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MPH Teil 6 - Nebenwirkungen, Wechselwirkungen

MPH Teil 6 - Nebenwirkungen, Wechselwirkungen

Zuletzt aktualisiert:

10. Nebenwirkungen von Methylphenidat

Bedeutung für Betroffene

Bei passender Dosierung erleben viele Betroffene unter MPH, dass sie mehr sie selbst sind als zuvor. Das Gefühl, durch Stimulanzien weniger man selbst zu sein, weist nach Erfahrung von ADxS auf eine Fehldosierung, Fehlanwendung oder Fehldiagnose hin. Nebenwirkungen nehmen mit der Dosis zu. In einer Auswertung kurzer Studien bei Kindern und Jugendlichen stieg die Wirkung bis etwa 45 mg/Tag an, während Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen mit jeder höheren Dosis häufiger wurden.

Die folgenden Abschnitte behandeln allgemeine und häufige Nebenwirkungen (10.1) sowie Wachstum, Psychoserisiko, Appetit, Krampfschwelle, Angst und Depression, Manierisiko, Histamin, Rebound, Narkose, Herz und Kreislauf, Leber und mögliche Langzeitfolgen. Schwere Nebenwirkungen sind nach den vorliegenden Studien selten.

Bei einer passenden Dosierung vermittelt die Wirkung von MPH ADHS-Betroffenen das Gefühl, dass sie wesentlich mehr sie selbst sind als zuvor. Sollte ein Betroffener das Gefühl haben, durch Stimulanzien weniger er selbst zu sein, ist dies ein ernst zu nehmender Hinweis auf eine Fehldosierung, Fehlanwendung oder Fehldiagnose. (Erfahrung ADxS)
Studien zu Nebenwirkungen von ADHS‑Medikamenten sollten stets daraufhin geprüft werden, welche Dosen und welche Verabreichungsform verwendet wurden. Natürlich verursachen Stimulanzien ab bestimmten Dosen Nebenwirkungen. Alles, was wirkt, kann auch Nebenwirkungen zeigen. Mit steigender Dosis nehmen diese naturgemäß zu. Die Dosis macht das Gift.

Eine Dosis-Wirkungs-Netzwerk-Metaanalyse doppelblinder Festdosis-RCTs bei Kindern und Jugendlichen fand, dass die Wirksamkeit von MPH bis etwa 45 mg/Tag zunahm und dann ein Plateau erreichte, während der Anteil der Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen mit der Dosis stetig stieg. Die geschätzte Abbruchrate wegen Nebenwirkungen betrug bei: (Netzwerk-Metastudie, k = 48 RCTs, N = 4.964, Alter 5 bis 18 Jahre, mittlere Studiendauer 3,1 Wochen, E 1a.)1

  • 8,2 % (95 % CrI 2,8 bis 21,3 %) unter 60 mg MPH/Tag
  • 4,8 % (95 % CrI 2,2 bis 10,6 %) unter 45 mg MPH/Tag
  • 2,8 % (95 % CrI 1,7 bis 5,0 %) unter 30 mg MPH/Tag
  • 1,7 % (95 % CrI 1,3 bis 2,2 %) unter 15 mg MPH/Tag
  • 1,2 % (95 % CrI 1,1 bis 1,3 %) unter 5 mg MPH/Tag
  • 1 % unter Placebo (gepoolte Abbruchrate der Placeboarme)

Bei neutraler Gewichtung von Nutzen und Abbruchrisiko lag der günstigste MPH-Dosisbereich bei 18 bis 46 mg/Tag (Optimum 30 bis 39 mg/Tag).

Bei gesunden spät-adoleszenten Ratten verbesserte eine niedrige MPH-Dosis (1,5 mg/kg/Tag oral) das Arbeitsgedächtnis. Eine höhere Dosis (5 mg/kg/Tag) beeinträchtigte die Funktion der Blut-Hirn-Schranke im Hippocampus und verschlechterte das Arbeitsgedächtnis. (Tierstudie, n = 42, Wistar-Kyoto-Ratten ohne ADHS-Modell, ergänzend In-vitro an humanen Hirnendothelzellen, 4 Wochen [P28 bis P55, werktags], E 2b.)2

10.1. Nebenwirkungen

Bedeutung für Betroffene

Dieser Abschnitt fasst die allgemeinen Nebenwirkungen von MPH zusammen. In placebokontrollierten Studien traten schwere Nebenwirkungen unter MPH nicht häufiger auf als unter Placebo. Nicht schwerwiegende Nebenwirkungen wie Appetitminderung und Schlafprobleme waren dagegen um etwa ein Viertel häufiger. Ein Review fand auch bei langfristiger Einnahme keine schweren Folgen, wohl aber leicht erhöhte Blutdruck- und Pulswerte. Die Unterabschnitte behandeln die häufigsten Nebenwirkungen und ihren Verlauf, Besonderheiten bei Vorschulkindern und bei Begleiterkrankungen wie Autismus, Intelligenzminderung oder Substanzgebrauch sowie den Einfluss von Genvarianten.

10.1.1. Keine erhöhte Rate schwerer Nebenwirkungen

Eine Cochrane-Metastudie zu MPH bei Kindern und Jugendlichen (Durchschnittsalter 9,7 Jahre) fand unter MPH keine höhere Rate schwerer Nebenwirkungen als unter Placebo (RR = 0,98, 95 % KI 0,44 bis 2,22). Die Datenbasis war für eine sichere Aussage zu klein. (Metastudie [Cochrane], k = 185 RCTs, für diese Aussage k = 9, n = 1.532, mediane Dauer der Parallelgruppenstudien 49 Tage, 96,8 % der Studien mit hohem Biasrisiko, GRADE sehr niedrig, E 1a.)3

Die aktualisierte Fassung dieser Cochrane-Metastudie bestätigte das Ergebnis: Unter MPH traten schwere Nebenwirkungen nicht häufiger auf als unter Placebo oder keiner Behandlung (RR = 0,80, 95 % KI 0,39 bis 1,67, k = 26, n = 3.673, TSA-adjustiert RR = 0,91, 95 % KI 0,31 bis 2,68). Die Evidenzsicherheit war sehr niedrig. (Metastudie [Cochrane], k = 212 RCTs, N = 16.302, mittlere Behandlungsdauer 28,8 Tage, 41 % der Studien ganz oder teilweise industriefinanziert, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)4

10.1.2. Leicht erhöhtes Risiko nicht schwerwiegender Nebenwirkungen (+ 29 %)

Bedeutung für Betroffene

In placebokontrollierten Studien mit Kindern und Jugendlichen traten nicht schwerwiegende Nebenwirkungen unter MPH um etwa 23 bis 29 % häufiger auf als unter Placebo. Am häufigsten waren Appetitminderung und Schlafprobleme. Auch Erwachsene hatten unter MPH häufiger Nebenwirkungen, etwa Magen-Darm-Beschwerden wie Mundtrockenheit, Übelkeit oder Bauchschmerzen sowie Appetitverlust. Sie brachen die Behandlung häufiger wegen Nebenwirkungen ab als unter Placebo.

In der Versorgungspraxis berichtete etwa die Hälfte der behandelten Kinder und Jugendlichen mindestens eine Nebenwirkung, am häufigsten Appetitminderung (etwa 31 %), Einschlafprobleme, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen. Etwa 6 % beendeten die Behandlung wegen solcher Nebenwirkungen. Diese Zahlen stammen aus Studien ohne Vergleichsgruppe. Sie zeigen daher nicht, wie viele der Beschwerden tatsächlich durch MPH verursacht wurden.

Ein erheblicher Teil der berichteten Nebenwirkungen tritt auch unter Placebo auf. In den Placebogruppen von Studien zu ADHS-Medikamenten berichtete gut die Hälfte der Teilnehmer Nebenwirkungen. Nicht jede Beschwerde nach Behandlungsbeginn ist deshalb eine Folge des Medikaments.

Leichtere Nebenwirkungen sind unter MPH also häufig, gefährden die Behandlung aber meist nicht. Belastende Nebenwirkungen sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden, bevor die Behandlung abgebrochen wird.

Eine Cochrane-Metastudie zu MPH bei Kindern und Jugendlichen (Durchschnittsalter 9,7 Jahre) fand unter MPH 29 % mehr nicht schwerwiegende Nebenwirkungen als unter Placebo (RR = 1,29, 95 % KI 1,10 bis 1,51, k = 21, n = 3.132). Am häufigsten waren Appetitminderung (RR = 3,66, k = 16, n = 2.962) und Schlafprobleme (RR = 1,60, k = 13, n = 2.416). (Metastudie [Cochrane], k = 185 RCTs, für diese Aussage k = 21, n = 3.132, 96,8 % der Studien mit hohem Biasrisiko, E 1a.)3

Nicht schwerwiegende Nebenwirkungen waren unter MPH häufiger als unter Placebo oder keiner Behandlung bei:

  • Kindern und Jugendlichen: RR = 1,23 (95 % KI 1,11 bis 1,37, k = 35, n = 5.342, TSA-adjustiert RR = 1,22), vor allem Schlafprobleme und Appetitminderung. (Metastudie [Cochrane], k = 212 RCTs, N = 16.302, mittlere Behandlungsdauer 28,8 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)4
  • Erwachsenen unter retardiertem MPH: RR = 1,27 (95 % KI 1,19 bis 1,37, k = 14, n = 4.214) für irgendeine Nebenwirkung. Schwere Nebenwirkungen waren nicht signifikant häufiger (RR = 1,43, 95 % KI 0,85 bis 2,43, k = 14, n = 4.078). Abbrüche wegen Nebenwirkungen waren häufiger (RR = 2,36, 95 % KI 1,62 bis 3,43, k = 15, n = 3.963). (Metastudie [Cochrane], k = 24 RCTs, N = 5.066, mediane Dauer 8 Wochen, Studien mit 76 % der Teilnehmer industriefinanziert, E 1a.)5
  • Erwachsenen unter unretardiertem MPH: gastrointestinale Beschwerden (z. B. Mundtrockenheit, Übelkeit, Bauchschmerzen) RR = 1,96 (95 % KI 1,13 bis 2,95) und Appetitverlust RR = 1,77 (95 % KI 1,06 bis 2,96). (Metastudie [Cochrane], k = 10 RCTs, N = 497, für diese Aussage k = 4, n = 203 MPH und 141 Placebo, 6 bis 18 Wochen, E 1a.)6

Eine Cochrane-Metastudie nicht randomisierter Studien bei Kindern und Jugendlichen fand in Kohortenstudien ohne Kontrollgruppe unter MPH bei 51,2 % (95 % KI 41,2 bis 61,1 %) mindestens eine nicht schwerwiegende Nebenwirkung, darunter:

  • 31,1 % Appetitminderung (95 % KI 26,5 bis 36,2 %, k = 84, n = 11.594)
  • 17,9 % Einschlafprobleme (95 % KI 14,7 bis 21,6 %, k = 82, n = 11.507)
  • 14,4 % Kopfschmerzen (95 % KI 11,3 bis 18,3 %, k = 90, n = 13.469)
  • 10,7 % Bauchschmerzen (95 % KI 8,6 bis 13,3 %, k = 79, n = 11.750)

Wegen nicht schwerwiegender Nebenwirkungen brachen 6,2 % (95 % KI 4,8 bis 7,9 %) die Behandlung ab, wegen schwerer Nebenwirkungen 1,2 % (95 % KI 0,6 bis 2,3 %, k = 7, n = 1.173). Die Autoren bewerteten das Biasrisiko der nicht vergleichenden Studien durchweg als kritisch und die Evidenz als sehr niedrig. (Metastudie [Cochrane], k = 260 nicht randomisierte Studien, davon 177 nicht vergleichende Kohortenstudien mit N = 2.207.751, Alter 3 bis 20 Jahre, GRADE sehr niedrig, E 2b.)7

Ein erheblicher Teil der in Studien berichteten Nebenwirkungen tritt auch unter Placebo auf (Nocebo-Effekt). In den Placeboarmen von 105 RCTs zu ADHS-Medikamenten berichteten 55,5 % der Teilnehmer Nebenwirkungen. Die Nocebo-Rate stieg mit dem Alter, der Behandlungsdauer und hing von der Methode der Nebenwirkungserfassung ab. Studien mit hoher Nocebo-Rate zeigten ein günstigeres Sicherheitsergebnis des Wirkstoffs. (Metastudie, k = 105 RCTs, n = 8.743 in Placeboarmen, alle ADHS-Medikamente, MPH nicht getrennt ausgewertet, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)8

Bei Erwachsenen brachen unter MPH insgesamt nicht signifikant mehr Patienten die Behandlung ab als unter Placebo (OR 1,19, 95 % KI 0,82 bis 1,74, I² = 64 %). Nach Ausschluss einer Ausreißerstudie war der Unterschied signifikant (OR 1,44, 95 % KI 1,14 bis 1,82). Abbrüche wegen Nebenwirkungen waren unter MPH häufiger als unter Placebo (OR 2,68, 95 % KI 1,81 bis 3,98, I² = 0 %). Unter OROS-MPH waren auch die Abbrüche insgesamt signifikant häufiger (OR 1,61, 95 % KI 1,23 bis 2,11). (Metastudie, k = 12 RCTs, N = 2.496, 4 bis 24 Wochen, E 1a.)9

10.1.3. Keine ernsthaften Nebenwirkungen bei dauerhafter Einnahme

Bedeutung für Betroffene

Ein systematischer Review fand auch bei langfristiger Einnahme von MPH keine schweren neuropsychiatrischen oder kardiovaskulären Folgen. Blutdruck und Herzfrequenz stiegen leicht an. Die Datenlage zu langfristigen Auswirkungen auf Psyche und Denkleistung gilt allerdings als begrenzt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die seit mindestens 2 Jahren MPH einnahmen, war die Herzfunktion unauffällig. Der systolische Blutdruck war jedoch höher und das Körpergewicht im Verhältnis zur Größe (BMI) niedriger als bei gesunden Gleichaltrigen.

In einer einjährigen placebokontrollierten Studie mit Erwachsenen traten unter MPH vor allem verminderter Appetit, Mundtrockenheit, Herzklopfen, innere Unruhe und Gewichtsabnahme häufiger auf. Im Mittel nahmen die Teilnehmer unter MPH in einem Jahr 1,2 kg ab. Schwere Nebenwirkungen waren selten und unter MPH nicht signifikant häufiger als unter Placebo. In einer Langzeitstudie mit retardiertem MPH über mehr als ein Jahr beendeten etwa 10 % der Erwachsenen die Behandlung wegen Nebenwirkungen. Einzelne erhöhte Blutdruck- und Pulswerte kamen vor. Beim Wechsel auf Placebo traten keine Entzugs- oder Reboundsymptome auf.

Nach 6 Jahren nahm etwa die Hälfte der als Erwachsene behandelten Personen noch MPH. Häufigster Abbruchgrund war fehlende Wirkung. Weitere Gründe waren gehobene Stimmung oder Hypomanie und der Verlust des Kontakts zum verordnenden Arzt. Bei fortgesetzter Einnahme waren verminderter Appetit, Mundtrockenheit, Unruhe und erhöhter Puls die häufigsten Beschwerden.

Die Studien sprechen dafür, dass MPH auch über Jahre ohne schwere Folgeschäden eingenommen werden kann. Blutdruck, Puls und Gewicht sollten bei Langzeiteinnahme regelmäßig kontrolliert werden.

Ein systematischer Review fand bei langfristiger MPH-Einnahme keine schwerwiegenden neuropsychiatrischen Folgen und keine schweren kardiovaskulären Ereignisse. Blutdruck und Herzfrequenz stiegen leicht an. Die Datenlage zu langfristigen neuropsychiatrischen und kognitiven Effekten wurde als begrenzt bewertet. (Systematischer Review, k = 13 [6 systematische Reviews, 5 Kohortenstudien, 1 RCT, 1 narrativer Review], E 2b.)10 Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die seit mindestens 2 Jahren retardiertes MPH einnahmen, fand eine echokardiografische Untersuchung keine Einschränkung der Herzfunktion. Der systolische Blutdruck war jedoch höher und der BMI niedriger als bei Gesunden. Beide Werte hingen mit der Einnahmedauer zusammen. (Querschnittstudie mit gematchten Kontrollen, N = 121, n = 70 mit MPH seit mindestens 2 Jahren, n = 51 Kontrollen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)11

In einer 52-wöchigen RCT an Erwachsenen (COMPAS) waren unter flexibel dosiertem retardiertem MPH (Medikinet retard, mittlere Dosis in Woche 13: 48,8 mg/Tag) gegenüber Placebo signifikant häufiger: (RCT, n = 433, davon 205 mit MPH und 209 mit Placebo ausgewertet, 52 Wochen, E 1b.)12

  • 22 % gegenüber 3,8 % verminderter Appetit
  • 15 % gegenüber 4,8 % Mundtrockenheit
  • 13 % gegenüber 3,3 % Herzklopfen
  • 11 % gegenüber 3,3 % Agitiertheit
  • 10 % gegenüber 2,9 % Unruhe
  • je 6,3 % gegenüber 1,9 % vermehrtes Schwitzen, Tachykardie und Gewichtsabnahme
  • 4,9 % gegenüber 1,0 % depressive Symptome

Synkopen traten nur unter Placebo auf (2,4 % gegenüber 0 %). Mindestens ein unerwünschtes Ereignis hatten 96 % unter MPH und 88 % unter Placebo. Schwere Nebenwirkungen waren selten (7,3 % gegenüber 4,3 %) und unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen. Über 52 Wochen nahmen die Teilnehmer unter MPH im Mittel 1,2 kg ab, unter Placebo 0,3 kg zu. Klinisch relevante EKG-Veränderungen waren in beiden Gruppen sehr selten.

In einer offenen Verlängerungsstudie mit OROS-MPH (18 bis 90 mg/Tag, im Mittel 52,8 mg) über im Mittel 437 Tage brachen 10,3 % der Erwachsenen wegen Nebenwirkungen ab. 81,3 % hatten mindestens ein unerwünschtes Ereignis. Keines der schweren unerwünschten Ereignisse (7,7 %) wurde als medikamentenbedingt eingestuft. Blutdruck und Puls änderten sich im Mittel wenig. Erhöhte Einzelwerte traten auf (systolisch über 140 mmHg bei 21,7 %, diastolisch über 90 mmHg bei 17,1 %, Puls über 100/min bei 9,2 %). In der anschließenden randomisierten Absetzphase (n = 45) zeigten sich nach Umstellung auf Placebo keine Entzugs- oder Reboundsymptome. (Offene Studie (Verlängerung eines RCT), n = 155, mindestens 52 Wochen, Autoren bei Hersteller angestellt, E 2b.)13

Von 112 als Erwachsene diagnostizierten und medikamentös behandelten Personen nahmen nach durchschnittlich 6 Jahren noch 51 % MPH. Häufigste Abbruchgründe waren fehlende Wirkung (29 %), gehobene Stimmung oder Hypomanie (11 %) und Kontaktverlust zum verordnenden Arzt (9 %). Keiner der Teilnehmer mit gehobener Stimmung oder Hypomanie hatte zu Beginn eine bipolare Störung. Unter fortgesetztem MPH (aktuelle Tagesdosis im Median 54 mg) berichteten: (Prospektive naturalistische Kohortenstudie, n = 112, 6 Jahre, E 2b.)14

  • 28 % verminderten Appetit
  • 24 % Mundtrockenheit
  • je 19 % Ängstlichkeit/Unruhe und erhöhte Pulsfrequenz
  • 17 % verminderte Libido
  • 15 % Schwitzen
  • 11 % depressive Verstimmung

10.1.4. Häufige Nebenwirkungen

Bedeutung für Betroffene

Sehr häufig (bei über 10 % der Behandelten) sind verminderter Appetit, Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Nervosität, Schlaflosigkeit und Übelkeit. Daneben gibt es eine lange Liste häufiger Nebenwirkungen (bei 1 bis 10 %), etwa Stimmungsschwankungen, Bauchschmerzen, Herzklopfen, Schwindel oder Gewichtsverlust. Die meisten davon sind unspezifisch und spielen in der Praxis eine geringe Rolle. Ein Vergleich mit dem Beipackzettel gängiger Medikamente wie Aspirin hilft bei der Einordnung.

Die meisten Nebenwirkungen treten zu Beginn der Behandlung auf und klingen innerhalb der ersten Wochen ab. Eine langsame Eindosierung in kleinen Schritten kann helfen, sie zu vermeiden. Schlafprobleme entstehen häufig durch eine zu späte Einnahme am Tag. Studien fanden unter MPH ein späteres Einschlafen und eine kürzere Schlafdauer, abhängig von der Dosis. Über 2 Jahre schliefen Kinder unter MPH insgesamt jedoch nicht schlechter als unbehandelte Kinder mit ADHS. Vorbestehende Schlafprobleme sprechen nicht grundsätzlich gegen eine Dosissteigerung. Manchen Betroffenen hilft eine kleine Dosis unretardiertes MPH sogar beim Einschlafen.

Tics traten in placebokontrollierten Studien unter Stimulanzien nicht häufiger auf als unter Placebo. Tics zu Behandlungsbeginn verschwanden oft nach einigen Wochen. Reizbarkeit und Angst waren unter MPH insgesamt seltener als unter Placebo, Teilnahmslosigkeit und vermindertes Sprechen dagegen häufiger. Das über Monate anhaltende Gefühl, die Welt entferne sich oder das Leben werde eintönig, ist nach Erfahrung von ADxS ein deutlicher Hinweis auf eine Überdosierung.

Zu den Augen liegen vor allem kleinere Studien vor. MPH kann die Pupillen erweitern und dadurch verschwommenes Sehen verursachen. Bei Erwachsenen war das Risiko für ein Offenwinkelglaukom leicht erhöht. Bei Kindern veränderte sich der Augeninnendruck nicht.

Nebenwirkungen sind unter MPH also häufig, meist aber mild und vorübergehend. Anhaltende oder belastende Nebenwirkungen sollten ärztlich besprochen werden, da sie oft durch Dosis, Einnahmezeitpunkt oder Präparat beeinflusst werden können.

(E 4): Sehr häufig (bei über 10 %) sind: (Fachinformation, E 4.)15 (Narrativer Review, E 4.)16

  • verminderter Appetit
  • Kopfschmerzen
  • Mundtrockenheit (laut aktueller UK-Fachinformation, Daten aus Erwachsenenstudien)
  • Nervosität
  • Schlaflosigkeit
  • Übelkeit (laut aktueller UK-Fachinformation, Daten aus Erwachsenenstudien)

Häufig auftretende Nebenwirkungen von MPH können sein: (Narrativer Review, E 4.)16
(Häufig: treten bei 1 bis 10 % auf. 90 bis 99 % der mit MPH medikamentierten Personen haben diese Nebenwirkungen nicht)

  • Affektlabilität (Stimmungsschwankungen)
  • Aggression
  • Agitiertheit
  • Alopezie (Haarausfall)
  • Angst
  • anormales Verhalten
  • Arrhythmie (Herzrhythmusstörungen; Herz schlägt zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig)
  • Arthralgie (Gelenkschmerzen)
  • Bauchschmerzen
  • Depression
  • Durchfall
  • Dyskinesie (Störungen des Bewegungsablaufs)
  • Erbrechen
  • Gewichtsverlust, fehlende Gewichtszunahme
    • In einer Auswertung der deutschen KiGGS-Daten hatten Jungen mit MPH-Einnahme häufiger einen sehr niedrigen BMI (3. Perzentile oder darunter). Das galt für 6- bis 10-Jährige mit weniger als 12 Monaten Einnahme (OR 4,52) und für 11- bis 15-Jährige mit 12 Monaten oder mehr (OR 3,59). In den übrigen Gruppen zeigte sich das nicht. (Querschnittstudie [KiGGS 2003 bis 2006], N = 4.244 Jungen, n = 118 mit MPH, Alter 6 bis 15 Jahre, E 3.)17 In einer thailändischen Kohorte (mittlere Dosis 14,1 mg/Tag, Einnahmedauer im Mittel 39 Monate) sank der alters- und geschlechtskorrigierte Gewichts-z-Wert im ersten Behandlungsjahr signifikant, wurde im zweiten Jahr wieder aufgeholt und stieg danach weiter an. Der Größen-z-Wert veränderte sich nicht signifikant. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 911, Alter 5 bis 18 Jahre, MPH als einziges Psychopharmakon mindestens 1 Jahr, E 2b.)18 Eine Metaanalyse fand in RCTs unter MPH ein 5,11-fach erhöhtes Risiko für Appetitlosigkeit (Anorexie) gegenüber Placebo (OR 5,11, 95 % KI 1,99 bis 13,14). (Metastudie, k = 49 [11 RCTs mit n = 2.191, 38 Kohortenstudien mit N = 5.524], bis 18 Jahre, nur titrierte Dosierungen, E 1a.)19
  • Hautausschlag
  • Husten
  • Hypertonie (Bluthochdruck)
    • Eine Querschnittauswertung der KiGGS-Daten fand bei Jungen mit ADHS keinen Zusammenhang zwischen MPH-Einnahme und erhöhtem Blutdruck. (Querschnittstudie [KiGGS 2003 bis 2006], N = 4.244 Jungen, n = 118 mit MPH, Alter 6 bis 15 Jahre, E 3.)20
  • Magenbeschwerden
  • Nasopharyngitis (Nasen- / Rachenentzündung)
  • Palpitationen (subjektives Gefühl, dass das Herz zu schnell / zu stark / unregelmäßig schlägt)
  • Pruritus (Juckreiz)
  • psychomotorische Hyperaktivität
    • häufig Anzeichen von Überdosierung (Erfahrung ADxS)
  • Pyrexie (Fieber)
  • Rachen- und Kehlkopfschmerzen
  • Reizbarkeit
  • Schlafprobleme
    • Einschlafprobleme
      • Hinweis auf zu späte Einnahme am Tag (Erfahrung ADxS)
    • Tagesmüdigkeit
  • Schwindel
  • Tachykardie (Herzfrequenz über 100 Schläge / Minute)
  • Urtikaria (Nesselsucht)
  • Wachstumsverzögerung unter längerer Anwendung bei Kindern. 

Die meisten der genannten Nebenwirkungen sind unspezifisch und spielen in der Praxis keine große Rolle. (Narrativer Review, E 4)16
Zur Einordnung empfiehlt sich ein Vergleich der Nebenwirkungen mit dem Beipackzettel von Aspirin oder SSRI. (Einschätzung ADxS)

Eine Metaanalyse von 11 RCTs (n = 1.304 mit MPH, n = 887 Kontrollen) und 38 Kohortenstudien (N = 5.524) bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre mit titrierter MPH-Dosis fand in den RCTs unter MPH insgesamt häufiger Nebenwirkungen als unter Placebo (OR 1,55). Signifikant erhöht waren Appetitlosigkeit (OR 5,11) und Schlaflosigkeit (OR 4,66). Bauchschmerzen (OR 1,91, 95 % KI 0,77 bis 4,77) und Kopfschmerzen (OR 1,10) waren nicht signifikant häufiger. In den Kohortenstudien ohne Kontrollgruppe traten bei 66 % Nebenwirkungen auf, am häufigsten Appetitlosigkeit (33 %), Schlaflosigkeit (15 %) und Kopfschmerzen (14 %). (Metastudie, k = 49 [11 RCTs mit n = 2.191, 38 Kohortenstudien mit N = 5.524], bis 18 Jahre, nur titrierte Dosierungen, E 1a.)19 Schlafschwierigkeiten entstehen insbesondere bei der Eindosierung häufig durch eine zu späte Gabe am Tag. Eine sehr langsame Eindosierung kann helfen, Nebenwirkungen zu vermeiden. (Erfahrung ADxS) Die meisten dieser Nebenwirkungen geben sich innerhalb der ersten Wochen. (Lehrbuch, E 4.)21

Eine Metaanalyse fand unter MPH ein um 33 % erhöhtes Risiko für Kopfschmerzen gegenüber Placebo (OR = 1,33, 95 % KI 1,09 bis 1,63, k = 17, n = 2.077 MPH, n = 1.294 Placebo). Keine der Einzelstudien war für sich signifikant. Für retardiertes MPH war das Risiko erhöht (k = 13, OR 1,37), für unretardiertes MPH nicht (k = 3, OR = 1,00, 95 % KI 0,33 bis 3,00). Unter Placebo hatten 12,2 % Kopfschmerzen. (Metastudie, k = 58 RCTs [davon 17 zu MPH], Alter 5 bis 18 Jahre, mindestens 7 Tage, E 1a.)22

Bei zuvor unbehandelten Kindern und Jugendlichen in der klinischen Routine brachen nach Beginn mit unretardiertem MPH (5 bis 20 mg/Tag) 2,3 % (95 % KI 1,1 bis 4,1 %) die Behandlung in der ersten Woche wegen Nebenwirkungen ab (Reizbarkeit n = 3, Tic-Verschlechterung n = 3, Appetitminderung, Enuresis, Halluzinationen, Hyperfokus und Rebound je n = 1). In der ersten Woche traten auf: (Retrospektive Kohortenstudie, n = 480, Alter im Mittel 10,6 Jahre, 1 Woche, E 2b.)23

  • 20,0 % Appetitminderung
  • 14,2 % Reizbarkeit
  • 10,6 % Kopfschmerzen
  • 9,4 % Schlafprobleme
  • 7,7 % Magen-Darm-Beschwerden
  • 5 % neu aufgetretene oder verstärkte Tics

Eine Intelligenzminderung erhöhte das Risiko für Nebenwirkungen, insbesondere für Reizbarkeit.

In der bislang längsten placebokontrollierten Studie mit Erwachsenen (52 Wochen) traten unter retardiertem MPH (Medikinet retard) gegenüber Placebo signifikant häufiger auf: (RCT, n = 433, davon 205 mit MPH und 209 mit Placebo ausgewertet, 52 Wochen, E 1b.)12

  • verminderter Appetit: 22 % (Placebo 3,8 %)
  • Mundtrockenheit: 15 % (Placebo 4,8 %)
  • Herzklopfen: 13 % (Placebo 3,3 %)
  • Magen-Darm-Infekt: 11 % (Placebo 4,8 %)
  • Agitiertheit: 11 % (Placebo 3,3 %)
  • Unruhe: 10 % (Placebo 2,9 %)
  • vermehrtes Schwitzen (Hyperhidrose), Tachykardie, Gewichtsabnahme: je 6,3 % (Placebo je 1,9 %)
  • depressive Symptome, Grippe: je 4,9 % (Placebo je 1,0 %)
  • akute Mandelentzündung: 4,4 % (Placebo 0,5 %)

Schwerwiegende Nebenwirkungen waren selten (7,3 % gegenüber 4,3 %) und unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen. Synkopen traten unter Placebo häufiger auf (2,4 % gegenüber 0 %).

Bei Erwachsenen unter Langzeitmedikation (im Mittel 6 Jahre nach Diagnose, 46 von 57 mit MPH) waren die häufigsten selbstberichteten Nebenwirkungen verminderter Appetit (28 %), Mundtrockenheit (24 %), Ängstlichkeit/Unruhe und erhöhter Puls (je 19 %), verminderte sexuelle Lust (17 %), Schwitzen (15 %) und gedrückte Stimmung (11 %). (Kohortenstudie, n = 112, davon 57 weiter medikamentiert, 6 Jahre, E 2b.)14

Manchen Betroffenen hilft die Gabe einer geringen unretardierten Dosis (1/4 bis 1/2 einer Tageseinzeldosis) beim Einschlafen. (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)24
In einem 16-wöchigen RCT mit unretardiertem MPH bei zuvor unbehandelten Jungen (10 bis 12 Jahre) unterschied sich die aktigrafisch gemessene Schlafeffizienz in Woche 8 nicht von Placebo. Eine Woche nach Behandlungsende war sie in der MPH-Gruppe verbessert. (RCT, n = 50, nur Jungen, 16 Wochen, E 1b.)25 Eine kleine Crossover-Studie mit je 2 Wochen retardiertem MPH (20 bis 40 mg/Tag nach Körpergewicht) und Placebo bei zuvor unbehandelten Kindern (im Mittel 8,7 Jahre) fand dagegen aktigrafisch eine um 30 Minuten verkürzte Schlafdauer und ein um 30 Minuten verzögertes Einschlafen. In der Polysomnografie waren diese Unterschiede nicht signifikant. (RCT [Crossover], n = 26, 2 + 2 Wochen, E 1b.)26 Dies deckt sich mit der Erfahrung, dass Schlafprobleme durch MPH möglich sind, aber in der Regel lediglich eine Eindosierungsnebenwirkung darstellen. (Erfahrung ADxS) Wir schließen daraus, dass es im Falle von Schlafproblemen durch MPH während der ersten Wochen hilfreich sein könnte, die Tagesabdeckung zu verkürzen. (Einschätzung ADxS) Unabhängig davon empfiehlt sich stets eine langsame Eindosierung in Schritten von max. 2,5 mg / Einzeldosis unretardiertes MPH. (Erfahrung ADxS)

Aktigrafisch gemessen veränderte MPH bei Kindern mit ADHS gegenüber Placebo: (Metastudie, k = 8 RCTs, N = 393, E 1a.)27

  • Einschlaflatenz: SMD 0,82 (95 %-KI 0,38 bis 1,26), verlängert
  • Gesamtschlafzeit: SMD −0,73 (95 %-KI −1,17 bis −0,30), verkürzt
  • Schlafeffizienz: SMD −0,33 (95 %-KI −0,60 bis −0,06), verringert
  • Wachzeit nach Schlafbeginn (k = 2): SMD 0 (95 %-KI −0,36 bis 0,36), unverändert

Elternberichtete Schlafprobleme nahmen unter retardiertem MPH dosisabhängig zu (Placebo 8 %, niedrige Dosis 18 %, mittlere 15 %, hohe 25 %), besonders bei Kindern mit geringerem Gewicht bzw. BMI. Von den Kindern ohne vorbestehende Schlafprobleme hatten unter der höchsten Dosis 23 % Schlafprobleme, von denen mit vorbestehenden Schlafproblemen (n = 16) nur noch 37,5 %. Vorbestehende Schlafprobleme sprechen nach Ansicht der Autoren daher nicht gegen eine Dosistitration. (RCT, doppelblind, placebokontrolliert, n = 163, 4 Wochen, E 1b.)28

Eine Metaanalyse placebokontrollierter RCTs bei Kindern und Jugendlichen fand unter MPH ein erhöhtes Risiko für: (Metastudie, k = 35 RCTs, n = 3.079 MPH, n = 2.606 Placebo, Autoren bei Hersteller angestellt, E 1a.)29

  • Durchschlafstörungen (RR = 2,97)
  • kombinierte Schlaflosigkeit (RR = 2,97)
  • Einschlafstörungen (RR = 2,78)
  • Schlafstörungen allgemein (RR = 1,99)
  • Schlaflosigkeit ohne nähere Angabe (RR = 1,61)

Nach Adjustierung für Störfaktoren unterschieden sich die MPH-Präparate. Höhere Risiken bestanden für OROS-MPH, das MPH-Pflaster und PRC-063. Die Höhe des relativen Risikos hing stark von der Nebenwirkungsrate unter Placebo ab.

Über 2 Jahre veränderte sich der Gesamtwert für Schlafprobleme (Children’s Sleep Habits Questionnaire) unter MPH nicht anders als bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS ohne Medikation. Schlafprobleme waren in beiden ADHS-Gruppen schon zu Beginn klinisch bedeutsam. Einschlafverzögerung und Schlafdauer verbesserten sich unter MPH stärker als ohne Medikation. Zum 24-Monats-Termin erschienen nur 53,5 % der Teilnehmer. (Prospektive Kohortenstudie [ADDUCE], n = 1.410 [756 mit MPH, 391 mit ADHS ohne MPH, 263 Kontrollen], Alter 6 bis 17 Jahre, 2 Jahre, E 2b.)30

Bei Kindern mit ADHS und chronischer Ticstörung berichteten unter MPH (mittlere Dosis 25,7 mg/Tag als Monotherapie) 20 % eine Verschlechterung der Tics, unter Placebo 22 % und unter Clonidin 26 %. Die gemessene Tic-Schwere nahm unter allen aktiven Behandlungen gegenüber Placebo ab. Tics begrenzten eine weitere Dosissteigerung unter MPH allein jedoch häufiger (35 %) als unter Placebo (19 %). (RCT, 2 × 2-faktoriell, n = 136, 16 Wochen, E 1b.)31 Unretardiertes MPH (0,1, 0,3 und 0,5 mg/kg zweimal täglich) veränderte die Gesamtschwere der Ticstörung bei 6- bis 12-Jährigen mit Tourette-Syndrom oder chronischer motorischer Ticstörung nicht. Lehrkräfte beobachteten weniger und schwächere Tics. (RCT, Crossover, doppelblind, n = 71, je 2 Wochen pro Dosis und Placebo, E 1b.)32

Eine Studie fand bei Kindern mit ADHS unter MPH (mindestens 3 Monate) nur am linken Auge einen höheren Augeninnendruck als bei gesunden Kontrollen. Die Dicke von Makula, retinaler Nervenfaserschicht (RNFL) und Ganglienzellschicht (GCL) unterschied sich nicht. (Querschnittstudie, N = 147, n = 45 mit MPH, E 3.)33

Erwachsene Neuanwender von MPH (mittleres Alter der Gesamtkohorte 45 Jahre) hatten bei regelmäßiger Einnahme ein leicht erhöhtes Risiko für ein Offenwinkelglaukom (aIRR 1,23, 95 % KI 1,05 bis 1,44). Ein erhöhtes Risiko für das akute Engwinkelglaukom fand sich unter Atomoxetin und Amphetaminmedikamenten, nicht unter MPH. (Kohortenstudie mit eingebetteter Fall-Kontroll-Analyse, n = 240.257, davon 81.264 mit MPH, 1.159 Glaukomfälle, USA, E 3.)34 Bei Kindern und Jugendlichen veränderte MPH den Augeninnendruck gegenüber Unbehandelten nicht signifikant (Hedges’ g −0,162, 95 % CrI −0,407 bis 0,084, k = 8). (Bayessche Metastudie, k = 22, N = 293.228 Psychopharmaka-Anwender, E 2b.)35

Dexmethylphenidat erweiterte 1,5 Stunden nach Einnahme dosisabhängig die Pupillen. Klagen über verschwommenes Sehen hingen mit der Pupillenerweiterung zusammen. Sehschärfe, Akkommodationsbreite, Konvergenz, räumliches Sehen und Vorderkammer veränderten sich nicht. (Kohortenstudie, n = 15, Kinder und Jugendliche, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)36

Kinder unter mindestens 6 Monaten MPH unterschieden sich in Brechkraft, Augeninnendruck und Hornhautparametern nicht von unbehandelten Kindern mit ADHS und gesunden Kontrollen. Die retinale Nervenfaserschicht war oben und unten dünner als bei Kontrollen, blieb aber im Normbereich. Ein Zusammenhang mit der Behandlungsdauer bestand nicht. (Querschnittstudie, n = 193, davon 56 mit MPH, E 3.)37 Eine weitere Querschnittstudie fand nach mindestens einem Jahr MPH keine Unterschiede in Sehschärfe und Brechkraft, aber eine geringere Hornhautendothelzellzahl als bei unbehandelten Kindern mit ADHS. (Querschnittstudie, n = 97, davon 30 mit MPH, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)38

Kurzsichtigkeit (Myopie) und Brechkraft unter MPH:

  • Kinder mit ADHS unter MPH waren seltener kurzsichtig als Kinder ohne ADHS (OR 0,61), hatten eine weitsichtigere Brechkraft (sphärisches Äquivalent β = 0,36 dpt) und kürzere Augenachsen (β = −0,25 mm). Jeder zusätzliche Behandlungsmonat ging mit einer etwas weitsichtigeren Brechkraft und kürzeren Achslänge einher. Die Effekte waren klein (Querschnittstudie, N = 10.424, n = 474 mit ADHS, E 3.)39
  • Über 12 Monate MPH veränderten sich Brechkraft und Achslänge nicht signifikant, während beide in der Kontrollgruppe in Richtung Kurzsichtigkeit zunahmen (Prospektive Pilotstudie mit Kontrollgruppe, n = 39, 12 Monate, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)40
  • Über 9 Monate MPH veränderten sich Sehschärfe, Brechkraft und Augeninnendruck nicht. Die Vorderkammertiefe nach Zykloplegie nahm an beiden Augen geringfügig ab (z. B. von 3,26 auf 3,24 mm) (Prospektive Pilotstudie ohne Kontrollgruppe, n = 14, Alter 7 bis 17 Jahre, 9 Monate, E 2b.)41
  • Über 12 Monate MPH (1 bis 1,25 mg/kg/Tag) nahm die Akkommodationsfähigkeit (Nahanpassung) ab, die Achslänge nahm zu (rechts von 22,97 auf 23,19 mm) und die Brechkraft verschob sich in Richtung Kurzsichtigkeit. Sehschärfe, Pupillendurchmesser, Augeninnendruck und Vorderkammertiefe blieben unverändert. Ohne Kontrollgruppe ist ein Teil der Veränderungen durch normales Wachstum erklärbar (Prospektive Kohortenstudie ohne Kontrollgruppe, n = 22, 12 Monate, E 2b.)42

Im Tiermodell (Hühnerküken) hemmte MPH die Entstehung einer experimentell erzeugten Kurzsichtigkeit (oral um 55 %) über erhöhte extrazelluläre Dopamin- und Noradrenalinspiegel in der Netzhaut. Die Hemmung entfiel bei Blockade der Dopamin- oder Noradrenalinrezeptoren. (Tierstudie, Hühnerküken, mindestens 5 je Gruppe, 7 Tage, E 2b.)43

Weitere Augenbefunde bei Langzeiteinnahme:

  • Linsentrübungen fanden sich bei 5 von 57 Kindern nach mindestens 1 Jahr MPH (im Mittel 2,7 Jahre, 0,9 mg/kg/Tag), bei keinem von 60 gesunden Kontrollen (p = 0,019). Erhöhter Augeninnendruck trat nicht auf (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 117, Alter 7 bis 18 Jahre, E 3.)44

Die meisten Nebenwirkungen treten lediglich kurzfristig nach Beginn der Medikation auf und legen sich meist nach kurzer Behandlungsdauer. (Lehrbuch, E 4.)21 Das jeweils kurzzeitige Gefühl einer trockenen / pelzigen Zunge kurz nach der Einnahme könnte länger anhalten, geht dafür recht zuverlässig irgendwann weg. (Erfahrung ADxS)
Tics traten meist zu Behandlungsbeginn auf und verschwanden bei gleichbleibender Dosis oft nach etwa vier Wochen, teils erst nach geringer Dosisreduktion. (Lehrbuch, Sekundärzitat über Trott und Wirth [2000] zu Rapoport [1992], E 4.)21 Wenn Betroffene über Monate das Gefühl haben, dass die Welt sich entfernt oder das Leben eintönig wird, ist dies ein deutlicher Hinweis auf Überdosierung. (Erfahrung ADxS)

Eine Metaanalyse placebokontrollierter RCTs fand unter Stimulanzien kein erhöhtes Risiko neu aufgetretener oder verstärkter Tics (RR = 0,99, 95 % KI 0,78 bis 1,27). Tics wurden unter Stimulanzien bei 5,7 % (95 % KI 3,7 bis 8,6 %) und unter Placebo bei 6,5 % (95 % KI 4,4 bis 9,5 %) berichtet. Für MPH allein lag das RR bei 1,02 (95 % KI 0,78 bis 1,33, k = 20). Weder Dosis noch Behandlungsdauer beeinflussten das Tic-Risiko, auch nicht bei Beschränkung auf MPH. In Crossover-Studien war das gemessene Tic-Risiko höher als in Parallelgruppenstudien. (Metastudie, k = 22 RCTs, N = 2.385 Kinder, E 1a.)45

Emotionale Nebenwirkungen

Emotionale Nebenwirkungen veränderten sich unter MPH gegenüber Placebo bei Kindern und Jugendlichen wie folgt: (Metastudie, k = 45 Studien, Kinder und Jugendliche, E 1a.)46

  • weniger Sprechen RR = 1,53 (95 % KI 1,15 bis 2,04, k = 13)
  • Apathie (einschließlich Sedierung, Abgestumpftheit, Benommenheit) RR = 1,27 (95 % KI 1,03 bis 1,58, k = 16)
  • Traurigkeit RR = 1,08 (95 % KI 0,93 bis 1,26, k = 21), nicht signifikant
  • Reizbarkeit RR = 0,86 (95 % KI 0,74 bis 0,99, k = 31)
  • Angst RR = 0,81 (95 % KI 0,71 bis 0,92, k = 21)
  • Euphorie RR = 0,77 (95 % KI 0,59 bis 1,00, k = 7)

Unter Amphetaminen war dagegen emotionale Labilität erhöht (RR = 3,82). Weinen trat unter MPH bei höheren Dosen häufiger auf. Traurigkeit war unter unretardiertem MPH häufiger als unter retardiertem.

Eine weitere Metaanalyse fand unter MPH ebenfalls ein verringertes Risiko für Reizbarkeit (RR = 0,89, 95 % KI 0,82 bis 0,96, k = 32), unter Amphetaminen ein erhöhtes (RR = 2,90, 95 % KI 1,26 bis 6,71, k = 5). (Metastudie, k = 32 RCTs, N = 3.664 Kinder, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)47

10.1.5. Vorbestehende Komorbiditäten und Nebenwirkungen

Bedeutung für Betroffene

Vorbestehende Angst-, Depressions- oder oppositionelle Symptome sprechen nach einer placebokontrollierten Studie nicht gegen MPH. Bei Kindern mit ausgeprägteren Ausgangswerten gingen emotionale Nebenwirkungen wie Angst, Traurigkeit und Reizbarkeit unter MPH sogar zurück. Bei Kindern mit geringen Ausgangswerten blieben sie gleich oder nahmen zu.

Ob und welche Nebenwirkungen auftreten, lässt sich nur begrenzt vorhersagen. Häufiger betroffen waren in einer Studie Jungen und Kinder mit Lernstörungen. Familienangehörige mit ADHS zeigten ähnliche Nebenwirkungsprofile, sodass Erfahrungen von Geschwistern oder Eltern mit MPH einen Hinweis geben können. Schlafprobleme vor Behandlungsbeginn kündigten Schlafnebenwirkungen an, aber keine anderen Nebenwirkungen. Körperliche Nebenwirkungen wie Appetitminderung oder Kopfschmerzen hingen nicht damit zusammen, wie gut MPH wirkte.

Vorschulkinder hatten unter MPH mehr Nebenwirkungen als von Schulkindern bekannt. Bei Kindern mit Autismus wirkte MPH etwas schwächer, Schlaflosigkeit, Appetitminderung, Reizbarkeit und sozialer Rückzug waren häufiger als unter Placebo. Kinder mit Intelligenzminderung hatten die typischen Nebenwirkungen und ein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko. Jugendliche mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung hatten unter MPH auch bei fortgesetztem Konsum mehr leichte, aber nicht mehr schwere unerwünschte Ereignisse als unter Placebo.

Bei Vorschulkindern und bei Begleiterkrankungen sollte daher besonders vorsichtig eindosiert und die Verträglichkeit genau beobachtet werden.

Emotionale Nebenwirkungen (Angst, Traurigkeit, Reizbarkeit) gingen unter OROS-MPH (18 bis 54 mg/Tag) bei Kindern mit ausgeprägteren vorbestehenden Angst-, Depressions- oder ODD-Symptomen gegenüber dem Ausgangswert zurück. Bei Kindern mit geringeren Ausgangswerten blieben sie gleich oder nahmen zu. (RCT [Crossover, doppelblind, 3 Dosen und Placebo je 1 Woche], n = 171, Alter 7 bis 11 Jahre, 4 Wochen, E 1b.)48

Belastende Nebenwirkungen von Stimulanzien traten häufiger auf bei: (Prospektive Kohortenstudie [offen], n = 70, Alter 7 bis 16 Jahre, mindestens 4 Wochen, E 2b.)49

  • überdurchschnittlich schnellen Reaktionszeiten (schneller als bei Gesunden)
  • erhöhter Amplitude einer frühen visuellen Komponente der ereigniskorrelierten Potenziale (EKP), die mit Angst in Verbindung gebracht wird
  • annähernd normaler CNV
  • Jungen
  • komorbiden Lernstörungen

Klinisch diagnostizierte emotionale oder Verhaltensstörungen gingen nicht mit mehr Nebenwirkungen einher. Die Frequenzbänder des Ruhe-EEG (Theta, Alpha, Beta) unterschieden sich zwischen Kindern mit und ohne Nebenwirkungen nicht, einzelne EKP-Komponenten dagegen schon. (Prospektive Kohortenstudie [offen], n = 70, Alter 7 bis 16 Jahre, mindestens 4 Wochen, E 2b.)49

(E 2b): Nebenwirkungen von MPH bzw. Stimulanzien ließen sich vorhersagen durch:

  • eine Skala aus 4 EEG-, EKP- und Verhaltensvariablen (EEG ohne und mit Stimulanzien-Einzeldosis vor Behandlungsbeginn) mit einer Genauigkeit (ROC) von 0,78 (d = 1,08) (Prospektive Studie, n = 87, 4 Wochen, E 2b.)50
  • das Nebenwirkungsprofil von Familienangehörigen mit ADHS (signifikante Intraklassenkorrelationen für Nebenwirkungen insgesamt, emotionale Symptome, Appetit- und Gewichtsverlust) unter unretardiertem MPH (Offene Familienstudie, n = 38 (19 Geschwister- oder Eltern-Kind-Paare), 4 Wochen, E 2b.)51
  • Schlafmerkmale vor Behandlungsbeginn für Schlafnebenwirkungen unter Stimulanzien, nicht für sonstige Nebenwirkungen (Prospektive Studie, n = 50, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)52

Unter 0,5 mg/kg/Tag MPH nahmen Schlaflosigkeit, Appetitminderung und Kopfschmerzen gegenüber Placebo signifikant zu (p unter 0,005). Diese körperlichen Nebenwirkungen hingen nicht mit dem Therapieerfolg zusammen. Stärkere Stimmungs- und Angstnebenwirkungen (Reizbarkeit, Weinerlichkeit, Ängstlichkeit) unter MPH und unter Placebo gingen mit einer geringeren Besserung im Elternurteil einher, nicht im Lehrerurteil. Die Autoren deuteten dies als Beobachtereffekt der Eltern. (RCT, doppelblind, Crossover, n = 157, je 1 Woche, E 1b.)53

Nebenwirkungen bei Vorschulkindern

Bedeutung für Betroffene

Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren hatten unter MPH in Studien mehr Nebenwirkungen als von Schulkindern bekannt. Häufig waren Appetitminderung, Schlafprobleme, Gewichtsverlust, Reizbarkeit, emotionale Ausbrüche und Müdigkeit. In Studien über ein Jahr brachen etwa 11 % die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. In zwei kürzeren Studien brach kein Kind die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. Schwere Nebenwirkungen waren selten. In einer offenen Studie über ein Jahr blieben Gewicht und Körpergröße hinter der Altersnorm zurück und der diastolische Blutdruck stieg.

Bei Vorschulkindern ist deshalb eine besonders langsame Eindosierung mit niedriger Anfangsdosis und eine regelmäßige Kontrolle von Gewicht, Größe und Blutdruck sinnvoll.

Nebenwirkungen bei Vorschulkindern

Vorschulkinder (3 bis 5 Jahre) brachen eine MPH-Behandlung wegen Nebenwirkungen ab zu:

  • 11 % unter unretardiertem MPH über 1 Jahr (mittlere Tagesdosis zuletzt 20,5 mg). 30 % der Eltern berichteten spontan mittelschwere bis schwere Nebenwirkungen (emotionale Ausbrüche, Einschlafprobleme, repetitive Verhaltensweisen oder Gedanken, Appetitminderung, Reizbarkeit). In der Titrationsphase waren Appetitminderung, Schlafprobleme und Gewichtsverlust häufiger als unter Placebo. In der Erhaltungsphase hielten Schlafprobleme und Appetitverlust an, andere Nebenwirkungen nahmen ab. Von den schweren unerwünschten Ereignissen war nur eines möglicherweise MPH-bedingt. (RCT mit offener Verlängerung [PATS], n = 183, 3 bis 5 Jahre, 1 Jahr, E 1b.)54
  • etwa 11 % unter retardiertem MPH (MPH-MLR) über 12 Monate bei 4- bis 5-Jährigen. 18 % verloren Gewicht, 18 % hatten Appetitminderung, 9 % Schlaflosigkeit und 6,7 % Bluthochdruck. Gewichts- und Größen-z-Werte sanken signifikant, der diastolische Blutdruck stieg signifikant. Die Nebenwirkungen hingen nicht von der Dosis ab. (Offene Studie, n = 89, 4 bis unter 6 Jahre, 12 Monate, Autoren bei Hersteller angestellt, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)55
  • 0 % unter unretardiertem MPH (bis 1,25 mg/kg/Tag, langsame flexible Titration) über 8 Wochen. MPH verursachte mehr leichte unerwünschte Ereignisse als die beiden Placebogruppen (332 gegenüber 235 und 227), aber nicht mehr mittelschwere oder schwere. Appetitminderung und Schlaflosigkeit waren unter MPH häufiger. EKG und Laborwerte blieben ohne behandlungsbedürftige Auffälligkeiten. (RCT, n = 153, 3 bis 5 Jahre, 8 Wochen, E 1b.)56
  • 0 % unter 0,3 und 0,5 mg/kg MPH zweimal täglich über je mindestens 1 Woche. 8 von 17 erfassten Verhaltensweisen veränderten sich, meist unter der höheren Dosis. Unter 0,5 mg/kg nahmen Appetitminderung (81 % gegenüber 25 % unter Placebo), Müdigkeit (66 % gegenüber 13 %), Desinteresse an anderen (75 % gegenüber 31 %), Traurigkeit und Albträume zu, Reizbarkeit, Ängstlichkeit und Schlafprobleme dagegen ab. Die Zahl der Nebenwirkungen lag höher als üblicherweise bei Schulkindern berichtet. Schwere Nebenwirkungen traten bei unter 10 % auf, etwa ebenso häufig unter Placebo wie unter MPH. (RCT [Crossover, doppelblind], n = 32, mittleres Alter 4 Jahre 10 Monate, je 7 bis 10 Tage, E 1b.)57
Autismus und Intelligenzminderung

Bedeutung für Betroffene

Bei Kindern mit Autismus verbesserte MPH die ADHS-Symptome, etwas weniger stark als bei Kindern ohne Autismus. Schlaflosigkeit, Appetitminderung, Reizbarkeit, depressive Symptome und sozialer Rückzug waren unter MPH häufiger als unter Placebo. Stereotype Verhaltensweisen nahmen in einer Studie nicht zu. Einige Kinder vertrugen eine Nachmittagsdosis wegen Reizbarkeit am Abend nicht. Die Studien waren kurz und schlossen oft Kinder aus, die schon eine Testdosis schlecht vertrugen.

Kinder mit Intelligenzminderung oder grenzwertiger Intelligenz hatten unter MPH die typischen Nebenwirkungen wie Einschlafprobleme, Appetitverlust und Gewichtsabnahme. Puls und Blutdruck unterschieden sich nicht signifikant von Placebo. Abbrüche wegen Nebenwirkungen waren möglicherweise häufiger als unter Placebo.

Bei Kindern mit Autismus oder Intelligenzminderung ist daher eine besonders vorsichtige Eindosierung mit genauer Beobachtung von Schlaf, Appetit, Stimmung und Verhalten sinnvoll.

Bei Kindern mit Autismus (tiefgreifender Entwicklungsstörung) wirkte MPH auf die ADHS-Symptome (ES 0,67, 95 %-KI 0,08 bis 1,27), etwas schwächer als in Studien bei ADHS ohne Autismus. Unter MPH traten häufiger auf als unter Placebo (absolute Risikodifferenz): (Metastudie, k = 4 RCTs zu MPH, N = 94, E 1a.)58

  • Schlaflosigkeit 19 % (95 %-KI 2 bis 36 %)
  • Appetitminderung 17 % (95 %-KI 3 bis 31 %)
  • Reizbarkeit 14 % (95 %-KI 5 bis 24 %)
  • depressive Symptome 7 % (95 %-KI 0,4 bis 13 %)
  • sozialer Rückzug 7 % (95 %-KI 0,2 bis 15 %)

Bei Kindern mit Autismus und ADHS-Symptomen stieg die Wirkung von MPH (morgens retardiert, nachmittags unretardiert, bis 0,48 mg/kg je Morgendosis) im untersuchten Bereich linear mit der Dosis. Stereotypien nahmen nicht zu. 5 von 24 Kindern setzten die Nachmittagsdosis wegen Reizbarkeit am späten Nachmittag oder Abend ab, davon 2 mit vermindertem Schlaf und 2 mit verstärkten Stereotypien. (RCT, Crossover, n = 24, E 1b.)59

Bei Kindern mit Autismus (5 bis 13 Jahre) war in placebokontrollierten Crossover-RCTs einzig die Appetitminderung (Elternurteil) unter MPH signifikant häufiger (RR 8,28, 95 % KI 2,57 bis 26,73, k = 2, n = 74). Schwere Nebenwirkungen berichtete keine Studie. Die Evidenz zu Nebenwirkungen war von sehr niedriger Qualität, da die Studien kurz waren (eine Woche je Dosis) und Kinder ausschlossen, die eine MPH-Testdosis nicht vertrugen (in der größten Studie erhielten 16 von 66 Kindern deshalb die Höchstdosis nicht). (Metastudie [Cochrane], k = 4 RCTs, N = 113, E 1a.)60

Bei Kindern mit ADHS und Intelligenzminderung oder grenzwertiger Intelligenz:

  • verursachte individuell optimal titriertes unretardiertes MPH (bis 1,5 mg/kg/Tag) die typischen Nebenwirkungen Einschlafprobleme (21 % gegenüber 3 % unter Placebo), Appetitverlust (15 % gegenüber 2 %) und Gewichtsabnahme (−2,7 kg gegenüber Placebo, 95 % KI −3,72 bis −1,67). Puls und Blutdruck unterschieden sich nicht signifikant von Placebo. 5 Kinder brachen wegen Nebenwirkungen ab, alle unter MPH. (RCT, n = 122, IQ 30 bis 69, 7 bis 15 Jahre, 16 Wochen, E 1b.)61
  • unterschieden sich die Abbruchraten insgesamt (OR 1,68, 95 % KI 0,68 bis 4,14, k = 4) und die Abbrüche wegen Nebenwirkungen (OR 4,82, 95 % KI 0,98 bis 23,63, p = 0,053, k = 4) nicht signifikant von Placebo. Nach Korrektur für Publikationsbias (Trim and Fill) waren Abbrüche wegen Nebenwirkungen unter MPH signifikant häufiger (OR 5,53, 95 % KI 1,33 bis 23,07). Sieben der acht Studien dauerten nur 1 bis 4 Wochen. (Metastudie, k = 8, n = 242 MPH, n = 181 Placebo, E 1a.)62
Substanzgebrauchsstörung

Jugendliche (13 bis 18 Jahre) mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung, die überwiegend weiter konsumierten, hatten unter OROS-MPH (96 % erreichten 72 mg/Tag) mehr behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse je Person als unter Placebo (2,4, 95 % KI 1,9 bis 2,9, gegenüber 1,6, 95 % KI 1,3 bis 1,9, p = 0,02). Schwere unerwünschte Ereignisse traten unter OROS-MPH seltener auf als unter Placebo (4 gegenüber 7). Eines davon wurde OROS-MPH zugeordnet (kurze stationäre Psychoseabklärung nach Einnahme unbekannter Substanzen auf einer Rave-Party). Mögliche Wechselwirkungen mit am selben Tag konsumierten Drogen oder Alkohol berichteten 2,8 % unter OROS-MPH und 2,1 % unter Placebo. (RCT, n = 303, 16 Wochen, E 1b.)63 Höherer Alkohol- und Cannabiskonsum zu Studienbeginn erhöhte das Risiko behandlungsbedingter unerwünschter Ereignisse unter OROS-MPH, nicht aber das Risiko schwerer unerwünschter Ereignisse. Die Jugendlichen hatten nicht mehr behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse als Erwachsene ohne Substanzgebrauchsstörung (außer Nikotin). Die Erwachsenen hatten unabhängig vom Behandlungsarm sogar mehr behandlungsbedingte und psychiatrische unerwünschte Ereignisse. Die Jugendlichen berichteten unter OROS-MPH häufiger depressive Gefühle und verloren unabhängig vom Behandlungsarm mehr Tabletten (im Mittel etwa 3 Tagesdosen). (Sekundärauswertung zweier RCTs, n = 303 Jugendliche und n = 255 Erwachsene, E 1b.)64

10.1.6. Genvarianten mit erhöhtem MPH-Nebenwirkungsrisiko

Bedeutung für Betroffene

Einzelne Studien fanden Zusammenhänge zwischen bestimmten Genvarianten und einzelnen Nebenwirkungen von MPH, etwa zwischen Varianten des Gens CES1, das am Abbau von MPH beteiligt ist, und Appetitminderung oder Traurigkeit. Diese Befunde stammen aus kleinen, kurzen Studien und sind nicht gesichert. In einer Untersuchung von 57 Genvarianten hielt keine einzelne Variante einer statistischen Korrektur für die vielen gleichzeitigen Tests stand.

Die niederländische Pharmakogenetik-Arbeitsgruppe fand keine klinisch relevante Wechselwirkung zwischen MPH und den Genen CYP2D6 oder COMT und gibt dazu keine Dosisempfehlung.

Nebenwirkungen von MPH lassen sich daher derzeit nicht verlässlich durch einen Gentest vorhersagen. Dosis und Verträglichkeit werden weiterhin durch eine sorgfältige, schrittweise Eindosierung ermittelt.

Ein erhöhtes Risiko bestimmter MPH-Nebenwirkungen fand sich bei bestimmten Genvarianten: (Systematischer Review, k = 9 [4 doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studien, 5 offene Kohortenstudien], N = 1.128, n = 998 abgeschlossen, Alter 3 bis 17 Jahre, 1 bis 12 Wochen, E 2b.)65

  • Appetitminderung: CES1 −75T>G (Zunahme der Appetitminderung bei G-Allel-Trägern: OR 3,47, 95 %-KI 1,38 bis 8,77) (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 213, 3 Monate, E 2b.)66

  • Traurigkeit: CES1 rs12443580 und rs2244613 (unter kurzwirksamem MPH, im Kopplungsungleichgewicht mit zwei SNPs des Noradrenalintransporter-Gens SLC6A2) (Naturalistische prospektive Studie, n = 77, 6 Wochen, E 2b.)67

  • Appetitminderung: CES1 −75T>G

  • Bukkal-linguale Bewegungen: SNAP25 T1069C

  • Diastolischer Blutdruck: ADRA2A MspI C/C (+ 12,5 %, bei G/C + 2,3 %)

  • Emotionalität: DAT1*9/9

  • Nägelkauen: 5-HTTLPR S/L

  • Reizbarkeit: SNAP25 T1065G, COMT Val/Val, DRD4-Promotor (dosisabhängig)

  • Zupfen: DRD4 4-Repeat

  • sozialer Rückzug: DRD47/DRD44

  • somatische Beschwerden: DAT1*10/10

  • Tics: SNAP25 T1069C

  • Traurigkeit: CES1 rs12443580 und rs2244613

  • vegetative Symptome: 5-HTTLPR

Die Assoziationen stammen aus kleinen, kurzen Einzelstudien (1 bis 12 Wochen).

Bei 107 Kindern mit ADHS unter MPH hatten 65,1 % mindestens eine Nebenwirkung, am häufigsten Schlaflosigkeit (34,3 %) und Appetitminderung (25 %). Ein Haplotyp im DBH-Gen (rs2007153A-rs2797853G-rs77905C) ging mit weniger Nebenwirkungen einher (OR = 0,28, 95 % KI 0,11 bis 0,70), das DRD2-Allel rs2283265T mit mehr (OR = 3,76, 95 % KI 1,02 bis 13,9, dosisadjustiert). Keine Einzelmarker-Assoziation erreichte die Bonferroni-Schwelle (p gleich oder niedriger 2,2 × 10⁻⁴). (Kohortenstudie, n = 107, Kinder, Kandidatengenstudie mit 57 SNPs in 9 Dopamin-Genen, E 2b.)68
Die niederländische Pharmakogenetik-Arbeitsgruppe (DPWG) fand keine klinisch relevante Gen-Wirkstoff-Interaktion zwischen MPH und CYP2D6 oder COMT und gibt hierzu keine Dosisempfehlung. Von zwei Studien zu COMT p.(Val158Met) und Nebenwirkungen fand eine (n = 107) keinen Effekt, eine (n = 82) weniger Reizbarkeit bei Met-Trägern. (Leitlinie, systematischer Review, E 4.)69

10.2. Längenwachstum kurzzeitig verzögert

Bedeutung für Betroffene

Methylphenidat (MPH) kann das Wachstum von Kindern und Jugendlichen etwas verlangsamen. Metaanalysen fanden unter MPH eine geringe Abnahme der alters- und geschlechtsbezogenen Werte für Größe und Gewicht. Das Gewicht war vor allem im ersten Behandlungsjahr betroffen, die Größe in den ersten 2 bis 2,5 Jahren. Viele der zugrunde liegenden Studien hatten keine Kontrollgruppe, ihre Aussagekraft ist daher begrenzt.

ADHS selbst geht unabhängig von Medikamenten mit einem leicht verzögerten Wachstum in der Kindheit einher, das in der Jugend häufig aufgeholt wird. Ein Teil der beobachteten Unterschiede ist daher nicht auf MPH zurückzuführen. In einer großen deutschen Erhebung hatten Jungen unter MPH nicht häufiger Kleinwuchs.

Ob die Körpergröße im Erwachsenenalter dauerhaft verringert wird, ist nicht abschließend geklärt. In einer US-amerikanischen Langzeitstudie waren junge Erwachsene, die als Kinder und Jugendliche durchgehend Stimulanzien eingenommen hatten, einige Zentimeter kleiner als jene mit kaum Einnahme. Eine sehr große koreanische Studie fand dagegen einen Größenunterschied unter 1 cm, aber häufiger Übergewicht im jungen Erwachsenenalter.

Die Pubertätsentwicklung verlief unter MPH in einer europäischen Studie nicht verzögert. Eine vorzeitige Pubertät trat bei Kindern mit ADHS unter MPH nicht häufiger auf als bei Kindern mit ADHS ohne MPH. Behandlungspausen von mindestens 3 Monaten verbesserten die Wachstumswerte in einer Studie nicht gegenüber durchgehender Behandlung. Je jünger die Kinder bei Behandlungsbeginn waren, desto stärker nahmen Größen- und Gewichtswerte ab.

Größe und Gewicht sollten bei Kindern unter MPH daher regelmäßig kontrolliert werden. Ein möglicher geringer Größenverlust ist gegen den Nutzen einer wirksamen ADHS-Behandlung abzuwägen.

Eine Querschnittauswertung der KiGGS-Daten fand bei Jungen mit MPH-Einnahme keine erhöhte Rate an Kleinwuchs (Körpergröße auf oder unter der 3. Perzentile). (Querschnittstudie [KiGGS 2003 bis 2006], N = 4.244 Jungen, n = 118 mit MPH, Alter 6 bis 15 Jahre, E 3.)17

In einer thailändischen Kohorte veränderte sich der Größen-z-Wert unter MPH (im Mittel 14,1 mg/Tag über 39,4 Monate) nicht signifikant (MD 0,0017, 95 % KI −0,0004 bis 0,0038). Nur das Gewicht nahm im ersten Jahr leicht ab und wurde im zweiten Jahr wieder aufgeholt. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 911, Alter 5 bis 18 Jahre, MPH als einziges Psychopharmakon mindestens 1 Jahr, E 2b.)18 Eine zeitweilige Beeinträchtigung des Längenwachstums ist bei ADHS in der Kindheit häufig und wird in der Adoleszenz regelmäßig aufgeholt. Dies ist offenbar keine spezifische Auswirkung von Methylphenidat. (Lehrbuch, E 4)21 Jungen mit ADHS hatten bis in die mittlere Adoleszenz eine etwas geringere Körpergröße als Kontrollen (alterskorrigierter z-Wert 0,21 vs. 0,47), die sich bis zur späten Adoleszenz normalisierte. Dies hing nicht mit der Einnahme von Psychopharmaka zusammen. (Fall-Kontroll-Studie, n = 124 Jungen mit ADHS, n = 109 Kontrollen, Messung nach 4 Jahren Verlaufsbeobachtung, E 3.)70

Kinder mit ADHS hatten in der 4. Klasse eine 3,88-fache Wahrscheinlichkeit von Kleinwuchs (OR 3,88; 95 % KI 1,69 bis 8,88) und wuchsen vom Kindergarten bis zur 4. Klasse langsamer. Innerhalb der ADHS-Gruppe ging eine längere Einnahmedauer der Medikation mit einem zusätzlich geringeren Längenzuwachs einher (β −0,187; 95 % KI −0,248 bis −0,126). Die Wahrscheinlichkeit von Kleinwuchs war bei medikamentierten Kindern mit ADHS jedoch nicht höher als bei nicht medikamentierten. Der Wirkstoff wurde nicht erfasst, Stimulanzien und Nichtstimulanzien wurden nicht unterschieden. (Kohortenstudie, N = 7.063, n = 298 mit ADHS in der 4. Klasse, E 2b)71

Metaanalysen fanden unter MPH eine geringe Verringerung von Größe und Gewicht bei Kindern und Jugendlichen:

  • Größen-z-Wert: MD = −0,13 (95 % KI −0,18 bis −0,09, k = 20), Gewichts-z-Wert: MD = −0,25 (95 % KI −0,36 bis −0,15, k = 15), BMI-z-Wert: MD = −0,26 (95 % KI −0,32 bis −0,20, k = 15). Der mittlere BMI veränderte sich nicht signifikant. Die Abnahme des Größen-z-Werts war bei einer Behandlungsdauer über 12 Monaten am deutlichsten (MD = −0,19). (Metastudie, k = 33 [4 RCTs, 29 Kohortenstudien], N = 4.438, 3 Wochen bis 5 Jahre, GRADE überwiegend niedrig, für Größe sehr niedrig, E 2b.)72
  • Größen-z-Wert: SMD = 0,27 (95 % KI 0,16 bis 0,38), Gewichts-z-Wert: SMD = 0,33 (95 % KI 0,22 bis 0,44) als Abnahme vor/nach Behandlung über mehr als 6 Monate (letzte Messung nach 21 bis 72 Monaten, teils MPH und Amphetamin gemeinsam ausgewertet). Das Gewicht war vor allem in den ersten 12 Monaten, die Größe in den ersten 24 bis 30 Monaten betroffen. In den wenigen Studien mit Kontrollgruppe war das Gewicht verringert (SMD −0,47, 95 % KI −0,75 bis −0,19, k = 2), die Größe nicht signifikant (k = 3). Dosis (unter vs. ab 30 mg/Tag), Darreichungsform, Alter und Vorbehandlung moderierten die Effekte nicht. (Metastudie, k = 18, N = 4.868, mindestens 6 Monate, E 2b.)73

Bei zuvor unbehandelten präpubertären Kindern mit ADHS veränderte MPH (0,75 mg/kg/Tag) über bis zu 16 Monate die Standardabweichungswerte (SDS) von Größe, Gewicht und BMI sowie IGF-I und IGFBP-3 nicht anhaltend. Gesamt-T4 sank von 11,3 (± 1,7) auf 9,3 (± 1,9) µg/dl, freies T4 von 1,50 (± 0,21) auf 1,34 (± 0,14) ng/dl (je p unter 0,001), jeweils im Normbereich. T3 und TSH veränderten sich nicht signifikant. (Prospektive Kohortenstudie ohne Kontrollgruppe, n = 72, davon 14 mit vollständiger Nachbeobachtung über 16 Monate, E 2b.)74

Erwachsenengröße und Pubertätsentwicklung

Bedeutung für Betroffene

Ob MPH die spätere Erwachsenengröße verringert, beantworten die vorliegenden Langzeitstudien unterschiedlich. In der MTA-Studie waren junge Erwachsene, die als Kinder dauerhaft Stimulanzien eingenommen hatten, rund 2,5 bis 4 cm kleiner als kaum behandelte. Die Einnahmemuster waren dort allerdings selbst gewählt, sodass auch andere Unterschiede zwischen den Gruppen eine Rolle spielen können. In einer sehr großen koreanischen Studie lag der Größenunterschied unter 1 cm und war damit klinisch unbedeutend.

Früher behandelte Personen hatten in beiden Studien im Erwachsenenalter eher mehr Gewicht als Gleichaltrige ohne ADHS. Die Pubertätsentwicklung war unter MPH in einer europäischen Studie über 2 Jahre nicht verzögert.

In der Langzeitnachbeobachtung der MTA-Studie (überwiegend unretardiertes MPH) waren junge Erwachsene, die als Kind und Jugendlicher dauerhaft Stimulanzien eingenommen hatten, kleiner als jene mit vernachlässigbarer Einnahme. Der Unterschied betrug:

  • 4,06 cm (−0,66 z-Einheiten) bei dauerhafter gegenüber vernachlässigbarer Einnahme nach 16 Jahren (mittleres Alter 24,7 Jahre). Dauerhaft Behandelte waren im Erwachsenenalter zudem schwerer als die Kontrollgruppe ohne ADHS (+7,47 kg). (Kohortenstudie [MTA-Nachbeobachtung], n = 568 mit ADHS [53 dauerhaft, 374 inkonsistent, 141 vernachlässigbar behandelt], n = 258 Kontrollen, 16 Jahre, E 2b.)75
  • 2,55 cm (d = 0,42) bei dauerhafter oder inkonsistenter gegenüber vernachlässigbarer Einnahme. Innerhalb der Behandelten waren dauerhaft Behandelte 2,36 cm (d = 0,38) kleiner als inkonsistent Behandelte. Die ADHS-Gruppe insgesamt war 1,29 cm kleiner als die Kontrollgruppe. Eine geringere Symptomschwere im Erwachsenenalter ging mit der dauerhaften Einnahme nicht einher. (Kohortenstudie [MTA-Nachbeobachtung], n = 515 mit ADHS, n = 289 Kontrollen, 2 bis 16 Jahre, E 2b.)76

Die Gruppenzuordnung zur Einnahmedauer erfolgte nicht randomisiert, sondern nach selbst gewähltem Einnahmemuster.

In einer landesweiten koreanischen Kohorte hatten Kinder und Jugendliche mit ADHS und MPH-Behandlung im jungen Erwachsenenalter (20 bis 25 Jahre) häufiger Übergewicht oder Adipositas (aOR = 1,60, 95 % KI 1,51 bis 1,71) und geringfügig häufiger Kleinwuchs (aOR = 1,08, 95 % KI 1,02 bis 1,15) als Gleichaltrige ohne ADHS. Der mittlere Größenunterschied betrug unter 1 cm (maximal −0,6 cm bei Frauen) und war klinisch unbedeutend. Bei Jungen mit 1 bis 4 Jahren MPH-Einnahme war der BMI am höchsten (26,0). (Retrospektive Registerkohortenstudie, N = 34.850 [n = 12.866 Kinder 6 bis 11 Jahre, n = 21.984 Jugendliche 12 bis 19 Jahre], E 2b.)77
In der europäischen ADDUCE-Kohorte unterschieden sich Kinder und Jugendliche mit und ohne MPH-Behandlung nach 2 Jahren nicht in den selbstberichteten Tanner-Stadien der Pubertätsentwicklung (z. B. Schambehaarung OR 1,28, p = 0,16). Nach 24 Monaten lagen nur noch für etwa die Hälfte Pubertätsdaten vor. Eine italienische Teilgruppe unter MPH (n = 39, nach 24 Monaten n = 25) zeigte eine leicht beschleunigte Knochenreifung nach 24 Monaten (Knochenalter plus 2,74 Jahre bei plus 2,11 Jahren Lebensalter) bei stabiler prognostizierter Erwachsenengröße. (Prospektive Kohortenstudie [ADDUCE, 3 Kohorten: MPH, ADHS ohne MPH, Kontrollen], N = 1.410, n = 756 mit MPH, 2 Jahre, E 2b.)78

Therapiepausen

Kinder und Jugendliche, die MPH während mindestens einjähriger Behandlung für mindestens 3 Monate pausiert hatten, unterschieden sich in der Entwicklung der Größen-, Gewichts- und BMI-z-Werte nicht von durchgehend Behandelten. In beiden Gruppen nahmen Größe und Gewicht stärker ab, je jünger die Kinder bei Behandlungsbeginn waren. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 432, E 2b.)79

Vorzeitige Pubertät

Eine vorzeitige Pubertät (Pubertas praecox) war bei Kindern mit ADHS häufiger als bei Kindern ohne ADHS. MPH erhöhte dieses Risiko nicht:

  • Kinder mit ADHS und MPH hatten ein geringeres Risiko einer vorzeitigen Pubertät als Kinder mit ADHS ohne MPH (aHR 0,63, 95 % KI 0,57 bis 0,70). Bei Mädchen war der Unterschied deutlich (aHR 0,51, 95 % KI 0,44 bis 0,59), bei Jungen nicht signifikant (aHR 0,91). (Registerkohortenstudie, N = 3.342.077, n = 186.681 mit ADHS, E 2b.)80
  • Die ADHS-Medikation (MPH oder Atomoxetin) veränderte die Häufigkeit einer zentralen vorzeitigen Pubertät bei Kindern mit ADHS nicht (Registerkohortenstudie, n = 290.148, 15 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)81

Eine Fallserie beschrieb 7 normalgewichtige Kinder (mittleres Alter 8,2 Jahre), die nach mindestens 6 Monaten MPH (0,5 mg/kg je Gabe, dreimal täglich) eine zentrale vorzeitige Pubertät entwickelten. (Fallserie, n = 7, E 4.)82

10.3. Parkinson / Tremor im Alter

Bedeutung für Betroffene

Eine große US-amerikanische Registerstudie fand bei Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen der Basalganglien und des Kleinhirns. Dazu gehören Parkinson, parkinsonähnliche Erkrankungen und der essentielle Tremor (eine Zitterstörung). Das Risiko war bei ADHS insgesamt etwa 2,4-fach erhöht, bei bekannter Stimulanzienverordnung deutlich stärker. In absoluten Zahlen erkrankten innerhalb von rund 20 Jahren 1,25 % der Stimulanzienbehandelten gegenüber 0,23 % ihrer Vergleichspersonen ohne ADHS.

Eine Medikation war nur bei 15,6 % der ADHS-Betroffenen bekannt, und ein eigener Wert für Amphetaminmedikamente wurde nicht berichtet. Rechnerische Schätzungen von ADxS ergeben für Methylphenidat ein etwas höheres Risiko als für Amphetaminmedikamente. Diese Schätzungen sind unsicher.

Ob dies an den Medikamenten liegt oder an einer schwereren ADHS, die häufiger medikamentös behandelt wird, ließ sich mit dieser Studie nicht klären. Die Autoren selbst hielten eine schwerere ADHS für die plausibelste Erklärung. Eine spätere große Studie an ADHS-Betroffenen ab 50 Jahren fand bei Stimulanzienverordnung dagegen ein um rund 58 % geringeres Parkinsonrisiko. Eine deutsche Befragung von Parkinson-Betroffenen konnte die Frage nicht klären, weil niemand in der Kindheit MPH erhalten hatte.

Tierstudien an Mäusen fanden unter MPH Hinweise auf eine Schädigung dopaminerger Nervenzellen, vor allem bei hohen Dosen. Die verwendeten Dosen und die Gabe in die Bauchhöhle lassen sich nicht direkt auf die Einnahme beim Menschen übertragen.

ADHS geht mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Ein Medikationsbeginn war in einer großen Kohortenstudie mit einer um rund 21 % geringeren Sterblichkeit innerhalb von 2 Jahren verbunden. Nach Einschätzung von ADxS dürfte dieser Nutzen für die meisten Betroffenen schwerer wiegen als ein möglicherweise leicht erhöhtes Risiko für einen Tremor oder Parkinson. Hohe MPH-Dosen sollten dennoch möglichst vermieden werden.

Eine sehr umfassende Studie analysierte über rund 20 Jahre (1996 bis 2016) die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen der Basalganglien und des Kleinhirns (Parkinson, sekundärer Parkinsonismus, andere degenerative Basalganglienerkrankungen, essentieller Tremor) bei ADHS-Betroffenen mit und ohne bekannte Stimulanzienverordnung. Die Erkrankungen traten im Alter von 21 bis 66 Jahren auf. (Kohortenstudie, retrospektiv, Registerdaten, N = 190.559, n = 31.769 mit ADHS, davon n = 4.960 mit bekannter Stimulanzienverordnung, n = 158.790 gematchte Kontrollen, medianes Follow-up 21 Jahre, E 2b.)83

Das Risiko einer Basalganglien- oder Kleinhirnerkrankung gegenüber gematchten Kontrollen ohne ADHS betrug (adjustiertes Hazard Ratio, aHR): (Kohortenstudie, N = 190.559, E 2b.)83

  • 8,0 (95 % KI 4,2 bis 15,1) bei ADHS mit ausschließlicher Methylphenidatverordnung (n = 1.941)
  • 6,0 (95 % KI 3,9 bis 9,1) bei ADHS mit bekannter Stimulanzienverordnung
  • 2,4 (95 % KI 2,0 bis 3,0) bei ADHS insgesamt
  • 1,8 (95 % KI 1,4 bis 2,3) bei ADHS ohne bekannte Stimulanzienverordnung

Ein eigener Wert für Amphetaminmedikamente wurde nicht berichtet. Für Parkinson allein betrug das aHR bei Stimulanzienverordnung 3,9 (95 % KI 1,9 bis 8,3), bei ADHS insgesamt 2,6 (95 % KI 1,8 bis 3,7) und ohne bekannte Stimulanzienverordnung 2,3 (95 % KI 1,5 bis 3,5). Die Konfidenzintervalle mit und ohne Stimulanzien überlappten.

Die Ergebnisse stehen im Gegensatz zu einer späteren Kohortenstudie (siehe unten), die allerdings ADHS-Betroffene ab 50 Jahren untersuchte. Die Studie zeigt eine Korrelation. Ob das höhere Risiko auf die Stimulanzien zurückgeht oder auf eine schwerere ADHS, die häufiger mit Stimulanzien behandelt wird, lässt das Studiendesign nicht erkennen. Die Autoren hielten eine schwerere ADHS-Ausprägung bei den Stimulanzienbehandelten für die plausibelste Erklärung, da Belege für eine Schädigung nigrostriataler dopaminerger Neurone durch Methylphenidat bei Tier und Mensch fehlten. (Kohortenstudie, N = 190.559, E 2b.)83

Das erhöhte Risiko bei ADHS ist nicht auf Parkinson begrenzt. Während der Beobachtungszeit starben 2,3 % der ADHS-Betroffenen (716 von 31.769) und 0,8 % der Kontrollen (1.248 von 158.790), also 1,5 Prozentpunkte mehr. Diese unadjustierten Rohwerte betreffen alle ADHS-Betroffenen, unabhängig von einer Medikation. (Kohortenstudie, N = 190.559, E 2b.)83

Aufschlussreicher sind die absoluten Zahlen.
Eine Störung der Basalganglien oder des Cerebellums (eine mit Parkinson verwandte Störung (Tremor) oder Parkinson) bekamen

  • 62 von 4.960 ADHS-Betroffenen, bei denen bekannt war, dass sie Stimulanzien erhielten = 1,25 %
    • davon 42 = 0,85 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 19 = 0,38 % bekamen Parkinson
  • 166 von 31.769 ADHS-Betroffenen insgesamt = 0,52 %
    • davon 111 = 0,35 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 56 = 0,18 % bekamen Parkinson
  • 104 von 26.809 ADHS-Betroffenen, bei denen nicht bekannt war, dass sie Stimulanzien erhielten = 0,39 %
    • davon 69 = 0,26 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 38 = 0,14 % bekamen Parkinson
  • 56 von 24.792 Nicht-ADHS-Betroffenen, die den Stimulanzienbehandelten als Kontrollen zugeordnet waren = 0,23 %
    • davon 26 = 0,1 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 19 = 0,08 % bekamen Parkinson
  • 297 von 158.790 Nicht-ADHS-Betroffenen insgesamt = 0,19 %
    • davon 181 = 0,11 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 96 = 0,06 % bekamen Parkinson
  • 241 von 133.998 Nicht-ADHS-Betroffenen, die den ADHS-Betroffenen ohne bekannte Stimulanzienverordnung als Kontrollen zugeordnet waren = 0,18 %
    • davon 155 = 0,12 % mit weniger als 50 Jahren
    • davon 77 = 0,06 % bekamen Parkinson

Von den Stimulanzienbehandelten hatten 55 % Amphetaminsalze, 39 % ausschließlich Methylphenidat und 6 % beide Wirkstoffe erhalten. (Kohortenstudie, N = 190.559, E 2b.)83 Eine grobe Rückrechnung aus dem Gesamtwert (aHR 6,0) und dem Methylphenidatwert (aHR 8,0) ergibt für Amphetaminmedikamente ein etwa 4,4- bis 4,7-faches Risiko. Da sich Hazard Ratios nicht exakt gewichtet mitteln lassen, ist dies nur eine Schätzung. (Einschätzung ADxS)

Das absolute Risiko einer Parkinson(verwandten) Störung innerhalb von rund 20 Jahren könnte schätzungsweise betragen

  • 2 % bei ADHS, behandelt mit Methylphenidat
  • 1 % bei ADHS, behandelt mit Amphetaminmedikamenten

Grundlage ist das Basisrisiko der zugeordneten Kontrollen (0,23 %), multipliziert mit dem jeweiligen Hazard Ratio. Beobachtet wurden bei Stimulanzienverordnung insgesamt 1,25 %. (Einschätzung ADxS)

Gegenüber den zugeordneten Kontrollen war das Risiko, innerhalb von rund 20 Jahren eine Parkinson(ähnliche) Störung zu bekommen, bei ADHS ohne bekannte Stimulanzienverordnung um 0,21 Prozentpunkte erhöht (0,39 % vs. 0,18 %), bei ADHS insgesamt um 0,33 Prozentpunkte (0,52 % vs. 0,19 %) und bei bekannter Stimulanzienverordnung um rund 1 Prozentpunkt (1,25 % vs. 0,23 %). Nach der obigen Schätzung läge die Differenz bei Amphetaminmedikamenten bei etwa 0,8 Prozentpunkten, bei Methylphenidat bei etwa 1,6 Prozentpunkten. (Einschätzung ADxS)

Auf 100.000 Menschen umgerechnet ergäben sich über rund 20 Jahre etwa:

  • 1.600 zusätzliche Betroffene von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) bei Methylphenidat bei ADHS (ohne zu wissen, ob das an der Schwere des ADHS oder am MPH liegt)
  • 1.000 zusätzliche Betroffene von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis bei Stimulanzien insgesamt bei ADHS (beobachtet)
  • 800 zusätzliche Betroffene von Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis (von einem einfachen Tremor bis hin zu Parkinson) bei Amphetaminmedikamenten bei ADHS (ohne zu wissen, ob das an der Schwere des ADHS oder am AMP liegt)

Die Sterblichkeit lag bei allen ADHS-Betroffenen um 1,5 Prozentpunkte höher. Dies entspricht rund 1.500 zusätzlichen Todesfällen je 100.000 über rund 20 Jahre (unadjustiert, Ursache offen). (Einschätzung ADxS)

Dem geschätzten zusätzlichen Risiko für Störungen aus dem Parkinson-Formenkreis von etwa 0,8 bis 1,6 Prozentpunkten unter Medikation steht eine um 1,5 Prozentpunkte höhere Rohsterblichkeit bei ADHS gegenüber (2,3 % vs. 0,8 %). (Einschätzung ADxS) Ein Medikationsbeginn ging in einer Kohortenstudie mit einer um 21 % geringeren Gesamtsterblichkeit innerhalb von 2 Jahren einher (HR 0,79, 95 % KI 0,70 bis 0,88), vor allem durch weniger unnatürliche Todesfälle. (Kohortenstudie, Target-Trial-Emulation, n = 148.578, 2 Jahre, E 2b.)84 Eine geringere Sterblichkeit dürfte für die meisten Betroffenen schwerer wiegen als ein leicht erhöhtes Risiko für einen Tremor. (Einschätzung ADxS)

Sollte sich ein geringeres Risiko unter Amphetaminmedikamenten bestätigen, spräche dies bei gleicher Wirksamkeit für diese. Dem steht ein höheres Psychoserisiko unter Amphetaminmedikamenten gegenüber (siehe 10.4). (Einschätzung ADxS)

Die Autoren werteten Methylphenidat gesondert aus, weil Tierdaten eher eine Schutzwirkung von Methylphenidat gegen dopaminerge Schäden nahelegten, und nannten im Abstract eine schwerere ADHS als mögliche Erklärung. Eine Medikation war nur bei 15,6 % der ADHS-Betroffenen bekannt. (Kohortenstudie, N = 190.559, E 2b.)83 Eine Auswertung der Sterblichkeit nach Medikation wäre aus unserer Sicht wichtiger gewesen, war mit diesen Daten aber nur eingeschränkt möglich. (Einschätzung ADxS)

Eine deutsche Fall-Kontroll-Studie befragte 88 Parkinson-Betroffene und 88 gematchte Kontrollen retrospektiv. Kein Teilnehmer gab an, in der Kindheit Methylphenidat erhalten zu haben, sodass ein Zusammenhang von Parkinson und Psychostimulanzien in der Kindheit nicht prüfbar war. Parkinson-Betroffene berichteten rückblickend mehr ADHS-Symptome in der Kindheit (WURS-k 14,4 vs. 9,8 Punkte, p = 0,01). (Fall-Kontroll-Studie, n = 176, E 3.)85

Eine weitere Kohortenstudie mit ADHS-Betroffenen ab 50 Jahren fand, dass eine Stimulanzienverschreibung das Parkinsonrisiko um 58 % verringerte (HR 0,419, 95 % KI 0,34 bis 0,516). Von 59.471 Stimulanzienbehandelten erkrankten 131 an Parkinson, in der gematchten Gruppe ohne Stimulanzien 272. MPH wurde nicht getrennt von Amphetaminen ausgewertet. (Kohortenstudie, retrospektiv, N = 118.942 [je 59.471 mit und ohne Stimulanzien, Propensity-Score-gematcht], bis 30 Jahre, E 2b.)86

Bei Mäusen erhöhte eine 12-wöchige MPH-Gabe (1 oder 10 mg/kg i.p. zweimal täglich, 5 Tage pro Woche) dosisabhängig die Produktion von Chinonen im Striatum und verringerte dosisabhängig Glutathion (GSH, γ-L-Glutamyl-L-cysteinylglycin). Dies könnte nach Ansicht der Autoren die erhöhte Empfindlichkeit dopaminerger Neurone gegenüber dem Parkinson-Toxin MPTP erklären. (Tierstudie, n = 4 je Gruppe, Mäuse, 12 Wochen, E 2b.)87 Eine 12-wöchige Gabe von 10 mg MPH / kg i.p. (einmal täglich, 5 Tage pro Woche) verringerte bei Mäusen die Zahl dopaminerger Neurone in der Substantia nigra pars compacta um etwa 20 % und erhöhte die Zahl aktivierter Mikroglia. 1 mg/kg veränderte die Neuronenzahl nicht. Beide Dosen machten die Neurone empfindlicher gegenüber MPTP. Die Autoren setzten Dosen unter 5 mg/kg i.p. mit der therapeutischen Anwendung gleich, 10 mg/kg i.p. mit Freizeitkonsum oder Narkolepsiebehandlung beim Menschen. (Tierstudie, n = 10 je Gruppe, Mäuse, 12 Wochen, E 2b.)88 Ein Verlust dopaminerger Zellen könnte Parkinsonsymptome erklären. Auch dies deutet darauf hin, dass eine hohe Dosierung von MPH möglichst vermieden werden sollte. (Einschätzung ADxS)

10.4. Psychoserisiko allenfalls leicht erhöht

Bedeutung für Betroffene

Eine Psychose ist ein Zustand, in dem der Bezug zur Wirklichkeit gestört ist, etwa durch Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Menschen mit ADHS haben unabhängig von Medikamenten ein erhöhtes Psychoserisiko. Ob ADHS-Medikamente dieses Risiko zusätzlich erhöhen, ist nur teilweise geklärt.

Das absolute Risiko einer neu auftretenden Psychose unter MPH ist gering. In großen Studien erkrankten unter MPH etwa 0,1 bis 0,2 % der Behandelten. Unter Amphetaminmedikamenten traten Psychosen in mehreren Studien etwas häufiger auf als unter MPH. Höhere Stimulanziendosen gingen in einer Metaanalyse mit häufigeren psychotischen Symptomen einher.

In einer großen Kohortenstudie hatten Menschen mit ADHS insgesamt deutlich häufiger eine Psychose als Menschen ohne ADHS (2,7 % gegenüber 0,4 %). Das erhöhte Risiko zeigte sich auch im Vergleich mit Geschwistern ohne ADHS. Die Zahl der Stimulanzienverordnungen erhöhte das Risiko dort nur leicht.

Studien, die dieselben Personen vor und nach Beginn der MPH-Einnahme verglichen, fanden keinen Anstieg psychotischer Ereignisse durch MPH. Das galt auch für Erwachsene, die früher bereits eine Psychose hatten. Bei Kindern und Jugendlichen war das Risiko schon in den Monaten vor Behandlungsbeginn erhöht. Dies spricht eher für einen Zusammenhang mit den Beschwerden, die zur Behandlung führten, als für eine Wirkung des Medikaments.

Halluzinationen, vor allem optische oder taktile (etwa das Sehen oder Spüren von Insekten, Schlangen oder Würmern), wurden bei Kindern unter MPH als seltene Nebenwirkung gemeldet. Nach Absetzen oder Dosisreduktion klangen solche Symptome in den gemeldeten Fällen meist ab. Treten unter MPH Halluzinationen oder andere ungewöhnliche Wahrnehmungen auf, sollte daher zeitnah ärztlicher Rat eingeholt werden.

Nach Einschätzung von ADxS dürften die Vorteile einer ADHS-Behandlung das mögliche Psychoserisiko deutlich überwiegen.

Das absolute Risiko einer neu auftretenden Psychose unter ADHS-Medikation war wirkstoffabhängig. Es betrug:

  • bei Erwachsenen für eine Klinikaufnahme wegen erstmaliger Psychose oder Manie innerhalb eines Jahres nach Medikationsbeginn (Registerstudie, n = 16.125, 1 Jahr, E 2b.)89
    • 0,60 % unter Atomoxetin
    • 0,33 % unter Amphetaminmedikamenten
    • 0,19 % unter Methylphenidat
  • bei 13- bis 25-Jährigen mit ADHS für eine neue Psychose (Diagnose plus Antipsychotikaverordnung) (Kohortenstudie, Versicherungsdaten, N = 221.846, 143.286 Personenjahre, E 2b.)90
    • 0,21 % unter Amphetaminmedikamenten (HR 1,65, 95 % KI 1,31 bis 2,09 gegenüber Methylphenidat)
    • 0,10 % unter Methylphenidat

Nebenwirkungsmeldungen psychotischer Symptome bei 13- bis 25-Jährigen waren unter Amphetaminmedikamenten 1,6-fach häufiger als unter Methylphenidat (ROR 1,61, 95 % KI 1,26 bis 2,06), bei ADHS als Indikation 1,9-fach. Für Atomoxetin bestand kein Unterschied zu Methylphenidat. Meldequoten sind keine Inzidenzen. (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 13.863 Meldungen, E 3.)91
Bei mit Stimulanzien behandelten 13- bis 25-Jährigen mit ADHS betrug die Psychoseinzidenz 2,4 je 1000 Personenjahre (0,24 % pro Jahr). (Kohortenstudie, Versicherungsdaten, N = 221.846, 143.286 Personenjahre, E 2b.)90 In der Allgemeinbevölkerung von 18 bis 64 Jahren lag die Inzidenz behandelter Erstpsychosen bei 21,4 je 100.000 Personenjahre (0,0214 % pro Jahr), bei Männern von 18 bis 24 Jahren bei 61,0 je 100.000 Personenjahre. Altersgruppen und Falldefinitionen der beiden Studien unterscheiden sich. (Inzidenzstudie, n = 2.774 Erstpsychosen, 12,9 Millionen Personenjahre, E 2b.)92
Die Studien lassen keine Aussage darüber zu, ob die Erhöhung der Psychoseprävalenz auf das Bestehen der ADHS oder auf die Gabe von Stimulanzien zurückzuführen ist.
Eine weitere Studie fand ein 8-faches Risiko für ADHS-Betroffene bei der Einnahme von ADHS-Medikamenten (0,38 % innerhalb eines Jahres vs. 0,048 % pro Jahr in der übrigen Bevölkerung von 18 bis 67 Jahren, RR 7,99, 95 % KI 6,06 bis 10,54). Die Hälfte der Betroffenen (50,8 %) hatte eine Suchterkrankung in der Vorgeschichte. (Registerstudie, n = 16.125, 1 Jahr, E 2b.)89 Da dies nicht ADHS-Betroffene mit und ohne Medikamente, sondern ADHS-Betroffene mit Medikamenten gegen die Gesamtbevölkerung vergleicht, ist daraus keine belastbare Aussage über den Beitrag von ADHS-Medikamenten ableitbar.

Auf eine allenfalls leichte Risikoerhöhung durch Stimulanzien weist eine weitere große Kohortenstudie hin, die bei ADHS generell ein erheblich erhöhtes Psychoserisiko fand (2,7 % vs. 0,4 %, OR 6,99, nach Adjustierung für Autismus und Substanzmissbrauch OR 2,57). Je 5 zusätzliche Verordnungen erhöhten Stimulanzien dieses Risiko leicht um 6 % (OR 1,06, 95 % KI 1,02 bis 1,10), Nichtstimulanzien um 15 % (OR 1,15, 95 % KI 1,01 bis 1,30). Die Konfidenzintervalle überlappten. Die Dauer der Medikation hing nicht mit dem Psychoserisiko zusammen. MPH (verordnet bei 70,7 %) und Amphetamin (1,1 %) hingen für sich genommen nicht mit einer späteren Psychose zusammen. Im Geschwistervergleich blieb das Psychoserisiko bei ADHS erhöht (OR 2,95, 95 % KI 2,07 bis 4,20). (Kohortenstudie, n = 18.139 mit ADHS, 72.437 Kontrollen, Geschwistervergleich, Medikationsanalyse n = 13.237, E 2b.)93 Eine weitere große Studie anhand des schwedischen Gesundheitsregisters mit 23.898 jugendlichen und jungen erwachsenen Methylphenidat-Neuanwendern (12 bis 30 Jahre) verglich das Psychoserisiko 12 Wochen vor und nach Beginn der MPH-Gabe innerhalb derselben Person und fand keinen signifikanten Anstieg (IRR 1,04, 95 % KI 0,80 bis 1,34), bei Psychose in der Vorgeschichte ebenfalls nicht (IRR 0,95, 95 % KI 0,69 bis 1,30). Ein Jahr nach Beginn lag das Risiko bei Personen mit Psychose in der Vorgeschichte um 36 % niedriger (IRR 0,64, 95 % KI 0,45 bis 0,91). (Kohortenstudie, Registerdaten, Within-Individual-Design, n = 23.898, E 2b.)94 Ein narrativer Review vermutete ein höheres Psychoserisiko vor allem bei hohen MPH-Dosierungen, räumte jedoch ein, dass die verantwortliche Dosis nicht geklärt ist. (Narrativer Review, k = 24, E 4.)95

Unter Stimulanzien entwickelten Menschen mit ADHS:

  • psychotische Symptome: 2,76 % (95 % KI 0,73 bis 9,88, k = 10)
  • eine bipolare Störung: 3,72 % (95 % KI 0,77 bis 16,05, k = 4)
  • eine psychotische Störung: 2,29 % (95 % KI 1,52 bis 3,40, k = 4)

Psychotische Symptome traten unter Amphetaminmedikamenten häufiger auf als unter Methylphenidat (OR 1,57, 95 % KI 1,15 bis 2,16, k = 3, n = 231.325). Höhere Stimulanziendosen gingen mit häufigeren psychotischen Symptomen einher. Eine Kontrollgruppe unbehandelter ADHS-Betroffener fehlte, sodass sich ein Medikamenteneffekt nicht von einem ADHS-Effekt trennen ließ. Die Heterogenität war sehr hoch (I² über 95 %). (Metastudie, k = 16, N = 391.043, überwiegend Beobachtungsstudien, E 2b.)96

Die Vorteile einer Behandlung von ADHS (Verringerung der vorzeitigen Sterblichkeit, Verringerung des lebenslangen Depressions- und Angststörungsrisikos, Verringerung des Suchtrisikos etc.) dürften das mögliche Risiko deutlich überwiegen. (Einschätzung ADxS)
Mehr zu den Risiken von (unbehandeltem) ADHS unter ⇒ Folgen von ADHS.

Vergleiche innerhalb derselben Person

Kinder und Jugendliche (6 bis 19 Jahre) in Hongkong hatten während der MPH-Einnahme kein höheres Risiko für neu auftretende psychotische Ereignisse als in Zeiten ohne MPH (IRR 1,02, 95 % KI 0,53 bis 1,97). In den 90 Tagen vor dem MPH-Beginn war das Risiko dagegen deutlich erhöht (IRR 4,64, 95 % KI 2,17 bis 9,92). Die Autoren erklärten dies mit den Symptomen, die zur psychiatrischen Abklärung und zum Behandlungsbeginn führten. (Self-controlled Case Series, N = 20.586 mit MPH, n = 103 mit psychotischem Ereignis, E 2b.)97

Auch bei Erwachsenen mit einer Psychose in der Vorgeschichte nahmen psychotische Ereignisse in den 6 Monaten nach Beginn einer Stimulanzien- oder Atomoxetinbehandlung nicht zu (RR 0,95, 95 % KI 0,84 bis 1,08). Unter (Dex-)Methylphenidat (n = 2.378) betrug das RR 1,07 (95 % KI 0,90 bis 1,27), unter Amphetaminmedikamenten 0,76 (95 % KI 0,49 bis 1,16) und unter Atomoxetin 0,81 (95 % KI 0,65 bis 1,02). Die Konfidenzintervalle überlappten. (Registerkohortenstudie, Within-Individual-Design, n = 3.770, 18 bis 64 Jahre, E 2b.)98

Halluzinationen in Meldedaten und Zulassungsstudien

In der WHO-Pharmakovigilanzdatenbank (VigiBase) wurden psychotische Symptome bei 5- bis 17-Jährigen unter MPH etwas häufiger gemeldet als unter anderen ADHD-Medikamenten (aROR 1,27, 95 % KI 1,15 bis 1,40), Halluzinationen ebenso (aROR 1,35, 95 % KI 1,19 bis 1,52). Am häufigsten waren visuelle Halluzinationen (43,2 %). Nach Absetzen oder Dosisreduktion von MPH klangen die Symptome in 88,6 % der Fälle ab, ohne diese Maßnahmen in 12,0 %. Vergleichsgruppe waren Meldungen zu Atomoxetin, Clonidin, Guanfacin und trizyklischen Antidepressiva. Meldequoten sind keine Inzidenzen. (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 1.232 MPH-Meldungen psychotischer Symptome, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)99

Eine Auswertung der US-Arzneimittelbehörde FDA von 49 RCTs der pädiatrischen Zulassungsprogramme aller ADHS-Medikamente fand 11 Psychose- oder Manie-Ereignisse in 743 Personenjahren unter Wirkstoff und keines in 420 Personenjahren unter Placebo (1,48 Ereignisse je 100 Personenjahre, 95 % KI 0,74 bis 2,65). Auf MPH-Präparate entfielen 5 Ereignisse in rund 122 Personenjahren (davon 4 unter transdermalem MPH), auf Atomoxetin 4 in 488 Personenjahren. Unter den über 800 Spontanmeldungen zu Psychose oder Manie fehlte in etwa 90 % eine entsprechende Vorgeschichte. Bei Kindern waren optische und/oder taktile Halluzinationen von Insekten, Schlangen oder Würmern häufig. (Gepoolte Analyse, k = 49 RCTs, n = 5.717 mit Wirkstoff, n = 3.990 mit Placebo, mittlere Dauer 51 Tage, und Spontanmeldungen, alle ADHS-Medikamente, E 1a.)100 In der US-Spontanmeldedatenbank FAERS gehörten optische Halluzinationen bei 6- bis 17-Jährigen unter MPH zu den 20 häufigsten Signalen (n = 101 Meldungen, ROR 4,76, 95 % KI 3,86 bis 5,87). (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 8.585 Meldungen, E 3.)101

10.5. Appetitverlust, Anorexia nervosa

Bedeutung für Betroffene

Verminderter Appetit gehört zu den häufigsten Nebenwirkungen von MPH. In einer Metaanalyse war Appetitverlust unter MPH rund fünfmal so häufig wie unter Placebo. Auch bei Vorschulkindern war verminderter Appetit die einzige Nebenwirkung, die unter Stimulanzien häufiger auftrat als unter Placebo. In einer kleinen Studie berichteten 70 % der behandelten Kinder nach 2 Monaten über Appetitverlust und rund zwei Drittel über Gewichtsverlust.

In Fachtexten wird Appetitverlust oft als „Anorexie“ bezeichnet. Damit ist nicht die Essstörung Anorexia nervosa (Magersucht) gemeint. Eine bestehende oder frühere Magersucht ist laut Fachinformation jedoch eine Gegenanzeige für MPH.

Untersuchungen zu appetitregulierenden Hormonen unter MPH ergaben bislang kein einheitliches Bild. Ein deutlicher Appetit- oder Gewichtsverlust sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Eine Behandlung mit MPH erhöhte gegenüber Placebo das Risiko für Appetitverlust um das 5,11-Fache (OR 5,11, 95 %-KI 1,99 bis 13,14). Mit „Anorexie“ ist hier der Appetitverlust als Nebenwirkung gemeint, nicht die Essstörung Anorexia nervosa. (Metastudie, k = 49 [11 RCTs, 38 Kohortenstudien], n = 1.304 MPH und 887 Kontrollen [RCTs], n = 5.524 [Kohorten], Kinder und Jugendliche, E 1a.)102
Eine bestehende oder frühere Anorexia nervosa ist laut Fachinformation eine Gegenanzeige für Methylphenidat. (E 4.)103

Bei Vorschulkindern (bis 6 Jahre) war unter Stimulanzien (in 8 von 9 Studien MPH) von allen erfassten Nebenwirkungen nur verminderter Appetit häufiger als unter Placebo (OR 2,39), bei geringer bis sehr geringer Evidenzqualität. (Metastudie, k = 9 RCTs, N = 544, E 1a.)104

In einem RCT sank das appetitanregende Neuropeptid Y (NPY) im Serum nach 10 Wochen MPH gegenüber dem Ausgangswert um rund 21 % (p = 0,021). Im Vergleich zu Placebo war der Unterschied nicht signifikant. (Narrativer Review, Sekundärzitat von Weyns et al. 2022 [RCT, n = 88, MPH n = 26, Kinder, 10 Wochen], Erstautorin bei Hersteller [Horphag Research, Pycnogenol] angestellt, E 4.)105

Nach 2 Monaten MPH (im Mittel 0,70 mg/kg/Tag) traten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS als häufigste Nebenwirkungen Appetitverlust (70 %), Gewichtsverlust (66,7 %), Einschlafprobleme (53,3 %) und Kopfschmerzen (46,7 %) auf. Ghrelin und Adiponektin waren danach erhöht, BDNF verringert. Leptin sank nicht signifikant. Leptin und BDNF hingen nicht mit Appetit- oder Gewichtsverlust zusammen. (Kontrollierte Vorher-nachher-Studie, N = 50, n = 30 mit MPH, 2 Monate, E 2b.)106 Bei präpubertären Jungen (6 bis 12 Jahre) fanden sich unter 0,6 mg/kg/Tag unretardiertem MPH kurzfristig keine signifikanten Veränderungen von BMI, Insulin- und Leptinspiegel und keine signifikanten appetitbezogenen Nebenwirkungen. (Offene Studie, n = 20 Jungen, Volltext für uns nur teilweise einsehbar, E 2b.)107

10.6. Krampfschwelle, EEG-Auffälligkeiten

Bedeutung für Betroffene

MPH kann möglicherweise die Krampfschwelle senken, also die Schwelle, ab der ein epileptischer Anfall ausgelöst wird. In einer großen Studie an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne bekannte Anfälle war das Anfallsrisiko in den ersten 30 Tagen nach MPH-Beginn erhöht, danach nicht mehr. Insgesamt waren Anfälle unter MPH selten (etwa 4 je 10.000 Behandlungsjahre), und die meisten Betroffenen hatten danach keinen weiteren Anfall.

Bei Kindern mit ADHS und EEG-Auffälligkeiten traten in einer Studie über 3 Jahre unter MPH keine neuen Anfälle auf, sofern keine schwer behandelbare Epilepsie bestand. Kinder mit und ohne EEG-Auffälligkeiten nahmen MPH ähnlich häufig dauerhaft ein. Bei Kindern mit Epilepsie und ADHS verschlechterte retardiertes MPH die Epilepsie in einer kleinen Studie insgesamt nicht. Höhere Dosen gingen dort aber mit mehr Anfällen einher.

Nehmen Anfälle unter MPH zu oder treten neue Anfälle auf, sollte MPH abgesetzt werden. Bei bestehender Epilepsie sprechen die Daten für eine vorsichtige Dosierung.

Methylphenidat soll die Krampfschwelle senken können. Dies betreffe Patienten mit bestehender Krampfanfall-Anamnese (z. B. Epileptiker) wie Patienten mit Auffälligkeiten im EEG ohne bisherige Krampfanfälle. Selten soll MPH Krampfanfälle auch ohne die genannten Vorrisiken auslösen können.

Eine Studie an 517 Kindern mit ADHS fand bei 273 (52,8 %) EEG-Auffälligkeiten, davon bei 39 epileptiforme. Kinder mit und ohne EEG-Auffälligkeiten wiesen ähnliche Muster der MPH-Einnahme auf (Erstkonsum, positive Reaktion und Beibehaltung der MPH-Einnahme). Bei einer Nachprüfung der 39 Kinder mit epileptiformen EEG-Auffälligkeiten und 39 gematchten Kontrollen nach 3 Jahren traten bei Kindern ohne Epilepsie oder mit anfallsfreier Epilepsie keine neuen Krampfanfälle auf. Nur bei 3 Kindern mit medikamentenresistenter Epilepsie traten Krampfanfälle auf, wobei deren Häufigkeit nicht zugenommen hatte. Die Zahl der Kinder mit Epilepsie war mit 14 klein. (Kohortenstudie, N = 517, n = 78, 3 Jahre, E 2b.)108

Bei 6- bis 25-Jährigen ohne vorbekannte Anfälle oder Epilepsie war das Risiko eines Krampfanfalls in den ersten 30 Tagen nach MPH-Beginn erhöht (IRR 4,01, 95 % KI 2,09 bis 7,68), nicht aber an den Tagen 31 bis 180 (IRR 1,13, 95 % KI 0,56 bis 2,25) und bei längerer Einnahme (IRR 1,38, 95 % KI 0,92 bis 2,07). Die Anfallsinzidenz unter MPH betrug 4,4 je 10.000 Patientenjahre. Niemand starb an einem Anfall. 84 % derjenigen mit erstem Anfall unter MPH hatten keinen weiteren Anfall. (Self-controlled Case Series, N = 29.604 mit MPH, n = 269 mit Anfall, Beobachtung im Mittel 10,7 Jahre, E 2b.)109

Bei Kindern mit Epilepsie und ADHS verschlechterte retardiertes MPH (OROS-MPH) die Epilepsie in einem RCT nicht signifikant. Höhere Dosen sagten jedoch ein höheres tägliches Anfallsrisiko voraus (p unter 0,001). Die Anfallsrate betrug je 100 Tage 0,53 unter Placebo, 0,52 unter 10 oder 18 mg, 1,12 unter 36 mg und 2,30 unter 54 mg. Die Evidenz war von geringer Vertrauenswürdigkeit. (Cochrane-Review, k = 2, davon 1 RCT zu MPH mit n = 33, E 1a.)110

Bei einer Zunahme der Anfallshäufigkeit bzw. bei neu auftretenden Krampfanfällen sollte Methylphenidat abgesetzt werden. (Fachartikel, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111

10.7. Anregung bestehender Angststörungen, Depression, Aggression

Komorbide Angststörungen können sich unter Stimulanzien verschlechtern. Bei Erwachsenen mit ADHS und komorbider Angst, Depression oder Sucht kann statt eines Stimulans ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer oder α2A-Adrenozeptor-Agonist sinnvoll sein. (Lehrbuch, E 4.)112
Laut Fachinformation kann MPH bestehende Angst, Agitiertheit oder Anspannung verstärken. Patienten sind auf neu auftretendes oder sich verschlechterndes aggressives Verhalten zu überwachen. (E 4.)103

Ein kleiner RCT fand keine akute Veränderung der Zustandsangst (state anxiety) durch eine Einzeldosis MPH (0,3 mg/kg, unretardiert). Kinder, die in der ersten Sitzung MPH erhalten hatten, zeigten jedoch zu Beginn der zweiten Sitzung eine höhere Zustandsangst, was die Autoren als möglichen verzögerten angstauslösenden Effekt deuteten. (RCT, Crossover, doppelblind, n = 20, Kinder, Einzeldosis, E 1b.)113

10.8. MPH und Manierisiko bei Bipolarer Störung

Bedeutung für Betroffene

Bei einer bipolaren Störung wechseln sich manische Phasen (krankhaft gehobene oder gereizte Stimmung mit gesteigertem Antrieb) und depressive Phasen ab. Laut Fachinformation ist MPH bei einer zusätzlichen bipolaren Störung nur mit besonderer Vorsicht einzusetzen, weil es manische oder gemischte Episoden auslösen kann.

Die Studienlage ist uneinheitlich. Eine Registerstudie fand nach Beginn einer MPH-Behandlung kein erhöhtes Manierisiko. Eine andere große Studie fand ein deutlich erhöhtes Manierisiko, wenn MPH ohne stimmungsstabilisierende Medikamente eingenommen wurde. Mit einem Stimmungsstabilisierer war das Risiko dagegen nicht erhöht, sondern eher niedriger. Eine französische Wiederholungsstudie bestätigte den Anstieg ohne Stimmungsstabilisierer nur zum Teil. Bei durchgehender stimmungsstabilisierender Behandlung stieg das Risiko dort nur bei MPH-Dosen über 30 mg.

Bei bipolarer Störung spricht die Studienlage daher dafür, MPH möglichst zusammen mit einer stimmungsstabilisierenden Behandlung und in nicht höherer Dosis als nötig einzusetzen.

Eine Studie an 1.043 Patienten mit bipolarer Störung fand nach Beginn einer MPH-Behandlung kein erhöhtes Manierisiko. Manische Episoden gingen danach um 48 % zurück, ebenso depressive Episoden und psychiatrische Einweisungen. Die Autoren führten den Rückgang überwiegend auf eine Regression zur Mitte zurück, da Manien etwa 6 Monate vor MPH-Beginn gehäuft auftraten, nicht auf MPH selbst. (Registerstudie, Spiegelbild-Design, n = 1.043, 1 Jahr vor/nach, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)114
Laut Fachinformation ist bei komorbider bipolarer Störung wegen der möglichen Auslösung gemischter oder manischer Episoden besondere Vorsicht geboten. (E 4.)103

Bei Erwachsenen mit bipolarer Störung hing das Manierisiko nach MPH-Beginn von einer gleichzeitigen stimmungsstabilisierenden Medikation ab:

  • ohne Stimmungsstabilisierer (MPH-Monotherapie, n = 718): HR 6,7 (95 % KI 2,0 bis 22,4) in den ersten 3 Monaten und HR 9,7 (95 % KI 2,9 bis 31,7) in den folgenden 3 Monaten (Registerkohortenstudie, Within-Individual-Design, N = 2.307, 6 Monate, E 2b.)115
  • mit Stimmungsstabilisierer (n = 1.103): HR 0,6 (95 % KI 0,4 bis 0,9) in den ersten 3 Monaten (Registerkohortenstudie, Within-Individual-Design, N = 2.307, 6 Monate, E 2b.)115

Eine Replikationsstudie mit französischen Krankenversicherungsdaten fand ohne Stimmungsstabilisierer (n = 2.745) ebenfalls mehr stationäre Maniediagnosen in den 3 Monaten nach MPH-Beginn. In Case-Crossover-Analysen war dieser Unterschied jedoch nicht mehr signifikant. Die Autoren hielten den natürlichen Verlauf der Manie für eine mögliche Erklärung. Mit durchgehender stimmungsstabilisierender Behandlung (n = 3.526) stieg das Manierisiko nur bei MPH-Dosen über 30 mg. (Registerstudie, Self-controlled-Design, n = 6.271, 6 Monate vor/nach, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)116

10.9. MPH erhöht Histamin

Bedeutung für Betroffene

Tierstudien fanden, dass MPH die Freisetzung des Botenstoffs Histamin im Gehirn in einer Hirnregion erhöhen kann, in einer anderen dagegen nicht. Ob Menschen mit Histaminintoleranz ADHS-Medikamente schlechter vertragen, ist nicht untersucht. Eine Betroffene mit Histaminintoleranz vertrug niedrig dosiertes unretardiertes MPH besser als andere Präparate. Dies ist eine Einzelbeobachtung.

Wir vermuten, dass Menschen mit Histaminintoleranz ADHS-Medikamente schlechter vertragen könnten. Studien hierzu sind uns nicht bekannt. (Einschätzung ADxS)
Eine ADHS-Betroffene mit Histaminintoleranz berichtete, dass sie AMP und retardiertes MPH gar nicht vertrug, unretardiertes MPH in geringen Dosen jedoch tolerieren konnte. (Erfahrung ADxS)

MPH und Atomoxetin (je 1 mg/kg) erhöhten bei Ratten das extrazelluläre Histamin im präfrontalen Cortex auf etwa das 2,6- bzw. 3-Fache des Ausgangswerts. (Tierstudie, n = 5 bis 6 je Wirkstoff, Ratte, Einzeldosis, Autoren bei Hersteller angestellt, E 2b.)117 Eine andere Studie fand bei Ratten unter MPH (3 mg/kg) keinen Histaminanstieg im Hypothalamus. (Tierstudie, Ratte, E 2b.)118

Histaminfreisetzung im Hypothalamus von Ratten erhöhten auch:

  • Modafinil (150 mg/kg) (Tierstudie, Ratte, E 2b.)119
  • Koffein (Tierstudie, Ratte, E 2b.)120

10.10. Rebound

Bedeutung für Betroffene

Als Rebound wird eine kurzzeitige Verstärkung der ADHS-Symptome am Ende der Wirkzeit bezeichnet. In einer älteren Studie an stationär behandelten Kindern unter kurz wirksamen Stimulanzien trat ein Rebound bei rund 30 % auf. Nur bei knapp 9 % war er so stark, dass die Behandlung beendet wurde. Retardierte Präparate mit langsam abklingender Wirkung gehen wahrscheinlich mit weniger Rebound einher als unretardierte.

Eine kleine Studie mit jugendlichen Fahrern fand spät abends unter einem retardierten Amphetaminpräparat mehr Unaufmerksamkeitsfehler beim Autofahren als unter Placebo, unter retardiertem MPH dagegen nicht.

Ein Rebound lässt sich vermeiden, wenn die Anschlussdosis so rechtzeitig eingenommen wird, dass keine wirkstofffreie Lücke entsteht. Nach der letzten Tagesdosis kann eine deutlich kleinere Abschlussdosis den Übergang abmildern.

Vom Rebound zu unterscheiden sind Beschwerden nach plötzlichem Absetzen von MPH. Einzelne Fallberichte beschrieben bei Kindern Muskelverkrampfungen (Dystonie) oder mehrtägiges Erbrechen mit Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit. Es handelt sich um Einzelfallberichte.

Als Rebound wird ein kurzzeitiges Ansteigen der eigentlich durch MPH verringerten Symptome am Ende der Wirkzeit von Medikamenten bezeichnet. Wirkt eine MPH-Dosis rund 3 Stunden, so können am Ende der 3 Stunden oder unmittelbar danach für ca. 20 bis 30 Minuten die ADHS-Symptome verstärkt auftreten.
Bei 149 stationär behandelten Kindern (5 bis 12 Jahre) unter kurz wirksamen Stimulanzien (meist MPH) trat ein Rebound bei 30 % nach mindestens einer Dosis auf, war aber nur bei 8,7 % so stark, dass die Behandlung beendet wurde. Bei 21,5 % trat er nur unter einer von mehreren Dosierungen auf. Kinder mit und ohne Rebound unterschieden sich klinisch nicht. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 149, Kinder, Pflegebeurteilung Tag- vs. Abendschicht, E 2b.)121
Retardierte Stimulanzien gehen wahrscheinlich mit einem geringeren Rebound-Risiko einher als unretardierte. (Narrativer Review, E 4.)122
Wir gehen davon aus, dass ein Rebound durch einen zu schnellen Rückgang des Dopamin- / Noradrenalinspiegels hervorgerufen wird. Bei Medikamenten, die einen sehr langsamen Wirkungsrückgang zeigen, scheint ein Rebound seltener aufzutreten. (Einschätzung ADxS)

Ein Rebound kann vermieden werden, indem die Anschlussdosis so rechtzeitig eingenommen wird, dass kein wirkstofffreier Zeitraum verbleibt.
Bei der letzten Tagesdosis soll der Rebound durch eine Einnahme einer sehr viel kleineren Dosis als der üblichen Einzeldosis zu dem Zeitpunkt, an dem sonst die Anschlussdosis genommen würde, abgemildert oder vermieden werden können.

Bei männlichen jugendlichen Fahrern mit ADHS verschlechterte sich die Fahrleistung 16 bis 17 Stunden nach Einnahme von 72 mg OROS-MPH weder im Simulator noch auf der Straße gegenüber Placebo. Unter retardierten Amphetaminsalzen (30 mg) traten dagegen um Mitternacht auf der Straße signifikant mehr Unaufmerksamkeitsfehler auf als unter Placebo (p = 0,04, einseitig) und als unter OROS-MPH (p = 0,008), was auf einen Rebound hindeuten könnte. Die Fahrleistung schwankte spät abends unter Amphetamin zwei- bis dreimal stärker. (RCT [Crossover, doppelblind, placebokontrolliert], n = 19 Jungen, 17 bis 19 Jahre, teilweise herstellerfinanziert, E 1b.)123 In einer italienischen Routinekohorte brach 1 von 480 Kindern die MPH-Behandlung in der ersten Woche wegen Rebound ab. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 480, unretardiertes MPH, 1 Woche, E 2b.)23

Beschwerden nach plötzlichem Absetzen

Nach abruptem Absetzen von MPH beschrieben Fallberichte:

  • wiederholte akute Dystonie (zuerst Zunge und Mund, Stunden später Kiefer und beide Beine) bei einem 6-Jährigen am 2. Tag nach plötzlichem Absetzen von 3 × 10 mg unretardiertem MPH unter gleichzeitigem Guanfacin, jeweils etwa zu den gewohnten Einnahmezeiten. Die Dystonie bildete sich unter alleiniger Infusion (Flüssigkeitsgabe) zurück. (Fallbericht, n = 1, E 4.)124
  • mehrtägiges starkes Erbrechen, Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit bei einem 11-jährigen Mädchen mit Autismus und ADHS nach abruptem Absetzen von 36 mg OROS-MPH (Fallbericht, n = 1, E 4.)125

10.11. MPH und Narkose / Anästhesie

Bedeutung für Betroffene

Vor Operationen sind mögliche Wechselwirkungen von MPH mit Narkose- und Beruhigungsmitteln zu bedenken. Zu dieser Frage gibt es nur wenige Studien.

Bei Frauen ohne ADHS verringerte MPH nach einer Operation die Schläfrigkeit, ohne die Schmerzen zu verändern. Die Herzfrequenz stieg kurzfristig an. In Tierversuchen beschleunigte MPH das Aufwachen aus der Narkose. Ein Fallbericht beschrieb bei einem Kind unter MPH einen erhöhten Bedarf an Beruhigungsmitteln vor einem Eingriff.

Ob MPH am Operationstag eingenommen werden sollte, wird unterschiedlich beurteilt. Die Fachinformation rät, MPH am Tag einer geplanten Operation nicht einzunehmen. Ein anästhesiologischer Übersichtsartikel sah bei dauerhafter ärztlich verordneter Einnahme dagegen wenig Probleme durch eine Fortsetzung und nannte weniger Entzugssymptome und einen stabileren Zustand als Vorteile. Die MPH-Einnahme sollte daher vor jeder geplanten Operation im Narkosevorgespräch angegeben und das Vorgehen dort abgestimmt werden.

Im Falle von Operationen ist neben der aufgrund der teilweise deutlich erhöhten (Medikamenten-)Sensibilität bei ADHS-Betroffenen auch die Frage von Kreuzwirkungen von ADHS-Medikamenten mit Narkosemitteln zu beachten.

Eine Doppelblindstudie an Frauen ohne ADHS nach gynäkologischen Bauchoperationen fand keine Veränderung der postoperativen Schmerzen durch MPH (0,4 mg/kg i.v. am Narkoseende). MPH verringerte die Sedierung bis 30 Minuten nach der Operation und verbesserte bei Halothan-Narkose die Atemfunktion bis 180 Minuten danach. Die Herzfrequenz stieg 5 Minuten nach der Gabe um 18 bis 22 Schläge pro Minute. Gelegentlich traten unerwünschte Verhaltenseffekte auf (Unruhe und Weinen bei 4 Patientinnen, nicht unter Placebo). (RCT, doppelblind, n = 63 Frauen, 16 bis 70 Jahre, E 1b.)126 Halothan wird in Deutschland heute kaum noch verwendet.
Ein Fallbericht beschrieb bei einem 6-jährigen Jungen mit Williams-Syndrom unter MPH (2 × 5 mg/Tag) einen erhöhten Bedarf an Sedativa (orales Midazolam, auch zusammen mit Ketamin, reichte nicht aus) und eine mögliche verzögerte Wechselwirkung mit Ketamin mit starker Übelkeit, Erbrechen und Austrocknung. (Fallbericht, n = 1, Kind, E 4.)127

MPH verkürzte bei Ratten die Aufwachzeit aus einer Isofluran-Narkose (Median 91 statt 280 Sekunden) und stellte während fortlaufender Isofluran-Gabe dosisabhängig den Stellreflex wieder her. MPH steigerte zudem das Atemminutenvolumen. Der Dopaminantagonist Droperidol hob diese Effekte weitgehend auf. (Tierstudie, Ratten, n = 12 je Gruppe, MPH 5 mg/kg i.v., E 2b.)128 Nach einer Propofol-Einzeldosis verkürzte MPH die Aufwachzeit von median 735 auf 448 Sekunden. Unter fortlaufender Propofol-Infusion wachten alle 6 Ratten nach MPH auf (median nach 82 Sekunden). (Tierstudie, Ratten, n = 6 je Gruppe, MPH 5 mg/kg i.v., E 2b.)129

Ein anästhesiologischer Übersichtsartikel sah bei dauerhafter ärztlich verordneter Einnahme von Amphetamin und amphetaminähnlich wirkenden Stimulanzien (darunter MPH) wenig Probleme durch eine Fortsetzung der Einnahme rund um eine Operation. Eine Fortsetzung verringere das Risiko von Entzugssymptomen und stabilisiere den psychischen und körperlichen Zustand. (Narrativer Review, E 4.)130 Die Fachinformation rät dagegen, MPH am Tag einer geplanten Operation nicht einzunehmen (siehe 11.1.1).

Bei 94 ausgewerteten Personen ab 70 Jahren ohne Demenz gingen vor einer geplanten Hüft- oder Knieersatzoperation gemessene Aufmerksamkeitsdefizite (langsamere und variablere Reaktionszeiten) mit einem 4- bis 5-fach erhöhten Risiko für ein postoperatives Delir einher (OR 3,9 bis 4,9 mit weiten Konfidenzintervallen, z. B. 1,2 bis 20,6). 14,9 % entwickelten ein Delir. ADHS wurde nicht untersucht. (Kohortenstudie, prospektiv, n = 100, davon 94 ausgewertet, ab 70 Jahre, 1 Woche, E 2b.)131

10.12. Sonstiges zu Nebenwirkungen von MPH

Bedeutung für Betroffene

Dieser Abschnitt sammelt seltene oder fragliche Nebenwirkungen von MPH. Die meisten Hinweise stammen aus Einzelfallberichten oder aus Auswertungen von Meldedatenbanken. Solche Daten zeigen, dass eine Nebenwirkung vorkommen kann, nicht aber, wie häufig sie ist und ob MPH tatsächlich die Ursache war.

Beschrieben wurden unter anderem neu auftretendes Haareausreißen (Trichotillomanie), zwanghaftes Hautzupfen und Zwangssymptome, starke Muskelschmerzen, Durchblutungsstörungen von Fingern und Zehen (Raynaud-Syndrom), Veränderungen der Sexualfunktion, sehr selten eine schmerzhafte Dauererektion (Priapismus), Stottern, Hautreaktionen beim MPH-Pflaster und leichte Veränderungen im Blutbild. In den beschriebenen Fällen klangen die Beschwerden meist nach Dosisreduktion, Präparatewechsel oder Absetzen ab. Ausnahmen waren bleibende Hautentfärbungen durch das MPH-Pflaster, einzelne schwere Raynaud-Verläufe bei systemischer Grunderkrankung und ein Einzelfall eines plötzlichen Hörverlusts.

Bei erwachsenen Männern mit langjähriger Stimulanzieneinnahme wurde etwas häufiger eine Hodenunterfunktion diagnostiziert. Ursache, Dosis und Hormonwerte waren dabei nicht bekannt. Bei Jungen unter MPH fand eine große Registerstudie dagegen kein signifikant erhöhtes Risiko für Störungen der Hodenfunktion. Werte der Wachstumshormonachse und der Schilddrüse veränderten sich bei Kindern unter MPH nicht.

Neu auftretende ungewöhnliche Beschwerden nach Beginn oder Dosiserhöhung von MPH sollten ärztlich besprochen werden. Gerade bei seltenen Nebenwirkungen lässt sich oft erst durch Dosisreduktion, Absetzen oder erneute Gabe klären, ob MPH die Ursache ist.

Es wurden Einzelfälle neu aufgetretener Trichotillomanie (Haare ausreißen) unter Stimulanzien (MPH, Lisdexamfetamin, Dexamfetamin) berichtet. Bei einem 8-jährigen und einem 15-jährigen Jungen trat sie wiederholt unter MPH und Lisdexamfetamin auf und klang nach Dosisreduktion, Absetzen oder spontan ab. Nach dem Wechsel auf Atomoxetin und Guanfacin traten bei einem der Jungen keine weiteren Episoden auf. (Fallserie, n = 2, Kinder und Jugendliche, E 4.)132 Trichotillomanie zählt im DSM-5 zu den Zwangsspektrumsstörungen (im DSM-IV noch zu den Impulskontrollstörungen).
Ein Fallbericht beschrieb bei einem 12-jährigen Jungen unter retardiertem Dexmethylphenidat (bis 30 mg/Tag) starke Muskelschmerzen und Steifigkeit der Oberschenkel, die einige Wochen nach dem Absetzen verschwanden. (Fallbericht, n = 1, Kind, E 4.)133
Eine Studie fand bei 20- bis 40-jährigen Männern mit ADHS und Langzeiteinnahme von Stimulanzien (mindestens 36 Verordnungen) innerhalb von 5 Jahren häufiger eine Diagnose Hodenunterfunktion (1,2 %) als bei Männern mit ADHS ohne ADHS-Medikation (0,67 %, RR 1,78, 95 % KI 1,42 bis 2,23) oder ohne ADHS (0,68 %, RR 1,75, 95 % KI 1,39 bis 2,19). MPH wurde nicht getrennt ausgewertet. Dosis, Hormonwerte und Ursache der Hodenunterfunktion waren nicht bekannt. (Retrospektive Datenbank-Kohortenstudie, n = 17.224 je Gruppe, Männer, E 2b.)134

Zwangsähnliche Symptome, Haareausreißen und Hautzupfen

Ein systematischer Review fand 22 Fallberichte zu stimulanzienbedingter Trichotillomanie, taktilen Halluzinationen und Dermatozoenwahn (Überzeugung, von Parasiten befallen zu sein). Trichotillomanie und taktile Halluzinationen betrafen typischerweise Jungen unter ADHS-Behandlung und verschwanden nach dem Absetzen. Dermatozoenwahn betraf vor allem Erwachsene mit Fehl- oder Missbrauch. (Systematischer Review, k = 22 Fallberichte, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)135

Einzelfälle beschrieben unter MPH neu aufgetretene:

  • Zwangssymptome (Symmetriebedürfnis, Kontrollzwang, Ordnen) bei einem 14-Jährigen 10 Tage nach Beginn mit 15 mg/Tag, die nach dem Absetzen binnen 2 Wochen vollständig abklangen (Fallbericht und Literaturübersicht, n = 1, E 4.)136
  • Skin picking (Dermatillomanie, zwanghaftes Hautzupfen) mit teils blutenden Hautläsionen bei einem 7-Jährigen in der ersten Woche unter retardiertem MPH, das nach dem Absetzen nachließ und erst unter Citalopram und Risperidon vollständig abklang (Fallbericht, n = 1, E 4.)137

Raynaud-Syndrom

Ein Raynaud-Syndrom (anfallsartige Minderdurchblutung von Fingern oder Zehen mit Blässe, Blauverfärbung oder Rötung und Kälteempfindlichkeit) wurde unter Methylphenidat, (Dex-)Amphetamin und seltener Atomoxetin beschrieben. Eine systematische Übersicht fand 61 Fälle, ganz überwiegend aus Fallberichten und Fallserien. Die meisten Fälle waren leicht und klangen innerhalb von Wochen nach Absetzen, Dosisreduktion oder Präparatewechsel ab. Einzelne Fälle mit systemischer Grunderkrankung führten zu Geschwüren, Gangrän und Amputation. Von 28 bewerteten Fällen war ein Zusammenhang mit der Medikation in 13 Fällen möglich, in 13 wahrscheinlich und in 2 sicher (Naranjo-Skala). Ein kausaler Zusammenhang ließ sich mangels kontrollierter Studien nicht belegen. Die Autoren empfahlen, besonders bei Behandlungsbeginn und Dosissteigerung auf Raynaud-Zeichen zu achten. (Systematischer Review, 22 Publikationen, n = 61 Fälle, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)138

Sexualfunktion, Hormone und Hodenfunktion

Bedeutung für Betroffene

Die Daten zu MPH und Sexualfunktion stammen überwiegend aus Fallberichten. Bei einem Teil der Betroffenen verringerte MPH die Libido oder löste Ejakulationsstörungen aus, eher bei zusätzlichen psychischen Erkrankungen. Bei anderen verbesserte es sexuelle Erregung und Funktion, eher bei vorbestehenden Funktionsstörungen oder niedriger Dosis. In einer Langzeitbeobachtung Erwachsener berichtete etwa jeder sechste eine verminderte sexuelle Lust. Veränderungen der Sexualfunktion sollten in der Behandlung offen angesprochen werden.

Eine anhaltende, oft schmerzhafte Dauererektion (Priapismus) ist unter MPH sehr selten. Die US-Arzneimittelbehörde FDA wertete 15 Fälle aus und ließ daraufhin Fach- und Patienteninformationen ergänzen. Mehrere Betroffene wurden stationär behandelt, zwei benötigten einen Eingriff. Priapismus trat bei unretardierten und retardierten Präparaten, bei Dosiserhöhungen und in Absetzphasen auf. Eine Erektion, die nicht abklingt, erfordert daher eine umgehende ärztliche Abklärung.

Bei Kindern veränderten sich Werte der Wachstumshormonachse und der Schilddrüse unter MPH über ein Jahr nicht. Die Kinder nahmen unter MPH etwas weniger an Gewicht zu. Das Längenwachstum unterschied sich in dieser Studie nicht von unbehandelten Kindern, höhere Dosen je Kilogramm Körpergewicht gingen aber mit etwas geringerem Längenzuwachs einher. Eine Brustvergrößerung bei einem Jugendlichen (Gynäkomastie) wurde als Einzelfall beschrieben und bildete sich nach dem Absetzen zurück.

Der Testosteronspiegel von Kindern blieb unter MPH über 4 Wochen unverändert. Jungen mit ADHS hatten in einer großen Registerstudie häufiger Störungen der Hodenfunktion als Jungen ohne ADHS, die MPH-Einnahme erhöhte dieses Risiko jedoch nicht signifikant. Kinder mit ADHS erkrankten während MPH-Behandlungszeiten seltener an Atemwegsinfekten als in Zeiten ohne MPH.

Sexuelle Funktion

Ein systematischer Review fand 14 Arbeiten zu MPH und Sexualfunktion, überwiegend Fallberichte schwacher Qualität. MPH konnte sowohl die Libido verringern und Ejakulationsstörungen auslösen (eher bei psychiatrischen Komorbiditäten) als auch sexuelle Erregung und Funktion verbessern (eher bei vorbestehender Funktionsstörung oder niedriger Dosis). (Systematischer Review, k = 14, E 4.)139 Bei Erwachsenen unter Langzeitmedikation (überwiegend MPH) berichteten 17 % eine verminderte sexuelle Lust. (Kohortenstudie, n = 112, davon 57 weiter medikamentiert, 6 Jahre, E 2b.)14

Priapismus

Eine FDA-Sicherheitsmitteilung (Dezember 2013) zu Priapismus (schmerzhafte Dauererektion) unter MPH beruhte auf 15 Fallberichten bei männlichen Patienten (mittleres Alter 12,5 Jahre, 8 bis 33 Jahre). Mehrere wurden stationär behandelt, zwei benötigten einen Eingriff (Shunt oder Punktion). Prolongierte Erektionen und Priapismus traten unter unretardierten und retardierten Präparaten, bei Dosiserhöhungen und in Absetzphasen auf. Fachinformationen und Patienteninformationen wurden daraufhin ergänzt. Von 6 publizierten MPH-Fällen (5 unter retardiertem MPH) waren nur 3 schmerzhaft und nur einer dauerte über 4 bis 6 Stunden. (Narrativer Review, E 4.)140 In FAERS war Priapismus bei Jungen unter MPH ein Signal (31 Meldungen, zusätzlich 6 Meldungen schmerzhafter Erektion). (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 8.585 Meldungen, E 3.)101

Hormone

Bei zuvor unbehandelten 6- bis 12-Jährigen veränderten sich unter niedrig dosiertem unretardiertem MPH (14 ± 6,7 mg/Tag) oder OROS-MPH (32 ± 9,6 mg/Tag) über 12 Monate IGF-1, IGFBP-3, Prolaktin, TSH, T3, T4 und freies T4 nicht anders als ohne Medikation. Unter MPH nahmen die Kinder weniger an Gewicht zu (4,2 bzw. 4,1 kg gegenüber 5,6 kg ohne Medikation), der Längenzuwachs unterschied sich zwischen den Gruppen nicht. Die auf das Körpergewicht bezogene MPH-Dosis korrelierte negativ mit dem Längenzuwachs (r = −0,33 bzw. −0,32). (Prospektive Kohortenstudie, n = 118, 12 Monate, E 2b.)141 Ein Fallbericht beschrieb bei einem 15-Jährigen eine beidseitige Gynäkomastie (Brustvergrößerung beim Mann) unter OROS-MPH 27 und 36 mg/Tag bei normalem Prolaktin, die sich nach dem Absetzen innerhalb eines Monats zurückbildete. (Fallbericht, n = 1, E 4.)142

Bei Kindern mit ADHS veränderte MPH (mittlere Tagesdosis 18,1 mg) den Testosteronspiegel im Speichel über 4 Wochen nicht. (Nicht randomisierte prospektive Studie mit Kontrollgruppe, n = 132 ausgewertet, 4 Wochen, E 2b.)143 In einer landesweiten taiwanesischen Kohorte hatten Jungen mit ADHS häufiger eine Hodenfunktionsstörung als Jungen ohne ADHS (0,14 % gegenüber 0,06 %, aOR 1,95, 95 % KI 1,26 bis 3,04). MPH insgesamt (aHR 1,40, 95 % KI 0,77 bis 2,54) sowie eine kurze (bis 365 Tage, aOR 0,96, 95 % KI 0,51 bis 1,82) oder lange MPH-Einnahme (über 365 Tage, aOR 1,40, 95 % KI 0,69 bis 2,83) erhöhten das Risiko nicht signifikant. (Registerkohortenstudie, n = 111.754, 12 Jahre, E 2b.)144 Ein Fallbericht beschrieb bei einem 20-jährigen Mann nach 17 Jahren MPH-Einnahme ausbleibende Pubertät mit niedrigem FSH, LH und Testosteron (hypogonadotroper Hypogonadismus), die sich unter Hormonersatz besserte. (Fallbericht, n = 1, E 4.)145

Blutbildveränderungen und Infektionen unter MPH:

  • Kinder mit ADHS erkrankten während MPH-Behandlungszeiträumen seltener an Atemwegsinfekten als in Zeiten ohne MPH (alle Atemwegsinfekte RR 0,64, 95 % KI 0,61 bis 0,68, untere Atemwege RR 0,36, Influenza RR 0,82). (Registerkohortenstudie mit Self-Controlled-Case-Series-Analyse, n = 85.853 mit ADHS, E 2b.)146

Haare, Zähne, Haut, Blutbild, Stottern und Hören

Bedeutung für Betroffene

Kinder mit ADHS hatten in einer großen Kohortenstudie ein leicht erhöhtes Risiko für kreisrunden Haarausfall. Eine MPH-Behandlung erhöhte dieses Risiko nicht.

Zähneknirschen war unter MPH in einer Studie tendenziell häufiger, der Unterschied war aber nicht signifikant. Stärker hing es mit der Schwere der ADHS zusammen, besonders mit der Hyperaktivität. Junge Erwachsene mit MPH-Behandlung benötigten etwas häufiger Zahnfüllungen, mit steigender Gesamtdosis zunehmend. Kinder unter MPH hatten in einer weiteren Studie mehr Karies, weniger Speichel und eine schlechtere Mundhygiene als gesunde Kinder. Gründliche Zahnpflege und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sind unter MPH daher besonders sinnvoll.

Beim MPH-Pflaster ist eine Rötung an der Klebestelle sehr häufig. Sie klingt meist innerhalb eines Tages ab. In einer Langzeitstudie beendeten etwa 7 % der Kinder die Behandlung wegen Hautreaktionen. Selten trat eine bleibende Hautentfärbung auf, die sich auch nach dem Absetzen nicht zurückbildete. Eine echte Allergie gegen MPH war sehr selten.

Im Blutbild stiegen die weißen Blutkörperchen unter MPH leicht an, blieben aber meist im Normbereich. Ein Mangel an neutrophilen Granulozyten (Neutropenie) trat vor allem auf, wenn Valproat und Antipsychotika kombiniert wurden, unter der Kombination aus Antipsychotikum und ADHS-Medikament dagegen nicht.

In Meldedatenbanken war MPH auffällig häufig mit Stottern verbunden. In den Fällen mit berichtetem Verlauf besserte es sich nach Absetzen oder Dosisreduktion. In einer kleinen kontrollierten Studie verringerte eine Einzeldosis MPH dagegen die Stotterhäufigkeit bei Männern mit Entwicklungsstottern. Neu auftretendes oder zunehmendes Stottern unter MPH sollte ärztlich besprochen werden.

Das Hörvermögen von Kindern veränderte sich nach 3 Monaten MPH nicht. Ein plötzlicher einseitiger Hörverlust wurde als Einzelfall beschrieben.

Haarausfall

In einer landesweiten taiwanischen Geburtskohorte hatten Kinder mit ADHS ein erhöhtes Risiko für kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) (aHR 1,30, 95 % KI 1,04 bis 1,64). Kinder mit ADHS und MPH (über 3 Monate) hatten kein erhöhtes, eher ein nicht signifikant verringertes Risiko gegenüber Kindern mit ADHS ohne MPH (aHR 0,64, 95 % KI 0,32 bis 1,25). (Kohortenstudie, n = 1.750.456, davon 90.016 mit ADHS, E 2b.)147

Zähneknirschen, Zahngesundheit, Mundtrockenheit

Zähneknirschen (Bruxismus) war bei 5- bis 18-Jährigen mit ADHS unter MPH tendenziell häufiger als unter Atomoxetin oder ohne Medikation (mittelgradig bis schwer 20,7 % gegenüber 11,5 % ohne Medikation und 8,1 % unter Atomoxetin), der Unterschied war aber nicht signifikant. Die Bruxismusschwere hing mit der ADHS-Schwere zusammen, besonders mit der Hyperaktivität. (Querschnittstudie, n = 181, E 3.)148 Ein systematischer Review fand zu MPH nur eine Studie: Bei 10- bis 17-Jährigen (n = 467, davon 281 mit ADHS) war die MPH-Einnahme mit per Fragebogen erfasstem Schlafbruxismus assoziiert (OR 1,67, 95 % KI 1,03 bis 2,68). Die Evidenzqualität war insgesamt sehr niedrig. (Systematischer Review, k = 5 Querschnittstudien, davon 1 zu MPH, E 3.)149

Junge Erwachsene (israelische Wehrpflichtige, 18 bis 25 Jahre) mit ADHS und MPH benötigten häufiger Zahnfüllungen (24 %) als solche mit unbehandeltem ADHS (22 %) oder ohne ADHS (17 %). Die Wahrscheinlichkeit stieg dosisabhängig (OR 1,006 je zusätzlichem Gramm kumulativer MPH-Dosis, 95 % KI 1,004 bis 1,009, adjustiert unter anderem für ADHS-Diagnose, Bildung und Sozialstatus). Gemessen wurde nur der Bedarf an Füllungstherapie, der Speichelfluss wurde nicht erfasst. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 213.604, davon 6.875 mit MPH, E 2b.)150 Kinder mit ADHS unter MPH, besonders unter unretardiertem MPH, hatten mehr Karies, schlechtere Mundhygiene, einen geringeren Speichelfluss und mehr Streptococcus mutans als gesunde Kontrollen. (Querschnittstudie, n = 99, davon 49 mit MPH, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)151

Hautreaktionen beim MPH-Pflaster (transdermales MPH)

Beim MPH-Pflaster zeigte etwa die Hälfte der 6- bis 12-Jährigen eine deutliche Rötung an der Klebestelle, die meist innerhalb von 24 Stunden abklang. 1 % hatte stärkere Reaktionen (deutliche Schwellung), keines Bläschen oder Reaktionen über die Klebestelle hinaus. Bei einem Kind (0,3 %) wurde eine Kontaktallergie gegen MPH nachgewiesen. (Offene Studie, n = 305, 7 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)152 Über 12 Monate führten Reaktionen an der Klebestelle bei 6,7 % der 6- bis 12-Jährigen zum Studienabbruch. Meist handelte es sich um leichte Rötungen. Nur 48 % beendeten die Studie. (Offene Verlängerungsstudie, n = 326, 12 Monate, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)153 Die FDA fand 51 Fälle einer bleibenden chemischen Leukodermie (Hautentfärbung) unter dem MPH-Pflaster, überwiegend an der Klebestelle, mit Beginn 2 Monate bis 4 Jahre nach Therapiebeginn. Keine Entfärbung bildete sich während der Nachbeobachtung zurück, auch nicht nach Absetzen. 19 Fälle waren als Vitiligo diagnostiziert worden. 2015 wurden die US-Fachinformationen entsprechend ergänzt. (Fallserie aus Spontanmeldungen, n = 51, E 4.)154 Rötung an der Klebestelle war in FAERS die am häufigsten gemeldete MPH-Nebenwirkung bei 6- bis 17-Jährigen (n = 418). (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 8.585 Meldungen, E 3.)101

Blutbild

Nach 3 Monaten MPH stiegen bei 11- bis 31-Jährigen Leukozyten (um 1.350/µl), neutrophile Granulozyten, Lymphozyten und Eosinophile an, blieben aber überwiegend im Normbereich. Erythrozyten und Thrombozyten veränderten sich nicht. (Kohortenstudie ohne Kontrollgruppe, n = 64, 3 Monate, E 2b.)155 Bei stationär behandelten Kindern und Jugendlichen trat eine Neutropenie unter der Dreifachkombination Valproat, Antipsychotikum und ADHS-Medikament (MPH oder Atomoxetin) bei 55,2 % auf, unter Valproat und Antipsychotikum bei 25 %, unter Antipsychotikum allein bei 12 % und unter Antipsychotikum und ADHS-Medikament bei keinem der 19 Patienten. (Retrospektive Kohortenstudie, n = 231, E 2b.)156

Stottern

In der WHO-Datenbank VigiBase war MPH mit Stottern assoziiert (17 von 584 Meldungen, ROR 13,9, 95 % KI 8,6 bis 22,5, für Sprechstörungen insgesamt ROR 7,3, 95 % KI 5,4 bis 9,8). Wo der Verlauf berichtet wurde, besserte sich das Stottern nach Absetzen oder Dosisreduktion. (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 2.975 Meldungen zu Sprechstörungen, davon 46 zu MPH, E 3.)157 In einer späteren Auswertung aller Wirkstoffe war MPH der am stärksten mit Stottern assoziierte Wirkstoff (27 von 724 Meldungen, ROR 19,58, 95 % KI 13,3 bis 28,8). (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 724 Meldungen, E 3.)158 Bei jungen Männern mit Entwicklungsstottern verringerte dagegen eine Einzeldosis von 20 mg MPH die Zahl der Stotterereignisse beim Lesen und Sprechen gegenüber dem Ausgangswert signifikant (um 46 %, unter Placebo Zunahme um 14 %), subjektiv bemerkten die Teilnehmer keine Besserung. (RCT, Crossover, n = 15, Einzeldosis, E 1b.)159

Hörvermögen

Bei 6- bis 15-Jährigen veränderten sich Hörschwellen, Sprachverständnis und Hirnstammaudiometrie nach 3 Monaten OROS-MPH nicht. (Vorher-nachher-Studie, n = 30, 3 Monate, E 2b.)160 Ein Fallbericht beschrieb bei einem 8-jährigen Mädchen unter unretardiertem MPH (zweimal 5 mg/Tag) einen einseitigen hochgradigen Innenohr-Hörverlust (etwa 70 dB) mit Tinnitus, Schwindel und Erbrechen, der etwa 24 Stunden nach der ersten Dosis begann. Trotz Kortison und hyperbarer Sauerstofftherapie besserte sich das Gehör innerhalb von 2 Monaten nicht. (Fallbericht, n = 1, E 4.)161

10.13. Kardiovaskuläre Risiken: schwere Ereignisse selten, leichte Risikoerhöhung möglich

Bedeutung für Betroffene

Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlicher Herztod sind unter MPH sehr selten. Große Studien fanden dafür überwiegend kein signifikant erhöhtes Risiko. Einige große Registerstudien fanden jedoch ein leicht erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vor allem für Bluthochdruck bei höherer Dosis und langer Einnahme. Ein Teil des beobachteten Risikos geht vermutlich nicht vom Medikament, sondern von anderen Faktoren aus. Strukturelle Herzschäden fanden sich in Langzeituntersuchungen nicht. Blutdruck und Puls sollten daher vor und während der Behandlung regelmäßig kontrolliert werden. Die folgenden Unterabschnitte stellen die Studien zu Ereignisrisiken sowie zu Blutdruck, Herzstruktur und EKG dar.

Die Hypothese, dass Methylphenidat vermehrt schwere Herzprobleme verursachen würde, wurde nicht bestätigt. (Lehrbuch, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)162

Herz-Kreislauf-Ereignisse und -Erkrankungen

Bedeutung für Betroffene

Die meisten großen Beobachtungsstudien fanden unter MPH kein signifikant erhöhtes Risiko für schwere Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Herzrhythmusstörungen oder plötzlichen Herztod. Das betraf Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene. Eine frühe Fall-Kontroll-Studie, die einen Zusammenhang zwischen Stimulanzien und plötzlichem Tod bei Jugendlichen nahelegte, wurde durch größere Studien nicht bestätigt. Wegen der sehr geringen Zahl solcher Ereignisse lässt sich eine kleine Risikoerhöhung allerdings nicht sicher ausschließen. Eine große Registerstudie fand bei Kindern und Jugendlichen unter MPH über viele Jahre sogar etwas weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse. Das könnte auch auf eine engere ärztliche Betreuung zurückgehen.

Andere große Registerstudien fanden ein leicht erhöhtes Risiko. In den ersten 6 Monaten nach MPH-Beginn traten Herz-Kreislauf-Ereignisse etwas häufiger auf, unabhängig von einer Herzvorerkrankung. Bei langjähriger Einnahme von ADHS-Medikamenten stieg das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro Jahr um wenige Prozent, vor allem für Bluthochdruck und bei höheren Dosen.

Studien, die Zeiträume mit und ohne MPH bei denselben Personen verglichen, fanden ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt teils schon vor Beginn der MPH-Einnahme. Das spricht dafür, dass ein Teil des beobachteten Risikos nicht vom Medikament, sondern von anderen Faktoren ausgeht.

Das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse unter MPH ist insgesamt gering. Ein leicht erhöhtes Risiko für Bluthochdruck bei langer Einnahme und höherer Dosis ist jedoch möglich. Blutdruck und Puls sollten deshalb vor Behandlungsbeginn und im Verlauf regelmäßig kontrolliert werden.

Beobachtungsstudien fanden unter ADHS-Medikamenten:

  • ein erhöhtes Risiko für

    • plötzlichen ungeklärten Tod bei 7- bis 19-Jährigen unter Stimulanzien (in allen 10 Fällen MPH, 1,8 % der 564 plötzlichen Todesfälle gegenüber 0,4 % von 564 bei Verkehrsunfällen getöteten Mitfahrern): OR 7,4 (95 %-KI 1,4 bis 74,9) (Fall-Kontroll-Studie, n = 1.128, E 3.)163
    • Herzrhythmusstörungen in den ersten 7 Tagen nach erstmaliger Einnahme von Atomoxetin: aIRR 6,22 (95 %-KI 1,90 bis 20,35), bei erneuter Einnahme aIRR 3,23 (95 %-KI 1,58 bis 6,64) (Self-controlled Case Series, n = 27.531, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)164
    • kardiovaskuläre Ereignisse in den ersten 6 Monaten nach Beginn einer MPH-Behandlung bei 12- bis 60-Jährigen: IRR 1,41 (95 %-HDI 1,09 bis 1,88) gegenüber 1,18 bei gematchten Kontrollen. Die Wahrscheinlichkeit eines um mindestens 10 % erhöhten Risikos betrug 70 % gegenüber 49 % bei den Kontrollen. Für eine Risikoerhöhung um 20 % oder mehr fanden sich kaum Hinweise. Personen mit und ohne kardiovaskuläre Vorgeschichte unterschieden sich nicht. (Registerkohortenstudie, N = 252.382, 6 Monate, E 2b.)165
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei 6- bis 64-Jährigen, signifikant nur bei mittleren Dosen ab dem 1,5-Fachen der definierten Tagesdosis (bei MPH ab 45 mg/Tag): (Fall-Kontroll-Studie, eingebettet in Registerkohorte, N = 278.027, n = 62.060, bis 14 Jahre, E 3.)166 (Nachrichtenbeitrag, E 4.)167
      • Bluthochdruck nach über 5 Jahren ADHS-Medikation: AOR 1,80
      • Lisdexamfetamin nach 2 bis 3 Jahren: AOR 1,23 (95 %-KI 1,05 bis 1,44)
      • MPH nach 3 bis 5 Jahren: AOR 1,20 (95 %-KI 1,10 bis 1,31)
      • MPH nach über 5 Jahren: AOR 1,19 (95 %-KI 1,08 bis 1,31)
      • Atomoxetin nur im ersten Jahr: AOR 1,07 (95 %-KI 1,01 bis 1,13)
      • je Jahr Einnahme von ADHS-Medikamenten: AOR 1,04 (95 %-KI 1,03 bis 1,05)
  • kein signifikant erhöhtes Risiko für

    • plötzlichen Herztod oder ventrikuläre Arrhythmien bei 3- bis 17-Jährigen unter Amphetamin, Atomoxetin oder MPH: HR 1,60 (95 %-KI 0,19 bis 13,60), unter MPH allein HR 2,63 (95 %-KI 0,29 bis 23,69). Wegen der geringen Ereigniszahl war eine relative Risikoerhöhung nicht sicher auszuschließen. (Kohortenstudie, n = 241.417 Neueinsteiger, mediane Nachbeobachtung unter Medikation 60 bis 91 Tage, herstellerfinanziert, E 2b.)168
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Stimulanzien: RR 1,24 (95 %-KI 0,84 bis 1,83). Ein leicht erhöhtes Risiko für Herzstillstand und Tachyarrhythmien (RR 1,60, 95 %-KI 0,94 bis 2,72) war nicht auszuschließen. (Metastudie, k = 19, N = 3.931.532, Median 1,5 Jahre, E 2b.)169
    • Schlaganfall, Herzinfarkt oder schwere Herzrhythmusstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS unter Stimulanzien oder Atomoxetin: OR 1,08 (95 %-KI 0,78 bis 1,49) (Fall-Kontroll-Studie, eingebettet in Registerkohorten, N = 2.566.995, n = 2.046, Autor(en) bei Hersteller [Roche] angestellt, E 3.)170
    • Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz unter MPH bei überwiegend Erwachsenen im Erwerbsalter (Self-controlled Case Series, n = 27.531, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)164
  • ein verringertes Risiko für

    • schwere kardiovaskuläre Ereignisse unter MPH bei 3- bis 18-Jährigen über im Median rund 7 Jahre: HR 0,85 (95 %-KI 0,72 bis 0,99), bei mindestens 180-tägiger Behandlung grenzwertig HR 0,83 (95 %-KI 0,69 bis 1,00) (Registerkohortenstudie, N = 224.732, Median 7,2 bis 7,5 Jahre, E 2b.)171

    • Herzinfarkt, plötzlichen Herztod oder Schlaganfall bei 25- bis 64-Jährigen unter aktueller MPH-Einnahme gegenüber länger zurückliegender Einnahme: RR 1,07 (95 %-KI 0,86 bis 1,34) (Retrospektive Kohortenstudie, N = 443.198, n = 150.359 Nutzer von ADHS-Medikamenten, Median 1,3 Jahre, E 2b.)172

    • kardiale Ereignisse (Angina pectoris, Herzrhythmusstörung oder transitorische ischämische Attacke mit Notaufnahme oder stationärer Behandlung) bei 6- bis 21-Jährigen ohne bekannte kardiovaskuläre Risikofaktoren unter aktueller Stimulanzieneinnahme: aOR 0,69 (95 %-KI 0,42 bis 1,12), kardiale Symptome (Tachykardie, Palpitationen, Synkope): aOR 1,18 (95 %-KI 0,89 bis 1,59). MPH unterschied sich dabei nicht signifikant von Amphetamin (Ereignisse aOR 2,14, 95 %-KI 0,82 bis 5,63, Symptome aOR 1,08, 95 %-KI 0,66 bis 1,79) (Retrospektive Kohortenstudie, N = 171.126, E 2b.)173

    • kardial bedingte Notaufnahmebesuche bei 3- bis 20-Jährigen unter Amphetamin-Salzen gegenüber MPH: HR 1,01 (95 %-KI 0,80 bis 1,28) (Retrospektive Kohortenstudie, N = 30.576, n = 18.238 MPH, n = 12.338 Amphetamin, E 2b.)174

Als zusätzliche Listenpunkte in die bestehende Liste einfügen:

unter „ein erhöhtes Risiko für“:

  • Herzrhythmusstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS während der MPH-Einnahme: RR 1,41 (95 % KI 1,21 bis 1,63), jedoch ähnlich bereits vor MPH-Beginn (RR 1,50, 95 % KI 1,15 bis 1,96). Eine familiäre Herz-Kreislauf-Belastung veränderte das Risiko nicht. (Self-controlled Case Series, n = 2.493, Taiwan, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)175

unter „kein signifikant erhöhtes Risiko für“:

  • ischämische Herzkrankheit (RR 0,86, 95 % KI 0,49 bis 1,50) und zerebrovaskuläre Erkrankungen (RR 0,79, 95 % KI 0,45 bis 1,39) unter MPH bei Kindern und Jugendlichen, auch bei familiärer Herz-Kreislauf-Belastung oder angeborenem Herzfehler (Self-controlled Case Series, n = 2.493, Taiwan, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)175
  • Herzinfarkt unter MPH bei überwiegend älteren Erwachsenen (mittleres Alter bei MPH-Beginn 58 bis 70 Jahre, MPH unabhängig von einer ADHS-Diagnose): Das Risiko war in Südkorea und Taiwan vor dem MPH-Beginn am höchsten (IRR 3,17 bzw. 1,97) und während der Einnahme kaum erhöht bzw. verringert (Südkorea IRR 1,05, 95 % KI 1,00 bis 1,11, Taiwan IRR 0,72, 95 % KI 0,65 bis 0,80). Die Autoren sahen keinen kausalen Zusammenhang, empfahlen aber, in den ersten 2 bis 8 Wochen nach MPH-Beginn auf kardiale Ereignisse zu achten. In Hongkong (n = 30) waren alle Werte stark erhöht. (Self-controlled Case Series, n = 2.618 mit Herzinfarkt, Südkorea, Taiwan, Hongkong, E 2b.)176

Der aus einer Fall-Kontroll-Studie abgeleitete Verdacht eines erhöhten Herztodrisikos unter MPH wurde durch größere Studien nicht bestätigt. (Buchkapitel, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)177 Ein verringertes Risiko könnte auf die engmaschigere ärztliche Betreuung der Behandelten zurückgehen. (Einschätzung ADxS)

Blutdruck, Herzstruktur und EKG

Bedeutung für Betroffene

Unter MPH lag der systolische Blutdruck in Langzeituntersuchungen etwas höher als ohne MPH, in einer Studie nur tagsüber und nicht nachts. In einer weiteren Studie stieg er mit der Einnahmedauer. Der Anteil mit Blutdruckwerten im Bluthochdruckbereich war unter MPH nur geringfügig höher als bei unbehandelten Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Ultraschalluntersuchungen des Herzens (Echokardiografie) fanden auch nach mehrjähriger MPH-Einnahme keine Schäden an Herzstruktur oder Pumpfunktion und keine Zunahme der Herzmuskelmasse. Einzelne Messwerte der Entspannungsphase des Herzens veränderten sich leicht, blieben aber im Normbereich. Bei Rhesusaffen zeigten sich nach 5 Jahren MPH in therapeutischer Dosis keine Herzveränderungen. Die Wanddicke der Halsschlagader unterschied sich zwischen behandelten und unbehandelten Kindern nicht.

Im EKG zeigten sich in kleinen Studien unter MPH leichte Veränderungen der Erregungsrückbildung, meist im Normbereich. Bei unbehandelten Kindern mit ADHS fanden sich ähnliche Abweichungen, sodass unklar ist, ob sie auf MPH oder auf die ADHS zurückgehen. Die Herzfrequenzvariabilität, ein Maß für die Steuerung des Herzens durch das vegetative Nervensystem, veränderte sich unter MPH nicht wesentlich.

Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck und Puls sind unter MPH sinnvoll, besonders bei langer Einnahme.

Späte Jugendliche und junge Erwachsene, die mindestens 2 Jahre retardiertes MPH einnahmen, zeigten gegenüber gesunden Kontrollen echokardiografisch keine Einschränkung der Herzfunktion. Der systolische Blutdruck war jedoch erhöht und stieg mit der Einnahmedauer. Der laterale linksventrikuläre E’-Wert war geringer, lag aber im Normbereich. (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 121, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)178

Weitere echokardiografische Langzeituntersuchungen unter MPH fanden:

  • keine höhere linksventrikuläre Masse bei 12- bis 25-Jährigen nach über 2 Jahren MPH im Vergleich zu nie mit MPH behandelten Betroffenen. Systolischer Blutdruck und Puls waren tagsüber leicht erhöht, nachts nicht. Blutdruckwerte im Hypertoniebereich hatten 12,2 % gegenüber 9,6 % (überlappende Konfidenzintervalle). Dosis und Behandlungsdauer hingen nicht mit linksventrikulärer Masse und Blutdruck zusammen (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe [ADDUCE], n = 233, über 2 Jahre, E 3.)179
  • keine Veränderung der Herzstruktur und der systolischen Funktion bei Kindern (im Mittel 9 Jahre) über 2 Jahre Stimulanzienbehandlung (92 % MPH, sonst Lisdexamfetamin, im Mittel 0,9 mg/kg/Tag). Systolischer Blutdruck stieg um 3,7 mmHg, diastolischer nicht signifikant um 2 mmHg, unabhängig von Dosis und Wirkstoff. Zwei Parameter der diastolischen Funktion (isovolumetrische Relaxationszeit, Dezelerationszeit) verlängerten sich, ohne Hinweis auf eine verringerte Dehnbarkeit der linken Herzkammer (Prospektive Kohortenstudie ohne Kontrollgruppe, n = 73, 2 Jahre, E 2b.)180
  • keine Unterschiede in Echokardiogramm, EKG, Herzmuskelbiopsien und kardialen Entzündungsmarkern bei Rhesusaffen nach 5 Jahren ununterbrochener MPH-Gabe (zweimal täglich 2,5 mg/kg, entsprechend therapeutischen Plasmaspiegeln bei Kindern, oder 12,5 mg/kg) (Randomisierte kontrollierte Tierstudie, Rhesusaffen, n = 28, 5 Jahre, E 2b.)181
  • keine nach Störfaktoren adjustierten Unterschiede der Intima-Media-Dicke der Halsschlagader und des epikardialen Fettgewebes zwischen MPH-behandelten und unbehandelten Kindern und Jugendlichen. Das periaortale Fettgewebe war bei Unbehandelten dicker. Innerhalb der MPH-Gruppe korrelierte die Dosis mit der Dicke des epikardialen und periaortalen Fettgewebes (Querschnittstudie, n = 130, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)182

Mit MPH behandelte Kinder mit ADHS hatten höhere systolische Blutdruckperzentilen und höhere Plasma-Nitritwerte als unbehandelte Kinder mit ADHS. (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 85, E 3.)183 (E 2b): Auch bei Erwachsenen fanden große Registerstudien unter ADHS-Medikamenten einschließlich MPH ein leicht erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, vor allem für Bluthochdruck. (Registerkohortenstudie, N = 252.382, 6 Monate, E 2b.)165 (Fall-Kontroll-Studie, eingebettet in Registerkohorte, N = 278.027, n = 62.060, bis 14 Jahre, E 3.)166

Eine Untersuchung an 33 Kindern fand einen Monat nach Beginn der MPH-Behandlung keine signifikante Änderung von Herzfrequenz, QRS-, QT-, QTc- und QTd-Intervall im EKG.
Die Tp-Te-Intervalle (von 73,4 auf 79,7 ms) und die Tp-Te / QTc-Verhältnisse waren nach der Behandlung mit MPH (10 bis 36 mg/Tag) leicht erhöht, aber innerhalb der normalen Werte. 4 Kinder (12,1 %) hatten danach ein QTc über 450 ms. Von 77 behandelten Kindern setzten 2 MPH wegen Brustschmerz bzw. Sinustachykardie ab. (Retrospektive Vorher-nachher-Studie, n = 33, 1 Monat, E 2b.)184 Mindestens 6 Monate (Median 30 Monate, Median 30 mg/Tag) mit MPH behandelte Kinder mit ADHS zeigten gegenüber gesunden Kontrollen eine signifikant verlängerte P-Wellen-Dispersion, TpTe-Intervall, TpTe-Dispersion sowie TpTe/QT- und TpTe/QTc-Verhältnisse. Darüber hinaus wies fast die Hälfte der Patienten QTc-Werte von 460 ms oder mehr auf. Diese Parameter waren weder mit der MPH-Dosis noch mit der Behandlungsdauer assoziiert. Da eine unbehandelte ADHS-Gruppe fehlte, ließ sich ein MPH-Effekt nicht von einem ADHS-Effekt trennen. Die Autoren hielten proarrhythmogene Effekte von MPH für möglich. (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 103, E 3.)185 QTc-Intervall und fQRS-T-Winkel waren bei medikamentennaiven wie bei medikamentierten ADHS-Betroffenen signifikant höher als bei der gesunden Kontrollgruppe. QTc-Intervall und fQRS-T-Winkel unterschieden sich jedoch nicht zwischen medikamentennaiven und medikamentierten ADHS-Betroffenen. Sowohl QTc-Intervall als auch fQRS-T-Winkel korrelierten schwach mit dem Schweregrad der ADHS-Symptome (r = 0,26 bzw. 0,18). (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 254, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)186

Kinder mit ADHS, die über 1 Jahr retardiertes MPH einnahmen (im Mittel 37,64 mg/Tag, 22,76 Monate), zeigten im 24-Stunden-Holter-EKG gegenüber gesunden Kontrollen eine zum Parasympathikus verschobene autonome Balance (höhere rMSSD und HF, niedrigeres LF/HF-Verhältnis). Der Mikrovolt-T-Wellen-Alternans (Marker für die Anfälligkeit für lebensbedrohliche ventrikuläre Rhythmusstörungen) war nicht signifikant erhöht. (Fall-Kontroll-Studie, N = 95, n = 40 mit MPH, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)187 Eine Metaanalyse fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS keine signifikanten Veränderungen der Ruhe-Herzratenvariabilität (HRV) durch MPH, bei sehr geringer Sicherheit der Evidenz und hohem Verzerrungsrisiko. (Metastudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2a.)188

10.14. Leberschädigungen nicht bekannt

In der Spontanmeldedatenbank des BfArM fanden sich von 2006 bis Mai 2016 60 Verdachtsfälle von Leberschäden unter MPH. Ein Zusammenhang war in 9 Fällen wahrscheinlich und in 11 Fällen möglich, darunter eine fulminante Hepatitis, eine Größenzunahme eines gutartigen Lebertumors und 18 Fälle reversibler Leberwerterhöhungen. Die Autoren bewerteten MPH als gut leberverträglich. Bei Lebererkrankungen oder anderen Risikofaktoren empfahlen sie regelmäßige Kontrollen der Leberwerte. (Analyse von Spontanmeldungen, n = 60, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)189

In der europäischen Pharmakovigilanzdatenbank EudraVigilance fanden sich von 2012 bis Mai 2025 181 Meldungen von Leber- und Gallenerkrankungen unter MPH, darunter 47 arzneimittelbedingte Leberschädigungen (DILI), 20 Fälle von Gelbsucht und 9 Hepatitiden. Leber- und Gallenerkrankungen wurden unter Atomoxetin deutlich häufiger gemeldet als unter MPH (ROR 2,41, 95 % KI 2,11 bis 3,11), arzneimittelbedingte Leberschädigungen 6,4-fach häufiger (ROR 6,42, 95 % KI 4,45 bis 9,06). Unter MPH wurden Leberschädigungen bei unter 18-Jährigen häufiger gemeldet als bei Erwachsenen (ROR 2,27, 95 % KI 1,21 bis 4,25). Meldequoten sind keine Inzidenzen. (Pharmakovigilanzstudie, Disproportionalitätsanalyse, n = 421 Meldungen, davon 181 zu MPH, E 3.)190

10.15. Keine bekannten schwerwiegenden Langzeitschäden durch MPH in üblicher Dosierung

Bedeutung für Betroffene

Schwere bleibende Schäden durch eine langjährige Einnahme von Methylphenidat in üblicher Dosierung sind beim Menschen bisher nicht bekannt. Völlig folgenlos ist eine Langzeiteinnahme dennoch nicht. In der größten Langzeitstudie an Kindern und Jugendlichen stiegen Blutdruck und Puls über 2 Jahre leicht, aber anhaltend an. Die Gewichtszunahme war in den ersten Monaten verlangsamt, das Wachstum insgesamt nicht relevant beeinträchtigt. Psychoseähnliche Symptome, Suchtmittelkonsum und Suizidgedanken nahmen nicht zu, die Stimmung entwickelte sich eher günstiger. Eine dänische Registerstudie fand bei mindestens einjähriger Einnahme keine Fälle von Hirngefäßentzündungen oder Dauererektionen. Blutdruck, Puls, Gewicht und Größe sollten während einer Langzeitbehandlung regelmäßig kontrolliert werden.

Viele beunruhigende Meldungen über Langzeitschäden stammen aus Tierversuchen. Dort wurden oft Dosen verwendet, die weit über dem therapeutischen Bereich lagen, oder gesunde Tiere ohne ADHS-typische Veränderungen des Dopaminsystems untersucht. Ein Vergleich von Dosisangaben in Milligramm je Kilogramm Körpergewicht zwischen Tier und Mensch ist irreführend, weil Tiere den Wirkstoff unterschiedlich schnell abbauen. Aussagekräftiger sind die im Blut gemessenen Wirkstoffspiegel. Bei Rhesusaffen, die über viele Jahre Dosen mit menschenüblichen Blutspiegeln erhielten, zeigten sich keine bleibenden Veränderungen im Gehirn. Einzelne Rattenstudien fanden allerdings auch bei niedrigeren Dosen Veränderungen an Nervenzellen oder an der Fruchtbarkeit. Ob dies auf Menschen übertragbar ist, ist offen.

Die Sorge, Methylphenidat könne das Erbgut schädigen und Krebs auslösen, geht auf eine kleine Studie aus dem Jahr 2005 zurück. Zahlreiche größere Nachfolgestudien bestätigten dies nicht, und Registerstudien fanden kein insgesamt erhöhtes Krebsrisiko.

Die uns bisher bekannten Tierstudien, die schädigende Wirkungen einer Langzeitgabe von MPH berichteten, verwendeten überwiegend Dosierungen deutlich über dem therapeutischen Bereich. (Einschätzung ADxS.) Derartige Untersuchungen sind üblich und sinnvoll, um die Grenzen der Verträglichkeit eines Wirkstoffs auszuloten. Sie besagen jedoch nichts über Gefahren bei einer langfristigen Einnahme in medikamentenüblichen Dosen.
Zum Vergleich benötigen Menschen 30 bis 40 ml Wasser je kg und Tag (2 bis 3 Liter). Wasser kann jedoch tödlich wirken, wenn in kurzer Zeit mehr getrunken wird, als die Nieren ausscheiden können (Wasserintoxikation mit Hyponatriämie). (Fallbericht, n = 1, E 4.)191 Auch bei Wasser entscheidet somit die Dosis über die Schädlichkeit. (Einschätzung ADxS.)

Langzeitstudien am Menschen

Eine großangelegte Langzeitstudie zu MPH über 2 Jahre an Kindern und Jugendlichen mit ADHS fand in der MPH-Gruppe im Vergleich zu unmedizierten Betroffenen: (Prospektive naturalistische kontrollierte Kohortenstudie, n = 1.410, 2 Jahre, E 2b.)192

  • keine signifikante Beeinträchtigung des Wachstums
  • verlangsamte Gewichtszunahme in den ersten 6 Monaten, danach keine Unterschiede, BMI zu keinem Zeitpunkt verändert
  • keine Zunahme Psychose-ähnlicher Symptome
  • stärkere Verbesserung der Stimmung nach 24 Monaten
  • stärkere Abnahme von Dyskinesien nach 6 und 12 Monaten
  • geringeren Rückgang von Tics nach 12 Monaten als ohne MPH
  • geringfügig erhöhten Blutdruck (systolisch von 108 auf 113 mmHg, diastolisch von 65 auf 67 mmHg) und Puls (von 80 auf 83/min)
  • nach Adjustierung keinen erhöhten Nikotin-, Alkohol- oder Marihuanakonsum
  • nach Adjustierung keine signifikanten Unterschiede bei Suizidgedanken und suizidalem Verhalten

Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie mit Daten aus dänischen Registern an Patienten, die zwischen 1995 und 2018 kontinuierlich über einen längeren Zeitraum (mindestens 12 Monate) entweder Medikinet® MR oder Concerta® eingenommen hatten, fand bei den im Krankenhaus dokumentierten (schweren) unerwünschten Ereignissen: (Registerkohortenstudie, n = 3.704, mindestens 12 Monate, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 2b.)193

  • keine Fälle von zerebraler Arteriitis
  • keine Fälle von Priapismus
  • keinen Fall von plötzlichem Tod unter Medikinet® MR (unter Concerta® weniger als 5 Fälle)
  • keine statistisch signifikanten Risiko-Unterschiede zwischen Medikinet® MR und Concerta®

Gehirn und Dopaminsystem

Bedeutung für Betroffene

Bei Rhesusaffen, die über viele Jahre Methylphenidat in Dosen mit menschenüblichen Blutspiegeln erhielten, fanden sich weder während der Gabe noch nach dem Absetzen wesentliche Veränderungen von Dopaminsystem, Hirnstoffwechsel oder Hirngewebe. Nach dem Absetzen sank die Leistungsbereitschaft der Tiere vorübergehend und normalisierte sich innerhalb eines Monats.

Bei Erwachsenen mit ADHS stieg nach einem Jahr Behandlung die Menge an Dopamintransportern in einem Teil des Striatums an. Ob dies die Wirkung im Lauf der Zeit abschwächt oder Beschwerden außerhalb der Wirkzeit verstärkt, ist nicht geklärt.

Rattenstudien mit hohen Dosen fanden Schäden am Kleinhirn und Veränderungen an Nervenzellen. Eine Rattenstudie fand eine verringerte Zahl bestimmter Nervenzellen auch unter einer niedrigeren Dosis. Die Blutspiegel wurden dort jedoch nicht gemessen, sodass unklar ist, wie gut die Dosis der menschlichen Behandlung entsprach.

Eine Studie an Rhesusaffen fand 6 Monate nach Beendigung einer 12 Jahre andauernden Langzeitgabe von MPH (zweimal täglich an 5 Tagen pro Woche, 2,5 mg/kg je Gabe mit Plasmaspiegeln im klinischen Bereich oder 12,5 mg/kg je Gabe mit 5- bis 10-fach höheren Plasmaspiegeln) keine Veränderung der striatalen VMAT2- und D2/5-HT2-Rezeptorbindung und des zerebralen Glukosestoffwechsels (PET). (Tierstudie, n = 18, Rhesusaffen, 12 Jahre, E 2b.)194

Während einer 8-jährigen MPH-Gabe (zweimal täglich, an 5 Tagen pro Woche, ansteigend auf 2,5 bzw. 12,5 mg/kg je Gabe) fand eine PET-Studie bei jungen männlichen Rhesusaffen keine signifikante Veränderung der striatalen VMAT2-Bindung und der D2/5-HT2-Rezeptorbindung. Die VMAT2-Bindung war in beiden Dosisgruppen tendenziell, aber nicht signifikant geringer. (Tierstudie, Rhesusaffen, 8 Jahre, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)195

Eine einjährige Gabe von retardiertem MPH (im Mittel 5,9 bis 6,8 mg/kg/Tag) in Dosen, die Serumspiegel im therapeutischen Bereich von Kindern erzeugten (im Mittel 10,7 bis 13,6 ng/ml), veränderte bei jungen Rhesusaffen weder die Verfügbarkeit von Dopamintransportern (DAT) noch von D2/D3-Rezeptoren (PET) und beeinflusste das Wachstum nicht. Nach dem Absetzen (Auswaschphase 3 bis 5 Monate) nahm die D2/D3-Rezeptorverfügbarkeit langsamer ab als bei Kontrolltieren. Die Anfälligkeit für Kokain-Selbstverabreichung war nicht erhöht. (Tierstudie, n = 16, Rhesusaffen, 1 Jahr, E 2b.)196

Bei Erwachsenen mit ADHS erhöhte eine einjährige MPH-Behandlung (etwa 1 mg/kg/Tag) die DAT-Verfügbarkeit im ventralen Striatum um durchschnittlich 24 % (PET, 24 Stunden nach der letzten Dosis). In Nucleus caudatus und Putamen änderte sie sich im Verlauf nicht signifikant, lag nach einem Jahr aber höher als bei unbehandelten Kontrollen. Die Autoren vermuteten, dass eine solche Hochregulierung die Wirksamkeit verringern und Symptome außerhalb der Wirkzeit verstärken könnte. (Prospektive Kohortenstudie mit Kontrollgruppe, n = 29, 1 Jahr, E 2b.)197

In zwei Studien erhielten Rhesusaffen zweimal täglich 2,5 mg/kg oder 12,5 mg/kg MPH. 2,5 mg/kg erzeugten bei den Affen Plasmaspiegel wie bei Kindern unter ADHS-Behandlung, 12,5 mg/kg etwa zehnfach höhere Spiegel. Auf mg/kg-Basis entsprechen bereits 2,5 mg/kg etwa der zehnfachen üblichen oralen Dosis beim Menschen. (Tierstudie, Rhesusaffen, n = 30, 66 Wochen, E 2b.)198 Ein Dosisvergleich in mg/kg zwischen Tier und Mensch ist daher irreführend. 12,5 mg/kg zweimal täglich stellt aus unserer Sicht eine deutliche Überdosierung dar. (Einschätzung ADxS.)
Nach dem Ende einer etwa 11-jährigen MPH-Gabe (zweimal täglich 2,5 oder 12,5 mg/kg) von der Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter sank die Motivation (Progressive-Ratio-Leistung) in beiden Dosisgruppen vorübergehend (2,5 mg/kg p = 0,019, 12,5 mg/kg p = 0,06) und erreichte innerhalb eines Monats wieder das Niveau der Kontrolltiere. Während der Gabe lag die Leistung unter 2,5 mg/kg tendenziell höher und unter 12,5 mg/kg tendenziell niedriger als bei den Kontrolltieren (nicht signifikant). Etwa ein Jahr nach Absetzen zeigten sich in der T2-MRT keine Veränderungen. (Tierstudie, n = 23, Rhesusaffen, 11 Jahre, E 2b.)199
Bei zweimal 12,5 mg/kg / Tag verschlechterte sich die Leistung in einer operanten Testbatterie deutlich, bei zweimal 2,5 mg/kg / Tag unterschied sie sich nach Angabe der Autoren nicht von den Kontrolltieren. Die Autoren führten die Verschlechterung vor allem auf eine verringerte Motivation, für Futter zu arbeiten (Appetitminderung), zurück und sahen keine starken Hinweise auf kognitive Beeinträchtigungen. (Tierstudie, Rhesusaffen, n = 30, 66 Wochen, E 2b.)198

Bei einer dreiwöchigen Gabe einer hohen Dosis von 20 mg/kg/Tag fand eine Studie bei erwachsenen Ratten eine verringerte Zahl an Purkinje-Zellen, verringerte Volumina der Kleinhirnschichten, erhöhte Entzündungsmarker (TNF-α, IL-1β) und pro-apoptotische Marker (Bax, Caspase-8) im Kleinhirn sowie eine schlechtere Bewegungskoordination (Rotarod-Test). (Tierstudie, n = 30, Ratten, 21 Tage, E 2b.)200 Dies ist bei derartiger Dosierung erwartungsgemäß. (Einschätzung ADxS)

Eine 7-monatige orale MPH-Gabe (zweimal täglich 2 oder 10 mg/kg ab einem Alter von 1 Monat) verringerte bei Ratten in beiden Dosisgruppen die Zahl der dopaminergen Neurone in der Substantia nigra und der serotonergen Neurone im dorsalen Raphekern. Nur unter der hohen Dosis waren zudem die cholinergen Neurone im Tegmentum verringert, die noradrenergen Neurone im Locus coeruleus vermehrt und der Anteil schnell feuernder Dopaminneurone verringert. (Tierstudie, Ratten, n = 68, 7 Monate, E 2b.)201

Fortpflanzung und Fruchtbarkeit

Bedeutung für Betroffene

Tierstudien an Ratten und Mäusen fanden unter Methylphenidat Spermienschäden, eine verringerte Fruchtbarkeit, eine verschobene Pubertät und Veränderungen an Fortpflanzungsorganen. In mehreren Studien bildeten sich die Veränderungen nach dem Absetzen zurück und waren bei späterem Behandlungsbeginn geringer. Die Tierstudien waren überwiegend von geringer Qualität, verwendeten teilweise hohe Dosen und untersuchten gesunde Tiere.

Beim Menschen ist die Datenlage dünn. Eine kleine Studie an jungen Männern fand bei früheren Nutzern eine veränderte Beweglichkeit und Form der Spermien, nicht aber eine verringerte Spermienzahl. Ob Methylphenidat die Fruchtbarkeit von Menschen beeinträchtigt, ist nicht geklärt.

Eine Studie an Ratten, die in der Adoleszenz 30 Tage lang 5 mg/kg/Tag MPH erhielten, fand bei den erwachsenen Tieren vermehrte Spermien-DNA-Schäden, eine um 40 % verringerte frühe Embryoqualität und weniger lebende Nachkommen. (Tierstudie, Wistar-Ratten, 30 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)202 Es handelte sich zudem um Wistar-Ratten, also Ratten, die keinen Dopaminmangel aufweisen. (Einschätzung ADxS)
Eine Studie an erwachsenen BALB/c-Mäusen fand unter 20 mg/kg/Tag und 40 mg/kg/Tag MPH einen verringerten Testosteronspiegel, eine verringerte Spermienproduktion sowie einen Gewichtsverlust, den die Autoren als möglichen Hinweis auf eine Toxizität deuteten. (Tierstudie, BALB/c-Mäuse, n = 24, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)203 BALB/c-Mäuse sind ein diskutiertes, aber umstrittenes Tiermodell für ASS. Sie zeigten in der Entwicklung (Lebenstag 3 bis 30) regional unterschiedliche Dopaminspiegel, im Striatum am Tag 30 weniger, im Kleinhirn am Tag 3 mehr Dopamin als C57BL/6J-Mäuse. (Tierstudie, Mäuse, E 2b.)204 Dass Stimulanzien den Appetit verringern, ist bekannt. Dass dopamin­erhöhende Wirkstoffe bei Lebewesen, die keinen verringerten Dopaminspiegel aufweisen, nachteilig sind, ist nicht verwunderlich, sondern zu erwarten. (Einschätzung ADxS)
Eine Fall-Kontroll-Studie an Männern (21 bis 31 Jahre) mit Hyperaktivität fand bei früheren Methylphenidat-Nutzern keinen statistisch signifikanten Unterschied der Spermienzahl, jedoch einen signifikanten Unterschied in Bezug auf die Spermienmotilität und -anomalie gegenüber Nichtnutzern. Bei aktuellen Nutzern war nach Angabe der Autoren auch die Spermienzahl verändert. Die im Abstract berichteten p-Werte sind teilweise widersprüchlich. (Fall-Kontroll-Studie, n = 150, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)205

Ein systematischer Review von Tierstudien zu ADHS-Medikamenten fand unter MPH bei weiblichen Ratten in zwei Studien eine verzögerte Vaginalöffnung (Pubertätszeichen, in einer Studie um 4,0 Tage, 95 % KI 2,5 bis 5,6) und eine halbierte Zahl an Östruszyklen, in zwei anderen Studien keinen Unterschied. Bei männlichen Ratten zeigten sich nur geringe Unterschiede der Spermienqualität. Die Beeinträchtigungen besserten sich meist nach einer behandlungsfreien Zeit und waren bei späterem Behandlungsbeginn geringer. Die Studien waren überwiegend von geringer Qualität. (Systematischer Review, k = 17, davon 9 zu MPH, Tierstudien, E 2b.)206

Bei jungen Ratten (5 mg/kg/Tag MPH oral ab dem 21. Lebenstag) trat die Pubertät bei Männchen früher, bei Weibchen später ein. Hoden, Nebenhoden, Samenleiter und Eierstöcke zeigten Gewebeveränderungen, der Estradiolspiegel der Weibchen sank. Nach 30 Tagen ohne MPH bildeten sich die Veränderungen zurück. (Tierstudie, Sprague-Dawley-Ratten, bis 70 Tage, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)207

Genotoxizität und Krebsrisiko

Bedeutung für Betroffene

Eine kleine Studie an 12 Kindern berichtete 2005 nach 3 Monaten Methylphenidat vermehrte Veränderungen am Erbgut von Blutzellen. Dies löste die Sorge aus, das Medikament könne das Krebsrisiko erhöhen. Mehrere Nachfolgestudien an Kindern und Erwachsenen, darunter eine randomisierte Studie und Untersuchungen nach bis zu 15 Jahren Einnahme, konnten diesen Befund nicht bestätigen. Auch ein Review der Tier- und Humanstudien nach 2005 fand keine Zunahme genetischer Schäden.

Große Registerstudien mit zehntausenden Behandelten fanden kein insgesamt erhöhtes Krebsrisiko unter Methylphenidat. Ein einzelner Hinweis auf vermehrte lymphatische Leukämien beruhte auf wenigen Fällen und kann ein Zufallsbefund sein. In einer zweijährigen Fütterungsstudie an Mäusen traten unter der höchsten Dosis vermehrt Lebertumore auf, bei Ratten nicht.

Nach heutigem Kenntnisstand erhöht Methylphenidat in üblicher Dosierung das Krebsrisiko nicht nachweisbar. Die Beobachtungszeiten der Registerstudien reichten allerdings meist nicht bis ins höhere Erwachsenenalter.

Eine kleine Studie fand bei 12 Kindern nach 3 Monaten MPH in therapeutischer Dosis (20 bis 54 mg/Tag) eine 3-fache Zunahme von Chromosomenaberrationen, eine 4,3-fache Zunahme von Schwesterchromatidaustauschen und eine 2,4-fache Zunahme von Mikrokernen in Blutlymphozyten. (Prä-post-Studie ohne Kontrollgruppe, n = 12, 3 Monate, E 2b.)208 Chromosomenaberrationen gelten als Marker für ein erhöhtes Krebsrisiko.

Nachfolgestudien mit denselben oder ähnlichen Messgrößen fanden keine Zunahme genetischer Schäden unter MPH bei:

  • 109 Kindern (6 bis 12 Jahre), randomisiert auf retardiertes MPH (meist 30 bis 40 mg/Tag) plus Verhaltenstherapie oder nur Verhaltenstherapie, nach 3 Monaten (Chromosomenaberrationen p = 0,53, Mikrokerne p = 0,28, Schwesterchromatidaustausche p = 0,81) (Offenes RCT, n = 109, 3 Monate, herstellerfinanziert, Autoren bei Hersteller angestellt, E 1b.)209
  • 25 Kindern unter MPH (mittlere Dosis 31,8 mg/Tag bzw. 0,92 mg/kg/Tag) und 22 Kindern unter Amphetaminsalzen nach 3 Monaten (Randomisierte offene Studie MPH gegen Amphetamin, Prä-post-Vergleich, n = 47, 3 Monate, E 2b.)210
  • Kindern und Jugendlichen nach 1, 3 und 6 Monaten MPH (Mikrokerne, Ausgangsstichprobe n = 38) sowie 9 Kindern mit 6 Monaten bis 2 Jahren MPH-Einnahme (Prospektive Kohortenstudie, n = 47, bis 2 Jahre, E 2b.)211
  • 21 Kindern und Jugendlichen mit über 12 Monaten MPH (im Mittel 0,80 mg/kg/Tag) sowie 31 Kindern nach 3 Monaten im Vergleich zu 23 Gesunden, gemessen als Mikrokerne in Blutlymphozyten und Mundschleimhautzellen (Prospektive Kohortenstudie mit gesunder Kontrollgruppe, n = 70, über 12 Monate, E 2b.)212 und nach 12 Monaten bei 12 Kindern (im Mittel 0,51 mg/kg/Tag) (Übersicht mit neuen Nachbeobachtungsdaten, n = 12, 12 Monate, E 2b.)213
  • 12 Kindern (im Mittel 0,54 mg/kg/Tag) und 7 Erwachsenen (im Mittel 0,92 mg/kg/Tag) nach 3 Monaten (Mikrokerne, Schwesterchromatidaustausche, Chromosomenaberrationen) (Prospektive Prä-post-Studie, n = 19, 3 Monate, E 2b.)214
  • 23 Erwachsenen mit ADHS nach 2 bis 15 Jahren aktueller oder früherer MPH-Einnahme im Vergleich zu 19 Betroffenen ohne oder mit unter 12 Monaten MPH und zu 28 Gesunden (Mikrokerne in Blutlymphozyten) (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 70, E 3.)215

Ein Review der nach 2005 weltweit durchgeführten Tier- und Humanstudien fand in keiner Untersuchung eine Zunahme genetischer Schäden durch MPH. (Review, E 4.)216

Registerstudien fanden kein insgesamt erhöhtes Krebsrisiko unter MPH:

  • Bei 35.400 Personen, die MPH vor dem 20. Lebensjahr erhalten hatten, traten 23 Krebsfälle statt erwarteter 20,4 auf (SMR 1,13, 95 % KI 0,72 bis 1,70). Für lymphatische Leukämie war die Rate erhöht (SMR 2,64, 95 % KI 1,14 bis 5,20, 8 Fälle). Die Autoren hielten bei 18 untersuchten Krebsarten einen Zufallsbefund für möglich. (Registerkohortenstudie, n = 35.400, Nachbeobachtung im Median 4,5 Jahre, E 2b.)217
  • Bei 21.186 dänischen ADHS-Patienten (davon 7.418 nur mit MPH behandelt) mit mittleren Beobachtungszeiten von 1,3 bis 10,8 Jahren war in der Cox-Regression keines der ADHS-Medikamente ein Risikofaktor für Krebs (MPH HR 0,74, 95 % KI 0,25 bis 2,14). Eine höhere Dosis über alle Medikamente (Jahre in definierten Tagesdosen) war mit einem leicht erhöhten Risiko verbunden (HR 1,07, 95 % KI 1,04 bis 1,10), was die Autoren als möglicherweise artifiziellen Post-hoc-Befund werteten. (Registerkohortenstudie, n = 21.186, bis 17 Jahre, E 2b.)218
  • MPH-Einnahme war bei ADHS-Betroffenen nicht mit dem Risiko für Darmkrebs (kolorektales Karzinom) verbunden (Registerkohortenstudie, N = 3.192, n = 798 mit ADHS, 13 Jahre, E 2b.)219

In der Kanzerogenitätsprüfung des US National Toxicology Program (2 Jahre MPH im Futter, Ratten 4 bis 47 mg/kg/Tag, Mäuse 5 bis 67 mg/kg/Tag) traten bei Mäusen unter der höchsten Dosis vermehrt gutartige Lebertumore und bei männlichen Mäusen Hepatoblastome auf. Bei Ratten fanden sich keine vermehrten Tumoren, sondern weniger Fibroadenome der Brustdrüse. MPH war im Salmonella-Mutagenitätstest nicht mutagen. (Tierstudie, n = 50 je Dosis, Geschlecht und Spezies, Ratten und Mäuse, 2 Jahre, E 2b.)220

10.16. Verringertes Risiko von Stressfrakturen

Bedeutung für Betroffene

Unbehandelte ADHS-Betroffene hatten in einer großen Studie an jungen Wehrpflichtigen häufiger Ermüdungsbrüche (Stressfrakturen) als Personen ohne ADHS. Bei langer Behandlung mit Methylphenidat war das Risiko dagegen geringer, eindeutig nachweisbar allerdings nur bei Frauen. Studien aus Taiwan und Hongkong fanden auch für Knochenbrüche insgesamt ein geringeres Risiko unter Methylphenidat, vor allem bei einer Behandlung über mehr als 6 Monate.

Beobachtungsstudien können nicht sicher belegen, dass das Medikament selbst Knochenbrüche verhindert. Ein Teil des Effekts kann darauf beruhen, dass das Bruchrisiko in den Monaten vor Behandlungsbeginn erhöht war.

Die Knochendichte blieb in einer kleinen Studie unter niedriger Dosis unverändert. In einer anderen Studie sank sie bei Kindern über 3 Jahre leicht. Tierstudien an Ratten fanden ungünstige Effekte auf die Knochen, vor allem bei hohen Dosen und langer Gabe, bei unklarer bis geringer Studienqualität.

Junge Erwachsene (israelische Wehrpflichtige, 18 bis 25 Jahre) mit ADHS und der höchsten MPH-Exposition (über 180 Tabletten) hatten nach Adjustierung ein geringeres Risiko von Stressfrakturen als Nichtbetroffene (Frauen OR 0,09, 95 % KI 0,01 bis 0,40, p = 0,02, Männer OR 0,49, 95 % KI 0,19 bis 1,01, p = 0,08, nicht signifikant). Unbehandelte ADHS-Betroffene hatten ein erhöhtes Risiko (Männer OR 1,66, 95 % KI 1,41 bis 1,95, Frauen OR 1,33, 95 % KI 1,07 bis 1,63). (Retrospektive Kohortenstudie, n = 682.110, E 2b.)221

Auch das Risiko von Knochenbrüchen insgesamt war unter MPH verringert:

  • 32 % bis 41 % geringeres Frakturrisiko (IRR 0,59 bis 0,68) in verschiedenen Behandlungszeiträumen im Vergleich zu den 6 Monaten vor MPH-Beginn bei 5- bis 24-Jährigen. In diesen 6 Monaten vor Behandlungsbeginn war das Risiko gegenüber dem übrigen unbehandelten Zeitraum erhöht (IRR 1,27, 95 % KI 1,05 bis 1,53), gegenüber diesem war es unter MPH nicht signifikant verringert (IRR 0,75 bis 0,87). Ein systematischer Review von 8 Beobachtungsstudien fand bei behandelter ADHS ein um 39 % bis 74 % geringeres Risiko als bei unbehandelter ADHS, vor allem bei Männern und längerer Behandlung (Systematischer Review und Self-Controlled-Case-Series-Studie, k = 8, n = 2.023, E 2b.)222
  • 23 % geringeres Frakturrisiko (HR 0,77, 95 % KI 0,63 bis 0,94) bei über 180 Tagen MPH im Vergleich zu Kindern mit ADHS ohne MPH. Bei 1 bis 180 Tagen bestand kein signifikanter Unterschied (HR 1,18, 95 % KI 0,98 bis 1,43) (Registerkohortenstudie, n = 6.201, E 2b.)223

Die Knochendichte veränderte sich unter MPH je nach Studie nicht oder leicht:

  • 10 Jungen nach 1 bis 2 Jahren (im Mittel 13 Monaten) MPH in niedriger Dosis (im Mittel 10 mg/Tag, etwa 0,5 mg/kg/Tag) hatten an Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals keine andere Knochendichte und keinen anderen Knochenumsatz als 10 gesunde Kontrollkinder (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 20, E 3.)224
  • Bei 4- bis 9-jährigen Kindern unter Stimulanzien (überwiegend MPH, im Mittel 0,91 mg/kg/Tag) sanken die größen- und geschlechtskorrigierten Z-Werte für Knochendichte (−0,41) und Knochenmineralgehalt (−0,55) über 3 Jahre. Der Knochenumsatz war nach 3 Monaten verringert und nach 3 Jahren wieder normal. Zwischen MPH und Dexamfetamin bestand kein Unterschied (Prospektive Kohortenstudie, n = 34, 3 Jahre, E 2b.)225

Eine Metaanalyse von Tierstudien an Ratten fand unter MPH ungünstige Effekte auf Knochenform und mechanische Belastbarkeit, besonders bei höheren Dosen und längerer Gabe. Das Verzerrungsrisiko der Studien war unklar bis hoch. (Metaanalyse von Tierstudien, k = 8, Ratten, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)226

10.17. Verringertes Risiko von Typ-2-Diabetes in den ersten 3 Einnahmejahren

ADHS-Medikamente insgesamt waren bei Erwachsenen in den ersten 3 Jahren kumulativer Einnahme mit einem um rund 20 % verringerten Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden (OR 0,79 bzw. 0,80). Unter Methylphenidat war das Risiko bei einer Einnahme bis 1 Jahr um 23 % (OR 0,77) und von 1 bis 3 Jahren um 15 % (OR 0,85) verringert, nach über 3 Jahren bestand kein Unterschied mehr. (Genestete Fall-Kontroll-Studie in Registerkohorte, N = 138.778, n = 14.036, E 3.)227 Eine Langzeiteinnahme von Atomoxetin über mehr als 3 Jahre erhöhte das Risiko um 44 %. Lisdexamfetamin hatte keinen Einfluss.

11. Wechselwirkungen und Kontraindikationen

Bedeutung für Betroffene

Methylphenidat wird überwiegend durch das Enzym Carboxylesterase 1 abgebaut und kaum über das Cytochrom-P450-System. Wechselwirkungen über den Abbau sind daher seltener als bei vielen anderen Psychopharmaka, kommen aber vor. Methylphenidat kann die Wirkung anderer anregender Stoffe wie Koffein, abschwellender Nasensprays oder blutdrucksteigernder Mittel verstärken und den Abbau einiger Medikamente hemmen, etwa von Gerinnungshemmern, Antiepileptika und Antidepressiva. Umgekehrt können andere Medikamente die Wirkung von Methylphenidat verändern, etwa Säureblocker bei bestimmten Retardpräparaten oder Carbamazepin. Mit nicht-selektiven, irreversiblen MAO-Hemmern darf Methylphenidat nicht kombiniert werden. Die Unterabschnitte behandeln zudem den Blutdruck, die Einnahme in der Schwangerschaft und die Gegenanzeigen laut Fachinformation. Vor einer Kombination mit anderen Medikamenten sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Wie bei jedem Medikament gibt es auch bei MPH Kontraindikationen.
Eine Einnahme ohne vorherige ärztliche Konsultation ist riskant.

(E 4): Methylphenidat wird überwiegend durch die Carboxylesterase 1 (CES1) und nicht in klinisch relevantem Ausmaß über das Cytochrom-P450-System abgebaut. CYP-Induktoren und -Hemmer beeinflussen den MPH-Spiegel daher voraussichtlich kaum. (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)111 (E 4.)228 Gleichwohl kann MPH den Abbau einiger anderer Wirkstoffe hemmen (siehe 11.1.2). Bei gleichzeitiger Gabe von Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite ist daher Vorsicht geboten. (E 4.)228

11.1. Wechselwirkungen von Methylphenidat mit anderen Medikamenten

Bedeutung für Betroffene

MPH kann die Wirkung anderer Medikamente und Stoffe verstärken oder abschwächen. Umgekehrt können andere Mittel die Wirkung von MPH verändern. Die meisten Kombinationen sind nach der Studienlage gut möglich, absolute Verbote sind selten. Vor jeder neuen Medikation, auch bei frei verkäuflichen Mitteln wie abschwellenden Nasensprays, sollten Ärztin, Arzt oder Apotheke über die MPH-Einnahme informiert werden.

Koffein wirkt unter MPH oft stärker. Gewohnte Kaffeemengen können dann innere Unruhe und Zittrigkeit auslösen, die leicht als Nebenwirkung von MPH missverstanden werden. Während der Eindosierung sollte Koffein daher gemieden werden. Alkohol erhöhte in Studien die MPH-Spiegel um rund ein Drittel und verstärkte die anregende Wirkung. Hohe Alkoholkonzentrationen können zudem die Freisetzung aus Retardpräparaten beschleunigen. Cannabis (THC) und MPH steigerten gemeinsam die Herzfrequenz stärker als jeweils allein.

Nicht-selektive, irreversible MAO-Hemmer (z. B. Tranylcypromin) dürfen wegen der Gefahr einer hypertensiven Krise (gefährlicher Blutdruckanstieg) nicht gleichzeitig mit MPH und nicht bis 14 Tage nach ihrem Absetzen eingenommen werden. Vorsicht und Blutdruckkontrollen sind geboten bei anderen MAO-Hemmern, Parkinsonmitteln wie Levodopa, Sympathomimetika und anderen blutdrucksteigernden Mitteln. Für Clonidin warnt die Fachinformation vor schwerwiegenden Nebenwirkungen. Kontrollierte Studien an Kindern fanden für Clonidin und Guanfacin zusammen mit Stimulanzien jedoch keine gefährlichen Herz-Kreislauf-Wechselwirkungen. Am Tag einer geplanten Operation sollte MPH nicht eingenommen werden, da Narkosegase unter MPH Blutdruckspitzen auslösen können. Johanniskraut ist kein MAO-Hemmer im klinischen Sinn. In einem Einzelfall traten unter der Kombination mit MPH jedoch Unruhe und Aggressivität auf.

MPH kann den Abbau einiger Medikamente hemmen, etwa von Gerinnungshemmern vom Cumarin-Typ (Phenprocoumon, Warfarin), einigen Antiepileptika und Antidepressiva. Beim Ansetzen und Absetzen von MPH sind dann Kontrollen der Blutspiegel bzw. der Gerinnungswerte sinnvoll. Von der Kombination mit Imipramin wird abgeraten. Blutdrucksenkende Mittel können unter MPH schwächer wirken.

Medikinet adult darf nicht zusammen mit Magensäureblockern (Protonenpumpenhemmer, H2-Blocker, Antazida) eingenommen werden, da der Wirkstoff sonst zu schnell freigesetzt werden kann. Starke Enzyminduktoren wie Carbamazepin können den MPH-Spiegel deutlich senken. Antipsychotika und Metoclopramid können der MPH-Wirkung entgegenwirken. Bei gleichzeitiger Einnahme von Risperidon lösten Dosisänderungen und vor allem vergessene oder bewusst ausgelassene MPH-Dosen in Einzelfällen akute Bewegungsstörungen aus. Cannabidiol (CBD) veränderte die MPH-Spiegel kaum.

Die Kombination von MPH mit SSRI-Antidepressiva war in einer großen Registerstudie nicht mit mehr Nebenwirkungen verbunden als MPH allein. Einzelne Fallberichte beschrieben jedoch ein Serotoninsyndrom.

11.1.1. Verstärkte Wirkung anderer Medikamente / Stoffe durch MPH

Koffein, Alkohol und Cannabis
  • Koffein kann intensiver wirken
    Koffein sollte insbesondere bei der Eindosierung von Stimulanzien (z.B. MPH) strikt gemieden werden. Häufig bewirken Stimulanzien, dass Koffein in Dosen, die bislang problemlos vertragen wurden, nun eine innere Zitterigkeit auslöst. Dies kann fälschlich als (Neben-)Wirkung der Stimulanzien interpretiert werden. (Erfahrung ADxS)

Koffein (2 × 30 mg/kg/Tag über 3,5 Tage) schwächte bei Ratten die koffeinähnliche Reizwirkung von MPH ab (ED50 stieg von 1,5 auf 5,5 mg/kg), umgekehrt schwächte MPH (3 mg/kg) die Reizwirkung von Koffein ab (ED50 stieg von 5,2 auf 15 mg/kg, symmetrische Kreuztoleranz). (Tierstudie, Ratten, n = 12, 3,5 Tage, E 2b.)229 Die koffeinähnliche Reizwirkung von MPH ließ sich durch α-Adrenozeptorblocker aufheben. (Tierstudie, Ratten, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)230 Ratten mit Toleranz gegenüber der lokomotorischen Wirkung von Koffein (chronisch im Trinkwasser, durchschnittlich 41 bzw. 62 mg/kg/Tag) zeigten keine Kreuztoleranz gegenüber MPH, Kokain oder d-Amphetamin. (Tierstudie, Ratten, E 2b.)231 MPH und Koffein haben demnach gemeinsame, aber nicht identische Wirkmechanismen.

  • Alkohol
    Ein systematischer Review fand bei Einnahme therapeutischer Dosen von ADHS-Medikamenten zusammen mit Alkohol nur eine minimale Zunahme von Nebenwirkungen und keine schwerwiegenden Folgen der Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen. (Systematischer Review, k = 20, ohne Metaanalyse, E 4.)232

    • Alkohol kann die ZNS-Nebenwirkungen von MPH verstärken. Hohe Alkoholkonzentrationen können das Freisetzungsprofil von Retardpräparaten in Richtung einer schnellfreisetzenden Darreichungsform verschieben. (E 4.)228
    • Alkohol (0,6 g/kg) erhöhte die maximale d-MPH-Konzentration nach Retard-MPH um 27 bis 35 %, vermutlich durch Hemmung der Carboxylesterase 1 (CES1). Alkohol verstärkte zudem die subjektive Stimulanzienwirkung von MPH („stimuliert“, „high“), nicht aber das Trunkenheitsgefühl. (RCT, Crossover, 4-armig, n = 14 gesunde Erwachsene, Einzeldosis, E 1b.)233
  • Alkohol (0,6 g/kg) 30 Minuten vor oder nach unretardiertem MPH (0,3 mg/kg) erhöhte die maximale d-MPH-Konzentration um rund 40 % (von 15,3 auf 21,5 bzw. 21,4 ng/ml, geometrisches Mittelwertverhältnis 1,37 bzw. 1,39) und die AUC um rund 25 % (Verhältnis 1,27 bzw. 1,23). Dabei entstand das Umesterungsprodukt l-Ethylphenidat. Frauen berichteten trotz niedrigerer d-MPH-Spiegel eine stärkere Stimulanzienwirkung als Männer. (RCT, Crossover, 3-armig, n = 20 Gesunde, Einzeldosis, E 1b.)234

  • Cannabis (THC)
    THC (10 mg oral) und MPH (10 oder 40 mg) steigerten die Herzfrequenz additiv (Spitzenwert 89,1 Schläge/Minute unter THC allein, 95,9 bzw. 102,0 unter THC plus 10 bzw. 40 mg MPH). Ein Proband entwickelte unter 40 mg MPH plus THC eine anhaltende Tachykardie über 100 Schläge/Minute. Blutdruckerhöhend wirkte nur 40 mg MPH, ohne Wechselwirkung mit THC. (RCT, doppelblind, Crossover, 6 Sitzungen, n = 16 gesunde Erwachsene mit gelegentlichem Cannabiskonsum, Einzeldosen, E 1b.)235

Sympathomimetika, blutdrucksteigernde Mittel und Narkosegase
MAO-Hemmer, Johanniskraut und dopaminerge Wirkstoffe
  • Monoaminoxidasehemmer (MAOI)

    • (E 4): Während der Einnahme nicht-selektiver, irreversibler MAO-Hemmer und bis mindestens 14 Tage nach deren Absetzen ist MPH kontraindiziert, da eine hypertensive Krise droht. Selektive oder reversible MAO-Hemmer (Moclobemid, Selegilin, Rasagilin, Linezolid) sind nicht ausdrücklich kontraindiziert, erfordern aber Vorsicht (siehe unten). (E 4.)228 (E 4.)237 (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4.)111
      • Tranylcypromin
        Bis 14 Tage nach Einnahme von Tranylcypromin sollte MPH gemieden werden (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)238
  • Johanniskraut
    Eine Apothekerzeitschrift bezeichnete Johanniskraut als MAOI. (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)239 Johanniskraut-Extrakt hemmte die MAO-A jedoch nur in vitro in sehr hohen Konzentrationen (deutlich erst bei 10⁻³ mol/l, bei 10⁻⁴ mol/l höchstens 39 %), ex vivo zeigte sich bei Ratten auch nach 300 mg/kg Extrakt keine relevante MAO-Hemmung. Johanniskraut ist daher kein MAO-Hemmer im klinischen Sinn. (In-vitro- und Tierstudie, Rattenhirnhomogenat und Ratten ex vivo, Einzeldosis, E 2b.)240
    Eine Auswertung pädiatrischer Nebenwirkungsmeldungen bewertete eine Wechselwirkung zwischen Johanniskraut und MPH in einem Fall als wahrscheinlich und in einem weiteren als möglich. Im wahrscheinlichen Fall (15-Jähriger unter Ritalin 20 mg/Tag) traten wenige Stunden nach Beginn der Johanniskraut-Einnahme Unruhe, Weinen, Aggressivität und Konzentrationsstörungen auf, die nach Absetzen abklangen und bei erneuter Einnahme wiederkehrten. Als möglichen Mechanismus nannten die Autoren eine Hemmung von P-Glykoprotein durch Johanniskraut. (Auswertung von FDA-Spontanmeldungen, n = 23 Meldungen, davon 5 bewertbar, E 4.)241

  • Alle zentral dopaminergen und noradrenergen Wirkstoffe (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111
    Hier sollte eine engmaschige Kontrolle des Blutdrucks erfolgen.
    Mit direkten und indirekten Dopaminagonisten (einschließlich DOPA und trizyklischer Antidepressiva) kann MPH pharmakodynamisch wechselwirken. (E 4.)228
    Beispiele:

    • selektive oder reversible MAO-Hemmer
      • Moclobemid
      • Linezolid
      • Selegilin
      • Rasagilin
    • Levodopa
    • sonstige Parkinsonmittel
    • zentral wirkende α2-Agonisten, z.B.
      • Clonidin
        Bei gleichzeitiger Anwendung mit MPH wurden schwerwiegende Nebenwirkungen einschließlich plötzlicher Todesfälle gemeldet. Die Sicherheit der Kombination von MPH mit Clonidin oder anderen zentral wirksamen α2-Agonisten wurde nicht systematisch untersucht. (E 4.)228
      • Methyldopa
  In einer 16-wöchigen Studie an Kindern mit ADHS (Clonidin bis 0,6 mg/Tag, MPH bis 60 mg/Tag) zeigte sich keine Wechselwirkung von Clonidin und MPH auf EKG und andere kardiovaskuläre Werte. Bradykardien (Herzfrequenz unter 60/Minute im EKG) traten unter Clonidin häufiger auf (17,5 % gegenüber 3,4 %). Mittelschwere oder schwere Nebenwirkungen waren unter Clonidin häufiger (79,4 % gegenüber 49,2 %), führten aber nicht zu mehr Studienabbrüchen. *(RCT, doppelblind, 4-armig, n = 122, 16 Wochen, E 1b.)*<span data-footnote="" data-raw="[Daviss WB, Patel NC, Robb AS, McDermott MP, Bukstein OG, Pelham WE Jr, Palumbo D, Harris P, Sallee FR (2008): Clonidine for attention-deficit/hyperactivity disorder: II. ECG changes and adverse events analysis. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2008 Feb;47(2):189-198. doi: 10.1097/chi.0b013e31815d9ae4. PMID: 18182964.](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18182964/)"></span>
- Guanfacin
  Bei 7- bis 14-Jährigen erhöhte Dexmethylphenidat (retardiert, 5 bis 20 mg/Tag) Herzfrequenz, Blutdruck und QTc-Zeit, Guanfacin (unretardiert, 1 bis 3 mg/Tag) senkte Herzfrequenz und Blutdruck. Unter der Kombination stieg nur der diastolische Blutdruck (von 64,4 auf 67,5 mmHg). Herzfrequenz, systolischer Blutdruck und QTc-Zeit blieben unverändert. Über ein Jahr traten keine schweren kardiovaskulären Ereignisse auf. *(RCT, doppelblind, 3-armig, n = 207, 8 Wochen plus 12 Monate offene Fortsetzung, E 1b.)*<span data-footnote="" data-raw="[Sayer GR, McGough JJ, Levitt J, Cowen J, Sturm A, Castelo E, McCracken JT (2016): Acute and Long-Term Cardiovascular Effects of Stimulant, Guanfacine, and Combination Therapy for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. J Child Adolesc Psychopharmacol. 2016 Dec;26(10):882-888. doi: 10.1089/cap.2015.0264. PMID: 27483130; PMCID: PMC5178010.](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5178010/)"></span>

11.1.2. Hemmung der Verstoffwechselung anderer Medikamente durch MPH

Es gibt Berichte, dass MPH den Abbau von Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ, Antikonvulsiva (z. B. Phenobarbital, Phenytoin, Primidon) und einigen Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva und SSRI) hemmen kann. Bei Beginn oder Absetzen von MPH kann eine Dosisanpassung dieser Wirkstoffe und eine Bestimmung ihrer Plasmaspiegel erforderlich werden. (E 4.)228

Eine Auswertung von 38 Interaktionsberichten zu 25 Medikamenten fand, dass Methylphenidat vorwiegend an pharmakokinetischen Wechselwirkungen beteiligt war, die auf eine Hemmung von Cytochrom-P450-Enzymen hindeuteten, Dextroamphetamin und Pemolin dagegen häufiger an pharmakodynamischen. Psychostimulanzien ließen sich nach den publizierten Daten mit den meisten Medikamentenklassen sicher kombinieren, absolute Kontraindikationen waren selten. (Review, k = 38 Berichte, E 4.)242

  • Antikonvulsiva (Industrieforum-Bericht über einen Workshop des Herstellers Medice, E 4.)243
    MPH kann den Abbau einiger Antikonvulsiva hemmen und so deren Spiegel erhöhen. (Stellungnahme Expertengremium, E 4.)236 Die Datenlage ist uneinheitlich. In einer On/off-Studie zeigte sich für Phenobarbital (n = 10) und Phenytoin (n = 11) kein Effekt. Für Primidon beschrieb einer von zwei Fallberichten eine stark verringerte Clearance. (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4.)244

    • Phenobarbital (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236 (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4)244
    • Phenytoin (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236 (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4)244
    • Primidon (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236
  • Valproinsäure
    Bei zwei Kindern (4 und 6 Jahre) unter Valproinsäure traten nach einer MPH-Einzeldosis (10 bzw. 5 mg) innerhalb von 1,5 bis 4 Stunden schwere Dyskinesien (vor allem Mund- und Zungenbewegungen) und Bruxismus auf, die bis zu 14,5 Stunden anhielten. Die Autoren vermuteten einen erhöhten MPH-Spiegel durch Valproinsäure oder eine additive dopaminerge Wirkung und rieten zur Vorsicht bei dieser Kombination. (Fallserie, n = 2, E 4.)245

  • trizyklische Antidepressiva (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111, z.B.:

    • Amitriptylin (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236
    • Imipramin (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236
      MPH kann den Abbau von Imipramin stark hemmen. In einer Fallserie stiegen die Imipramin-Spiegel deutlich an. Die Autoren rieten von der Kombination von MPH mit Imipramin und vorsorglich auch mit Amitriptylin und Clomipramin ab, da diese auf gleichem Weg abgebaut werden. (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4.)244
      Symptome der Wechselwirkung mit Imipramin sind: (Stellungnahme Expertengremium, E 4.)236
      • Verwirrtheit und Agitiertheit
      • Stimmungslabilität
      • Gereiztheit und Aggressivität
      • Psychotische Symptome
  • Phenylbutazon (Butazolidin) (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236
    Phenylbutazon ist ein heute nur noch selten verwendetes nichtsteroidales Antirheumatikum. Die aktuelle Fachinformation nennt Phenylbutazon nicht mehr. (E 4.)228

  • Antikoagulantien (Blutgerinnungshemmer) (Stellungnahme Expertengremium, E 4)236

    • orale Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ, z.B. Phenprocoumon, Warfarin
      Hier sind Wirkungsschwankungen durch Interaktion mit Methylphenidat möglich. Beim An- und Absetzen von Methylphenidat empfiehlt sich daher eine engmaschige Überwachung der Gerinnungsparameter. (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111 Vermutlich hemmt MPH deren Abbau (in einem Fallbericht verlängerte sich die Halbwertszeit von Ethylbiscoumacetat). (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4.)244

Abschwächung der Wirkung anderer Medikamente durch MPH

  • Antihypertensiva (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111, z.B.:
    • ACE-Hemmer
    • Angiotensin-Rezeptor-Blocker
    • Diuretika
    • Kalziumkanalblocker
    • Beta-Blocker

MPH kann die blutdrucksenkende Wirkung von Antihypertensiva abschwächen. (E 4.)228

11.1.3. Veränderungen der Wirkung von MPH durch andere Medikamente

Magensäurehemmer

Medikinet adult ist bei einem Magen-pH über 5,5 sowie bei Einnahme von Protonenpumpenhemmern, H2-Blockern oder Antazida kontraindiziert, da dann die gesamte Wirkstoffmenge rascher freigesetzt werden kann. (E 4.)228 Die Freisetzung von Methylphenidat aus Ritalin adult erfolgt hingegen pH-unabhängig. Bei Ritalin adult ist gleichwohl eine Resorptionsverminderung durch Antazida möglich. (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111

Der Magen-pH-Wert kann erhöht werden durch:

  • Protonenpumpenhemmer, z.B.
    • Pantoprazol
    • Omeprazol
  • H2-Antagonisten, z.B.
    • Ranitidin
    • Famotidin
  • Antazida
Enzyminduktoren

Starke Enzyminduktoren senken den MPH-Spiegel einige Wochen nach ihrem Ansetzen und erhöhen ihn einige Wochen nach ihrem Absetzen. Die Autoren empfahlen, starke Induktoren möglichst nicht mit MPH zu kombinieren. Betroffen sind: (Systematischer Review, Fallberichte, Fallserien und kleine Studien, E 4.)244

  • Carbamazepin
    Carbamazepin induzierte den MPH-Abbau dosisabhängig. In zwei Fallberichten verschlechterten sich die ADHS-Symptome nach Zugabe von Carbamazepin. In einem Fall halbierte Carbamazepin 1.000 mg/Tag den MPH-Spiegel, im anderen war MPH nicht mehr nachweisbar. Da MPH nicht relevant über Cytochrom P450 abgebaut wird, vermuteten die Autoren eine Induktion von P-Glykoprotein.
    • 2 Einzelfallberichte deuten an, dass mindestens eine Verdopplung der MPH-Dosis erforderlich sein könnte, wenn zugleich Carbamazepin hochdosiert gegeben wird
  • Phenobarbital, Phenytoin und Rifampin möglicherweise
Dopaminantagonisten

Dopaminantagonisten wie Antipsychotika (E 4.)228 oder Metoclopramid (Prokinetikum) (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111 können pharmakodynamisch mit MPH wechselwirken und seiner Wirkung entgegenwirken.

Wechsel, Dosisänderung oder Auslassen von MPH bei gleichzeitiger Antipsychotika-Einnahme (vor allem Risperidon) kann akute hyperkinetische Bewegungsstörungen auslösen, überwiegend akute Dystonien. Eine Auswertung der FDA-Nebenwirkungsdatenbank und der Literatur fand dazu 36 Fälle, davon 23 mit MPH. Bei 53 % traten die Symptome innerhalb von 24 Stunden nach der Medikamentenänderung auf. Häufigster Auslöser bei MPH war ein vergessenes oder bewusst ausgelassenes MPH unter gleichbleibender Risperidon-Dosis. Die US-Fachinformationen von MPH und Risperidon wurden daraufhin ergänzt. (Auswertung von Spontanmeldungen und Fallberichten, n = 36 Fälle, E 4.)246 In der WHO-Pharmakovigilanzdatenbank betrafen 19,3 % der Meldungen zur Kombination MPH plus Risperidon Bewegungsstörungen, gegenüber 5,9 % bei MPH allein und 15,7 % bei Risperidon allein. Die Meldechance für Bewegungsstörungen war unter der Kombination gegenüber MPH allein 3,8-fach (ROR 3,80, 95 %-KI 3,16 bis 4,58) und gegenüber Risperidon allein 1,3-fach (ROR 1,28, 95 %-KI 1,07 bis 1,54) erhöht. In 7 von 13 publizierten Fallberichten traten die Bewegungsstörungen beim Ausschleichen von Risperidon oder bei der Umstellung auf MPH auf, in 4 nach vergessenen oder ausgelassenen MPH-Dosen. (Pharmakovigilanzanalyse, n = 25.556 Meldungen, und Review von Fallberichten, k = 13, E 4.)247

Weitere pharmakologische Befunde

CBD (Cannabidiol, 2 × 750 mg/Tag über 3 Tage) beeinflusste Cmax und AUC einer MPH-Einzeldosis (10 mg) nur unwesentlich (+ 8 bzw. 9 %), obwohl CBD ein CES1-Inhibitor ist. (RCT, Crossover, placebokontrolliert, n = 12 Gesunde, Einzeldosis MPH, E 1b.)248

Aripiprazol, Perphenazin, Thioridazin und Fluoxetin hemmten in vitro stark die Carboxylesterase 1 (CES1), das Hauptabbauenzym von MPH. Bei Mäusen erhöhte Aripiprazol (10 mg/kg, Einzeldosis) die Plasmaspiegel von Gesamt-MPH und vor allem des weniger wirksamen l-MPH. Die Hemmung des d-MPH-Abbaus erforderte in vitro Konzentrationen (IC50 58 bis 65 µM), die weit über den üblichen Plasmaspiegeln dieser Wirkstoffe liegen (höchstens etwa 1,5 µM). Wegen höherer Konzentrationen in der Leber hielten die Autoren eine Wechselwirkung für Aripiprazol, Thioridazin und Fluoxetin dennoch für möglich, nicht aber für Perphenazin. (In-vitro- und Tierstudie, CES1-exprimierende Zelllinien, Mäuse, n = 5 je Gruppe, E 2b.)249 Ob diese Hemmung beim Menschen klinisch relevant ist, ist nicht untersucht.

Chronisches orales MPH (30 bzw. 60 mg/kg/Tag im Trinkwasser, 8 Stunden täglich über 4 Wochen) allein erzeugte bei Ratten im Striatum eine Tendenz zu (Tierstudie, Ratten, oral über Trinkwasser, 4 Wochen, E 2b.)250

  • erhöhter Dynorphin-Expression
  • erhöhter Substanz P-Expression
  • unveränderter Enkephalin-Expression.

Orales Fluoxetin (20 mg/kg/Tag) allein veränderte die Expression dieser Gene nicht.

MPH und Fluoxetin gemeinsam bewirkten

  • stark erhöhte Dynorphin-Expression
  • stark erhöhte Substanz P-Expression
  • erhöhte Enkephalin-Expression

Die Autoren folgerten, dass MPH-SSRI-Kombinationen auch oral suchtassoziierte Genregulation verstärken können.

Oxytocin verstärkte bei Ratten den durch MPH bewirkten Anstieg des extrazellulären (tonischen) Dopamins in der Nucleus-accumbens-Schale, wahrscheinlich durch Modulation der Dopamin-Rezeptor-Signalpfade. Der Oxytocinrezeptor-Antagonist Atosiban hob diesen Effekt auf. Oxytocin veränderte weder die phasische Dopaminfreisetzung unter MPH noch die MPH-bedingte Hemmung der Dopaminwiederaufnahme. (Tierstudie, Ratten, i.v.-MPH, Mikrodialyse und Voltammetrie, E 2b.)251

11.1.4. Keine erhöhten Nebenwirkungsrisiken durch MPH + SSRI

Eine Studie an Erwachsenen mit ADHS fand keine Nachteile einer gemeinsamen Einnahme von MPH und SSRI gegenüber MPH allein. Eine Einnahme von SSRI zu MPH halbierte das Kopfschmerzrisiko (HR 0,50). (Kohortenstudie, Registerdaten Südkorea, N = 17.234, Propensity-Score-Matching, E 2b.)252 Laut Fachinformation kann MPH den Abbau von SSRI hemmen. (E 4.)228

Einzelne Fallberichte beschrieben ein Serotoninsyndrom nach Zugabe von MPH zu Sertralin bei einer 14-Jährigen (Sertralin 150 mg/Tag, MPH 18 mg/Tag seit 2 Tagen, 7 Tage Beatmung, Erholung ohne Folgeschäden) (Fallbericht, n = 1, E 4.)253, bei einem 18-Jährigen mit Depression unter Paroxetin 20 mg und MPH 10 mg seit einem Monat, zusätzlich mit manischem Umschwung (die Autoren hielten auch Paroxetin allein als Ursache für möglich) (Fallbericht, n = 1, E 4.)254 und bei einer 62-Jährigen mit therapieresistenter Depression 5 Tage nach Zugabe von MPH 10 mg zu Sertralin 100 mg (Rückbildung innerhalb von 10 Tagen nach Absetzen). (Fallbericht, n = 1, E 4.)255

11.2. MPH und Blutdruck

Bedeutung für Betroffene

MPH erhöht Blutdruck und Puls im Mittel leicht. In einer großen Netzwerk-Metaanalyse stieg der Blutdruck um etwa 2 mmHg und bei Erwachsenen der Puls um etwa 4 Schläge pro Minute. MPH erhöhte diese Werte nicht stärker als die Nichtstimulanzien Atomoxetin oder Viloxazin. Blutdruck und Puls sollten daher unter jeder ADHS-Medikation regelmäßig kontrolliert werden, nicht nur unter Stimulanzien. Herzereignisse traten in Studien unter MPH nicht häufiger auf als unter Placebo.

Eine bevölkerungsbasierte Auswertung aus Deutschland fand bei Jungen unter MPH keine Beeinträchtigung des Blutdrucks. Allerdings nahmen nur wenige der untersuchten Jungen MPH ein.

Eine große französische Registerstudie fand bei überwiegend jungen Menschen, die neu mit MPH begannen, über rund 4 Jahre häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, am häufigsten Bluthochdruck. Das absolute Risiko blieb gering (2,3 gegenüber 0,7 Erkrankungen je 1.000 Personenjahre). Ob MPH oder das ADHS selbst den Unterschied verursachte, blieb offen, da die Vergleichspersonen nicht nach ADHS ausgewählt worden waren.

Nach Einschätzung von ADxS ist bei Menschen mit erhöhtem Bluthochdruckrisiko abzuwägen zwischen einer möglichen medikamentenbedingten Blutdruckerhöhung und einem möglichen Vorteil durch eine verringerte Stressempfindlichkeit unter Behandlung.

Ein stärkerer Blutdruckanstieg nach der ersten MPH-Dosis ging in einer italienischen Studie mit einer etwas besseren Wirkung nach 6 Monaten einher. Der Zusammenhang war schwach.

Methylphenidat erhöhte bei Kindern und Jugendlichen den systolischen Blutdruck geringfügig (SMD 0,25), nicht aber den diastolischen Blutdruck und die Herzfrequenz. (Metastudie, k = 18, davon 10 zu MPH, N = 5.837, E 1a.)256

MPH erhöhte gegenüber Placebo nach median 7 Wochen: (Netzwerk-Metaanalyse, k = 102 RCTs, N = 22.702, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)257

  • bei Kindern und Jugendlichen
    • den diastolischen Blutdruck um 2,42 mmHg (95 %-KI 1,69 bis 3,15)
    • den systolischen Blutdruck um 1,81 mmHg (95 %-KI 1,05 bis 2,57)
  • bei Erwachsenen
    • den Puls um 4,37 Schläge/Minute (95 %-KI 3,16 bis 5,59)
    • den systolischen Blutdruck um 1,66 mmHg (95 %-KI 0,38 bis 2,93)
    • den diastolischen Blutdruck um 1,60 mmHg (95 %-KI 0,29 bis 2,91)

MPH erhöhte Blutdruck und Puls dabei nicht stärker als Atomoxetin oder Viloxazin. Die Autoren empfahlen, Blutdruck und Puls unter jeder ADHS-Medikation zu kontrollieren, nicht nur unter Stimulanzien.

Eine weitere Metaanalyse fand unter MPH bei Kindern und Jugendlichen wie bei Erwachsenen einen stärkeren Anstieg von Herzfrequenz (Erwachsene SMD 2,04, 95 %-KI 0,92 bis 3,15) und systolischem Blutdruck (Erwachsene SMD 1,40, 95 %-KI 0,62 bis 2,18) als unter Placebo, ohne Unterschied zwischen den Altersgruppen. Kardiale Ereignisse waren unter MPH nicht häufiger als unter Placebo. (Metastudie, k = 22, N = 46.107, E 1a.)258

Eine Querschnittsauswertung der KiGGS-Daten konnte dagegen keine Beeinträchtigung des Blutdrucks bei Jungen mit ADHS durch MPH feststellen, allerdings hatten nur 118 der Jungen MPH eingenommen. (Querschnittstudie, bevölkerungsbasierter Survey, n = 4.244, davon 118 mit MPH, E 3.)20
Bei Bluthochdruckrisikopatienten ist daher abzuwägen, inwieweit das mögliche Risiko einer medikamentenbedingten Blutdruckerhöhung den möglichen Vorteil eines verringerten Blutdrucks aufgrund der verringerten Stressempfindlichkeit überwiegt. (Einschätzung ADxS)

Ein höherer Blutdruckanstieg 45 Minuten nach der ersten MPH-Einzeldosis (0,3 mg/kg, unretardiert) deutete auf eine größere ADHS-Symptomverringerung nach 6 Monaten hin. Ein stärkerer Anstieg des systolischen Blutdrucks ging mit einer stärkeren Verringerung der Unaufmerksamkeit einher (4,2 % zusätzlich erklärte Varianz), ein stärkerer Anstieg des diastolischen Blutdrucks mit einer stärkeren Verringerung von Hyperaktivität und Impulsivität (5,2 %). (Retrospektive Kohortenstudie (Aktenauswertung), n = 171, 6 Monate, Preprint-Fassung geprüft, E 2b.)259

Langfristig hatten MPH-Neunutzer (mittleres Alter 13,7 Jahre, ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung) über durchschnittlich 4 Jahre ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als gematchte Nichtnutzer (adjustierte HR 2,37, 95 %-KI 2,21 bis 2,54, nach Kalibrierung für verbleibende Verzerrung HR 1,85, 95 %-KI 1,55 bis 2,22). Bluthochdruck war die häufigste Diagnose. Das absolute Risiko blieb gering (2,3 gegenüber 0,7 Erkrankungen je 1.000 Personenjahre). Die Kontrollen wurden nicht nach ADHS-Status ausgewählt. Ein Einfluss des ADHS selbst ist daher nicht ausgeschlossen. (Kohortenstudie, Registerdaten Frankreich, N = 848.864, n = 212.216 MPH-Neunutzer, Ø 4 Jahre, E 2b.)260

Kinder mit ADHS hatten höhere Plasmawerte von Nitrit (Abbauprodukt von Stickstoffmonoxid, NO) und niedrigere Plasmawerte von asymmetrischem Dimethylarginin (ADMA) als Kinder ohne ADHS. ADMA hemmt die NO-Synthase. NO erweitert die Gefäße und senkt den Blutdruck. Bei MPH-Einnahme waren die Nitritwerte weiter erhöht und die systolischen Blutdruckperzentilen höher. Dies könnte an einer verringerten Hemmung der NO-Synthese durch ADMA bei MPH-Gabe liegen. Wie dies mit der Blutdruckerhöhung zusammenhängt, blieb ungeklärt. (Querschnittstudie mit Kontrollgruppe, n = 85 (42 ADHS, davon 19 mit MPH, und 43 Kontrollen), E 3.)183

11.3. MPH-Einnahme in der Schwangerschaft

Bedeutung für Betroffene

Zu MPH in der Schwangerschaft liegen vor allem Daten aus großen Registerstudien vor. Insgesamt sprechen sie gegen ein deutlich erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Mehrere Studien fanden aber Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für Herzfehlbildungen (etwa 1,3-fach) nach Einnahme im ersten Schwangerschaftsdrittel. Absolut ist dieses Risiko klein. Je nach Studie kam auf rund 90 bis 160 exponierte Kinder eine zusätzliche Herzfehlbildung.

Fehlgeburten waren unter MPH in einigen Studien häufiger. Teilweise waren sie aber ebenso bei unbehandelten Müttern mit ADHS häufiger, was für einen Einfluss der ADHS selbst spricht. Eine norwegische Studie, die nur Schwangere mit ADHS verglich, fand unter MPH dennoch ein etwa 1,5-fach erhöhtes Fehlgeburtsrisiko, das mit der Dosis zunahm. Die Frage ist daher nicht abschließend geklärt.

Stimulanzien gingen mit einem leicht erhöhten Risiko für eine Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) einher. Dies betraf vor allem Amphetamin, bei MPH nur eine Einnahme über mehr als 60 Tage. Das Geburtsgewicht war unverändert. Ein niedriger Apgar-Wert (Zustand des Neugeborenen direkt nach der Geburt) war in einer dänischen Studie unter MPH oder Atomoxetin häufiger.

Für die spätere Entwicklung der Kinder fanden große Studien kein erhöhtes Risiko für ADHS oder andere neuronale Entwicklungsstörungen, wenn das ADHS der Mütter berücksichtigt wurde. Eine Tierstudie fand nach vorgeburtlicher MPH-Gabe ADHS-ähnliches Verhalten bei Mäusen.

Ein Review neuerer Studien kam zu dem Schluss, dass der Nutzen einer wirksamen Fortsetzung der ADHS-Medikation die Risiken meist überwiegt. Fortsetzen oder Absetzen sollte individuell ärztlich abgewogen werden.

In der Stillzeit geht MPH nur in sehr geringer Menge in die Muttermilch über (unter 1 % der gewichtsbezogenen Dosis der Mutter). In den wenigen beschriebenen Fällen entwickelten sich gestillte Kinder normal. Langzeitdaten fehlen.

Studien zur Einnahme von MPH während der Schwangerschaft fanden in Bezug auf den Nachwuchs

  • Gewicht

    • (E 2b): unverändert (Registerstudie, Dänemark, N = 989.932 Schwangerschaften, n = 186 exponiert (MPH oder ATX), E 2b)261 (Kohortenstudie, Registerdaten Medicaid, N = 1.461.493 nicht exponiert, 1.515 MPH, 3.331 AMP, 453 ATX, E 2b.)262
    • unverändert unter Amphetamin-Mischsalzen (keine MPH-Studie) (Retrospektive Kohortenstudie, n = 53 exponiert, 2:1 gematcht, E 2b.)263
  • leicht erhöhtes Präeklampsierisiko (RR 1,29) bei Stimulanzieneinnahme (AMP oder MPH) in der Schwangerschaft, jedoch kein erhöhtes Risiko für Plazentalösung oder Frühgeburt. Eine Fortsetzung in der zweiten Schwangerschaftshälfte erhöhte das Frühgeburtrisiko (RR 1,30). Die Effekte gingen überwiegend auf Amphetamin zurück. Für MPH zeigte sich nur bei über 60 Tagen Einnahme ein erhöhtes Präeklampsierisiko. Die absoluten Risiken waren so gering, dass die Autoren keine Absetzung der Stimulanzieneinnahme in der Schwangerschaft empfahlen. (Kohortenstudie, Registerdaten Medicaid, N = 1.461.493 nicht exponiert, 1.515 MPH, 3.331 AMP, 453 ATX, E 2b.)262 Atomoxetin zeigte diese leichten Risikoerhöhungen nicht.

  • Fehlgeburtsrisiko durch ADHS-Medikamente während der Schwangerschaft

    • verdoppelt (OR 2,07, 95 %-KI 1,51 bis 2,84) unter MPH, Modafinil oder Atomoxetin gegenüber allen nicht exponierten Schwangerschaften. Bei Beschränkung auf Frauen mit ADHS-Diagnose (OR 1,69, 95 %-KI 0,79 bis 3,61) und im Vergleich mit anderen Schwangerschaften derselben Frau (OR 1,30, 95 %-KI 0,69 bis 2,47) war das Risiko nicht signifikant erhöht. (Registerstudie, Dänemark, N = 1.054.494 Schwangerschaften, n = 480 exponiert, E 2b.)264

    • 1,5-fach erhöht unter MPH oder Atomoxetin, ebenso aber bei unbehandelten Müttern mit ADHS, was für einen Einfluss der ADHS selbst spricht (Registerstudie, Dänemark, N = 989.932 Schwangerschaften, n = 186 exponiert (MPH oder ATX), E 2b.)261

    • durch Methylphenidat und Atomoxetin nicht statistisch signifikant verändert (OR 1,15) (Metastudie, k = 10 Beobachtungsstudien, N = 16.621.481, davon 30.830 mit ADHS, E 2b.)265

    • 1,55-fach erhöht unter MPH bei Schwangeren mit ADHS (aOR 1,55, 95 %-KI 1,35 bis 1,79). Für ADHS-Medikamente insgesamt stieg das Risiko mit der Dosis (unterstes Dosistertil aOR 1,14, 95 %-KI 0,91 bis 1,42, oberstes aOR 2,11, 95 %-KI 1,71 bis 2,60). Eingelöste Rezepte spiegeln die tatsächliche Einnahme möglicherweise nicht wider (Fall-Kontroll-Studie, Registerdaten Norwegen, n = 2.993 Fälle, n = 10.305 Kontrollen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)266

  • knapp verdoppelt (adjustierte HR 1,98, 95 %-KI 1,23 bis 3,20) nach MPH in einer prospektiven Studie, wobei frühere Fehlgeburten ebenfalls ein Prädiktor waren. Die Autoren hielten einen Einfluss der zugrunde liegenden Erkrankung für möglich. (Kohortenstudie, prospektiv, n = 382 MPH-exponierte und 382 Vergleichsschwangerschaften, E 2b.)267

  • Apgar-Wert unter 10

    • doppelt so häufig unter MPH oder Atomoxetin (Registerstudie, Dänemark, N = 989.932 Schwangerschaften, n = 186 exponiert (MPH oder ATX), E 2b.)261
  • Missbildungen

    • geringfügig erhöht in Bezug auf schwere Missbildungen (OR 1,26, 95 %-KI 1,05 bis 1,51) und Herzmissbildungen (OR 1,59, 95 %-KI 1,02 bis 2,49, NNH 159) bei MPH-Einnahme in der frühen Schwangerschaft (Scoping Review mit Metaanalyse, k = 4 Kohortenstudien, n = 2.831 Exponierte, 2.950.526 Kontrollen, E 2b.)268

    • durch Methylphenidat und Atomoxetin nicht statistisch signifikant erhöht (OR 1,14; 95 %-KI 0,83 bis 1,55) (Metastudie, k = 10 Beobachtungsstudien, N = 16.621.481, E 2b.)265

    • kein erhöhtes Risiko (Prävalenzverhältnis 0,8, 95 %-KI 0,3 bis 1,8, Herzfehlbildungen 0,9, 95 %-KI 0,2 bis 3,0) nach MPH im ersten Trimenon. Eine mehr als 2-fache Risikoerhöhung ist unwahrscheinlich. (Kohortenstudie, Registerdaten Dänemark, n = 222 exponiert, 2.220 gematchte Kontrollen, E 2b.)269

    • kein erhöhtes Risiko. (Kohortenstudie, prospektives Register, N = 1.988, n = 48 MPH/Dex-MPH, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b)270

    • leicht erhöhtes Risiko für Herzfehlbildungen nach MPH im ersten Trimenon (gepoolt RR 1,28, 95 %-KI 1,00 bis 1,64), nicht signifikant für Fehlbildungen insgesamt (aRR 1,11, 95 %-KI 0,91 bis 1,35). Amphetamine erhöhten weder Herzfehlbildungen (aRR 0,96, 95 %-KI 0,78 bis 1,19) noch Fehlbildungen insgesamt (aRR 1,05, 95 %-KI 0,93 bis 1,19) (Kohortenstudie, Registerdaten, N = 1.813.894 Schwangerschaften USA und 2.560.069 Nordische Länder, E 2b.)271

  • kein erhöhtes Risiko für schwere Missbildungen (2,4 % gegenüber 3,4 %) und Herzfehlbildungen (je 0,8 %) nach MPH in der Organogenese (4. bis 13. Schwangerschaftswoche) (Kohortenstudie, prospektiv, 4 Teratologie-Informationszentren, n = 382 MPH-exponierte und 382 Vergleichsschwangerschaften, E 2b.)267

  • kein erhöhtes Risiko für Missbildungen insgesamt (PR 1,04, 95 %-KI 0,70 bis 1,55), jedoch möglicherweise für Herzfehlbildungen (PR 1,65, 95 %-KI 0,89 bis 3,05, nicht signifikant, 12 Fälle, NNH 92) und für Ventrikelseptumdefekte (PR 2,74, 95 %-KI 1,03 bis 7,28) nach MPH im ersten Trimenon. Erfasst wurden auch vorgeburtlich diagnostizierte Missbildungen. (Registerstudie, Dänemark, N = 364.012 Schwangerschaften, n = 473 MPH-exponiert, E 2b.)272

  • Herzfehlbildungen nach MPH grenzwertig, nicht signifikant erhöht (RR 1,27, 95 %-KI 0,99 bis 1,63) (Metastudie, k = 8 Kohortenstudien, für Herzfehlbildungen unter MPH n = 2.541 Exponierte, E 2b.)273

  • keine Unterschiede in Apgar-Werten und Missbildungen im Ultraschall der 20. Woche bei Fortsetzung gegenüber Absetzen von MPH (Kohortenstudie, retrospektiv, Niederlande, 2005 bis 2020, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)274

  • ADHS-Symptome

    • ADHS-ähnliches Verhalten (Hyperaktivität, Impulsivität) bei Mäusen nach pränatalem MPH (2,5, 7,5 oder 15 mg/kg/Tag oral während der gesamten Trächtigkeit), das sich durch MPH und Atomoxetin unterdrücken ließ
    • dosisabhängig verringerte Expressionen der D2-Rezeptor- und der Dopamintransportergene im Striatum dieser Mäuse (einzeln signifikant nur für das D2-Rezeptorgen unter 15 mg/kg), wie sie bei ADHS-Tiermodellen häufig sind (Tierstudie, Mäuse, oral, gesamte Trächtigkeit, n = 35 bis 42 männliche Nachkommen je Dosisgruppe, E 2b.)275 Dies deckt sich plausibel mit dem Modell von Gehirnentwicklungsstörungen, die durch einen Mangel an Dopamin (z.B. genetisch ererbt oder aufgrund chronischen Stresses) oder einen Überschuss an Dopamin (z.B. durch Stimulanziengabe bei Nichtbetroffenen) verursacht werden. (Einschätzung ADxS) Mehr hierzu unter ⇒ Gehirnentwicklungsstörung und ADHS im Kapitel ⇒ Entstehung.
    • kein erhöhtes Risiko für ADHS oder andere neuronale Entwicklungsstörungen durch MPH- oder AMP-Einnahme in der Schwangerschaft. Das nach Adjustierung zunächst gefundene erhöhte ADHS-Risiko unter MPH (HR 1,43) verschwand bei strengerer Kontrolle für das ADHS der Mütter. (Kohortenstudie, Abrechnungsdaten USA, N = rund 4,28 Mio., n = 1.123 MPH-exponiert, E 2b.)276
  • neurologische Entwicklungsstörungen

    • Risiko unverändert (HR 0,95) nach Exposition gegenüber MPH, Amphetaminen oder Atomoxetin, verglichen mit Kindern von Müttern, die die Medikation vor der Empfängnis absetzten (Registerstudie, Schweden, mit Metaanalyse, N = 861.650 Kinder von 572.731 Müttern, 2008 bis 2017, E 2b.)277

Ein systematischer Review fand in 7 von 12 Kohortenstudien (2019 bis 2024, davon 10 mit MPH) keine signifikanten Nachteile einer ADHS-Medikation in der Schwangerschaft für Mutter oder Kind, in 3 Studien Hinweise auf Nachteile (u. a. Präeklampsie) und in 2 Studien Vorteile einer Fortsetzung. Ein deutlich erhöhtes Missbildungsrisiko zeigte sich nur für Modafinil. Die Autoren hielten den Nutzen einer wirksamen Fortsetzung der ADHS-Medikation meist für größer als die Risiken. (Systematischer Review, k = 12, ohne Metaanalyse, E 4.)278

MPH in der Stillzeit

MPH geht nur in geringer Menge in die Muttermilch über. Die relative Säuglingsdosis (Anteil der mütterlichen gewichtsbezogenen Dosis, den der Säugling über die Milch aufnimmt) betrug:

  • 0,7 % (Mittelwert) bei 3 Müttern unter 35 bis 80 mg MPH/Tag (Sekundärzitat über De Hondt et al. 2024, E 4.)279
  • 0,2 % bei einer Mutter unter 36 mg retardiertem MPH/Tag (Milchkonzentration 7,9 ng/ml in der 4. Woche nach der Geburt, 6,5 Stunden nach Einnahme, Kind nicht ausschließlich gestillt, Entwicklung nach 6 Monaten normal) (Fallserie, n = 2, davon 1 mit MPH, E 4.)280
  • 0,16 % bei einer Mutter unter 15 mg unretardiertem MPH/Tag (Sekundärzitat über De Hondt et al. 2024, E 4.)279

In den wenigen beschriebenen Fällen gestillter Säuglinge zeigten sich keine Nebenwirkungen und eine normale Entwicklung. Im eigenen Fallbericht der Autoren war unter bis zu 72 mg MPH/Tag weder in der Muttermilch noch im Blut des Kindes MPH nachweisbar, das Kind entwickelte sich bis zum Alter von einem Jahr normal. (Systematischer Review mit eigenem Fallbericht, 1 Fallbericht und 1 Fallserie mit n = 3 zur Stillzeit, E 4.)281 Bei einer Mutter mit Narkolepsie verringerte die Wiederaufnahme von MPH 13 Wochen nach der Geburt (zunächst 3 × 10 mg/Tag, später 36 mg retardiert) die abgepumpte Milchmenge nicht (751 ± 228 ml/Tag vorher, 822 ± 177 ml/Tag nachher), das Kind wuchs normal. (Fallbericht, n = 1, E 4.)282 Langzeitdaten zur Entwicklung gestillter Kinder fehlen.

11.4. Gegenanzeigen laut Fachinformation

Bedeutung für Betroffene

Die Fachinformation nennt Erkrankungen und Situationen, bei denen MPH nicht eingenommen werden darf. Dazu gehören unter anderem ein Glaukom (grüner Star), ein Phäochromozytom (hormonbildender Tumor meist der Nebenniere), eine Schilddrüsenüberfunktion, schwere Depressionen und Suizidneigung, Magersucht, Psychosen, Manie und schwere, nicht gut kontrollierte bipolare Störungen, bestimmte Persönlichkeitsstörungen sowie vorbestehende schwere Herz-Kreislauf- und Hirngefäßerkrankungen. Ausgeschlossen ist auch die gleichzeitige Einnahme nicht-selektiver, irreversibler MAO-Hemmer. Medikinet adult darf zudem nicht bei sehr geringer Magensäure oder zusammen mit Magensäureblockern eingenommen werden.

Zum Glaukom zeigen neuere Studien ein differenziertes Bild. Bei Kindern und Jugendlichen erhöhte MPH den Augeninnendruck nicht. Bei überwiegend erwachsenen Nutzern war das Risiko für ein Offenwinkelglaukom leicht erhöht, nicht aber für ein Winkelblockglaukom.

Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS fand eine Studie unter MPH kein erhöhtes Risiko für ischämische Herzerkrankungen (Durchblutungsstörungen des Herzens) oder Hirngefäßerkrankungen, auch nicht bei familiärer Herz-Kreislauf-Belastung. Herzrhythmusstörungen waren unter MPH häufiger, in gleichem Maß aber schon in der Zeit vor Beginn der Einnahme.

Asthma und Lungenerkrankungen sind keine Gegenanzeigen. Das MSD Manual führt MPH allerdings als möglichen Auslöser solcher Lungenerkrankungen.

Laut Fachinformation ist Methylphenidat kontraindiziert bei: (E 4.)228 (Fachartikel Apothekerzeitschrift, Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)111

  • Glaukom

    Bei Kindern und Jugendlichen senkte MPH den Augeninnendruck tendenziell leicht, nicht signifikant (Hedges’ g −0,162, 95 %-Kredibilitätsintervall −0,407 bis 0,084). (Bayes-Metaanalyse, k = 22, davon 8 zu MPH, N = 293.228 Psychopharmaka-Nutzer, E 2b.)35 Bei überwiegend erwachsenen Neunutzern (mittleres Alter 45 Jahre) ging regelmäßige MPH-Einnahme mit einem leicht erhöhten Risiko für ein Offenwinkelglaukom einher (aIRR 1,23, 95 %-KI 1,05 bis 1,44, mittlere Beobachtungsdauer 1,8 Jahre). Ein erhöhtes Risiko für ein Winkelblockglaukom fand sich für Atomoxetin und Amphetamin, nicht für MPH. (Kohortenstudie mit eingebetteter Fall-Kontroll-Analyse, USA, N = 240.257 Neunutzer, 1.159 Glaukomfälle, E 3.)34

  • Phäochromozytom

  • Hyperthyreose

  • Thyreotoxikose

  • schwerer Depression

  • Suizidneigung

  • Anorexia nervosa oder anorektischen Störungen

  • Psychosen bzw. psychotischen Symptomen, z.B.

    • Schizophrenie
  • schweren affektiven Störungen

    • Manie
    • schweren, nicht gut kontrollierten bipolaren Störungen Typ I
  • psychopathischen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen

  • vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z.B.

    • schwerer Hypertonie
    • Herzinsuffizienz
    • arterieller Verschlusskrankheit
    • Angina pectoris
    • hämodynamisch signifikanten angeborenen Herzfehlern
    • Kardiomyopathien
    • Myokardinfarkt
    • potenziell lebensbedrohlichen Arrhythmien
    • Kanalopathien

    Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS war MPH nicht mit ischämischen Herzerkrankungen (RR 0,86, 95 %-KI 0,49 bis 1,50) oder zerebrovaskulären Erkrankungen (RR 0,79, 95 %-KI 0,45 bis 1,39) verbunden. Eine familiäre Herz-Kreislauf-Belastung veränderte das Risiko nicht. Herzrhythmusstörungen waren unter MPH häufiger (RR 1,41, 95 %-KI 1,21 bis 1,63), aber ebenso schon in der Zeit vor Beginn der MPH-Einnahme (RR 1,50, 95 %-KI 1,15 bis 1,96). Ein angeborener Herzfehler erhöhte das Rhythmusstörungsrisiko nur in der Zeit vor der MPH-Einnahme (RR 3,19). (Selbstkontrollierte Fallserie, Registerdaten Taiwan, n = 2.493, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)175

  • vorbestehenden zerebrovaskulären Erkrankungen, z.B. zerebralen Aneurysmen, Gefäßabnormalitäten einschließlich Vaskulitis oder Schlaganfall

  • Behandlung mit nicht-selektiven, irreversiblen MAO-Hemmern (bis 14 Tage nach deren Absetzen)

  • ausgeprägter Anazidität des Magens (pH über 5,5) sowie bei Einnahme von H2-Blockern, Antazida oder Protonenpumpenhemmern (Medikinet adult)

Das MSD Manual führt Methylphenidat unter den Substanzen mit toxischen pulmonalen Effekten, die folgende Erkrankungen auslösen können:

  • Asthma (E 4.)283
  • Interstitielle Pneumonie oder Fibrose (E 4.)283

Asthma und interstitielle Lungenerkrankungen sind laut Fachinformation keine Gegenanzeigen.


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