MPH Teil 4 - Responding, genetische Einflüsse
Ansprechen bedeutet, dass ein Medikament die ADHS-Symptome in einem festgelegten Mindestmaß verbessert. Nonresponding heißt daher nicht, dass gar keine Wirkung besteht. Eine einheitliche Definition fehlt. Ein Teil des in Studien beobachteten Ansprechens beruhte zudem auf Placeboeffekten. Eltern, Lehrer und Tests beurteilten die Wirkung oft unterschiedlich.
Auf MPH sprach in Studien ein großer Teil der Betroffenen an, auf Amphetaminmedikamente ebenfalls. Echte Nonresponder auf beide Stimulanzien waren selten, wenn beide Wirkstoffe sorgfältig über einen weiten Dosisbereich geprüft wurden. Wurden beide nacheinander getestet, stieg der Anteil der Responder deutlich. Ein Nichtansprechen auf einen Wirkstoff ließ nicht auf ein Nichtansprechen auf den anderen schließen. Auch ein Nichtansprechen auf MPH schloss ein Ansprechen auf Atomoxetin nicht aus. Wenn MPH nicht ausreichend wirkt, wird daher empfohlen, ein Amphetaminmedikament zu testen.
Nach dem Eindruck von ADxS kann eine zu niedrige Dosis ein scheinbares Nichtansprechen verursachen. In einer Studie besserte eine Dosiserhöhung bei Kindern, die auf eine niedrige Dosis nicht angesprochen hatten, häufig die Aufmerksamkeit im Unterricht. Das Körpergewicht sagte weder die optimale Dosis noch das Ansprechen vorher.
Zahlreiche Merkmale wurden als mögliche Vorhersagewerte untersucht, darunter Subtyp, Alter, Ausgangsschwere, Begleiterkrankungen, Intelligenz, EEG, Bildgebung, Blutwerte und Genvarianten. Hinweise auf ein besseres Ansprechen ergaben sich etwa aus einer guten Reaktion auf die erste Dosis und aus stärkeren Aufmerksamkeitsdefiziten vor der Behandlung. Mit einem schlechteren Ansprechen gingen unter anderem mehr erlebter Stress, eine oppositionelle Störung oder eine Störung des Sozialverhaltens, eine geringere Intelligenz und mehrere Begleitstörungen im Vorschulalter einher. Viele dieser Befunde stammen aus kleinen Studien und widersprechen sich teilweise. Ob Betroffene mit ADHS-I (ohne Hyperaktivität) schlechter ansprechen, ist unklar. Kein EEG-Maß erfüllte bisher die Kriterien eines Biomarkers. Genvarianten, etwa des Alpha-2A-Rezeptors (ADRA2A) oder des Noradrenalintransporters, zeigten nur uneinheitliche Zusammenhänge.
Die gefundenen Merkmale beschreiben Wahrscheinlichkeiten in Gruppen, keine sichere Vorhersage für Einzelne. Das Ansprechen auf MPH kann in der Praxis daher nur durch sorgfältiges Ausprobieren festgestellt werden.
1. Ansprechen (Responding / Nonresponding)
Ansprechen meint, ob eine Wirkung auf die ADHS-Symptome festzustellen ist. Betroffene, die auf ein Medikament nicht ausreichend ansprechen, nennt man Nonresponder.
Nonresponding bedeutet nicht, keine Wirkung zu haben, sondern lediglich, dass die Wirkung unter dem in der jeweiligen Studie festgelegten Maß der Symptomverbesserung bleibt.
Eine einheitliche Definition des Ansprechens fehlt. Von 167 RCT zu ADHS-Medikamenten definierten 88 das Ansprechen über eine Verringerung der Kernsymptomatik, am häufigsten als Verringerung des ADHD-RS-Werts um mindestens 30 %, andere um mindestens 25 %, 40 % oder 50 %. 79 RCT nannten keine Schwelle. (Systematischer Review, k = 167 RCT, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)1
(E 1a): Ein Teil des beobachteten Ansprechens beruhte auf Placeboeffekten, mit:
- 23,1 % Symptomverringerung (minus 8,9 Punkte in der klinikerbewerteten 18-Item-DSM-Skala) unter Placebo in RCT zu ADHS-Medikamenten. Die Placeboresponse stieg von 2001 bis 2020 um 63 % und war in den USA größer als in anderen Regionen. Metaregression (R² = 0,0012) und MetaForest (R² = 0,038) sagten sie nicht verlässlich vorher (Metastudie, k = 94 RCT, N = 6.614 unter Placebo, E 1a.)2
- 18 % Placeboresponder (Lehrerurteil), die ohne verblindete Placebokontrolle als MPH-Responder gegolten hätten (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, n = 118, E 2a.)3
- 10,57 Punkten Placeboresponse im Elternurteil gegenüber 3,93 Punkten im Lehrerurteil (Conners Global Index, beide p unter 0,001). Im Elternurteil hing sie u. a. von Einkommen, Familienstand, Bildung, mütterlichem Rauchen in der Schwangerschaft und Stimulanzien-Vorerfahrung ab, im Lehrerurteil von Ethnie und Stimulanzien-Vorerfahrung (RCT, doppelblind, Crossover, n = 540, 2 Wochen, E 1b.)4
(E 2b): Das festgestellte Ansprechen hing vom Beurteiler und vom Messinstrument ab, mit:
- schwacher Korrelation der von Eltern und Lehrern beurteilten MPH-Wirkung (Conners-Gesamtwert r = 0,09, p = 0,03) und keiner Korrelation mit Labormaßen (CPT, Restricted Academic Situation Scale) (Sekundäranalyse einer RCT, doppelblind, Crossover, n = 526, 2 Wochen, E 2b.)5
- fehlender Korrelation zwischen computergestütztem CPT mit Bewegungsmessung und Lehrerurteil bei der individuellen Stimulanzienwirkung, trotz vergleichbarer Gruppeneffekte (Sekundäranalyse einer RCT, Crossover, n = 36, 6 Wochen, E 2b.)6
- einer Wechselwirkung von Lehrer- und Kindgeschlecht bei der beurteilten MPH-Wirkung mit kleinem Effekt (η² unter 0,02), nicht bei Eltern (Sekundäranalyse einer RCT, doppelblind, Crossover, n = 299, 2 Wochen, E 2b.)7
1.1. Ansprechen auf Amphetaminmedikamente und MPH
Bedeutung für Betroffene
Auf Amphetaminmedikamente und auf Methylphenidat (MPH) sprach in Studien jeweils ein großer Teil der Betroffenen an. Ein Review von 6 Studien fand Ansprechraten von mindestens 69 % auf Amphetaminmedikamente und mindestens 57 % auf MPH. Mindestens 87 % der Betroffenen sprachen auf einen der beiden Wirkstofftypen an. Der Vorteil für Amphetamin war in den einzelnen Studien allerdings nicht signifikant. Eine herstellerfinanzierte Netzwerk-Metaanalyse fand bessere Ansprechraten auf Lisdexamfetamin als auf MPH oder Atomoxetin.
Echte Nonresponder auf beide Stimulanzien waren selten, wenn beide Wirkstoffe sorgfältig über einen weiten Dosisbereich geprüft wurden. In einer Studie sprachen 46 von 48 Jungen auf mindestens eines der beiden Stimulanzien an. Wurden MPH und Dexamfetamin nacheinander an denselben Kindern getestet, stieg der Anteil der Responder deutlich, in einer Studie von je 72 % unter einem einzelnen Wirkstoff auf 92 %. Für einzelne Kinder war oft einer der beiden Wirkstoffe überlegen oder nur einer verursachte Nebenwirkungen. Der Wechsel vom schwächer zum besser wirkenden Wirkstoff steigerte die Wirkung im Mittel deutlich. In einer weiteren Studie sprachen etwa 43 % der Responder bevorzugt nur auf eines von zwei retardierten Stimulanzien an.
Bei 16- bis 19-Jährigen wirkten retardiertes MPH und retardierte Amphetaminsalze bei männlichen und weiblichen Jugendlichen gleich gut und wurden gleich gut vertragen.
Ein Nichtansprechen auf einen Wirkstoff ließ in diesen Studien also nicht auf ein Nichtansprechen auf den anderen schließen. Wenn MPH nicht ausreichend wirkt, wird daher empfohlen, ein Amphetaminmedikament zu testen.
Ein Review von 6 kontrollierten Crossoverstudien berichtete von mindestens 69 % Ansprechrate (Response) auf Amphetaminmedikamente und mindestens 57 % Ansprechrate auf Methylphenidat. Mindestens 87 % der ADHS-Betroffenen sprachen auf einen der beiden Wirkstofftypen an. Die Tendenz zugunsten von Amphetamin war in den einzelnen Studien nicht signifikant. (Review, k = 6 Crossoverstudien, n = 174, E 2a.)8 Zu einem ähnlichen Ergebnis (signifikant bessere Ansprechraten auf Lisdexamfetamin als auf MPH oder Atomoxetin) kam eine Netzwerk-Metaanalyse von 32 Untersuchungen. (Netzwerk-Metaanalyse, k = 32 RCT, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1a.)9
Für Betroffene, bei denen MPH nicht wirkt, empfiehlt es sich daher, eine Medikation mit Amphetaminmedikamenten zu testen.
Echte Nonresponder auf beide Stimulanzien waren bei kontrollierter Prüfung über einen weiten Dosisbereich selten. Von 48 Jungen sprachen 46 (96 %) auf mindestens eines der beiden Stimulanzien an, nur einer wurde ohne Empfehlung einer weiteren Stimulanzienbehandlung entlassen. (Doppelblinde Crossoverstudie, n = 48, 9 Wochen, E 1b.)10 Je 6 von 29 Kindern sprachen nur auf MPH bzw. nur auf D-Amphetamin an. (Doppelblinde Crossoverstudie, n = 29, E 2a.)11
OROS-MPH und retardierte Amphetaminsalze wirkten bei 16- bis 19-jährigen männlichen und weiblichen Jugendlichen mit ADHS gleich gut und wurden gleich gut vertragen. Es fand sich keine Wechselwirkung zwischen Geschlecht und Medikation, auch nicht bei Fahrleistung und neuropsychologischen Tests. (Doppelblinde randomisierte Crossover-Studie, N = 35, herstellerfinanziert, E 1b.)12
(E 1b): Der Test von MPH und Dexamfetamin an denselben Kindern erhöhte den Anteil der Responder auf:
- 98 % (47 von 48 Jungen mit Empfehlung zur Fortsetzung einer Stimulanzienbehandlung). Beide Wirkstoffe waren in der Gruppe gleich wirksam, für einzelne Kinder war häufig einer überlegen oder nur einer verursachte Nebenwirkungen. (Doppelblinde randomisierte Crossoverstudie, n = 48, E 1b.)10
- 92 % (33 von 36) medikamentennaiver 9- bis 14-Jähriger gegenüber je 72 % (26 von 36) unter MPH bzw. Dexamfetamin allein. MPH wirkte bei 13, Dexamfetamin bei 13 Kindern besser, bei 7 beide gleich. Der Wechsel vom schwächer zum besser wirkenden Wirkstoff steigerte die Ansprechstärke im ADHS-Fragebogen im Mittel um 64 %. (Crossover-RCT, n = 36, 6 Wochen, E 1b.)13
Etwa 43 % der Responder sprachen bevorzugt nur auf retardiertes Dexmethylphenidat oder nur auf retardierte gemischte Amfetaminsalze an. (Doppelblinde Crossover-RCT, N = 65, n = 56, 8 Wochen, herstellerfinanziert, E 1b.)14
Unter OROS-MPH als Vergleichs- bzw. Referenzarm von Lisdexamfetamin-Studien erreichten Kinder und Jugendliche in 3 RCT: (Post-hoc-Analyse, k = 6 Studien (4 RCT, 2 offene Studien), N = 1.823, n = 507 mit OROS-MPH, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)15
- eine Reduktion im ADHD-RS-IV um mindestens 30 % mit CGI-I 1 oder 2 zu 53,8 % bis 80,4 % (Lisdexamfetamin 69,6 % bis 82,6 %)
- eine Reduktion im ADHD-RS-IV um mindestens 50 % mit CGI-I 1 oder 2 zu 45,3 % bis 67,9 % (Lisdexamfetamin 59,8 % bis 74,8 %)
1.2. Ansprechen auf MPH und Atomoxetin
Bedeutung für Betroffene
Ein Teil der Betroffenen, die auf MPH nicht ausreichend ansprachen, sprach auf Atomoxetin an. In einer herstellerfinanzierten Studie waren dies 43 %. Umgekehrt hatten 42 % derjenigen, die auf Atomoxetin nicht ansprachen, zuvor auf MPH angesprochen. Ein Nichtansprechen auf das eine Medikament schloss ein Ansprechen auf das andere also nicht aus.
In einer Zusammenfassung mehrerer herstellerfinanzierter Studien waren die Responderraten unter Atomoxetin und MPH gleich hoch, unabhängig von oppositionellem Verhalten, Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität. Eine Studie fand Hinweise, dass eine anhand von Testleistungen bestimmte Untergruppe deutlich besser auf Atomoxetin ansprach als eine andere, während beide gleich gut auf MPH ansprachen. Die beiden Medikamente wurden dort allerdings in getrennten Gruppen untersucht und nicht direkt miteinander verglichen.
Bei Kindern und Jugendlichen, die auf MPH nicht ausreichend ansprachen, verringerte Lisdexamfetamin in einer herstellerfinanzierten Studie die Beeinträchtigungen im Alltag stärker als Atomoxetin, etwa beim Lernen, in der Schule und bei sozialen Aktivitäten.
MPH und Atomoxetin:
- Etwa 50 % der Betroffenen, die nicht auf MPH ansprechen, sollen auf Atomoxetin ansprechen, und etwa 75 % der Betroffenen, die auf MPH ansprechen, sollen auch auf Atomoxetin ansprechen. (Narrativer Review, E 4)16
- 43 % der MPH-Nonresponder sprachen auf Atomoxetin an, 42 % der Atomoxetin-Nonresponder hatten zuvor auf OROS-MPH angesprochen (RCT, N = 516, 6 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)17
- gleiche Responderraten (Verringerung im ADHD-RS-IV um mindestens 40 %) unter Atomoxetin und MPH, unabhängig von oppositionellem Verhalten (Differenz 0,6 %, 95%-KI minus 11,9 bis 13,1), Unaufmerksamkeit (minus 3,1 %, minus 11,5 bis 5,3) und Hyperaktivität-Impulsivität (minus 4,9 %, minus 14,3 bis 4,4) (Metastudie, k = 7 RCT, N = 1.391, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1a.)18
- ein kognitiv definierter Inhibitionskontroll-Subtyp (mehr Delta-, Theta- und Beta-Aktivität im qEEG, höhere Ruheherzfrequenz, mehr Angst) sprach deutlich besser auf Atomoxetin an als ein Daueraufmerksamkeits-Subtyp (10,5 gegenüber 1,5 Punkten im ADHD-RS-IV, Cohen’s d = 0,71). Auf MPH sprachen beide Subtypen gleich an (13,3 gegenüber 12,08 Punkten, d = 0,10) (Sekundäranalyse zweier Studien mit Clusteranalyse, N = 448, 6 Wochen, E 2b.)19
Bei MPH-Nonrespondern wurde in einer randomisierten Doppelblindstudie Lisdexamfetamin mit Atomoxetin verglichen. Lisdexamfetamin verringerte die funktionelle Beeinträchtigung (WFIRS-P) in 2 von 6 Bereichen (Lernen und Schule, soziale Aktivitäten) und im Gesamtwert signifikant stärker als Atomoxetin. (RCT, N = 267, n = 200, 9 Wochen, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)20
1.3. Vorhersage des Ansprechens
Bedeutung für Betroffene
Ob ein Medikament bei einer bestimmten Person wirken wird, lässt sich in der Praxis bisher nicht verlässlich vorhersagen. Wie häufig ein Ansprechen festgestellt wurde, hing schon davon ab, wie es definiert wurde. Je nach Maßstab sprachen in Einzelstudien etwa 60 % bis 84 % der Kinder deutlich auf MPH an.
Zahlreiche Merkmale wurden als mögliche Vorhersagewerte untersucht, darunter Alter, Geschlecht, Dosis, Subtyp, Begleiterkrankungen, Intelligenz und sozioökonomischer Status. Ein systematischer Review fand für die meisten dieser Merkmale keine oder nur eine geringe Vorhersagekraft. Auch in einer größeren Kohorte ließ sich das Ansprechen in der Überprüfung durch kein Merkmal sicher vorhersagen. Bei Vorschulkindern sprachen in einer Auswertung weiße Kinder besser auf Stimulanzien an als schwarze Kinder. Die Autoren werteten diesen Befund als vorläufig.
Einzelne Studien fanden Hinweise auf ein besseres Ansprechen auf MPH bei fehlenden Begleiterkrankungen, weniger auffälligen neuropsychologischen Tests, höherem IQ und geringerer Angst vor der Behandlung. Andere Studien fanden für Begleiterkrankungen und IQ keinen Zusammenhang. Die Befunde sind also widersprüchlich. Auch bestimmte EEG-Merkmale wurden als Hinweise untersucht.
Verfahren des maschinellen Lernens erreichten in kleinen Studien Trefferquoten von etwa 77 % bis 85 %. Genetische Varianten sagten das Ansprechen auf MPH bisher nur schwach vorher, die einzelnen Varianten hatten nur geringe Effekte. Ob eine Kombination mehrerer Varianten künftig genau genug für die klinische Anwendung ist, ist offen.
Ein Teil des in Studien beobachteten Ansprechens beruhte zudem auf Placeboeffekten, und Eltern, Lehrer und Tests beurteilten die Wirkung oft unterschiedlich. Das Ansprechen kann daher in der Praxis nur durch sorgfältiges Ausprobieren festgestellt werden.
Eine Prognose des Respondings ist in der Praxis bisher nicht möglich. Eine Studie fand bei Vorschulkindern, dass in den USA weiße Kinder besser auf Stimulanzien (MPH, Lisdexamfetamin) reagierten als schwarze Kinder. Höheres Alter und die Ausgangsschwere der ADHS-Symptome moderierten die Wirksamkeit nicht. Die Autoren werteten die Subgruppenbefunde als explorativ. (IPD-Metaanalyse, k = 2 RCT, N = 250, ergänzt um Subgruppendaten einer weiteren RCT mit n = 165, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)21
Maschinelles Lernen ermöglichte eine Prognosegenauigkeit für das Responding auf MPH von knapp 85 % (Stand 2015). (Offene Studie, n = 83, 8 Wochen, E 2b.)22
Wissenschaftlich: Responderraten nach Definition, geprüfte Prädiktoren und maschinelles Lernen
(E 1b): Ein deutliches Ansprechen auf MPH fand sich je nach Definition bei:
- 84 % (Normalisierung im QbTest nach einer moderaten Testdosis, 7 bis 18 Jahre), 7 % partielle Response, 9 % Nonresponse (Einzeldosis-Teststudie, n = 44, E 2b.)23
- 83 % mit signifikanter Besserung der Hyperaktivität zu Hause oder in der Schule (Jungen, 7 bis 11 Jahre) (RCT, doppelblind, Crossover, n = 36, E 1b.)24
- über 82 % mit Verbesserung der Verhaltensbeurteilung um mindestens eine Standardabweichung (Vorschulkinder, MPH oder gemischte Amphetaminsalze) (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 28, E 2a.)25
- 79 % (CGI, Jungen in einer Tagesklinik, D-Amphetamin 88 %) (Doppelblinde Crossoverstudie, n = 48, 9 Wochen, E 1b.)10
- 60 % mit Normalisierung der Hyperaktivität in mindestens einem Umfeld (Jungen, 7 bis 11 Jahre) (RCT, doppelblind, Crossover, n = 36, E 1b.)24
(E 2b): Keine oder nur geringe Vorhersagekraft für das Ansprechen auf MPH hatten:
- Alter, Geschlecht, Dosis, Subtyp, Komorbidität und sozioökonomischer Status. Zu Körpergewicht, Schwere, IQ und elterlicher Depression bzw. ADHS war keine Schlussfolgerung möglich (Systematischer Review, k = 46 Studien, N = 6.656, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)26
- klinische Merkmale in einer naturalistischen Kohorte (6 bis 17 Jahre, überwiegend MPH): Symptomschwere, Region und relatives Alter waren in der multinomialen Regression mit dem Ansprechen assoziiert, in der Validierung mit Bootstrap Forest keine Variable (Prospektive Kohortenstudie, N = 638, 3 Monate, E 2b.)27
- Komorbiditäten, IQ und neurokognitive Defizite bei Jungen mit Mischtyp. Nur eine geringere Ausgangsschwere ging mit geringerer Symptomatik nach der Behandlung einher (Prä-post-Studie, n = 149, E 2b.)28
- grenzwertiger (70 bis 79), normaler oder hoher IQ (120 und höher) bei Kindern, obwohl Kinder mit hohem IQ weniger schwere Symptome hatten (Prädiktoranalyse einer doppelblinden placebokontrollierten Crossover-RCT, n = 502, 2 Wochen, E 2b.)29
- exekutive Defizite bei Erwachsenen unter OROS-MPH (neuropsychologisch bei 40 %, nach BRIEF-A bei 93 % der Probanden, mittlere Dosis 84,6 mg/Tag) (Sekundäranalyse einer RCT, n = 87, 6 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)30
- begleitende Antidepressiva bei Erwachsenen unter OROS-MPH. Nominell moderierten Angststörungen in der Vorgeschichte (p = 0,04) die Symptomverbesserung (Sekundäranalyse einer RCT, N = 227, n = 223, 6 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)31
- pränataler mütterlicher Stress, der mit höherer Symptomschwere einherging (Prädiktoranalyse einer doppelblinden placebokontrollierten Crossover-RCT, n = 203, 2 Wochen, E 2b.)32
Weitere Prognoseansätze mit maschinellem Lernen fanden:
- eine Fläche unter der ROC-Kurve von 82 bis 84 % für die Vorhersage einer Remission (Bayes-Modell), gegenüber 75 bis 77 % mit konventioneller Regression oder Support Vector Machines (Methodenstudie, n = 173, E 2b.)33
- 77 % Klassifikationsgenauigkeit (p = 0,005) bei 30 Respondern und 13 Nonrespondern, mit Go/No-Go-Leistung und komorbider Störung des Sozialverhaltens als wichtigsten Variablen (Prädiktionsstudie, n = 43, E 2b.)34
- unterscheidbare Besserungscluster, abhängig von Symptomschwere und visuell-attentionaler Leistung (Clusteranalyse klinischer, neuropsychologischer und fNIRS-Daten) (Beobachtungsstudie, n = 33, 1 Monat, E 2b.)35
Positive Indizien für ein Ansprechen von MPH waren:
- niedrigere ADHS-RS-IV.es-Scores (Naturalistische Kohortenstudie, n = 518, E 2b)36
- das Fehlen von Komorbiditäten (ODD, Depression, Alkohol-/Cannabiskonsum) (Naturalistische Kohortenstudie, n = 518, E 2b)36
- weniger auffällige neuropsychologische Tests (Naturalistische Kohortenstudie, n = 518, E 2b)36
- ein höherer Gesamt-IQ (Naturalistische Kohortenstudie, n = 518, E 2b)36
- geringe Kommissionsfehler (Impulskontrollfehler, also Reaktion auf ein Signal, das nicht hätte beantwortet werden sollen) im Conners Continuous Performance Test II, CPT-II (Naturalistische Kohortenstudie, n = 518, E 2b)36
- Höhere Hyperaktivität-Impulsivität und oppositionelle Symptome vor der Behandlung (Prädiktoranalyse einer RCT, n = 181, 8 Wochen, E 2b)37
- Prädiktor für gute Ergebnisse bei MPH-Monotherapie, Guanfacin-Monotherapie und MPH-/Guanfacin-Kombinationsmedikation
- geringere Angstzustände vor der Behandlung (Prädiktoranalyse einer RCT, n = 181, 8 Wochen, E 2b)37
- Prädiktor für gute Ergebnisse bei MPH-Monotherapie, Guanfacin-Monotherapie und MPH-/Guanfacin-Kombinationsmedikation
- niedrigere ereigniskorrelierte mittelfrontale Beta-Leistung (stärkere Leistungsabnahme) vor der Behandlung (Prädiktoranalyse einer RCT, n = 181, 8 Wochen, E 2b.)37
- EEG-Aktivität aus kortikalen Quellen in mittfrontalen und mittokzipitalen Regionen
- stärkere Modulation während der Kodierung Prädiktor für gute Ergebnisse bei Dexmethylphenidat-Monotherapie, während des Abrufs für gute Ergebnisse bei Guanfacin-Monotherapie
- höhere ereigniskorrelierte mittelfrontale Beta-Leistung (schwächere Leistungsabnahme) vor der Behandlung (Prädiktoranalyse einer RCT, n = 181, 8 Wochen, E 2b.)37
- EEG-Aktivität aus kortikalen Quellen in mittfrontalen und mittokzipitalen Regionen
- Prädiktor für gute Ergebnisse bei Dexmethylphenidat-/Guanfacin-Kombinationsmedikation
Wissenschaftlich: Pharmakogenetische Einzelvarianten
Genetische Varianten sagen das Ansprechen auf Methylphenidat bisher nur schwach vorher. Eine Metaanalyse von 36 Studien mit 3.647 Kindern fand signifikante Zusammenhänge für rs28386840 in SLC6A2 (OR 2,93), rs5569 in SLC6A2 (OR 1,73), rs1800544 in ADRA2A (OR 1,69), rs4680 in COMT (OR 1,40), die 4-fach-Wiederholung in DRD4 (OR 1,66) und die 10-fach-Wiederholung in SLC6A3 (OR 0,74). Nicht signifikant waren beide untersuchten LPHN3-Varianten sowie die 7-fach-Wiederholung in DRD4. Die Odds Ratios der einzelnen Varianten waren niedrig. Die Autoren hielten einen multivariaten Prädiktor aus mehreren Varianten für möglicherweise ausreichend genau für die klinische Anwendung. (Metaanalyse, k = 36, N = 3.647, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)38
1.4. Subtypen und Nonresponding-Wahrscheinlichkeit
Bedeutung für Betroffene
Ältere Quellen berichteten, dass etwa 90 % der Betroffenen mit Hyperaktivität (ADHS-HI und Mischtyp) auf MPH ansprachen. Neuere Quellen nennen bis zu 75 %, was ADxS zutreffender scheint. In einer Aktenauswertung besserten sich unter Stimulanzien 64 % der Kinder mit Mischtyp und 50 % der Kinder mit ADHS-I.
Betroffene mit ADHS-I (ohne Hyperaktivität) sollen häufiger nicht auf MPH ansprechen. In einer Studie sprachen sie häufiger am besten auf eine niedrige Dosis an, während Betroffene mit Hyperaktivität meist mittlere bis hohe Dosen benötigten. Ob Betroffene mit ADHS-I tatsächlich schlechter ansprechen, ist unklar. Mehrere Studien fanden keine Unterschiede zwischen den Subtypen, andere eine stärkere Wirkung beim Mischtyp auf das beobachtete Verhalten.
Eine Masterarbeit fand Zusammenhänge zwischen dem Cortisol und dem Ansprechen. Ein hoher Cortisolwert beim Aufwachen ging dort mit einem Nichtansprechen auf MPH einher. Die Zuordnung der Cortisolbefunde zu den Subtypen steht teilweise im Widerspruch zu anderen Studien und ist unsicher.
Symptome eines Sluggish Cognitive Tempo (SCT, u. a. Trägheit und Schläfrigkeit) gingen in einer Studie mit einem schlechteren Ansprechen auf MPH einher. Eine andere Studie fand dies nicht.
Bei Kindern und Jugendlichen mit intellektuellen Defiziten fand ein Review eine geringere Responderrate (etwa 40 bis 50 % gegenüber etwa 70 bis 80 % ohne intellektuelle Defizite). Eine Metaanalyse fand dagegen eine gute Wirkung von MPH bei grenzwertiger Intelligenz oder intellektuellen Defiziten.
Bei Jugendlichen sprach eine anhand der Hirnrindendicke gebildete Untergruppe in einer Studie schlechter auf Stimulanzien an. Insgesamt erlaubt der Subtyp bisher keine sichere Vorhersage, ob MPH wirkt.
(E 2a): Die meisten älteren Quellen berichten, dass etwa 90 % der Betroffenen des Subtyps ADHS-HI (mit Hyperaktivität) und des Mischtyps positiv auf Methylphenidat ansprechen, über zwei Drittel davon auf mittlere bis hohe Dosen. (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 40, E 2a.)39 (Narrativer Review, E 4.)40 (Narrativer Review, E 4.)41 Eine retrospektive Aktenauswertung fand eine klinische Besserung unter Stimulanzien (CGI, nach der Titration nach etwa 1 Monat) bei 64 % der Kinder mit Mischtyp und 50 % der Kinder mit ADHS-I. (Retrospektive Aktenauswertung, n = 276, E 3.)42
Neuere Quellen sprechen von bis zu 75 % Ansprechquote bei MPH, (Volltext für uns nicht einsehbar, E 4)43 was uns zutreffender scheint.
Betroffene des ADHS-I-Subtyp sollen häufiger MPH-Nonresponder sein, (Narrativer Review, E 4)44 wobei Nonresponderraten von 24 % (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 40, E 2a)39 genannt werden. ADHS-I-Betroffene sprachen häufiger am besten auf eine niedrige MPH-Dosis an (35 %), während ADHS-HI/Mischtyp-Betroffene überwiegend (71 %) mittlere bis hohe Dosen benötigten. (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 40, E 2a.)39
Nach einer kleinen Studie profitierten Kinder mit einer höheren Cortisolstressantwort, was dem ADHS-I-Subtyp entspricht, eher von höheren MPH-Dosen als Kinder mit einer abgeflachten Cortisolstressantwort (die ADHS-HI entspricht). Der Stresstest basierte allerdings nicht auf dem TSST, sondern auf eine Venenpunktur, was eine weniger deutliche Erkennbarkeit der Cortisolstressantwort ermöglicht. (Masterarbeit, placebokontrollierte Doppelblind-Crossoverstudie, 4 Wochen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2a)45
Ein hoher Cortisolspiegel beim Aufwachen korrelierte nach Elternurteil mit einem Nichtansprechen auf MPH bei Kindern. (Masterarbeit, placebokontrollierte Doppelblind-Crossoverstudie, 4 Wochen, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2a.)45
SCT-Symptome (SCT ist nach aktuellem Verständnis kein Subtyp von ADHS, sondern eine bei ADHS-HI wie ADHS-I gleichermaßen häufige Komorbidität) sagten in einer RCT ein MPH-Nonresponding vorher. Erhöhte SCT-Sluggish/Sleepy-Faktorwerte gingen damit einher, MPH-Nonresponder oder Placeboresponder statt MPH-Responder zu sein, und mit einer schwächeren Dosis-Wirkungs-Beziehung von MPH auf Unaufmerksamkeit. Weder SCT-Daydreamy-Symptome noch der ADHS-Subtyp (ADHS-I oder Mischtyp) hingen mit der MPH-Respondingrate zusammen. (Randomisierte doppelblinde Crossoverstudie, n = 171, 4 Wochen, E 1b.)46
Nach einem systematischen Review sprachen Kinder und Jugendliche mit ADHS und intellektuellen Defiziten schlechter auf MPH an. Die Responderrate betrug etwa 40 bis 50 %, gegenüber etwa 70 bis 80 % bei Kindern ohne intellektuelle Defizite. (Systematischer Review, k = 13 RCT, n = 315, E 1a.)47 Eine Metaanalyse fand dagegen eine gute Wirkung von MPH (Hedges’ g = 0,88) bei Kindern mit ADHS und grenzwertiger Intelligenz oder intellektuellen Defiziten. (Metaanalyse, k = 8, N = 423, E 1a.)48
Wissenschaftlich: Einzelstudien zu Intelligenzminderung, Subtypen und Kortexdicke
Bei Kindern mit Intelligenzminderung und ADHS zeigten unter 0,60 mg/kg MPH zweimal täglich 55 % eine deutliche Verhaltensverbesserung (über 30 % gegenüber Placebo) und 46 % eine deutliche Verbesserung kognitiver Leistungen. Mehr Kinder verbesserten sich deutlich, als sich deutlich verschlechterten (Verhältnis über 5:1). Verhaltens- und kognitive Verbesserung waren weitgehend unabhängig voneinander. (Placebokontrollierte Doppelblind-Crossoverstudie, n = 24, E 1b.)49
(E 1b): Das Ansprechen auf MPH unterschied sich nach Subtyp
- nicht für:
- das Dosis-Wirkungs-Profil von unaufmerksamem Subtyp und Mischtyp bei medikamentennaiven Kindern (beide überwiegend lineare Besserung, CPT verbessert, Stroop nicht) (RCT, doppelblind, Crossover, n = 25, 4 Wochen, E 1b.)50
- motorische Planung und Antwortinhibition (Okulomotorik), die eine Einzeldosis MPH bei Jungen beider Subtypen verbesserte, auch wenn die Ausgangsleistung beim unaufmerksamen Subtyp nicht beeinträchtigt war (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie mit Kontrollgruppe, N = 32, n = 22, Einzeldosis, E 2a.)51
- den Präsentationstyp bei Erwachsenen (emotional dysreguliert 59 %, unaufmerksam 41 %), beide besserten sich doppelblind und während 6 Monaten offener Behandlung gleich (Sekundäranalyse zweier RCT, n = 136, 6 Monate offene Phase, herstellerfinanziert, E 2b.)52
- Symptome eines Sluggish Cognitive Tempo bei ADHS-I (Effektstärke 0,24, nicht signifikant) (Naturalistische Studie, n = 88, 1 Monat, E 2b.)53
- die Veränderung von NAA, Cholin und Kreatin (MRS) 30 Minuten nach 10 mg MPH bei Erwachsenen, nur beim Mischtyp stieg striatales Cholin signifikant (Offene Einzeldosisstudie, n = 60, E 2b.)54
- mit stärkerer Wirkung beim hyperaktiv-impulsiven Subtyp bzw. Mischtyp für:
- beobachtetes Verhalten im Summer Treatment Program unter 0,3 mg/kg (Unterbrechen, verbale Aggression, Compliance). Beim unaufmerksamen Subtyp kleine Effektstärken (d unter 0,20) für Aufmerksamkeit, Interaktion mit Gleichaltrigen, Arbeitserledigung und Genauigkeit (Placebokontrollierte Doppelblindstudie, n = 63, E 1b.)55
- auditiv und visuell gestützte Exekutivfunktionen (Cued Choice Reaction Time), mit Verringerung der Reaktionszeit (472 auf 410 ms) und höherer Trefferquote in inkongruenten Durchgängen (48,7 auf 65,1 %, p = 0,0004), beim unaufmerksamen Subtyp nur ein nicht signifikanter Trend (RCT, doppelblind, Crossover mit Kontrollgruppe, N = 72, n = 36, je 7 Tage, E 1b.)56
Ein anhand der Kortexdicke gebildeter „überentwickelter“ Subtyp (höhere Kortexdicke, vor allem posterior) sprach bei Jugendlichen mit ADHS schlechter auf Stimulanzien (MPH oder Amfetamin) an als ein „unterentwickelter“ Subtyp (geringere Kortexdicke) und ein gemischter Subtyp, vor allem bei Hyperaktivität/Impulsivität. Ohne Stimulanzien unterschieden sich die Verläufe der Subtypen nicht. Abgleiche mit Genexpressionskarten wiesen auf eine stärkere Rolle dopaminerger Signalwege beim unterentwickelten und beim gemischten Subtyp hin. (Kohortenstudie mit semi-überwachtem maschinellem Lernen, N = 6.509, n = 929 mit ADHS, E 2b.)57
1.5. (Non-)Responding und EEG-Subtypen
Bedeutung für Betroffene
Untersucht wurde, ob die Hirnstromkurve (EEG) vorhersagen kann, wer auf Stimulanzien anspricht. Responder hatten in einer Studie mehr langsame Theta-Wellen als Nonresponder. Nach dem Verständnis von ADxS entspricht ein niedriger Theta-Wert dem überaktivierten Beta-Subtyp, für den eine weitere Quelle ein schlechteres Ansprechen auf MPH berichtete. Einzelne Betroffene dieses Subtyps berichteten ADxS jedoch von einer sehr hilfreichen Wirkung von MPH.
Eine kleine Studie fand eine instabilere Hirnaktivität im Ruhezustand bei Erwachsenen, die auf MPH ansprachen. Eine größere Folgestudie derselben Arbeitsgruppe bestätigte dies nicht. Eine niedrige Alpha-Peak-Frequenz ging bei männlichen Jugendlichen mit einem Nichtansprechen auf MPH einher. Weitere Studien fanden Unterschiede in einzelnen EEG-Frequenzbändern und in Hirnstromantworten auf Reize (ereigniskorrelierte Potenziale). Kinder, die gut auf MPH ansprachen, zeigten häufiger Hinweise auf eine Unteraktivierung der Hirnrinde. Kinder, die gut auf Dexamfetamin ansprachen, zeigten eher Hinweise auf eine Reifungsverzögerung.
Einige Modelle aus mehreren EEG- und Testwerten erreichten in kleinen Studien hohe Trefferquoten. Ein systematischer Review kam jedoch zu dem Ergebnis, dass bislang kein EEG-Maß die Kriterien eines Biomarkers für das Ansprechen auf MPH erfüllte. Bei Erwachsenen mit emotionaler Dysregulation oder depressiven Symptomen fand eine Studie kein signifikant anderes Ansprechen auf MPH.
Mit dem EEG kann daher derzeit nicht sicher vorab entschieden werden, ob MPH wirken wird.
Stimulanzien-Responder hatten mehr EEG-Theta-Power als Nonresponder. (Prospektive Studie, N = 188, n = 98, mindestens 4 Wochen, E 2b.)58
Niedrige Theta-Werte entsprechen nach diesseitigem Verständnis dem überaktivierten Beta-(EEG-)Subtyp. Für den BETA-Subtyp (überaktivierter Typ, rund 7 % der Kinder mit ADHS in einer EEG-Clusterstudie der Autoren) berichtete eine weitere Quelle nach der Erfahrung der Autoren von oft ungünstigen Reaktionen auf MPH bis hin zu gegenläufigen Effekten wie emotionaler Blockierung und zusätzlichen Ängsten. (Lehrbuch, E 4.)59
Der Beta-Subtyp tritt nach aussen als klassischer ADHS-HI-Subtyp in Erscheinung (hyperaktiv/impulsiv). Die meisten Betroffenen des ADHS-HI-Subtyp haben ein zu niedriges Theta und ein zu hohes Beta. Mehr hierzu unter ⇒ ADHS-Subtypen nach EEG.
Die (einzelnen) uns bekannten ADHS-Betroffenen vom BETA-Subtyp berichten indes von einer überaus hilfreichen Wirkung von MPH. (Erfahrung ADxS)
Eine kleine Untersuchung fand eine geringere EEG-Stabilität im Ruhezustand als Prädiktor einer MPH-Response. (Pilotstudie, n = 28, E 2b)60
Eine konfirmatorische multizentrische Folgestudie bestätigte dies bei Erwachsenen nicht. Einen Therapieerfolg (CAARS-Reduktion um mindestens 30 %) unter retardiertem MPH hatten 23 % der Betroffenen mit instabiler Arousalregulation (46 % der Stichprobe) und 35 % derjenigen mit stabiler Arousalregulation (Differenz 12 Prozentpunkte, 95%-KI -5 bis 29, p = 0,17), also tendenziell entgegen der Hypothese. (Offene einarmige multizentrische Studie, N = 121, n = 112, 8 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)61
Bei Kindern ging eine instabilere EEG-Vigilanz (weniger Zeit im Stadium A1, mehr Stadienwechsel) mit schlechterer CPT-Leistung vor und tendenziell besserer CPT-Leistung nach mindestens 4 Wochen Stimulanzien einher (nicht signifikant). (Pilotstudie, N = 98, n = 49, mindestens 4 Wochen, E 2b.)62
Wissenschaftlich: EEG- und EKP-Unterschiede zwischen Respondern, Nonrespondern und Kontrollen
Eine andere Untersuchung fand bei Respondern eine abgeschwächte P3-Amplitude im Vergleich zu den Kontrollen. Unerwarteterweise zeigten Nonresponder eine atypisch flache aperiodische spektrale Steigung im Vergleich zu den Kontrollen, während Responder sich hier nicht von den Kontrollen unterschieden. (Querschnittsstudie, N = 59, n = 29, E 3)63
MPH-Responder zeigten vor Behandlungsbeginn im Vergleich zu Dextroamphetamin-Respondern: (Kontrollierte Studie, N = 60, n = 40, 6 Monate, E 2b.)64
- weniger EEG-Abnormalitäten
- an allen Messstellen einen geringeren relativen Delta-Wert
- eine geringere Erhöhung des relativen Theta-Werts in der frontalen Mittellinie
- an allen Stellen einen höheren relativen Alpha-Wert, was in den hinteren Regionen stärker ausgeprägt war als frontal
- in der Gesamtleistung eine stärkere Erhöhung im hinteren Bereich im Vergleich zu frontalen Regionen
Eine niedrige Alpha-Peak Frequenz korrelierte bei männlichen Jugendlichen mit einem Nichtansprechen auf Methylphenidat. (Offene prospektive Multicenterstudie, N = 494, n = 336, 6 Wochen, E 2b)65
EEG-Maße einschließlich der P3 erfüllten bislang nicht die Kriterien eines Biomarkers für das Ansprechen auf MPH. (Systematischer Review, k = 44, E 2b.)66 Eine durch Stimulanzien normalisierte P300-Amplitude ging mit einer Verhaltensbesserung einher, frühe sensorische EKP-Komponenten veränderten sich meist nicht. (Systematischer Review, k = 43, E 2b.)67
Wissenschaftlich: EEG- und EKP-Prädiktoren des Stimulanzien-Ansprechens im Einzelnen
(E 2b): Responder und Nonresponder auf Stimulanzien unterschieden sich
- im EEG vor Behandlung durch:
- stärkere kortikale Unteraktivierung (Hypoarousal) guter MPH-Responder mit mehr Gesamtpower, mehr Delta und Theta und höherem Theta/Beta-Verhältnis, während gute Dexamfetamin-Responder eher eine Reifungsverzögerung zeigten (Kinder mit Mischtyp) (Fall-Kontroll-Studie, N = 100, n = 80, E 3.)68
- stärkere kortikale Unteraktivierung guter MPH-Responder (Jungen mit ADHS-I, 20 gute und 15 schlechte Responder) mit weniger relativem Beta und tendenziell mehr absolutem Theta und höherem Theta/Beta-Verhältnis, rechtshemisphärisch deutlicher. Die Unterschiede waren kleiner als beim Mischtyp. (Fall-Kontroll-Studie, N = 70, n = 35, E 3.)69
- höhere intrahemisphärische Beta-Kohärenz guter MPH-Responder (Jungen mit Mischtyp, 8 bis 12 Jahre) (Retrospektive Fall-Kontroll-Studie, N = 53, n = 35, E 3.)70
- Theta rechts temporal, Alpha links okzipital und frontal sowie Beta links frontal (MPH) (Fall-Kontroll-Studie, N = 63, n = 32, etwa 8 Wochen, Autor(en) bei Pharmaunternehmen angestellt, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)71
- Ansprechen des EEG-Phänotyps „Frontal Slow“ mit Abnahme der Auslassungsfehler im CPT von 5 auf 2, kein Ansprechen des Phänotyps mit verlangsamter Alpha-Peak-Frequenz trotz ähnlich vieler Fehler (MPH oder Dexamfetamin) (Offene Verlaufsstudie mit Kontrollgruppe, N = 98, n = 45 mit Stimulanzien, E 2b.)72
- in ereigniskorrelierten Potenzialen (auditorische P300) durch:
- ein Amplitudenverhältnis rechts frontozentral zu parietal (FC2:P4) über 0,5 als Prädiktor robuster Response (9 von 20, positiver Vorhersagewert 0,67, negativer 0,73) (Einfach verblindete Titrationsstudie, n = 20, 4 Wochen, E 2b.)73
- eine Amplitude an T8 über 7,65 µV als Prädiktor der MPH-Response, während sich das FC2:P4-Verhältnis nicht replizieren ließ (Doppelblinde Crossoverstudie Atomoxetin gegenüber MPH, n = 58, herstellerfinanziert, E 2b.)74
- in der EEG-Reaktion auf MPH durch:
- frontale Beta-Zunahme sowie Theta- und Alpha-Abnahme bei Respondern, umgekehrtes Muster bei Nonrespondern (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, n = 10, E 2b.)75
- frontale Beta-Zunahme bei Respondern und Beta-Abnahme bei Nonrespondern. Die frontale Beta-Zunahme korrelierte mit der Besserung im CPT und im Elternurteil zu Aufmerksamkeit und Hyperaktivität. (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, n = 36, E 2b.)76
- Normalisierung mehrerer Kohärenzmaße nur bei guten Respondern (Fall-Kontroll-Studie, N = 63, n = 32, etwa 8 Wochen, Autor(en) bei Pharmaunternehmen angestellt, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)71
(E 2b): Modelle aus EEG- bzw. EEG- und klinischen Merkmalen sagten das Ansprechen auf Stimulanzien vorher mit:
- einer Genauigkeit (ROC) von 0,92 und d = 1,86 (Skala aus 6 Variablen aus EEG ohne und mit Einzeldosis, ereigniskorrelierten Potenzialen und Go/No-Go-Leistung) (Prospektive Studie, n = 87, 4 Wochen, E 2b.)77
- Nebenwirkungen ließen sich mit einer Genauigkeit von 0,78 (d = 1,08) vorhersagen
- einer Spezifität von 88,2 % und Sensitivität von 83,1 % (qEEG und Klinik vor Behandlung) (Offene Verlaufsstudie mit Kontrollgruppe, N = 161, n = 130, 6 bis 14 Monate, E 2b.)78
- 80 % korrekt klassifizierten Kindern (Differenz der EEG-Spektren mit und ohne MPH) und 73,3 % (Ruhe-EEG ohne Medikation) (Korrelationsstudie, n = 18, E 3.)79
- Responderraten von 36 % im untersten Quartil eines Index aus drei Variablen (IC-Cue-P3, IC-P3-No-Go früh, Theta-Power) gegenüber 83 %, 86 % und 89 % in den übrigen Quartilen (Prospektive Studie, N = 188, n = 98, mindestens 4 Wochen, E 2b.)58
Bei Erwachsenen mit ADHS unterschieden sich Betroffene mit und ohne emotionale Dysregulation weder im Ansprechen auf 4 Wochen MPH (Responder 32,1 % gegenüber 27,1 %, p = 0,555) noch in der EEG-Arousal-Regulation im Ruhe-EEG. Komorbide depressive Symptome veränderten das Ansprechen ebenfalls nicht signifikant (Responder 22,2 % gegenüber 41,4 % ohne depressive Symptome, p = 0,125). (Sekundäranalyse einer prädiktiven Pharmako-EEG-Studie, n = 115, 4 Wochen, E 2b.)80
Gute MPH-Responder unter Kindern mit ADHS-Mischtyp zeigten im Ruhe-EEG ein Profil kortikaler Unteraktivierung, gute Dexamfetamin-Responder dagegen eines, das auf eine Reifungsverzögerung hindeutete. Die Autoren werteten dies als Hinweis auf zwei verschiedene zentralnervöse Funktionsstörungen und auf die Notwendigkeit, die Medikation vor der Verordnung zu testen. (Fall-Kontroll-Studie, je 20 gute und 20 schlechte Responder je Wirkstoff, 20 Kontrollen, N = 100, E 3.)68
1.6. (Non-)Responding und D1R zu D2R-Verhältnis
Bedeutung für Betroffene
Eine Studie mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET, ein bildgebendes Verfahren) an 37 gesunden Personen untersuchte, warum MPH bei manchen Menschen die Aufmerksamkeit stärker verbessert als bei anderen. Bei Personen mit relativ mehr Dopamin-D2-Rezeptoren im Verhältnis zu D1-Rezeptoren in einem Teil des Striatums (dorsomediales Caudat) wirkte MPH besser. Dieses Verhältnis könnte nach den Autoren ein Biomarker für das Ansprechen auf MPH sein. Wie stark MPH das Dopamin im Striatum erhöhte, hing dagegen nicht mit der Leistungsverbesserung zusammen. Untersucht wurden nur gesunde Personen, nicht Betroffene mit ADHS.
An 37 gesunden Probanden fand eine PET-Studie: (Einfach verblindete, placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 37, E 2b.)81
Bei Menschen mit relativ mehr D2R im dorsomedialen Caudat wirkte MPH besser, Menschen mit relativ mehr D1R profitierten nur wenig.
Wissenschaftlich: Netzwerkaktivität, Rezeptorverhältnis und Dopaminanstieg
Zunehmende Aufmerksamkeitsbelastung und Belastung des Arbeitsgedächtnisses erhöhte die Aktivität eines Netzwerks aus lateralen frontoparietalen und visuellen Kortizes. Die MPH-bedingte Aktivitätsänderung dieses Netzwerks korrelierte mit der MPH-bedingten Leistungsverbesserung.
Ein niedrigeres D1R- zu D2R/D3R-Verhältnis im dorsomedialen Caudat korrelierte mit einer geringeren frontoparietalen Aktivität bei anhaltender Aufmerksamkeit und einer größeren Verbesserung der Gehirnfunktion und der Aufgabenleistung durch MPH und könnte daher ein Biomarker für MPH-Responding sein.
Der striatale Dopaminanstieg war von der MPH-induzierten Leistungsverbesserung unabhängig.
1.7. (Non-)Responding und Dosierung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Nach dem Eindruck von ADxS kann eine zu niedrige Dosis ein scheinbares Nichtansprechen verursachen. Die hierfür angeführte Quelle belegte diese Annahme allerdings nicht. Es gibt zugleich echte Nonresponder, bei denen auch stark erhöhte Dosen keine befriedigende Wirkung erzielen. Zudem wird von unterschiedlichen Nonresponderraten bei Kindern und Erwachsenen berichtet.
In einer Studie mit 76 Kindern besserte sich die Aufmerksamkeit im Unterricht nach einer Dosiserhöhung mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 bis 74 % bei Kindern, die auf eine niedrige Dosis nicht angesprochen hatten. Für schulische Leistung und Verhalten sagte ein Nichtansprechen auf niedrige Dosen dagegen ein Nichtansprechen auch auf höhere Dosen voraus. Unter mindestens einer der geprüften Dosen besserte sich das Verhalten bei 94 %, die Aufmerksamkeit bei 76 % und die schulische Leistung bei 53 % der Kinder. Das Körpergewicht sagte weder die optimale Dosis noch das Ansprechen vorher.
Einzelne Stimmen vermuten unter Nonrespondern Fälle von Unterdosierung, dass also die erforderliche Dosierung nicht erreicht wurde und nur fälschlich ein Nichtansprechen angenommen wird. (Narrativer Review, E 4)82
Nach unserem Eindruck kann eine zu niedrige Dosierung ein scheinbares Nonresponding verursachen. Gleichwohl gibt es echte Nonresponder, bei denen auch stark erhöhte Dosen keine befriedigenden Ergebnisse zeitigen.
Darüber hinaus wird eine unterschiedliche Nonresponderrate bei Kindern und Erwachsenen berichtet.
Wir vermuten, dass eine genauere Klassifikation der ADHS Subtypen hier einmal Erklärungen liefern wird.
Kinder, deren Aufmerksamkeit im Unterricht sich unter niedrigen MPH-Dosen nicht besserte, besserten sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 bis 74 % nach einer Dosiserhöhung. Für schulische Leistung und Verhalten sagte ein Nichtansprechen auf niedrige Dosen dagegen ein Nichtansprechen auch auf höhere Dosen voraus. Eine signifikante Besserung oder Normalisierung unter mindestens einer Dosis (5, 10, 15 oder 20 mg) zeigten für: (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 76, E 2b.)83
- Verhalten im Lehrerurteil 94 %
- Aufmerksamkeit 76 %
- schulische Leistung 53 %
Das Körpergewicht sagte weder den Dosis-Wirkungs-Verlauf noch die optimale Dosis, den Zugewinn unter optimaler Dosis oder den Responderstatus vorher. (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 76, E 2b.)84
1.8. Jahreszeiteinfluss auf MPH-Eindosierung?
Eine Studie fand ein jahreszeitabhängiges Muster der Unaufmerksamkeit bei mit niedrig dosiertem MPH behandelten Betroffenen. In der Jahreszeit zunehmender Lichtmenge (länger werdende Tage) zeigten niedrig dosierte Patienten eine relativ schlechtere Aufmerksamkeit. Dabei war nicht das Maß der Lichtmenge, sondern deren relative Veränderung relevant. Hohe MPH-Dosen führten zu einer höheren und über das Jahr weniger schwankenden Aufmerksamkeit. Eine stärkere Verringerung der Sonnenintensität ging mit einem besseren Ansprechen auf die Behandlung einher. Diese Ergebnisse zeigten sich auch bei den Auslassungsfehlern in einem CPT. (Offene Multicenterstudie, N = 336, n = 268, 6 Wochen, E 2b)85
Die Autoren interpretierten dies so, dass bei einem Behandlungsbeginn bei abnehmender Tageslänge eine niedrige MPH-Dosis ausreichen kann.
Es wird ein Zusammenhang mit dem circadianen Rhythmus vermutet. Die Autoren hypothetisieren, dass bei manchen Betroffenen (die weniger MPH benötigen?) eine gestörte Funktion der lichtempfindlichen Netzhautzellen in den ADHS-Untergruppen auf die Melatonin- und Dopamin-produzierenden Zellen in der Netzhaut vorliegen könnte. Sie stellen die Frage in den Raum, ob eine Kombination von MPH mit einer modulierten Lichttherapie das Responding verbessern könnte, so wie es bereits in Bezug auf Fluoxetin bei nicht saisonaler Depression berichtet wurde. (RCT, N = 122, 8 Wochen, E 1b)86
1.9. Indizien für gutes MPH-Responding
Bedeutung für Betroffene
Ob Methylphenidat (MPH) bei einer Person gut wirkt, lässt sich bisher nur begrenzt vorhersagen. Zahlreiche Studien fanden Merkmale, die mit einem besseren Ansprechen einhergingen. Die meisten Befunde stammen aus einzelnen, oft kleinen Studien, einige widersprechen sich.
Bei Erwachsenen ging eine höhere Ausgangsschwere der ADHS in mehreren Studien mit einem besseren Ansprechen einher. Bei Kindern waren die Befunde uneinheitlich. Im Vorschulalter sprachen Kinder mit nur schwach ausgeprägten begleitenden Verhaltens- oder emotionalen Problemen besonders häufig auf Stimulanzien an. Zum Alter fanden Studien gegenläufige Ergebnisse. Weitere Hinweise betrafen ADHS bei Verwandten, ein ähnliches Ansprechen innerhalb von Familien, den IQ, Schlafmerkmale und begleitende Störungen wie eine Störung des Sozialverhaltens. Ob die Symptome vor dem 7. Lebensjahr begonnen hatten, spielte für das Ansprechen keine Rolle.
Stärkere Aufmerksamkeits- und Exekutivdefizite vor Behandlung, etwa stark schwankende Reaktionszeiten, gingen in mehreren Studien mit einem besseren Ansprechen einher. Neuropsychologische Tests allein hatten bei Kindern und Jugendlichen jedoch nur einen begrenzten Vorhersagewert.
Die Reaktion auf die erste MPH-Dosis sagte in mehreren Studien das spätere Ansprechen vorher. Das betraf die Besserung der Symptome und der Testwerte, aber auch einen stärkeren Blutdruckanstieg nach der ersten Gabe. Ein frühes Ansprechen in den ersten Behandlungswochen ging mit geringeren Symptomen nach 3 Jahren einher. Höhere MPH-Blutspiegel nach einer Testdosis gingen bei Erwachsenen mit einer Besserung der Konzentration einher.
Auch Befunde aus Bildgebung, EEG, Eisenwerten im Gehirn und Blutwerten (z. B. BDNF, oxidativer Stress) hingen mit dem Ansprechen zusammen. Zum BDNF fanden Studien gegensätzliche Ergebnisse. Diese Befunde stammen überwiegend aus kleinen Studien.
Gene der Hirnentwicklung zeigten keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Wirkung von MPH. Eine Metaanalyse fand bei Trägern einer bestimmten Variante des Gens für den Noradrenalintransporter häufiger ein Ansprechen auf MPH.
Die gefundenen Merkmale beschreiben Wahrscheinlichkeiten in Gruppen, keine sichere Vorhersage für Einzelne.
1.9.1. Klinische und demografische Merkmale
Bei ADHS im Vorschulalter korrelierten niedrige externalisierende oder internalisierende Symptomstärken mit einer hohen Wahrscheinlichkeit des Ansprechens auf Stimulanzien. Bei hohen externalisierenden oder internalisierenden Symptomstärken näherte sich die Respondingquote von Stimulanzien der von Alpha-2-Agonisten an (Responderquote berechnet als 100 % minus Nonresponderanteil): (Retrospektive Aktenauswertung, N = 309, n = 195, E 3.)87
| Responder | Symptomstärke: | schwach | mittel | stark |
|---|---|---|---|---|
| Stimulanzien | Externalisierend | 96,4 % | 74,3 % | 66,6 % |
| Alpha-2-Agonisten | Externalisierend | 40 % | 50 % | 67 % |
| Stimulanzien | Internalisierend | 80,6 % | 77,5 % | 50 % |
| Alpha-2-Agonisten | Internalisierend | 57,7 % | 70 % | 57,7 % |
ADHS-Betroffene, bei denen die medikamentöse Behandlung nicht wirkte (Nonresponder), hatten mehr wahrgenommenen Stress nach der Perceived Stress Scale (PSS) als ADHS-Betroffene, bei denen sie wirkte (Responder). (Querschnittsstudie, N = 202, n = 76 mit ADHS, E 3.)88
(E 1b): Ein besseres Ansprechen auf MPH sagten vorher:
- hohe Hyperaktivität in der Schule und geringeres Alter (Normalisierung der Hyperaktivität in mindestens einem Umfeld), die zusammen aber nur 71 % der Jungen korrekt klassifizierten (RCT, doppelblind, Crossover, n = 36, E 1b.)24
- schwerere exekutive Defizite (Reaktionszeitvariabilität β = 0,670, p = 0,042) und schwerere ADHS-Symptome bei Erwachsenen unter OROS-MPH (RCT, Crossover, n = 22, 6 Wochen, E 1b.)89
- eine niedrige MPH-Dosis vor der Umstellung auf retardiertes MPH, mit höherer Wahrscheinlichkeit, einer von 2 (von insgesamt 4) Verlaufsgruppen mit starker Besserung anzugehören (Beobachtungsstudie, N = 822, 3 Monate, herstellerfinanziert, E 2b.)90
- die klinische Besserung nach einer Einzeldosis MPH, die die Symptombesserung nach 4 Wochen MPH-Behandlung vorhersagte. Von 63 Einzeldosis-RCT prüfte nur eine Sekundäranalyse (n = 46) diesen Zusammenhang (Evidenz der Aussage: Sekundäranalyse einer RCT) (Systematischer Review, k = 63 RCT, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1a.)91
(E 2b): Klinische und demografische Merkmale vor Behandlung sagten ein besseres Ansprechen auf MPH vorher bei
- höherer Ausgangsschwere der ADHS bei:
- Erwachsenen unter unretardiertem MPH als einzigem Prädiktor (b = 0,770), unabhängig von Komorbiditäten (Naturalistische Studie, n = 250, E 2b.)92
- Erwachsenen unter OROS-MPH (CAARS) als stärkstem Prädiktor (Post-hoc-Analyse einer RCT, N = 401, 12 Wochen, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)93
- Erwachsenen unter MPH oder Atomoxetin, zusammen mit komorbider Suchterkrankung (49,3 % Responder, d = 0,72) (Naturalistische Studie, N = 150, n = 75, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)94
- Kindern und Jugendlichen unter MPH oder Neurofeedback als relevantestem Prädiktor (RCT, n = 146, Autor(en) bei Neurofeedback-Hersteller angestellt, E 2b.)95
- Kindern mit Intelligenzminderung (IQ 48 bis 77) mit höherer Impulsivität und Aktivität im Elternurteil (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, n = 47, E 2b.)96
- Jungen mit höherem Hyperaktivitätsfaktor (r = 0,18, Trend) (Längsschnittstudie, n = 84, E 2b.)97
- höherem Alter bei:
- familiärer Belastung bei:
- ADHS bei Verwandten ersten Grades und antisozialer Persönlichkeitsstörung bei Verwandten zweiten Grades guter Responder (74 gute, 44 schlechte Responder) (Familienstudie zu einer doppelblinden placebokontrollierten Crossover-RCT, n = 118, 2 Wochen, E 2b.)99
- ähnlichem Ansprechen innerhalb von Familien (Intraklassenkorrelation Hyperaktivität/Impulsivität 0,86, Gesamtsymptomatik 0,81, CGI-I 0,68, Unaufmerksamkeit 0,61) bei 19 Geschwister- oder Eltern-Kind-Paaren (Offene Studie, n = 38, 4 Wochen, E 2b.)100
- höherem IQ und mehr Angst im Lehrerurteil (zusammen 18 % erklärte Varianz, kein Prädiktor im Elternurteil) (RCT MPH gegenüber MPH plus Verhaltenstherapie, n = 50, 10 Wochen, E 2b.)101
- mehr perinatalen Komplikationen (r = 0,25) (Längsschnittstudie, n = 84, E 2b.)97
- männlichem Geschlecht bei:
- Kindern mit Intelligenzminderung, ebenso weißer Hautfarbe und höherem sozioökonomischem Status (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, n = 47, E 2b.)96
- Erwachsenen für einzelne Endpunkte, ebenso niedrigerem Bildungsabschluss (Post-hoc-Analyse einer RCT, N = 401, 12 Wochen, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)93
- höherem Ausgangsgewicht und vorheriger Atomoxetinbehandlung für die Remission nach 12 Monaten (Prospektive Beobachtungsstudie, N = 455, n = 221 mit MPH, 12 Monate, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)102
- Schlafmerkmalen bei:
- kürzerer Schlafdauer vor Behandlung im Elternurteil, unabhängig von der Ausgangsschwere (Stimulanzien) (Prospektive Studie, n = 50, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)103
- stärkeren Schlafstörungen mit stärkerer Stabilisierung der Reaktionszeitvariabilität nach MPH-Einzeldosis (Retrospektive Einzeldosisstudie, n = 43, E 3.)104
- hohem IQ, ausgeprägter Unaufmerksamkeit in der Schule, jüngerem Alter, geringerer Ausgangsschwere und wenig Angst zu Hause für eine Besserung zugleich zu Hause und in der Schule (81 % korrekt klassifiziert) (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, N = 52, n = 46, 4 Wochen, E 2b.)105
Das Erfüllen des Alterskriteriums (Symptombeginn vor 7 Jahren) ging nicht mit besserem Ansprechen auf MPH einher. Erwachsene mit spätem Beginn sprachen sogar besser an (F = 5,76, p = 0,018), Kinder und Jugendliche nicht unterschiedlich (F = 0,865, p = 0,354). (Naturalistische Studie, N = 291, 1 Monat, E 2b.)106
(E 2b): Mit einem besseren Ansprechen auf MPH gingen einher:
- komorbide ODD oder Störung des Sozialverhaltens ohne Kontrolle für weitere Komorbiditäten (häufiger gute Response, p = 0,01, nach Adjustierung für Angst, Depression und Einkommen nicht mehr signifikant, OR 1,66, 95%-KI 0,89 bis 3,11) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 267, 2 Wochen, E 2b.)107
- niedriges Familieneinkommen (Haushaltseinkommen unter 20.000 Dollar, OR 0,49, 95%-KI 0,26 bis 0,91, unabhängig von Alter und Geschlecht) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 267, 2 Wochen, E 2b.)107
- höheres Alter:
- stärkere prozentuale Symptomabnahme (β = -0,45, SE 0,08, p unter 0,001) (Gepoolte Analyse und Metaregression, k = 9, N = 782, E 2b.)108
- höhere Responsewahrscheinlichkeit über alle Medikamente (OR 1,053, 95%-KI 1,017 bis 1,091), in der MPH-Monotherapiegruppe nicht signifikant (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- höhere Ausgangsschwere (Gegenbefunde siehe ⇒ 5.7):
- bei medikamentennaiven Erwachsenen stärkere exekutive Beeinträchtigung (BRIEF-GEC, OR 1,13 je T-Punkt, 95%-KI 1,02 bis 1,25) und bessere Lebensqualität (Q-LES-Q, OR 1,23, 95%-KI 1,05 bis 1,45), zusammen AUC 0,81 (MPH oder Amfetaminmedikamente, Responder 50 %) (Naturalistische prospektive Studie, n = 36, durchschnittlich 116 Tage, E 2b.)111
- größeres Volumen der grauen Substanz im Kopf des Nucleus caudatus beidseits und im rechten Nucleus accumbens (16 gute gegenüber 11 schlechten Respondern, medikamentennaive Kinder). Das Volumen korrelierte mit der Besserung im CPRS und im CPT (MRT-Studie, n = 27, 1 Monat, E 2b.)112
1.9.2. Neuropsychologische Merkmale
(E 2b): Neuropsychologische Merkmale vor Behandlung sagten das Ansprechen auf MPH vorher bei:
- höherer Variabilität und Schiefe sowie geringerer Komplexität der Reaktionszeitreihen (CPT II) bei Respondern, die sich nur bei Respondern unter MPH normalisierten (Erwachsene, 63 % Responder nach CGI-I) (Offene prospektive Studie, N = 123, 6 Wochen, E 2b.)113
- stärkeren Aufmerksamkeitsdefiziten (Enkodierung, Gedächtnissuche, Entscheidung, fokussierte und Daueraufmerksamkeit, Vigilanz) bei Respondern als bei Nonrespondern. Anamnese, IQ und neurologische Befunde unterschieden die Gruppen nicht. (Fall-Kontroll-Studie mit RCT-Crossover bei Respondern, N = 85, n = 58, 4 Wochen je Phase, E 2b.)114
- höheren Kommissionsfehlerraten im CPT, die bei ADHS mit ODD mit der Besserung der ODD-Symptome und bei ADHS ohne ODD mit der Besserung im Lehrerurteil korrelierten (Prospektive Studie, n = 53, 12 Wochen, E 2b.)115
- höherem selbstberichtetem BRIEF-A-Wert für Arbeitsgedächtnis (Erwachsene, MPH oder Amfetamin, r = 0,42) (Prospektive Studie, n = 36, etwa 4 Monate, E 2b.)116
- Ausgangswerten in Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis sowie ADHS-Schwere für die Besserung nach Einzeldosis. Emotionale und Verhaltenssymptome sagten außer Symptomen einer Störung des Sozialverhaltens nichts vorher. (Einzeldosisstudie, n = 48, E 2b.)98
- Alter und Leistungen in einer Gedächtnis-Ablenkungsaufgabe und im Graduated Holes Task (zusammen etwa 50 % der Varianz des klinischen Ansprechens). Veränderungen in den Tests hingen kaum mit der klinischen Besserung zusammen. (Klinische Studie, n = 26, E 2b.)117
Neurokognitive Indizes (CPT, BRIEF) hatten bei Kindern und Jugendlichen nur begrenzten prognostischen Wert für das Ansprechen auf MPH oder Neurofeedback und eigneten sich eher als Verlaufsmarker unter MPH (Kommissionsfehler, Variabilität der Reaktionszeit, BRIEF-Gesamtwert). (RCT, n = 146, Autor(en) bei Neurofeedback-Hersteller angestellt, E 2b.)95
1.9.3. Reaktion auf die erste MPH-Dosis
Ein stärkerer Anstieg des systolischen Blutdrucks nach akuter MPH-Gabe korrelierte mit einer stärkeren Verbesserung der Aufmerksamkeitsleistung im CPT. (Explorative Analyse, n = 513, E 2b.)118
(E 2b): Die Reaktion auf eine erste MPH-Dosis bzw. die frühe Reaktion sagte das spätere Ansprechen vorher bei:
- Besserung von Hyperaktivität/Impulsivität (BAARS-IV) und QbTest-Werten nach 20 mg MPH gegenüber Placebo mit der Besserung nach 2 Monaten (Erwachsene, p unter 0,001). Multivariate Modelle mit Einzeldosisreaktion und Ausgangsmerkmalen erreichten Korrelationen zwischen vorhergesagtem und tatsächlichem Outcome bis r = 0,69. (Placebokontrollierte Einzeldosisstudie, n = 60, 2 Monate, herstellerfinanziert, E 2b.)119
- Ansprechen auf eine Einzeldosis von 10 mg MPH für eine Besserung zugleich zu Hause und in der Schule nach 4 Wochen (positiver Vorhersagewert 78 %, negativer 68 %, 70 % korrekt klassifiziert) (Doppelblinde placebokontrollierte Studie, N = 52, n = 46, 4 Wochen, E 2b.)105
- stärkerem Blutdruckanstieg bei der ersten MPH-Gabe mit stärkerer Symptomreduktion nach 6 Monaten (gesamt β = 0,233, Hyperaktivität/Impulsivität β = 0,225, Unaufmerksamkeit β = 0,202) (Retrospektive Aktenauswertung, N = 171, 6 Monate, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)120
- Abnahme der funktionellen Konnektivität (SSVEP-Kohärenz) 90 Minuten nach der ersten MPH-Dosis frontal-präfrontal mit Besserung der Hyperaktivität und okzipitoparietal mit Besserung der Unaufmerksamkeit nach 3 Monaten (stimulanziennaive Jungen) (Prospektive Studie, n = 40, 3 Monate, E 2b.)121
- höheren Werten für „Wanting“ (Anreizsalienz) und „Liking“ (hedonisches Erleben) nach Einzeldosis bei Respondern (24 von 29) gegenüber Nonrespondern und Kontrollen (MPH oder Lisdexamfetamin). „Wanting“ korrelierte mit Konnektivitätsänderungen im ventralen Striatum einschließlich Nucleus accumbens. (Fall-Kontroll-Studie mit fMRT, N = 54, n = 29, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)122
- Response in Woche 3 (Symptomreduktion um mindestens 20 %) und Woche 12 (um mindestens 40 %) mit geringerer Symptomatik nach 3 Jahren (ADHD-RS 24,1 gegenüber 29,6 bzw. 26,0 gegenüber 34,2), unabhängig von anderen Prädiktoren, in der adjustierten Analyse jedoch nicht mit dem Funktionsniveau (Klinische Kohortenstudie, n = 148, 3 Jahre, E 2b.)123
Höhere MPH-Plasmaspiegel und das Fehlen von Nebenwirkungen nach der Testdosis sagten bei Erwachsenen mit ADHS eine Besserung der Konzentration nach einer akuten MPH-Gabe vorher, der Plasmaspiegel auch eine Besserung der Anspannung. Patienten mit Besserung von Konzentration, Anspannung und Impulsivität hatten signifikant höhere Plasmaspiegel als solche ohne Besserung (p = 0,001 bis 0,004). (Prospektive Challenge-Studie, n = 71, Einzeldosis, E 2b.)124
1.9.4. Neurobiologische Merkmale
Erhöhte Eisenspiegel im Putamen und im Caudatus korrelierten mit einem besseren MPH-Responding bei ADHS. Erhöhte Eisenspiegel im Putamen korrelierten - nicht nur bei ADHS - mit einer verschlechterten Inhibition. (Bildgebungsstudie mit randomisierter placebokontrollierter MPH-Crossover-Gabe, N = 65, n = 36, E 2b)125
Wissenschaftlich: EEG-Frequenzbänder als Prädiktoren der Hyperaktivitätsbesserung
Eine stärkere Verbesserung der Hyperaktivitätssymptome unter Methylphenidat zeigten ADHS-Betroffene mit: (Prospektive Studie, n = 51, E 2b.)126
- erhöhter Deltapower bei F8
- erhöhter Thetapower bei Fz, F4, C3, Cz, T5
- erhöhter Gammapower bei T6
- verminderter Betaleistung bei F8 und P3
- erhöhtem Delta/Beta-Leistungsverhältnis bei F8
- erhöhtem Theta/Beta-Leistungsverhältnis bei F8, F3, Fz, F4, C3, Cz, P3 und T5
Wissenschaftlich: Sulcus-Tiefe, Dopaminfreisetzung, DAT, Hirnstruktur und Biomarker
Bei Erwachsenen mit ADHS sagte die Sulcus-Tiefe vor Behandlungsbeginn den Behandlungserfolg nach 12 Wochen je nach Behandlungsform unterschiedlich voraus: (Sekundäranalyse eines RCT, n = 119, 12 Wochen, E 2b.)127
- unabhängig von der Behandlungsform: größere Sulcus-Tiefe im rechten Gyrus lingualis bei stärkerer Verringerung der Impulsivität
- unter MPH: geringere Sulcus-Tiefe im linken Gyrus supramarginalis bei stärkerer Verringerung der Hyperaktivität und der DSM-Gesamtsymptomatik, moderiert durch die genetische ADHS-Belastung (polygener Score)
- unter Gruppenpsychotherapie: größere Sulcus-Tiefe (u. a. rechter Gyrus lingualis und parahippocampaler Gyrus) bei stärkerer Verringerung der Gesamtsymptomatik und der Unaufmerksamkeit
(E 1b): Mehrere Bildgebungsstudien nannten Indizien für ein gutes MPH-Responding auf Ebene der Dopaminfreisetzung und DAT-Belegung:
- die Dopaminfreisetzung im postkommissuralen Caudatum sagte die Wirkung auf das Reversal Learning vorher, die im ventralen Striatum die auf das räumliche Arbeitsgedächtnis. Impulsivere Personen setzten mehr Dopamin frei und profitierten mehr. (PET [11C]Racloprid, Gesunde, E 2b.)128
- MPH normalisierte den Dopaminanstieg im linken Caudatum bei Personen mit schlechter Aufmerksamkeitsleistung (ausgangswertabhängige Verbesserung). (RCT, Crossover, PET [18F]Fallyprid, n = 16 ADHS, n = 16 Kontrollen, E 1b.)129
- eine höhere Ausgangs-DAT im Putamen sagte eine Besserung der Daueraufmerksamkeit vorher. (Längsschnitt-PET, DAT [18F]FEPE2I und NET [18F]FMeNER-D2, n = 21 vor, n = 12 nach Behandlung, E 2b.)130
- eine höhere Ausgangs-DAT-Bindung und eine stärkere DAT-Senkung unter MPH gingen mit höheren Symptomratings ohne MPH einher (r = 0,56, p = 0,04, bzw. r = 0,68, p = 0,01), was die DAT-Bindung als Marker der Symptomschwere nahelegt. (Within-Subject-SPECT [123I]Beta-CIT, n = 13, E 2b.)131
Diese Befunde ergänzen die unter 2.1.1.1.1, 2.1.1.2 und 2.1.1.4 dargestellten Mechanismen.
(E 2b): Die Hirnstruktur (T1-MRT) vor Behandlung hing mit dem Ansprechen auf MPH zusammen bei:
- kleinerem linkem Putamen und größerem Precuneus schlechter Responder (n = 16) gegenüber guten Respondern (n = 63) (medikamentennaiv, 6 bis 42 Jahre). Ein SVM-Modell aus den Volumina dieser und weiterer Regionen (links frontoparietal, okzipital, Kleinhirn) unterschied gute und schlechte Responder mit 87,4 % balancierter Genauigkeit (AUC 0,88). (Retrospektive Beobachtungsstudie, n = 79, mindestens 1 Monat, E 3.)132
- geringerer Gyrifizierung im linken Gyrus frontalis medius rostralis mit stärkerer Besserung der Hyperaktivität unter MPH (Erwachsene). Über alle Behandlungsarme (Gruppenpsychotherapie oder Clinical Management, jeweils mit MPH oder Placebo) ging eine höhere linksfrontale Gyrifizierung mit stärkerer Symptombesserung einher. (Sekundäranalyse einer RCT, n = 121, davon 58 mit MPH, 12 Wochen, E 2b.)133
(E 2b): Neurobiologische Merkmale gingen mit besserem Ansprechen auf MPH einher bei:
- erhöhter striataler DAT-Bindung vor Behandlung (99mTc-TRODAT-1-SPECT, 17 von 22 Erwachsenen, +23,8 % gegenüber Kontrollen), von denen 16 ansprachen (CGI-I 1,9). Alle 5 Betroffenen mit erniedrigter DAT-Bindung (-14,4 %) waren Nonresponder (CGI-I 4,2). (Prospektive Studie, n = 22, 10 Wochen, E 2b.)134
- Die meisten MPH-Nonresponder mit niedriger DAT-Verfügbarkeit profitierten nach Erfahrung der Autorin eines Reviews gut von Amfetaminmedikamenten. (Narrativer Review, E 4.)135
- stärkerem Dopaminanstieg im ventralen Striatum nach 0,5 mg/kg MPH i. v. mit stärkerer Abnahme der Unaufmerksamkeit unter 12-monatiger Behandlung (r = 0,70). Signifikant war dies für die nach 12 Monaten gemessenen Dopaminanstiege, nicht für die vor Behandlungsbeginn gemessenen. Auch präfrontale und temporale Dopaminanstiege korrelierten mit der Besserung der Unaufmerksamkeit. (Prospektive PET-Studie, n = 20, 12 Monate, E 2b.)136
- hoher Aktivierung des rechten Nucleus caudatus bei Reaktionshemmung (Go/No-Go, fMRT) mit robuster Response bei 94,4 % unter MPH gegenüber 38,8 % unter Atomoxetin (NNT = 2, 95%-KI 1,31 bis 3,73). Bei niedriger Caudatus-Aktivierung unterschieden sich die Responseraten nicht (33,3 % gegenüber 50,0 %). (Randomisierte Crossoverstudie MPH gegenüber Atomoxetin, n = 36, E 2b.)137
- BDNF im Plasma mit gegensätzlichen Befunden bei:
- höherem Ausgangs-BDNF mit stärkerer Besserung von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität im Elternurteil (BDNF bei ADHS höher als bei Kontrollen und nach 12 Wochen MPH weiter erhöht) (Prospektive Studie mit Kontrollgruppe, N = 46, n = 21, 12 Wochen, E 2b.)138
- niedrigerem Ausgangs-BDNF mit stärkerer Besserung der Hyperaktivität (r = -0,395), bei Anstieg des BDNF unter MPH von 193,06 auf 271,06 pg/ml (Prä-post-Studie, n = 28, 6 Wochen, E 2b.)139
- unterschiedlichen Verläufen von miR-140-3p, miR-27a-3p, miR-486-5p und miR-151-5p in weißen Blutzellen bei Respondern und Nonrespondern unter 12-monatiger MPH-Behandlung (Fall-Kontroll-Studie mit Verlauf, N = 228, n = 92 nach 12 Monaten MPH, E 2b.)140
Die Ausgangswerte von Malondialdehyd (MDA), oxidiertem LDL und Gesamtoxidantienstatus unterschieden bei zuvor unbehandelten 6- bis 11-Jährigen Kinder mit über 50 % Symptomverringerung nach 3 Monaten MPH im Elternurteil (AUC etwa 0,71 bis 0,74). Für das Lehrerurteil erreichten mehrere Marker eine gute Trennschärfe (AUC etwa 0,82 bis 0,85). (Prospektive Beobachtungsstudie, n = 39, 3 Monate, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)141
1.9.5. Genetische Merkmale
Wissenschaftlich: Gene der neuronalen Entwicklung und Noradrenalin-Genvarianten
Eine Studie fand keine bzw. nur geringe Relevanz von bestimmten Genen, die besondere Relevanz für die neuronale Entwicklung haben (“Neurodevelopmental Network”), auf die Wirkung von MPH oder Atomoxetin bei ADHS. (Kohortenstudie, n = 241, 12 Wochen, E 2b)142
Eine Meta-Analyse über 15 Studien und 1382 Patienten fand, dass Träger des T-Allels des NET-Gen-Polymorphismus rs28386840 signifikant häufiger auf MPH ansprachen (OR 2,05) und eine signifikant stärkere Verbesserung der hyperaktiv-impulsiven Symptome zeigten als Nichtträger des T-Allels. ADRA2A-Polymorphismen korrelierten nicht signifikant mit dem Ansprechen auf MPH. Träger des G-Allels des MspI-Polymorphismus zeigten jedoch einen Zusammenhang mit einer signifikanten Verbesserung der Unaufmerksamkeitssymptome. (Metaanalyse, k = 15, N = 1.382, E 2b.)143
1.10. Indizien für ein schlechtes MPH-Responding
Bedeutung für Betroffene
Mehrere Studien fanden Merkmale, die mit einem schlechteren Ansprechen auf MPH einhergingen. Viele Befunde stammen aus einzelnen Studien, einige widersprechen sich oder den Befunden unter 5.6.
Jugendliche mit ADHS, bei denen die Medikation nicht wirkte, erlebten mehr Stress als solche, bei denen sie wirkte. Bei Menschen ohne ADHS gingen mehr belastende Kindheitserlebnisse mit einer stärkeren Dopaminreaktion auf Amphetamin einher. ADxS vermutet daraus, dass bei Betroffenen mit Kindheitstraumata eine niedrigere Stimulanziendosis passender sein könnte. Diese Vermutung beruht auf Erfahrung mit einzelnen Betroffenen, nicht auf Studien.
Begleitende Angststörungen gingen in einigen Studien mit einem schlechteren Ansprechen einher, in anderen nicht. Emotionale Dysregulation ging bei Kindern und Jugendlichen mit stärkeren verbleibenden Symptomen einher, bei Erwachsenen nicht. Eine oppositionelle Störung oder eine Störung des Sozialverhaltens ging überwiegend mit einem schlechteren Ansprechen einher, eine Studie fand das Gegenteil. Weitere ungünstige Merkmale waren grenzwertige oder unterdurchschnittliche Intelligenz, Lernstörungen, Einnässen, mehrere Begleitstörungen im Vorschulalter und Kokainabhängigkeit. Zum Autismus waren die Befunde widersprüchlich.
Auch Merkmale der Eltern hingen mit dem Ansprechen zusammen, etwa Depressivität der Eltern, ADHS-Symptome oder antisoziale Symptome der Mutter sowie eine ungewollte Schwangerschaft.
Eine höhere Ausgangsschwere ging in einigen Studien mit einem schlechteren Ansprechen einher, andere Studien (siehe 5.6) fanden das Gegenteil. Auch der kombinierte Subtyp ging mit einem schlechteren Ansprechen einher, eine Studie fand dies für den vorwiegend unaufmerksamen Subtyp. Bei Nonrespondern fanden sich zudem stärker schwankende Reaktionszeiten, niedrigere Vitamin-D-Werte und Unterschiede in Durchblutung, Volumen und Vernetzung einzelner Hirnregionen. Eisenmangel beeinflusste das kurzfristige Ansprechen nicht. Stimmungsbezogene Nebenwirkungen gingen nur im Elternurteil mit einem schlechteren Ansprechen einher, was die Autoren als Beobachtereffekt deuteten.
Eine kleine Studie fand bei Kindern ohne Ansprechen höhere MPH-Blutspiegel als bei Kindern mit Ansprechen.
1.10.1. Stress und Kindheitsbelastungen
ADHS-Betroffene, bei denen die medikamentöse Behandlung nicht wirkte (Nonresponder), hatten mehr wahrgenommenen Stress nach der Perceived Stress Scale (PSS) als ADHS-Betroffene, bei denen sie wirkte (Responder). (Querschnittsstudie, N = 202, n = 76 mit ADHS, E 3.)88
Bei Nichtbetroffenen korrelierte die Anzahl traumatischer Ereignisse in der Kindheit mit dem Maß an aktuell empfundenem Stress sowie mit einer stärkeren Dopaminreaktion im ventralen Striatum auf Amphetamin. (Korrelationsstudie mit PET, n = 28, E 3)144
Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass erhöhte kindliche Traumata mit einer erhöhten striatalen Dopaminreaktion auf Stimulanzien einhergehen, sodass bei diesen eine deutlich niedrigere Stimulanziendosis passender wäre. Wir erinnern uns spontan an Betroffene, bei denen dies zutrifft. (Erfahrung ADxS)
1.10.2. Komorbiditäten, klinische und neurobiologische Merkmale
Stimulanziennaive Kinder mit Mischtyp und begleitender Verhaltensstörung verbesserten sich unter OROS-MPH in Arbeitsgedächtnis- und Aufmerksamkeitstests weniger deutlich als Kinder ohne Verhaltenskomorbidität. (Pilotstudie mit Kontrollgruppe, N = 23, n = 12, 1 Monat, E 2b.)145
(E 2b): Komorbide Angststörungen bzw. internalisierende Symptome gingen einher mit
- schlechterem Ansprechen auf MPH bei:
- Angststörung ohne weitere Komorbidität (seltener gute Response, OR 0,38, 95%-KI 0,16 bis 0,89, unabhängig von Alter, Geschlecht und Einkommen, 0,5 mg/kg/Tag) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 267, 2 Wochen, E 2b.)107
- Angststörung (seltener Besserung um 25 % oder mehr im Lehrerurteil, CTRS, OR 0,32, 95%-KI 0,11 bis 0,99, schlechtestes Ansprechen aller Untergruppen unter OROS-MPH) (Naturalistische Studie, n = 223, 1 Monat, E 2b.)146
- ausgeprägten internalisierenden Symptomen (positive Response im Lehrerurteil unter 15 mg bei 25 %, ohne internalisierende Symptome bei über 60 %, Verschlechterung des Unterrichtsverhaltens bei 25 % gegenüber 9,1 % und 0 %) (Doppelblinde placebokontrollierte Studie mit 3 Dosen, n = 40, E 2b.)147
- Angststörung bei kognitiven Leistungen (geringere Besserung im WISC-Zahlen-Symbol-Test und in der Symbolsuche, Verhaltensresponse gleich) (Pilotstudie, n = 18, 4 bis 6 Wochen, E 2b.)148
- Angststörung beim Arbeitsgedächtnis (Besserung der auditiv-verbalen Manipulation und der visuell-räumlichen Speicherung nur ohne Angststörung, visuell-räumliche Manipulation in beiden Gruppen gebessert, 32 % mit Angststörung) (Randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie mit 3 Dosen, n = 130, E 2b.)149
- keinem Unterschied im Ansprechen bei:
- Angststörung (Besserung um 50 % oder mehr im SNAP-IV nach 1 Monat bei 32,8 % mit gegenüber 27,6 % ohne Angststörung, p = 0,47, Effektstärke des Gruppenunterschieds 0,27) (Naturalistische Studie, n = 280, 1 Monat, E 2b.)150
- Angststörung (kein Unterschied in Verhalten und Nebenwirkungen nach Titration und nach 4 Monaten, Kinder mit Angststörung erreichten am Ende der Titration eine niedrigere Dosis) (Randomisierte placebokontrollierte Studie, n = 91, 4 Monate, E 2b.)151
(E 2b): Emotionale Dysregulation ging einher mit
- höheren ADHS-RS-Werten nach 4 Wochen MPH bei Kindern und Jugendlichen (CBCL-Dysregulationsprofil, gesamt B = 0,13, p = 0,04, hyperaktiv-impulsiv B = 0,10, p = 0,04, nicht für Unaufmerksamkeit, Callous-unemotional-Traits ohne Einfluss) (Offene Studie, n = 43, 4 Wochen, E 2b.)152
- keinem Unterschied der Responderrate bei Erwachsenen (32,1 % gegenüber 27,1 %, p = 0,555, mit komorbiden depressiven Symptomen 22,2 % gegenüber 41,4 %, p = 0,125) (Sekundäranalyse einer prädiktiven Pharmako-EEG-Studie, n = 115, 4 Wochen, E 2b.)80
(E 2b): Weitere Komorbiditäten gingen mit einem schlechteren Ansprechen auf MPH einher bei:
- ODD bzw. Störung des Sozialverhaltens:
- geringere prozentuale Symptomabnahme bei ODD (β = 9,58, SE 2,38, p unter 0,001) (Gepoolte Analyse und Metaregression, k = 9, N = 782, E 2b.)108
- seltener Besserung um 25 % oder mehr im Lehrerurteil bei ODD/CD (OR 0,47, 95%-KI 0,29 bis 0,78) (Naturalistische Studie, n = 345, E 2b.)110
- schlechteres Ansprechen bei komorbider ODD (SNAP-IV, p = 0,03) (Naturalistische Längsschnittstudie, n = 125, 6 Monate, E 2b.)153
- geringere Responsewahrscheinlichkeit unter MPH-Monotherapie bei Störung des Sozialverhaltens (OR 0,535, 95%-KI 0,294 bis 0,977) (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- gegenläufig häufiger gute Response bei ODD oder CD (p = 0,01, nach Adjustierung nicht signifikant), siehe ⇒ 5.6 (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 267, 2 Wochen, E 2b.)107
- grenzwertiger bzw. unterdurchschnittlicher Intelligenz:
- exzellente Response bei unterdurchschnittlichem IQ 10 %, bei IQ im Mittel oder darüber 48 % (nur in der Untergruppe mit elterlicher Depressivität und hoher Ausgangsschwere, Medikations- und Kombinationsarm der MTA) (Sekundäranalyse einer RCT, N = 579, n = 41 in dieser Untergruppe, 14 Monate, E 2b.)154
- grenzwertige Intelligenz unter MPH-Monotherapie OR 0,404 (95%-KI 0,237 bis 0,690) (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- Autismus-Spektrum-Störung:
- geringere Responsewahrscheinlichkeit unter MPH-Monotherapie (OR 0,405, 95%-KI 0,211 bis 0,779) (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- gegenläufig kein Unterschied in Wirkung und Zahl klinisch relevanter Nebenwirkungen bei hohen gegenüber niedrigen ASS-Symptomen (Medikation nach 3 Monaten überwiegend MPH, 75 % bzw. 77 %, nicht getrennt ausgewertet) (Prospektive Kohortenstudie, n = 323, 3 Monate, E 2b.)155
- sonstigen Komorbiditäten unter MPH-Monotherapie: (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- Enuresis OR 0,239 (95%-KI 0,107 bis 0,535)
- Anpassungsstörung OR 0,242 (95%-KI 0,082 bis 0,719)
- Kommunikationsstörungen OR 0,221 (95%-KI 0,071 bis 0,682)
- Lernstörungen (seltener Besserung um 25 % oder mehr im Lehrerurteil, OR 0,44, 95%-KI 0,26 bis 0,77) (Naturalistische Studie, n = 345, E 2b.)110
- 3 oder mehr Komorbiditäten bei Vorschulkindern (d = -0,37 bei 7,5 mg gegenüber Placebo, bei 0 bis 2 Komorbiditäten d = 0,56 bis 1,00), siehe ⇒ 2.13 (Moderatoranalyse einer RCT (PATS), N = 165, 5 Wochen, E 2b.)156
- Kokainabhängigkeit bei Erwachsenen (Symptomreduktion 34 % gegenüber 56 %, Responder 38 % gegenüber 75 %, nicht signifikant). MPH besetzte bei Kokainabhängigkeit weniger striatale DAT, die DAT-Belegung korrelierte aber nicht mit der Symptombesserung, siehe ⇒ 2.1.1.2 (Offene SPECT-Studie, n = 24, 2 Wochen, E 2b.)157
(E 2b): Elterliche und psychosoziale Faktoren gingen mit einem schlechteren MPH-Ansprechen einher bei:
- elterlicher Depressivität (exzellente Response 45 % bei BDI 9 oder höher, 69 % bei BDI 8 oder niedriger, OR 0,37, 95%-KI 0,22 bis 0,62, Medikations- und Kombinationsarm der MTA, kein Einfluss im Verhaltenstherapie- und Kontrollarm) (Sekundäranalyse einer RCT, N = 579, 14 Monate, E 2b.)154
- mütterlichen ADHS-Symptomen (p unter 0,001) (Naturalistische Längsschnittstudie, n = 125, 6 Monate, E 2b.)153
- mütterlichen antisozialen Symptomen (Besserung um 25 % oder mehr im Elternurteil, OR 0,83, 95%-KI 0,75 bis 0,92) (Naturalistische Studie, n = 223, 1 Monat, E 2b.)146
- mütterlichen antisozialen Symptomen (Besserung um 25 % oder mehr im Lehrerurteil, OR 0,9, 95%-KI 0,82 bis 0,99) (Naturalistische Studie, n = 223, 1 Monat, E 2b.)146
- mütterlichen Angst- und Depressionssymptomen (Besserung um 25 % oder mehr im Elternurteil, OR 0,95, 95%-KI 0,9 bis 0,99) (Naturalistische Studie, n = 223, 1 Monat, E 2b.)146
- ungewollter Schwangerschaft (p = 0,02, als einziger von mehreren psychosozialen Belastungsfaktoren) (Naturalistische Längsschnittstudie, n = 125, 6 Monate, E 2b.)153
(E 2b): Ausgangsschwere und Subtyp gingen mit einem schlechteren MPH-Ansprechen einher bei:
- höherer Ausgangsschwere (Gegenbefunde siehe ⇒ 5.6):
- exzellente Response 41 % gegenüber 73 % bei SNAP-IV-Ausgangswert über 2,63 (Kinder von Eltern mit BDI 8 oder niedriger, Medikations- und Kombinationsarm der MTA, OR 0,26) (Sekundäranalyse einer RCT, N = 579, n = 193 in dieser Untergruppe, 14 Monate, E 2b.)154
- schwerer gegenüber mittelgradiger Ausprägung unter MPH-Monotherapie (OR 0,237, 95%-KI 0,102 bis 0,548) (Retrospektive Studie, N = 1.314, 1.590 Behandlungsepisoden, E 3.)109
- höherem SNAP-IV-Gesamtwert als unabhängigem Risikofaktor für Nonresponding (Prospektive Studie, n = 150, 3 Monate, E 2b.)158
- kombiniertem Subtyp:
- gegenläufig vorwiegend unaufmerksamem Subtyp (seltener mindestens minimale Besserung im CGI, OR 0,6, 95%-KI 0,4 bis 0,98, OROS-MPH) (Naturalistische Studie, n = 223, 1 Monat, E 2b.)146
Eine höhere Reaktionszeitvariabilität vor Behandlung kennzeichnete Nonresponder auf OROS-MPH (Mann-Whitney U = 577, p unter 0,01). Sie sagte das Ansprechen vorher (Nagelkerke R² = 0,136) und klassifizierte 94,9 % der Responder, aber nur 17,2 % der Nonresponder korrekt. 67 % (59 von 88) sprachen an. (Prospektive offene Multicenterstudie, N = 144, n = 88, 12 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)159
Bei medikamentennaiven Erwachsenen gingen höhere Werte im Adult Self-Report (ASR) für Denkprobleme, Rückzug, internalisierende Probleme und intrusive Gedanken mit einer geringeren Stimulanzienwirkung einher. 71 % der Betroffenen unter MPH, aber 36 % unter Amfetaminmedikamenten am Studienende waren Responder (p = 0,04). Nonresponder wechselten häufiger das Präparat (56 % gegenüber 11 %). (Naturalistische prospektive Studie, n = 36, durchschnittlich 116 Tage, E 2b.)111
Stimmungs- und Angst-Nebenwirkungen (Reizbarkeit, Weinerlichkeit, Ängstlichkeit) unter MPH und Placebo gingen mit einer geringeren Besserung im Elternurteil einher, nicht aber im Lehrerurteil. Somatische Nebenwirkungen (Schlaflosigkeit, Appetitminderung, Kopfschmerzen) korrelierten nicht mit dem Ansprechen. Die Autoren werteten den Zusammenhang als Beobachtereffekt. (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 157, je 1 Woche, 0,5 mg/kg/Tag, E 2b.)160
Kinder mit Nonresponding auf MPH (SNAP-IV nach 3 Monaten, 34 von 150) hatten vor Behandlung niedrigere Serumwerte von 25(OH)-Vitamin D, Cortisol, S100β und BDNF sowie niedrigere Urin-Katecholamine. Unabhängige Risikofaktoren waren kombinierter Subtyp, höherer SNAP-IV-Wert, niedrigeres Vitamin D und niedrigeres Dopamin. Ein Random-Forest-Modell erreichte im Testdatensatz eine AUC von 0,883 (95%-KI 0,811 bis 0,956) und eine Genauigkeit von 86,67 %. (Prospektive Studie, n = 150, 3 Monate, E 2b.)158 Ferritinspiegel und Eisenmangel (Ferritin unter 12 ng/ml) beeinflussten das kurzfristige Ansprechen nicht. (Naturalistische Studie, n = 345, E 2b.)110
(E 2b): Nonresponder bzw. schlechtere Responder unterschieden sich von Respondern durch:
- höhere Ruhedurchblutung (rCBF, SPECT) im linken und rechten anterioren Cingulum, im linken Claustrum und im rechten Putamen sowie niedrigere im rechten oberen Parietallappen vor Behandlung (10 Nonresponder, 24 Responder, Diskriminanzanalyse 88,2 % korrekt) (SPECT-Studie, n = 34, 8 Wochen, E 2b.)161
- größere Volumina der Amygdala beidseits und des rechten Thalamus sowie größere Subregionen von Amygdala und Hippocampus vor Behandlung (23 Nonresponder, 44 Responder) (MRT-Studie, N = 92, n = 67 mit ADHS, 8 Wochen, E 2b.)162
- geringeres Volumen der grauen Substanz im Kopf des Nucleus caudatus beidseits und im rechten Nucleus accumbens vor Behandlung (11 schlechte, 16 gute Responder), siehe ⇒ 5.6 (MRT-Studie, n = 27, 1 Monat, E 2b.)112
- kleineren linken dorsalen Fasciculus longitudinalis superior (SLF I) bei Erwachsenen, siehe ⇒ 5.11 (DTI-Längsschnittstudie, N = 80, n = 60 mit ADHS, 2 Monate, herstellerfinanziert, E 2b.)163
- atypischen altersbezogenen Anstieg der Ruhe-Konnektivität im cingulo-operkulären Netzwerk (Stimulanzien), siehe ⇒ 2.10.1 (Längsschnittstudie, N = 252, n = 110 mit ADHS, bis zu 5 Messzeitpunkte, E 2b.)164
- Aktivierung des präfrontalen Pols von Ruhe zu Konzentration (SPECT) bei Betroffenen mit unerwünschter Reaktion auf Stimulanzien, Deaktivierung bei guter Reaktion (linker Pol Sensitivität 0,71, Spezifität 0,84, rechter Pol 0,69 bzw. 0,86, Autoren einer kommerziellen SPECT-Klinik) (Retrospektive Aktenauswertung, N = 157, E 3.)165
MPH bewirkte bei Kindern mit ADHS ohne ASS eine deutliche rechtshemisphärische Aktivierung (fNIRS, Go/No-Go-Aufgabe), bei ADHS mit komorbider ASS dagegen nur geringe Aktivierungen. Die MPH-evozierte Aktivierung unterschied beide Gruppen mit einer Spezifität von 86 %, einer Sensitivität von 93 % und einer Genauigkeit von 82 %. (Randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 32, Einzeldosis, E 2b.)166
Wissenschaftlich: Plasmaspiegel der MPH-Enantiomere bei Nonrespondern
Kinder mit ADHS, die nach ihrer P3-Reaktion in einer Aufmerksamkeitsaufgabe nicht auf 15 mg MPH ansprachen, hatten signifikant höhere Plasmaspiegel von D- und L-threo-MPH als Responder. (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 12, Einzeldosis, E 2b.)167
1.11. Genvarianten und MPH-Wirkung
Bedeutung für Betroffene
Bestimmte Varianten zweier Gene des Noradrenalinsystems wurden auf einen Zusammenhang mit der Wirkung von MPH untersucht. Das eine Gen (ADRA2A) bildet einen Noradrenalin-Rezeptor (Alpha-2A-Rezeptor), das andere (SLC6A2) den Noradrenalintransporter, der Noradrenalin in die Nervenzelle zurückholt.
Bei Kindern sprachen Träger bestimmter ADRA2A-Varianten in einzelnen Studien häufiger gut auf MPH an, vor allem bei der Unaufmerksamkeit. Metaanalysen fanden einen Zusammenhang. Eine davon wurde von einem Anbieter genetischer Tests finanziert, die Autoren hielten die klinische Bedeutung selbst für unklar. Bei Erwachsenen fanden Studien keinen Zusammenhang oder einen Hinweis in die Gegenrichtung. Eine Variante hing mit einem Anstieg des Blutdrucks unter MPH zusammen.
Für Varianten des Noradrenalintransporter-Gens fanden einige Studien ein besseres Ansprechen bei bestimmten Genotypen, andere fanden keinen Zusammenhang. Eine Metaanalyse fand Zusammenhänge für zwei Varianten. Mehrere Einzelbefunde waren nach Korrektur für viele gleichzeitige Tests nicht mehr signifikant. Eine Variante hing mit einem stärkeren Anstieg der Herzfrequenz unter MPH zusammen.
Insgesamt sind die Befunde uneinheitlich.
1.11.1. ADRA2A-Genvarianten
Wissenschaftlich: ADRA2A-Polymorphismen (-1291 C/G, MspI, DraI) und MPH-Wirkung
(E 2b): ADRA2A -1291 Polymorphismus beeinflusst Responding und Wirkung von MPH.
- G/G-Genotyp:
- 76,9 % sprachen gut auf MPH an (Offene Studie, n = 114, E 2b)168
- C/G-Genotyp:
- 46,0 % sprachen gut auf MPH an (Offene Studie, n = 114, E 2b)168
- C/C-Genotyp:
- 41,7 % sprachen gut auf MPH an (Offene Studie, n = 114, E 2b.)168
- G-Allel-Träger (G/G und C/G): stärkere Verringerung der Unaufmerksamkeit (SNAP-IV, Elternurteil) unter MPH über 3 Monate, kein zusätzlicher Effekt bei G/G, kein Einfluss auf Hyperaktivität/Impulsivität und Nebenwirkungen (Quasi-experimentelle, nicht randomisierte Studie, n = 106, 3 Monate, E 2b.)169
Der Genotyp des MspI-Polymorphismus des ADRA2A-Gens beeinflusst möglicherweise Nebenwirkungen auf OROS MPH:
- C/C-Genotyp
- diastolischer Blutdruck stieg um 18,5 % durch OROS-MPH (Offene multizentrische Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b)170
- G/G-Genotyp
- diastolischer Blutdruck verringerte sich um 0,2 % durch OROS-MPH (Offene multizentrische Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b)170
- G/C-Genotyp
- diastolischer Blutdruck verringerte sich um 0,2 % durch OROS-MPH (Offene multizentrische Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b)170
(E 2b): Der ADRA2A-Polymorphismus rs1800544 (-1291 C/G, MspI) und weitere ADRA2A-Varianten hingen mit der MPH-Wirkung zusammen nach:
- Metaanalyse (G-Allel-Träger gegenüber Nichtträgern) bei: (Systematischer Review und Metaanalyse, k = 14 im Review, k = 9 in der Metaanalyse, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)171
- stärkerer Symptombesserung (SNAP-IV bzw. ADHD-RS-IV) OR 3,08 (95%-KI 1,71 bis 5,56)
- häufigerer Besserung um 50 % oder mehr OR 2,68 (95%-KI 1,23 bis 5,82)
- keinem Unterschied der Responderrate nach CGI 2 oder niedriger
- Einzelstudien bei Kindern:
- G/G gegenüber C/C häufiger bessere Response (Besserung um 50 % oder mehr) OR 32,14 (95%-KI 1,64 bis 627,8), Ansprechen insgesamt (74,6 % Responder) nicht assoziiert (Offene Studie, n = 59, 4 Wochen Erhaltungstherapie, E 2b.)172
- DraI C/C beim kombinierten Typ tendenziell häufiger CGI-I 1 oder 2 (OR 4,45, p = 0,045), MspI und DraI insgesamt ohne Assoziation (Offene Studie, n = 115, 8 Wochen, E 2b.)173
- MspI G-Allel mit stärkerer MPH-bedingter Änderung der Reaktionszeitvariabilität (Flanker-Aufgabe) (Offene Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b.)174
- Einzelstudien bei Erwachsenen:
- G-Allel (dominantes Modell) nominal mit Nonresponding assoziiert (OR 0,560, 95%-KI 0,329 bis 0,953, p = 0,033), in der Metaanalyse mit Vorstudien nicht bestätigt, keine der 20 Varianten nach Korrektur für multiples Testen signifikant (Naturalistische Studie, n = 564, E 2b.)175
- -1291 C/G, -262 G/A und 1780 C/T ohne Assoziation mit dem Ansprechen (SNAP-IV, CGI-S, 30 Tage) (Naturalistische Studie, n = 165, 30 Tage, E 2b.)176
1.11.2. NET-Genvarianten
Wissenschaftlich: SLC6A2-Polymorphismen (G1287A, -3081 A/T, rs36021, rs998424) und MPH-Wirkung
(E 2b): Der Genotyp des G1287A-Polymorphismus des NET-Gens (Noradrenalintransporter, SLC6A2) beeinflusst möglicherweise das Responding auf MPH:
- G/G-Genotyp:
- G/A-Genotyp:
- A/A-Genotyp:
- kein Zusammenhang zwischen G1287A-Genotyp und MPH-Responding in einer weiteren Studie (Offene Studie, n = 112, 8 Wochen, E 2b.)179
(E 2b): Der Genotyp des -3081(A/T)-Polymorphismus des NET-Gens (Noradrenalintransporter, SLC6A2) beeinflusst möglicherweise das Responding auf MPH:
- T/T-Genotyp
- A/T-Genotyp
- A/A-Genotyp
- sprach vergleichsweise schlechter auf MPH an (gutes Ansprechen bei 37,9 %, T-Allel-Träger 61,4 %, p = 0,03 bei korrigierter Signifikanzschwelle von 0,01) (Offene Studie, n = 112, 8 Wochen, E 2b.)179
- Anstieg der Ruheherzfrequenz um 2,5 % durch OROS-MPH (Offene multizentrische Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b)170
Eine Metaanalyse fand eine Assoziation zwischen MPH-Wirkung und den SLC6A2-Genvarianten: (Metastudie, k = 36, N = 3.647, E 2b.)38
- rs28386840 (OR: 2.93, 95%-KI 1,76 bis 4,90)
- rs5569 (OR: 1.73, 95%-KI 1,26 bis 2,37)
(E 2b): Weitere Studien zu SLC6A2-Varianten und MPH fanden für:
- G1287A (rs5569):
- G/G stärkere Besserung (CGI-I, p = 0,022) und nach 8 Wochen eine Hyperperfusion im rechten inferioren und mittleren temporalen Gyrus gegenüber anderen Genotypen (SPECT-Studie, n = 37, 8 Wochen, E 2b.)180
- A-Allel höhere Reaktionszeitvariabilität vor Behandlung (Daueraufmerksamkeit, auditive selektive Aufmerksamkeit) (Offene Studie, n = 101, 12 Wochen, E 2b.)174
- keine Assoziation mit dem Ansprechen auf OROS-MPH (ebenso rs2242446, rs5568, rs998424, rs1616905) (Offene Studie, n = 137, 8 Wochen, E 2b.)181
- -3081 A/T (rs28386840):
- Anteil der T-Allel-Träger bei Respondern 42 %, bei Nonrespondern 19 % (p = 0,08), stärkere Besserung hyperaktiv-impulsiver Symptome gegenüber A/A (p = 0,04), nach Korrektur für multiples Testen nicht signifikant (Fall-Kontroll- und Assoziationsstudie, N = 649, n = 163 mit ADHS, 2 Monate, E 2b.)182
- rs36021 bei mütterlichem Rauchen in der Schwangerschaft (Risikoallel mit stärkerer Besserung unter MPH): (Familienbasierte Assoziationsstudie mit doppelblinder placebokontrollierter Crossoverstudie, N = 377 Kernfamilien, E 2b.)183
- simulierte Unterrichtssituation Z = 3,58 (p = 0,0003)
- Forscherurteil Z = 3,28 (p = 0,001)
- Elternurteil Z = 2,62 (p = 0,009)
- rs998424 GG günstigeres Behandlungsergebnis (CGI-S, p unter 0,05) und signifikante Gen-Dosis-Interaktion auf den ADHD-RS-Wert (p unter 0,01), ADRA2A rs553668 nur mit CPT-Kommissionsfehlern assoziiert (Offene Studie mit MPH-Titration, n = 83, 8 Wochen, E 2b.)184
1.12. CES1-Plasma-Proteinspiegel und MPH-Eindosierung
Bedeutung für Betroffene
MPH wird in der Leber durch das Enzym CES1 abgebaut. Bei 15 gesunden Erwachsenen ging eine höhere CES1-Menge im Blut mit niedrigeren MPH-Blutspiegeln nach einer Einzeldosis einher. Eine Computersimulation deutete an, dass eine an CES1 ausgerichtete Dosierung die Unterschiede der Blutspiegel zwischen Kindern verringern könnte. Die Aussage zur leichteren Eindosierung beruht nur auf dieser Simulation, nicht auf klinischen Daten.
Varianten des CES1-Gens hingen in einzelnen Studien mit einer niedrigeren benötigten MPH-Dosis, mit Nebenwirkungen wie Traurigkeit und bei Autismus mit Wirkung und Nebenwirkungen zusammen. Einige dieser Studien umfassten nur sehr wenige Träger der jeweiligen Variante.
Methylphenidat wird durch das CES1 Leberenzym abgebaut.
Eine höhere CES1-Plasmakonzentration korrelierte bei 15 gesunden Erwachsenen nach einer MPH-Einzeldosis mit einem verringerten D-Methylphenidat-Plasmaspiegel (AUC). Der CES1-Plasma-Proteinspiegel konnte ca. 50 % der Variabilität des d-Methylphenidat-Plasmaspiegels erklären. In einer Simulation bei Kindern verringerte eine an CES1 orientierte individualisierte Dosierung die Variabilität des d-Methylphenidat-Plasmaspiegels gegenüber einer Fixdosis um etwa 50 %. Eine auf der Messung von CES1 basierende individualisierte Dosierungsstrategie könnte die Eindosierung von D-Methylphenidat möglicherweise erleichtern. (Korrelationsstudie mit PBPK-Simulation, n = 15, Einzeldosis, E 3.)185
Wissenschaftlich: CES1-Genvarianten, Dosis und Nebenwirkungen
(E 2b): CES1-Genvarianten hingen zusammen mit
- der erforderlichen MPH-Dosis bei:
- Gly143Glu: Glu-Allel-Träger (n = 5) benötigten zur Symptomreduktion niedrigere Dosen (0,410 ± 0,127 gegenüber 0,572 ± 0,153 mg/kg, p = 0,022), das Ansprechen war nicht assoziiert (90 Responder, 32 Nonresponder) (Pharmakogenetische Assoziationsstudie, n = 122 mit MPH, E 2b.)186
- rs114119971: Träger (n = 2) erhielten niedrigere gewichtsbezogene Enddosen (0,42 gegenüber 0,88 mg/kg, p unter 0,001), nach CES1A2/CES1P1-Haplotyp 0,92, 0,81 bzw. 0,78 mg/kg (Mittel 0,79 mg/kg/Tag) (Retrospektive Kohortenstudie, n = 99, E 3.)187
- Nebenwirkungen bei:
- Traurigkeit unter kurzwirksamem MPH (zwei CES1-SNPs im Kopplungsungleichgewicht mit SLC6A2-SNPs), keine Variante mit Dosis oder Ansprechen nach 6 Wochen assoziiert (Naturalistische prospektive Studie, n = 77, 6 Wochen, E 2b.)188
- Kindern mit ASS (rs2244613 p = 0,04, rs2302722 p = 0,02, rs2307235 p = 0,03, rs8192950 p = 0,03, CES1-Haplotypkombination mit Wirksamkeit p = 0,02 und Nebenwirkungen p = 0,03) (Retrospektive pharmakogenetische Studie, n = 140, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 3.)189
- schlechterem, teils verschlechtertem Ansprechen bei ASS mit ADHS-Symptomen (Arg199His häufiger als bei reinem ADHS und ADHS mit leichter Intelligenzminderung) (Vergleichsstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)190
1.13. Ansprechen individuell abhängig von Retardierung und Trägersubstanz
Betroffene berichten von einem individuell sehr unterschiedlichen Ansprechen auf verschiedene MPH-Präparate.
Während die intraindividuell (innerhalb einer Person) und interindividuell (im Vergleich zu anderen Betroffenen) unterschiedliche Verträglichkeit von MPH-Retardpräparaten inzwischen allgemein anerkannt ist, ist weniger bekannt, dass die Verträglichkeit und das Responding auch in Bezug auf verschiedene unretardierte MPH-Präparate intraindividuell sehr unterschiedlich sein kann. Uns liegen Berichte etlicher Betroffener vor, die reproduzierbar sehr deutliche Unterschiede der Wirkung verschiedener gleich starker unretardierter MPH-Präparate wahrnehmen. (Erfahrung ADxS)191 (Erfahrung ADxS)192
1.14. Responding nach fraktionierter Anisotropie der weißen Substanz
Bedeutung für Betroffene
Die weiße Substanz besteht aus den Nervenbahnen, die Hirnregionen miteinander verbinden. Mit der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), einem MRT-Verfahren, lässt sich ihre Mikrostruktur messen, etwa als fraktionierte Anisotropie (FA).
Eine Studie teilte Kinder mit ADHS nach Merkmalen der weißen Substanz in zwei Gruppen ein. Die Gruppe mit niedrigerer FA sprach besser auf MPH an, die mit höherer FA schlechter. Das Ansprechen war allerdings nur bei 52 Kindern und nur nachträglich aus Krankenakten erfasst. Bei Erwachsenen ging eine niedrigere FA in einer Bahn am Striatum ebenfalls mit besserem Ansprechen einher. Eine weitere Studie fand bei Jungen eine stärkere MPH-Wirkung auf Reaktionstests, wenn die FA im hinteren oberen (parietalen) Anteil einer Aufmerksamkeitsbahn (Fasciculus longitudinalis superior) höher war als im seitlichen (temporalen) Anteil. Erwachsene mit kleinerem oberem Anteil dieser Bahn sprachen seltener auf MPH an. Eine effizientere Vernetzung des Gehirns ging bei Kindern und Jugendlichen mit einer stärkeren Besserung einher. Computermodelle aus MRT-Merkmalen sagten das Ansprechen nur mäßig genau vorher.
Weitere Studien fanden Zusammenhänge des Ansprechens mit der Aktivierung des Stirnhirns nach einer ersten MPH-Dosis, mit der Vernetzung zwischen Striatum und Stirnhirn in Ruhe und mit der Ruhedurchblutung. Ein Review nannte unter anderem den Dopamintransporter-Status als möglichen Marker.
Die Befunde stammen aus kleinen Studien mit unterschiedlichen Methoden und sind daher schwer vergleichbar.
1.14.1. Mikrostruktur der weißen Substanz
Eine Studie, die Kinder mit ADHS anhand von Mikrostrukturmerkmalen der weißen Substanz (DTI) in zwei Untergruppen einteilte, fand keine Unterschiede der ADHS-Symptome, jedoch (MPH-Responding nur bei 52 Kindern retrospektiv aus der Krankenakte erfasst): (Querschnittsstudie mit Clusteranalyse, N = 316, n = 227 mit ADHS, E 3.)193
- besseres MPH-Responding bei
- verringerter fraktionierter Anisotropie der weißen Substanz
- korrelierend mit
- verringerter Verarbeitungsgeschwindigkeit
- schlechteres MPH-Responding bei
- höherer fraktionierter Anisotropie der weißen Substanz
- korrelierend mit
- verringerter Reaktionshemmung
- schlechtere anhaltende Aufmerksamkeit
Wissenschaftlich: Netzwerkeffizienz, Fasciculus longitudinalis superior und MRT-Vorhersagemodelle
(E 2b): Eine stärkere Besserung unter Stimulanzien fand sich bei folgenden Merkmalen der weißen Substanz (DTI) vor Behandlung:
- höhere globale Effizienz des strukturellen Gehirnnetzwerks (Gesamtsymptomatik und Unaufmerksamkeit) und höhere lokale Effizienz des rechten Gyrus supramarginalis (Gesamtsymptomatik) nach 6 Wochen MPH (Kinder und Jugendliche) (Offene prospektive Studie, N = 63, n = 37, 6 Wochen, E 2b.)194
- beide Maße waren bei MPH-Nonrespondern niedriger als bei Kontrollen, bei Respondern nicht
- ein multivariates SVM-Modell der lokalen Effizienz sagte die Symptomänderung vorher (r = 0,37, mit Kovariaten r = 0,54)
- höhere FA im parietalen gegenüber dem temporalen Anteil des Fasciculus longitudinalis superior mit stärkerer MPH-Wirkung auf Reaktionsgeschwindigkeit und -genauigkeit sowie auf die Beta-Power (MEG) vor der motorischen Reaktion (Jungen) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, N = 49, n = 23, E 2b.)195
- niedrigere FA der rechten striatalen weißen Substanz (hinterer Schenkel der Capsula interna) bei den besseren Respondern (Erwachsene, MPH oder Amfetamin, ρ = -0,71) (Prospektive Studie, n = 36, etwa 4 Monate, E 2b.)116
Modelle aus T1- und DTI-Merkmalen subkortikaler Regionen und Bahnen (Volumina, FA) sagten das Ansprechen auf MPH (CGI-I) während der Behandlung vorher mit einer balancierten Genauigkeit von: (Sekundäranalyse einer RCT, n = 47, 16 Wochen, E 2b.)196
- 68 % (AUC 0,73) mit Radiomics-Merkmalen
- 63 % (AUC 0,69) mit konventionellen Merkmalen
Getrennt für Kinder und Erwachsene erreichten Radiomics-Modelle je 64 %, konventionelle Modelle 32 % bzw. 36 %. Nach Absetzen der Behandlung war die Vorhersage deutlich schlechter.
Ein kleinerer linker dorsaler Fasciculus longitudinalis superior (SLF I, Bahn der willkürlichen Aufmerksamkeitssteuerung) vor Behandlung ging bei Erwachsenen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einher, nach 2 Monaten auf MPH anzusprechen (Volumen AUC 0,709). Der Zusammenhang betraf unaufmerksame und hyperaktiv-impulsive Symptome. Nur Nonresponder (n = 34) unterschieden sich in diesem Merkmal von Kontrollen, Responder (n = 26) nicht. Maschinelles Lernen identifizierte zusätzlich höhere kognitive Leistung und höhere Ausgangsschwere als mit dem Ansprechen assoziiert. (DTI-Längsschnittstudie, N = 80, n = 60 mit ADHS, 2 Monate, herstellerfinanziert, E 2b.)163
1.14.2. Weitere bildgebende Prädiktoren
Wissenschaftlich: NIRS, Ruhekonnektivität und Ruheblutfluss
(E 1b): Als bildgebende Prädiktoren des Ansprechens auf MPH fanden sich:
- die Veränderung der präfrontalen Aktivierung (NIRS) nach einer Einzeldosis MPH, die den CGI-S nach 4 bis 8 Wochen und nach einem Jahr vorhersagte (Leave-one-out-Genauigkeit 81 %) (RCT, Einzeldosis-Crossover mit offener Folgephase, N = 50, n = 30, 4 bis 8 Wochen und 1 Jahr, E 1b.)197
- eine geringere funktionelle Ruhekonnektivität zwischen ventralem Caudatus bzw. Nucleus accumbens und inferiorem Frontalcortex bei guten gegenüber schlechten Respondern (CGI-I nach 8 Wochen) (Bildgebungsstudie mit Kontrollgruppe, N = 105, n = 83, 8 Wochen, E 2b.)198
- ein geringerer Ruheblutfluss (PET) ohne MPH in Mittelhirn, Kleinhirnwurm sowie präzentralem und mittlerem Frontalgyrus bei Erwachsenen mit stärkerer Symptombesserung (PET-Studie, n = 10, 3 Wochen, E 2b.)199
- DAT-Status sowie Größe von medialem präfrontalem Cortex und Corpus callosum als vorgeschlagene Marker, bei bis zu 30 % Nonresponse auf MPH (Systematischer Review, k = 12, E 2b.)200
2. Weitere genetische Einflüsse auf MPH-Wirksamkeit
Bedeutung für Betroffene
Neben dem Gen CES1, das den Abbau von MPH steuert, wurden zahlreiche weitere Gene darauf untersucht, ob sie die Wirkung von MPH beeinflussen. Dazu gehören Gene für Enzyme, die Botenstoffe herstellen oder abbauen (z. B. COMT), für Transporter, die Botenstoffe in die Nervenzelle zurückholen (z. B. den Dopamintransporter DAT1), für Rezeptoren (z. B. den Dopaminrezeptor DRD4), für die Freisetzung von Botenstoffen (z. B. SNAP25) sowie für die Anpassungsfähigkeit von Nervenverbindungen (z. B. Latrophilin 3 und BDNF).
Die Ergebnisse sind uneinheitlich. Viele Einzelbefunde stammen aus kleinen Studien, wurden in anderen Studien nicht bestätigt oder zeigten dort die umgekehrte Richtung. Besonders beim Dopamintransporter-Gen widersprechen sich die Studien. In einer gemeinsamen Auswertung von 9 Studien erklärte vor allem die Art der Studie (offen oder randomisiert kontrolliert) die unterschiedlichen Ergebnisse, nicht der Studienort oder die Herkunft der Teilnehmer.
Studien, die das gesamte Erbgut untersuchten, fanden bisher keine Genvariante, die das Ansprechen auf MPH sicher vorhersagt. Auch Risikowerte, die aus vielen Genvarianten zugleich berechnet werden (polygene Scores), hingen nicht mit dem Ansprechen auf MPH zusammen. In großen Registerstudien gingen höhere genetische Risikowerte für einige psychische Erkrankungen (z. B. Schizophrenie und bipolare Störung) mit häufigerem Absetzen von Stimulanzien einher. Gemessen wurde dort das Absetzen, nicht die Wirkung.
Das Ansprechen auf MPH ähnelte sich bei Geschwistern mit ADHS deutlich. Dies deutet auf eine familiäre Komponente hin.
Übersichtsarbeiten fanden keine Einzelvariante und keinen verfügbaren Gentest mit belegtem Nutzen für die Wahl des ADHS-Medikaments. Eine niederländische Leitlinie sah keine Gen-Arzneimittel-Wechselwirkung zwischen CYP2D6 oder COMT und MPH. Pharmakogenetische Tests sind daher bisher keine Routine. Ob MPH im Einzelfall wirkt, lässt sich derzeit nicht durch einen Gentest vorhersagen.
Neben CES1 beeinflussen etliche weitere Gene die Wirksamkeit von MPH.
(E 2b): Genomweite und polygene Ansätze fanden bisher keine klinisch verwertbaren Prädiktoren des Ansprechens auf MPH bzw. Stimulanzien:
- genomweite Assoziationsstudien:
- kein genomweit signifikanter Treffer (bestes p = 3 × 10⁻⁶), suggestiv GRM7 rs3792452 (p = 2,6 × 10⁻⁵), MPH-Pflaster, Kinder (Genomweite Assoziationsstudie in offener Studie, n = 187, E 2b.)201
- kein genomweit signifikanter Treffer, nominal assoziierte Gene angereichert für ADHS-Kandidatengene, 33 eSNPs in Kindern und Erwachsenen geprüft (Genomweite Assoziationsstudie mit Replikation, N = 362, n = 173 Kinder, n = 189 Erwachsene, E 2b.)202
- Absetzen von Stimulanzien binnen 1 Jahr bei 39 %, SNP-Heritabilität 0,06 (95%-KI 0,02 bis 0,11), bei Kindern 0,08 (95%-KI 0,02 bis 0,14), bei Jugendlichen und Erwachsenen 0,14 (95%-KI 0,02 bis 0,27), genomweit signifikanter Locus (SLC5A12) nur bei Kindern (Registerkohortenstudie, N = 18.362, 1 Jahr, E 2b.)203
- Absetzen binnen 2 Jahren bei 45 %, Wechsel zu Nicht-Stimulanzien bei 15 %, SNP-Heritabilitäten nicht von null verschieden, ein genomweit signifikanter Locus (16q23.3) nur für den Wechsel (Registerkohortenstudie, N = 9.133, E 2b.)204
- polygene Scores:
- keiner der PGS für ADHS, Autismus, bipolare Störung, Bildungserfolg, Depression, Neurotizismus und Schizophrenie mit dem MPH-Ansprechen assoziiert, kleine, über die Kohorten konsistente Effekte (Norwegen, Brasilien, Spanien) (Metaanalyse, k = 3 Kohorten, N = 1.000, E 2b.)205
- Schizophrenie-PRS (HR 1,07, 95%-KI 1,03 bis 1,11) und Bipolar-PRS (HR 1,05, 95%-KI 1,02 bis 1,09) mit häufigerem Absetzen, ADHS- und Autismus-PRS ohne Zusammenhang (Registerkohortenstudie, N = 9.133, E 2b.)204
- 10 von 36 PGS mit dem Absetzen assoziiert, höhere psychiatrische Risiko-PGS mit häufigerem Absetzen (Registerkohortenstudie, N = 18.362, 1 Jahr, E 2b.)203
- Übersichtsarbeiten und Leitlinien:
- keine Einzelvariante und kein verfügbarer pharmakogenomischer Test mit belegtem klinischem Nutzen für die Medikamentenwahl bei Kindern (Narrativer Review, Studien 2009 bis 2019, E 4.)206
- bei Erwachsenen fast ausschließlich negative Befunde, einziger positiver Befund für DAT1, pharmakogenetische Tests fern der Routine (Systematischer Review, k = 5, E 2b.)207
- keine Gen-Arzneimittel-Interaktion zwischen CYP2D6 bzw. COMT und Methylphenidat (niederländische Pharmakogenetik-Leitlinie) (Leitlinie, E 4.)208
- Studiendesign (offen gegenüber randomisiert kontrolliert) erklärte als einziger von 5 Studienfaktoren die Heterogenität der Ergebnisse (p = 0,001), Studienort und Ethnie nicht (Gepoolte Analyse und Metaregression, k = 9, N = 782, E 2b.)108
- Kandidatengene bei Erwachsenen: keine Assoziation von SLC6A4, HTR1B, TPH2, DBH, DRD4, COMT und SNAP25 mit dem MPH-Ansprechen (Naturalistische Studie, n = 164, E 2b.)209
Das Ansprechen auf MPH korrelierte zwischen Geschwistern mit ADHS stark (Intraklassenkorrelation r = 0,563, p = 0,001), was auf eine familiäre Häufung des Ansprechens hindeutete. (Geschwisterstudie, n = 82 aus 54 Familien, E 3.)210
2.1. Gene zu Neurotransmitter-Synthese und -Abbau beeinflussen Wirkung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Untersucht wurden Gene für Enzyme, die Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin herstellen (Tyrosinhydroxylase TH, Dopamin-beta-Hydroxylase DBH, Tryptophanhydroxylase TPH2) oder abbauen (Monoaminoxidase A MAOA, Catechol-O-Methyltransferase COMT).
In einer Studie gingen bestimmte Varianten von TH und DBH mit schwächerem Ansprechen oder häufigerem Behandlungsversagen einher, andere DBH-Varianten mit weniger unerwünschten Wirkungen. Eine bestimmte Variantenkombination von TPH2 ging in einer Studie mit einer stärkeren Verbesserung in einem Aufmerksamkeitstest einher. Eine MAOA-Variante war bei Jungen mit einer stärkeren Besserung oppositioneller Symptome verbunden.
Am häufigsten untersucht ist COMT (Variante Val158Met, rs4680). Mehrere Studien und eine Metaanalyse fanden bei Val/Val (G/G) ein besseres Ansprechen auf MPH. Andere Studien fanden keinen Zusammenhang, darunter eine Studie bei Erwachsenen, oder Befunde, die nach Korrektur für viele gleichzeitige Tests nicht mehr signifikant waren. Einzelne Studien berichteten bei bestimmten Varianten mehr Reizbarkeit oder Traurigkeit unter MPH. Eine Studie bei Kindern mit fetaler Alkoholspektrumstörung fand keinen Einfluss auf die Wirksamkeit und widersprüchliche Angaben zu Nebenwirkungen. Die niederländische Pharmakogenetik-Leitlinie sah keine Gen-Arzneimittel-Wechselwirkung zwischen COMT und MPH.
Bei Mäusen schwächte eine verringerte Aktivität des Gens Cacna1c die Wirkung von Dopaminwiederaufnahmehemmern ab.
Insgesamt reichen die Befunde nicht aus, um das Ansprechen auf MPH im Einzelfall anhand dieser Gene vorherzusagen.
Wissenschaftlich: Polymorphismen in Genen zu Neurotransmitter-Synthese und -Abbau und MPH-Wirkung
- TH-Gen (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
- rs2070762 C/C: Vermindertes Ansprechen (CGI-I)
- DBH-Gen (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
- rs1541332 TC Haplotyp: Erhöhtes Behandlungsversagen (CGI-S)
- rs2073833 TC Haplotyp: Erhöhtes Behandlungsversagen (CGI-S)
- rs2073833 C/C: Erhöhtes Therapieversagen (CGI-I)
- DBH-Gen (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
- rs2007153 AGC Haplotyp: Verringertes Risiko von unerwünschten Ereignissen
- rs2797853 AGC Haplotyp: Verringertes Risiko von unerwünschten Ereignissen
- rs77905 AGC Haplotyp: Verringertes Risiko von unerwünschten Ereignissen
- TPH2-Gen (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 344, E 2b)212
- rs1386488 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs2220330 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs1386495 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs1386494 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs6582072 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs1386492 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs4760814 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- rs1386497 CGCAAGAC (‘Yang’ Haplotyp): Größere Score-Verbesserung durch MPH (TOVA) als AATGGAGA (‘Yin’ Haplotyp)
- MAOA
- 30-bp promoter VNTR 4-repeat allele vs 3-repeat allele Verbessertes Ansprechen (SNAP-IV oppositionell) (Offene Kohortenstudie, n = 85, 3 Monate, E 2b)213
- 30-bp promoter VNTR lange Allele: ohne MPH mehr Kommissionsfehler (Impulsivität, TOVA), nach MPH war diese Assoziation nicht mehr signifikant (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 133 Trios, E 3.)214
- COMT
- rs4680 G/G
- (E 2b): Erhöhte Ansprechrate (ADHD-RS, CGI-S) (Prospektive Kohortenstudie, n = 122, 6 Monate, E 2b)215, (K-ARS) (Offene Kohortenstudie, n = 124, 8 Wochen, E 2b)216, (Metastudie) (Metastudie, k = 36, N = 3.647, E 2b)38
- Erhöhte Reizbarkeit (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 82, E 2b)217
- rs4680 G: Erhöhte Traurigkeit (8 gegenüber 2 Kindern, Kinder mit 22q11-Deletionssyndrom) (Pharmakogenetische Analyse eines RCT, N = 34, n = 22 mit MPH, E 2b.)218
- rs4680: kein Einfluss auf die Wirksamkeit, G-Allel grenzwertig mit mehr Nebenwirkungen assoziiert (p = 0,04994) (Kinder mit ADHS nach hoher pränataler Alkoholexposition) (Kohortenstudie, N = 303, n = 114, E 2b.)219
- rs4680 G/G
Eine verringerte Expression des Cacna1c-Gens schwächte bei Mäusen die Wirkung von Dopaminwiederaufnahmehemmern ab (geringere Hyperlokomotion und Sensitivierung, verminderte Empfindlichkeit der Dopaminfreisetzung im Nucleus accumbens gegenüber DAT-Hemmung). (Tierstudie, Mäuse, E 2b.)220
- rs4680 Genotyp beeinflusste aufgabenorientiertes Verhalten (RASS, F(2,184) = 5,12, p = 0,007), ohne Genotyp-×-MPH-Interaktion (Genetische Analyse einer randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Crossoverstudie, n = 212, je 1 Woche, E 2b.)221
- rs4680 Met-Allel moderierte den Verlauf oppositioneller Symptome unter MPH bei Jungen (Met × Zeit F(2,229) = 6,40, p = 0,002) (Naturalistische Studie, n = 112, 3 Monate, E 2b.)222
- rs4680 Val/Val gute Response hyperaktiv-impulsiver Symptome (OR 2,61, p = 0,044) und der Reaktionszeitvariabilität (OR 2,66, p = 0,028), nach Korrektur für multiples Testen nicht signifikant (Offene Studie, n = 120, 8 Wochen, E 2b.)223
- rs4680 Val/Val bzw. Val-Allel: Anstieg von N-Acetylaspartat nach 10 mg MPH im DLPFC (Val/Val) bzw. im anterioren Cingulum (Val-Träger), striatales Cholin bei Val-Trägern erhöht (MRS-Studie, n = 57 Erwachsene, Einzeldosis, E 2b.)224
- rs4680 Val/Val und weitere COMT-Genotypen mit höherer Methylierung von cg20709110. Diese korrelierte mit der Placeboresponse im Lehrerurteil (r = -0,15, p = 0,045) und knapp nicht signifikant mit der MPH-Response im Elternurteil (r = -0,134, p = 0,051) (Genetische Analyse einer randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Crossoverstudie, N = 230, n = 212, E 2b.)225
- COMT bei Erwachsenen ohne Assoziation mit dem MPH-Ansprechen (Naturalistische Studie, n = 164, E 2b.)209
- keine Gen-Arzneimittel-Interaktion zwischen COMT und Methylphenidat nach der niederländischen Pharmakogenetik-Leitlinie (Leitlinie, E 4.)208
2.2. Neurotransmitter-Wiederaufnahme-Transporter-Gene beeinflussen Wirkung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Wiederaufnahme-Transporter holen Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin nach ihrer Freisetzung in die Nervenzelle zurück. Die Gene dieser Transporter wurden darauf untersucht, ob sie die Wirkung von MPH beeinflussen.
Beim Noradrenalintransporter-Gen (SLC6A2) fanden mehrere Studien Zusammenhänge zwischen bestimmten Varianten und dem Ansprechen, teils nur für einzelne Symptombereiche oder Testwerte. Eine Studie fand nur Wechselwirkungen mit anderen Genen, eine Studie bei Erwachsenen keinen Zusammenhang. Eine Variante ging mit einer höheren Herzfrequenz einher.
Zum Dopamintransporter-Gen (SLC6A3, DAT1) liegen die meisten Studien vor, mit widersprüchlichen Befunden. Manche Studien fanden bei zwei Kopien der 10R-Variante ein schlechteres Ansprechen, andere ein besseres Ansprechen mit 10R, viele keinen Zusammenhang.
Beim Serotonintransporter-Gen (SLC6A4) gingen bestimmte Varianten in einzelnen Studien mit geringerer Symptombesserung oder mit Nebenwirkungen wie Nägelkauen und Tics einher. Andere Studien fanden keinen Zusammenhang mit dem Ansprechen.
Für die Behandlung im Einzelfall lässt sich aus diesen Genen bisher keine verlässliche Vorhersage ableiten.
2.2.1. Noradrenalintransporter-Gen (SLC6A2)
Wissenschaftlich: Polymorphismen des Noradrenalintransporter-Gens SLC6A2 und MPH-Wirkung
- SLC6A2 - Noradrenalintransporter-Gen
- rs28386840 A/A Verringertes Ansprechen (CGI-I) (Offene Kohortenstudie, n = 112, 8 Wochen, E 2b)179
- rs28386840 A/A geringere Abnahme der Kommissionsfehler (CPT) (Offene Kohortenstudie, n = 53, 8 Wochen, E 2b.)226
- rs28386840 kein unabhängiger Effekt, aber Interaktion mit DRD4-VNTR und ADRA2A DraI auf das Ansprechen (ADHD-RS und CGI-I) (Offene Studie, n = 103, 8 Wochen, E 2b.)227
- rs28386840 T Verstärktes Ansprechen (Metastudie) (Metastudie, k = 36, N = 3.647, E 2b)38
- rs28386840 T/T Erhöhte HR (Offene Multicenterstudie, n = 101, 12 Wochen, E 2b)170
- rs5569 G Erhöhtes Ansprechen (ADHD-RS, nur hyperaktiv-impulsive Subskala) (Offene Kohortenstudie, E 2b.)178
- rs5569 G/G Erhöhtes Ansprechen (ADHD-RS und CGI-S) (Offene Kohortenstudie, n = 114, 8 Wochen, E 2b)177
- rs5569 G/G stärkere Abnahme der Auslassungsfehler (CPT) (Offene Kohortenstudie, n = 53, 8 Wochen, E 2b.)226
- rs5569 G/G Erhöhtes Ansprechen (Metastudie) (Metastudie, k = 36, N = 3.647, E 2b)38
- untersuchte SLC6A2-Polymorphismen: kein Zusammenhang mit dem Ansprechen bei Erwachsenen (Pharmakogenetische Analyse einer doppelblinden Studie, n = 42, 3 Wochen, E 2b.)228
2.2.2. Dopamintransporter-Gen (SLC6A3, DAT1)
Bedeutung für Betroffene
Am häufigsten untersucht wurde eine Längenvariante des Dopamintransporter-Gens, bei der ein Genabschnitt 9- oder 10-mal wiederholt ist (9R bzw. 10R). Jeder Mensch trägt zwei Kopien des Gens, also z. B. 10R/10R oder 9R/10R.
Die Ergebnisse widersprechen sich:
- Mehrere Studien fanden bei 10R/10R ein schlechteres Ansprechen auf MPH, darunter Studien bei Kindern und eine Studie bei Erwachsenen.
- Andere Studien fanden ein besseres Ansprechen bei Trägern der 10R-Variante.
- Viele Studien fanden keinen Zusammenhang, auch nicht mit Nebenwirkungen, darunter Studien bei Erwachsenen.
Metaanalysen fanden einen Unterschied allenfalls in naturalistischen Studien (Behandlung unter Alltagsbedingungen), nicht in klinischen Studien. Die Qualität dieser Evidenz wurde als sehr niedrig bewertet. Bei Erwachsenen fand eine Metaanalyse keinen Zusammenhang.
In einzelnen Studien hingen DAT1-Varianten mit weiteren Wirkungen von MPH zusammen, etwa mit der Verringerung der Nahrungsaufnahme (Appetitminderung), mit der Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses, mit dem Verlauf bei steigender Dosis sowie mit Veränderungen der Hirndurchblutung und Hirnaktivität. Eine geringere Methylierung (eine chemische Markierung, die die Aktivität eines Gens beeinflusst) des DAT1-Promotors ging in einer Studie mit einer stärkeren Besserung einher.
In einer großen Studie sprachen die meisten Kinder auf MPH und auf Atomoxetin an, sodass die Autoren der Genotypisierung wenig klinischen Nutzen zuschrieben.
Wissenschaftlich: Polymorphismen und Methylierung des Dopamintransporter-Gens SLC6A3 und MPH-Wirkung
-
SLC6A3 - Dopamintransporter-Gen
- rs28363170 Fehlen von 10R Allelen:
- Verbesserte hyperaktiv-impulsive Werte (Vanderbilt ADHD Parent and Teacher Rating Scales) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 89, E 2b)229
- DAT 9/9: stärkere dosisabhängige Verringerung der Nahrungsaufnahme durch MPH als 9/10 und 10/10 (Pharmakogenetische Analyse eines RCT, n = 58, 9 Wochen, E 2b.)230
- 9R/9R: Verringertes Ansprechen auf 10 bis 20 mg Dexmethylphenidat oder Amphetaminsalze (ADHD-RS) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 56, 8 Wochen, E 2b.)231
- 10R/10R: anhaltende Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses (N-Back-Test) nach 4, 8 und 24 Wochen (9R/9R nur nach 4 Wochen) (Offene Längsschnittstudie, n = 108, 24 Wochen, E 2b.)232
- 10R/10R: Vermindertes Ansprechen (Meta-Analyse, nur naturalistische Studien, d = -0,36, kein signifikanter Gesamteffekt über alle Studien) (Metastudie, k = 16, N = 1.572, E 2b.)233
- 10R/10R: Verringertes Ansprechen (Metastudie) (Metastudie, k = 36, N = 3.647, E 2b)38
- 40-bp-VNTR im 3’-UTR (rs28363170): Einfluss auf das Ansprechen in den meisten frühen Studien, jedoch uneinheitlich in Allel und Richtung (Narrativer Review, E 4.)234, im Einzelnen nach:
- Metaanalysen:
- Nicht-10R/10R besser als 10R/10R in naturalistischen Studien (n = 646) d = 0,44 (95%-KI 0,12 bis 0,75), Evidenzqualität (GRADE) sehr niedrig (Metastudie, k = 16, E 2b.)235
- 10R/10R mit geringerer Responderrate OR 0,46 (95%-KI 0,28 bis 0,76) (Kohortenstudie, n = 141, mit Metaanalyse, N = 475, E 2b.)236
- Nicht-10R/10R gegenüber 10R/10R in klinischen Studien (n = 502) d = -0,09 (95%-KI -0,28 bis 0,10), nicht signifikant (Metastudie, k = 16, E 2b.)235
- 9R/9R (k = 4, n = 351) d = -0,43 (95%-KI -0,99 bis 0,13), nicht signifikant (Metastudie, k = 16, E 2b.)235
- Erwachsene: kein Zusammenhang mit dem Ansprechen (Metastudie, k = 2, N = 213, E 2b.)237
- (E 2b): 10R/10R mit schlechterem Ansprechen in Einzelstudien bei:
- 86 % der Nonresponder gegenüber 31 % der Responder 10R/10R (afroamerikanische Kinder, p = 0,008) (Pharmakogenetische Studie, n = 30, E 2b.)238
- Besserung über 50 % (ABRS) bei 47 % (14 von 30) mit 10R/10R gegenüber 75 % (15 von 20) ohne 10R/10R (brasilianische Jungen, einseitig p = 0,04), auch geringerer CGAS-Anstieg (einseitig p unter 0,01) (Naturalistische verblindete Studie, n = 50, E 2b.)239
- Überrepräsentanz von 10R/10R in der Gruppe mit geringem Ansprechen (CGI-S, ADHD-RS), kein Genotypeffekt auf die kognitive Besserung (Kinder und Jugendliche, Frankreich) (Kohortenstudie, n = 141, mit Metaanalyse, N = 475, E 2b.)236
- Responder bei Erwachsenen mit einem 10R-Allel häufiger als bei 10R/10R OR 5,4 (95%-KI 1,4 bis 21,9) bzw. OR 3,8 (95%-KI 1,0 bis 15,2) je nach Responsedefinition (Pharmakogenetische Analyse einer doppelblinden Studie, n = 42, 3 Wochen, E 2b.)228
- (E 2b): 10R mit besserem Ansprechen bei:
- 9R/10R und 10R/10R signifikante Besserung, 9R/9R nicht (Elternurteil, Genotyp × Behandlung p = 0,017), kein Effekt im Lehrerurteil (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 159, 2 Wochen, E 2b.)240
- 10R-Allel häufiger bei Respondern (retrospektive Elternbeurteilung, irische Kinder, χ² = 7,918, p = 0,005) (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 119, E 3.)241
- linksseitige Unaufmerksamkeit (Landmark-Test) sagte die Übertragung des 10R-Allels vorher und fand sich bei Kindern mit sehr gutem, nicht aber mit schwächerem MPH-Ansprechen (retrospektive Elternbeurteilung) (Familienbasierte Studie, n = 43, E 3.)242
- 10R mit signifikanter Symptombesserung unter MPH, 9R mit Besserung unter Atomoxetin (ostindische Kinder) (Familienbasierte Assoziationsstudie, Volltext für uns nicht einsehbar, E 3.)243
- 9R/9R: keine lineare Besserung bei Dosissteigerung von 18 auf 36 und 54 mg OROS-MPH (abweichende Dosis-Wirkungs-Kurve) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 47, 4 Wochen, E 2b.)244
- (E 2b): kein Zusammenhang mit dem Ansprechen bei:
- Erwachsenen (F(2,100) = 0,04, p = 0,9), auch nicht mit Nebenwirkungen (Pharmakogenetische Analyse zweier RCT, n = 106, 6 Wochen, herstellerfinanziert, E 2b.)245
- Erwachsenen für 3’-VNTR, Int8-VNTR, -839C/T und Haplotypen (30 Tage unretardiertes MPH) (Naturalistische Studie, n = 171, E 2b.)246
- brasilianischen Kindern, auch nicht mit Nebenwirkungen (Naturalistische Studie, n = 111, 1 Monat, E 2b.)247
- niederländischen Geschwisterpaaren (10R/10R) (Geschwisterstudie, n = 82 aus 54 Familien, E 3.)210
- retrospektiver Elternangabe in einer Zwillingsstichprobe (Zwillingsstudie, N = 243, E 3.)248
- Kindern und Jugendlichen unter MPH und Atomoxetin nach Dosisoptimierung. DAT1 9R/9R sprach nur auf steigende Atomoxetin-Dosen nicht an, für MPH zeigte sich lediglich ein Trend der Modifikation der Zeit-Wirkungs-Beziehung durch den CYP2D6-Phänotyp (p = 0,044). Die meisten Kinder sprachen auf beide Wirkstoffe an, sodass die Autoren der Genotypisierung wenig klinischen Nutzen zuschrieben. (Pharmakogenetische Analyse eines doppelblinden Crossover-RCT, n = 199, E 2b.)249
- neurophysiologischen Wirkungen von MPH:
- höhere regionale Hirndurchblutung (SPECT) medial frontal und in den linken Basalganglien unter MPH bei 10R/10R (n = 4) als ohne 10R/10R (n = 4, p unter 0,05, nur Responder) (Pilotstudie, n = 8, E 2b.)250
- Zunahme der kortikalen Kurzintervall-Inhibition (SICI, TMS) durch MPH und Atomoxetin nur bei 10R-Heterozygoten, nicht bei 10R/10R (F(2,13) = 13,04, p = 0,0008) (Randomisierte doppelblinde Crossoverstudie, n = 16, Einzeldosis, herstellerfinanziert, E 2b.)251
- 10R/10R: schlechtere Vigilanzleistung, unter MPH mehr zentrale und parietale Beta-Aktivität, weniger rechts frontale Theta-Aktivität und niedrigeres Theta/Beta-Verhältnis, 9R-Träger umgekehrt (Doppelblinde placebokontrollierte Einzeldosisstudie, n = 27, E 2b.)252
- 10R/10R zusammen mit DRD4-7R: geringere Veränderung der DAT-Bindung in Caudatum und Putamen nach 3 Wochen MPH (Jugendliche mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung, R² 0,50 bis 0,56) (SPECT-Studie, n = 17, 3 Wochen, E 2b.)253
- Metaanalysen:
- DAT1-Promotor-Methylierung: geringere Methylierung mit stärkerer Besserung im SNAP-IV gesamt (rho = 0,222, p = 0,019), vor allem der oppositionellen (rho = 0,242, p = 0,012) und hyperaktiv-impulsiven Symptome (rho = 0,192, p = 0,045), nicht der Unaufmerksamkeit (chinesische Kinder, 6 Wochen MPH) (Offene Kohortenstudie, n = 111, 6 Wochen, E 2b.)254
- rs28363170 Fehlen von 10R Allelen:
-
rs2550948 G: Verstärktes Ansprechen (CGI-S) (Kohortenstudie, n = 208, 12 Monate, E 2b)255
2.2.3. Serotonintransporter-Gen (SLC6A4)
Wissenschaftlich: Polymorphismen des Serotonintransporter-Gens SLC6A4 und MPH-Wirkung
- SLC6A4 - Serotonintransporter-Gen
- 5HTTLPR L/L (also DRD4 7R carriers) Geringere Symptomverbesserung (CGAS) (Klinische Studie, E 2b)256
- 5HTTLPR L Geringere Mathe-Werte (PERMP) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 82, E 2b)217
- 5HTTLPR L/L Abnehmende vegetative Symptome (Schlafprobleme und Appetitlosigkeit) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 82, E 2b)217
- 5HTTLPR L Vermehrtes Nägelkauen (Offene Kohortenstudie, n = 114, 8 Wochen, E 2b)257
- 5HTTLPR L Vermehrte Tics (Offene Kohortenstudie, n = 114, 8 Wochen, E 2b)257
- 17-bp VNTR Lack of 12R allele Geringere Symptomverbesserung (ADHD-RS) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 82, E 2b)217
- 17-bp VNTR 12R/12R Verringerte Ansprechrate (CGI-I und ABC-Subskala für Hyperaktivität, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 64, E 2b.)258
- 5HTTLPR s’/s’ (niedrig exprimierende Allele S und LG): gutes Ansprechen auf Placebo ohne zusätzlichen Nutzen durch MPH (Elternurteil, Genotyp × Behandlung), kein Effekt im Lehrerurteil (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 157, 2 Wochen, E 2b.)259
- (E 2b): 5HTTLPR: kein Zusammenhang mit dem Ansprechen (Naturalistische Studie, n = 111, 1 Monat, E 2b.)247 (Zwillingsstudie, N = 243, E 3.)248
2.3. Rezeptor-Gene beeinflussen Wirkung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Rezeptoren sind Andockstellen, über die Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin oder Serotonin auf Nervenzellen wirken. Untersucht wurden vor allem die Gene der Dopaminrezeptoren (DRD1 bis DRD4), des Alpha-2A-Adrenozeptors (ADRA2A), an dem Noradrenalin wirkt, des Glucocorticoidrezeptors (NR3C1), an dem das Stresshormon Cortisol wirkt, sowie einiger Serotonin- und Acetylcholinrezeptoren.
Für das Dopaminrezeptor-Gen DRD4 liegen die meisten Studien vor, mit uneinheitlichen Ergebnissen. Varianten von DRD1, DRD3 und DRD4 gingen in einer Studie bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung und Hyperaktivität mit besserem Ansprechen einher, diese Befunde hielten einer Korrektur für viele gleichzeitige Tests nicht stand. Varianten von DRD2 hingen mit unerwünschten Wirkungen und der Appetitminderung zusammen.
Beim ADRA2A-Gen ging eine Variante (rs1800544 G) in mehreren Studien und in einer Metaanalyse mit besserem Ansprechen, vor allem bei der Unaufmerksamkeit, einher. Eine andere Variante war mit einem höheren diastolischen Blutdruck verbunden.
Ein Haplotyp des Glucocorticoidrezeptor-Gens war in einer Studie mit dem Ansprechen assoziiert. Serotoninrezeptor-Gene (HTR1B, HTR2A) und ein Acetylcholinrezeptor-Gen (CHRNA4) zeigten keinen Zusammenhang.
Die Befunde reichen nicht aus, um das Ansprechen auf MPH im Einzelfall vorherzusagen.
2.3.1. Dopaminrezeptor-Gene
Bedeutung für Betroffene
Am häufigsten untersucht wurde eine Längenvariante des DRD4-Gens, bei der ein Genabschnitt unterschiedlich oft wiederholt ist (z. B. 4R oder 7R). Die Ergebnisse widersprechen sich:
- 4R/4R ging in einer Studie und in einer Metaanalyse mit stärkerem Ansprechen einher.
- 7R war in einzelnen Studien mit besserem Ansprechen verbunden, in anderen mit schwächerem Ansprechen oder mit einer höheren für das Ansprechen erforderlichen Dosis.
- Mehrere Studien fanden keinen Zusammenhang.
Eine Verdopplung im Promotor (Steuerbereich) des DRD4-Gens hing in einer Studie bei Vorschulkindern mit häufigerer Reizbarkeit unter steigender Dosis zusammen. Die Methylierung des DRD4-Promotors stand nicht mit dem Ansprechen in Zusammenhang.
Varianten von DRD1 und DRD3 gingen bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung mit besserem Ansprechen einher. Andere DRD3-Varianten waren mit häufigerem Therapieversagen verbunden. Eine DRD2-Variante ging mit einem höheren Risiko für unerwünschte Wirkungen einher, eine andere mit einer stärkeren Appetitminderung. Bei Kindern mit ADHS nach hoher Alkoholbelastung in der Schwangerschaft beeinflussten DRD2-Varianten die Wirksamkeit nicht.
Bei Mäusen ohne DRD4-Rezeptor veränderte MPH den Hirnstoffwechsel in umgekehrter Richtung als bei Mäusen mit Rezeptor.
Wissenschaftlich: Polymorphismen und Methylierung der Dopaminrezeptor-Gene DRD1 bis DRD4 und MPH-Wirkung
-
DRD1
- rs4867798 G Verstärktes Ansprechen (CGI-I und ABC-Hyperaktivitäts-Subskala, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 64, E 2b.)258
- rs5326 A Erhöhtes Ansprechen (CGI-I und ABC-Hyperaktivitäts-Subskala, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 64, E 2b.)258
-
DRD2
- rs2283265 T (mit MPH-Dosis als Kovariate) Erhöhtes Risiko für eine unerwünschte Wirkung (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
- A2/A2 stärkere dosisabhängige Verringerung der Nahrungsaufnahme durch MPH als A1/A1 und A1/A2 (Pharmakogenetische Analyse eines RCT, n = 58, 9 Wochen, E 2b.)230
- rs1076560, rs1800497: kein Einfluss auf die Wirksamkeit (Kinder mit ADHS nach hoher pränataler Alkoholexposition) (Kohortenstudie, N = 303, n = 114, E 2b.)219
-
DRD3
- rs6280 A/A Erhöhtes Ansprechen (CGI-I- und ABC-Hyperaktivitäts-Subskala, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 64, E 2b.)258
- rs2134655 G-Träger beider SNPs (Haplotyp rs2134655G-rs1800828G) Erhöhtes Therapieversagen (CGI-I) (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
- rs1800828 G-Träger beider SNPs (Haplotyp rs2134655G-rs1800828G) Erhöhtes Therapieversagen (CGI-I) (Pharmakogenetische Kohortenstudie, n = 107, 8 Wochen, E 2b)211
-
DRD4
- 48-bp VNTR
- 4R/4R:
- Fehlen von 4R Allelen: Geringere Verbesserung der hyperaktiv-impulsiven Werte (Vanderbilt ADHD Parent and Teacher Rating Scales) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 89, E 2b)229
- 7R:
- Stärkere Übertragung von 7R (TDT) bei Kindern, die auf MPH ansprachen (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 111 Familien, E 3.)261
- (combined with L/L genotype of SLC6A4 5HTTLPR): Verringertes Ansprechen (CGAS) (Klinische Studie, E 2b)256
- Erhöhte Dosis, die für ein Ansprechen erforderlich ist (Conners’ Global Index-Parent) (Prospektive offene Studie, n = 45, E 2b)262
- 7R/7R: besseres Ansprechen im Elternurteil (Genotyp × Behandlung p = 0,035, Effektstärke 0,014) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 374, 2 Wochen, E 2b.)263
- 7R: Trend zu besserem Ansprechen (niederländische Geschwisterpaare) (Geschwisterstudie, n = 82 aus 54 Familien, E 3.)210
- 7R zusammen mit DAT1 10R/10R: geringere Veränderung der DAT-Bindung in Caudatum und Putamen nach 3 Wochen MPH (Jugendliche mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung) (SPECT-Studie, n = 17, 3 Wochen, E 2b.)253
- 2R: bevorzugte Übertragung von den Eltern auf chinesische Kinder mit ADHS, die auf MPH ansprachen (HRR OR 2,04, einseitig p = 0,038; TDT OR 2,29, einseitig p = 0,048) (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 33 Familien, E 3.)264
- (E 2b): kein Zusammenhang mit dem Ansprechen bei:
- Promotor-Methylierung:
- keine CpG-Stelle mit dem Ansprechen (CGI-I) assoziiert, Interaktion der CpG7-Methylierung mit pränatalem mütterlichem Stress auf die Veränderung der Auslassungsfehler (CPT, p = 0,0001) (Offene Studie, n = 74, 8 Wochen, E 2b.)266
- mittlere DRD4-Methylierung ohne Zusammenhang mit dem Ansprechen (Offene Kohortenstudie, n = 111, 6 Wochen, E 2b.)254
- 48-bp VNTR
-
120-bp promoter duplication
- L/L (240 bp homozygot): Einfluss auf das Ansprechen an der Signifikanzgrenze (Lehrerurteil CLAM-SKAMP, p = 0,05, Richtung nicht berichtet), mit steigender Dosis 4- bis 5-fach häufiger Reizbarkeit (Vorschulkinder) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 81, E 2b.)267
- S/S: Verringertes Ansprechen (CGI-S) (Kohortenstudie, n = 208, 12 Monate, E 2b.)255
-
rs11246226 A/A: Erhöhtes Ansprechen (CGI-I und ABC-Subskala für Hyperaktivität, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung) (Pharmakogenetische Analyse eines Crossover-RCT, n = 64, E 2b.)258
-
Knockout (Mäuse): MPH (10 mg/kg i.p.) erhöhte bei D4-Knockout-Mäusen den Glukosestoffwechsel im PFC und senkte ihn im Kleinhirnwurm, bei Wildtyp- und heterozygoten Mäusen umgekehrt. D4-Knockout-Mäuse hatten basal einen niedrigeren Stoffwechsel im PFC und einen höheren im Kleinhirnwurm. (Tierstudie, n = 24, Mäuse, E 2b.)268
2.3.2. Adrenozeptor-, Glucocorticoidrezeptor-, Serotoninrezeptor- und Acetylcholinrezeptor-Gene
Wissenschaftlich: Polymorphismen von ADRA2A, NR3C1, HTR1B, HTR2A und CHRNA4 und MPH-Wirkung
- ADRA2A - Adrenozeptor Alpha 2 A - Gen
- NR3C1 - Glucocorticoidrezeptor-Gen
- Haplotyp G:A:G:G (ER22/23EK, N363S, BclI, A3669G): Assoziation mit dem Ansprechen (Conners-Lehrerurteil, RASS), Mineralocorticoidrezeptor-Gen NR3C2 ohne Zusammenhang (Familienbasierte Assoziationsstudie mit 2-wöchigem doppelblindem placebokontrolliertem MPH-Test, n = 377 Familien, E 2b.)270
- HTR1B, HTR2A - Serotoninrezeptor-Gene: kein Zusammenhang mit dem Ansprechen (Naturalistische Studie, n = 111, 1 Monat, E 2b.)247
- CHRNA4 - Gen der Alpha-4-Untereinheit des nikotinischen Acetylcholinrezeptors (rs1044396, rs6090384): kein Zusammenhang mit dem Ansprechen (Zwillingsstudie, N = 243, E 3.)248
2.4. Gene zur Neurotransmitter-Freisetzung beeinflussen Wirkung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Untersucht wurden Gene für Eiweiße, die an der Freisetzung von Botenstoffen aus der Nervenzelle beteiligt sind, vor allem SNAP25.
Zu SNAP25 widersprechen sich die Studien. Eine Studie fand bei der Variante rs3746544 T/T ein besseres Ansprechen, eine andere bei derselben Variante ein schwächeres Ansprechen. Bei Vorschulkindern gingen bestimmte SNAP25-Varianten mit einem 2- bis 3-fach höheren Risiko für Reizbarkeit und Schlafprobleme bzw. einem 2- bis 4-fach höheren Risiko für Tics und andere unwillkürliche Bewegungen einher. Weitere SNAP25-Varianten hingen in kleinen Studien mit Veränderungen der Hirnaktivität und des Hirnstoffwechsels nach MPH zusammen.
Bei Gesunden ging eine Variante des AKT1-Gens mit einer stärkeren Dopaminfreisetzung im ventralen Striatum (einem Teil des Belohnungssystems) nach MPH einher.
Bei Erwachsenen mit ADHS war eine Variante des Synaptotagmin-1-Gens (SYT1) mit besserem Kurzzeitansprechen und längerer Behandlungsdauer verbunden. Gengruppen zur Botenstofffreisetzung, die aus einer Rattenstudie abgeleitet wurden, zeigten bei Erwachsenen nur eine schwache (nominale) Assoziation mit dem Ansprechen.
Wissenschaftlich: Polymorphismen von SNAP25, AKT1, SYT1 und Gensets zur Neurotransmitterfreisetzung und MPH-Wirkung
-
SNAP25
- rs3746544 T/T
- rs3746544 G: 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko für Reizbarkeit und Schlafprobleme (Vorschulkinder) (Pharmakogenetische Analyse eines placebokontrollierten Crossover-RCT, n = 81, E 2b.)267
- rs1051312 C (Pharmakogenetische Analyse eines placebokontrollierten Crossover-RCT, n = 81, E 2b.)267
- 2- bis 4-fach erhöhtes Risiko für motorische Tics
- 2- bis 4-fach erhöhtes Risiko für bukkal-linguale Bewegungen
- erhöhtes Risiko für Zupfen/Beißen (grenzwertig, p = 0,05)
-
AKT1
- intron 3 VNTR: Erhöhte DA-Freisetzung im ventralen Striatum nach intravenösem MPH bei Gesunden (H/H stärker als H/L, H/L stärker als L/L, keine DA-Erhöhung in Caudatum und Putamen) (PET-Studie, Gesunde, N = 91, n = 54, E 2b.)272
-
DdeI- und MnlI-Polymorphismen:
- MnlI T/T: Anstieg von oxy-Hb im DLPFC (fNIRS), bessere Go/No-Go-Genauigkeit und signifikante SNAP-IV-Reduktion nach 4 Wochen MPH, G-Träger ohne signifikante Veränderung (Offene Studie, n = 38, 4 Wochen, E 2b.)273
- DdeI T/T und MnlI G/G: signifikanter NAA-Anstieg im ACC 30 Minuten nach 10 mg MPH (Erwachsene, MRS) (MRS-Studie, n = 60, Einzeldosis, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)274
- Genotypkombinationen bestimmten die Richtung der rechts präfrontalen HHb-Änderung nach 10 mg MPH (DdeI C/C oder T/C mit MnlI G/G oder T/G: Anstieg, DdeI T/T: Abnahme) (Crossover-Einzeldosisstudie, n = 31 (15 Erwachsene, 16 Kinder), E 2b.)275
-
SYT1 - Synaptotagmin-1-Gen
- rs2251214 A-Träger: besseres Kurzzeitansprechen auf unretardiertes MPH (p = 0,006, PFDR = 0,028), stärkere Abnahme von Unaufmerksamkeit und oppositionellen Symptomen, längere Behandlungspersistenz (Erwachsene, Nachbeobachtung bis 7 Jahre) (Naturalistische Kohortenstudie, N = 433, n = 272, E 2b.)276
-
Gensets zu Neurotransmitterfreisetzung und GABA-Transmission: nominale Assoziation mit dem Ansprechen bei Erwachsenen, abgeleitet aus 98 durch MPH (2 mg/kg, 2 Wochen) veränderten Proteinen im Rattencortex (Tierstudie, Ratten, n = 6 je Gruppe, mit pharmakogenomischer Analyse, n = 189, E 2b.)277
2.5. Gene zur Neuronale Plastizität und Synaptische Effektorenbeeinflussen Wirkung von MPH
Bedeutung für Betroffene
Untersucht wurden Gene, die an der Anpassungsfähigkeit von Nervenverbindungen (neuronale Plastizität) und an der Signalübertragung zwischen Nervenzellen beteiligt sind.
Am meisten Studien liegen zum Latrophilin-3-Gen (ADGRL3, LPHN3) vor, das zugleich als ADHS-Risikogen bestätigt ist. Mehrere Varianten hingen mit dem Ansprechen auf MPH zusammen, teils mit besserem, teils mit schwächerem Ansprechen. In einer Studie zeigten sich diese Zusammenhänge vor allem bei Kindern, deren Mütter in der Schwangerschaft wenig Stress hatten. In einer anderen Studie waren die Angaben zur Richtung einer Variante in der Studie selbst widersprüchlich. Bei zwei Kopien einer bestimmten Variantenkombination setzte die Wirkung in einer Studie schneller ein, ein insgesamt stärkeres Ansprechen wurde nicht berichtet.
Weitere Gene wurden jeweils in einzelnen Studien untersucht:
- eine Variante des Wachstumsfaktor-Gens BDNF mit besserem Ansprechen
- eine Variante des Neurotrophin-3-Gens (NTF3) mit mehr Emotionalität, Neigung zum Weinen, Überfokussierung und Nägelkauen unter MPH
- eine Variante des Glutamatrezeptor-Gens GRM7 mit besserem Ansprechen, in einer genomweiten Studie nur als Hinweis ohne genomweite Signifikanz
- eine Variante des NMDA-Rezeptor-Gens GRIN2B mit besserer Wirkung auf die Unaufmerksamkeit
Diese Einzelbefunde sind bisher nicht ausreichend bestätigt, um das Ansprechen auf MPH vorherzusagen.
Wissenschaftlich: Polymorphismen von ADGRL3, BDNF, NTF3, GRM7 und GRIN2B und MPH-Wirkung
-
ADGRL3 - Latrophilin 3 (LPHN3) - Gen
- rs6858066 AAG Haplotyp: Verringertes Ansprechen (CGI-I) bei geringem Stress der Mutter in der Schwangerschaft (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 380 Familien, E 2b.)278
- rs1947274 AAG Haplotyp: Verringertes Ansprechen (CGI-I) bei geringem Stress der Mutter in der Schwangerschaft (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 380 Familien, E 2b.)278
- rs6551665 GCA Haplotyp: Verstärktes Ansprechen (CGI-I) bei geringem Stress der Mutter in der Schwangerschaft (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 380 Familien, E 2b.)278
- rs1947274 GCA Haplotyp: Verstärktes Ansprechen (CGI-I) bei geringem Stress der Mutter in der Schwangerschaft (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 380 Familien, E 2b.)278
- rs6858066 GCA Haplotyp: Verstärktes Ansprechen (CGI-I) bei geringem Stress der Mutter in der Schwangerschaft (Familienbasierte Assoziationsstudie, n = 380 Familien, E 2b.)278
- rs6551665 G: Verringertes Ansprechen (RAST und Aktigraphie, OR 0,54 für gutes Ansprechen) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 416, E 2b.)279
- rs1947274 C: Abgeschwächtes Ansprechen (RAST und Aktigraphie, OR 0,54 für gutes Ansprechen) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 416, E 2b.)279
- rs2345039 G: Verringertes Ansprechen (RAST und Aktigraphie, OR 0,43 für gutes Ansprechen) (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 416, E 2b.)279
- rs6858066 G: Erhöhtes Ansprechen (RAST und Aktigraphie, OR 1,80 für gutes Ansprechen), im Fließtext der Studie dagegen als verringerte Chance auf gutes Ansprechen beschrieben (Doppelblinde placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 416, E 2b.)279
- rs6813183 CGC Haplotyp (homozygot):
- rs1355368 CGC Haplotyp: Schnelleres Ansprechen bei Homozygotie (SNAP-IV Eltern) (Naturalistische Kohortenstudie, N = 655, n = 172, 3 Monate, E 2b.)280
- rs1868790 A/A Verringertes Ansprechen (CGI-S) (Prospektive Beobachtungsstudie, n = 208, 12 Monate, E 2b)255
- LPHN3-Varianten (u. a. rs6551665): Assoziation mit dem Ansprechen auf Stimulanzien in einer pharmakogenetischen Teilstudie (Kinder, Stimulanzien-Ansprechen nach SWAN), zugleich als ADHS-Risikogen bestätigt (2.627 Fälle, 2.531 Kontrollen) (Kopplungs- und Assoziationsstudie mit pharmakogenetischer Teilstudie, n = 240, E 2b.)281
-
BDNF - Brain derived neurotrophic factor - Gen (Wachstumsfaktor)
- rs6265 G/G Erhöhte Reaktion (CGI-S) (Offene Studie, n = 102, 12 Wochen, E 2b)282
-
NTF3 - Neurotrophin-3 - Gen
-
GRM7 - Metabotroper Glutamatrezeptor 7-Gen
-
GRIN2B - Glutamat [NMDA]-Rezeptor-Subtyp epsilon-2 (auch N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Subtyp 2B) - Gen
- rs2284411 C/C Verbesserte Reaktion (ADHD-RS unaufmerksam, CGI-I) (Klinische Studie, n = 75, 6 Monate, E 2b)285
3. Therapeutischer Referenzbereich, Pharmakokinetik
Bedeutung für Betroffene
Der therapeutische Referenzbereich gibt an, welche Konzentration von MPH im Blut bei wirksamen Dosen typischerweise gemessen wird. Eine Konsensusleitlinie nannte für Kinder und Jugendliche 6 bis 26 ng/ml und für Erwachsene 12 bis 79 ng/ml. Eine neuere Auswertung derselben Arbeitsgruppe ergab für Kinder und Jugendliche, die auf MPH ansprachen, einen niedrigeren Bereich. Solche Bereiche sind statistische Werte aus Bevölkerungsgruppen und lassen sich nicht unmittelbar auf jeden Einzelnen übertragen. Der persönlich passende Spiegel kann z. B. bestimmt werden, indem nach Finden der individuell optimalen Dosis der Blutspiegel gemessen wird.
Ob der Blutspiegel die Wirkung besser vorhersagt als die Dosis, wird unterschiedlich beurteilt. Ein Review fand, dass die Wirkung mit der Dosis, besser mit dem Blutspiegel und noch besser mit der Belegung der Dopamintransporter im Gehirn zusammenhängt. Ein anderer Review hielt die Messung des Blutspiegels wegen der großen Unterschiede zwischen Personen für klinisch nicht nützlich. Die Konzentration von MPH im Blut unterschied sich zwischen Personen bei gleicher Dosis erheblich (in einer Studie bis um das 25-Fache), blieb bei derselben Person aber stabil.
Die höchste Konzentration im Blut wurde nach etwa 2 Stunden erreicht. Die Leitlinie nennt eine Halbwertszeit von 2 Stunden, einzelne Studien fanden längere Werte. Nur ein Teil des eingenommenen MPH gelangt in den Blutkreislauf, bei Kindern 11 bis 53 %. Das zirkulierende MPH lag in neueren Messungen fast vollständig als D-MPH vor.
Einzelne Studien fanden, dass die Blutkonzentration bei höheren Dosen überproportional anstieg. Betroffene berichten dennoch recht übereinstimmend, dass die Wirkdauer bei verschiedenen Dosishöhen gleich bleibt.
3.1. Therapeutischer Referenzbereich
Bedeutung für Betroffene
Für MPH nannte eine Konsensusleitlinie Blutspiegel von 6 bis 26 ng/ml bei Kindern und Jugendlichen und von 12 bis 79 ng/ml bei Erwachsenen, gemessen 2 Stunden nach einer nicht retardierten bzw. 4 bis 6 Stunden nach einer retardierten Dosis. Für Dexmethylphenidat lag der Bereich bei 13 bis 23 ng/ml. Als Warnschwelle für das Labor wurden 50 ng/ml (MPH) bzw. 44 ng/ml (Dexmethylphenidat) genannt. Kinder und Erwachsene zeigten bei gleicher Dosis je Kilogramm Körpergewicht im Wesentlichen gleiche Werte.
Eine Auswertung von Studien bei Kindern und Jugendlichen, die auf MPH ansprachen, ergab einen vorläufigen Bereich, der niedriger lag als der der Leitlinie.
Diese Bereiche sind statistische Werte und gelten nicht für jeden Einzelnen. Der persönliche Zielbereich kann ermittelt werden, indem der Blutspiegel gemessen wird, nachdem die individuell optimale Dosis gefunden ist.
Als therapeutischer Referenzbereich (Cmax-Bereiche therapeutisch effektiver Dosen) wurde angegeben:
-
Methylphenidat: (Zusammenfassung einer Konsensusleitlinie, E 4)286
- Kinder und Jugendliche:
- 6 bis 26 ng/ml, 2 Stunden nach Einnahme von 20 mg IR- oder 4 bis 6 Stunden nach Einnahme von 40 mg XR-Formulierung
- Erwachsene:
- 12 bis 79 ng/ml, 2 Stunden nach Einnahme von 20 mg IR- oder 4 bis 6 Stunden nach Einnahme von 40 mg XR-Formulierung
- Halbwertszeit: 2 h
- Laborwert-Warnschwelle: 50 ng/ml
- Bei 0,3 mg/kg zeigten Kinder und Erwachsene im Wesentlichen gleiche pharmakokinetische Parameter (Pharmakokinetikstudie, Mensch, Ratte, Affe, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)287
- Kinder und Jugendliche:
-
Dexmethylphenidat: (Zusammenfassung einer Konsensusleitlinie, E 4)286
- 13 bis 23 ng/ml, 4 Stunden nach Einnahme von 20 mg
- Halbwertszeit: 2 h
- Laborwert-Warnschwelle: 44 ng/ml
Als vorläufiger therapeutischer Referenzbereich für Methylphenidat im Blut von Kindern und Jugendlichen mit ADHS, die auf die Behandlung ansprachen, ergab sich: (Systematischer Review mit Metaanalyse, k = 27, davon k = 10 zur Bereichsberechnung, E 2b.)288
- 1,1 bis 16,6 ng/ml nach Mittelwert ± Standardabweichung der maximalen Konzentration (8,8 ± 7,7 ng/ml)
- 7,2 bis 11,3 ng/ml nach 25./75. Perzentile
Die Wirkung von MPH auf die ADHS-Symptomatik korreliert gut mit der Dosis, besser mit dem Plasmaspiegel und noch besser mit der DAT-Belegung im Gehirn. (Narrativer Review, E 4.)289 Die angegebenen therapeutischen Referenzbereiche sind bevölkerungsbezogene statistische Werte, die nicht 1:1 auf alle Patienten übertragbar sind. Für eine Vermessung der Neuropsychopharmakotherapie müsste daher der individuelle therapeutische Konzentrationsbereich des jeweils Betroffenen identifiziert werden. Hierzu kann beispielsweise der Blutspiegel nach Ermittlung der passenden Dosis für die individuell optimale Besserung gemessen werden. (Zusammenfassung einer Konsensusleitlinie, E 4)286
3.2. Dosisabhängigkeit der Pharmakokinetik
Bedeutung für Betroffene
Einzelne Studien fanden, dass die Menge an MPH im Blut bei höheren Dosen stärker anstieg, als es der Dosissteigerung entsprach. Dies zeigte sich bei Hunden, bei Ratten und bei 5 Personen, darunter ein Patient mit Narkolepsie, bei dem eine Verdopplung der Dosis die Blutmenge an D-MPH um das 7-Fache erhöhte. Die Halbwertszeit blieb dabei gleich. Die Ausscheidung über den Urin blieb relativ konstant, was gegen eine veränderte Aufnahme im Darm spricht. Als mögliche Ursache wurde eine Sättigung des Abbaus vor Erreichen des Blutkreislaufs genannt. Da die Daten nur auf Tierstudien und wenigen Personen beruhen, ist der Befund unsicher.
Betroffene berichten recht übereinstimmend, dass die Wirkdauer von MPH-Präparaten bei verschiedenen Dosishöhen konstant ist.
Einzelne Studien fanden eine nicht lineare Pharmakokinetik von Methylphenidat. Ausgehend von der AUC war die Plasmaexposition von D-MPH bei Hunden überproportional zur Dosis. (Tierstudie, Hunde, 13 Wochen, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)290 Bei einem Patienten mit Narkolepsie bewirkte eine Dosiserhöhung von 20 auf 40 mg trotz konstanter Eliminationshalbwertszeit (2,6 bis 2,7 h) einen 3-fachen Abfall der oralen Clearance und eine 7-fache Erhöhung der AUC von d-MPH. Bei 4 Gesunden fand sich eine ähnliche Dosisabhängigkeit (10 bis 60 mg). (Pharmakokinetikstudie, n = 5, E 2b.)291 Die mittleren Gesamtausscheidungsraten (Summe der Enantiomere von Methylphenidat und seines Metaboliten Ritalinsäure im Urin) blieben jedoch relativ konstant (63 bis 78 % der Dosen), was darauf hindeutet, dass die dosisabhängigen AUC-Änderungen nicht auf einer Änderung der intestinalen MPH-Absorption beruhen könnten. Dies könnte Folge einer Sättigung der präsystemischen Elimination sein. (Pharmakokinetikstudie, n = 5, E 2b.)291
Dennoch berichten Betroffene recht übereinstimmend, dass die Wirkdauer von MPH-Präparaten bei verschiedenen Dosishöhen konstant ist. (Erfahrung ADxS)
Wissenschaftlich: Dosisabhängige Kinetik der MPH-Enantiomere bei Ratten
Bei Ratten stieg die AUC beider Enantiomere nach oraler Gabe ab über 2 mg/kg überproportional, die Gesamtclearance sank mit steigender Dosis. Nach intravenöser Gabe (0,5 bis 5 mg/kg) fand sich keine Dosisabhängigkeit. Ursache war vermutlich eine Sättigung der präsystemischen Elimination. (Tierstudie, Ratten, E 2b.)292
3.3. Pharmakokinetische Kennwerte
Bedeutung für Betroffene
Die höchste Konzentration von MPH im Blut wurde etwa 2 Stunden nach Einnahme erreicht. MPH besteht aus zwei spiegelbildlichen Formen, D-MPH und L-MPH. D-MPH wurde in einer Studie langsamer ausgeschieden (Halbwertszeit etwa 5 bis 6 Stunden) als L-MPH (etwa 4 Stunden). Bei Kindern und Jugendlichen ergab ein Rechenmodell eine Halbwertszeit von 4,5 Stunden.
Nur ein Teil des eingenommenen MPH gelangt in den Blutkreislauf, bei Kindern 11 bis 53 %, bei D-MPH etwa 22 %, bei L-MPH etwa 5 %. Neuere Messungen fanden im Blut fast ausschließlich D-MPH.
Ein Review nannte als Untergrenze wirksamer Dosen eine Konzentration von 6 ng/ml, die etwa 0,25 mg/kg MPH und einer Blockade von 50 % der Dopamintransporter entspricht. In einer Studie stimmte das Wirkmaximum zeitlich mit dem höchsten Blutspiegel überein, und die Wirkdauer stieg mit der Dosis. Dies weicht von der Erfahrung von Betroffenen ab, wonach die Wirkdauer bei verschiedenen Dosishöhen konstant ist.
Wissenschaftlich: Cmax, Tmax, Halbwertszeit, Clearance und Bioverfügbarkeit von MPH und seinen Enantiomeren
Maximale Plasmakonzentration, Cmax
- l-Methylphenidat (Randomisierte Crossoverstudie, n = 11, E 2b)293
- 40 mg oral unretardiert: 2,98 ng/ml
- 40 mg oral retardiert: 1,85 ng/ml
Zeitpunkt der maximalen Plasmakonzentration, Tmax
- dl-Methylphenidat (Pharmakokinetikstudie, Mensch, Ratte, Affe, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b)287
- 0,15 mg / kg, oral: 2,2 Stunden (± 0,4)
- 0,3 mg / kg, oral: 2,1 Stunden (± 0,3)
Eliminationshalbwertszeit
- d-Methylphenidat (Randomisierte Crossoverstudie, n = 11, E 2b)293
- 10 mg intravenös: 5,96 Stunden (± 1,7)
- 40 mg oral unretardiert: 5,69 Stunden (± 1,1)
- 40 mg oral retardiert: 5,04 Stunden (± 0,7)
- l-Methylphenidat (Randomisierte Crossoverstudie, n = 11, E 2b)293
- 10 mg intravenös: 3,61 Stunden (± 1,1)
- 40 mg oral unretardiert: 3,93 Stunden (± 0,8)
- 40 mg oral retardiert: 3,88 Stunden (± 0,6)
- dl-Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen (5 bis 18 Jahre, klinische Responder) (Populationspharmakokinetische Studie, n = 273, E 2b.)294
- Populationsmodell aus Einzelspiegeln unter Behandlung (im Mittel 25 bzw. 39,3 mg/Tag): 4,5 Stunden (95%-KI 3,1 bis 8,1)
Die scheinbare Clearance betrug bei Kindern und Jugendlichen 90,7 ml/min/kg (95%-KI 74,6 bis 106,7). Das Modell aus Dosis, Einnahmeschema, Körpergewicht und Abnahmezeitpunkt erklärte 43 % der Varianz der Plasmaspiegel. (Populationspharmakokinetische Studie, n = 273, E 2b.)294
Absolute orale Bioverfügbarkeit
- dl-Methylphenidat bei Kindern: 11 bis 53 % (Narrativer Review, E 4.)295
- d-Methylphenidat: 22 % (± 8) (Pharmakokinetikstudien, n = 23, E 2b.)296
- l-Methylphenidat: 5 % (± 3) (Pharmakokinetikstudien, n = 23, E 2b.)296
Ältere gaschromatografische Bestimmungen unterschätzten den Anteil von D-MPH am zirkulierenden MPH wohl methodisch bedingt. Neuere flüssigchromatografische Messungen fanden etwa 99 % als D-MPH. Eine getrennte Messung beider Enantiomere hielten die Autoren nur bei transdermaler Gabe, CES1-Hemmung (z. B. durch Alkohol) oder missbräuchlicher intravenöser bzw. nasaler Einnahme für erforderlich. (Kommentar, E 4.)297
Therapeutisch wirksame MPH-Dosen erreichten nach einem Review mindestens 6 ng/ml Plasmakonzentration, entsprechend etwa 0,25 mg/kg MPH und einer Blockade von 50 % der DAT. (Narrativer Review, E 4.)295
Die Wirkung von D-MPH und Racemat auf ADHS-Symptome und Rechenleistung korrelierte hoch mit der D-MPH-Plasmakonzentration, mit zeitgleichem Wirkmaximum und Plasmaspitzenspiegel. Die Wirkdauer stieg mit der Dosis (5 mg D-MPH bzw. 10 mg Racemat etwa 4 Stunden). (Doppelblinde randomisierte placebokontrollierte Crossoverstudie, N = 32, n = 31, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 1b.)298
3.4. Plasmaspiegel, Wirkung und DAT-Belegung
Bedeutung für Betroffene
Mehrere Studien fanden einen Zusammenhang zwischen dem Blutspiegel von MPH und seiner Wirkung. Bei Kindern hing der Blutspiegel mit der Dosis und mit der Besserung des Sozialverhaltens zusammen, nicht mit der geistigen Leistung. Bei Erwachsenen mit ADHS gingen höhere Blutspiegel mit einer Besserung von Konzentration, Anspannung und Impulsivität einher. Eine kleine Studie bei Kindern fand dagegen höhere Blutspiegel bei Kindern, die nicht ansprachen. Blutspiegel und Wirkung erreichten ihr Maximum nach 1 bis 3 Stunden.
Die Blutspiegel unterschieden sich zwischen Personen stark, in einer Studie bei gleicher Dosis um bis zum 25-Fachen, blieben bei derselben Person aber stabil. Bei Kindern und Jugendlichen hing der Spiegel nur mäßig mit der Dosis zusammen. Im Speichel lag MPH etwa 5-fach höher als im Blut, mit großen Unterschieden zwischen Personen.
Ein Review hielt die Messung des Blutspiegels wegen der großen Unterschiede im Ansprechen für klinisch nicht nützlich und das Körpergewicht für nicht geeignet, die Dosis festzulegen. Ein anderer Review hielt offen, ob die Unterschiede im Dosis-Wirkungs-Verhältnis eher auf Aufnahme und Abbau oder auf die Wirkung im Gehirn zurückgehen.
Bei Gesunden hing der Anteil der durch MPH blockierten Dopamintransporter im Gehirn mit dem Blutspiegel zusammen. Ein Unterschied von 1,4 ng/ml entsprach etwa 10 % mehr blockierten Transportern.
(E 1b): Plasmaspiegel und Wirkung von MPH hingen zusammen bei:
- Kindern: Der Plasmaspiegel korrelierte signifikant mit der Dosis und mit der Besserung des Sozialverhaltens (Lehrer- und Elternurteil), nicht mit der kognitiven Leistung. 1,0 mg/kg 2-mal täglich führte bei 5 von 25 Kindern zum Abbruch wegen Nebenwirkungen. (Kontrollierte Studie mit festen Dosisstufen, n = 25, 5 Wochen, E 2a.)299
- gesunden Älteren: Eine höhere Plasma-AUC nach 20 mg MPH korrelierte mit stärkerer Aktivierung in motorischem und prämotorischem Cortex, temporoparietalem Cortex und Nucleus caudatus bei der schwierigen Aufgabe (fMRT) bei erheblicher interindividueller Variabilität der Pharmakokinetik. (Randomisierte placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 12, Einzeldosis, E 1b.)300
- Erwachsenen mit ADHS nach akuter MPH-Gabe: höhere Plasmaspiegel bei Besserung von Konzentration, Anspannung und Impulsivität (p = 0,001 bis 0,004) (Prospektive Challenge-Studie, n = 71, Einzeldosis, E 2b.)124
- Kindern mit ADHS, aber umgekehrt: höhere Plasmaspiegel von D- und L-threo-MPH bei Nonrespondern (P3-Kriterium) (Placebokontrollierte Crossoverstudie, n = 12, Einzeldosis, E 2b.)167
- Kindern im Populations-PK/PD-Modell eines retardierten MPH-Schmelztabletten-Präparats: maximale Reduktion im SKAMP-Combined-Score etwa 38 Punkte, EC50 14,24 ng/ml, effektive Dosis direkt korreliert mit dem Körpergewicht (Populations-PK/PD-Modellierung, herstellerfinanziert, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)301
- Kindern im Populations-PD-Modell: Konzentrationsverläufe Erwachsener sagten pädiatrische Wirkverläufe verschiedener retardierter Präparate vorher (Emax-Modell mit zeitabhängiger Toleranz) (Modellierende Metaanalyse, k = 9, Autor(en) bei Hersteller angestellt, E 2b.)302
Plasmaspiegel und Verhaltenswirkung von MPH erreichten ihr Maximum nach 1 bis 3 Stunden, die maximale Verhaltenswirkung trat bei steigendem Plasmaspiegel auf. Wegen der hohen Variabilität des Ansprechens hielt ein Review die Bestimmung des Plasmaspiegels für klinisch nicht nützlich und das Körpergewicht für nicht dosisleitend. (Narrativer Review, E 4.)303 Ein weiterer Review fand eine ausgeprägte interindividuelle Variabilität der Dosis-Wirkungs-Beziehung, bei der unklar blieb, ob sie überwiegend pharmakokinetisch oder pharmakodynamisch bedingt ist. Ein Drug-Monitoring würde wegen der stereoselektiven Clearance eine chirale Analytik für d-MPH erfordern. (Narrativer Review, E 4.)304
Die MPH-Konzentration variierte zwischen Personen bei:
- 25-fach unterschiedlicher d-MPH-Konzentration je Dosis zwischen Personen bei intraindividueller Stabilität (Erwachsene mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung, 30 bis 600 mg/Tag, Median 160 mg). Bei 12 Personen machte L-MPH bis zu 48 % der Gesamtkonzentration aus (bei niedriger CES1-Aktivität). Das nicht enantioselektive Verhältnis Ritalinsäure/MPH korrelierte eng mit dem d-Verhältnis (rs = 0,94) und eignete sich als Marker der CES1-Aktivität. (Pharmakokinetikstudie, n = 28, E 2b.)305
- einem interindividuellen Variationskoeffizienten des Speichel/Serum-Verhältnisses von 122 % bei intraindividuellem Tages-Variationskoeffizienten im Speichel von 27,3 % (11 bis 42 %). MPH lag im Speichel etwa 5-fach höher als im Serum (Korrelation r = 0,51, pH-abhängig r = -0,56). (Klinische Studie, n = 36 (27 Kinder, 9 Erwachsene), E 3.)306
- 0,5 bis 43,4 ng/ml (Mittel 11,6 ± 7,3 ng/ml) bei 0,3 bis 1,3 mg/kg OROS-MPH (6- bis 18-Jährige). Die Korrelation mit der Dosis betrug r = 0,40, 65 % lagen unter 13 ng/ml. Aripiprazol, Risperidon, Fluoxetin und Sertralin beeinflussten den Spiegel nicht. (Retrospektive Querschnittsstudie, n = 100, E 3.)307
(E 1b): Die DAT-Belegung durch MPH hing mit dem Plasmaspiegel zusammen bei:
- Gesunden 10 Stunden nach 36 mg OROS-MPH bzw. 40 mg DBDS-MPH. Die DAT-Belegung betrug 44,3 ± 11,8 % bei d-MPH 5,2 ± 2,0 ng/ml gegenüber 34,8 ± 12,9 % bei 3,8 ± 1,2 ng/ml. Ein Plasmaunterschied von 1,4 ng/ml entsprach etwa 10 % DAT-Belegung. (Randomisierte Crossover-PET-Studie, Gesunde, n = 21, Volltext für uns nicht einsehbar, E 1b.)308
- Gesunden unter retardiertem Dexmethylphenidat (SODAS). Plasmaspiegel und DAT-Belegung waren nach 8 Stunden am höchsten, die DAT-Belegung korrelierte mit der d-MPH-Plasmakonzentration (p unter 0,001). Im rechten Caudatum betrug sie: (PET-Studie, Gesunde, n = 18, Volltext für uns nicht einsehbar, E 2b.)309
- 47 % nach 8 Stunden mit 20 mg
- 46 % nach 12 Stunden mit 40 mg (extrapoliert)
- 42 % nach 10 Stunden mit 30 mg
- juvenilen Rhesusaffen: EC50 der DAT-Belegung 21,5 mg/kg oral (95%-KI 13,00 bis 35,64), nach Angabe der Autoren gegenüber 0,25 mg/kg beim Menschen. Die maximalen Plasmaspiegel reichten von 3,0 ng/ml (5,6 mg/kg) bis 61 ng/ml (32 mg/kg). (Tierstudie, Rhesusaffen, n = 2, E 2b.)310
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