benötigten um knapp 30 % niedrigere MPH-Dosen zur Symptomreduktion (0,41 gegenüber 0,57 mg/kg/Tag, p = 0,022). (Pharmakogenetische Assoziationsstudie, n = 441, E 2b.)47
Drei Erwachsene mit ADHS benötigten sehr hohe Dosen unretardierten MPH (180 bis 640 mg/Tag, in den Niederlanden empfohlene Höchstdosis etwa 100 mg). Sie hatten niedrigere MPH-Plasmaspiegel und eine höhere Eliminationsclearance (310 bis 683 l/h pro 70 kg) als im Populationsmodell (233 l/h pro 70 kg), ohne toxische Spiegel. Die Bioverfügbarkeit lag wie üblich bei etwa 30 %. Die CES1-Genotypisierung (Genkopienzahl und SNPs) erklärte den schnelleren Abbau nicht. (Fallserie, n = 3, E 4.)48
Mehr zum Einfluss der CES1-Genvarianten auf die Wirkung von MPH unter Einflüsse auf Wirkstärke von MPH im Beitrag MPH Teil 3: Abbau, Wirkstärke.
6.4. Nebenwirkungen bei der Einstellung auf Methylphenidat
Bedeutung für Betroffene
In den ersten Tagen der Einnahme beschreiben viele Betroffene ein meist angenehmes Gefühl gedämpfter Reize, als wäre Schnee gefallen, oder erleben erstmals einen ruhigen Kopf. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Schlafprobleme können auftreten, legen sich aber meist innerhalb der ersten Wochen. Eine langsame Eindosierung kann ihr Risiko deutlich verringern. In einer Studie mit flexibler, individueller Dosisanpassung brachen deutlich weniger Teilnehmer wegen Nebenwirkungen ab als in einer Studie mit größeren Steigerungsschritten. Die Autoren führten dies auf die flexible Dosisanpassung zurück.
Kopfschmerzen lassen sich oft durch ausreichendes Trinken und regelmäßiges Essen verringern, da MPH das Hungergefühl dämpft und dadurch oft weniger gegessen und getrunken wird. Ob Koffein die Nebenwirkungsrate bei der Eindosierung erhöht, wurde bislang nicht untersucht. ADxS hält einen Verzicht dennoch für sinnvoll.
Eine kurze Studie fand unter MPH eine verkürzte Schlafdauer, eine längere Studie keine Schlafprobleme. Dies passt zu der Erfahrung, dass Schlafprobleme häufig eine vorübergehende Eindosierungsnebenwirkung sind.
Ein stärkerer Blutdruckanstieg nach der ersten Dosis ging in einer Studie mit einer etwas besseren Wirkung nach 6 Monaten einher. Der Zusammenhang war jedoch schwach.
In den ersten Tagen kann die Einnahme mit dem Gefühl verbunden sein, als wäre Schnee gefallen (alles ist in Watte gepackt). Dieser (meist sehr angenehm empfundene) Eindruck rührt von dieser Reduzierung der Reizüberflutung her und verschwindet wie die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Tage.
Andere beschreiben den Anfangseffekt mit der den beeindruckenden Erfahrung, dass erstmals im Leben der Kopf ruhig ist und die Gedanken sich nicht überschlagen.
Selten treten Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder weitere auf. Die meisten Nebenwirkungen legen sich innerhalb der ersten Wochen nach der Eindosierung. Das Risiko derartiger Nebenwirkungen kann durch eine (wie oben beschriebene) sehr langsame Eindosierung erheblich reduziert werden. (Lehrbuch, E 4)33 Eine Studie mit individuell flexibler Dosisanpassung berichtete eine mit 2,3 % deutlich niedrigere Rate von Teilnahmeabbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen (Offene Verlängerungsstudie eines RCT, n = 298, 26 Wochen, herstellerfinanziert (Novartis), E 2b.)49 als eine offene Einjahresstudie, in der OROS-MPH ab 36 mg/Tag wöchentlich in 18-mg-Schritten bis höchstens 108 mg/Tag titriert wurde (18,5 %). Dort war die Abbruchrate wegen Nebenwirkungen unter der Startdosis von 36 mg/Tag am höchsten (8,5 %). (Offene Dosistitrationsstudie, n = 550, 6 bis 12 Monate, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)50 Die Autoren führten die niedrigere Abbruchrate auf die flexible Dosisoptimierung zurück. (Review, Autoren teils bei Hersteller angestellt (Novartis), E 4.)17
Bislang hat keine uns bekannte Studie an Erwachsenen ausdrücklich den Konsum von Koffein bei der Eindosierung untersagt. Da Koffein bei der Eindosierung Nebenwirkungen verstärken kann, dürfte sich die Nebenwirkungsrate bei einem konsequenten Unterlassen einer Koffeineinnahme im Vergleich zu den Studienergebnissen verringern. (Einschätzung ADxS.)
Kopfschmerzen können zuweilen durch ausreichendes Trinken und regelmäßiges Essen (ggf. Traubenzucker) verringert oder vermieden werden. Da Stimulanzien das Hungergefühl verringern, kann dies zu einer verringerten Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme beitragen, die Kopfschmerzen mitverursachen kann.
Eine Studie fand, dass MPH keine Schlafprobleme verursachte. Dies könnte von den Ergebnissen anderer Studien möglicherweise deshalb abweichen, weil diese Studie mit 16 Wochen relativ lang andauerte, sodass die Eingewöhnungsnebenwirkungen nicht mehr spürbar waren. (RCT, n = 50, 16 Wochen, E 1b)51 Eine kleine Studie, die lediglich 14 Tage betrachtete, fand dagegen eine verringerte Schlafdauer und ein verspätetes Einschlafen bei Kindern, die mit retardiertem MPH behandelt wurden. (Placebokontrollierte Crossover-Studie, n = 26, je 2 Wochen, E 2a)52
Ein höherer Blutdruckanstieg 45 Minuten nach der ersten MPH-Dosis (0,3 mg/kg unretardiert) korrelierte bei Kindern und Jugendlichen mit einer besseren ADHS-Symptomverringerung nach 6 Monaten. Der Anstieg erklärte 4,2 bis 5,5 % der Varianz der Symptomverbesserung, für oppositionelles Verhalten bestand kein Zusammenhang. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 171, 6 Monate, E 2b.)53
6.5. Überdosierungssymptome bei MPH
Bedeutung für Betroffene
Bei passender Dosis nehmen Konzentration und innere Ruhe zu, innerer Druck und Hyperaktivität nehmen ab. Betroffene berichten oft, mehr sie selbst zu sein. Nehmen innerer Druck oder Hyperaktivität bei einer Dosissteigerung wieder zu, spricht dies für eine zu hohe Dosis. Eine Zittrigkeit verschwand nach den Erfahrungen von ADxS manchmal nach einigen Tagen oder bei der nächsten Dosisstufe. Bleibt sie bestehen, ist die Dosis zu hoch. Weitere Zeichen einer Überdosierung sind eine zu starke, eingeengte Konzentration, Teilnahmslosigkeit und eine eingeschränkte Gefühlswelt (sogenannter Zombie-Effekt). Auch in einer Tierstudie verringerten niedrige MPH-Dosen die Impulsivität, während hohe Dosen dämpfend wirkten.
Von der Überdosierung bei der Einstellung sind Vergiftungen durch die Einnahme großer Mengen zu unterscheiden. Bei Kindern ist MPH das am häufigsten an Vergiftungen mit ADHS-Medikamenten beteiligte Medikament. Kleinkinder nehmen meist versehentlich Tabletten von Geschwistern ein, Jugendliche häufiger absichtlich. Typische Zeichen sind Herzrasen, erhöhter Blutdruck, Unruhe, erweiterte Pupillen und seltener Krampfanfälle. Die meisten Verläufe sind leicht und klangen in einer Studie innerhalb von 12 Stunden ab. Todesfälle sind sehr selten. MPH sollte daher für Kinder unerreichbar aufbewahrt werden. Bei Verdacht auf eine Vergiftung sollte umgehend ärztliche Hilfe oder ein Giftnotruf hinzugezogen werden.
Bei einer passenden Dosierung von MPH nimmt die Konzentrationsfähigkeit zu und der innere Druck und eine ggf. vorhandene Hyperaktivität nehmen ab. Steigen letztere diese bei erhöhter Dosierung wieder an, ist dies ein Zeichen für eine zu hohe Dosierung.
Methylphenidat schließt den (bei ADHS-Betroffenen zu weit offenen) Reizfilter. Typische Reaktion von Betroffenen mit passender Dosierung ist, dass sie zu sich selbst kommen, dass sie mehr sie selbst sind.
Stellt der Betroffene fest, dass MPH ihn hibbelig macht (obwohl weder Koffein (Thein ist nur ein anderer Name für Koffein) oder Theobromin (dunkler Kakao) konsumiert wird), sollte gleichwohl zunächst noch vorsichtig weiter gesteigert werden. Es wurde mehrfach beobachtet, dass derartige Nebeneffekte nach einigen Tagen oder auf der nächsthöheren Dosis wieder verschwanden. Bleibt diese Zittrigkeit, ist die Dosierung zu hoch. Das gilt ebenso, wenn die Konzentration zu stark wird, also der Reizfilter zu weit eingeschränkt wird. Eingeschränkte Emotionalität (“Zombie-Effekte”) ist ein deutlicher Hinweis auf eine Überdosierung.
Wissenschaftlich: Tierstudie zu niedriger und hoher MPH-Dosis
Eine Studie an Affen kam zu dem Ergebnis, dass geringe Dosen von MPH Impulsivität reduzieren, während höhere Dosen sedierend wirken. (Tierstudie, n = 5, Makaken, E 2b)54
Dies schließt an die empirischen Erfahrungen an, dass ADHS-Betroffene, insbesondere Kinder, unter MPH zuweilen apathisch wirken können. Dies deutet im Anschluss an diese Studie auf eine Überdosierung hin.
Vergiftungen mit MPH
Bei 32 Kindern und Jugendlichen (2 bis 17 Jahre), die in einer türkischen Kindernotaufnahme nach alleiniger MPH-Überdosis (mindestens 2 mg/kg, Median 4,5 mg/kg, bis 14 mg/kg) behandelt wurden, war die Einnahme überwiegend absichtlich (84 %, davon 24 Suizidversuche). 59 % blieben symptomfrei. Bei den übrigen traten auf:
- Herzrasen (Tachykardie) bei 38 %
- Bluthochdruck bei 34 %
- Agitiertheit bei 22 %
- erweiterte Pupillen bei 19 %
- Krampfanfälle bei 16 %
Die meisten Verläufe waren leicht und klangen innerhalb von 12 Stunden ab. Ein Kleinkind zeigte neuropsychiatrische Symptome mit vollständiger Erholung innerhalb von 48 Stunden. Die eingenommene Dosis sagte das Auftreten von Symptomen nicht voraus. (Fallserie, retrospektiv, n = 32, E 4.)55
Giftnotrufdaten zeigen, dass MPH bei Vergiftungen von Kindern mit ADHS-Medikamenten am häufigsten beteiligt ist:
- 63 % von 1.175 Vergiftungsanrufen zu ADHS-Stimulanzien bei unter 5-Jährigen in Australien (2004 bis 2019) betrafen MPH. 94 % waren unbeabsichtigt, meist mit der Medikation eines Geschwisters. 34 % wurden ins Krankenhaus überwiesen. MPH-Vergiftungen nahmen absolut um 5,2 % pro Jahr zu, bezogen auf die abgegebenen Verordnungen jedoch um 6,9 % pro Jahr ab. (Retrospektive Auswertung von Giftnotrufdaten, n = 1.175, E 3.)56
- 46,2 % von 156.365 an US-Giftnotrufzentralen gemeldeten Expositionen mit ADHS-Medikamenten bei 0- bis 19-Jährigen (2000 bis 2014) betrafen MPH, 44,5 % Amphetaminmedikamente. Häufigster Grund waren Dosierungsfehler (41,6 %). Bei Jugendlichen war die Hälfte der Expositionen absichtlich (Suizidversuch, Missbrauch). 60,4 % benötigten keine Behandlung in einer Einrichtung, 6,2 % wurden stationär aufgenommen. 3 Jugendliche starben nach absichtlicher Einnahme (2 nach Amphetaminmedikamenten, 1 nach MPH). (Retrospektive Auswertung von Giftnotrufdaten, n = 156.365, E 3.)57
Wissenschaftlich: Aripiprazol und Neurotoxizität chronischer MPH-Gabe bei Ratten
Aripiprazol milderte bei Ratten die neurotoxischen Folgen chronischer MPH-Gabe (10 mg/kg über 21 Tage) auf Bewegung, Gedächtnis, depressionsähnliches Verhalten und oxidativen Stress ab. (Tierstudie, n = 40, Ratten, 21 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)58 (E 4): Dies ist umso erstaunlicher, als Aripiprazol ein starker CES1-Inhibitor ist, mithin den Abbau von MPH verringert. (Narrativer Review, E 4)59 (Narrativer Review, Autor bei Hersteller angestellt (Ironshore), E 4)6
6.6. Auch bei Wirkung von MPH, erst recht bei Nebenwirkung / Nonresponding verschiedene MPH-Medikamente ausprobieren
Bedeutung für Betroffene
Die verschiedenen MPH-Präparate unterscheiden sich darin, wie schnell und wie lange sie den Wirkstoff freisetzen, und in ihren Trägerstoffen. Viele Betroffene vertragen deshalb ein Präparat schlechter als ein anderes oder sprechen nur auf eines an. Bei Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung sollte daher nicht vorschnell auf MPH insgesamt verzichtet, sondern zunächst ein anderes MPH-Präparat versucht werden. Studien stützen dies teilweise. So verursachte retardiertes MPH bei Erwachsenen häufiger Mundtrockenheit und Appetitminderung als unretardiertes MPH, während bei Kindern nach einem Wechsel auf ein Retardpräparat Tics zurückgingen.
Bei einer Weizenallergie sind Präparate mit Weizenstärke ungeeignet. Bei Zöliakie gilt der geringe Glutengehalt dagegen als sehr wahrscheinlich unproblematisch. Laktosehaltige Präparate sollen bei seltenen erblichen Störungen der Zuckerverwertung und bei völligem Laktasemangel nicht eingenommen werden.
Wirkt kein MPH-Präparat befriedigend, sollte ein Amphetaminmedikament versucht werden. Nach Einschätzung von ADxS spricht ein großer Teil der MPH-Nonresponder darauf an. Auch bei fortbestehender gedrückter Stimmung kann ein Wechsel erwogen werden. Umgekehrt verursachte Dexamfetamin bei Kindern im direkten Vergleich mehr Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Weinerlichkeit und Ängstlichkeit als MPH. Welcher Wirkstoff besser passt, zeigt sich daher oft erst im Ausprobieren.
Viele Betroffene berichten, dass sie mit dem einem MPH-Präparat Nebenwirkungen erleiden, die sie bei einem anderen MPH-Präparat nicht haben. Diesseits sind Berichte bekannt, dass ein MPH-Präparat (hier: Medikinet) keine Wirkung zeigte, während ein anderes (hier: Concerta) gut ansprach.
Andere Betroffene berichten, dass sie auf ein Präparat (hier: Concerta) mit erhöhten Aggressionen zu kämpfen hatten, was bei einem anderen MPH-Präparat (Medikinet oder unretardiertes MPH) nicht auftrat.
Wieder andere spüren bei Medikinet einen stärkeren Reboundeffekt (Unruheanstieg im Moment des Abklingens der Wirkung) als bei anderen MPH-Präparaten. (Erfahrung ADxS)
Die verschiedenen MPH-Präparate zeigen sehr unterschiedliche zeitliche Abläufe der Wirkstofffreisetzung. Zudem wird MPH je nach Hersteller in verschiedene Trägerstoffe eingebettet.
Bei einer Weizenallergie ist in Weizenstärke eingebettetes MPH untauglich. Bei Zöliakie gilt der geringe Glutengehalt der Weizenstärke (Ritalin® höchstens 4,8 µg je Tablette) als sehr wahrscheinlich unproblematisch. Laktosehaltiges MPH soll bei seltener erblicher Galaktoseintoleranz, völligem Laktasemangel oder Glukose-Galaktose-Malabsorption nicht eingenommen werden. (Fachinformation, E 4.)60
Bei Erwachsenen verursachte einmal täglich OROS-MPH (im Mittel 80,9 mg/Tag) häufiger Mundtrockenheit (37 % gegenüber 22 %), Appetitminderung (36 % gegenüber 11 %) und Magen-Darm-Beschwerden (29 % gegenüber 17 %) als unretardiertes MPH dreimal täglich (im Mittel 74,8 mg/Tag). Die Gewichtsabnahme war unter OROS-MPH etwas größer (2,8 gegenüber 2,1 kg, p = 0,03). Abbrüche wegen Nebenwirkungen (OROS-MPH 9 von 67, unretardiertes MPH 14 von 102) und Wirksamkeit unterschieden sich kaum. Schwere unerwünschte Ereignisse traten nicht auf. (Gepoolte Auswertung zweier placebokontrollierter RCTs, n = 285, 6 Wochen, Präparatevergleich nicht randomisiert, E 2a.)61
Nach Umstellung von unretardiertem MPH auf OROS-MPH in vergleichbarer Tagesdosis gingen bei Kindern (6 bis 12 Jahre) Tics zurück (27,7 % gegenüber 19,6 %). Appetitminderung (24,8 % gegenüber 22,7 %) und Schlafstörungen (8,9 % gegenüber 8,2 %) unterschieden sich nicht. Ein natürlicher Rückgang der Tics war nicht auszuschließen. (Offene Studie, n = 102, 4 Wochen, E 2b.)62 Kinder, die wegen schlechter Adhärenz von unretardiertem MPH auf OROS-MPH wechselten, hatten im intraindividuellen Vergleich ein ähnliches Nebenwirkungsprofil. (Offene Studie, n = 607, davon n = 124 umgestellt, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)63
Dexmethylphenidat (im Mittel 18,25 mg/Tag) war bei 6- bis 17-Jährigen ähnlich wirksam und verträglich wie racemisches MPH (im Mittel 32,14 mg/Tag). Wegen Nebenwirkungen brach unter Dexmethylphenidat kein Kind die Studie ab, unter racemischem MPH und unter Placebo je zwei. Am häufigsten waren Kopfschmerzen (15,9 % unter Dexmethylphenidat, 21,7 % unter racemischem MPH, 9,5 % unter Placebo), Übelkeit (11,4 %, 13,0 %, 2,4 %) und Appetitlosigkeit (9,1 %, 10,9 %, 0 %). Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. (RCT, n = 132, 4 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)64
Wechsel auf Amphetaminmedikamente
Bleibt eine befriedigende Wirkung bei allen MPH-Präparaten aus (die typische Nonresponderrate beträgt knapp 30 %), sollte stets eine Medikation mit Amphetamin-Medikamenten erfolgen. Dadurch können von den MPH-Nonrespondern weitere 70 bis 80 % zufriedenstellend medikamentiert werden, sodass die Gesamtnonresponderrate von MPH und AMP auf unter 10 % sinkt.
Bei einer fortbestehenden Dysthymie oder Depression trotz befriedigender Wirkung von MPH im Übrigen kann ebenfalls ein Wechsel zu Amphetaminmedikamenten angedacht werden, da diese zugleich leicht serotonerg wirken.
Im doppelblinden Crossover-Vergleich bei Kindern (5 bis 15 Jahre) waren sechs Nebenwirkungen unter Dexamfetamin (0,15 mg/kg je Dosis) stärker ausgeprägt als unter MPH (0,3 mg/kg je Dosis): Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Weinerlichkeit, Ängstlichkeit, Traurigkeit und Albträume. Keine Nebenwirkung war unter MPH stärker als unter Dexamfetamin. Unter MPH lagen Zahl und Schwere der von den Eltern berichteten „Nebenwirkungen“ unter dem Ausgangswert vor Behandlung (Zahl 7,19 gegenüber 8,19, Schwere 3,24 gegenüber 4,08). Einzig die Appetitminderung war unter MPH stärker als vor Behandlung. Wegen schwerer Nebenwirkungen brachen unter jedem der beiden Stimulanzien 2 Kinder (1,6 %) ab. (RCT [Crossover, doppelblind, ohne Placebo], n = 125, je 2 Wochen, E 1b.)65
Antidepressive Wirkungen wurden bei MPH-Tagesdosen von 10 bis 30 mg und bei AMP-Tagesdosen von 5 bis 60 mg beobachtet. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)10
6.7. Begleitumstände der Einstellung und Einnahme
Bedeutung für Betroffene
Manche Betroffene benötigen ihre Medikamente zu immer gleichen Uhrzeiten. Die Einnahme sollte den ganzen Tag abdecken, die letzte Dosis aber so früh erfolgen, dass zur Schlafenszeit keine Wirkung mehr besteht.
Während der Einstellung sollten Koffein, Theobromin und Alkohol gemieden werden, da viele Betroffene unter MPH empfindlicher auf diese Stoffe reagieren. Leichte Anfangsnebenwirkungen wie Mundtrockenheit legen sich meist bald. Um Appetitlosigkeit vorzubeugen, empfiehlt sich die Einnahme zu oder nach einer Mahlzeit. Ein Frühstück vor der Einnahme verringerte die Aufnahme von MPH nicht, sondern erhöhte sie leicht.
Geplante Einnahmepausen (drug holidays) zeigten uneinheitliche Ergebnisse. Bei Jungen verschlechterten Wochenendpausen die Symptome nicht wesentlich und verringerten Schlafprobleme. Bei erwachsenen Männern gingen Wochenendpausen mit etwas mehr Aufschieben und weniger erledigten Aufgaben einher. Nach Sommerpausen kehrte bei Kindern die Reizbarkeit zurück, während Verbesserungen im Erkennen der Gefühle anderer erhalten blieben. Bei Kindern und Jugendlichen, die MPH schon über ein Jahr nahmen, verschlechterte sich in einem verblindeten Auslassversuch die Mehrheit unter Placebo nicht. Dennoch setzten die meisten MPH danach fort. Ob und wann eine Pause sinnvoll ist, sollte daher im Einzelfall und in Absprache mit dem behandelnden Arzt geprüft werden.
Manche Betroffene benötigen ihre MPH-Medikamente immer exakt zur gleichen Zeit.
Es sollte darauf geachtet werden, dass die Einnahme so erfolgt, dass der gesamte Tag abgedeckt ist. Die letzten Dosen des Tages müssen aber so zeitig genommen werden, dass zur Schlafenszeit keine Wirkung mehr besteht.
Details
Während der Einstellung auf MPH sollten Koffein (Kaffee, Schwarztee), Theobromin (dunkler Kakao) und Alkohol komplett gemieden werden, da diese die Wirkung von Stimulanzien verstärken können. Etliche Betroffenen berichten, dass sie durch MPH wesentlich empfindlicher auf derartige Stimulanzien reagieren. Eine Hibbeligkeit kann daher durch Koffein ausgelöst werden, während dieselbe Menge Koffein ohne MPH keine solche Wirkung hatte. Wie Antidepressiva verursacht MPH in den ersten Tagen oder Wochen der Einnahme häufig leichte Nebenwirkungen (Mundtrockenheit etc.), die sich recht bald legen.
Um Appetitlosigkeit vorzubeugen oder abzumildern, empfiehlt sich eine Einnahme zu oder nach den Mahlzeiten.
Ein Frühstück 15 Minuten vor der Einnahme erhöhte bei unretardiertem MPH die Spitzenkonzentration von d-MPH um 23 % und die aufgenommene Menge (AUC) um 15 %, bei retardiertem MPH um 17 bzw. 14 %. Die Resorptionsgeschwindigkeit blieb unverändert. Bei unretardiertem MPH verschob sich der Zeitpunkt der Spitzenkonzentration von 2,0 auf 2,5 Stunden. Retardiertes MPH (Ritalin SR) senkte gegenüber unretardiertem die Spitzenkonzentration um 34 % und verzögerte sie von 2,3 auf 3,7 Stunden, bei gleicher aufgenommener Menge. (Randomisierte Crossover-Studie, offen, n = 24 gesunde Männer, Einzeldosen 40 mg, E 1b.)66
Therapiepausen (drug holidays)
Geplante Therapiepausen (drug holidays) zeigten uneinheitliche Ergebnisse bei:
- Wochenendpausen bei Jungen (MPH 0,3 bis 0,7 mg/kg/Tag): keine signifikante Symptomzunahme am Wochenende (ES 0,26) oder am folgenden Schultag (ES 0,002), weniger Schlafprobleme (p = 0,05), tendenziell weniger Appetitminderung (p = 0,08) (RCT, doppelblind, n = 40, 28 Tage, E 1b.)67
- Wochenendpausen bei erwachsenen Männern unter stabiler MPH-Behandlung: mehr Aufschieben (8,4 gegenüber 7,5 im Tagebuch, p = 0,028) und weniger erledigte Aufgaben (64,8 gegenüber 74,1 %, p = 0,017), an Wochentagen allein nicht signifikant, keine Unterschiede bei Schlaf, Appetit, Kognition und Adhärenz, häufiger Blutdruckanstieg und Herzklopfen (Prospektive Kohortenstudie, nicht randomisiert, n = 43, 28 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)68
- 8-wöchiger Sommerpause bei Kindern: Die unter MPH verringerte Reizbarkeit kehrte auf das Ausgangsniveau zurück, die verbesserte Emotionserkennung (Reading the Mind in the Eyes Test) blieb erhalten (Prospektive Kohortenstudie, n = 56, davon 39 vollständig, E 2b.)69
- 2-monatiger Sommerpause bei 9- bis 17-Jährigen: Verbesserungen der Theory of Mind und der Affektwahrnehmung blieben bei den Studienbeendern erhalten (Prospektive Kohortenstudie, n = 56, davon 12 vollständig, E 2b.)70
Bei doppelblinden, placebokontrollierten Absetzversuchen (N-of-1, Crossover) in der klinischen Praxis nach mindestens einem Jahr MPH waren nur die von Lehrkräften beurteilten Hyperaktivitäts- und Impulsivitätssymptome unter MPH geringer als unter Placebo. Laut Kliniker verschlechterten sich 17 von 21 Kindern und Jugendlichen (81 %) unter Placebo nicht. 61,5 % setzten MPH nach vollständigem Absetzversuch fort, 7 davon ohne Verschlechterung unter Placebo laut Kliniker. Weitere 5 (19,2 %) brachen die Placebophase wegen fehlender Wirkung vorzeitig ab und setzten MPH ebenfalls fort. (RCT, N-of-1-Crossover, n = 26, je 2 Wochen, E 1b.)71
6.8. Wirkung bei Nichtbetroffenen
Bedeutung für Betroffene
MPH wirkt auch bei Menschen ohne ADHS. In geringer Dosis kann es die Aufmerksamkeit leicht erhöhen. Studien an Gesunden fanden jedoch nur geringe Verbesserungen der geistigen Leistung, am ehesten beim Erinnern und bei der Daueraufmerksamkeit. Arbeitsgedächtnis, logisches Denken und Kreativität verbesserten sich nicht. Die verbreitete Vorstellung, MPH steigere als Hirndoping die Leistung Gesunder deutlich, wird durch diese Studien nicht gestützt.
Eine hohe Einzeldosis erhöhte bei Gesunden Puls und Blutdruck und verstärkte Angstgefühle. Nach einem Lehrbuchmodell funktioniert die Signalübertragung im Gehirn nur bei einem passenden Dopaminspiegel optimal. Bei ADHS ist der Dopaminspiegel im Striatum zu niedrig, und MPH hebt ihn bei richtiger Dosis an. Ein zu hoher Spiegel, etwa durch Überdosierung oder MPH-Einnahme ohne ADHS, kann danach ähnliche Probleme verursachen wie ein zu niedriger.
Tierstudien passen zu diesem Bild. Bei Ratten ohne ADHS-Modell verursachten MPH-Gaben im Jugendalter Entzündungsreaktionen im Gehirn, während bei Tieren mit ADHS-Modell eine niedrige Dosis sogar günstig wirkte. MPH gleicht bei ADHS somit einen Mangel aus, während es bei Menschen ohne ADHS kaum Nutzen bringt, aber Nebenwirkungen verursachen kann.
MPH kann auch bei nicht ADHS-Betroffenen wirken. Es kann (in geringer Dosierung) die Aufmerksamkeit erhöhen, so wie leichter Stress durch eine leichte Anhebung von Noradrenalin und Dopamin im PFC die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht.
Eine höhere Dosierung bei Nichtbetroffenen (wie eine geringe Dosierung bei Menschen, die einen ohnehin schon leicht erhöhten Dopamin- oder Noradrenalinspiegel besitzen) kann eine so starke Überhöhung der DA und NE-Spiegel bewirken, dass hierdurch ADHS-Symptome hervorgerufen werden.
Bei ADHS ist der (tonische) Dopaminspiegel im Striatum zu gering, was etliche ADHS-Symptome verursacht. MPH erhöht den Dopaminspiegel im Striatum bei richtiger Dosierung auf das optimale Level. Wird der Dopaminspiegel jedoch über das optimale Level hinaus erhöht (durch Überdosierung bei ADHS-Betroffenen oder bei Einnahme von MPH bei Gesunden), löst diese dieselben Symptome aus, wie bei ADHS, weil die Neurotransmitterkommunikation nur bei dem richtigen Neurotransmitterspiegel optimal funktioniert. (Lehrbuch, E 4)72
Eine Einzeldosis von 60 mg MPH erhöhte bei Gesunden die Herzfrequenz (Emax 91,6 gegenüber 73,1 Schlägen/min unter Placebo) und den systolischen Blutdruck (Emax 145 gegenüber 135 mm Hg) in ähnlichem Ausmaß wie MDMA (125 mg) und Modafinil (600 mg). MPH erhöhte anders als MDMA die subjektive Angst (STAI-State Emax 42,0 gegenüber 36,6) und, wie Modafinil, die Fehlklassifikation von Gesichtsausdrücken als ärgerlich. (RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Crossover, n = 24, Einzeldosis, E 1b.)73
Bei gesunden, nicht schlafentzogenen Erwachsenen verbesserte eine Einzeldosis MPH die kognitive Leistung insgesamt nur gering (SMD 0,21, 95 %-KI 0,09 bis 0,32). Am deutlichsten verbesserte sich das Erinnern (Recall, SMD 0,43, 95 %-KI 0,20 bis 0,65), daneben auch Daueraufmerksamkeit (SMD 0,42) und Inhibition (SMD 0,27). Arbeitsgedächtnis-Aktualisierung, Wechsel zwischen Aufgaben und räumliches Arbeitsgedächtnis verbesserten sich nicht. (Metastudie, k = 24, N = 645, E 1a.)74 20 mg unretardiertes MPH verbesserte bei gesunden jungen Männern das verzögerte Erinnern gelernter Wörter nach 24 Stunden und verringerte die selbst empfundene Müdigkeit, nicht aber Daueraufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, logisches Denken oder Kreativität. Die Effekte waren gering. (RCT, n = 48 (3 Arme: MPH, Modafinil, Koffein, je gegen Placebo), Einzeldosis, E 1b.)75
Tierstudien an Tieren ohne ADHS-Modell
Auch Amphetaminmedikamente wirken (in niedriger Dosierung) bei nicht betroffenen männlichen Mäusen positiv: (Tierstudie, n = 22, Mäuse, E 2b)76
- Fehlalarme bei Männchen und Weibchen signifikant verringert
- Trefferquote bei Weibchen verringert
- im Ergebnis Leistung im CPT (nur) bei Männchen verbessert
- Orientierung und körperliches Engagement bei den Aufgabenreizen unbeeinträchtigt
Der Dopaminanstieg auf Methamphetamin-Gabe im dorsalen Striatum (nicht aber im Nucleus accumbens) war bei weiblichen Ratten höher, wenn diese zuvor chronischem unvorhersagbarem Stress ausgesetzt waren. Für männliche Ratten war dies bereits zuvor beschrieben worden (Sekundärzitat über Anderson (2019)). Dies könnte auf eine abweichende dopaminerge Reaktion auf Stimulanzien bei Betroffenen von chronischem Stress hindeuten. (Tierstudie, Ratten, E 2b.)77
Eine Gabe von MPH in der Entwicklungsphase (28. bis 55. Lebenstag) in niedriger (1,5 mg/kg/Tag) wie in hoher Dosis (5 mg/kg/Tag) erhöhte bei Ratten ohne ADHS Entzündungsmarker. Angstähnliches Verhalten und eine erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke traten nur unter der hohen Dosis auf, bei Ratten ohne ADHS wie bei SHR (ADHS-Modelltier). Bei SHR wirkte nur die hohe Dosis schädlich, während die niedrige Dosis nicht nur das Verhalten, sondern auch die Entzündungswerte verbesserte. (Tierstudie, n = 6 bis 9 je Gruppe, Ratten, 4 Wochen, E 2b.)78
6.9. MPH im Seniorenalter
Bedeutung für Betroffene
Eine ausdrückliche Altersgrenze in der Zulassung von MPH gibt es nicht. Die Arzneimittelinformationen raten jedoch von einer Verschreibung an ältere Menschen ab, weil Daten fehlen. Eine Behandlung im höheren Alter kann daher als Off-Label-Verordnung gelten.
Bisherige Erfahrungen sprechen nicht dafür, dass MPH im Alter grundsätzlich schlecht vertragen wird. In einer niederländischen Spezialambulanz berichteten etwa zwei Drittel der über 55-jährigen Betroffenen eine positive Wirkung der Medikation. Knapp die Hälfte beendete sie jedoch im Verlauf wegen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung. Unter MPH stieg der Puls leicht und das Gewicht sank leicht, der Blutdruck änderte sich im Mittel nicht. Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse waren bei älteren US-Veteranen unter MPH nicht häufiger als unter Amphetaminmedikamenten. Im höheren Alter wird MPH zudem bei Altersdepression und in der Palliativversorgung eingesetzt. Da das Herz-Kreislauf-Risiko mit dem Alter steigt, sollten Blutdruck und Puls regelmäßig kontrolliert werden.
Eine ausdrückliche Einschränkung der Zulassung von Methylphenidat im Seniorenalter existiert nicht. In den MPH-Arzneimittelinformationen findet sich der Hinweis, dass MPH an ältere Menschen nicht verschrieben werden soll. Bei Lisdexamfetamin existiert ein solcher Hinweis trotz ebenso unzureichender Datenlage nicht.
Eine Behandlung mit MPH im höheren Alter soll gleichwohl eine off-label Verordnung darstellen können. (Übersichtsarbeit, E 4)79
Es bestehen keine Hinweise darauf, dass MPH im Alter Schwierigkeiten bereiten würde.
Eine kleine Studie berichtete eine gute Verträglichkeit bei älteren Betroffenen. (Fallserie, n = 11, E 4)80
Zudem wird MPH auch bei Altersdepression eingesetzt. (Systematischer Review, k = 5, E 2a)81
Von 113 Erwachsenen mit ADHS im Alter von 55 bis 79 Jahren in einer niederländischen Spezialambulanz erhielten 56 MPH (mittlere Startdosis unretardiert 34,7 mg, retardiert 26,8 mg). 65 % berichteten eine positive Wirkung, 42,7 % beendeten die Medikation im Verlauf wegen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung. Unter MPH stieg die Herzfrequenz leicht an (von 69,2 auf 73,3 Schläge/min) und das Gewicht sank leicht (von 81,0 auf 80,2 kg), der Blutdruck änderte sich auf Gruppenebene nicht. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 113, E 2b.)82 Bei US-Veteranen ab 50 Jahren unterschied sich die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall/TIA, Herzrhythmusstörung) unter MPH nicht von der unter Amphetamin/Dextroamphetamin (4,1 % gegenüber 5 %, p = 0,66). (Retrospektive Kohortenstudie, n = 436, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)83
In Dänemark wurde MPH bei Menschen ab 50 Jahren überwiegend außerhalb der ADHS-Indikation eingesetzt. Von 6.690 neuen Nutzern von ADHS-Medikamenten (Medianalter 62 Jahre, 98 % MPH, überwiegend unretardiert) hatten nur 2 % eine ADHS-Diagnose, 52 % dagegen eine Krebserkrankung. Die Einjahressterblichkeit lag bei 50 %, überwiegend bei Krebspatienten. Die Autoren werten dies als Off-Label-Einsatz in der Palliativversorgung. (Registerstudie, n = 6.690, E 2b.)84
6.10. Internationale Leitlinien zur Behandlung mit Methylphenidat
Bedeutung für Betroffene
Internationale Leitlinien stimmen in den Grundzügen der MPH-Behandlung weitgehend überein. Die Behandlung beginnt mit einer niedrigen Dosis, die schrittweise erhöht wird, meist etwa einmal pro Woche. Ziel ist die Dosis, bei der Symptome und Alltagsfunktionen am besten verbessert werden und die Nebenwirkungen tolerierbar bleiben. Diese Dosis lässt sich nicht im Voraus berechnen, weil das Ansprechen auf Stimulanzien individuell sehr unterschiedlich ist. Die US-amerikanische Leitlinie und die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte betonen, dass die nötige Dosis nicht eng mit Körpergewicht oder Größe zusammenhängt. Die passende Dosis wird daher durch eine geduldige Titration unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle von Wirkung und Nebenwirkungen gefunden. Die australische Leitlinie sieht dabei eine gemeinsame Entscheidung von Arzt, Betroffenen und Eltern vor.
Die Leitlinien unterscheiden sich vor allem darin, wie konkret sie werden. Einige nennen Startdosen und Steigerungsschritte, etwa 2,5 bis 5 mg unretardiertes MPH ein- bis dreimal täglich mit wöchentlicher Steigerung um 2,5 bis 10 mg. Die deutsche S3-Leitlinie und die aktuelle Leitlinie für England und Wales nennen keine mg-Angaben. Als Höchstdosis nennen mehrere Leitlinien für Kinder und Jugendliche 60 mg/Tag, für Erwachsene 80 bis 100 mg/Tag. Nach der S3-Leitlinie sollte die zugelassene Tageshöchstdosis nur in begründeten Ausnahmefällen überschritten werden. Ihre Fassung von 2026 empfiehlt bevorzugt langwirksame Präparate.
Für Vorschulkinder empfiehlt die US-amerikanische Leitlinie einen niedrigeren Beginn und kleinere Steigerungsschritte, da sie MPH langsamer verstoffwechseln. Die aktuelle malaysische Leitlinie empfiehlt MPH erst ab 6 Jahren. Die schwedische Empfehlung warnt davor, die Dosissteigerung zu früh abzubrechen. Bleibt die Besserung aus, sollten nach der neuseeländischen Leitlinie Einnahmetreue, Diagnose und Begleiterkrankungen überprüft und Dosis oder Wirkstoff angepasst werden. Bei Behandlungsresistenz nennen einzelne Leitlinien auch Medikamentenkombinationen.
ADxS hält Steigerungsschritte von 2,5 mg unretardiertem MPH je Einzeldosis für sinnvoll, auch wenn dies Geduld erfordert. Einige der hier wiedergegebenen Leitlinien sind älter und teilweise durch neuere Fassungen ersetzt.
6.10.1. USA: AAP-Leitlinien, 2011, 2019
(E 4): “Clinical Practice Guideline for the Diagnosis, Evaluation, and Treatment of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents”, Leitlinie der American Academy of Pediatrics (Leitlinie, E 4.)85 (Leitlinie, E 4)86
Kinder, Jugendliche:
Beginn: mit niedriger Dosis, da das Ansprechen auf Stimulanzien individuell unterschiedlich und nicht vorhersagbar ist. Vorschulkinder (4 bis 5 Jahre) verstoffwechseln MPH langsamer und sollen daher mit niedriger Dosis beginnen und in kleineren Schritten gesteigert werden. Höchstdosen sind bei Vorschulkindern nicht ausreichend untersucht. Keine Dosisberechnung nach mg/kg, da die erforderliche Dosis nicht mit Größe oder Gewicht zusammenhängt. (Leitlinie, E 4.)86
Erhöhung in 7-Tages-Schritten (in dringenden Fällen in 3-Tages-Schritten)
Ziel: Dosis mit maximalem Nutzen bei tolerablen Nebenwirkungen. (Leitlinie, E 4.)86 Die Fassung von 2011 nannte als Ziel minimale Nebenwirkungen. (Leitlinie, E 4.)85
Dosierungsstufen nennt diese Leitlinie nicht.
Bei behandlungsresistenten Fällen auch Kombinationsmedikation.
6.10.2. Kanada: CADDRA-Leitlinien/CAP-Leitlinien, 2011
Kinder, Jugendliche, Erwachsene: (Leitlinie, E 4)87
Beginn mit niedrigen Medikamentendosen, langsame Dosiserhöhung, bis zu der Dosis, die die Symptome und die Funktionsfähigkeit verbessert und ein gutes Nebenwirkungsprofil aufweist.
6.10.3. Australien: AADPA-Leitlinie (vom NHMRC genehmigt), 2023
Kinder, Jugendliche, Erwachsene: (Leitlinie, E 4)88
Gemeinsame Auswahl der passenden Medikamente durch Ärzte und Betroffene / Erziehungsberechtigte.
Individuell passende Medikationsauswahl
Dosistitration unter regelmäßiger ärztlicher Überprüfung der Fortschritte in Bezug auf Symptome, Funktionsniveaus und unerwünschter Wirkungen
Optimale Dosis: Dosis, bei der die Symptome reduziert und die funktionellen Ergebnisse verbessert werden, bei minimalen unerwünschten Wirkungen
6.10.4. Neuseeland: Leitlinien des neuseeländischen Gesundheitsministeriums, 2001
Die neuseeländischen Leitlinien scheinen nicht frei im Internet verfügbar zu sein. Es finden sich lediglich Wiedergaben mit unklarem Copyright.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene: (Leitlinie, E 4.)89
Dosierung beginnend am unteren Ende des Dosisbereichs (etwa 0,1 bis 0,2 mg/kg MPH oder 0,05 bis 0,1 mg/kg DAMP).
Individuelle Titration nach Bedarf
Tempo der Titration nach Intensität der Überwachung von Wirkung und Nebenwirkungen (z. B. 5 bis 7 Tage zur Gewöhnung an anfängliche Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden oder Weinerlichkeit)
Optimale Dosis: kleinste Dosis für ein optimales therapeutisches Ansprechen
Höchstdosis:
- MPH: 60 mg/Tag (wirksamer Dosisbereich 0,3 bis 1,0 mg/kg)
- Dexamfetamin: 20 mg/Tag, ältere Kinder 40 mg/Tag (wirksamer Dosisbereich 0,15 bis 0,5 mg/kg)
Bei ausbleibender Verbesserung
- Einhaltung des Medikamentenregimes überprüfen
- Diagnose, Differenzialdiagnosen und Komorbiditäten überprüfen
- Dosierung anpassen
- Wirkstoff wechseln
Medikationsbehandlung mit Stimulanzien (MPH oder Dextroamphetamin) ist erste Wahl.
Weitere Interventionen (auch Verhaltenstherapie) können gezielt auf verbleibende Symptome ausgerichtet werden, wenn die Symptome nach einigen Monaten unter optimal titrierter Medikation kontrolliert sind. (Leitlinie, E 4.)89
6.10.5. Malaysia: Malaysische Leitlinien, 2008, 2020
Kinder ab 6 Jahren, Jugendliche (Fassung 2020): (Leitlinie, E 4.)90
MPH erst ab 6 Jahren
Beginn mit niedriger Dosis:
- unretardiertes MPH: 5 mg ein- bis zweimal täglich, wöchentliche Steigerung um 5 bis 10 mg/Tag
- MPH LA: 20 mg einmal täglich, wöchentliche Steigerung um 10 mg/Tag
- OROS-MPH: 18 mg einmal täglich, wöchentliche Steigerung um 18 mg
Höchstdosis:
- OROS-MPH: 72 mg/Tag
- unretardiertes MPH: 60 mg/Tag in 2 bis 3 Einzeldosen, höchstens 2 mg/kg/Tag
- MPH LA: 60 mg/Tag
Fassung 2008: (Sekundärzitat über Huss et al. (2017): Narrativer Review, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 4.)17
Beginn mit Dosis am unteren Ende des Dosisbereichs
- 2,5 mg/Tag bei 3-5 Jahren
- 5 mg/Tag bei 8 Jahren
- 10 mg/Tag bei mehr als 8 Jahren
Ziel: höchste Wirksamkeit bei minimalen Nebenwirkungen
Höchstdosis:
- 60 mg/Tag
- 30 mg/Tag, im Alter von 3-5 Jahren
6.10.6. Europa: ESCAP-Leitlinien, 2004
Kinder, Jugendliche, Erwachsene: (Leitlinie, Expertenkonsens, E 4)91
Beginn mit niedriger Dosis (0,2 mg/kg/Dosis für Kinder und Jugendliche)
Erhöhung, bis gutes Ergebnis erzielt wird, oder unerwünschte Wirkungen auftreten, oder Höchstdosis erreicht ist (0,7 mg/kg/Dosis für Kinder und Jugendliche) - je nachdem, was zuerst eintritt
6.10.7. Deutschland: S3-Leitlinie, 2018, 2026
Kinder, Jugendliche, Erwachsene: (Leitlinie, E 4)92 (Leitlinie, E 4.)93
Beginn: niedrige Einstiegsdosis
Erhöhung, bis keine weitere klinisch signifikante Verbesserung der Symptomatik (z.B. auf der Ebene der Kernsymptome, aber auch im Sinne einer Änderung von Problemverhalten) zu erreichen ist und die unerwünschten Wirkungen tolerabel bleiben
Ziel: möglichst niedrige Dosierung
Die zugelassene Tageshöchstdosis sollte nur in begründeten Ausnahmefällen überschritten werden. (Leitlinie, E 4.)92
Version 2.0 (2026) übernimmt den Titrationskommentar wortgleich. Langwirksame Präparate sollten dort bevorzugt eingesetzt werden (2018: „können erwogen werden“). (Leitlinie, E 4.)93
In der Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte (Stand 2009) hieß es:“Bei Stimulanzien: Keine strenge Korrelation zwischen Körpergewicht und notwendiger Dosis!(Evidenzgrad IIa). Immer individuelle Titration. Die angegebenen mg/kg KG sind Durchschnittswerte und können individuell unter- oder überschritten werden.” (Leitlinie eines Fachverbands, E 4.)94
MPH:
Die S3-Leitlinie nennt keine konkreten Titrationsschritte. Wir halten mit Kühle eine Titration in kleinen Schritten für sinnvoll, auch wenn diese die Geduld mancher Betroffener herausfordert. (E 4.)35 Hierfür kann unretardiertes MPH (2,5 mg / Einzeldosis) oder retardiertes MPH (5 mg / Einzeldosis, was aufgrund der doppelten Wirkdauer 2 nacheinander genommenen Dosen von 2,5 mg unretardiertem MPH entspricht) verwendet werden. (Einschätzung ADxS)
6.10.8. Großbritannien: BAP-Leitlinien, 2007, 2014
(E 4): Kinder, Jugendliche, Erwachsene: (Leitlinie, Expertenkonsens, herstellerfinanziert, E 4.)95 (Leitlinie, Expertenkonsens, E 4)96
Titration auf die optimale Dosis über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen
Höchstdosis:
- 60 mg/Tag für Jugendliche und Kinder
- 100 mg/Tag für Erwachsene
Bei behandlungsresistenten Fällen auch Kombinationsmedikation.
6.10.9. England und Wales: NICE-Leitlinien CG72 (2008, aktualisiert 2016), NG87 (2018, aktualisiert 2019)
Die aktuelle Leitlinie NG87 nennt keine Dosierungen und verweist hierfür auf das British National Formulary (BNF). (Leitlinie, E 4.)97
MPH (kurz- oder langwirksam) ist erste Wahl bei Kindern ab 5 Jahren und Jugendlichen.
Titration gegen Symptome und Nebenwirkungen, mit Erfassung auf Standardskalen bei jeder Dosisänderung und regelmäßiger Überprüfung (z. B. wöchentlicher Telefonkontakt)
Ziel: weniger Symptome, Verhaltensbesserung, Verbesserungen in Ausbildung, Beruf und Beziehungen bei tolerablen Nebenwirkungen
Die Vorgängerleitlinie CG72 nannte: (Sekundärzitat über Huss et al. (2017): Narrativer Review, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 4.)17
Kinder, Jugendliche:
Erstbehandlung beginnend mit niedrigen Dosen
- unretardiert 5 mg zwei- oder dreimal täglich, oder
- retardiert
Titration in Abhängigkeit von den Symptomen und Nebenwirkungen über 4-6 Wochen bis zur Dosisoptimierung
Höchstdosis: 60 mg/Tag
Erwachsene:
Erstbehandlung beginnend mit niedrigen Dosen
- unretardiert 5 mg dreimal täglich
- retardiert: entsprechende Dosis
Titration in Abhängigkeit von den Symptomen und Nebenwirkungen über 4-6 Wochen bis zur Dosisoptimierung
Höchstdosis: 100 mg/Tag
6.10.10. Schottland: SIGN-Leitlinien, 2009
Diese Leitlinie ist zurückgezogen. Eine Neuauflage lehnte SIGN 2019 unter Hinweis auf die NICE-Leitlinie von 2018 ab. (E 4.)98
Kinder, Jugendliche: (Leitlinie, E 4)99
Strukturiertes Titrationsprotokoll zur Ermittlung der optimalen Medikamentendosis
6.10.11. Spanien: Spanische Leitlinien, 2010
Kinder, Jugendliche: (Leitlinie, E 4)100
Beginn mit niedrigen Dosen unretardierten MPHs (2,5 oder 5 mg je nach Gewicht, 2 bis 3 Mal täglich, nicht später als 17 Uhr)
Schrittweise Erhöhung um 2,5 bis 5 mg pro Woche, je nach klinischem Ansprechen und Nebenwirkungen
Dosisbandbreite: 0,5 bis 2 mg/kg/Tag
Höchstdosis: 60 mg/Tag
6.10.12. Schweden: Schwedische Leitlinien (2016)
Die “Swedish Medical Products Agency ADHD drugs – treatment guide-lines” werden hier als Sekundärzitat über Huss et al. wiedergegeben. (Narrativer Review, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 4.)17
Kinder, Jugendliche:
Beginn mit niedrigen Dosen (18 mg bei lang wirksamen Medikamenten, 5-10 mg bei mittellang wirksamen Medikamenten)
Schrittweise Anpassung (ca. einmal pro Woche)
Ziel: Dosis, die gute Wirkung zeigt und gut vertragen wird
Erwachsene:
Beginn mit niedrigen Dosen
Schrittweise Anpassung (ca. einmal pro Woche)
Ziel: Dosis mit bestem Gleichgewicht zwischen Wirksamkeit und Nebenwirkungen
Höchstdosis: 80 mg/Tag
Die Dosissteigerung soll nicht zu früh abgebrochen werden. Eher eine höhere Dosis versuchen, die bei Nebenwirkungen reduziert werden kann. (Sekundärzitat über Huss et al. (2017): Narrativer Review, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 4.)17
7. Retardiertes oder unretardiertes MPH
Dieser Abschnitt wurde verschoben nach Retardiertes MPH, Retardtechniken im Beitrag MPH Teil 3: Retardierung.
8. Trägersubstanzen
Bedeutung für Betroffene
MPH-Präparate enthalten neben dem Wirkstoff Hilfsstoffe, die sich je nach Präparat unterscheiden. Unretardiertes Ritalin enthält Weizenstärke und Laktose, unretardiertes Medikinet Maisstärke und Laktose, Equasym Retard Zuckerkügelchen aus Saccharose und Maisstärke. Bei Laktoseunverträglichkeit, Zöliakie oder anderen Unverträglichkeiten sollten die Hilfsstoffe des verordneten Präparats in der Packungsbeilage geprüft und gegebenenfalls mit Arzt oder Apotheke besprochen werden.
- Ritalin (unretardiert): Weizenstärke und Laktose (E 4.)32
- Medikinet (unretardiert): Maisstärke und Laktose (E 4.)32
- Equasym Retard: Saccharose und Maisstärke (Zuckerkügelchen) (E 4.)32
9. Wirkungsqualität von Methylphenidat
Bedeutung für Betroffene
Methylphenidat ist bei Kindern das Mittel erster Wahl. In der großen MTA-Studie verbesserte eine sorgfältig eingestellte Medikation die ADHS-Symptome nach 14 Monaten deutlicher als eine intensive Verhaltenstherapie. Nach 3 Jahren unterschieden sich die Gruppen nicht mehr. Bis dahin nahmen allerdings 45 % der Verhaltenstherapie-Gruppe ebenfalls Medikamente, in der Medikationsgruppe nur noch 71 %.
Die Wirkung von MPH auf die ADHS-Kernsymptome ist bei Kindern und Jugendlichen groß (standardisierte Effektstärke etwa 0,8 bis 1,0), bei Erwachsenen mittelgroß (etwa 0,5). Diese Werte sind Mittelwerte über viele Betroffene.
Stimulanzien können die Lern- und Therapiefähigkeit herstellen oder verbessern. Nach Einschätzung von ADxS ist es daher sinnvoll, die Medikation mit Verhaltenstherapie oder Neurofeedback zu verbinden, um eine Grundlage für ein späteres Absetzen zu schaffen. Eine Kombination von MPH mit noradrenergen Medikamenten oder Zink kann die Wirkung weiter verbessern. Sie sollte jedoch vorsichtig und mit einem in der ADHS-Medikation erfahrenen Arzt erfolgen.
Methylphenidat ist das Mittel erster Wahl für Kinder. Eine sorgfältig titrierte Medikation verbesserte die ADHS-Symptome nach 14 Monaten deutlicher als eine intensive Verhaltenstherapie. (RCT, n = 579, Alter 7 bis 9,9 Jahre, 14 Monate, E 1b.)101 Nach 36 Monaten unterschieden sich die Gruppen nicht mehr. Inzwischen nahmen 45 % der Verhaltenstherapie-Gruppe (zuvor 14 %) Medikamente, in der Medikationsgruppe sank der Anteil von 91 % auf 71 %. (Nachbeobachtung eines RCT, n = 485, 36 Monate, E 2b.)102
Da Stimulanzien die Lern- und Therapiefähigkeit herstellen oder erhöhen, ist es sinnvoll, zunächst akut mit Stimulanzien zu arbeiten, um parallel dazu mittels Verhaltenstherapie und/oder Neurofeedback die Basis zu schaffen, um diese wieder absetzen zu können. (Einschätzung ADxS)
(E 1a): Die mittlere Effektstärke (SMD) von MPH auf die ADHS-Kernsymptome liegt bei Kindern und Jugendlichen bei etwa 0,8 bis 1,0, bei Erwachsenen bei etwa 0,5. (Netzwerk-Metastudie, k = 133, n = 10.068 Kinder und Jugendliche, n = 8.131 Erwachsene, E 1a.)103 (Metastudie [Cochrane], k = 185 RCTs [38 Parallelgruppenstudien mit n = 5.111, 147 Crossover-Studien mit n = 7.134], 96,8 % der Studien mit hohem Biasrisiko, E 1a.)104 (Narrativer Review, E 4.)105
Zur Wirksamkeit einzelner Medikamente und Behandlungsformen siehe ⇒ Effektstärke verschiedener Behandlungsformen von ADHS im Kapitel⇒ Behandlung und Therapie.
Eine MPH-Medikation in Kombination mit noradrenergen Medikamenten oder Zink kann die Wirkung weiter verbessern. Hier ist jedoch vorsichtige Herangehensweise empfohlen. Es empfiehlt sich, hierzu einen Arzt mit Erfahrung in Medikation bei ADHS heranzuziehen.
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